Am Abend nach dem 2. Spiel – Mari denkt nach über das Spiel und das Leben

Obwohl es schon spät war, fand Mari noch immer keine Ruhe.
Sie holte ihr Stickgarn hervor und stickte eine kleine gelbe Blüte in den schwarzen Stoff des Gewandes, das ihr Joel vorhin im Rollenspiel als ihr „Meister“, gegeben hatte. Obwohl sie normalerweise überhaupt keine Lust zu Handarbeiten hatte, erfüllte sie jetzt gern seine Hausaufgabe, diesen besonderen Stoff nach und nach mit kleinen bunten Ornamenten zu besticken. 
Dass ich mal mit Freude sticken würde, hätte ich ja nie für möglich gehalten, dachte sie und grinste in sich hinein. Es ist aber schon was ganz anderes, es als Aufgabe vom Meister zu erhalten.
Das ist schon ein besonderer Mann… 

Eine tolle Idee von ihm, sich hinzustellen und „das Leben“ zu verkörpern.
Das war echt ein interessantes Gespräch! 

Spannend… da hatte ich doch vor kurzem selber auch schon die Idee, mit dem Leben zu kommunizieren… und hab ihm diesen Brief über meine Sehnsucht und Angst geschrieben. Was hatte ich eigentlich genau in diesen Brief ans Leben geschrieben…?

Mari holte ihr Tagebuch.

Da will ich doch gleich mal zurück blättern und nachschauen:

Aus Mari´s Tagebuch:

Du mein liebes Leben,
du kennst meine Fantasien, dass jemand, an den ich ganz bewusst für eine begrenzte Zeit meine Macht abgegeben habe, mir zum Beispiel sagt: „Du gibst jetzt mal für eine Weile alles in meine Hände. Du tust entweder gar nichts oder genau das, was ich dir sage! “

Leben, Du weißt ja, dass ich im täglichen Leben in meinem Beruf als Lehrerin viel Verantwortung übernehme. Es wäre vielleicht – wenn ich mich das trauen würde – ein guter Ausgleich für mich, wenn ich für gewisse Zeiten in Spiele eintauche, in denen ich mal die Verantwortung abgeben darf .

Du weißt auch, dass mir das sicher gar nicht leicht fallen würde, und dass ich mich dennoch danach sehne, mich in die Hände eines Menschen zu geben, der es gut mit mir meint, und diese von mir gewollte Führungsrolle mit Liebe und Einfühlungsvermögen gestaltet.

Natürlich müssten wir vorher viel abgesprochen haben, freundlich und klar miteinander kommunizieren können und uns grundsätzlich auf Augenhöhe begegnen. Das ist mir wichtig!


Aber vielleicht ist das auch eine absolute Schnapsidee, denn eigentlich weiß ich gar nicht so recht, wie und ob das überhaupt gehen kann…
Einerseits ist da so eine Sehnsucht danach, mich an so eine liebevolle Macht hingeben zu können, andererseits hab ich wiederum große Angst… und es fällt mir so schwer, die Kontrolle abzugeben – Sehnsucht und Angst zu dem gleichen Phänomen…


Leben, meinst Du, es könnte solch einen Menschen überhaupt geben, der tatsächlich Lust hat, diese zarten Nuancen einer Führungsenergie für mich zu verkörpern und der meine Ängste, die ja auch dabei sind, annehmen und dem entsprechend flexibel und behutsam mit mir umgehen könnte?
Jemand, der seine Anweisungen, die er mir in seiner Führungsrolle erteilt, wenn nötig auch variieren oder gar zurücknehmen kann, ohne es als „Gesichsverlust“ in seiner Meisterrolle zu werten, falls ich es nicht packe, und mir dabei die Wärme gibt, die ich bräuchte, um mich überhaupt weiter auf dieses Spiel einlassen zu können…?

Wenn es solch einen „Jemand“ gibt, der es auch selbst spannend fände und Freude an dieser Gradwanderung hätte, mich auf freundliche, wohlwollende Weise zu führen und im Rahmen von Rollenspielen über mich bestimmen zu dürfen, dann führe diesen Menschen bitte in meinen Weg. Ich weiß nicht wie, aber du weißt es in deiner allumfassenden Intelligenz.

Es wäre schön, wenn ich endlich Vertrauen fassen könnte und vielleicht durch diese Art liebevoller Führung mit der Zeit die Angst vor der Nähe zu Männern – und die Angst vor meinen eigenen Gefühlen – verringern oder gar verlieren könnte.
Derjenige müsste allerdings viel Geduld haben, nicht sauer sein, wenn es manchmal nicht so klappt… und selbst Lust dazu haben, solch eine Führungsrolle zu verkörpern.

Mensch, irgendwie wär das KLASSE?!!
Hey DU, mein Schicksal, du Schreiberin meines Lebensbuches, wie wäre es mit der Verwirklichung einer solchen Geschichte in meinem Leben?! Aber nur, wenn das gut geht!
Ich öffne mal symbolisch eine neue Seite in meinem Tagebuch dafür…

Hm… das hab ich vor gut drei Wochen geschrieben – und…wow, nun ist dieser Mensch schon da!
Und er hat gesagt, dass er behutsam sein will…
Liebes Leben, danke! Du hast ja echt schnell geantwortet. Ich bitte dich inständig darum, lass es nicht so sein, dass ich mich in Joel täusche! Ich habe immer wieder einmal Angst, dass es eine Seite in ihm gibt, die gefährlich sein könnte, die er bisher verborgen hat.
Mein Vater war auch manchmal ziemlich lieb und dann so ganz… na du weißt schon! So, dass es mir Angst gemacht hat.
Bitte lass Joel anders sein – so dass ich mit ihm wirklich sicher bin.
Lass das bloß alles gut gehen!!!
Nächstes Mal gehe ich zum ersten Mal zu ihm nach hause…
Bitte lass mich beschützt sein, liebes Leben!!!

Zum nächsten Kapitel –> 12. Kopfkino

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

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