Bei Joel – Achterbahn-Gefühle

An diesem Abend war Mari besonders aufgeregt. Was würde heute geschehen? Sie war bei dem voran gegangenen Treffen gefragt worden, ob ihr vor etlichen Wochen geäußerter Wunsch, ihre Angst  und vor Männern und vor erotischer Nähe abzubauen immer noch gültig sei. Sie hatte in sich hinein gespürt und wahrgenommen, dass sie diesen Weg sogar mit all der Angst, die damit verbunden war, weitergehen wollte – diesen Weg, der mit Spielen von liebevoll ausgeüber Macht gepflastert war – in denen Joel eine charismatische Meistergestalt einnahm.

Heute fand sie beim Eintreten ins Wohnzimmer zwei sich gegenüber stehende Stühle vor, und Joel erklärte ihr: „Ich dachte mir, heute redest du einmal nur mit dem Meister – ganz ohne irgendeine Aktion oder Aufgabe“ , sagte er und legt die Hände auf die Lehne des einen Stuhls. Mari war erleichtert. Also heute würde die Herausforderung noch nicht allzu groß werden… Sie war Joel dankbar, dass er ihr das schon vor dem Spiel sagte, so konnte sie jetzt etwas entspannter an dieses Gespräch mit dem Meister heran gehen.

Joel lächelte Mari an: „Setz dich auf einen der beiden Stühle, Mari, das Spiel beginnt.“

Mari nahm ihrem Meister gegenüber Platz. Dieser lehnte sich entspannt zurück, schlug die Beine übereinander und schaute Mari freundlich an. 

Wie meistens fiel es Mari schwer, das Schweigen auszuhalten. Würde er doch zu reden anfangen, das Schweigen ist so unbehaglich, dachte sie…

Sie musste nicht lange warten. Er eröffnete das Gespräch rückblickend auf das letzte Treffen mit den Worten: „Ich habe mich sehr über dein Ja in unserer letzten Sitzung gefreut!“

„Danke, dass du das sagst, allerdings ist es mir nicht ganz leicht gefallen“, bekannte sie leise.

Das glaube ich! Deshalb hat es mich um so mehr gefreut, weil ich weiß, dass es ein großer Schritt war.“

Mari freute sich über sein Verständnis und die Anerkennung. „Danke für dein Verständnis, Meister!“

Mit welchem Gedanken, bist du heute gekommen?“ fragte er sie, beugte sich etwas vor und lächelte sie ermutigend an.

Sie erzählte ihm von ihrer Angst, dass die Herausforderungen nach dem letzten Gespräch nun intensiver werden würden und sie die vor ihr liegenden Schritte, die sie näher an den Bereich der Erotik führen würden, fürchtete, obwohl sie sich das ja auch wünschte…

„Bisher sind wir doch mit kleinen, behutsamen Schritten vorwärts gegangen, oder?“

Mari nickte, ja das stimmte, und dennoch waren ihr selbst diese manchmal schwer gefallen.

„Warum sollte sich das künftig ändern?“ fragte er freundlich.

„Na, ich dachte, wenn jetzt diese Frage ausgesprochen wird , dann ist das wie…wie… als wenn jetzt die Hürden größer werden sollen, als würden ab jetzt Anforderungen kommen, die dadurch dass sie noch viel stärker in diese erotische Richtung gehen, für mich noch schwieriger werden, und es war bisher schon nicht leicht!“

„Nein, ich weiß, dass es nicht leicht war für dich, und ich möchte dir sagen, dass ich beeindruckt bin, wie du bisher deine Schritte gegangen bist! Ich werde darauf achten, dass – gerade auch wenn es in Richtung Erotik geht – die Schrittchen schön klein bleiben und möglichst immer machbar sind. Und wenn etwas nicht so geht, dann sagst du es mir und ich finde eine Alternative – so lange bis es geht. Na, wie klingt das?“

„Ich danke dir, für deine Zusage, und dass du das gemerkt hast, dass vieles nicht leicht war… Ich komme mir immer so dämlich dabei vor, wenn ich wieder Angst bekomme, obwohl ich es besser wissen müsste, aber das verselbstständigt sich dann immer irgendwie, da habe ich kaum Einfluss drauf“, erklärte Mari
 
„Du solltest nicht so streng mit dir sein Mari, ich finde es völlig ausreichend, wenn ich „streng“ mit dir bin“, sagt er mit einem lächelnden Augenzwinkern und malte zwei Gänsefüßchen in die Luft.
 
