31. Eine heilende Übung (1) – Es ist ganz anders als befürchtet…

Bei Joel – Widerstände vor einer Übung

Zwei Sessel standen sich gegenüber, als Mari Joels Wohnzimmer betrat. 
„Setz dich doch bitte in einen der beiden Sessel“,  bat Joel Mari, und als sie Platz nahm, trat er nahe an sie heran und sagte leise: „Das Spiel beginnt.“

Wie so oft ließ er sich Zeit und schaute Mari erst einmal nur freundlich an. 
Schließlich erklärte er ihr, dass er gleich eine Übung mit ihr machen wolle.
Schon als er das ankündigte, scheute sie in ihren Gefühlen wie ein Pferd vor einem unüberwindlichen Hindernis zurück und fragte spontan: „Muss das sein?“

„Habe ich da eine Frage gehört?“ 

„O jeh, entschuldige bitte, in meinem inneren Dilemma ist mir das gar nicht aufgefallen!“ Mari war erschrocken und erzählte ihrem Meister auf seine Frage nach dem Dilemma, in dem sie sich befand, dass schon der Begriff „Übung“ für sie mit einem unangenehmen Beigeschmack verbunden sei, da sie dabei an das vor kurzem aufgetauchte Thema, das Joel noch mit ihr bearbeiten wollte, dachte: „Demütigungen im Schulsport“.

Der Meister nickte langsam: „Aber ich hab noch gar nicht gesagt, was für eine Übung es sein könnte…“

„Stimmt, entschuldige bitte, ich war in meinen Gedanken darin gefangen. Ich dachte, jetzt käme irgendetwas, was mit Bewegung und Körper und Sport und so zu tun hat wegen unseres Gespräches von neulich und deiner Ankündigung, dass dieses Thema, das mir so zu schaffen macht, demnächst von dir aufgegriffen werden würde.“

„Mari, könntest du dir vorstellen, dass ich… jetzt und hier… eine Sportübung mit dir machen wollen würde? Eine die dich überfordern und beschämen könnte?“

„Ich glaube nicht dass du mich bewusst überfordern oder beschämen wollen würdest, aber da du ja meintest, du würdest dir demnächst zu diesem Thema noch etwas einfallen lassen, habe ich jetzt befürchtet, dass dir nun etwas dazu eingefallene ist.“

„Und du glaubst, dass mir etwas eingefallen ist, was für dich schlimm und beschämend sein könnte?“

„Alles, was dazu gehört, fühlt sich so an! Das kann sich ein anderer gar nicht vorstellen, wie schlimm sich das für mich anfühlt, und da ist schon das Geringste mit Scham verbunden!“ entgegnete Mari verzweifelt.“

„Aber was gehört denn dazu? Deine Sportlehrerin ist Lichtjahre entfernt, es gibt keine Klasse, nur uns beide, Mari, was könnte passieren?“

„Wahrscheinlich würdest du nichts tun oder verlangen, von dem du glaubst, dass es schlimm für mich wäre, aber schon das Wort „Übungen“ hat in mir die Gefühle von damals losgehen lassen, ohne dass ich darüber nachgedacht habe.“

„Ich weiß, dass das ein Reizwort für dich ist. Könntest du dir vorstellen, dass es Übungen gibt, die für dich nicht beschämend sind, die dich in keine peinliche Situation bringen? Traust du mir zu, dass ich so etwas für dich finden könnte?“

Mari überlegte… Ihr Meister hatte sie schon oft überrascht mit seinen verblüffenden wundersamen Wendungen einer von ihr ganz anders befürchteten Situation.

Joel fragte nach: „Konntest du im Laufe der Zeit wahrnehmen, dass meine Anforderungen immer  berücksichtigt haben, was für dich machbar ist Mari? Ich achte darauf, so weit es mir bewusst ist, immer nur so weit zu gehen, wie ich es dir zutraue. Und wenn ich mich darin mal geirrt habe, hattest du die Möglichkeit um eine leichtere Abwandlung der Aufgabe zu bitten.
Warum sollte das heute anders sein, nur weil ich das Wort „Übung“ verwendet habe?“

„Okay, das war nicht folgerichtig, aber darüber habe ich in dem Moment nicht nachgedacht“, erklärte Mari, und ein kleiner Anflug von Wut war in ihrem Gesicht.

Joel nahm die kleine Regung wahr, ging aber an dieser Stelle bewusst nicht darauf ein.
„Ja, da war deine Angst größer als dein Vertrauen in mich. Traust du mir nun zu, eine Übung zu finden , die dir dient und für dich machbar ist?“

„Ja Meister, ich will es versuchen.“

„Ich möchte, dass du auch die Erfahrung machst, dass eine „Übung“ harmlos sein kann – „Übungen“ – er zeichnete Anführungszeichen in die Luft-  können sogar schön sein. Bist du bereit, mir so sehr zu vertrauen, um dich heute darauf einzulassen?“

„Hmmmm…“

„Das klingt noch nicht bereit, Mari.“

„Okay, ja ich bin bereit.“

„Das freut mich“, Joel lächelte Mari freundlich zu.  
Ich möchte dass du dich hinten an die Lehne lehnst, so dass sie dich gut stützt und du dich leicht entspannen kannst“, wies er sie an. „Und dann möchte ich dich auf eine Reise in deine innere Welt hinein führen. Atme dabei ruhig und tief, und folge mir mit deiner Vorstellungskraft. Sollte für dich etwas nicht stimmig sein, sag mir bitte Bescheid.“
 

Nun führte er Mari in eine innere Landschaft, in der sie die Kräfte der Natur einatmen konnte. 
Es begann auf eine schönen bunten Sommerwiese, ging weiter durch einen herrlich duftenden Wald, hin zu einem See, in den sie ihre Füße eintauchen lassen konnte. Ein angenehm lauer warmer Sommerwind streichelte ihr Gesicht und wehte die Sorgen aus ihrem Kopf . Und schließlich ließ sie sich von herrlichem Sonnenschein durchfluten. Immer größer und stärker fühlte sie sich bei der Erfahrung eines jeden Elementes: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Welch herrliche „Übung“ dachte sie überrascht.

Wieder war es ihrem Meister gelungen, etwas völlig anderes… eine positive Erfahrung aus einem von ihr als „furchtbar unangenehm“ vermuteten Ereignis entstehen zu lassen.

Und die „Übung“ sollte noch weiter gehen… 

Geschrieben von Rafael und Miriam 

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

30. Ein altes Schmerzpaket öffnet sich

Bei Mari – nach einem abgeklungenen Migräneanfall

Mari hatte sich mit Hilfe einer wunderbar entspannenden Massage, die Joel ihr gegeben hatte, von Migräne erholt und saß innerhalb des nun doch stattfindenden Rollenspiels mit ihm als „Meister“ zusammen bei Kaffee und Croissants, die er als zur Stärkung und als süßes Trostpflaster mit gebracht hatte.

„Wie geht es dir jetzt, Mari?“ fragte er und goss beiden Kaffee ein.

„Es fühlt sich ehrlich gesagt seltsam gut an, mit dir einfach mal Kaffee zu trinken, wenn ich das so sagen darf. Mein Kopf tut kaum noch weh, und ich habe jetzt einen Riesen-Appetit! Hab Dank für deine hilfreiche Kopf-Massage!“

„Warum darf es sich nicht auch mal einfach nur gut anfühlen mit mir?“ Er zwinkerte ihr zu.
Wir wollen doch die Migräne heute nicht noch einmal herauf beschwören, oder? Da lassen wir es uns gut gehen und du erzählst mir ganz nebenbei, was dich so stark belastet hat, dass dein Inneres nur noch die Qual der Migräne als Ausweg gefunden hat, okay?“

Beklommen nickte Mari. 
„Es war die Angst vor den „Übungen„, die du mir angekündigt hattest.“

Erstaunt schaute er sie an. „Ach sooo?“ Er nahm ihre Hand in seine und streichelte kleine Kreise auf den Handrücken… „Erzähl mir mehr darüber, Mari!“

„Deine Nachricht, dass ich leichte Kleidung anziehen sollte für „Übungen“ , die du mit mir vor hattest, haben mich an all die Demütigungen und das furchtbare, immer wieder zwei mal pro Woche ausgelöste Gefühl von Scham und Unzulänglichkeit meiner Schulzeit im Sport-Unterricht erinnert. Und die Vorstellung mit dir oder unter deinen Augen Übungen machen zu müssen, war schier unerträglich. Absagen wollte ich aber auch nicht. Dann rollte die Migräne wie ein nicht zu stoppender Zug in meinen Kopf, und ich beschloss, mich ein Weilchen hinzulegen. Dass ich derartig lange schlafen würde, hatte ich nicht gedacht. Normalerweise kann ich mit diesen Schmerzen kaum ein wenig dösen am Tag. Ich hatte nicht damit gerechnet, so fest einzuschlafen. Es tut mir echt leid, dass ich nicht rechtzeitig angerufen habe.“

„Das ist doch schon Schnee von gestern, Mari!“ Joel in seiner Meisterrolle lächelte ihr zu. „Oder brauchen wir eine kleine Strafe, damit du das loslassen kannst?“

Etwas unsicher schaute Mari ihn an, aber als sie sein überdeutliches Zwinkern bemerkte, konnte sie sich wieder entspannen. 

„Wenn es mal wieder im Vorfeld etwas gibt, was dich derartig belastet, dann rufst du mich an, okay? Joel wird den Anruf bestimmt gern an mich weiterleiten“, scherzte er weiter, sah sie dann aber ernsthaft an… „Weißt du, Mari, unsere Spiele sind nicht nur Spiele, sie gehen oft ganz tief und berühren alte Wunden. Ja, sie können sie regelrecht an die Oberfläche bringen. Deshalb ist es wichtig, dass du mir mitteilst, wenn so etwas geschieht. Dann kann ich darauf eingehen und du musst dich nicht allein damit herum quälen bis wir uns sehen.“

Dankbar nickte Mari, während ihr die Tränen kamen, die sie verstohlen wegwischte. So viel Freundlichkeit und Annahme… Und das in diesem peinlichen Thema… 

„Nun erzähl mir mal von deinem Sportunterricht, was war darin so furchtbar schlimm für dich?“

Mari öffnete ihr Schmerzpaket von damals, das sich über viele Jahre ihrer Schulzeit prall gefüllt hatte mit demütigenden und beschämenden Erfahrungen, die ihr von der Sportlehrerin und den Mitschülerinnen zugefügt worden waren. So oft wurde sie von dieser Frau im Kasernenhof-Ton vor der ganzen Klasse nieder gemacht, bloß gestellt, beschämt, angebrüllt und fertig gemacht, dass sie schon mit innerem Zittern und Bangen in jede Sport-Stunde ging. 

Joel dachte voll Mitgefühl: Kein Wunder, dass sie so voller Scham ist, was ihren Körper anbelangt. Hatte sie ihn doch über viele Jahre voller Verunglimpfungen als etwas erlebt, das als kritikwürdig, schwach, instabil und unwürdig dargestellt wurde und sie auch in der Gemeinschaft der Gleichaltrigen ins Aus katapultiert hatte und ihr Spott und Ablehnung einbrachte.

Ihm wurde noch klarer, wie vorsichtig er mit den von ihm angedachten „Übungen“ sein müsste, dass er sie modifizieren müsste und sie gut in leicht annehmbare Situationen „einbetten“ würde. Er wollte Mari jede Hilfe geben, um dieses Thema zu bewältigen. Aber auslassen würde er es nun ganz sicher nicht.

„…als der Schulsport endlich für mich vorbei war, machte ich drei Kreuze! Seit dem mache ich einen großen Bogen um alles, was mit Sport zu tun hat!“ schloss Mari ihre Erzählungen.

„Das kann ich gut verstehen,  Mari! Du hast über so viele Jahre schmerzhafte Erfahrungen der Ablehnung im Sport und dadurch deines ganzen Körpers erlebt – und das in einer Zeit, wo Heranwachsende es mit ihrem Körper ohnehin schon nicht so leicht haben. Das hat sich tief eingebrannt in dein Denken und Fühlen, und in deine Körperzellen.“

Gott sei Dank! Er versteht mich, dachte Mari. Da wird er dieses Thema nun wohl fallen lassen.

„Ich werde mir etwas einfallen lassen, wie wir uns um dieses für dich so schwierige Thema kümmern können.“

Er bemerkte sofort, wie sich ihr Gesicht verdunkelte und ihr Körper leicht in sich zusammen sackte.

„Bitte, erspar mir das! Das ist so schlimm für mich!“

Joel nahm beide Hände und schaute ihr in die Augen. „Bitte schau mich an, Mari. Vertrau mir.“

Als sie ihren Blick hob und in seine freundlichen warmen Augen sah, sprach er weiter: „Du hast mich bisher als jemand erlebt, der auf deine Gefühle eingegangen ist – oder habe ich bisher irgendetwas übersehen oder übergangen?“

Mari schüttelte den Kopf und flüsterte „Nein, Meister!“

„Wir werden uns auch an dieses Thema gemeinsam ganz behutsam heran tasten, denn es hat so viel mit deinen quälenden und belastenden Schamgefühlen zu tun, dass wir nicht drum herum kommen, wenn wir weiterhin darin etwas auflösen wollen. Und du hast mein Versprechen, dass ich dich zu nichts zwingen werde, zu gar nichts!  Sollte es zu Schamgefühlen oder anderen schmerzhaften Gefühlen kommen, dann sind das alte Dinge, die ans Licht kommen und von dir gesund geliebt werden wollen, weil sie dich sehr, sehr einschränkt haben – nicht nur, dass sie keine sportlichen Aktivitäten zulassen… Ich glaube damit hast du bisher gut leben können, sondern, was viel mehr wiegt… Sie sind wahrscheinlich auch eine große Quelle belastender und unnötiger Scham- und Peinlichkeitsgefühle.“

Unglücklich schaute Mari ihn an. Hätte sie ihm nur nicht davon erzählt…

„Liebes, das gehen wir mit viel Zeit und Ruhe an. Wann wir damit beginnen, weiß ich noch nicht. Und…,“ er lächelte, „was die von mir angedachten Übungen anbelangt – ich hatte die Idee, dass wir ab und zu gemeinsam einige leichte Lockerungs- und Entspannungsübungen ausprobieren. Mach dir bitte keine Sorgen, wir bekommen das hin! Bring beim nächsten Mal, wenn du zu mir kommst, ein paar leichte Sachen zum Umziehen mit zu mir, die wir bei mir aufbewahren für die Situationen, in denen wir sie vielleicht (!) – vielleicht auch nicht – brauchen werden.“
Und wenn ich es vorhabe, einige leichte Übungen zu machen, werde ich es diesmal sicher nicht vorher ankündigen, dachte er, sprach es jedoch nicht aus.

Erleichtert schaute Mari ihren Meister an, nickte und schöpfte wieder etwas Vertrauen. Sie würde es wie immer an sich heran kommen lassen müssen, und er würde nichts erzwingen! Das hatte er ihr versprochen. Wieder einmal hatten seine Worte einen Weg in ihr Herz gefunden…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

29. Migräne…

Bei Mari: Druck erzeugende Erinnerungen

Mari erwachte mit einem schmerzhaften Pochen im Kopf und spürte zum ersten Mal eine starke Unlust zu spielen. Am liebsten wäre sie gar nicht erst zu dem verabredeten „Meister-Spiel“ mit Joel erschienen – so groß war ihr Widerstand…
Er hatte ihr am Tag davor eine Nachricht geschickt, dass sie lockere, leichte Kleidung tragen solle, weil er ein paar Übungen mit ihr machen wollte. Das klang nach Sport!
Übungen... dachte Mari, schon allein das Wort löste einen enormen Widerstand in ihr aus, erinnerte sie an ihren Sport-Unterricht in der Schule, der für sie mehr als belastend war.
Sollte / konnte sie ihm sagen, dass sie keine „Übungen“ machen wollte? Dass sie sich diese damit für sie verbundene Demütigung ersparen wollte? Dass die Ampel bereits rot war, bevor sie überhaupt begonnen hatten? Wie konnte sie damit umgehen?

Sie dachte zurück an die vielen demütigenden Erfahrungen im Schulsport. Sie war die jüngste in ihrer Klasse, hatte die kürzesten Bein, hatte Angst vor vielen Geräten – und damit schlechte Karten für die Anforderungen im Sport-Unterricht. Ihre Sportlehrerin stellte sie bei vielen Gelegenheiten vor allen Kindern bloß und brüllte sie durch die ganze Halle an, wenn sie dran war: „Jetzt reiß doch endlich mal deine Hammelbeine auseinander und stell dich nicht so an!“
Wenn Mannschaften gewählt wurden, blieb sie immer übrig und war dann erst erlöst, wenn eine der Mannschaftsführerinnen sich ihrer erbarmt hatte. Meistens hieß es: „Wenn ihr die nehmt, bekommt ihr noch die … (eine gute Sportlerin) dazu, die gleicht das wieder aus, was Mari verbockt.“

Nein, dachte Mari, das halte ich nicht aus, mit diesen Gefühlen durch sportliche „Übungen“ mit Joel – egal ob in seiner Meisterrolle oder als er selbst – konfrontiert zu werden. .

Ihr Kopfschmerz wurde heftiger und sie spürte, dass eine Migräne am Anrollen war. Wenn ich jetzt nicht mein Migränemittel nehme, mich hinlege und die Vorhänge zuziehe, dann geht sowieso gar nichts mehr heute nachmittag, dachte sie und legte sich mit einem kühlen Lappen auf der Stirn auf die Couch. Nach einem Weilchen legte sich der Druck soweit, dass sie einschlafen konnte.

Sie schlief bis 16 Uhr, was genau der Zeitpunkt war, an dem sie bei Joel hätte vor der Tür stehen sollen. Mist! Sie griff zum Smartphone. Akku leer! Wo war nur das Ladekabel… Sie ließ Licht ins Zimmer…Autsch – das biss in die Augen, und der Kopf zog sich wieder schmerzhaft zusammen. So richtig gut wirkt das Mittel heute nicht, stellte Mari fest. Der Stress, dass sie ihren Termin mit Joel verschlafen hatte, ohne ihn wenigstens rechtzeitig absagen zu können, tat ein übriges und verstärkte den Druck. Endlich hatte sie das Ladekabel gefunden und konnte anrufen, 15 Min, nach der verabredeten Zeit. Aufgeregt entschuldigte sie sich bei ihm, erzählte ihm von ihrer Migräne und fragte sich, wie sauer er nun sein würde…

„Mari, mach dir nichts draus, sowas kann passieren. Bleib einfach gemütlich auf dem Sofa liegen… Und… wenn du magst, komme ich jetzt zu dir und wir schauen mal, ob ich für deinen Kopf etwas tun kann, was hältst du davon?“

Einen Moment zögerte Mari, sie hatte sich den ganzen Kopf mit Pfefferminzöl eingerieben, durch den nassen Lappen auf der Stirn sah ihr Pony ganz verwuschelt aus und zum Duschen oder auch nur Haare-waschen fehlte ihr die Kraft… Dennoch war das Angebot so liebevoll rübergebracht, dass sie es gern annehmen würde…

„Joel, ich bin gerade ziemlich zerknittert… und so sehe ich auch aus“, antwortete sie etwas zögerlich.

