Das erste Treffen bei Joel

Mari und Joel hatten sich bisher zweimal bei Mari getroffen. Beim letzten Mal hatte Joel sie fürs nächste Treffen zu sich nach hause eingeladen.

„Bist du bereit, das nächste Mal zu mir zu kommen, Mari?“ hatte er gefragt.

Sie hätte nein sagen können, aber das wollte sie nicht. Heute wäre es ihr allerdings lieber gewesen, sie hätten sich weiter bei ihr, in ihrer vertrauten Umgebung getroffen. Doch wie hieß es so schön: Man sollte seine Komfortzone immer mal wieder verlassen.

Am Nachmittag nahm ihre Aufregung zu. Was würde sie wohl heute erwarten? Was hatte er in seiner Rolle als „Meister“ diesmal mit ihr vor?

Pünktlich um 18 Uhr erschien sie bei Joel, der sie lächelnd begrüßte und ins Wohnzimmer führte, wo Tee, Wasser und Gebäck auf dem Tisch standen.

„Ich möchte heute gleich mit unserer Session beginnen, den Englisch-Unterricht machen wir diesmal hinterher,“ erklärte er und schloss die Tür.

Dieser Moment, dieser winzige Moment des Tür-Schließens ließ in Mari Alarmglocken schrillen. Was, wenn sie gehen wollte, und er sie nicht raus ließ?
Was, wenn er die Wohnungstür von innen zu geschlossen hatte?
Was, wenn er sich  bisher nur so freundlich und entgegenkommend gezeigt hatte und heute, wo sie beim ihm war, in seiner Wohnung, in der er schalten und walten konnte, wie er wollte, sein wahres Gesicht erst zeigte?
Was, wenn er über sie herfiel und sie nicht weg konnte?

Immer tiefer verrannte sie sich in furchterregende Fantasien.

War es nicht leichtsinnig von ihr, einfach herzukommen, zu einem Mann, den sie noch gar nicht so lange kannte?
Nicht einmal ein Sicherheits-Telefonat mit einer Freundin hatte sie organisiert. Aber mit wem auch? Es gab keine Freundin, der sie von diesen speziellen Treffen erzählen konnte.
Wo war überhaupt ihr Handy? Ach ja, es steckte noch in der Jackentasche, die draußen an der Garderobe hing… Da konnte sie jetzt auch nicht ran!
Sie erinnerte sich an Filme, in denen sich anfänglich sehr freundliche Männer schlagartig in übler Weise verwandelt hatten, nachdem sie ihr Opfer erst mal auf heimischen Boden hatten…

„Ich möchte raus hier! Ich möchte sofort gehen!“

Joel hörte die Panik in ihrer Stimme, sah wie blass sie plötzlich geworden war, und öffnete sofort die Tür.  „Na klar, Mari, komm, lass uns an die frische Luft gehen,“ schlug er vor.

Wie auf der Flucht verließ sie die Wohnung. Joel hatte noch schnell ihre Jacke von der Garderobe genommen und ging hinter ihr die Treppe hinunter, sorgsam darauf bedacht, ihr in diesem Moment nicht zu nahe zu kommen.

Draußen regnete es leicht. Mari nahm das gar nicht wahr.
„Warte doch bitte mal einen kleinen Moment,“ bat er sie von hinten.
Sie drehte sich um, sah ihn an, wie er ihr die Jacke hinterher trug und in einem kleinen Abstand von ihr stehen blieb.
„Wenn es dir recht ist, begleite ich dich,“ bot er ihr an. Seine Stimme klang freundlich und warm wie immer.
Müsste er jetzt nicht sauer sein???
Statt dessen fragte er mitfühlend: „Es geht dir gerade gar nicht gut, stimmt´s? Wo möchtest du denn hin?“

In diesem Moment sah sie ihn wieder – ihn, Joel, wie er wirklich war – nicht die Schreckensgestalt, die ihre Panik in der Wohnung aus ihm gemacht hatte.

Jetzt wurde die Angst von Scham abgelöst. Sie schaute nach unten, nahm wahr, wie sich kleine Pfützen bildeten, spürte nun die Nässe auch durch ihre Kleidung hindurch und fröstelte. Ganz starr stand sie – und murmelte: „Ich weiß auch nicht…“
Wollte sie jetzt wirklich nach hause fahren?

„Zieh doch erstmal deine Jacke an…“  Immer noch etwas von ihr entfernt stehend hielt er ihr die Jacke hin, und sie schlüpfte hinein, legte die Arme schützend um ihren frierenden Oberkörper.

„Oh, Joel, es tut mir leid…“ brach es aus ihr hervor.

„Es braucht dir nicht leid zu tun, Mari, Du hattest einen Panikanfall. Dafür kannst du nichts. Was meinst du, würde es dir gut tun, wenn ich dich jetzt in die Arme nehme?“ fragte er sie vorsichtig.

„Ja, wenn du das noch willst…?“

Langsam und ganz behutsam legte er die Arme um sie, und der Rest von Angst und Widerstand schmolz in seiner Umarmung.
Eine ganze Weile standen sie in dieser Umarmung versunken auf der verregneten Straße.
„Nimmst du mich wieder mit zu dir?“ fragte sie schließlich leise.

„Gern, Mari. Und ich verspreche dir, es wird dir nichts geschehen. Heute werden wir auch kein Spiel mehr machen! Jetzt möchte ich nur, dass du dich von deinem Schrecken erholst und wieder auftaust, mein Schatz!“
Und später können wir vielleicht über alles reden, wenn du möchtest…“

Zum nächsten Kapitel: –>  13. Ein Hauch von Geborgenheit

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

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