„Ich wollte dir ja nur erklären, was in mir vorgeht, eigentlich bin ich nicht streng zu mir, sondern eher manchmal verzweifelt“, erklärte sie traurig.
 
„Du hast dich gerade dämlich genannt“, machte er ihr bewusst, „das ist kein liebevoller Umgang mit dir selbst. Das wichtigste ist, dass du einen liebevollen Umgang mit dir findest, nur dann kannst du auch gut den liebevollen Umgang anderer annehmen.“
 
Betroffen schaute Marie auf den Teppich. Ja, damit hatte der Meister recht. Das war ihr gar nicht aufgefallen, und sie sagte: „Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst.“
 
„Ich finde, du solltest dich bei dir selbst entschuldigen, Mari. Sei sanft mit dir und nimm dich mit allem, was du fühlst, liebevoll an.“

Obwohl sich das seltsam anfühlte, sprach Mari mit sich selbst: „Entschuldige Mari, es tut mir leid, dass ich dich gerade dämlich genannt habe. Ich meinte das eigentlich gar nicht so und will künftig besser darauf aufpassen, wie ich mit spreche.“

Bestätigend nickte Joel ihr zu. „Das war gut und wichtig!  Du hast dich gerade selbst verletzt, und auch wenn es sich etwas seltsam anfühlt, sich bei sich selbst zu entschuldigen, hilft dann. Denn so kannst du es gleich wieder ausgleichen. 
Du solltest stolz auf dich sein, Mari, auf deinen Mut, und deine Entschlossenheit! Kannst du mir sagen, dass du mutig bist?“

Obwohl es ihr etwas schwer fiel, sprach sie es aus: „Ja, Meister ich bin mutig“

„Das ist viel hilfreicher, als wenn du dich herab würdigst. Da ist doch Energie drin!“ lobte er sie.

„Danke, Meister, ich weiß, Mut ist nötig, wenn man eine Angst auflösen will, und da ich jedoch nicht fühlen kann, dass ich mutig bin, muss ich es mir eben immer wieder einmal sagen.
 
Fühlst du es nicht? Fühlst du nicht die Kraft in dir? Die Kraft die dich neulich hat Ja sagen lassen, die Kraft die dich heute hier her geführt hat?“
 
Mari überlegte und suchte nach Kraftmomenten… Schließlich meinte sie: „Neulich konnte ich die Kraft für einen Moment spüren, kurz bevor ich ja gesagt habe, heute habe ich wieder mehr die Angst gespürt auf dem Weg hierher…“
 
„Aber du bist den Weg gegangen!“ Also war die Kraft größer als die Angst! Und auch der Mut war größer als die Angst! Das verdient Anerkennung – auch von dir!“
 
Mari überlegte… „Das ist seltsam, klingt logisch, und dennoch fühle ich diese Kraft eigentlich gar nicht so bewusst. Aber sie mussja da sein, sonst wäre ich nicht hergekommen… Da hast du recht!  Was könnte ich nur tun um sie stärker spüren zu können?“
 
„Nun, zunächst solltest du dir bewusst machen, wie viele Entscheidungen du triffst und bereits getroffen hast, zu denen Mut gebraucht wird, und sie auf diese Weise aufmerksam wahrnehmen.
In dir steckt ein großer Wunsch, eine tiefe Sehnsucht, ein zentrales Bedürfnis, und das verleiht eine sehr große Kraft. Daran solltest du denken, wenn du dich schwach fühlst… und an all die Dinge, die du schon getan hast, von denen du gedacht hast, du könntest es nicht. Auch hier steckt so viel Kraft drin, so viel Entschlossenheit!“
 