„Ich käme auch gern zu dir, wenn du zerknittert bist,“ antwortete Joel, „aber nur, wenn du das möchtest. Vielleicht können meine Zauberhände den Druck in deinem heißen Köpfchen ja ein wenig lindern…?“

„Da sage ich nicht nein“, antwortete Mari, und eine halbe Stunde später war er auch schon bei ihr.

„Leg dich einfach wieder hin“, empfahl er, setzte sich hinter sie und begann sanft und angenehm, ihren Kopf, ihren Nacken und auch ihr Gesicht zu massieren. Das war so wohltuend und entspannend, dass sie dabei in einen Halbschlaf sank. Er wartete lächelnd bis sie nach einigen Minuten die Augen wieder öffnete und erfreut feststellte, dass es ihrem Kopf nun viel besser ging.

„Das freut mich, Mari!“ Dann kannst du ja jetzt mit deinem Meister darüber reden, was in dir einen solchen Druck erzeugt hat, dass dein Körper mit Migräne reagiert hat.“ Galant reichte er ihr die Hand, während sie sich aufrichtete, um von der liegenden in eine sitzende Position zu gelangen, und flüsterte: „Das Spiel beginnt!“

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

28. Ein unüblicher Heilungsweg

Bei Joel : Über die entlastende Funktion von Sanktionen (Teil 2)

„Ich bin stolz auf dich, dass du unser Spiel trotz deines Erschreckens nicht abgebrochen hast,“ sagte Joel, nachdem er ihr zum ersten Mal eine Strafe angekündigt hatte und sie nun in all ihrer Angst mit einer Umarmung aufgefangen hatte. Er drückte sie sanft, schmiegte sie an sich. Es war eine enge, eine umfassende Berührung und wirkte wie ein Ritual, um ihr Kraft zu geben. Er sagte nichts, hielt sie nur fest. Noch hatte sie es nicht verstanden, dass die symbolhafte Sanktion ihr helfen sollte, etwas Altes zu heilen. Zunächst brauchte die verstörte Frau neue Kraft, um dieses Spiel weiter spielen zu können, von dem er sicher war, dass es für sie wertvoll sein würde, wenn es ihr gelingen würde, es zu Ende zu bringen. Dafür wollte er ihr mit dieser Umarmung die nötige Kraft zufließen lassen.

Sie ließ sich in seine ausgebreiten Arme fallen. Der ganze aufgestaute Druck entlud sich, und sie begann heftig zu weinen. Soviel Schmerz war mit dem Thema Strafe verbunden, so viel Angst, so viel Scham… Sie fühlte die Gefühle, die sie so oft als Kind gequält hatten. Immer hatte sie sich Mühe gegeben, alles richtig zu machen, solche Mühe hatte sie sich gegeben, und doch war immer wieder einmal irgend etwas geschehen, was die Oma wütend gemacht hatte. Sie war so verzweifelt, dass sie trotz aller Bemühungen nicht gut genug war, und nun war es hier wieder so. Sie wollte doch alles richtig machen – und immer wieder versagte sie…

Er hielt sie, hielt sie sicher und fest in seinen Armen, nahm sie mit all ihren Gefühlen an.
„Es ist alles gut, Mari! Ja, lass die Tränen fließen, es ist alter Schmerz. Hier geschieht dir nichts Schlimmes. Und ich mag dich, egal was du tust oder unterlässt.“ Er hielt sie weiter fest umschlungen – war für sie wie ein Fels in der Brandung. Und sie hielt sich an ihm fest.

„Ich weiß, das ist ein schwieriger Schritt heute, und du bist schon weit gegangen. Ich bin sehr stolz auf dich. Sieh mal:

Es ist unmöglich Fehler zu vermeiden. Menschen machen einfach Fehler.
Es geht darum, dazu zu stehen, aus ihnen zu lernen und sie wieder auszugleichen.


Die Strafe kann ein Hilfsmittel sein, damit wir einen Fehler ausgleichen und er damit seine Bedeutung verliert. Weißt du, alles im Leben strebt nach einem Ausgleich. Oft bestrafen Menschen sich selbst unbewusst und das Annehmen einer symbolischen Strafe von außen kann Selbstbestrafungstendenzen entgegen wirken.
Bei dir habe ich bisher eine große Angst vor Fehlern bemerkt. Ich glaube, dass kleine symbolisch angewandte Strafen dir helfen können, leichter loszulassen – die aktuellen Fehler und damit auch die alten… Du hast hier bei mir die Chance, den Umgang mit Fehlern und daraus resultierenden Folgen, neu und heilsam zu erleben, ganz anders als das, was du als Kind als sehr belastend und schädigend erleben musstest.

Solch ein bewusstes Anwenden von kleinen Strafen, wie ich es mit dir vorhabe, vermittelt deinem Unterbewusstsein, dass damit alles ausgeglichen ist, dass du den jetzigen Fehler und damit verbunden auch andere alte Fehler nicht mehr mit dir herum tragen oder gar selbst ahnden musst. Jedes Mal, wenn du hier bei mir eine Strafe bekommst, darf dein Unterbewusstsein alte Belastungen mit loslassen. Dafür machen wir das.

Fehler sind nicht schlimm! Fehler dürfen sein!

Ich denke deswegen nicht schlecht von dir, wenn ich dir eine Strafe gebe. Im Gegenteil, ich werde zu dir aufschauen, wenn du deine Strafe annimmst. Und ich will dir helfen, eine gesündere Grundeinstellung zu Fehlern zu entwickeln.“ 
Er kam nahe an ihr Ohr und fragte leise: „Meinst du, wir können unser Spiel fortsetzen?“

Sie konnte nicht antworten, brauchte noch Zeit – und er gab ihr die Zeit, die sie benötigte, um alles zu fühlen, was da war. Ach hätte doch damals als Kind sie jemand so gehalten in schmerzlichen Situationen und so liebevoll mir ihr gesprochen, wenn ihr eines ihrer kleinen Missgeschicke passiert war…
Und hätte man ihr erklärt, dass Fehler zum Leben eines jeden Menschen dazu gehören und nicht wirklich schlimm sind – vielleicht hätte sie sich nicht so oft bedrückt und unzulänglich gefühlt.

„Meister, bitte glaub mir, ich gebe mir so große Mühe, alles richtig zu machen!“

„Mari, das weiß ich, und das sehe ich. Und ich weiß es zu schätzen. Aber trotz aller Mühe machst du wie jeder Mensch manchmal Fehler – hier und sicher auch sonst im Leben.
Aber, was könnte schlimm daran sein, etwas falsch zu machen?
Fehler sind Teil des Lebens und unseres Lernprozesses.

Glaube mir, dass ich es nicht schlimm finde, wenn du einen Fehler machst! Ich mag dich so wie du bist mit all den kleinen Unachtsamkeiten und den tiefen Gefühlswellen. Wir spielen ein kompliziertes Spiel, in dem die Gefühle schnell mal ausbrechen können – schneller, als man denken könnte. Und es ist so eine liebenswerte Eigenschaft von dir, dass du so tief fühlst. Ich möchte nicht, dass du keine Fehler machst, ich möchte nur, dass du dazu stehst und ausprobierst, wie es sich anfühlt, wenn du meine Strafe annimmst.“

Er wartete einen Moment… Sag mir, dass du einen Fehler gemacht hast. Das ist deine Strafe für heute. Wenn du das gesagt hast, ist das Spiel beendet.“ sagte er sanft.

„Ja, Meister, ich habe einen Fehler gemacht! Und ich bitte um Verzeihung dafür.“

„Mari, das hast du sehr gut gemacht. Du hast deine heutige „Strafe“ angenommen. Ich muss dir gar nicht verzeihen, denn der Fehler ist ausgeglichen. Es ist, als wäre er nie geschehen. Und nach und nach wird sich in dir – wie ich hoffe – auch nachhaltig ein Gefühl von Erleichterung einstellen, was das Thema „Fehler machen“ anbelangt. Da haben wir allerdings noch ein Stück Weg vor uns.
So, das Spiel ist vorbei, und du hast heute einen sehr großen Schritt gemacht. Weißt du, manche Fehler sind sogar wichtige Erlebnisse und können uns stärker machen. Du warst heute sehr stark! Alles ist gut, Mari!“

Erleichtert und erschöpft dankte ihm Mari.
Er hielt sie noch ein Weilchen in seinen Armen… Welch Erfahrung!!!
Trotz des Fehlers, trotz ihrer Schwäche meinte er, sie sei stark und alles konnte nun gut sein.

Er hielt sie so lange im Arm, bis sie sich langsam selbst aus der Umarmung heraus löste.

„Kaffee? fragte er. „Ich finde, den haben wir uns jetzt verdient.“ Er lächelte und ging in die Küche.

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

27. Fassungslos…

Bei Joel : Über die entlastende Funktion von Sanktionen (Teil 1)

Joel öffnete die Tür, er trug eine schlichte schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. 

„Was für eine Freude, dich zu sehen, Mari!“ sagte er und bat sie herein.

“Ich freue mich auch, Joel, bin aber auch sehr aufgeregt“ entgegnete Mari

„Das ist ein gutes Zeichen, Mari.“

Mari betrat das Wohnzimmer. Sie kannte sich aus, und doch war in ihr eine leichte Unsicherheit spürbar. Die Couch war heute aufgeklappt und einige bunte Kissen lehnten an der Wand.

„Magst du etwas trinken?“ fragt Joel.

„Ja gern!“

Joel holte Wasser und als er wieder ins Zimmer kam, blieb er stehen und hielt ihr das Glas so hin, dass sie aufstehen musste, um es zu nehmen. In dem Moment, als sie es in der Hand hatte, sagte er: „Das Spiel beginnt.“

„Ich werde dir jetzt eine Aufgabe stellen. Ich werde sie versuchen, sie so deutlich wie möglich zu formulieren.“ Joel ging dabei durch den Raum, als würde er mit sich selbst reden. Dann stand er vor ihr. „Bereit, Mari?“

„Ich müsste nochmal vorher ins Bad gehen,“ entgegnete sie verlegen. Aufregung schlug ihr oft auf die Blase.

„Du weißt ja, wo es ist. Ich erwarte dich genau hier“, sagte er und drehte sich zum Fenster.

Sie beeilte sich und kam schnell zurück. Wo genau hatte sie gestanden? Sie versuchte die gleiche Stelle zu finden.

Joel kam auf sie zu, stellte sich vor sie und schaute sie an.

„Besser?“ Sie nickte etwas beschämt..

„Bereit?“

„Ja, Meister.“

„Sehr gut, Mari, sehr gut!“ Joel nickte.

„Du entkleidest dich jetzt und legst dich auf die Couch.
Ich werde mich bis du fertig bist zum Fenster drehen.
Wenn du dich hingelegt hast, wirst du von mir eine Berührung bekommen – eine sanfte Berührung. Sie wird so sein, dass du sie leicht annehmen kannst. Schließe, wenn du liegst, deine Augen. Du darfst sie jederzeit kurz öffnen, aber dann wieder schließen. Du wirst so lange dort liegen, bis ich dir sage, dass du aufstehen darfst. Geredet wird dabei nicht.“

Joel machte eine Pause.

Entkleiden… meint er, ich soll mich diesmal ganz ausziehen? Das packe ich nicht! Warum fällt mir das nur so schwer? Nein, das mache ich nicht! Was tu ich bloß? Ich könnte ihn um eine Variation der Anordnung bitten… aber was ist, wenn er gar nicht meint, dass ich wirklich alles ausziehen soll. Fragen stellen soll ich ja auch nicht…

Unentschlossen stand Mari noch immer auf dem selben Fleck und wusste einfach nicht, wie sie sich verhalten sollte. Verunsichert und aufgeregt blickte sie ihn an.

„Hast du die Aufgabe verstanden, Mari, oder gibt es noch eine Unklarheit in dir?“ fragte er freundlich.

“Ich weiß nicht, wie viel ich ausziehen soll. Alles? Das geht für mich nicht. Das geht einfach nicht, bitte versteh das.“ Ihre Stimme bebte…

„Ich möchte, dass du so viel ausziehst, wie dir möglich ist, aber mindestens zwei Teile.“

Er lächelte sie an.

Erleichtert nickte Mari. Ja, das ging. Sie zog ihre langärmelige Bluse aus. Darunter trug sie noch ein T-Shirt. Dann zog sie ihre Socken aus. Das sind sogar drei Teile, freute sie sich im Stillen.
Dann fiel ihr wieder ein, dass sie sich nun hinlegen sollte. Langsam ging sie auf die Couch zu.
Was würde dort geschehen?
Immer unsicherer und langsamer wurden ihre Schritte. „Wo wirst du mich berühren?“ fragt sie leise.
Hatte sie das nur gedacht, oder hatte sie es ausgesprochen… ?
O jeh, sie sollte doch keine Fragen stellen….

„Mari? Du hast gerade gegen die Frage-Regel verstoßen. Sie ist es, die du immer wieder einmal vergisst, nicht wahr? Das war sicher keine Absicht, und es ist auch nicht schlimm, aber ab heute werden Regelverstöße kleine, für dich machbare Sanktionen nach sich ziehen. Sie haben einen tiefen guten Sinn, den ich dir nachher noch erklären werde und werden so bewusst und vorsichtig eingesetzt von mir, dass sie dir nicht weh tun werden.“
Joel stand noch immer an seinem Platz und hatte ihr wie versprochen beim Ausziehen nicht zugesehen, obwohl es ja nicht mal viel war, was sie ausgezogen hatte.

Feuerrot stand Mari noch immer vor der Couch.
Er will mich bestrafen… Oh bitte nicht!
„Bitte, ich habe das nicht gewollt, ich hab gar nicht gemerkt, dass ich meine Gedanken ausgesprochen habe und dadurch eine Frage gestellt habe. Du hast mich doch noch nie bestraft…“
Sie fühlte sich schrecklich. Wie peinlich war das denn?!! Ihr Kopf wurde glühend heiß, eine heftige heiße Welle wie flüssiges Feuer lief durch ihren Nacken in ihren Kopf hinein. Schwindelig wurde ihr jetzt auch noch. In welche Situation hatte sie sich hier nur mit diesen Machtspielen begeben?!!Wollte sie das wirklich? Sie hatte doch nicht wirklich so etwas Schlimmes getan, dass sie bestraft werden musste. Sie erinnerte sich an den Teppichklopfer, der bei ihrer Oma immer sichtbar auf dem Schrank gelegen hatte. Immer hatte sie ANGST, dass er benutzt werden würde… Und jetzt…
Was würde ihr Meister mit ihr tun? Angstvoll sah sie ihn an und brachte kein Wort heraus…
Ihre Augen wurden feucht, ihre Lippen zitterten…

„Ich weiß, dass es keine Absicht war. Die Strafe soll dir dienen, um zu erleben, dass ein Fehler wieder ausgeglichen werden kann. Ich möchte dir mit den Regeln, die manchmal nicht so leicht sind einzuhalten, die Gelegenheit geben, Fehler zu machen – um zu erfahren, dass das nicht schlimm ist, und du sie selbst wieder ausgleichen kannst. Diese Erfahrung, dass es nach einem Fehler wieder gut sein darf, hast du als Kind nicht machen können, da hielten schmerzliche Gefühle nach einem kleinen Fehler in dir lange an. Ein Kind, das lernt, mit einer Folge seines Fehlers umzugehen und dadurch Entlastung zu finden, fürchtet sich nicht mehr so vor Fehlern wie du es jetzt tust und kann sich ausprobieren. Diese Erfahrung fehlt dir, Mari. Mit kleinen, annehmbaren Strafen soll die alte Angst vor Fehlern und ihren Folgen nach und nach abgebaut werden.
Es geht darum, dass du regelrecht übst, Fehler zu machen – und dass das leicht zu bewältigen ist. Regelüberschreitungen und Unachtsamkeiten passieren und gehören dazu – hier in unseren Spielen und im Leben, und sie sind nicht schlimm! Meine Sanktionen sollen für dich eine Hilfe sein, das bedrückte Gefühl, das durch Fehler entsteht, wieder loslassen zu können. Wenn man sie akzeptiert und annimmt, ist der Verstoß sofort und endgültig ausgeglichen. Es wird jetzt eine kleine zusätzlich Aufgabe geben, die du ganz leicht bewältigen kannst. Ich werde dich dabei nicht anfassen. Nun leg dich hin, dann erkläre ich dir deine Strafe.“

Seine Stimme klang nicht unfreundlich.
Dennoch war Mari wie von innen erstarrt. Sie hörte zwar, dass er sprach, nahm die Worte aber nicht mit ihrem Bewusstsein wirklich auf. Sie rauschten an ihr vorbei. Selbst wenn sie nicht bestraft worden wäre, sie konnte sich jetzt nicht auf die Couch legen, so schutzlos und ausgeliefert fühlte sie sich.
Endlich kam ihr ein hilfreicher Gedanke: Er hatte ihr ja für solche Situationen, in denen gar nichts mehr ging, die Regel gegeben, dass sie um eine Umarmung bitten dürfe.
„Meister, ich kann nicht mehr“, sagte sie mit zittriger Stimme, „würdest du mich bitte in die Arme nehmen?“

„Ich bin stolz auf dich, dass du so reagierst,“ sagte er, „ich weiß, das ist alles für dich neu und schwer.“ Er kam auf sie zu breitete seine langen Arme aus und umhüllte sie ganz sanft damit. Kein Druck, und doch eine Festigkeit, ein Halt, wie sie ihn genau jetzt brauchte… damit das Spiel danach weiter gehen konnte…

Die Fortsetzung folgt... morgen… oder übermorgen…

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

26. Bitte um Variation einer Aufgabe

Bei Joel: Mari fühlt sich entblößt

„Ich sprach letztens ein Gedankenspiel an, Mari.
Erinnerst du dich noch daran?“

Ja, wie könnte ich das vergessen… dachte sie.
„Ja, Meister, ich erinnere mich,“ brachte sie leise hervor

Nocheinmal die Frage von letztem Mal:
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Wieder kroch die Angst in Mari hoch, aber sie sagte sich jetzt: Es ist nur eine Vorstellung, ich muss das jetzt nicht tun. Aber was würde ich sagen, wenn…

Ich könnte wohl nur ehrlich sagen: „Meister… ich weiß nicht weiter… Ich kann es einfach nicht…“

„Ja, genau so! Wenn du etwas nicht befolgen kannst, weil es dir gefühlsmäßig gar nicht möglich ist, dann ist Ehrlichkeit das einzig richtige, Mari! Es wird dir helfen, nicht zu verstummen und zu erstarren, wenn sich etwas gar so schwer anfühlt.
Du kannst mir das sagen, wenn es so ist – und dann bittest du um eine leichtere Variation der Anforderung.
Ich werde nicht gänzlich auf die Aufgabe verzichten, so lange wir auf der Spielebene bleiben, aber ich will sie immer für dich machbar gestalten.“

Mari nickte: „Okay! Danke, Meister!“

Joel schaute Mari einige Sekunden in die Augen…
„So, Mari, und jetzt ist es kein Gedankenspiel mehr.
Du, Mari, wirst nun das, was wir eben besprochen haben, gleich anwenden.
Halt dich einfach daran – es wird nichts Beängstigendes passieren. Das verspreche ich dir.
Die Anweisung lautet: Mari, ich möchte, dass du dich jetzt nackt ausziehst.“

Mari zuckte zusammen. Ich werde jetzt genau das tun, was er mir eben gesagt hat, dachte sie, mühsam um Beherrschung bemüht.
„Meister, ich schaffe das noch nicht. Ich bitte um eine Variation der Aufgabe.“

„Das hast du gut gemacht, Mari. Das war genau richtig. Du darfst und du sollst immer ehrlich sein zu mir“, bestätigte sie Joel.
In Ordnung, du bekommst nun eine leichtere Variante meiner Aufgabe:
Du ziehst jetzt deine Jacke aus und setzt dich auf den Schemel, den du schon kennst.“

Erleichtert zog Mari ihre Jacke aus und setzte sich auf das niedrige Höckerchen, das in geringem Abstand vor der Couch stand.

„Steh nochmal auf, Mari.“

Sie zuckte zusammen, stand auf und hätte fast gefragt: `Habe ich etwas falsch gemacht?` Konnte sich aber gerade noch rechtzeitig bremsen, die Frage auszusprechen.

Joel, der diese kleine Regung sofort wahrgenommen hatte, sagte freundlich zu ihr: „Alles ist gut, Mari, vertraue einfach auf meine Führung.“

„Ja, Meister.“

„Nun geh einen halben Kreis um den Hocker herum und setze dich mit dem Gesicht zur Couch wieder hin.“

Mari folgte seiner Anweisung und setzte sich in der beschriebenen Richtung wieder hin.

„Nun schließe deine Augen.“

Gehorsam, wenn auch nicht gerne, folgte sie seiner Anweisung. Es war plötzlich sehr still im Raum. Würde er ihr wieder die Augen verbinden?
Sie lauschte angespannt, wo er sich befand. Schon als sie glaubte, die Stille nicht mehr aushalten zu können, legte er seine Hände auf ihre Schultern und ließ sie einige Minuten dort liegen. Die Wärme, die sie ausströmten, floss durch ihren Körper und tat ihr gut.

Dann fragte er: „Trägst du noch ein anderes Kleidungsstück unter deinem T-Shirt?“

Die Entspannung war sofort wie weggeblasen. „Ja“, Meister. „antwortete sie leise.“

„Dann zieh jetzt auch das Shirt aus – lass die Augen dabei geschlossen. Lege das Shirt einfach neben dich.“

Sie zögerte… Er wartete…

„Du schaffst das, Mari! Was trägst du denn unter dem T-Shirt?

„Ein blaues ärmelloses Top.“

„Na damit könntest du ja sogar auf die Straße gehen,“ meinte er freundlich.

Okay, es war nicht allzu peinlich. Sie folgte seiner Anweisung.
Warum fühlte sie sich jetzt schon so entblößt, obwohl die wichtigsten Stellen ja angezogen waren? Sie spürte, wie sich ihr Rücken verkrampfte und ein Schmerz den Nacken hinauf zog in den Kopf hinein.

„Was sagt die Ampel, Mari?“

„Dunkel-Orange…“

„Okay, ich verstehe. Du kannst deine Augen öffnen. Jetzt leg mal deine Stirn an die Sitzfläche der Couch und konzentriere dich ganz auf meine Hände…“

Wieder einmal verzauberten seine wunderbaren Hände ihre Nacken-und Schultermuskulatur und die Verkrampfung löste sich langsam. Auch den Kopf massierte er mit sanftem wohltuenden Druck.
Diesmal dauerte seine Massage länger als die Male davor. Irgendwann konnte sie sich tiefer einlassen und vergaß, dass sie so spärlich bekleidet war.“

Schließlich sagte er zu ihr: „Mari, du kannst jetzt dein T-Shirt und deine Jacke wieder anziehen. Ich gehe in die Küche, und du setzt oder legst dich einfach auf die Couch und ruhst dich aus. Das Spiel ist jetzt beendet.“
Damit verließ er den Raum und ließ ihr Zeit, sich in Ruhe wieder anzuziehen und zu sammeln…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge






25. Bei Angst um eine Umarmung bitten

Bei Mari – Angst kommt und Angst geht

„Bevor wir mit dem beginnen, was ich heute vor habe, möchte ich deine Hausaufgaben sehen, Mari. Es sind ja nun schon einige Wochen vergangen, seit ich sie dir gegeben hatte.“

„Ja, Meister.“ Aufgeregt verließ Mari das Zimmer, um das schwarze Gewand, in das sie bunte Ornamente sticken sollte, zu holen. Würde es ihm gefallen? Hatte sie genügend gestickt? Hatte sie es gut genug gemacht? Plötzlich fühlte sie sich wie ein kleines Schulmädchen…
Nervös hielt sie es ihm hin, und er betrachtete es in Ruhe.

„Das hast du gut gemacht, Mari. Dafür dass du meintest, nicht sticken zu können, ist es doch schon sehr schön geworden. Ich sehe, dass du dir Mühe gegeben hast. Weiter so!
Und was ist mit deiner anderen Hausaufgabe?

„Oh, daran habe ich nicht gleich gedacht. Entschuldigung. Ich hole es sofort!“

„Ganz in Ruhe, Mari.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam verließ sie den Raum, um das Gewünschte zu holen, und Joel lächelte…
Immer mehr fand seine Schülerin in ihre Rolle hinein, ohne anfangs vor Angst zu erstarren.
Mari kam wieder mit einem schön verzierten Blatt Papier, auf dem die Worte der für sie wertvollsten Regel stand, die er ihr in ihrem ersten gemeinsamen Spiel gegeben hatte:

F E H L E R   D Ü R F E N   S E I N !

„Hast du täglich etwas hinzu gefügt von diesen schönen Verzierungen, die ich da sehe?“

„Ja, Meister, ich habe an jedem Tag etwas gemalt und etwas gestickt.“

„Und wie ging es dir damit?“

„Es hat mir Spaß gemacht. Selbst das Sticken, das bisher gar nicht so mein Ding war, machte mir irgendwie Freude.“

„Das freut mich zu hören, Mari!
Auf das Blatt mit der Fehler-Regel passt ja inzwischen kaum noch etwas drauf. Das hast du schön gestaltet in all den Wochen – damit darf es nun genug sein. Es gefällt mir gut. Und vielleicht ist ja dadurch, dass du dich jeden Tag mit diesen drei so wichtigen Worten beschäftigt hast, deine Angst, Fehler zu machen, schon etwas gesunken? Wir werden sehen…
Wo hängst du es auf?“

„Ich habe einen Rahmen besorgt und in meinem Schlafzimmer einen Nagel in die Wand gehauen dafür.“

„Schön, Mari!
An dem Gewand wirst du weiter sticken, immer wenn du etwas erlebst, was unerwartet kam und gut geworden ist, oder wenn du irgendetwas erlebst, wofür du dankbar bist, was auch immer es sein mag, sticke etwas kleines Buntes hinein – so wie du es bisher ja schon gemacht hast. Wenn du zu mir kommst, möchte ich, dass du es immer dabei hast. Und wenn ich zu dir komme, sollte es schon immer unaufgefordert hier in deinem Wohnzimmer liegen, damit ich es mir anschauen kann. „

„Ja, Meister.“

„So weit so gut.
Jetzt wiederhole mal die Regeln, die ich dir bisher gegeben habe.“

„Fehler dürfen sein.
Ich rede dich mit Meister an.
Wenn du zu mir kommst, soll ich vorher nicht aufräumen und putzen.
Den Beginn und das Ende einer Übung und des gesamten Spiels bestimmst du.“

„Diese Regeln hast du dir gut gemerkt, Mari…“

Mari lächelte.

„… es gibt aber noch eine.“

Mari überlegte… Mist! Es wollte ihr nicht einfallen, welche Regel es noch gab…

Nervös sah sie Joel an. Er wartete, schaute sie einfach nur an.

„Entschuldige bitte, Meister, ich weiß jetzt nicht, welche du meinst.“

Joel malte lächelnd ein Fragezeichen in die Luft.

„Ach ja! Ich soll keine vermeidbaren Fragen stellen.“

„Ja Mari, na da hast du doch noch gut die Kurve gekriegt!
Ich möchte dir zu dieser Regel noch etwas mit auf den Weg geben. Ich beschreibe meine Anordnungen stets so klar wie möglich. Dennoch kann es sein, dass zwischendurch mal eine Situation entsteht, wo es dir unvermeidbar erscheint, mich etwas zu fragen. Wenn du nicht weiter weißt, und unbedingt eine Frage stellen musst, dann bitte darum mit dem Satz: `Meister, ich bitte darum, eine Frage stellen zu dürfen´. Bedenke dabei: Prüfe vorher genau, ob die Frage unvermeidbar war – denn ich werde das auch tun. Lege deinen Fokus darauf, möglichst gar keine Fragen zu stellen. Auch wenn du nicht sicher bist, ob du eine Aufgabe richtig verstanden hast, ist das kein Grund nach zu fragen. Dann erfülle sie so, wie du es meinst verstanden zu haben und wie du es kannst. Sollte daran etwas nicht so sein, wie ich es meinte, dann werde ich dich korrigieren, daran ist nichts Schlimmes! Ich möchte, dass du dich daran gewöhnst, nicht perfekt sein zu können, und dass das kein Problem darstellt.“

Mari nickte beklommen. Gerade mit dieser Regel hatte sie am meisten Probleme.

„Nun beginnen wir mit einem Gedankenspiel,“ fuhr Joel fort.
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Mari erstarrte.
Jetzt geht es los! Dachte sie. Jetzt muss ich… O Gott, ich kann das nicht… Dabei habe ich es doch irgendwie selbst gewollt, aber jetzt… es geht einfach nicht! Was soll ich bloß tun…?!

„Mari, schau mich an.“

Sie konnte sich nicht bewegen, nicht mal den Kopf heben…

Ihr Meister machte einen Schritt auf sie zu, legte behutsam eine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf etwas hoch, so dass sie ihn anschauen musste.
„Mari, ich verlange das doch jetzt gar nicht von dir.
Soweit sind wir noch nicht – das ist mir doch klar.
Ich habe dich lediglich gefragt, was wäre wenn…
Was würdest du dann sagen?
Und so wie es jetzt aussieht, würde es dir schwer fallen, überhaupt etwas zu sagen, stimmt´s?“

Mari nickte. Er öffnete einladend seine Arme für sie. „Möchtest du?“
Sie atmete erleichtert aus. Tatsächlich konnte sie sich in seiner Umarmung etwas entspannen…
Wie gut es tat, wenn er sie in seinen Armen hielt. Ihr Stress wurde weniger, die Angst beruhigte sich…

„So ist es gut,“ flüsterte er. „Du brauchst keine Angst zu haben, alles ist gut. Du musst niemals etwas tun, was dir absolut widerstrebt, Mari – niemals! Das verspreche ich dir!“
Mit diesen Worten setzte er sich mit ihr auf die Couch und legte seinen Arm um sie.
Ich wollte dich nicht so sehr erschrecken.
Es sollte lediglich ein Gedankenspiel sein: „Was wäre wenn…“

„Ich dachte, ich sollte jetzt gleich…“

„Beschreibe mir jetzt mal, was bei diesen Worten in dir passiert ist.“

„Alles in mir verkrampfte sich. Ich konnte mich nicht bewegen und auch nichts sagen. Es ging nicht. Und es dachte in mir immer nur: Ich kann nicht! Jetzt geht´s los! Was mach ich bloß?!!!

„Mari, du hast jederzeit die Möglichkeit zu sagen: „Die Ampel ist rötlich orange oder gar rot, dann brechen wir das Spiel ab oder unterbrechen es, bis es dir wieder besser geht und wir einen Konsens gefunden haben, ob und wie es weiter gehen könnte. Insofern behältst du in Wahrheit immer die Kontrolle über das, was du zulassen möchtest und was nicht. Gerade in deiner tiefen Verletzlichkeit musst du immer eine Tür zum kurzfristigen Ausstieg oder Abbruch haben.“

Marie nickte erleichtert: „Danke, dass du mich daran erinnerst, manchmal vergesse ich diese Möglichkeit in all der Aufregung.“

„Das war eben kurz vor einer Panikattacke, stimmt´s?“

„Ja, aber durch deine Umarmung und das Gespräch jetzt ist sie wieder abgeflaut.“

„Das freut mich sehr, Mari! Wie geht es dir jetzt körperlich?“

„Mir ist kühl und ich zittere.“

Fürsorglich legte er eine Decke um sie.

„Lass es ruhig zittern, Mari, das hört von allein wieder auf. Die Angst zittert sich aus…
Das darf sie.“

Sie lehnte sich an seine Schulter und ließ ihren Körper machen, was er machen musste…
Obwohl das Zittern und das damit verbundenen Schwächegefühl nicht angenehm war, fühlte sie sich seltsam geborgen. Es tat gut, sich anzulehnen. Sie musste ihren Körper einfach nur machen lassen… Es war nicht schlimm… Sie durfte so sein, wie sie sich fühlte…
Ihr Meister nahm sie an so wie sie war.
Und diese Angstattacke ging schneller vorüber als beim letzten Mal.

„Schau mal, Mari, es wird schon langsam dunkel draußen. Hast du eigentlich Kerzen im Haus?“ fragte ihr Meister und holte sie damit in die Gegenwart zurück.“

„Ja, hab ich.“

„Das ist schön,“ nickte Joel, „hol uns mal eine Kerze hierher, stell zwei andere dort drüben auf das Regal und zünde sie an. Sofort stand Mari von der Couch auf, um die Kerzen aus dem Schrank zu holen.“

„Bitte hole uns doch auch eine neue Wasserflasche, diese ist schon fast leer.“

„Ja, gern.“ Sie holte die gewünschte Flasche.
Als sie sie auf den Tisch stellte, fiel ihr auf, dass das Zittern sich gelegt hatte.
„Es geht mir wieder besser, Meister.“

„Das freut mich, Mari. Du siehst, die Angst kommt und geht auch wieder.
Ich glaube fest, dass sie nach und nach weniger schlimm werden wird und du dich mit der Zeit mehr entspannen kannst. Und weißt du, was mich freut?“

Mari schüttelte den Kopf.

„Dass meine Arme dir anscheinend Wärme und Sicherheit vermitteln können und du dich in unserer Umarmung inzwischen so geborgen fühlst, dass dein Bedrohungsgefühl darin nach lässt.
Das ist etwas, das wir ganz leicht tun können – und immer zur Verfügung haben.“

Mari nickte… „Ja, irgendwie stimmt es. Wenn du mich in deinen Armen hältst, wird mein Körper ruhiger und der Stresspegel sinkt.“

„Wunderbar! Daraus wird jetzt die nächste Regel, Mari:

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.


„Ich hoffe bloß, das gelingt mir in dieser Starre, in der ich mich dann, wenn die Angst mich derartig überfällt, meist befinde. Ich kann es dir nicht versprechen, dass ich das immer schaffe, auch wenn ich es grundsätzlich gerne will, aber ich will mein Bestes tun, es umzusetzen.“

„Gut, Mari, deine Bereitschaft ist da. Und ich bin ja auch präsent und erkenne meistens schnell, wenn du in Angstzustände kommst. Wenn ich sehe, dass du nicht um eine Umarmung bitten kannst, dann umarme ich dich, ohne dass du darum bittest, so wie bisher ja auch. Aber wenn du es kannst, dann sprich es aus. Hast du das verstanden?“

„Ja, Meister!“

„Diese Regel wird zu deiner nächsten Hausaufgabe: Ich möchte, dass du sie auch auf ein großes Blatt Papier schreibst und sie täglich anschaust und farbig gestaltest.“

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.

„Ja, gern Meister!“

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

24. Ambivalenz gehört zum Menschsein

Bei Joel – Achterbahn-Gefühle

An diesem Abend war Mari besonders aufgeregt. Was würde heute geschehen? Sie war bei dem voran gegangenen Treffen gefragt worden, ob ihr vor etlichen Wochen geäußerter Wunsch, ihre Angst  und vor Männern und vor erotischer Nähe abzubauen immer noch gültig sei. Sie hatte in sich hinein gespürt und wahrgenommen, dass sie diesen Weg sogar mit all der Angst, die damit verbunden war, weitergehen wollte – diesen Weg, der mit Spielen von liebevoll ausgeüber Macht gepflastert war – in denen Joel eine charismatische Meistergestalt einnahm.

Heute fand sie beim Eintreten ins Wohnzimmer zwei sich gegenüber stehende Stühle vor, und Joel erklärte ihr: „Ich dachte mir, heute redest du einmal nur mit dem Meister – ganz ohne irgendeine Aktion oder Aufgabe“ , sagte er und legt die Hände auf die Lehne des einen Stuhls. Mari war erleichtert. Also heute würde die Herausforderung noch nicht allzu groß werden… Sie war Joel dankbar, dass er ihr das schon vor dem Spiel sagte, so konnte sie jetzt etwas entspannter an dieses Gespräch mit dem Meister heran gehen.

Joel lächelte Mari an: „Setz dich auf einen der beiden Stühle, Mari, das Spiel beginnt.“

Mari nahm ihrem Meister gegenüber Platz. Dieser lehnte sich entspannt zurück, schlug die Beine übereinander und schaute Mari freundlich an. 

Wie meistens fiel es Mari schwer, das Schweigen auszuhalten. Würde er doch zu reden anfangen, das Schweigen ist so unbehaglich, dachte sie…

Sie musste nicht lange warten. Er eröffnete das Gespräch rückblickend auf das letzte Treffen mit den Worten: „Ich habe mich sehr über dein Ja in unserer letzten Sitzung gefreut!“

„Danke, dass du das sagst, allerdings ist es mir nicht ganz leicht gefallen“, bekannte sie leise.

Das glaube ich! Deshalb hat es mich um so mehr gefreut, weil ich weiß, dass es ein großer Schritt war.“

Mari freute sich über sein Verständnis und die Anerkennung. „Danke für dein Verständnis, Meister!“

Mit welchem Gedanken, bist du heute gekommen?“ fragte er sie, beugte sich etwas vor und lächelte sie ermutigend an.

Sie erzählte ihm von ihrer Angst, dass die Herausforderungen nach dem letzten Gespräch nun intensiver werden würden und sie die vor ihr liegenden Schritte, die sie näher an den Bereich der Erotik führen würden, fürchtete, obwohl sie sich das ja auch wünschte…

„Bisher sind wir doch mit kleinen, behutsamen Schritten vorwärts gegangen, oder?“

Mari nickte, ja das stimmte, und dennoch waren ihr selbst diese manchmal schwer gefallen.

„Warum sollte sich das künftig ändern?“ fragte er freundlich.

„Na, ich dachte, wenn jetzt diese Frage ausgesprochen wird , dann ist das wie…wie… als wenn jetzt die Hürden größer werden sollen, als würden ab jetzt Anforderungen kommen, die dadurch dass sie noch viel stärker in diese erotische Richtung gehen, für mich noch schwieriger werden, und es war bisher schon nicht leicht!“

„Nein, ich weiß, dass es nicht leicht war für dich, und ich möchte dir sagen, dass ich beeindruckt bin, wie du bisher deine Schritte gegangen bist! Ich werde darauf achten, dass – gerade auch wenn es in Richtung Erotik geht – die Schrittchen schön klein bleiben und möglichst immer machbar sind. Und wenn etwas nicht so geht, dann sagst du es mir und ich finde eine Alternative – so lange bis es geht. Na, wie klingt das?“

„Ich danke dir, für deine Zusage, und dass du das gemerkt hast, dass vieles nicht leicht war… Ich komme mir immer so dämlich dabei vor, wenn ich wieder Angst bekomme, obwohl ich es besser wissen müsste, aber das verselbstständigt sich dann immer irgendwie, da habe ich kaum Einfluss drauf“, erklärte Mari
 
„Du solltest nicht so streng mit dir sein Mari, ich finde es völlig ausreichend, wenn ich „streng“ mit dir bin“, sagt er mit einem lächelnden Augenzwinkern und malte zwei Gänsefüßchen in die Luft.
 