„Okay, ich werde versuchen daran zu denken, wenn ich wieder Angst bekomme.“
 
Also, mutige Mari, was ist eine positive Erinnerung, wenn du an Erotik denkst?“

Uff! Mari überlegte… das war ja gerade das Problem, dass sie bisher kaum positiven Erfahrungen damit gemacht hatte… aber… 
„Hmm, ich kann es als schön empfinden wenn ich mich selbst berühre“, bekannte sie. „Ich glaube das ist auch was, was zum Thema Erotik dazu gehört, obwohl es mir sehr peinlich ist, das auszusprechen.“
Oh ja, das gehört dazu,“ bestätige ihr Meister, „und das ist nichts Peinliches! Du sagtest, du kannst es als schön empfinden, Was meinst du damit genau, Mari“

Na, das sind angenehme Gefühle – Gefühle, die sich lebendig anfühlen – und ich bin dabei frei , und keinem Mann ausgeliefert!“ Marie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und fühlte sich  unbehaglich.

„Und doch möchtest du diese Gefühle auch mit einem Mann erleben, einem Mann, der dominant ist“, stellte ihr Meister lächelnd in den Raum.
 
„Ich weiß, das ist ein Widerspruch, und dennoch ist es so. Das ist ja das Verrückte, das ich selbst nicht verstehe: Vielleicht möchte ich das auch nicht, vielleicht möchte ich diese Führung nur in anderen Themen erleben – so wie bisher. Manchmal ist ja in der Fantasie etwas ganz anders als in Wirklichkeit…
 
Wenn du diesen Widerspruch benennst – wie fühlt sich das für dich an?“
 
„Als sei etwas mit mir nicht in Ordnung. Wie kann ich etwas wollen und gleichzeitig nicht wollen?!“
 
„Nun, wann immer du feststellst, dass du es nicht möchtest, bitte ich dich, es mir zu sagen.“
 
Da bin ich erstaunt, das sagst du mir??? Das darf ich? Innerhalb dieser Spiele?“
 
Ja, Mari., das darfst du! Ich möchte dich führen und dich nicht zu etwas zwingen. Und was deinen inneren Widerspruch anbelangt…“
 
Marie kamen die Tränen vor Erleichterung. Diese Worte berührten sie tief.
 
Ich erwarte von dir zwar eine Form von Unterwerfung, sonst hätte unser Miteinander hier im Aspekt der von dir gewünschten Machtspiele ja keinen Sinn, aber nur bis dorthin, wie weit du gehen willst und kannst.“ 
 
„Danke Meister, ich werde mein Bestes tun!“
 
„Das weiß ich, und das spüre ich, Mari.“ Joel lächelte, „Und was nun diesen von dir angesprochenen Widerspruch anbelangt – ach weißt du, Mari… schon der alte Goethe wusste um die zwei Herzen in der Brust. Ambivalenz ist etwas ganz Menschliches. Hilfreich ist es, wenn man sich der verschiedenen Stimmen in sich selbst bewusst ist und beide Seiten annimmt, sie im besten Fall als die gegensätzlichen Pole eines gemeinsamen Themas ansieht.“
 
Maris Augen wurden heller. „Das tut ja vielleicht gerade gut!!! Wenn es mir so geht wie Goethe kann ich ja gar nicht so verkehrt sein. Dieser Widerspruch in mir zwischen Angst vor Autorität und gleichzeitiger Affinität dorthin begleitet mich tatsächlich schon seit meiner Kindheit, und ich habe oft gedacht mit mir stimmt irgendetwas nicht… Dieses Macht-Thema hat mich nie losgelassen.“
 
„Viele sehen in der Macht auch eine besondere Form von Erotik. Es ist folglich verständlich, dass auch für dich hier eine Verbindung besteht. Wie die aussieht, das werden wir gemeinsam herausfinden.“
 
Bei diesen Worten spürte Mari wieder deutlich, wie sich die Seite der angstvollen Aufregung meldete und ihr fiel nichts ein, was sie darauf sagen konnte.
 