„Ich wollte dir ja nur erklären, was in mir vorgeht, eigentlich bin ich nicht streng zu mir, sondern eher manchmal verzweifelt“, erklärte sie traurig.
 
„Du hast dich gerade dämlich genannt“, machte er ihr bewusst, „das ist kein liebevoller Umgang mit dir selbst. Das wichtigste ist, dass du einen liebevollen Umgang mit dir findest, nur dann kannst du auch gut den liebevollen Umgang anderer annehmen.“
 
Betroffen schaute Marie auf den Teppich. Ja, damit hatte der Meister recht. Das war ihr gar nicht aufgefallen, und sie sagte: „Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst.“
 
„Ich finde, du solltest dich bei dir selbst entschuldigen, Mari. Sei sanft mit dir und nimm dich mit allem, was du fühlst, liebevoll an.“

 

Obwohl sich das seltsam anfühlte, sprach Mari mit sich selbst: „Entschuldige Mari, es tut mir leid, dass ich dich gerade dämlich genannt habe. Ich meinte das eigentlich gar nicht so und will künftig besser darauf aufpassen, wie ich mit spreche.“

Bestätigend nickte Joel ihr zu. „Das war gut und wichtig!  Du hast dich gerade selbst verletzt, und auch wenn es sich etwas seltsam anfühlt, sich bei sich selbst zu entschuldigen, hilft dann. Denn so kannst du es gleich wieder ausgleichen. 
Du solltest stolz auf dich sein, Mari, auf deinen Mut, und deine Entschlossenheit! Kannst du mir sagen, dass du mutig bist?“

Obwohl es ihr etwas schwer fiel, sprach sie es aus: „Ja, Meister ich bin mutig“

„Das ist viel hilfreicher, als wenn du dich herab würdigst. Da ist doch Energie drin!“ lobte er sie.

„Danke, Meister, ich weiß, Mut ist nötig, wenn man eine Angst auflösen will, und da ich jedoch nicht fühlen kann, dass ich mutig bin, muss ich es mir eben immer wieder einmal sagen.
 
Fühlst du es nicht? Fühlst du nicht die Kraft in dir? Die Kraft die dich neulich hat Ja sagen lassen, die Kraft die dich heute hier her geführt hat?“
 
Mari überlegte und suchte nach Kraftmomenten… Schließlich meinte sie: „Neulich konnte ich die Kraft für einen Moment spüren, kurz bevor ich ja gesagt habe, heute habe ich wieder mehr die Angst gespürt auf dem Weg hierher…“
 
„Aber du bist den Weg gegangen!“ Also war die Kraft größer als die Angst! Und auch der Mut war größer als die Angst! Das verdient Anerkennung – auch von dir!“
 
Mari überlegte… „Das ist seltsam, klingt logisch, und dennoch fühle ich diese Kraft eigentlich gar nicht so bewusst. Aber sie mussja da sein, sonst wäre ich nicht hergekommen… Da hast du recht!  Was könnte ich nur tun um sie stärker spüren zu können?“
 
„Nun, zunächst solltest du dir bewusst machen, wie viele Entscheidungen du triffst und bereits getroffen hast, zu denen Mut gebraucht wird, und sie auf diese Weise aufmerksam wahrnehmen.
In dir steckt ein großer Wunsch, eine tiefe Sehnsucht, ein zentrales Bedürfnis, und das verleiht eine sehr große Kraft. Daran solltest du denken, wenn du dich schwach fühlst… und an all die Dinge, die du schon getan hast, von denen du gedacht hast, du könntest es nicht. Auch hier steckt so viel Kraft drin, so viel Entschlossenheit!“
 
„Okay, ich werde versuchen daran zu denken, wenn ich wieder Angst bekomme.“
 
Also, mutige Mari, was ist eine positive Erinnerung, wenn du an Erotik denkst?“

 

Uff! Mari überlegte… das war ja gerade das Problem, dass sie bisher kaum positiven Erfahrungen damit gemacht hatte… aber… 
„Hmm, ich kann es als schön empfinden wenn ich mich selbst berühre“, bekannte sie. „Ich glaube das ist auch was, was zum Thema Erotik dazu gehört, obwohl es mir sehr peinlich ist, das auszusprechen.“

Oh ja, das gehört dazu,“ bestätige ihr Meister, „und das ist nichts Peinliches! Du sagtest, du kannst es als schön empfinden, Was meinst du damit genau, Mari“

Na, das sind angenehme Gefühle – Gefühle, die sich lebendig anfühlen – und ich bin dabei frei , und keinem Mann ausgeliefert!“ Marie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und fühlte sich  unbehaglich.

„Und doch möchtest du diese Gefühle auch mit einem Mann erleben, einem Mann, der dominant ist“, stellte ihr Meister lächelnd in den Raum.
 
„Ich weiß, das ist ein Widerspruch, und dennoch ist es so. Das ist ja das Verrückte, das ich selbst nicht verstehe: Vielleicht möchte ich das auch nicht, vielleicht möchte ich diese Führung nur in anderen Themen erleben – so wie bisher. Manchmal ist ja in der Fantasie etwas ganz anders als in Wirklichkeit…
 
Wenn du diesen Widerspruch benennst – wie fühlt sich das für dich an?“
 
„Als sei etwas mit mir nicht in Ordnung. Wie kann ich etwas wollen und gleichzeitig nicht wollen?!“
 
„Nun, wann immer du feststellst, dass du es nicht möchtest, bitte ich dich, es mir zu sagen.“
 
Da bin ich erstaunt, das sagst du mir??? Das darf ich? Innerhalb dieser Spiele?“
 
Ja, Mari., das darfst du! Ich möchte dich führen und dich nicht zu etwas zwingen. Und was deinen inneren Widerspruch anbelangt…“
 
Marie kamen die Tränen vor Erleichterung. Diese Worte berührten sie tief.
 
Ich erwarte von dir zwar eine Form von Unterwerfung, sonst hätte unser Miteinander hier im Aspekt der von dir gewünschten Machtspiele ja keinen Sinn, aber nur bis dorthin, wie weit du gehen willst und kannst.“ 
 
„Danke Meister, ich werde mein Bestes tun!“
 
„Das weiß ich, und das spüre ich, Mari.“ Joel lächelte, „Und was nun diesen von dir angesprochenen Widerspruch anbelangt – ach weißt du, Mari… schon der alte Goethe wusste um die zwei Herzen in der Brust. Ambivalenz ist etwas ganz Menschliches. Hilfreich ist es, wenn man sich der verschiedenen Stimmen in sich selbst bewusst ist und beide Seiten annimmt, sie im besten Fall als die gegensätzlichen Pole eines gemeinsamen Themas ansieht.“
 
Maris Augen wurden heller. „Das tut ja vielleicht gerade gut!!! Wenn es mir so geht wie Goethe kann ich ja gar nicht so verkehrt sein. Dieser Widerspruch in mir zwischen Angst vor Autorität und gleichzeitiger Affinität dorthin begleitet mich tatsächlich schon seit meiner Kindheit, und ich habe oft gedacht mit mir stimmt irgendetwas nicht… Dieses Macht-Thema hat mich nie losgelassen.“
 
„Viele sehen in der Macht auch eine besondere Form von Erotik. Es ist folglich verständlich, dass auch für dich hier eine Verbindung besteht. Wie die aussieht, das werden wir gemeinsam herausfinden.“
 
Bei diesen Worten spürte Mari wieder deutlich, wie sich die Seite der angstvollen Aufregung meldete und ihr fiel nichts ein, was sie darauf sagen konnte.
 
„Ich freue mich drauf! Und das Spiel ist jetzt beendet“, sagte Joel lächelnd.

Mari atmete auf. „Ich fühle mich wie in der Achterbahn, Joel!“

Wie viel leichter es sich doch für sie anfühlte, mit Joel außerhalb der Meisterrolle zu sprechen. Und dennoch… sie hätte es vermisst, dem Meister, der er für sie verkörperte, nicht mehr zu begegnen.

„Und fühlt sich das eher angenehm oder eher unangenehm für dich an?“
 
„Weder noch, irgendwo dazwischen… ziemlich lebendig einerseits und beängstigend andererseits“, antwortete sie. „Ach, Joel, könntest du mich vielleicht, wenn du das auch magst, mal in den Arm nehmen?“
 
Joel lächelte: „Das mache ich liebend gern!“ Er stand auf und umarmte sie.
„Hmm, Mari, gönne dir ruhig das Lebendig-sein. Das ist doch etwas sehr Wertvolles!“
 
Marie hielt sich einen Moment ganz fest an Joel, so als wenn sie gerade in dieser Achterbahn saß, und etwas zum festhalten brauchte. Und er hielt sie ganz fest, um ihr den Halt zu geben, den sie jetzt brauchte…
 
Geschrieben von Rafael und Miriam – vielen Dank für die gute Zusammenarbeit! 
 
 

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 
 
 

23 Der „innere Meister“ bringt Klärung

Bei Mari zuhause – eine entscheidende Antwort

Still und gedankenverloren saß Mari Joel gegenüber. Es war ein entscheidender Schritt, den sie nun tun musste… Dabei konnte er ihr nicht helfen. Er konnte einfach nur da sein und warten – ihr in seiner Präsenz zeigen, dass alles okay ist.
Okay wäre es, wenn sie nein sagte.
Okay wäre es, wenn sie ja sagte.
Und okay war es, wie lange sie auch immer zu ihrer Entscheidung brauchen würde.

Auf dem Spaziergang, von dem sie gerade zurück gekommen waren, hatte Joel sie gefragt, ob sie diesen Weg der Machtspiele und Vertrauensübungen mit ihm weitergehen wolle, und ob sie noch immer das Anliegen hatte, dabei auch den Bereich der Erotik einzubeziehen, wohl wissend, wie stark ihre Ängste in diesem Bereich waren.
Ja, genau aus diesem Grund brauchte er und brauchte vor allem sie selbst es, dass sie sich noch einmal bewusst und deutlich dazu bekannte und ihren Wunsch diesbezüglich bekräftigte.

Joel würde mit ihr weitergehen, das hatte er ihr deutlich gesagt.
Aber er wollte, dass sie sich ihrer eigenen Entscheidung ganz bewusst war, dass sie noch einmal ganz klar die Verantwortung dafür übernahm, um dann einen Teil dieser Verantwortung in seine Hände legen zu können.
„Nur von dem, was du bewusst in der Hand hältst, kannst du etwas abgeben,“ hatte er ihr erklärt.

Jetzt war es an ihr, JA oder NEIN dazu zu sagen.
Sie spürte nach innen… War diese Stimme, die sie ab und zu mal in ihren Gedanken vernahm, jetzt auch da?
Sie hatte ihn ihren „inneren Meister“ genannt.

Meister in mir, was sagst du zu dieser Frage?
Kurz nachdem sie die Frage nach innen gerichtet hatte, „hörte“ sie diese Stimme, die sie fragte:
Wie würde es sich anfühlen, wenn du den Weg abbrichst an dieser Stelle?
Sie hatte ein trauriges, leeres, graues Empfinden.
Wie würde es sich anfühlen, jetzt JA zu sagen?
Etwas in Mari kribbelte aufgeregt lebendig.
Sie war schon so lange in ihrem Leben vernünftig und vorsichtig gewesen.
Jetzt wollte sie etwas anderes. Sie wollte das Lebendige, das Abenteuer, die Herausforderung – mit allen Ängsten, die auch dabei waren. Das spürte sie jetzt ganz deutlich.

Ja, du mein innerer Meister, mein Ratgeber, ich bin bereit!  hörte sie sich denken.
Und:
„Ja, Joel,“ hörte sie sich sagen, „ja, ich stehe zu dem, was ich anfangs vor einigen Wochen sagte: ja ich bin bereit!“

Joel nickte lächelnd, reichte Mari die Hand und antwortete ihr: „Ja, Mari, und ich bin an deiner Seite!“

Als sie seine angebotene Hand nahm, gab er ihr einen hauchzarten Kuss darauf, ließ sie wieder los und sagte: „Das Spiel beginnt.“

Nun war es der Meister, der ihr gegenüber saß, und sie fragte: „Gilt dein Ja auch für mich?“

Mari schaute ihn an, sah in seine klaren, kraftvollen Augen, spürte das ihr nun schon bekannte Gefühl der Aufregung, das sich in ihr ausdehnte und nahm allen Mut zusammen: „Ja, Meister, mein Wunsch gilt auch für dich.“

Ihr Meister nickte lächelnd: „Was ist dein Wunsch, Mari? Was genau möchtest du mit mir erleben?“

Uff, dachte Mari, warum muss er es mir immer so schwer machen???
Was sollte, was wollte sie dazu sagen? Wie diese Frage beantworten?
„Ich möchte mit dir lernen, meine Ängste vor Männern und vor Körpernähe zu verlieren.“

„Und wenn du auf diesem Weg bist, und die Ängste wären weg oder – sagen wir weitaus weniger einschränkend – was wäre dann? Was wäre, wenn du keine Angst mehr hättest? Was würdest du dann wollen?“

„Ich würde gern Erotik ohne Angst erfahren wollen.“

„Und wenn du das „würde“ und „wenn“ wegließest und es positiv formulierst?
Was willst du Mari?“

„Ich will, dass es mir gelingt, Erotik voller Vertrauen genießen zu können.“

„Das war klar,“ lächelte er zufrieden.

„Und was ist mit der Erfahrung von Macht und Hingabe? Willst du durch mich weiterhin die Erfahrung machen, von einer wohlwollenden Autorität geführt zu werden?“

„Ja, Meister, das will ich. Ich möchte weiterhin von dir geführt werden und will dir folgen so gut ich kann – du weißt ja… nach meinen Möglichkeiten.“

Joel lächelte :
„Ja, Mari, ich weiß!
Alles nach deinen Möglichkeiten und in deiner Zeit!

Und das ist völlig in Ordnung!
So sei es!“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

22. Mari entdeckt ihren „inneren Meister“

Spaziergang mit einer zentralen Frage

„Guten Abend, Mari“, Joel trat lächelnd ein, blieb aber anders als bisher im Flur stehen.

„Grüß dich, Joel, komm doch rein!“  Mari spürte wieder dieses Gefühlsgemisch aus Freude und Aufregung, so wie es meistens  war, wenn die beiden sich trafen.

„Heute würde ich gern einen kleinen Spaziergang mit dir machen, okay?“

„Ja, klar, können wir machen…“ antwortete Mari verwundert. 
„Äh – gehe ich mit dir als Joel oder als dem Meister spazieren?“ fragte sie etwas verunsichert.

Joel lachte und gab die Frage zurück. „Mit wem würdest du denn gern spazieren gehen?“

„Mit dir, Joel!“ kam prompt die Antwort, während Mari sich Jacke und Handtasche schnappte.

Unten angelegt, nahm er ihre Hand und führte sie in Richtung des nahegelegenen Parks.

„Hier ist es schön ruhig,“ meinte er, und sie freute sich über diesen besonderen Auftakt ihrer heutigen Begegnung. 

„Weißt du noch, Joel, hier sind wir vor etlichen Wochen auch spazieren gegangen, als wir uns kennengelernt haben…“

„Ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut, Mari“, antwortete er nachdenklich. „Ich habe nicht ganz ohne Grund diesen Weg eingeschlagen für unseren kleinen Spaziergang…“

Gespannt und nun etwas unruhig geworden schaute Mari ihn von der Seite an und wartete darauf, dass er weiter sprach.

„Es war ja ein ganz besonderer Deal, den wir miteinander besprochen hatten…“

Mari wurde nervös… Was würde jetzt kommen? Der Deal war Englisch-Unterricht gegen Lektionen in Selbsterfahrung und Vertrauen… So fasste sie es kurz für sich zusammen.

Dear teacher, do you think that I am a good student by learning the English language?“ brachte Joel+ langsam heraus.

„O yes, Joel, you are a very good and hardworking student in learning the english language“ bestätigte sie, lächelnd den kleinen Fehler korrigierend.

„Ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder etwas mehr bei dir gelernt habe,“ erklärte Joel. „Hab vielen Dank, dass du mir das möglich gemacht hast, denn wie du ja weißt, hatte ich in den Jahren davor schon mehrere Anläufe gemacht, die Sprache zu lernen und es hat nie geklappt. Du bist echt eine super Lehrerin! Nur deiner Geduld und deiner speziellen Lehrmethoden habe ich es zu verdanken, dass ich nun den Einstieg ins Englische geschafft habe.“

Mari schaute ihn nachdenklich an. Er hatte in der kurzen Zeit viel gelernt – und konnte sich auf die Schulter klopfen. Dass er mit ihr als Lehrerin zufrieden war, freute sie.
Aber was war umgekehrt…? Dass sie als Lehrerin einiges in Gang bringen kann – ja, das wurde ihr schon oft signalisiert und dessen war sie sich inzwischen dankbar bewusst. Aber in der Rolle der Schülerin? Da empfand sie sich mit Abstand als nicht so gut wie Joel als Schüler…
Sie wurde traurig…. Ja, es war ihr gelungen, etwas Vertrauen zu fassen zu Joel und sogar auch zu dem „Meister“, dessen Rolle er für sie in ihren besonderen Spielen verkörperte… Aber das war noch sehr wackelig und sie stürzte immer wieder einmal in heftige Ängste. Dabei war das, was hinter ihr lag noch vergleichsweise harmlos im Vergleich zu dem, was sie noch vor sich hatte. 

Ich hätte inzwischen mehr schaffen sollen… mich mehr zusammen nehmen müssen… lockerer werden… mir mehr Mühe geben…  Ich hätte ihm meine vielen Ängste vielleicht nicht so deutlich zeigen sollen… Aber – anders geht es doch gar nicht – gerade nicht auf diesem Weg, in dieser Thematik… jedenfalls nicht für mich… Deshalb habe ich mich ja auf diesen Weg begeben…

„Mari, was geht in dir vor? Du wirkst plötzlich weit weg – und… irgendwie niedergeschlagen.“ fragte Joel. Ich dachte, es wäre gut, dir zwischendurch mal ein Feedback zu geben und habe heute morgen sogar Tante Google gefragt, wie ich das in Englisch hervor bringen könnte!“
Etwas schelmisch lächelten seine Augen, doch war auch die Betroffenheit über ihr Befinden deutlich spürbar.

„Na ja…“, druckste Mari herum, „ach, Joel… Du bist ein wunderbarer Schüler! Trotz deiner anfänglichen Hemmungen im Lernen dieser Sprache bist du schon so weit gekommen in der kurzen Zeit! Und ich… ich bin ja in unseren Spielen auch eine Art Schülerin…“

„Ja,“ bestätigte Joel, „ich würde sagen, du bist eine Schülerin im Fach „Vertrauen“ – was meinst du dazu?“

„Hmm, das trifft es wohl genau. Und ich habe längst nicht so viele Fortschritte gemacht wie du. Ich schäme mich meiner Ängste, die immer wieder so häufig und so heftig aufflackern und es dir und mir oft so schwer machen. Eben dachte ich darüber nach, wie unangenehm sich das wohl für dich anfühlen mag… Ich könnte verstehen, wenn du keine Lust mehr hast, mit mir diesen Deal weiter zu verfolgen… Vielleicht ist es ja das, was du mir sagen willst auf diesem Spaziergang?!“

Joel blieb stehen, drehte sich so zu Mari, dass sich beide gegenüber standen, und sah ihr in die Augen.
„Nein, Mari, das ist es keinesfalls, weshalb ich dieses Gespräch mit dir begonnen habe. 
Und es ist keinesfalls wahr, dass du so wenig Fortschritte gemacht hast!
Und selbst wenn es stimmen würde, wäre es für mich überhaupt kein Grund, abzubrechen. Im Gegenteil, ich würde nach neuen Möglichkeiten und Chancen suchen… aber…
und Jetzt kommt das große „Aber“…

Mari senkte den Kopf.

„Schau mich bitte an, Mari,“ bat er sie freundlich, „aber es funktioniert nur, wenn du es weiterhin willst – und dir dessen bewusst bist, dass du es bist, die letztendlich all das selbst möchte, was dir so oft wie eine große Hürde erscheint. Und diese Frage ist es, die ich dir heute stellen wollte. Sei sicher, ich möchte dich weiter auf diesem Weg führen, begleiten, unterstützen, annehmen und wenn nötig auch trösten, wenn die Gefühle mal wieder aus dem Ruder laufen. Es ist mir jedoch wichtig, dass dir immer bewusst bleibt, oder – wenn du es zwischenzeitlich vergisst, dass dir immer wieder bewusst wird, dass ich die Dinge – besonders wenn ich in der Meisterrolle bin – tue, weil du mir den Auftrag dazu gegeben hast.“

Mari schaute ihm forschend in die Augen… Ja, es ist wahr, was er sagt, dachte sie. Er meint wirklich, was er sagt. Er will es! Und ich? Wie sieht es in mir aus unter all diesen schwierigen Gefühlen? Was will ich? Was will ich wirklich?

Trau dich!  hörte und fühlte sie eine klare Stimme in sich. War das eine Ratgeber-Stimme? So etwas wie ihr „innerer Meister“?
Ja, ein guter Begriff, flüsterte es in ihr. Du kannst mich alles fragen! Gern kannst du mich als deinen „inneren Meister“ bezeichnen. Das passt!

Joel zog sie auf eine Bank und sagte zu ihr: „Wir haben inzwischen einiges miteinander erlebt . Mein Eindruck ist, dass dein Vertrauen sowohl zu mir als auch zu der Meisterrolle, die ich verkörpere, ein schönes Stück gewachsen ist. Wir haben dazu Rituale und Vertrauensübungen gemacht, und du kannst inzwischen einiges mehr annehmen als am Anfang. Weißt du noch, wie du bei unserem ersten Treffen bei mir aus der Wohnung gerannt bist…?“

Beide lachten. Es stimmte, sie hatten schon einiges miteinander erlebt und durchgestanden.

„Und nun ist die Frage, Mari, willst du weiter gehen? Du hattest mir anfangs gesagt, dass du mit  einem Mann auch auf der erotischen Ebene angstfreier als bisher umgehen würdest. Wenn wir uns künftig auch an dieses Thema, das ja bisher von mir kaum berührt wurde, heran tasten wollen, muss dir bewusst sein, dass du es willst, damit die Voraussetzung gegeben ist, dass du dich von mir weder als Joel noch als Meister bedrängt oder gar benutzt fühlst. 
Und diese Frage ist es, die ich dir heute stellen möchte und stellen muss. 

Gilt dein Auftrag an mich immer noch? Willst du mit mir in welcher Rolle und in welcher Weise auch immer diesen Weg der Vertrauensübungen und Machtspiele weiter gehen, der ja irgendwann dann, so wie du es dir gewünscht hast, auch ins Land der Erotik führen wird?

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge


 

 

21. Ein Ritual für´s innere Kind

Bei Mari – Eine Erfahrung von Geborgenheit

„Ich möchte heute etwas für dein inneres Kind tun, Mari,“ sagte Joel, der für Mari wieder die Rolle des Meisters eingenommen hatte nach seiner Begrüßung zu Mari, die er zuvor angewiesen hatte, heute ihr liebstes Stofftier auszuwählen und im Wohnzimmer bereit zu halten. Sie hatte sich darüber gewundert und sich für ihren alten Stoffaffen entschieden, der schon als Kind ihr Gefährte war. Nun saß dieser auf  ihrem Regal. Joel nahm mit ihr auf der Couch Platz. Gespannt sah Mari ihn an. Was würde nun kommen?

„Nimm bitte dein Äffchen und setze es zwischen uns – hier auf das gelbe Kissen, Mari.“
Sie folgte wortlos der Anweisung ihres Meisters. Joel lächelte.

„Lass uns zur Einstimmung ein paar Töne summen.“ Leise begann er zu summen und Mari verlor ihre anfängliche Scheu und summte mit. ALs die Töne verklungen waren, sagte Joel: „Stell dir jetzt vor: dieses Tierchen bist du, noch genauer: Es sitzt hier stellvertretend für dein inneres Kind. Erinnere dich daran, wie du früher genannt wurdest, vielleicht gab es ja einen Kosenamen, eine Abkürzung oder Abwandlung deines Namens und sprich ihn damit an. Sag: „Du bist jetzt…“

„Linchen,“ flüsterte Mari bewegt.

Joel berührte das Äffchen mit einer liebevollen Geste. Der Zauber dieses Abends begann. Mari setzte ihren Gefährten aus der Kinderzeit auf das Kissen vor sich und sagte zu ihm: Du bist jetzt ich als das kleine Linchen.

Dann bat Joel Mari, zu dem alten Stofftier, das sie nun als „Linchen“ begrüßt hatte, in der Weise zu sprechen, wie sie es sich gewünscht hätte, dass man als Kind zu ihr gesprochen hätte. Sie sollte ihm alles sagen, was sich das kleine Mädchen von damals, das noch heute mit all den alten Gefühlen in ihr lebte, gewünschte hätte zu hören.

Mari überlegte einige Augenblicke lang. Dann begann sie leise zu dem Affen zu reden: „Liebes kleines Linchen, du bist ein so wertvolles Wesen, alles an dir ist richtig. Ich habe dich lieb genauso wie du bist. Du brauchst dich um niemanden zu kümmern, außer um dich selbst. Trau dich, all‘ deine Wünsche zu äußern. Das darfst du!  Wenn ich sie auch nicht alle erfüllen kann, so dürfen sie aber doch da sein. Du kannst mir alles sagen, aber du musst es nicht. So wie du es machst, so ist es in Ordnung – immer! Ich sorge für dich! Du bist in mir ganz sicher… ganz geborgen und behütet…. Du bist ein so liebenswertes Mädchen, so zart – und manchmal auch so wild. Du darfst dich fühle, wie auch immer du dich fühlst. Du darfst auch wild sein… und neugierig! Auch das ist in Ordnung! Und du musst nicht bescheiden sein. Greif ruhig nach den Sternen. Du darfst alles wollen – und dein Wollen und Nicht-Wollen zum Ausdruck bringen. Ich habe dich so sooo lieb mit all‘ dem…“

Nachdem Mari alles gesagt hatte, was für sie wichtig war, vergingen einige Minuten liebevollen Schweigens, in denen die Worte im Raum ihres Herzens nachklangen. Sie spürte die Kraft, die von ihrem Herzen ausging, das das, was gerade geschah, in Liebe annehmen konnte. Joel begleitete sie in den Ritual still mit geschlossenen Augen und seinem offenen Herzen. Nach einigen Minuten bat er sie leise, nun in die Rolle ihres inneren Kindes zu schlüpfen und das kleine Mädchen von damals, das noch heute in ihr wohnte, zu Worte kommen zu lassen.

Und Mari wurde zu Linchen. Mit leiser, dünner Stimme sagte sie: „Ich habe immer so große Angst etwas falsch zu machen. Ich fühle mich oft so klein, so unzulänglich und unsicher. Dabei sehne ich mich danach, irgendwo ganz sicher zu sein, gehalten zu werden, ganz lange in liebenden Armen. Und dass jemand zu mir sagt: `Du musst überhaupt keine Angst haben… auch nicht fürchten, dass du was falsch machst. Du kannst sein wie du bist – wie auch immer.` Und ich möchte irgendwo bei einem  liebevollen Menschen geborgen und gut aufgehoben sein, der so stark ist, und so lieb, dass ich nie wieder Angst haben muss… Ich will nicht mehr dauernd überlegen müssen, was richtig ist was falsch, was ich sagen darf und was nicht, und ob ich vielleicht irgendetwas Wichtiges versäumt habe oder was gemacht habe, was jemanden nicht gefällt oder traurig macht. Ich will endlich die Angst los sein, immer irgend etwas falsch zu machen… Dieses Hin- und Her-denken, ob alles, was ich gesagt und getan habe in Ordnung war, ist so quälend. Jeden Tag überlege ich, ob alles okay war, ob ich nichts falsch gemacht habe. Und ich bekomme so schnell ein schlechtes Gewissen, was mich plagt. Ich wünsche mir, dass jemand, dem ich glauben und vertrauen kann, zu mir sagt: „Es ist alles in Ordnung. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, nie, nie mehr…“

Tränen rannen über ihr Gesicht, und heftiges Schluchzen ließ ihren Körper erbeben. Joel rückte  nahe an sie heran, schaute sie kurz fragend an – und auf ihr Nicken hin nahm er sie in den Arm während sie weinte. All den angestauten Druck konnte sie an seiner Schulter herausbringen. Und sie dachte in diesem Moment nicht darüber nach, ob das so in Ordnung wäre oder nicht… Sie war das kleine Mädchen, das das zum Ausdruck brachte, was es fühlte – hemmungslos – unkontrolliert…

Er streichelte dabei sanft ihren Kopf und ließ sie spüren, dass er annahm, was sie ihm offenbarte. Eine lange Weile saßen sie so beieinander. Als ihr Weinen langsam nachließ, sprach er zu ihr wie zu einem Kind:

„Du Liebes, es ist gut – alles ist gut.
Auch deine Tränen sind willkommen.
Hier mit mir, in diesem geschütztem Raum, darfst du einfach so sein wie du bist.
Du musst nicht mehr darüber nachdenken, was richtig und was falsch ist, denn es gibt gar kein falsch.
Du darfst alles sagen und zeigen, was du fühlst.
Ich mag dich so wie du bist! Immer – ganz egal, was du tust oder nicht tust!
Ich mag dich, auch wenn du einen Fehler machst!
Ich mag dich, auch wenn du eine Regel brichst…
Ich mag dich unabhängig von dem, was du sagst oder tust.
Ich mag dich immer – so wie du bist!“

Bei diesen Worten begannen ihre Tränen erneut zu fließen – sie drückten das aus, was ihrer tiefsten Sehnsucht entsprach – endlich angenommen zu sein – sogar von einem Mann. Diese Sicherheit hatte ihr ihr Vater niemals vermitteln können und auch kein anderer Mann bisher in ihrem Leben. Vorsichtig öffnete das innere kleine Mädchen von Mari ihr Herz.

Wieder sagte Joel: „Ich mag dich so wie du bist, darauf kannst du dich immer verlassen, kleines Linchen, immer!“

Nahezu fassungslos schaute sie ihn mit tränennassen Augen an. Er nickte und erwiderte ihren Blick offen und liebevoll.

Dann sagte er leise zu ihr: „Und jetzt gehe mit deinem Bewusstsein wieder in die erwachsene Mari hinein. Schließe deine Augen und stell dir vor, wie du das kleine Linchen in dich hinein nimmst und es mit deiner ganzen Liebe erfüllst. Vielleicht magst du das mit einer kleinen symbolischen Geste auch richtig tun. Und dann stell dir vor, wie du es in deine Liebe einhüllst wie mit einem wunderschönen Licht – bis es strahlt, bis es das glücklichste Kind ist, dass du dir nur vorstellen kannst. Dabei kannst du ihr noch einige liebe Worte sagen, die dir jetzt besonders am Herzen liegen.“

Mari schloss ihre Augen und stellte sich tief in ihrem Inneren sich selbst vor, wie sie als kleines Mädchen war, legte sich die Hände auf den Bauch und ließ ihre Liebe wie einen Lichtstrahl, den sie sich vorstellte, durch die Bauchdecke hindurch strahlen….

Nach einer kleinen Weile begann sie zu lächeln. Dabei sagte sie zu Linchen leise:
“Du bist in mir ganz sicher, du mein kleines Mädchen.
Ich behüte dich und schütze dich so gut ich kann, und was ich nicht allein vermag, das kann eine größere Kraft, die in unserem Herzen wohnt.
Wir sind nicht allein.
Und du kannst ganz sicher sein: Ich liebe dich so wie du bist – immer!
Du mein kleines inneres wunderbares Mädchen, ich hab dich so lieb!“

Ganz ruhig wurde Mari bei den Worten, und diese liebevolle Ansprache für ihr inneres Kind, sowie ihre Liebe, die sie sich als einen Lichtstrahl vorgestellt hatte,  verliehen ihr eine friedvolle Kraft, die sich sehr gut anfühle. Schließlich öffnete sie ihre Augen. Als sie sah, dass Joel seine Augen noch geschlossen hatte, fühlte sie sich irgendwie beruhigt. Es war ihr angenehm, dass er sie während ihrer inneren Zwiesprache nicht beobachtet hatte. Sie empfand es als einen Ausdruck von Diskretion und Respekt ihr gegenüber.

Schließlich beendeten sie das Ritual, indem sie gemeinsam wieder einige Töne summten. Als der letzte Ton verklungen war, öffnete Joel die Augen, lächelte Mari an und meinte: „Jetzt würde ich dich gern noch ein wenig in meinen Armen halten, aber zuvor sollten wir deinem Äffchen noch ein gutes warmes Plätzchen bereiten. Entlasse ihn bitte aus der Rolle von Linchen, das ja in dir wohnt.“
„Du bist jetzt wieder mein Äffchen,“ sagte Mari lächelnd. „Mein Linchen wohnt in mir.“
Joel nicke holte aus einer Schublade eine buntes weiches Tuch und reichte es Mari. „Wie wär’s, wenn du deinen Freund jetzt mit seinem Kissen in die Sofaecke legst, und ihn vielleicht noch in dieses Tuch hüllst, um ihn richtig schön einzukuscheln?“

Mari folgte seiner Idee, legte ihren Affen auf das Kissen und drapierte das flauschige Tuch so um ihn herum, dass er gut eingekuschelt in der Sofaecke lag. Das behütete Bild, das daraus entstand, berührte ihr Herz und sollte sich tief in ihr Unterbewusstsein einprägen.

Es mutete sie seltsam schön an, mit Joel als ihrem Meister eine solch verspielte kindliche Erfahrung geteilt zu haben – auf seine Anregung hin! Das war ein ganz besonderer, zauberhafter Moment, als sie beide – ganz nah beieinander – dieses berührende Bild des wohlig eingekuschelten Stofftiers in sich aufnahmen. Joel ließ ihr Zeit, es in sich wirken zu lassen. Behutsam legte er seinen Arm um Mari, die sich ohne nachzudenken an ihn anlehnte und die Magie dieser ganz besonderen Situation tief einatmete…
In diesem Moment war ihre Angst ganz still und sie fühlte sich auf wundersame Weise geborgen…

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

20. Fehler und ihre Folgen

 Bei Joel – Schmerzliche Unzulänglichkeitsgefühle aus der Kindheit tauchen auf

Wieder einmal hatte Joel in seiner Funktion als Meister Marie die Augen verbunden. Jedes Mal wenn er das tat, stieg ihre ohnehin schon vorhandene Aufregung heftig an.

„Marie, du hast jetzt im Moment nichts weiter zu tun, als auf der Couch sitzen zu bleiben und wahrzunehmen, was du hörst und wie du dich fühlst,“ erklärte ihr Joel mit ruhiger Stimme.

Sie nahm wahr, wie er aufstand und im Zimmer umherging. Es raschelte an einer Stelle, es klapperte an einer anderen Stelle, dann war es einen Moment lang ruhiger, und wieder hörte sie aus den verschiedenen Stellen des Zimmers unterschiedliche leise Geräusche .

Was tat er da? Am liebsten hätte sie ihn gefragt, aber glücklicherweise konnte sie sich diesmal rechtzeitig zurückhalten und stellte keinerlei Fragen.
Das ist mir jetzt gelungen, freute sie sich im stillen und musste für einen kleinen Moment schmunzeln.

„Es freut mich, dich lächeln zu sehen Mari!“
In diesem Moment setzte sich Joel zu ihr auf die Couch. Erschrocken zuckte sie ein wenig zusammen.