„Ich freue mich drauf! Und das Spiel ist jetzt beendet“, sagte Joel lächelnd.

Mari atmete auf. „Ich fühle mich wie in der Achterbahn, Joel!“

Wie viel leichter es sich doch für sie anfühlte, mit Joel außerhalb der Meisterrolle zu sprechen. Und dennoch… sie hätte es vermisst, dem Meister, der er für sie verkörperte, nicht mehr zu begegnen.

„Und fühlt sich das eher angenehm oder eher unangenehm für dich an?“
 
„Weder noch, irgendwo dazwischen… ziemlich lebendig einerseits und beängstigend andererseits“, antwortete sie. „Ach, Joel, könntest du mich vielleicht, wenn du das auch magst, mal in den Arm nehmen?“
 
Joel lächelte: „Das mache ich liebend gern!“ Er stand auf und umarmte sie.
„Hmm, Mari, gönne dir ruhig das Lebendig-sein. Das ist doch etwas sehr Wertvolles!“
 
Marie hielt sich einen Moment ganz fest an Joel, so als wenn sie gerade in dieser Achterbahn saß, und etwas zum festhalten brauchte. Und er hielt sie ganz fest, um ihr den Halt zu geben, den sie jetzt brauchte…
 
Geschrieben von Rafael und Miriam – vielen Dank für die gute Zusammenarbeit! 

–>  Zum nächsten Kapitel:   25. Bei Angst um eine Umarmung bitten

 
 

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 
 
 

4 Kommentare zu „24. Ambivalenz gehört zum Menschsein

  1. „Das wichtigste ist, dass du einen liebevollen Umgang mit dir findest, nur dann kannst du auch gut den liebevollen Umgang anderer annehmen.“
    Das ist auch für mich eine ganz wichtige Erkenntnis, an der ich jahrelang gekaut habe.
    Inzwischen versuche ich das gleiche auch für andere zu tun. Denn ich bin der einzige, der mir beweisen kann, dass es ein wirklich liebevolles Handeln gibt, auch ohne Hintergedanken. Und dann kann es das auch für mich geben, wenn ich es brauche.
    Danke der diesen ehrlichen und einfühlsamen Text.
    🙏👍💚

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  2. Lieber Ankordanz,
    ich danke dir sehr für deine bestätigenden Worte.
    Besonders kraftvoll finde ich den Gedanken von dir „… ich bin der einzige, der mir beweisen kann, dass es ein wirklich liebevolles Handeln gibt…“
    Ja, und ich selbst habe immer die Macht, diesen Beweis anzutreten. Ein wirklicher Kraftsatz!
    Freut mich, dass du meinen Text als ehrlich und einfühlsam empfindest.
    Alles Gute für dich!
    Miriam

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  3. Wie schön Mari!!!!!!

    Ginkgo Biloba

    Dieses Baumes Blatt, der von Osten Meinem Garten anvertraut, Gibt geheimen Sinn zu kosten, Wie’s den Wissenden erbaut.

    Ist es ein lebendig Wesen, Das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, Dass man sie als eines kennt?

    Solche Fragen zu erwidern Fand ich wohl den rechten Sinn. Fühlst du nicht an meinen Liedern,

    Dass ich eins und doppelt bin ? Goethe (1815)

    Ich wünsche euch weiter viel Kreativität und Mut! Sabine

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    1. Hallo, liebe Sabine,
      willkommen in der Welt von Mari und Joel und vielen Dank für deine guten Wünsche an die beiden, sowie auch für die fantastische Assoziation mit dem Gingko-Blatt. Ja wow: „…Dass ich eins und doppelt bin“ Genau DAS trifft es.
      Herzlichen Dank für die schöne Bereicherung durch dieses Gedicht
      sagt dir mit lieben Grüßen Miriam
      …Und gerade höre ich (in meinem Kopf 😉 ) , dass ich dich auch von Mari und Joel herzlich grüßen soll 🙂 🙂

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