„Wie fühlst du dich?“
Er hat es gespürt, dass ich schon wieder so aufgeregt bin, dachte Marie.
„Das Verbinden der Augen macht mir immer beklemmende Gefühle – jetzt auch gerade,“ erklärte sie ihm ehrlich.
„Ja, Marie, das weiß ich. Deshalb werden wir es ganz oft zu tun, bis ein Gewöhnungseffekt einsetzt und es dann für dich leichter wird. Für heute ist es erst einmal genug. Du kannst das Tuch wieder abnehmen. „
Erleichtert zog sie es herunter. Ja, was war das denn? im Wohnzimmer lagen bunt verstreut Gegenstände auf dem Teppich. Den Sessel hatte Joel zur Seite gestellt, sodass mehr Fläche entstanden war, auf der ein Durcheinander von Kissen, Büchern, einem Stoffhund und zwei größeren Blumenvasen entstanden war.
„Ja was soll das denn?“ fragte sie erstaunt. Joel schaute sie schweigend an. Da blitzte die Erkenntnis auf: Schon wieder hatte sie eine Frage gestellt, die vermeidbar gewesen wäre. Wann würde sie es endlich lernen, die Gegebenheiten ungefragt und unkommentiert zu nehmen wie sie sind?!
Beschämt sah sie ihn an: „Es tut mir leid Joel.“
Noch ein Fehler! Sie sollte ihn doch in ihrem gemeinsamen Spiel mit „Meister“ ansprechen!
„Entschuldigung, ich meine es tut mir leid, Meister.“
Ein unangenehmes Flattern in der Magengegend breitete sich aus, und ihre Hände begannen zu zittern.
Joel nahm ihre Hand und hielt sie in seinen beiden warmen Händen.
„Ganz ruhig Marie… Ja du hast zwei Fehler gemacht, zwei Regelübertretungen sind passiert.
Was meinst du, warum dein Unterbewusstsein das immer wieder so macht?“
Erstaunt schaute Mari ihn an. Diese Frage hatte sie nicht erwartet. Aber womit konnte man in diesen Spielen schon rechnen? Es gelang ihm immer wieder, sie zu verblüffen und zu überraschen…
„Das weiß ich nicht, Meister, und es tut mir sehr, sehr leid! Gerade hatte ich mich gefreut, dass ich davor bemerkt habe, dass ich fast eine Frage gestellt hätte und es dann nicht getan habe – und nun tappe ich kurz darauf doch wieder in die Falle!“
„Dafür gibt es bestimmt Gründe, Marie,“ entgegnete Joel ruhig, „das ist meistens so, wenn etwas immer wieder geschieht Vielleicht möchtest du dich ganz tief innen mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ beschäftigen. Ich merke ja, dass du immer sehr aufgeregt bist, wenn dir ein Fehler unterläuft. Was geschieht da in dir? Wovor hast du Angst?“
Ohne dass sie lange nach dachte sprudelte Sie heraus: Ich habe Angst dass du sauer auf mich  wirst… Ich habe Angst vor Beschimpfung und vor Bestrafung. Ich habe Angst, dass du sagst: Das hat doch alles keinen Sinn, so geht das nicht, und mich weg schickst.“
 Mit diesen Worten brach sie in Tränen aus.
Joel nahm sie in die Arme, hielt sie ganz vorsichtig fest, sodass sie seine Wärme und seine Sicherheit am ganzen Körper spürte. Es zuckte und bebte in ihr. Gehalten in seiner Umarmung brachen Erinnerungen aus der Tiefe ihrer Seele heraus.
Ich lebte als Kind bei meiner Oma, weil meine Mutter bis abends arbeiten musste und es mit der Krippen-Unterbringung nicht geklappt hat.
Meine Oma hatte mich lieb, aber sie war sehr ungeduldig und nervös. Ganz oft machte ich irgendetwas falsch. Dann wurde ich beschimpft oder bestraft, obwohl ich mir so viel Mühe gab, alles richtig zu machen.
Schlimmer noch als die Strafen war jedoch die Angst von mir, ins Kinderheim zu müssen, wenn ich nicht brav genug bin, weil sie oft zu anderen Nachbarn und Bekannten sagte: Wenn die Kleine nicht so still und brav wäre, würde das gar nicht gehen. Und ich hatte keine Vorstellung davon, was geschehen würde, wenn es nicht ginge bei Oma zu sein. Es ging ja auch nicht, bei Mutti zu sein…
 Wo sollte ich dann hin? So wollte ich mir immer ganz viel Mühe geben, alles gut zu machen, um nicht weggeschickt zu werden.“
Die Tränen wurden wieder heftiger und ihr Körper zitterte und bebte.
Joel hielt sie ganz fest.
Nach einem Weilchen, als sie sich etwas beruhigt hatte und sich aus seiner Umarmung löste, nahm er ihre Hand, was sie als sehr tröstlich empfand.
„Marie, Liebes, ich werde dich ganz sicher nicht wegschicken, und ich glaube in einer anderen Ecke deines Inneren weißt du das auch. Und du weißt auch, dass du inzwischen nicht mehr abhängig bist wie als Kind. Aber in diesen Momenten ist dieses Wissen im Hintergrund, da ist eine existenzielle Angst an getriggert.
Du bist ja inzwischen als erwachsener Mensch durchaus lebensfähig, selbst wenn ein wichtiger Kontakt, der dir viel gibt, abbrechen sollte. Aber in Momenten wie jetzt ist das innere Kind von dir lebendig und fühlt sich tief bedroht, wenn du Fehler machst, stimmt’s?“
Erschöpft nickte Mari.  „Ja, Fehler machen ist für mich immer ganz furchtbar – egal ob es kleine oder größere Unzulänglichkeiten sind. Ich kann in diesen Situationen gar nicht mehr unterscheiden, wie schlimm etwas wirklich ist. Alles ist dann ganz schlimm. Und ich habe eine riesengr0ße Angst vor dem, was dann kommt.“
„Ich werde mir etwas einfallen lassen, damit du mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ völlig neue Erfahrungen und Gefühle verbinden kannst. Versuche daran zu denken, wenn es soweit ist, dass du mit mir niemals Grund zu Angst oder Besorgnis haben musst, und dass das, was ich für dich plane, immer einen Sinn hat, einen heilenden Sinn! Bitte denke daran, wenn es soweit ist.“

Und wenn es dir in dem Moment nicht gelingen sollte, daran zu denken, werde ich dich daran erinnern.“
Er sah ihr in die Augen…„Mari, du brauchst dich bei mir niemals zu fürchten.“ 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

19. Bewegt und gehalten von den Händen des Lebens – geborgen in der Umarmung von Joel

Bei Joel –  eine Sehnsucht erfüllt sich

Mari fiel auf, dass Joel sie in letzter Zeit vermehrt zu sich gebeten hatte, um den Raum für ihre Spiele, in denen er die Rolle des Meisters für sie verkörperte, nach seinen Plänen vorbereiten zu können. Auch heute ging sie wie bisher jedes Mal mit Aufregung zu ihm.

Obwohl sie bisher jedes Mal die Erfahrung gemacht hatte, dass er wohlwollend und achtsam mit ihr umging in den Spielen und Ritualen, in denen er sie wie verabredet ins Ungewisse schickte und sie nicht wissen ließ, was er mit ihr vorhatte, war sie jedes Mal zu Beginn nervös. Ja, es fiel ihr auf, dass sich ihr Stresspegel ein wenig gesenkt hatte inzwischen – das war allerdings keine wesentliche Veränderung, dachte sie gerade.
Was würde sie heute erwarten.

Nachdem Joel sie nach ihrem Befinden gefragt hatte und sie Gelegenheit hatte, ein wenig über ihre Befangenheit zu sprechen, erklärte er ihr bevor das Spiel begann – und das tat er sonst nie –  dass er an diesem Abend eine schöne, leichte Übung für sie vorgesehen habe.

Tief atmete sie aus. Ihre Aufregung legte sich. 
Das Spiel begann.

Er bat sie, sich bequem hinzusetzen und ihre linke Hand in seine Hände zu legen, und mit geschlossenen Augen ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese Hand zu richten. Die Hand sei jetzt ihre Persönlichkeit, und seine Hände, die ihre Hand hielten seien symbolisch das Leben.

„Nun fühle einfache, Mari, wie das Leben – verkörpert durch meine Hände – mit dir umgeht…“

Und sie stellte fest: Das Leben ging sehr sanft und behutsam mit ihr um. Es fühlte sich angenehm, warm und geborgen an in Joels Händen. Als die Übung dem Ende zuging hatte sie sich ganz entspannt und folgte mit wachem Interesse seinen streichelnden, sanft biegenden, behutsamen und sicheren Bewegungen. Froh stellte sie fest, dass diese Übung tatsächlich schön und vor allem leicht war.

Nachdem sie darüber geredet hatten, wie sie sich gefühlt hatte dabei, wollte Joel die gleiche Übung noch einmal machen. Wieder verkörperten seine Hände das Leben, während Mari dieses Mal ihre Aufmerksamkeit auf ihren Kopf richten sollte. Wie würden die Hände, die das Leben verkörperten, nun wohl mit ihrem Kopf umgehen?

Wieder waren sie sanft und sicher, mal mit etwas mehr Druck, mal ganz zart. Mari versuchte, ihren Kopf ganz weich, locker und biegsam zu halten und fragte sich, ob sie es wohl so richtig machte, aber sie stellte die Frage nicht laut.

Schließlich begann sie die Übung zu genießen. Es tat so gut, ihren heißen schweren Kopf mit all den Gedanken einfach abzulegen in die Hände des Lebens. Schließlich dachte sie auch nicht mehr darüber nach, ob sie es richtig machte oder nicht. Besonders genoss sie es, wenn die Hände an manchen Stellen etwas mehr Druck ausübten. Wenn die Hände für das Leben standen, war es dann nicht merkwürdig, dass sie einen gewissen Druck als angenehm empfand?

Als das Spiel beendet war, redete sie mit Joel darüber, wie seltsam sie es fand, dass eine gewisse Art von Druck ihr gut getan hatte.

Auf seine Frage, ob sie eine Idee hätte, was es war, was ihr an diesem Druck gut getan hatte,  gelangte sie zu der Antwort, dass der Druck der Hände, der absolut passend dosiert war, der ihre Hand auch manchmal nach links oder rechts, nach oben oder unten geführt hatte, irgendwie richtungsweisend und damit wohltuend war. Es war wie ein Tanz, in dem Joels Hand ihre Hand geführt hatte und sie sich führen ließ.

Dann kam ihr der Gedanke:
Zeigte nicht auch das Leben manchmal deutlich durch Zufälligkeiten und Zeichen, wo es sie hinhaben wollte, in welche Richtung sie sich bewegen sollte?
Ja oft gab es aus ihren Gefühlen und den vorhandenen Möglichkeiten heraus fast nur eine Richtung, in die es weiter führte…

Meistens empfand sie diese Phasen angenehmer als Zeiten, in denen sie sich orientierungslos und unklar fühlte.
Also war Druck gar nicht immer und grundsätzlich unangenehm!
Wow – diese neue Erkenntnis ließ ganz neue Gedanken- und Gefühlswege zu:

Fasziniert erzählte sie Joel von dieser neuen Erkenntnis.
Schließlich schloss sie dankbar:
„Heute habe ich mich richtig wohl gefühlt in unserem Spiel. Wenn du sonst den Meister verkörperst, ist immer eine gewisse Anspannung in mir… Danke, dass du es mir heute so leicht gemacht hast. Ich wünschte mir, du könntest diese Art der Energie und Stimmung öfter entstehen lassen. „

„Wenn ich das durchweg täte, würde ich nicht deinem ursprünglichen Wunsch folgen, Mari.
Du wolltest mit Macht und Ungewissheit konfrontiert werden, um daran Vertrauen zu üben.
Und du willst eine liebevolle Autorität spüren, in die du dich, wenn du schließlich mehr Vertrauen aufgebaut hast, regelrecht hinein fallen lassen kannst. Das bin ich gern für dich, doch ohne diese Ungewissheiten und die Eindeutigkeit und Klarheit in der Meisterrolle würdest du diese Haltung der Hingabe, nach der du dich sehnst, nicht in dir entwickeln können, jedenfalls dann nicht durch unsere Spiele und Rituale. Sicher würde das Leben dir dann andere Wege dafür zeigen. Möchtest du das?“

Ruhig und gelassen sah er sie an.

„Nein, Joel, ich möchte diesen Weg mit dir weiter gehen. Zu dir entwickle ich gerade Vertrauen.“
Ups – hatte sie das gerade gesagt?
Es sprach aus mir,
bemerkte sie erstaunt, eine Stimme, die ich bisher noch nicht so deutlich wahrgenommen habe…

„Das freut mich, Mari, dann gehen wir gemeinsam diesen Weg weiter. 
Auch ich möchte das gern!
Wenn die Ungewissheit und andere Gefühle mal wieder quälend heftig werden sollten, denke daran, dass sie das Tor bauen, durch das du gehen musst, um Vertrauen zu üben. Was auch kommt, es wird immer meine Absicht und mein Ziel sein, dass du dich gut aufgehoben fühlst – bei mir als Meister und als Joel, der dir schon ein Stück näher ist. Bestimmt kannst du mit der Zeit immer sicherer sein, dass es immer gut weiter geht – hier und im Leben überhaupt.“

Nach diesen Worten zog er das schwarz-bunte symbolische Gewand aus, das er immer trug, wenn er das Leben verkörperte und nahm Mari zum ersten Mal behutsam in die Arme… 
Wie leicht konnte sie diese Umarmung annehmen und sich in sie hinein fallen lassen… sie wunderte sich über sich selbst. Heute fühlte es sich so an, als wäre in ihr schon ein Stück Vertrauen gewachsen…
Vielleicht lag es auch daran, dass dieses Spiel so friedlich, so harmonisch gewesen war und sie sich dadurch leichter öffnen konnte…

Nach einigen wunderbaren Atemzügen wollte sie sich aus der Umarmung lösen, unabhängig von ihrem Bedürfnis, dass sie gern noch länger darin verweilt wäre. So tief verankert waren die alten Sätze ihrer Oma, niemals zu viel haben zu wollen, Maß halten zu müssen… 
Joel nahm jedoch ihr echtes Bedürfnis wahr und hielt sie weiterhin angenehm fest und sicher in seinen Armen.
Ein neues, entspanntes und wärmendes Glückgefühl durchströmte sie… 
Sie durfte… sie durfte verweilen in diesen Arme, die sie hielten…
Sie durfte ohne weiter nachzudenken einfach sein und diese Nähe spüren…

Sie fühlte sich in diesen kostbaren Minuten auf so wohltuende Weise gehalten und geborgen, wie sie es kaum für möglich gehalten hatte, aber sich tief innen wohl schon lange unbewusst danach gesehnt hatte.

Als sie anschließend anschließend bei Kaffee und Kuchen zusammen saßen, sagte Mari zu Joel: „So wie du mich vorhin umarmt und gehalten hast, das fand ich wunderschön – nicht nur so ganz kurz mal drücken, wie es sonst üblich ist, sondern so, dass ich mich da schließlich richtig reinfallen lassen konnte.“

„Na ja, lächelte Joel, „ich wollte dir vermitteln, dass du gehalten bist und die Möglichkeit hast, dich anzulehnen und fallen zu lassen. Ich fand es schön zu spüren, dass du die Umarmung angenommen und dich ganz hinein begeben hast.“

„Ich hatte in der Umarmung nach einem kleinen Weilchen Sorge, dass es zu viel werden könnte, und versuchte, mich ein bisschen zu lösen. Doch du hieltest mich einfach weiter fest…  und dann konnte ich mich noch tiefer da hinein fallen lassen.“

„Ich wollte nicht, dass du dich zurückziehst, weil du glaubst, es wäre zu viel für mich  – und ich war mir in diesem Fall sicher, dass du mir deutlich signalisieren würdest, wann du die Umarmung beenden wolltest. Und das hast du ja nach einem Weilchen auch getan.“

„Es ist schön, wie du mich ohne Worte verstanden hast… ich danke dir sehr, Joel!“

18. Bereitschaft… reicht aus

Bei Mari – 2.Teil der Übung Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Mari bewegte sich vorsichtig Schrittchen für Schrittchen mit verbundenen Augen durch ihr Wohnzimmer, wobei Joel in der Rolle des Meisters nur noch ein kleines Stückchen entfernt von ihr stand.

Wieder einmal machte sie eine Vertrauensübung mit verbundenen Augen. Es war nicht mehr so leicht wie beim ersten Mal, in denen es nur darum gegangen war, sich überhaupt erst einmal sitzend an den schwarzen Seidenschal vor ihren Augen zu gewöhnen. Sie erinnerte sich, wie schwer ihr das gefallen war. Und heute bewegte sie sich schon langsam durch den Raum damit nach den Weisungen ihres Meisters, der wieder einmal symbolisch die Rolle des Lebens für sie eingenommen hatte.

Ach, wenn sie doch jemals dieses Vertrauen fühlen könnte, das sie sich so sehr wünschte.

„Jetzt knie vor dem Leben nieder.“

Unsicher ging sie in die Knie – und in dem Moment, in dem sie fast umgefallen wäre, weil nichts zum Festhalten da zu sein schien, ergriff er ihren Arm und half ihr dabei nieder zu knien.

„Ich werde dir immer helfen, spätestens dann, wenn du spürst, es allein nicht zu schaffen. Und du darfst mich jederzeit um Hilfe bitten. Meine Hilfe wird zwar nicht immer genauso aussehen, wie du sie dir vorstellst, aber sie wird dir gewährt. Darauf kannst du vertrauen!“

„Danke, Meister!“

Sie spürte, dass etwas Weiches an der Stelle lag, an der sie sich nun nieder kniete, eine Decke… ein Kissen… Genau wusste sie es nicht, aber sie nahm wahr, dass er dafür gesorgt hatte, dass es nicht zu hart für sie wurde auf dem Boden. War das ein Symbol dafür, dass auch das Leben für sie sorgte, und alles so gestaltete, dass es nie zu hart sein würde, wenn sie ihm nur vertraute?

„So, und nun sprich mir nach – Satz für Satz, langsam und deutlich:

  • Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    „Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    Dabei fühle Mari sich klein – und das war in diesem Zusammenhang ein  erstaunlich angenehmes Gefühl. Sie brauchte sich nicht zu sorgen, das Leben sorgte für sie.

  • „Du führst, ich folge.“
    „Du führst, ich folge.“
    Auch das fühlte sich seltsam gut an – geborgen in einer größeren Macht…

  • „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    Tief atmete Mari ein – ach wenn sie doch sicher sein könnte,
    immer und überall Hilfe zu bekommen!

  • „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    Na ja, das ist eine ziemliche Herausforderung… dachte sie –
    aber es genügt, wenn ich es will, auch wenn ich es noch nicht ganz fühlen kann.

  • „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    Ach könnte ich die Liebe doch immer fühlen oder wenigstens darauf vertrauen,
    dass sie da ist, auch wenn ich sie gerade nicht wahrnehme…

  • „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    Das fühlt sich gut an… mit Unterstützung belohnt…
    Aber ob ich das immer kann? überlegte Mari

  • „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    Sie sprach es nach und dachte: Als ob er weiß, was ich eben gedacht habe…
    Es ist so erlösend und nimmt Druck, wenn die Bereitschaft ausreicht!

  • „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    Das gibt Frieden und Kraft!
    „Ja, ich bin bereit dazu…“ flüsterte sie noch einmal


    In diesem Moment fühlte sie, wie das Leben ihre Hände in seine großen warmen Hände nahm und wie es ihr half, sich zu erheben. Dann wurde sie in die Arme genommen und gehalten. Fest und innig umarmt stand sie nun aufrecht, sicher gehalten in den Armen des Lebens und nahm diese so deutlich spürbare Liebe wahr.

    „Atme die Liebe ein, Mari“, hörte sie die Stimme ihres Meister leise an ihrem Ohr, der als „das Leben“ zu ihr sprach. „Ja, so ist es gut. Gaaanz tief… Mit jedem Atemzug atmest du Liebe ein – jetzt hier in meinen Armen und auch sonst kannst du das tun – wo immer du bist.
    Du brauchst nur daran zu denken, bewusst Liebe einzuatmen, und schon ist es so.“

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

26. Bitte um Variation einer Aufgabe

Bei Joel: Mari fühlt sich entblößt

„Ich sprach letztens ein Gedankenspiel an, Mari.
Erinnerst du dich noch daran?“

Ja, wie könnte ich das vergessen… dachte sie.
„Ja, Meister, ich erinnere mich,“ brachte sie leise hervor

Nocheinmal die Frage von letztem Mal:
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Wieder kroch die Angst in Mari hoch, aber sie sagte sich jetzt: Es ist nur eine Vorstellung, ich muss das jetzt nicht tun. Aber was würde ich sagen, wenn…

Ich könnte wohl nur ehrlich sagen: „Meister… ich weiß nicht weiter… Ich kann es einfach nicht…“

„Ja, genau so! Wenn du etwas nicht befolgen kannst, weil es dir gefühlsmäßig gar nicht möglich ist, dann ist Ehrlichkeit das einzig richtige, Mari! Es wird dir helfen, nicht zu verstummen und zu erstarren, wenn sich etwas gar so schwer anfühlt.
Du kannst mir das sagen, wenn es so ist – und dann bittest du um eine leichtere Variation der Anforderung.
Ich werde nicht gänzlich auf die Aufgabe verzichten, so lange wir auf der Spielebene bleiben, aber ich will sie immer für dich machbar gestalten.“

Mari nickte: „Okay! Danke, Meister!“

Joel schaute Mari einige Sekunden in die Augen…
„So, Mari, und jetzt ist es kein Gedankenspiel mehr.
Du, Mari, wirst nun das, was wir eben besprochen haben, gleich anwenden.
Halt dich einfach daran – es wird nichts Beängstigendes passieren. Das verspreche ich dir.
Die Anweisung lautet: Mari, ich möchte, dass du dich jetzt nackt ausziehst.“

Mari zuckte zusammen. Ich werde jetzt genau das tun, was er mir eben gesagt hat, dachte sie, mühsam um Beherrschung bemüht.
„Meister, ich schaffe das noch nicht. Ich bitte um eine Variation der Aufgabe.“

„Das hast du gut gemacht, Mari. Das war genau richtig. Du darfst und du sollst immer ehrlich sein zu mir“, bestätigte sie Joel.
In Ordnung, du bekommst nun eine leichtere Variante meiner Aufgabe:
Du ziehst jetzt deine Jacke aus und setzt dich auf den Schemel, den du schon kennst.“

Erleichtert zog Mari ihre Jacke aus und setzte sich auf das niedrige Höckerchen, das in geringem Abstand vor der Couch stand.

„Steh nochmal auf, Mari.“

Sie zuckte zusammen, stand auf und hätte fast gefragt: `Habe ich etwas falsch gemacht?` Konnte sich aber gerade noch rechtzeitig bremsen, die Frage auszusprechen.

Joel, der diese kleine Regung sofort wahrgenommen hatte, sagte freundlich zu ihr: „Alles ist gut, Mari, vertraue einfach auf meine Führung.“

„Ja, Meister.“

„Nun geh einen halben Kreis um den Hocker herum und setze dich mit dem Gesicht zur Couch wieder hin.“

Mari folgte seiner Anweisung und setzte sich in der beschriebenen Richtung wieder hin.

„Nun schließe deine Augen.“

Gehorsam, wenn auch nicht gerne, folgte sie seiner Anweisung. Es war plötzlich sehr still im Raum. Würde er ihr wieder die Augen verbinden?
Sie lauschte angespannt, wo er sich befand. Schon als sie glaubte, die Stille nicht mehr aushalten zu können, legte er seine Hände auf ihre Schultern und ließ sie einige Minuten dort liegen. Die Wärme, die sie ausströmten, floss durch ihren Körper und tat ihr gut.

Dann fragte er: „Trägst du noch ein anderes Kleidungsstück unter deinem T-Shirt?“

Die Entspannung war sofort wie weggeblasen. „Ja“, Meister. „antwortete sie leise.“

„Dann zieh jetzt auch das Shirt aus – lass die Augen dabei geschlossen. Lege das Shirt einfach neben dich.“

Sie zögerte… Er wartete…

„Du schaffst das, Mari! Was trägst du denn unter dem T-Shirt?

„Ein blaues ärmelloses Top.“

„Na damit könntest du ja sogar auf die Straße gehen,“ meinte er freundlich.

Okay, es war nicht allzu peinlich. Sie folgte seiner Anweisung.
Warum fühlte sie sich jetzt schon so entblößt, obwohl die wichtigsten Stellen ja angezogen waren? Sie spürte, wie sich ihr Rücken verkrampfte und ein Schmerz den Nacken hinauf zog in den Kopf hinein.

„Was sagt die Ampel, Mari?“

„Dunkel-Orange…“

„Okay, ich verstehe. Du kannst deine Augen öffnen. Jetzt leg mal deine Stirn an die Sitzfläche der Couch und konzentriere dich ganz auf meine Hände…“

Wieder einmal verzauberten seine wunderbaren Hände ihre Nacken-und Schultermuskulatur und die Verkrampfung löste sich langsam. Auch den Kopf massierte er mit sanftem wohltuenden Druck.
Diesmal dauerte seine Massage länger als die Male davor. Irgendwann konnte sie sich tiefer einlassen und vergaß, dass sie so spärlich bekleidet war.“

Schließlich sagte er zu ihr: „Mari, du kannst jetzt dein T-Shirt und deine Jacke wieder anziehen. Ich gehe in die Küche, und du setzt oder legst dich einfach auf die Couch und ruhst dich aus. Das Spiel ist jetzt beendet.“
Damit verließ er den Raum und ließ ihr Zeit, sich in Ruhe wieder anzuziehen und zu sammeln…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge






25. Bei Angst um eine Umarmung bitten

Bei Mari – Angst kommt und Angst geht

„Bevor wir mit dem beginnen, was ich heute vor habe, möchte ich deine Hausaufgaben sehen, Mari. Es sind ja nun schon einige Wochen vergangen, seit ich sie dir gegeben hatte.“

„Ja, Meister.“ Aufgeregt verließ Mari das Zimmer, um das schwarze Gewand, in das sie bunte Ornamente sticken sollte, zu holen. Würde es ihm gefallen? Hatte sie genügend gestickt? Hatte sie es gut genug gemacht? Plötzlich fühlte sie sich wie ein kleines Schulmädchen…
Nervös hielt sie es ihm hin, und er betrachtete es in Ruhe.

„Das hast du gut gemacht, Mari. Dafür dass du meintest, nicht sticken zu können, ist es doch schon sehr schön geworden. Ich sehe, dass du dir Mühe gegeben hast. Weiter so!
Und was ist mit deiner anderen Hausaufgabe?

„Oh, daran habe ich nicht gleich gedacht. Entschuldigung. Ich hole es sofort!“

„Ganz in Ruhe, Mari.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam verließ sie den Raum, um das Gewünschte zu holen, und Joel lächelte…
Immer mehr fand seine Schülerin in ihre Rolle hinein, ohne anfangs vor Angst zu erstarren.
Mari kam wieder mit einem schön verzierten Blatt Papier, auf dem die Worte der für sie wertvollsten Regel stand, die er ihr in ihrem ersten gemeinsamen Spiel gegeben hatte:

F E H L E R   D Ü R F E N   S E I N !

„Hast du täglich etwas hinzu gefügt von diesen schönen Verzierungen, die ich da sehe?“

„Ja, Meister, ich habe an jedem Tag etwas gemalt und etwas gestickt.“

„Und wie ging es dir damit?“

„Es hat mir Spaß gemacht. Selbst das Sticken, das bisher gar nicht so mein Ding war, machte mir irgendwie Freude.“

„Das freut mich zu hören, Mari!
Auf das Blatt mit der Fehler-Regel passt ja inzwischen kaum noch etwas drauf. Das hast du schön gestaltet in all den Wochen – damit darf es nun genug sein. Es gefällt mir gut. Und vielleicht ist ja dadurch, dass du dich jeden Tag mit diesen drei so wichtigen Worten beschäftigt hast, deine Angst, Fehler zu machen, schon etwas gesunken? Wir werden sehen…
Wo hängst du es auf?“

„Ich habe einen Rahmen besorgt und in meinem Schlafzimmer einen Nagel in die Wand gehauen dafür.“

„Schön, Mari!
An dem Gewand wirst du weiter sticken, immer wenn du etwas erlebst, was unerwartet kam und gut geworden ist, oder wenn du irgendetwas erlebst, wofür du dankbar bist, was auch immer es sein mag, sticke etwas kleines Buntes hinein – so wie du es bisher ja schon gemacht hast. Wenn du zu mir kommst, möchte ich, dass du es immer dabei hast. Und wenn ich zu dir komme, sollte es schon immer unaufgefordert hier in deinem Wohnzimmer liegen, damit ich es mir anschauen kann. „

„Ja, Meister.“

„So weit so gut.
Jetzt wiederhole mal die Regeln, die ich dir bisher gegeben habe.“

„Fehler dürfen sein.
Ich rede dich mit Meister an.
Wenn du zu mir kommst, soll ich vorher nicht aufräumen und putzen.
Den Beginn und das Ende einer Übung und des gesamten Spiels bestimmst du.“

„Diese Regeln hast du dir gut gemerkt, Mari…“

Mari lächelte.

„… es gibt aber noch eine.“

Mari überlegte… Mist! Es wollte ihr nicht einfallen, welche Regel es noch gab…

Nervös sah sie Joel an. Er wartete, schaute sie einfach nur an.

„Entschuldige bitte, Meister, ich weiß jetzt nicht, welche du meinst.“

Joel malte lächelnd ein Fragezeichen in die Luft.

„Ach ja! Ich soll keine vermeidbaren Fragen stellen.“

„Ja Mari, na da hast du doch noch gut die Kurve gekriegt!
Ich möchte dir zu dieser Regel noch etwas mit auf den Weg geben. Ich beschreibe meine Anordnungen stets so klar wie möglich. Dennoch kann es sein, dass zwischendurch mal eine Situation entsteht, wo es dir unvermeidbar erscheint, mich etwas zu fragen. Wenn du nicht weiter weißt, und unbedingt eine Frage stellen musst, dann bitte darum mit dem Satz: `Meister, ich bitte darum, eine Frage stellen zu dürfen´. Bedenke dabei: Prüfe vorher genau, ob die Frage unvermeidbar war – denn ich werde das auch tun. Lege deinen Fokus darauf, möglichst gar keine Fragen zu stellen. Auch wenn du nicht sicher bist, ob du eine Aufgabe richtig verstanden hast, ist das kein Grund nach zu fragen. Dann erfülle sie so, wie du es meinst verstanden zu haben und wie du es kannst. Sollte daran etwas nicht so sein, wie ich es meinte, dann werde ich dich korrigieren, daran ist nichts Schlimmes! Ich möchte, dass du dich daran gewöhnst, nicht perfekt sein zu können, und dass das kein Problem darstellt.“

Mari nickte beklommen. Gerade mit dieser Regel hatte sie am meisten Probleme.

„Nun beginnen wir mit einem Gedankenspiel,“ fuhr Joel fort.
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Mari erstarrte.
Jetzt geht es los! Dachte sie. Jetzt muss ich… O Gott, ich kann das nicht… Dabei habe ich es doch irgendwie selbst gewollt, aber jetzt… es geht einfach nicht! Was soll ich bloß tun…?!

„Mari, schau mich an.“

Sie konnte sich nicht bewegen, nicht mal den Kopf heben…

Ihr Meister machte einen Schritt auf sie zu, legte behutsam eine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf etwas hoch, so dass sie ihn anschauen musste.
„Mari, ich verlange das doch jetzt gar nicht von dir.
Soweit sind wir noch nicht – das ist mir doch klar.
Ich habe dich lediglich gefragt, was wäre wenn…
Was würdest du dann sagen?
Und so wie es jetzt aussieht, würde es dir schwer fallen, überhaupt etwas zu sagen, stimmt´s?“

Mari nickte. Er öffnete einladend seine Arme für sie. „Möchtest du?“
Sie atmete erleichtert aus. Tatsächlich konnte sie sich in seiner Umarmung etwas entspannen…
Wie gut es tat, wenn er sie in seinen Armen hielt. Ihr Stress wurde weniger, die Angst beruhigte sich…

„So ist es gut,“ flüsterte er. „Du brauchst keine Angst zu haben, alles ist gut. Du musst niemals etwas tun, was dir absolut widerstrebt, Mari – niemals! Das verspreche ich dir!“
Mit diesen Worten setzte er sich mit ihr auf die Couch und legte seinen Arm um sie.
Ich wollte dich nicht so sehr erschrecken.
Es sollte lediglich ein Gedankenspiel sein: „Was wäre wenn…“

„Ich dachte, ich sollte jetzt gleich…“

„Beschreibe mir jetzt mal, was bei diesen Worten in dir passiert ist.“

„Alles in mir verkrampfte sich. Ich konnte mich nicht bewegen und auch nichts sagen. Es ging nicht. Und es dachte in mir immer nur: Ich kann nicht! Jetzt geht´s los! Was mach ich bloß?!!!

„Mari, du hast jederzeit die Möglichkeit zu sagen: „Die Ampel ist rötlich orange oder gar rot, dann brechen wir das Spiel ab oder unterbrechen es, bis es dir wieder besser geht und wir einen Konsens gefunden haben, ob und wie es weiter gehen könnte. Insofern behältst du in Wahrheit immer die Kontrolle über das, was du zulassen möchtest und was nicht. Gerade in deiner tiefen Verletzlichkeit musst du immer eine Tür zum kurzfristigen Ausstieg oder Abbruch haben.“

Marie nickte erleichtert: „Danke, dass du mich daran erinnerst, manchmal vergesse ich diese Möglichkeit in all der Aufregung.“

„Das war eben kurz vor einer Panikattacke, stimmt´s?“

„Ja, aber durch deine Umarmung und das Gespräch jetzt ist sie wieder abgeflaut.“

„Das freut mich sehr, Mari! Wie geht es dir jetzt körperlich?“

„Mir ist kühl und ich zittere.“

Fürsorglich legte er eine Decke um sie.

„Lass es ruhig zittern, Mari, das hört von allein wieder auf. Die Angst zittert sich aus…
Das darf sie.“

Sie lehnte sich an seine Schulter und ließ ihren Körper machen, was er machen musste…
Obwohl das Zittern und das damit verbundenen Schwächegefühl nicht angenehm war, fühlte sie sich seltsam geborgen. Es tat gut, sich anzulehnen. Sie musste ihren Körper einfach nur machen lassen… Es war nicht schlimm… Sie durfte so sein, wie sie sich fühlte…
Ihr Meister nahm sie an so wie sie war.
Und diese Angstattacke ging schneller vorüber als beim letzten Mal.

„Schau mal, Mari, es wird schon langsam dunkel draußen. Hast du eigentlich Kerzen im Haus?“ fragte ihr Meister und holte sie damit in die Gegenwart zurück.“

„Ja, hab ich.“

„Das ist schön,“ nickte Joel, „hol uns mal eine Kerze hierher, stell zwei andere dort drüben auf das Regal und zünde sie an. Sofort stand Mari von der Couch auf, um die Kerzen aus dem Schrank zu holen.“

„Bitte hole uns doch auch eine neue Wasserflasche, diese ist schon fast leer.“

„Ja, gern.“ Sie holte die gewünschte Flasche.
Als sie sie auf den Tisch stellte, fiel ihr auf, dass das Zittern sich gelegt hatte.
„Es geht mir wieder besser, Meister.“

„Das freut mich, Mari. Du siehst, die Angst kommt und geht auch wieder.
Ich glaube fest, dass sie nach und nach weniger schlimm werden wird und du dich mit der Zeit mehr entspannen kannst. Und weißt du, was mich freut?“

Mari schüttelte den Kopf.

„Dass meine Arme dir anscheinend Wärme und Sicherheit vermitteln können und du dich in unserer Umarmung inzwischen so geborgen fühlst, dass dein Bedrohungsgefühl darin nach lässt.
Das ist etwas, das wir ganz leicht tun können – und immer zur Verfügung haben.“

Mari nickte… „Ja, irgendwie stimmt es. Wenn du mich in deinen Armen hältst, wird mein Körper ruhiger und der Stresspegel sinkt.“

„Wunderbar! Daraus wird jetzt die nächste Regel, Mari:

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.


„Ich hoffe bloß, das gelingt mir in dieser Starre, in der ich mich dann, wenn die Angst mich derartig überfällt, meist befinde. Ich kann es dir nicht versprechen, dass ich das immer schaffe, auch wenn ich es grundsätzlich gerne will, aber ich will mein Bestes tun, es umzusetzen.“

„Gut, Mari, deine Bereitschaft ist da. Und ich bin ja auch präsent und erkenne meistens schnell, wenn du in Angstzustände kommst. Wenn ich sehe, dass du nicht um eine Umarmung bitten kannst, dann umarme ich dich, ohne dass du darum bittest, so wie bisher ja auch. Aber wenn du es kannst, dann sprich es aus. Hast du das verstanden?“

„Ja, Meister!“

„Diese Regel wird zu deiner nächsten Hausaufgabe: Ich möchte, dass du sie auch auf ein großes Blatt Papier schreibst und sie täglich anschaust und farbig gestaltest.“

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.

„Ja, gern Meister!“

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge


17. Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Bei Mari – Hilfe kommt dann, wenn sie gebraucht wird

„So Mari, das Spiel beginnt. Setze dich jetzt auf den kleinen Schemel, den du bereits kennst.“

Überraschend wie meistens begann Joel das Rollenspiel, als er aus dem Badezimmer kam und das schwarz-bunte „Gewand des Lebens“ trug.

„Ich komme heute wieder als „das Leben“ zu dir und werde dir gleich die Augen verbinden. Das kennst du ja schon vom letzten Mal. Du hast zunächst nichts weiter zu tun, als einfach nur sitzen zu bleiben und das geschehen zu lassen. Dann wirst du weitere Anweisungen bekommen.“

Sie hörte wie er wieder hinter sie trat und leise zu summen begann – keine bestimmte Melodie, einfach nur Töne. Konnte das sein?! Ein Mann, der so zart summen konnte und das für sie tat…
Ihr Meister fand mit den Tönen einen Zugang zu ihrem gerade wieder so verletzlichen Gemüt… Im ersten Moment, als er ihr das schwarze Seidentuch umgebunden hatte, war sie verängstigt, wie letztes Mal auch. Doch dieser Schreck begann sich nun langsam sich zu lösen. Sie spürte seine warmen Hände auf ihren Schultern Mit sicheren, wohltuenden Bewegungen lockerte er ihre angespannte Körperhaltung. Ach, tat das gut! Wohlig seufzte sie leise auf. In diesem Moment hörte er auf zu summen und sprach zu ihr:

„Du wirst heute das Leben als deinen persönlichen Meister fühlbar mit deinen Sinnen erleben, Mari. Du hast dir ja neulich gewünscht, dem Leben öfter zu begegnen und zu lernen, ihm tiefer vertrauen zu können. Dein Wunsch ist wahr geworden! Steh auf und verneige dich vor deinem Meister, dem Leben.“

Gehorsam erhob sie sich und drehte sich um, da sie ihn noch hinter sich vermutete. Doch seine Stimme kam nun von woanders.

„Nein, da wo du dich hinwendest, bin ich nicht mehr. Ich bin stets unberechenbar. Dreh dich um in die Richtung, aus der du meine Stimme vernimmst.“

Langsam drehte sie sich soweit wie sie meinte, dass nun die Richtung stimmte.

„Ja,“ hörte sie ihn, „das ist fast richtig, ein kleines Stück noch nach rechts!

Sie folgte seiner Anweisung.

„Gut machst du das, Mari.“

Wie wohl ihr dieses kleine Lob tat! Daran merkte sie, wie unsicher sie sich fühlte, und wie hilfreich für sie die kleinste Bestätigung war.

„Weißt du noch, was du tun solltest?“

„Ja, Meister, ich soll mich vor dem Leben verneigen.“

„Sehr gut!“

Wieder spürte sie diese seltsame Freude über das Lob.

„Also nun – ich warte.“

Mari erschrak! Ach ja, sie sollte sich ja verneigen. Langsam beugte sie sich vor.

„Tiefer.“

„Ja, Meister!“

„Sehr gut! Nun richte dich wieder auf und komm näher.“

„Ja, Meister!“ Langsam ging sie vorwärts in die Richtung, in der sie ihn vermutete. Wie weit sollte sie gehen? Vorsichtig tastete sie um sich, damit sie nirgendwo anstieß.

„Deine Arme lässt du bitte unten. Du wirst dich nirgendwo stoßen! Sollte ein Hindernis im Weg sein, werde ich dich warnen.“

„Ja, Meister.“ Noch unsicherer als zuvor setzte sie langsam ihre Schritte vorwärts und blieb schließlich stehen.

„Komm weiter – noch näher – du bist noch nicht dort angekommen, wo ich es will.“

„Ja, Meister,“ flüsterte sie und ging weiter. Wie schwer fiel es ihr doch, die Arme nicht tastend um sich zu bewegen.

„Es fällt dir nicht leicht, mir zu vertrauen, nicht wahr?“

Sie schwieg, ganz mit der Bewältigung ihres Weges beschäftigt. Wackelig ging sie Schrittchen für Schrittchen vorwärts. So lang war ihr Wohnzimmer doch nie gewesen…“

„Du wirst es lernen! Das wird immer wieder einmal eine unserer Übungen sein – blindes Vertrauen.“ Seine Stimme klang ruhig und sicher.
Und irgendwie übertrug sich diese Sicherheit für einen kostbaren Moment auf Mari und und ein leises Lächeln flog über ihr Gesicht…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

16. Zeit im Dunkeln

Bei Joel – eine kurze, aber intensive Vertrauensübung

Mari betrat Joels Wohnung. Er nahm ihr die Jacke ab und hing sie etwas schief auf einen Bügel und führte sie ins Wohnzimmer.
Mari sah sich zögernd um, während Joel ihr ein Glas Wasser holte. Das Wohnzimmer war nicht unordentlich aber auch alles andere als ordentlich. Hier standen ein paar Gläser, dort eine Tasse, hier lag eine Tafel Schokolade, dort ein offenes Buch. Es hatte etwas anheimelndes, gemütliches. Als er ihr das Glas gab, sagte er: „Das Spiel beginnt.“ 

Er ging an ihr vorbei auf eine offene Tür zu. Sie sah ihm nach und erkannte in dem Zimmer ein großes Bett. Er öffnete einen Schrank und nahm etwas heraus. Dann schloss er die Tür, kam zurück und bat sie, sich zu setzen. 

Sie nahm Platz und er setze sich ihr gegenüber. Er sah sie direkt an, sein Blick war konzentriert und strahlte Gelassenheit aus. Voller Spannung sah sie ihn an, doch er sagt kein Wort. Sie rutschte etwas auf ihrem Stuhl hin und her. Ihre Augen wurden größer, doch er blieb ganz ruhig, regungslos und ohne ein Wort sitzen. 

Sie rutschte noch einmal herum. Keine Position schien ihr angenehm. Sein Blick lag auf ihr. Er war nicht schwer oder belastend und doch, konnte sie ihn irgendwie nicht gut aushalten. 

„Was tust du?“ platzte es aus ihr heraus. Schon in dem Moment, als sie es sagte, bereute sie es. Schon wieder war ihr eine Frage heraus gerutscht. „Es tut mir leid, Meister.“ 

„Ich bin froh, dass es Dir aufgefallen ist. Du bist sehr aufmerksam, das ist gut so.“ sagte er mit seiner warmen, angenehmen Stimme. 

„Ich werde dir gleich die Augen verbinden. Du wirst einfach sitzen bleiben und nichts sagen, und ich werde mich wieder hier hin setzen und ebenfalls sitzen bleiben und nichts sagen. Hast Du das verstanden Mari?“

„Ja, Meister“, sagte sie und hielt den Atem an. Die Augen verbinden? Ihr wurde plötzlich ganz heiß. Er stand ganz langsam auf, nahm einen schwarzen, seidenen Schal und trat mit langsamen leisen Schritten hinter sie. Sie spürte die seidige Kühle des Tuches auf ihrem Gesicht, als es ihr vor den Augen schwarz wurde. 

„Es wird nichts passieren“, sagte er sanft und band ihr das Tuch so behutsam wie möglich um den Kopf. Sie konnte spüren, als er wieder an ihr vorbei ging, doch sie konnte nicht hören, ob er sich gesetzt hatte. 

Ihr Atem ging schneller. Saß er ihr gegenüber? Oder stand er noch neben ihr? Hatte sie dort nicht gerade seinen Atem an ihrem Hals gespürt? Sie zog den Kopf ganz leicht in die andere Richtung. Ihr Atem schien ihr unglaublich laut zu sein. 

Was war das? War da gerade ein Geräusch? Ist er aufgestanden? Geht er um sie herum? Sieht er sie an? Sie rutschte auf dem Stuhl hin und her. Ihr Atem ging schneller. Sie wollte diese Aufgabe erfüllen, aber sie hatte so große Angst was jetzt passieren konnte. Sie war so völlig hilflos. Sie wusste einfach nicht, was um sie herum geschah. Vielleicht saß er einfach nur da, wie er es gesagt hatte. Aber vielleicht machte er auch… Hatte sie da etwas am Arm berührt? Hatte hinter ihr eine Diele geknarrt?

Sie hatte das Gefühl, bereits seit Stunden hier so zu sitzen. Sie schwitzte, atmete heftig, ballte die Fäuste. 

„Nimm das Tuch ab,“ sagt er plötzlich sehr sanft. Von wo kam diese Stimme fragte sie sich, doch sie wollte nicht darüber nachdenken. Sie riss sich das Tuch vom Kopf. 

Joel saß ihr ganz entspannt gegenüber, so als wäre er nie aufgestanden. Er hatte immer noch den gleichen konzentrierten und absolut wohlwollenden Gesichtsausdruck. Langsam entspannte sich ihr Atem, entspannten sich ihre Fäuste, entspannte sich ihr Körper. Es war vorbei.

„Überrascht?“, fragte er. „Es ist genau das passiert, was ich gesagt habe. Wie lange glaubst du, hast du dort so gesessen, Mari?“

Sie zögerte: „20 Minuten?“

Er lächelte: „Zeit ist sehr relativ. Es waren genau 2 Minuten. Unser Spiel ist für heute vorbei. Es war kurz, aber wohl sehr intensiv, oder? Da darf es jetzt genug sein.“ 

Er stand auf und ging in die Küche. 

„Möchtest du ein Stück Pflaumenkuchen, Mari?“ fragte er, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. 

Ihre Gedanken mußten sich erst langsam beruhigen. Warum hatte sie nicht glauben wollen, dass er genau das tun würde, was er ihr gesagt hatte? Wann würde sie anfangen, ihm wirklich zu vertrauen? 

„Ja, bitte“, sagte sie und lehnte sich mit einem Seufzer zurück. 

Dieses Kapitel wurde gemeinsam gestaltet von Rafael und Miriam.
Vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit, lieber Rafael

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

15. Schau mir in die Augen, Kleines…

Bei Joel – Du kannst nicht versagen 

Mari und Joel, der für sie in den Zeiträumen ihrer Spiele und Rituale die Rolle des „Meisters“ angenommen hat, saßen sich gegenüber.

Seine Hände lagen entspannt mit geöffneten Handflächen nach oben auf einem kleinen Kissen.

„So Mari, jetzt legst du deine Hände in meine, und wir schauen uns für eine gewisse Zeit in die Augen.“

„Für wie lange?“

„Nicht fragen, Mari! Nur dem folgen, was ich sage.“

„Oh Entschuldigung!“ Warum nur musste sie immer wieder den gleichen Fehler machen und Fragen stellen. Sie errötete.

„Entschuldigung angenommen.
Die Übung geht so lange, bis ich sie beende.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam reichte sie ihm ihre Hände und versuchte, ihm in die Augen zu schauen. Es fiel ihr enorm schwer – so groß, so funkelnd, so machtvoll erschienen ihr seine Augen in diesem Moment.
Und es fiel ihr schwer, von diesen Augen so intensiv angeschaut zu werden.
Immer wieder musste sie den Blick senken und sich mit aller Willenskraft zwingen, ihn wieder anzuschauen.

Tränen traten ihr in die Augen und sie begann zu zittern.
Als er dies wahrnahm, beendete er die Übung und nahm sie in die Arme.
Erleichtert ließ sich Mari ein Weilchen von ihm halten.

Dann sagte sie verzweifelt: „Wenn ich schon bei einer so einfachen Anforderung versage, wie soll ich das andere, was noch vor mir liegt und sicher immer schwieriger wird, schaffen? Ich glaube, das mit unseren Vertrauens- und Macht-Spielen war ´ne Schnapsidee! Ich bringe das nicht!“

Ruhig antwortete Joel: „Erstens: Du hast nicht versagt, denn du hast mich immer wieder trotz aller Schwierigkeiten, die du hattest, angeschaut.
Zweitens: Unterschätze die Kraft und Intensität dieser Übung nicht. Es ist nicht ohne, sich wirklich darauf einzulassen, den Augenkontakt zu halten.
Und drittens ist die Annahme, dass du alles weitere nicht schaffen könntest, auch nicht wahr. Wenn wir ganz in Ruhe einen Schritt nach dem anderen tun, wird keine Anforderung so hoch sein, dass sie nicht zu bewältigen wäre. Und wenn etwas beim ersten Anlauf nicht klappt, dann gibt es einen zweiten oder dritten, vierten oder fünften Anlauf. Mach dir jetzt keine Sorgen, Mari, um etwas, das noch gar nicht dran ist.

Alles war und ist in Ordnung so wie es ist.
In Wahrheit gibt es gar nichts, was nicht in Ordnung sein könnte, denn jedes Gefühl darf gefühlt werden.

Du kannst also gar nicht versagen!

Und ich kann und werde dich immer unterstützen und wenn nötig auffangen, so lange du einfach nur da bleibst.
Und Mari… Du machst es dir und mir immer leichter, wenn du bereit bist, das auszusprechen, was in dir ist. Ich werde dich danach immer mal zwischendurch fragen.
Also: Was hast du vorhin beim Anschauen gefühlt, Mari?“

Sie dachte nach… Was war es eigentlich, was es ihr so schwer gemacht hatte, den Augenkontakt zu halten…
„Es war irgendwie unheimlich, dir so lange in die Augen zu schauen und von dir so gesehen zu werden…“
Sie stockte. Durfte sie das sagen? War er jetzt sauer?
Vorsichtig hob sie ihren Blick. Seine Augen schauten sie nach wie vor ruhig, gelassen und interessiert an und ermutigten sie, weiter zu reden.

„Ich hatte das Gefühl, du würdest mir bis in meine Seele blicken – und das war schwer für mich zuzulassen und auszuhalten. Ich fühlte mich so nackt und schutzlos. Und du weißt ja… Ich habe mit dem Nackt-sein Probleme.“

Joel nickte: „Ja, durch die Augen berühren wir unsere Seelen und sehen uns unverhüllt so, wie wir in der Tiefe unseres Wesens wirklich sind, das spürte ich auch.  Aber es wird nicht immer so bleiben, dass du es als unangenehm empfindest, von mir gesehen zu werden. Mit wachsendem Vertrauen wird es leichter werden. Noch hast du nicht genügend Vertrauen zu mir und auch zu dir selbst.
Ich sage dir: Es gibt nichts, aber auch gar nichts an deiner Seele und deinem Körper, was nicht liebenswert und schön ist. Ich möchte dich gern darin unterstützen, das glauben und fühlen zu können. Dein Vertrauen wird wachsen im Laufe der Zeit. Da bin ich ganz zuversichtlich! Deshalb sind wir ja auf diesem interessanten, und wie ich hoffe, auch für dich irgendwie guten Weg. Oder?“

„Ja,“  sie nickte.

Dankbar für seine ermutigenden, Worte drückte sie seine Hand.

buch_0035  Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer Reihenfolge

14. Joel als Stellvertreter für die „Die Männer“

Zweites Treffen bei Joel – Ein Vergebungs-Ritual 

„Schön dass du da bist, Mari!“
Joel empfing Mari mit einem herzlichen Lächeln und ging ihr voran ins Wohnzimmer.
Diesmal achtete er darauf, die Wohnzimmertür offen zu lassen.
Sie bemerkte es und war froh. Er hatte sich diesen Auslöser ihrer Angst von letztem Mal gemerkt und ihn heute sorgsam umgangen. Sie freute sich über seine Achtsamkeit. 
Dabei wäre die Tür heute wahrscheinlich gar kein Problem mehr… – erfreut nahm sie diesen auftauchenden Gedanken in sich wahr.

„Setz dich doch. Ich finde es mutig von dir, dass du dich entschieden hast, heute wieder zu mir zu kommen, nachdem du letzten Samstag bei deinem ersten Besuch diesen Panikanfall hattest.“

„Danke,“ sagte Mari knapp. Mehr fiel ihr gerade nicht ein.

Nachdem Joel ihr etwas zu trinken angeboten und beiden etwas eingegossen hatte, setzte er sich ihr gegenüber.
„Zu Beginn unserer Spiele hat dich bisher immer die Angst gepackt, dass irgend etwas Furchtbares geschehen könnte. Und ich hatte den Eindruck, dass das besonders mit mir als Mann zu tun hatte. Ich möchte das heute als dein Meister zum Thema machen. Lass uns ohne lange Vorrede gleich beginnen, denn die Angst liegt ja ohnehin ganz oben auf dem Tisch.“

„Okay, Meister.“ Unbehaglich schaute ihn Mari an.

Joel holte zwei Stühle, stellte sie in einem gewissen Abstand gegenüber, wies Mari an, sich auf einen davon zu setzen und setzte sich auf den anderen.

„Ich sitze jetzt hier als Symbolfigur für „die Männer“ und lade deine Angst ein, sich alles von der Seele zu reden:
Liebe Angst von Mari, du kannst mir alles sagen, was du über „Männer“ denkst, was du von ihnen befürchtest, was du mit ihnen verbindest, was du vielleicht schon erlebt hast…
Ich sitze hier stellvertretend für die Gattung „Mann“ und höre dir mit offenem Herzen zu.
Du darfst frei und ungeschminkt, auch total unsortiert alles sagen, was dir einfällt.
Ich nehme nichts persönlich. Okay?“

„Hmm… ich habe Angst, darüber zu reden.“

Liebe Angst von Mari, was befürchtest du?“

„Dass es zu viel ist, dass du doch irgendwann sauer wirst, dass ich mich lächerlich mache, dass ich in einen Gefühlsstrudel versinke, der sich fürchterlich anfühlt…“

„Ich verspreche dir, dass ich ganz sicher nicht sauer werde.
Lächerlich kannst du dich gar nicht machen, denn wir beide, die Mari und ich, wir achten dich sehr, liebe Angst. Jedes Wort, jede Träne, jedes Gefühl ist wertvoll und soll seinen Platz haben. Da gibt es nichts, wessen du dich schämen müsstest, denn es hat ja alles seine Ursachen.
Ja, und die Angst vor dem Gefühlsstrudel – die kann ich dir nicht nehmen. Das kann passieren. Doch sollst du sicher sein, dass ich dich, in welchem Strudel du auch immer sein magst, nicht allein lasse und dir beistehe, bis eventuelle heftige Wellen wieder abflauen. Denn das tun sie immer. Gefühle sind wie Wellen, sie kommen und gehen. Nur wenn sie abgelehnt und verdrängt werden, bleiben sie hartnäckig vor der Tür stehen und klopfen bei jeder Gelegenheit an. Deshalb möchte ich sie heute einladen, ganz bewusst da zu sein, weil sie ja eigentlich sowieso schon immer da waren und da sind.“

„Okay. Ich lasse mich drauf ein. Probieren wir´s.“

„Prima, Mari, du bist sehr mutig.
Also, liebe Angst von Mari, was denkst du über „die Männer“?

„Männer sind gefährlich…“ flüsterte Mari.

Joel nickte und sagte: „Ich spüre deine Angst und achte sie. Was noch?“

„Männer haben laute Stimmen, die mir Angst machen, sie könnten mich plötzlich anbrüllen und furchtbar nieder machen…“

Wieder nickte Joel und sagte: „Ich höre deine Angst und achte sie. Was noch?“

Männer sind mir körperlich überlegen… Sie können mir weh tun… Sie können über mich herfallen… Sie können… mich festhalten… Sie können mich umwerfen… Sie können mich fallen lassen… Sie können mich so sehr verletzen!“ Tränen traten ihr in die Augen.

Mitfühlend nickte Joel und sagte: „Ich sehe deine Tränen, ich höre deine Angst, und ich achte dich. Was noch?

„Männer mögen mich nicht, weil ich so empfindsam und ängstlich bin. Sie lachen mich aus und machen mich nieder, weil ich so vieles nicht kann.“

„Ich mag dich! Ich mag dich in deiner Zartheit. Ich mag dich in deiner Empfindsamkeit. Ich mag dich mit aller Angst! Ich mag dich mit dem, was du kannst und mit dem, was du noch nicht kannst. Und ich mag dich, weil du so mutig bist, dich deiner Angst zu stellen!“

Bei diesen wertschätzenden Worten kamen Mari die Tränen. Joel stand auf, ging auf sie zu und kniete sich vor ihr nieder. 

„Mari, ich verneige mich vor deinem Mut und deiner Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen.
Und ich bitte dich von Herzen im Namen all der Männer, die dir weh getan haben und dich in deinem wahren Wert nicht gesehen, geachtet und anerkannt haben, um Verzeihung.
Mach mit mir was du willst – zum Ausgleich dessen, was geschah.
Ich nehme es an – stellvertretend für alle Männer, die dir weh taten. „

Ganz tief verneigte er sich vor ihr bis sein Kopf den Boden berührte und blieb in dieser Position.

Mari schaute verwundert auf diesen Mann, der auf dem Boden kniete und dessen Stirn die Erde berührte. Er bewegte sich kaum. Sie bemerkte minimale Bewegungen, als würde er Balance suchen, um in dieser Position verharren zu können.

Ein für beide nicht messbarer Zeitraum verging… 
Er wartet! Dachte sie.
Er bleibt dort auf dem Boden…
Er sagt nichts mehr, er wartet…
Etwas in ihr schmolz…
Auch dazu gehört Mut…
Irgendetwas bewegte sich in ihr und verströmte Wärme.
Mitgefühl entstand…
Sie ging nah an ihn heran und um ihn herum.

Sie könnte ihn jetzt stellvertretend für ihren Vater und die anderen Männer, die ihr so weh getan hatten, anschreien, auf den Rücken schlagen, mit dem Fuß auf seine vorgestreckten Hände treten – doch sie spürte: Das alles wollte sie nicht.
Statt dessen legte sie ihre Hand auf seinen Kopf und sagte: „Ihr wart wie ferngesteuert. Etwas hat sich vor euer Herz gelegt. Ich vergebe euch – und ich bitte euch: öffnet alle euer Herz.“

Joel blieb noch immer in dieser Position auf der Erde, wartete ab, was noch gesagt oder getan werden wollte.

Nun ließ sich auch Mari auf den Boden nieder, kniete sich vor ihn und flüsterte: „Ich weiß auch,  wie es ist, wenn man plötzlich die Beherrschung verliert, wenn das Herz sich verschließt und man wie ferngesteuert Dinge sagt oder tut, die hinterher nur Reue und Schmerz hinterlassen. Das habe ich auch getan.“
Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie bat: „Bitte erhebe dich, wir sind gleich – es geht uns beiden so.“
Langsam hob Joel seinen Kopf, und sie sah in seinem Gesicht auch Tränen.

So knieten sie voreinander…

Und Mari öffnete ihre Arme zu einer stillen Einladung. Beide hielten sich bewegt in den Armen und ließen eine Welle von Heilung und Sehnsucht nach Frieden und Liebe durch ihre Augen, Herzen und Arme fließen…

 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge