94. Anerkennung und Herausforderung in einem

Bei Joel – ein spannendes Angebot

„Oh, du hast ja heute Kaffee und Tee schon fertig“, sagte Mari und setzte sich auf die Couch.
Joel setzte sich ihr gegenüber. „Das Spiel beginnt“, sagte er.
Mari schaute ihn gespannt an. Was wohl heute kommen würde… Sie hatte keinen blassen Schimmer.

„Nun Mari, wir haben ja schon einiges zusammen erlebt… Und du hast große Fortschritte gemacht!“
Erstaunt schaute Mari ihn an. „Ja, es stimmt, wir haben schon viel erlebt inzwischen. Aber dass du von großen Fortschritten redest, …hmm na ja, das wundert mich ein bisschen, die Angst kommt mir ja doch immer mal wieder dazwischen… und andere schwierige Gefühle wie Peinlichkeit und Scham ja auch.“
Joel nickte bedächtig: „Ja, aber du bist schon ein großes Stück weiter gekommen, finde ich.“
„Das freut mich, dass du es so empfindest.“ Mari lächelte.
„Um diese Entwicklung miteinander zu feiern, hab ich mir etwas ausgedacht“, fuhr Joel fort.
Ihr Lächeln vertiefte sich… „Wie jetzt… Was denn? “ fragte sie erfreut und verwundert zugleich.
Es macht er ihr ein ganz seltsames und besonderes Gefühl, von ihm diese Anerkennung zu bekommen…

Er gab ihr einen Umschlag, aus dem sie ein wunderschönes Hotelprospekt hinaus beförderte und erklärte dann: „Ich lade dich ein, mit mir ein Wochenende in diesem Hotel zu verbringen.“
Ihre Augen weiteten sich… In diesem schönen Hotel… Wow! Du willst, dass wir beide zusammen ein Wochenende dort verbringen? Das ist ja eine zauberhafte Idee!“

„Ja… Dazu lade ich dich ein…“ sagte er ganz langsam mit einer seltsamen Betonung.
Der Ton, in dem er sprach, ließ sie etwas stutzig werden… „Das klingt so eigenartig, wie du das sagst…
Gibt es dabei irgendeinen Haken?“
Joel schaute sie ernsthaft an. „Einen Haken… nun wie man es nimmt. Ich würde dazu sagen: Es gibt auch Herausforderungen dabei!“

Mari spürte ein bekanntes Kribbeln, das sich ihre Wirbelsäule hinauf schlängelte in den Kopf hinein. „Kannst du dich bitte ein bisschen genauer ausdrücken?“ bat sie Joel.
Er nickte: „Nun, das Wochenende wird Anerkennung und Herausforderung gleichzeitig sein, wenn du zusagst.“
„Worin besteht denn die Herausforderung ?“ wollte sie wissen.
„Es wird wohl mehr als eine sein, aber die vermutlich wichtigste ist quasi die Voraussetzung, unter der wir fahren würden.“

„Fahre ich mit dir als Meister? Oder einfach mit dem Menschen Joel?“
Er lächelte: „Mit beiden. Es wird solche und solche Zeiten geben.“
„Okay“, nickte Mari, „da bin ich aber froh! Ein ganzes Wochenende durchgehend mit dir als Meister wäre schon sehr heftig. Dann ist die Voraussetzung also schon mal geklärt?“
„Nein noch nicht. Die Voraussetzung ist: Wir nehmen ein gemeinsames Zimmer.“
„Ohhh! Darüber hatte ich bisher noch gar nicht nachgedacht“, bemerkte Mari leise.

Er sagte nichts, wartete einen Moment.
Mari war der Konflikt deutlich in den Gesichtszügen abzulesen. In ihrem Magen fuhr es Fahrstuhl.
Was bezweckte er mit einem gemeinsamen Zimmer? Wie sollte das gehen… abends… nachts…?
Sollte das vielleicht… Hm…


„Kannst du mir bitte noch mehr über die Voraussetzungen und Herausforderungen sagen?“ fragte sie aufgeregt.

„Nun, das mit dem Zimmer ist die wichtigste. Wir werden uns das Bett teilen. Du weißt, dass ich dir nichts tun werde, was du nicht auch willst,“ antwortete er ruhig, „aber wir wissen auch beide, dass das eine echte Herausforderung ist!“
„Danke, dass du das noch mal so ausdrücklich sagst. Ich war mir nicht sicher, ob das gemeinsame Zimmer eventuell eine Andeutung sein sollte zu… mehr… Darauf kann ich mich doch auch dort verlassen, dass du nichts tust was ich nicht will oder kann?“
Joel nahm ihre Hand und nickte: „Ja, so wie schon die ganze Zeit. Das ist Teil unserer Vereinbarung.“
„Okay! Und du hast Recht: Es ist auch so schon herausfordernd genug. So… und nun meintest du noch, das sei noch nicht alles?“
„Nein. Das ist noch nicht alles. Es wird auch solche Sessions wie wir sie hier auch machen.“
Mari überlegte, wie sie sich nun entscheiden sollte, vermutlich würde er ihr über die anderen Herausforderungen nicht mehr viel erzählen…

„Ich weiß, das klingt etwas heftig, aber es ist Zeit, einen Schritt weiter zu gehen – und hier bietet sich eine große Chance.“

Einen Moment fühlte sie in sich hinein. Wie würde sie sich fühlen, wenn sie ja sagen würde: Das wäre sicher sehr aufregend und spannend, würde die Intensität der Herausforderungen und der damit verbundenen schwierigen Gefühle stärker machen als sonst, weil sie ja nicht weg konnte…
Und wie würden Sie sich fühlen, wenn sie nein sagen würde: Sie wäre mit Sicherheit traurig und frustriert, eine bestimmt sehr intensive und wahrscheinlich auch wenigstens teilweise schöne Erfahrung nicht gemacht zu haben…
So wanderten ihre Gedanken hin und her…

Joel, der ein guter Beobachter war, verstand in ihr zu lesen wie in einem offenen Buch und sagte: „Mari, du weißt: Ich werde jedes Stopp von dir achten. Und ich werde mein Bestes tun, dass es ein aufregendes und schönes Wochenende sein wird.“
„Ja, dass das ein sehr aufregendes Wochenende wird, das steht außer Frage!“ bestätigte Mari, „aber was ist, wenn ich es nicht packe? Wenn ich zwischendurch so heftige Angst bekomme, dass ich mit den Herausforderungen nicht klar komme? Ich könnte ja nicht mal nach Hause fahren so schnell…“

Joel nahm wahr, dass sie wirklich an einem Punkt angekommen war, an dem sie eine Entlastung brauchte, und sagte zu ihr: „Nun, ich verspreche dir, wenn es wirklich nicht mehr geht, bekommst du ein eigenes Zimmer.“
Mari fiel ein Stein vom Herzen. „Puh! Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet, aber ich danke dir von ganzem Herzen für diese beruhigende Zusage. Ich hoffe, dass das nicht nötig werden wird, aber alleine schon zu wissen, dass diese Möglichkeit besteht, hilft mir sehr!!! Na und außerdem gibt es ja immer noch die Möglichkeit, um eine Umarmung zu bitten, wie hier auch, oder?“
„Ja sicher! Jederzeit! Mari“, bestätigte Joel. „Nun was sagst du zu meiner Einladung?“
„Ich sage Ja!“ strahlte Mari. „Ich freue mich riesig über dein Angebot. Ja, ich komme mit!“
Er lächelte „Ich freue mich sehr, dass du dich darauf einlässt Mari.“
„Das ist wirklich etwas ganz besonderes, in beiderlei Hinsicht: So schön wie auch so herausfordernd,“ meinte Mari und wollte wissen: „Wann soll es denn losgehen?“
„Nun, ich schlage vor: am kommenden Wochenende. Da soll es warm und sonnig sein.“
Mari bekam große Augen. „So bald schon! Na Gott sei Dank, dann ist die Aufregung nicht allzu lange vorher! Ja, am kommenden Wochenende habe ich nichts weiter vor – das geht. Das war ja eine Überraschung heute!“
„Ich freue mich sehr, dass du ja gesagt hast. Das Spiel ist vorbei.“

Erleichtert atmete Mari auf. „Das war genug Aufregung für diesen Nachmittag“, sagte sie zu Joel. „Es ist so schön, dass du dir da so etwas besonderes ausgedacht hast, vielen Dank. Ich bin jetzt gar nicht dazu gekommen, mich beim Meister auch zu bedanken, aber du kannst ihm das sicherlich ausrichten“, sagte sie augenzwinkernd.“
„Ja, na klar, „nickte er gut gelaunt. Der Meister und ich dachten, das wäre eine schöne Idee, und freuen uns sehr, dass du zugesagt hast.“
„Aber mal ehrlich… Das ist schon eine irre Kombi aus beidem, und ich bin sehr froh, dass er mir dieses entlastende Notlösungs-Angebot mit dem Einzelzimmer gemacht hat, wobei ich hoffe sehr, es wird nicht nötig sein. Aber zu wissen, dass es eine Hintertür gibt, das tut unendlich gut.“
„Ja“, bestätigte Joel. „Es sollte immer die Möglichkeit geben, dass du stopp sagst, auch wenn wir hoffen, dass es nicht passiert.“
„Das ist das, was ich an unserem Miteinander so schätze, und was es mir erst möglich macht… mich einzulassen… Danke! Du kennst mich halt schon sehr gut…“
„Nun lass uns auf die aufregenden und sicher auch sehr schönen Tage freuen.“
„Ich freue mich ganz besonders auf die Zeiten zwischen den Herausforderungen“, lachte Mari, „aber gespannt wie ein Flitzebogen bin ich auf alles, was kommt. Wie wäre es jetzt mit einer Umarmung?“
„Na aber sehr gerne“, sagte er und nimmt sie ganz tief in seine Arme.
Ihr Herz klopft immer noch heftig, und jetzt so wohltuend festgehalten zu werden, das tat Maris aufgewühltem Gemüt sehr gut.
„Und zur Not kann ich das ganz oft haben?“
„Ja sicher“, lächelte Joel. „der Vorrat an Umarmungen ist unbegrenzt!“
Da musste Mari lachen. „Dann wird das schon alles gut gehen! Ich danke dir und freue mich riesig!“

Dies Kapitel wurde gestaltet von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

87. Wer bin ich, wer sind wir – ohne unsere Rollen?

Bei Mari – Joel und Mari treffen sich zum ersten Mal „einfach so“

Kann man eigentlich noch aufgeregter als aufgeregt sein? fragte sich Mari am Morgen des vereinbarten Besuches von Joel, der diesmal – so wie sie es sich gewünscht hatte – nicht als Meister, sondern „einfach so“ – unabhängig von ihrem Deal  „Englisch-Unterricht als Ausgleich für  Vertrauens- und Machtspiele“ zu ihr kam.
Heute würde es keine vorher vereinbarten Rollen geben. Auch das fühlte sich – neben allem anderen – verunsichernd für Mari an. Wer bin ich, wenn ich nicht bin, wie ich sonst bin in unserem Miteinander? fragte sie sich. Was will ich? Was kann ich? Was werden wir tun miteinander? Hoffentlich fällt mir irgendetwas zu sagen ein. Denn nun liegt die Gesprächsführung ja nicht nur bei ihm. Hoffentlich findet er mich nicht langweilig, wenn ich einfach nur ich selber bin…
Socher Art Gedanken gingen zu Hauf durch Maris Kopf. Und wenn alle Sorgen und Unsicherheiten für einen Moment still waren, flackerte ein Hauch von Freude auf – bis die Verunsicherungs-Gedanken wieder kamen und schließlich beide Pole Vorfreude und angstvolle Aufregung einen beunruhigenden Tanz tanzten im Kopf und im Bauch von Mari, so dass es ihr heute sogar schwer fiel etwas zu essen, so flau war ihr im Magen.

Ob ich, wie in letzter Zeit auch, die Couch ausziehe oder nicht? fragte sie sich bereits zum zehnten Mal.  Diesmal war es ja  nicht so vereinbart… Sie hatte keine diesbezügliche Vorgabe erhalten. Wenn ich fühlen möchte, wie es sich anfühlt, Joel nahe zu sein, wie ich es ihm ja schon geschrieben habe, dann wäre allerdings mehr Fläche dazu sicher bequemer

Ja, ich werde die Couch aufklappen, entschied sie.

Schließlich war es soweit und Joel klingelte, trat ein, nahm sie zur Begrüßung in den Arm und ging dann erstmal ins Bad.
Mari setzte sich etwas nervös in die hinterste Ecke der Couch.
Fröhlich betrat er das Wohnzimmer, setzte sich zu ihr und legte seinen Arm um ihre Schulter.

Couech_mit_kissen

Ob er spürt, WIE unsicher und aufgeregt ich mich fühle? fragte sie sich und sah ihn an. Konnte sie in seinem Gesicht etwas finden, das ihr Auskunft darüber gab, was in ihm vorging…?
Er schaute sie offen an,  freundlich wie sie ihn auch sonst kannte.
„Ich fand es gemütlicher und praktischer, ein bisschen mehr Fläche zu haben“, erklärte sie. Joel bestätigte das: „Da hast du gut mitgedacht, Mari.“

Dann nahm er ihre Hand und bewegte sie sanft, streichelte sie, bog sie, hob sie hoch und bewegte sie in der Luft weiter. Es begann ein Tanz ihrer beider Hände, der sich gut anfühlte…

Mari begann sich etwas zu entspannen. Es war still zwischen ihnen, während sie die Aufmerksamkeit auf die Hände richteten. Als Joel ihre Hand wieder los ließ, zog er Mari etwas fester in seine Arme. Mari atmete tief… Das fühlte sich gut an. Sie konnte diese intensive Nähe gut annehmen, merkte sie erstaunt. Ja, sie fühlte sich sogar sicher in diesen starken Armen. Als hätte sie schon sehr lange Sehnsucht danach gehabt, so gehalten zu werden…  Joel strich ihr wohltuend über den Rücken. Ganz bewusst achtete sie auf jede Bewegung, auf jeden Millimeter, den seine Hände weiter wanderten. Leise sagte er zu ihr: „Du weißt, du kannst jederzeit Stopp sagen, ich werde mich sofort danach richten.“

Mari nickte… und fragte: „Ja, ich weiß, aber ich hätte Angst, dich damit zu frustrieren.“

„Nein, das brauchst du nicht, Mari, ganz sicher nicht!“ beruhigte er sie. „Mir macht es Freude, wenn es dir gut geht mit dem, was wir hier tun. Das ist mir das aller wichtigste!

Joels Hände begannen ganz langsam auf ihrem Rücken zu wandern – mal mit etwas mehr Druck, mal ganz zart, was kleine Schauer in ihr auslöste. Langsam, ganz langsam, um ihr jederzeit die Gelegenheit zu geben, Stopp zu sagen, bewegte er seine Hand über ihren Körper. Mari war höchst wach und beobachtete seine Bewegungen und die Gefühle, die sie in ihr auslösten aufmerksam. Zwischendurch tauchten immer mal wieder Zweifelstimmen in ihr auf, ob das jetzt in Ordnung sei. Und immer wieder schickte Mari die Botschaft nach innen: Alles okay, ganz ruhig – wir dürfen das!

Langsam rutschte Joel mit ihr tiefer auf der Couch, in eine halb liegende Position. Sie nahm es wahr und ließ es zu – immer wieder ganz bewusst nach spürend, will / kann ich da noch mitgehen? Sie wollte und sie würde achtsam mit ihren körperlichen Signalen umgehen und nichts zulassen, wobei sie spürte, dass ihre Körperzellen noch nein sagten. Und sie wollte darauf vertrauen, dass Joel wirklich meinte, was er sagte, dass es für ihn tatsächlich in Ordnung sei, wenn sie ihre Grenzen rechtzeitig und deutlich aufzeigte. Und wie zur Bestätigung ihrer Gedanken flüsterte er ihr ins Ohr: „Alles in Ordnung? Zeig mir oder sag mir, wenn was nicht geht. Ich will, dass es dir gut geht!“

„Danke, Joel, ja, es ist alles in Ordnung“, antwortete sie ihm leise. Ein Weilchen hielt er sie ganz einfach nur fest in seinen Armen und sie genoss diesen   Halt, den ihr seine Arme vermittelten. Noch ein Stückchen tiefer rutschte er mit ihr, und langsam setzten seine Hände die Wanderung fort, immer mal wieder kleine Schauer auslösend, die er mit Freude wahrnahm.
Auch dass sie schließlich ihre Bluse auszog, freute ihn, zeigte es ihm doch, dass sie sich sicher und wohl genug dazu fühlte, von sich aus einen kleinen Schritt zu tun.

Millimeter um Millimeter wanderten seine Hände nun auch unter ihre Kleidung. Als er jedoch an ihrer Brust angelangt war, schüttelte sie leicht den Kopf und nahm seine Hand, um sie in eine andere Richtung zu lenken. Sie war erstaunt, wie schnell und wie leicht er sich in diesem Moment von ihr führen ließ. Sein leise geflüstertes: „Ja, okay!“ bestätigten das.

Wieder einmal hielten sie inne, als er spürte, dass sie sich bei ihm fester hielt als vorher.  In diesem Moment fühlte sie sich gefordert, bewegt, beklommen, etwas ängstlich, aber nicht so ängstlich, dass sie dieses wundervolle Erlebnis abbrechen wollte. Sie war über sich selbst erstaunt. Ja, sie wollte… sie wollte… wollte sie tatsächlich? Ja, sie wollte….!
Wir dürfen das geschehen lassen und genießen, redete sie wieder gedanklich ihren inneren Stimmen zu, die sie immer wieder einmal zwischendurch Zweifel fühlen ließen, ob diese ganze Situation so in Ordnung war. Wie gut, dass Joel ihr Zeit ließ, nach innen zu spüren, und dass er ihr mit seiner Umarmung Sicherheit vermittelte.

Ja, er wollte und er würde ihr den Halt geben, den sie brauchte, um sich auf dieses für sie so wackelige und gefährlich erscheinende Land des Neuen einlassen zu können…. Als seine Hand sich wieder bewegte, fühlte sie wieder, dass sie damit einverstanden war, dass es aufregend schön war… Aber dann, als er langsam ihren Rock hochschob und seine Hand langsam weiter wanderte, war es genug. Das spürte sie ganz deutlich und nahm seine Hand dort weg. Er nickte und zog als Zeichen, dass er verstanden hatte, ihren Rock wieder  hinunter.

Wieder hielt er sie ganz fest und flüsterte „Alles in Ordnung! Ich hab verstanden… Wir wollen nichts überstürzen.“

Er hielt sie noch ein Weilchen in den Armen bis Mari sich wieder entspannen konnte… Dann fragte er: „Wie wäre es, wenn wir uns jetzt gemütlich einen Film anschauen? Ich hab ein paar DVDs zur Auswahl mitgebracht.“

„Überrascht und erfreut nickte Mari. „Welch schöne Idee! Gerne!“ 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

72. Ist hier und heute etwas gefährlich?

Bei Joel – Den Gefühlen eine bewusst gewählte Bedeutung geben

Mari betrat Joels Wohnung und wie immer gab es bei der Begrüßung erst einmal eine feste und innige Umarmung. „Das tut gut, Joel!“ meinte Mari, die sich heute besonders beklommen fühlte, da sie vorher von ihm eine Nachricht bekam, in der er schrieb, dass er sie zum heutigen Rollenspiel mit einen Rock und einer durchgeknöpften Bluse erwartete, unter der sie nichts drunter tragen möge. Was sollte heute geschehen?
Als sie auf seine Frage nach ihrem Befinden: „Ziemlich aufgeregt“ antwortete, lächelte er sie an und meinte: „Wie gut! Stell dir vor, du wärest gleichgültig, da ist doch Aufgeregtheit viel besser! Ist lebendig und zeigt intensives Fühlen. Gefühle sind Kräfte. Wichtig ist nur, dass wir dahin kommen, dass nicht die Gefühle uns leiten, sondern dass wir die Gefühle leiten!“

Mari nickte, ja das klang erstrebenswert. So manches Mal fühlte sie sich von ihren Gefühlen gebremst. Nachdem sie Kaffee getrunken hatten, begann er das heutige Spiel mit der Ankündigung: „Heute werden uns mal ganz bewusst mit der Vielfalt der Gefühle beschäftigen. Es geht darum, sie bewusst wahrzunehmen, auszusprechen, anzuerkennen, dass sie da sind und sie so einzuordnen, wie es gut tut . Ich werde Gefühle anregen und du sagst mir, was du fühlst. Jedes Gefühl ist wertvoll, alles darf da sein. Die angenehmen und auch die unangenehmen.

Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen, lernen und üben, sie richtig einzuordnen. Sie zeigen ja eine Art Warnung, die im Körper durch alte Vorerfahrungen gespeichert ist. Diese Warnung sollte ernst genommen werden und nicht abgewertet werden. Und dann kommt das Deuten hinzu, also ihnen eine von dir jetzt gewählte bewusste Bedeutung zu geben. Du kannst dich bei jedem Gefühl fragen:
Ist das hier und jetzt eine ähnliche schlimme oder gar gefährliche Situation wie damals?
Und wenn du dadurch, dass du dir diese Frage nach dem, was jetzt ist, in die Gegenwart kommst, und vielleicht erkennst: Hier ist nichts gefährlich oder verboten oder schlimm, kannst du dir sagen: „Heute ist es okay, was gerade geschieht, was ich tue oder was ich zulasse“ – vorausgesetzt du siehst es so. Es geht darum, jedes Gefühl wahrzunehmen, dir diese Frage zu stellen, eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst, und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“ Ich werde dazu einige Gefühle auslösen, damit du das erfahren kannst. Steh mal auf und stell dich mir gegenüber dazu.“

Beide standen auf und stellten sie gegenüber.

Joel sagte ruhig, wohl wissend, welche Gefühle er bei Mari gleich auslösen würde: „Knöpfe dir die Bluse auf, ganz langsam und bewusst.“
Sie zögerte und begann schließlich langsam mit den ersten beiden Knöpfen. Von ihm dabei so deutlich betrachtet zu werden, machte es ihr besonders schwer.
Nach einem kleinen Moment fragte er:
„Wie geht es dir dabei, was fühlst du dabei?“
Verlegen schaute sie ihn an. Es war heftig, was sich in ihr bemerkbar machte.
„Peinlichkeit? Scham?“ half er ihr weiter.
Sie nickte wortlos und wartete ab.
„Ja, ich habe das vermutet. Das ist okay. Nun die Frage: Meinst du, dass es einen aktuellen Grund gibt, dich zu schämen? Wir kennen uns nun schon länger, und du hast dich entschieden, mit mir diesen Weg zu gehen. Du bist erwachsen und darfst diese Entscheidung treffen. Gibt es jetzt und hier einen Grund, dich zu schämen? Machst du etwas Falsches?“
Mari schüttelte den Kopf.
„Es ist also ein altes Gefühl, das wie von selbst abläuft. Nimm es wahr, und mach einfach weiter, auch wenn das Schamgefühl noch da ist – Knopf für Knopf mit dem Gedanken: „Ich erlaube es mir! Ich darf das.“ Zieh die Bluse ganz aus dem Rock und mach alle Knöpfe auf.“
Es kostete Mari viel Überwindung und Joel wusste das.
„Das machst du gut, Mari“, bestärkte er sie. „Ich weiß, es fällt dir nicht leicht.“

Als sie beim vorletzten Knopf angekommen war, fragte er sie: „War der letzte Knopf genauso schlimm wie der erste?“ Sie spürte nach und schüttelte den Kopf „Nicht ganz so.“
„Gewöhnung macht ne Menge!“
Schließlich stand sie mit offener Bluse vor ihm. Erleichtert nahm sie wahr, dass die rechte und linke Seite der Bluse so über ihrem Oberkörper hing, dass nicht allzu viel von ihrer nackten Haut hervor schaute.

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Nun setz dich auf den Stuhl.

Wie dieses Spiel weiter geht, ist im nächsten Kapitel zu lesen, das übermorgen erscheint.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge



71. Manchmal ist alles ganz anders als gedacht

Bei Joel – Eine überraschende Situation

Bevor das Spiel begann und Joel in die Rolle des Meisters schlüpfte, fragte er Mari, wie er das immer tat: „Wie geht es dir heute, Mari?“
„Danke schön, ganz gut,“ war ihre Antwort.
Er nahm wahr, wie ihr Augenlid zuckte und fragte: „Also nicht aufgeregt?“
Mari lachte etwas verlegen. „Natürlich, aufgeregt bin ich immer vor unseren Spielen!“
Er sah sie an, wartete einen Moment, veränderte leicht seine Sitzposition und meinte schließlich: „Ah… Okay! Dann wird es Zeit, dass das Spiel beginnt.“
Mari zuckte unwillkürlich leicht zusammen und dachte: Immer wieder gelingt es ihm, mich mit dem Anfang des Spieles irgendwie zu überraschen, obwohl ich es ja erwarte.
Er schmunzelte: „Und? Jetzt noch aufgeregter?“
„Ja, stimmt“, gab sie zu.
„Und wie fühlt sich das genau an?“
„Mein Herz klopft schneller, es kribbelt in den Armen und Beinen…“
„Kribbeln hört sich doch gut an – oder?“
„Naja… halb, halb“, antwortete sie etwas zögerlich. „Es ist einerseits sehr lebendig und aufregend, andererseits aber auch irgendwie ein bisschen schwierig in dem aufgeregten Gefühl. Da haben wir ja schon mal drüber gesprochen…
„Und ist es jetzt eher schwierig aufgeregt oder eher lebendig aufgeregt?“
Mari hielt einen Moment inne, um nach zu spüren… Ich würde sagen 40% lebendig und 60% schwierig aufgeregt, diese Mischung ist meistens am Anfang des Spieles so.“
Joel sah sie freundlich an. „Was kann ich tun, um dich etwas zu beruhigen?“
Überrascht antwortete Mari: „Das ist ja lieb, dass du fragst. Alleine schon die Frage tut gut. Hm… eine Umarmung wär schön.“
„Aber gerne!“ lächelnd ging er auf sie zu und umarmte sie.
Mari nahm einen tiefen Atemzug und empfand seine Umarmung als sehr wohltuend. Ganz sanft und doch fest hielt er sie im Arm. Sie kuschelte sich eng an ihn und dachte dabei: „Ach könnte doch diese Umarmung gaaaanz lange anhalten…“
Langsam spürte Mari, wie ihre Aufregung sich etwas legte und sie ein bisschen ruhiger wurde. Schließlich löste sie sich aus der Umarmung.
„Und?“ fragte er, „besser?“
Sie nickte und sagte leise: „Ja, das war schön, hat gut getan!“
„Magst du ein Glas Wein?“
„Oh?“ Überrascht schaute sie ihn an. Wein hatte er ihr bisher noch nie am Anfang eines Spieles angeboten.
„Ja, gern…“
„Okay, wie schön“, damit löste er sich von ihr und ging in die Küche, während Mari sich wieder auf die Couch setzte und wartete. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den vielen prickelnden Erlebnissen, die sie hier mit ihm schon erlebt hatte…Nach kurzer Zeit hörte sie ihn aus der Küche rufen: „Du kannst gerne schon vorgehen.“
„Vorgehen? Was meinst du?“ fragte sie verwundert mit etwas lauter Stimme, so dass er sie in der Küche verstehen konnte.“
„Na, ins Schlafzimmer“, antwortete er und öffnete den Wein.
„Ups! Aber von Schlafzimmer war doch überhaupt nicht die Rede…“ überlegte Mari – allerdings so leise, dass er sie in der Küche nicht hörte.
„Das mit dem Schlafzimmer war doch schon mal, und er hatte doch selbst gesagt, dass das eine bewusste Provokation war… Er wollte damit eine impulsiven Reaktion provozieren, anhand derer sie anschließend einiges über Fehleinschätzungen und eine neue Einstellung zum Fehler-machen verinnerlicht hatte.
Nein, diesmal würde sie sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, beschloss sie. Aber was sollte im Schlafzimmer geschehen? Egal… Ich will ihm heute vertrauen, beschloss sie, und machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer. Im Flur hörte sie ihn mit der Flasche und den Gläsern hantieren
„Bin gleich soweit“, rief er aus der Küche. Inzwischen stand sie vor der Schlafzimmertür und zögerte noch etwas… Schließlich öffnete sie die Tür.
Wow, was war das denn? ! Das Bett sah ja aus wie zu einem Picknick vorbereitet.
Erstaunt betrachtete sie es, also sollte das Spiel wohl heute hier stattfinden…
Sie hört ihn hinter sich kommen. „So“, sagte er, und die Gläser klirrten. Sie nahm einen tiefen Atemzug und beschloss, jetzt erst einmal abzuwarten.
Auch wenn ich schon wieder ziemlich aufgeregt bin, ich will heute gelassener bleiben als letztes Mal, sagte sie sich selbst.
„Tritt ruhig ein“, hörte sie ihn dicht hinter ihr sagen, „oder sieht das hier gefährlich aus?“
„Nein, gefährlich sieht es nicht aus“, gab sie leise zu.
„Na, dann trau dich“, meinte er lächelnd, ging an ihr vorbei und setzte sich gemütlich, halb liegend aufs Bett. Langsam ging sie nun auch auf das Bett zu und setzte sich auf die andere Seite des in der Mitte stehenden Tabletts mit schön angerichteten Leckereien.


„Ich dachte, ich zeige dir, dass allein der Ort eines Schlafzimmers noch nichts bedeutet.“
Er goss Wein in zwei Gläser und hielt ihr eins entgegen. „Lass uns anstoßen.“
„Okay“, sie nahm ihr Glas und stieß mit ihm an, ohne etwas zu sagen.
Mit einem fröhlichen „Prost!“ nahm er einen Schluck, und sie tat es ihm nach.
„Entspann dich, Mari. Niemand wird dir was tun, auch hier nicht.“
Mit diesen Worten nahm er etwas Käse vom Tablett und ließ ihn sich schmecken.
„Wie umsichtig, dass du das so explizit sagst. So ein Stückchen Käse würde ich auch gern nehmen.“
Lächelnd steckte er ihr ein Stückchen Käse in den Mund. „Lass es dir schmecken! Nur ein kleiner lockerer Imbiss im Schlafzimmer heute.“
Warum kribbelte es ihr trotzdem so im Bauch? Und irgendetwas im Magen fuhr Fahrstuhl.
Ja, das Wort „heute“ war es, was sich so seltsam bemerkbar machte.
Was würde das nächste Mal kommen? Wenn heute vorbei war…? Egal, jetzt lasse ich mir den Käse und und den Wein schmecken, beschloss sie.
„Mach es dir doch auch gerne etwas gemütlich“, lud er sie ein, und sie nahm auch die Beine hoch auf das Bett.
„Darf ich helfen?“ fragte er schnell, beugte sich vor und zog ihr behutsam einen Schuh aus.
Da sie noch den Wein in der Hand hielt, musste sie mit Bewegungen vorsichtig sein.
Sie kichert ein bisschen verlegen, „gibt es da nicht ein Märchen, in dem ein Schuh eine Bewandtnis hatte?“
„Ja“, überlegte er, „ich glaub, das war Cinderella.“ Er hielt nun ihren Fuß in den Händen. „…Und dein Fuß ist gewiss so zierlich und schön wie ihrer war.“
Wie angenehm sich seine warmen Hände um ihren etwas kühlen Fuß schlossen. Sie genoss diese Berührung. Sanft massiert er ihn ein wenig. Für einen Moment schloss sie die Augen, und spürte nur diese wunderbare Berührungen an ihrem Fuß, nahm einen tiefen Atemzug und meinte: „Oh, tut das gut!“
Ganz ruhig massierte er den Fuß in langsam kreisenden Bewegungen. Kurz öffnete sie die Augen, stellte das Weinglas auf das Tablett, das in der Mitte des Bettes platziert war, um dann die Augen wieder zu schließen. Ach eigentlich konnte sie sich auch ein bisschen mehr ausstrecken…
Nun zog er ihr auch den zweiten Schuh aus, und begann, diesen Fuß leicht zu massieren.
Unwillkürlich drehte sie sich von der Seitenlage auf den Rücken, damit der andere Fuß nicht so verdreht lag. Sanft massiert er die Füße und die Zehen…
Welch eine Wohltat!
Nach und nach entspannte sich Mari, wozu auch der Wein etwas beitrug.
Er hielt inne und trank einen Schluck Wein.
„Das hat sich wunderschön angefühlt, Joel!“ Auch sie nahm ihr Glas in die Hand und sie stießen noch einmal an.
„Und? Ist es so schlimm, im Schlafzimmer zu sein?“ fragte er lächelnd.
„Nein, natürlich ist das heute nicht schlimm…“ musste Mari zugeben.
„Und du liegst sogar auf dem Bett… War das die ganze Aufregung wert?“
„Normalerweise passieren halt im Bett andere Dinge. Das brauche ich dir doch wohl nicht zu erklären, oder?“ Sie war etwas gereizt bei seinen Worten.
„Nein“, entgegnete er gelassen, „nicht grundsätzlich. Es passiert, was beide wollen! Das ist das Entscheidende.“
Oh, dieser Satz hatte Kraft!
„Mari, ich verstehe, dass das Schlafzimmer eine symbolische Wirkung in sich trägt für Dinge, vor denen du noch Angst hast. Doch sei sicher: Hier wird niemals etwas geschehen, wozu du nicht bereit bist.“
Er beugte sich vor, gab ihr einen Kuss auf jeden Fuß und flüsterte: „Das Spiel ist vorbei.“

Geschrieben von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

70. Gedankenleere

Bei Joel – Einfach nur wahrnehmen

„Mari, setz dich doch schon mal, und mach es dir gemütlich“, Joel ging in die Küche, um etwas zu trinken zu holen.
Sie setzte sich auf den Sessel und versank in Erinnerungen… Was hatte sie hier bereits alles erlebt – und immer war es – auch in allen Herausforderungen – mit Annahme und Verständnis verbunden gewesen. Was würde sie wohl diesmal in ihrem Rollenspiel erwarten, in dem Joel die Rolle des Meisters und sie die der Schülerin einnahm?
Wie würde es ihr heute gelingen, ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft, sich ihm zu öffnen auszudrücken?
Was würde sie wohl heute hier mit ihm erleben?
Wie immer war sie aufgeregt.
Ohne dass sie es merkte – so versunken war sie in ihren Gedanken – betrat er den Raum, stellte sich hinter ihren Sessel, und legte ihr seine Hände auf die Schultern. Leicht zuckte sie zusammen.
„Ganz ruhig, Mari“, sagte er leise, und… „Das Spiel beginnt.“
Sie nickte zum Zeichen, dass sie bereit war.
„Trink noch etwas Wasser“, forderte er sie auf. „Danach wirst du erst einmal nicht dazu kommen.“
Bei diesen Worten begann ihr Magen unruhig zu flattern.
Schnell nahm sie das Glas und trank es zur Hälfte aus.
„Okay, Mari. Wie fühlst du dich?“
Seine Hände fuhren langsam an ihrem Nacken hoch und griffen von links und rechts in ihre Frisur. Es tat nicht weh, aber sie spürte einen leichten Zug an ihren Haaren.
Ein kribbelndes Gefühl floss aus ihrem Bauch aufwärts durch ihren Hals nach oben in den Kopf.
„Mari?“
Wie aus weiter Ferne klang seine Stimme an ihr Ohr.
„Ich habe dich etwas gefragt.“
Was hatte er gefragt… ? Sie hatte es vergessen. „Ich weiß es nicht mehr“, bekannte sie leise.
Der Druck seiner Hände, die ihre Haare fest zwischen seinen Fingern hielten, verstärkte sich etwas – nur wenig, aber spürbar.
„Ich wiederhole meine Frage: Wie fühlst du dich?“
„Da ist Unruhe, Nervosität, leichte Angst…“
„Tut dir der Griff in deine Haare weh?“ fragte er.
„Nein“, antwortete sie „noch nicht.“
„Warum noch?“
„Wenn du den Druck stärker erhöhen würdest, täte es weh.“
Er griff eine kleine Nuance fester zu.
„Und jetzt?“
Es war fest, ja. Sie konnte den Kopf nicht bewegen, ohne dass es Schmerz erzeugt hätte, aber wenn sie ihn ganz still hielt, tat nichts weh. Aber alles in ihr fühlte sich in Hochspannung.
„Es ist noch nicht schmerzhaft.“
„Hmm, sagte er leise… Du scheinst den Schmerz ja regelrecht zu erwarten, wenn du zum zweiten Mal das Wort „noch“ verwendest. Ist das so?“
Mari überlegte. Ja, irgendwie war es wohl so…
„Mari? Ist das so?“
„Ja, da du den Druck erhöht hast… befürchte ich das.“
„Traust du mir zu, dir bewusst Schmerz zuzufügen?“
Sie wollte den Kopf schütteln, aber das ging natürlich nicht mit seinem festen Griff im Haar. „Nein, eigentlich nicht.“
„Und uneigentlich?“
„Na ja, sicher weiß ich es ja nicht ganz genau..“
„Irgendwann wird die Zeit kommen, in der du es sicher weißt, Mari“, antwortete er . „Und bis es soweit ist, wird die Angst immer wieder einmal unser Gast sein.“
War das eine Kritik? War er jetzt verärgert?
„Und es dauert so lange, wie es dauert, bis es soweit ist.“ Bei diesen Worten, die sehr sanft von ihm gesprochen wurden, konnte sie ein leichtes Lächeln dabei sogar in seiner Stimme hören, ohne dass sie ihn sah.
Erleichtert atmete sie aus.

„Sehr gut, Mari. Entspann dich so gut es geht in deine Gefühle hinein. Und antworte mir so spontan wie möglich, sprich entweder von deinen körperlichen oder von den emotionalen Empfindungen. Was nimmst du jetzt wahr?“
„Den Zug in meinen Haarwurzeln spüre ich deutlich.“
„Wie genau fühlt sich das an?“
Es ist, als würde ich jedes einzelne Haar spüren und als würde mein Kopf, der durch diesen festen Zug der Haare an einer Position gehalten wird, fast nicht in der Lage sein zu denken, so absorbiert bin ich durch diese dicht an der Schmerzgrenze entlang wandernden Empfindungen.“
„Gut, Mari, dann lass dich ganz hinein fallen in diese Empfindungen. Spüre einfach nur…“
Ein wenig reduzierte er nun die Intensität, mit der er in ihre Haare griff. Für sie war diese Nuance sehr deutlich spürbar und löste einen unwillkürlichen Laut der Entspannung aus, wobei sie tief ausatmete. Ohhh, fühlte sich das gut an, weich… entspannend… ihre Augenlider sanken herab. Gedankenfreier Raum… nur fühlen…spüren… wohl fühlen… sich ausdehnen in dieses Wohlgefühl hinein.

Joel spürte anhand ihrer verlangsamten Atmung und der leisen Laute, die sie von sich gab, wie sie diesen Zustand genoss und hielt sie bewegungslos ein Weilchen in dieser Position.

Dann griff er plötzlich wieder etwas fester hinein. Ein schnelles Einatmen war bei Mari die Folge.
„Was empfindest du?“ frage er sofort. Denn er wollte keinesfalls, dass sie in den Bereich unangenehmer Empfindungen hinein geriet.
„Es ist wie eine Welle, die durch den plötzlichen kleinen Schreck durch mich hindurch gesaust ist“, erklärte Mari und fühlte sich wieder hellwach und völlig angstfrei.
„Atme ganz ruhig weiter, und nimm einfach nur wahr, was du fühlst. Sag mir sofort Bescheid, falls sich etwas unangenehm anfühlen sollte.“
„Okay!“ Aufmerksam spürte sie nach, wie es ihrem Kopf ging. Mittlerweile war sie schon über zehn Minuten in gedankenleerem Raum…
Wieder reduzierte er ganz langsam den Druck, mit dem er an ihren Haaren zog. Und wieder atmete sie aus und ließ sich fallen in dieses Gefühl, immer weicher zu werden… Und wieder hielt er sie ein Weilchen in genau diesem Druck und ließ es dann noch sanfter werden, was eine noch tiefere Entspannung zur Folge hatte. Er fragte nun auch nicht mehr, sondern ließ Mari Zeit, in ihrem gedankenlosen, herrlich entspannten, sich immer mehr weitenden Raum der Gedankenleere zu verweilen. Immer mehr lockerte er nach und nach, unendlich langsam seinen Griff, bis er seine Hände ganz von ihrem Kopf löste und ihr selbst das nicht mehr auffiel. Diese Erfahrung währte eine knappe halbe Stunde.
Und als Mari sich dann langsam dehnte, bewegte und schließlich die Augen öffnete, sah sie Joel lächelnd ihr gegenüber auf der Couch sitzen. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so herrlich entspannt, erfrischt und gelassen gefühlt zu haben. Erfreut nahm Joel wahr, wie ihre Augen leuchteten. Im Zustand der Gedankenleere war sie tief in sich selbst, in ihre innerste Kraftquelle, versunken gewesen.
Danke“, sagte sie leise, ging langsam auf ihn zu, setzte sich neben ihn auf die Couch und nahm seine Hand. „Es ist wie ein Zauber… so wohl fühle ich mich…“
Leise sagte er: „Das freut mich sehr, Mari. Und auch wenn das Spiel jetzt beendet ist, lass diesen Zustand noch so lange da sein, wie er da sein möchte…“
Sie saßen in ruhigem Einklang noch lange auf der Couch… in Stille.
Und zum ersten Mal empfand sie die Stille nicht als belastend, sondern eher so, als würde sie sich in einem heilenden Raum aufhalten.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge


42. Oma´s Segen – eine heilende Begegnung zwischen Raum und Zeit

Bei Mari:  Eine neue Freiheit – aufgewühlte Gefühle finden Frieden

Nach einer Fußmassage, die Mari von Joel gestern in einem ihrer Meisterspiele bekommen hatte, schlief sie in dieser Nacht wieder einmal sehr unruhig, wachte früh am Morgen auf und spürte ein unangenehmes Zittern in ihrem Körper. Diese Berührungen gestern an den Füßen waren nicht nur entspannend, sondern auch aufregend gewesen…

Ruhig, ganz ruhig, sprach sie begütigend zu ihren Körperzellen, alles ist in Ordnung. Alles ist okay! Wir durften das. Wir sind kein Kind mehr – wir dürfen alles fühlen, was wir fühlen möchten.
Dennoch waberten viele Gefühle und aufgeregte innere Stimmen weiterhin in ihr hin und her, was sich unangenehm in ihrem Körper bemerkbar machte.
Die Fußmassage gestern war anders als alle, die sie bisher erlebt hatte.
Sie spürte nach… Was war das Schwierige, das sie zittern ließ und so in Unruhe versetzte?
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Füße und fragte nach innen:
„Hat euch etwas weh getan?“  „Nein!“
„War etwas eklig?“  „Nein!“
„War etwas schön?“ „Ja!“

„Warum seid ihr so aufgeregt?“
„Wir dürfen das nicht!  Es fühlt sich so falsch an!“

Das waren eindeutig nicht die Füße, die da sprachen.
„Wer hat das Gefühl, das nicht zu dürfen?“ fragte Mari nach innen.
Ein kleines, zartes vierjähriges Mädchen meldete sich.
„Linchen, mein Schatz,“ begrüßte Mari ihr inneres Kind. „Das dachte ich mir, dass du es bist, die so aufgeregt ist. Komm mal her“, liebevoll nahm sie in ihrer Vorstellung ihr inneres Kind auf den Schoß. Mir kannst du jetzt alles sagen.“
„Ich hab solche Angst,“ sagte die Kleine aufgeregt zu ihrer Großen. „Das hat sich gestern so verboten angefühlt. Oma wird schimpfen – und wie sie schimpfen wird… schreien… vielleicht auch hauen…? Und… da waren einmal so komische Gefühle da an der Fußsohle, ui jui jui…“, vertraute sie ihrer Großen an.
Die nickte und meinte: „Das war neu und unbekannt, stimmt´s?“
„Ja, irgendwie so… ich weiß nicht, finde kein Wort. Auf jeden Fall glaube ich, wir dürfen das nicht.“
„Es sind also zwei Sachen, die dir zu schaffen machen,“ stellte Mari fest, und drückte die Kleine an sich. „Einmal das Gefühl, etwas Verbotenes erlebt zu haben, und zum anderen dieses fremde, unbekannte verunsichernde Körpergefühl, ja?“
„Ja!“ Erleichtert kuschelte Linchen sich in die Arme ihrer Großen, sie hatte sie verstanden, das war gut!

Was tun, spricht Zeus? fragte sich Mari und spürte in sich hinein.
Sollte, wollte sie diesen Weg ins Unbekannte, den sie mit Joel begonnen hatte, abbrechen? Wäre das nicht vernünftiger, um sich selbst vor Schmerz, Angst und Peinlichkeiten zu bewahren?
Sie lauschte nach innen. Ein deutliches Nein!
Weiter gehen? Ein klares Ja erschien auf der Bildfläche.

Plötzlich erschien ihre Oma. Die Kleine kuschelte sich tiefer in die große Mari hinein.
„Au weia, jetzt gibt´s Ärger!“
Aber nein… so sah Oma gar nicht aus.
Fließend veränderte sich die Bildfläche. Oma saß in ihrem weinroten Sessel von damals. Mari saß vor ihr auf der Fußbank – das kleine Linchen hatte sich tief in ihrem Herzen eingekuschelt.
Oma trug ihren grau-silbernen Kleiderrock mit der dunkelbunten Bluse. Ernst und liebevoll sah sie Mari an und nahm ihre Hand in ihre, streichelte mit dem Daumen kleine Kreise auf den Handrücken. Erstaunt sah Mari, dass Omas Augen feucht waren.

„Mein lieber Schatz,“ begann ihre Oma zu sprechen, „ich bin durch Raum und Zeit zu dir gekommen, um dir etwas wichtiges zu sagen…“
Aufmerksam und gespannt sah Mari ihre Oma an.
„Du weißt, dass ich dich immer lieb gehabt habe, auch wenn ich damals oft aufbrausend war und dir viel zu viele Verbote und Regeln gegeben habe?“
Mari nickte und drückte die Hand ihrer Oma zärtlich.
„Ja, Oma, ich weiß das, und ich bin dir so dankbar, dass du mich in den Jahren, in denen ich nicht bei Mutti leben konnte, bei dir aufgenommen hast. Ich weiß jetzt, wo ich erwachsen bin, wie viel Kraft dich das gekostet haben muss.“
„Ja mein Schatz, ich war oft am Rande meiner Nervenkraft und ich hatte viel Angst um dich. Aber mit dieser Angst habe ich dich fast erdrückt, das weiß ich jetzt. Du warst, obwohl du dir immer Mühe gegeben hast, ruhig und brav zu sein, dennoch ein so lebendiges Mädchen, hast Fragen gestellt, die ich nicht beantworten konnte, hast Dinge gemacht…mit deinem Körper…
Beschämt nickte Mari. Ja, sie hatte es nicht lassen können. Immer wieder mal hatte sie sich selbst auf eine Weise berührt, die wohl nicht richtig gewesen war. Dabei hatte sie diesen schönen Gefühlen, die dabei entstanden waren, selten widerstehen können. Danach kam immer das schlechte Gewissen und der Vorsatz, es nie wieder zu tun – bis zum nächsten Mal…
Und oft hatte die Oma sie dabei erwischt, geschimpft und ihr gedroht, sie würde krank werden davon und  ins Krankenhaus kommen. Schreck… Angst… Schuldgefühle… schlechtes Gewissen waren ihre Begleiter durch die Jahre ihrer Kindheit – und nicht nur deswegen, vieles gab es, was Mari Omas Meinung nach „falsch“ machte…

„Mari, du hast damals nichts Falsches gemacht, gar nichts!“ sprach plötzlich die Oma in ihre Gedanken hinein. „Ich war es, die Fehler über Fehler gemacht hat, aber nur weil ich es nicht besser wusste und dich beschützen wollte. Es ist lange schon an der Zeit, dir dies zu sagen. Heute habe ich endlich einen Weg gefunden, zu dir zu kommen und dir das sagen zu können. Bitte schau mich an, mein Schatz.“
Mari hob den Blick, den sie eben noch beschämt nach unten auf den alten Teppich von damals gerichtet hatte. Und auch das kleine Linchen schaute die Oma neugierig an. Was würde jetzt kommen? Die Oma war so anders…so besonders… Und es sah aus, als wäre ein Licht um sie herum und strahlte aus ihr heraus.
Oma drückte die Hand ihrer Enkelin ein bisschen fester.

„Mein Liebes, was ich dir jetzt sage, kommt tief aus meinem Herzen und ist sehr, sehr wichtig:
Nicht du warst es, die damals etwas falsch gemacht hat. Das war ich! Weil ich es nicht besser wusste und konnte. Aber jetzt, hier und heute sage ich dir:

Du darfst alles fühlen und zulassen, was du selbst möchtest.
Du darfst auch erotische Gefühle haben und mit anderen teilen.
Du darfst dich auch damit wohlfühlen!

Hörst du mein Schatz: Ich nehme hiermit alle Verbote zurück!!!

Ich wollte dich damit ja nur davor bewahren, den gleichen Schmerz mit Männern zu erleben, wie ich ihn als junge, unschuldige Frau zugefügt bekam. Nun, vor diesen Schmerz bist du bewahrt worden, dafür entwickelten sich aber andere, nicht wahr?“

Mari nickte traurig… „Ja, Oma, ich hatte so viele Schuldgefühle! Immer wenn ich etwas zugelassen hatte, was den Raum der „Unschuld“ verließ, fühlte ich mich schlecht. So vieles habe ich mich nicht getraut. So oft habe ich dann Beziehungen abgebrochen, weil ich die Gefühle von etwas vermeintlich Schlimmen nicht aushalten konnte.“
Ihr kamen die Tränen, weil sich so vieles in ihrem Leben so kompliziert und unmöglich anfühlte…

„Mari, mein Schatz, sieh mir bitte in die Augen.“
Mari wischte sich die Tränen ab und hob wieder ihren Blick nach oben zur Oma…

„Nochmal, weil es so wichtig ist: Ich nehme alle Verbote zurück!


Du darfst und du sollst dich lebendig fühlen und tun, was sich für dich gut und spannend anfühlt.
Wandere auf den Wegen, die sich für dich gut anfühlen.
Mach die Experimente, die dich anziehen!
Lass das Feuer, das nie tot zu kriegen war, nun in einer ganz neuen Freiheit in dir lebendig sein.
Trau dich, Neues zu entdecken – und wisse dabei:

Meinen Segen hast du!

Und wenn du wieder einmal etwas erlebst, was sich irgendwie „verboten“ anfühlt, erinnere dich an die Begegnung mit mir heute. Ich sage es nochmal:

Meinen Segen hast du!

Du bist frei, wirklich frei, das zu tun und zu fühlen, was du erleben möchtest, du bist frei, das zuzulassen was du ausprobieren und spüren möchtest, und dich dabei gut zu fühlen.

Du bist es wert, alles, wozu du ein inneres Ja fühlst, zu erleben.

Frage dich immer, was dein Körper dazu sagt, ob es angenehm oder unangenehm ist, ob er mehr davon möchte oder nicht. Wenn ein „Ja“ in deinem Körper fühlbar ist, mach was immer du möchtest. Wenn du ein „Nein“ spürst oder ein „Noch nicht“, dann achte jedoch auf dich, mein Schatz. Lass nichts zu, was sich für dich unangenehm anfühlt, weil es ein anderer will!
Für keinen Menschen der Welt ist es richtig, etwas zu tun oder geschehen zu lassen, womit du dich nicht wohl fühlst! Nur du und dein Empfinden sollen deine Richtschnur sein für das, was du tust oder zulässt. Und weil es so wichtig ist, zum dritten Mal:

Meinen Segen hast du für alles, was du selber willst!

Es gibt nichts Falsches dabei! Das weiß ich jetzt.
Mach es nicht so wie ich – mach es anders – mach es so,
wie du es in jedem Moment in deinem tiefsten Innern willst.
Da spüre hin – das lass dein Wegweiser sein. Das und nichts anderes!
Willst du das tun? Du tust es in allererster Linie für dich!
Doch auch ich und einige andere hier in meiner Welt, werden sich mit daran freuen.“

Mari nickte, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
„Ja, Oma, ja!
Ich will nur noch meinem Inneren treu sein und dem folgen, was ich fühle.
Ich danke dir so, so sehr!“

Liebevoll nickte die Oma ihrer Enkelin zu, ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus und ihre grauen Löckchen wackelten ein bisschen.
Sie erhob sich aus ihrem Sessel und breitete ihre Arme aus. Mari ließ sich hinein fallen und beide drückten sich ganz herzlich.
Voller Liebe hielt die Oma Mari zusammen mit dem kleinen Linchen, das alles aufmerksam im Herzen von Mari mitverfolgt hatte, in ihren Armen.
Lange verweilten sie in einer so innigen Umarmung, wie sie heilender und liebevoller nicht hätte sein können. Irgendwann lösten sich alle Grenzen auf, und die Energie der erlaubenden, segnenden Oma floss in Mari hinein.

Glücklich und entspannt fand sie sich zuhause in ihrem Bett wieder und fühlte eine wunderbare Ruhe in sich.

Ja, sie würde sich trauen, Neues zu erleben! Den Segen der Oma hatte sie – er würde ihr nun Kraft geben. Und wann immer sich die alten Verbote meldeten, die möglicherweise aufgrund der Jahrzehnte alten Gewohnheit, in diesen Verneinungs-Bahnen zu denken und zu fühlen, noch immer in ihren Hirnwindungen eingewoben waren, würde sie sich sagen:

Ich habe Omas Segen!
Ich will und darf Neues zulassen.
Ich bin es wert, das zu tun und zu empfinden,
was sich gut und lebendig anfühlt.
Nur mein inneres Empfinden ist mein Kompass
für mein Ja und mein Nein.
Alles darf sein!

Ich erlaube mir,
mich auch mit Neuem gut zu fühlen. 
Ich bin es wert!
Nichts, was ich fühle, ist verkehrt.
Ich entscheide das allein –
und so soll es sein!

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

30. Ein altes Schmerzpaket öffnet sich

Bei Mari – nach einem abgeklungenen Migräneanfall

Mari hatte sich mit Hilfe einer wunderbar entspannenden Massage, die Joel ihr gegeben hatte, von Migräne erholt und saß innerhalb des nun doch stattfindenden Rollenspiels mit ihm als „Meister“ zusammen bei Kaffee und Croissants, die er als zur Stärkung und als süßes Trostpflaster mit gebracht hatte.

„Wie geht es dir jetzt, Mari?“ fragte er und goss beiden Kaffee ein.

„Es fühlt sich ehrlich gesagt seltsam gut an, mit dir einfach mal Kaffee zu trinken, wenn ich das so sagen darf. Mein Kopf tut kaum noch weh, und ich habe jetzt einen Riesen-Appetit! Hab Dank für deine hilfreiche Kopf-Massage!“

„Warum darf es sich nicht auch mal einfach nur gut anfühlen mit mir?“ Er zwinkerte ihr zu.
Wir wollen doch die Migräne heute nicht noch einmal herauf beschwören, oder? Da lassen wir es uns gut gehen und du erzählst mir ganz nebenbei, was dich so stark belastet hat, dass dein Inneres nur noch die Qual der Migräne als Ausweg gefunden hat, okay?“

Beklommen nickte Mari. 
„Es war die Angst vor den „Übungen„, die du mir angekündigt hattest.“

Erstaunt schaute er sie an. „Ach sooo?“ Er nahm ihre Hand in seine und streichelte kleine Kreise auf den Handrücken… „Erzähl mir mehr darüber, Mari!“

„Deine Nachricht, dass ich leichte Kleidung anziehen sollte für „Übungen“ , die du mit mir vor hattest, haben mich an all die Demütigungen und das furchtbare, immer wieder zwei mal pro Woche ausgelöste Gefühl von Scham und Unzulänglichkeit meiner Schulzeit im Sport-Unterricht erinnert. Und die Vorstellung mit dir oder unter deinen Augen Übungen machen zu müssen, war schier unerträglich. Absagen wollte ich aber auch nicht. Dann rollte die Migräne wie ein nicht zu stoppender Zug in meinen Kopf, und ich beschloss, mich ein Weilchen hinzulegen. Dass ich derartig lange schlafen würde, hatte ich nicht gedacht. Normalerweise kann ich mit diesen Schmerzen kaum ein wenig dösen am Tag. Ich hatte nicht damit gerechnet, so fest einzuschlafen. Es tut mir echt leid, dass ich nicht rechtzeitig angerufen habe.“

„Das ist doch schon Schnee von gestern, Mari!“ Joel in seiner Meisterrolle lächelte ihr zu. „Oder brauchen wir eine kleine Strafe, damit du das loslassen kannst?“

Etwas unsicher schaute Mari ihn an, aber als sie sein überdeutliches Zwinkern bemerkte, konnte sie sich wieder entspannen. 

„Wenn es mal wieder im Vorfeld etwas gibt, was dich derartig belastet, dann rufst du mich an, okay? Joel wird den Anruf bestimmt gern an mich weiterleiten“, scherzte er weiter, sah sie dann aber ernsthaft an… „Weißt du, Mari, unsere Spiele sind nicht nur Spiele, sie gehen oft ganz tief und berühren alte Wunden. Ja, sie können sie regelrecht an die Oberfläche bringen. Deshalb ist es wichtig, dass du mir mitteilst, wenn so etwas geschieht. Dann kann ich darauf eingehen und du musst dich nicht allein damit herum quälen bis wir uns sehen.“

Dankbar nickte Mari, während ihr die Tränen kamen, die sie verstohlen wegwischte. So viel Freundlichkeit und Annahme… Und das in diesem peinlichen Thema… 

„Nun erzähl mir mal von deinem Sportunterricht, was war darin so furchtbar schlimm für dich?“

Mari öffnete ihr Schmerzpaket von damals, das sich über viele Jahre ihrer Schulzeit prall gefüllt hatte mit demütigenden und beschämenden Erfahrungen, die ihr von der Sportlehrerin und den Mitschülerinnen zugefügt worden waren. So oft wurde sie von dieser Frau im Kasernenhof-Ton vor der ganzen Klasse nieder gemacht, bloß gestellt, beschämt, angebrüllt und fertig gemacht, dass sie schon mit innerem Zittern und Bangen in jede Sport-Stunde ging. 

Joel dachte voll Mitgefühl: Kein Wunder, dass sie so voller Scham ist, was ihren Körper anbelangt. Hatte sie ihn doch über viele Jahre voller Verunglimpfungen als etwas erlebt, das als kritikwürdig, schwach, instabil und unwürdig dargestellt wurde und sie auch in der Gemeinschaft der Gleichaltrigen ins Aus katapultiert hatte und ihr Spott und Ablehnung einbrachte.

Ihm wurde noch klarer, wie vorsichtig er mit den von ihm angedachten „Übungen“ sein müsste, dass er sie modifizieren müsste und sie gut in leicht annehmbare Situationen „einbetten“ würde. Er wollte Mari jede Hilfe geben, um dieses Thema zu bewältigen. Aber auslassen würde er es nun ganz sicher nicht.

„…als der Schulsport endlich für mich vorbei war, machte ich drei Kreuze! Seit dem mache ich einen großen Bogen um alles, was mit Sport zu tun hat!“ schloss Mari ihre Erzählungen.

„Das kann ich gut verstehen,  Mari! Du hast über so viele Jahre schmerzhafte Erfahrungen der Ablehnung im Sport und dadurch deines ganzen Körpers erlebt – und das in einer Zeit, wo Heranwachsende es mit ihrem Körper ohnehin schon nicht so leicht haben. Das hat sich tief eingebrannt in dein Denken und Fühlen, und in deine Körperzellen.“

Gott sei Dank! Er versteht mich, dachte Mari. Da wird er dieses Thema nun wohl fallen lassen.

„Ich werde mir etwas einfallen lassen, wie wir uns um dieses für dich so schwierige Thema kümmern können.“

Er bemerkte sofort, wie sich ihr Gesicht verdunkelte und ihr Körper leicht in sich zusammen sackte.

„Bitte, erspar mir das! Das ist so schlimm für mich!“

Joel nahm beide Hände und schaute ihr in die Augen. „Bitte schau mich an, Mari. Vertrau mir.“

Als sie ihren Blick hob und in seine freundlichen warmen Augen sah, sprach er weiter: „Du hast mich bisher als jemand erlebt, der auf deine Gefühle eingegangen ist – oder habe ich bisher irgendetwas übersehen oder übergangen?“

Mari schüttelte den Kopf und flüsterte „Nein, Meister!“

„Wir werden uns auch an dieses Thema gemeinsam ganz behutsam heran tasten, denn es hat so viel mit deinen quälenden und belastenden Schamgefühlen zu tun, dass wir nicht drum herum kommen, wenn wir weiterhin darin etwas auflösen wollen. Und du hast mein Versprechen, dass ich dich zu nichts zwingen werde, zu gar nichts!  Sollte es zu Schamgefühlen oder anderen schmerzhaften Gefühlen kommen, dann sind das alte Dinge, die ans Licht kommen und von dir gesund geliebt werden wollen, weil sie dich sehr, sehr einschränkt haben – nicht nur, dass sie keine sportlichen Aktivitäten zulassen… Ich glaube damit hast du bisher gut leben können, sondern, was viel mehr wiegt… Sie sind wahrscheinlich auch eine große Quelle belastender und unnötiger Scham- und Peinlichkeitsgefühle.“

Unglücklich schaute Mari ihn an. Hätte sie ihm nur nicht davon erzählt…

„Liebes, das gehen wir mit viel Zeit und Ruhe an. Wann wir damit beginnen, weiß ich noch nicht. Und…,“ er lächelte, „was die von mir angedachten Übungen anbelangt – ich hatte die Idee, dass wir ab und zu gemeinsam einige leichte Lockerungs- und Entspannungsübungen ausprobieren. Mach dir bitte keine Sorgen, wir bekommen das hin! Bring beim nächsten Mal, wenn du zu mir kommst, ein paar leichte Sachen zum Umziehen mit zu mir, die wir bei mir aufbewahren für die Situationen, in denen wir sie vielleicht (!) – vielleicht auch nicht – brauchen werden.“
Und wenn ich es vorhabe, einige leichte Übungen zu machen, werde ich es diesmal sicher nicht vorher ankündigen, dachte er, sprach es jedoch nicht aus.

Erleichtert schaute Mari ihren Meister an, nickte und schöpfte wieder etwas Vertrauen. Sie würde es wie immer an sich heran kommen lassen müssen, und er würde nichts erzwingen! Das hatte er ihr versprochen. Wieder einmal hatten seine Worte einen Weg in ihr Herz gefunden…

–> Zum  nächsten  Kapitel:  31. Eine heilende Übung (1)  

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

29. Migräne…

Bei Mari: Druck erzeugende Erinnerungen

Mari erwachte mit einem schmerzhaften Pochen im Kopf und spürte zum ersten Mal eine starke Unlust zu spielen. Am liebsten wäre sie gar nicht erst zu dem verabredeten „Meister-Spiel“ mit Joel erschienen – so groß war ihr Widerstand…
Er hatte ihr am Tag davor eine Nachricht geschickt, dass sie lockere, leichte Kleidung tragen solle, weil er ein paar Übungen mit ihr machen wollte. Das klang nach Sport!
Übungen... dachte Mari, schon allein das Wort löste einen enormen Widerstand in ihr aus, erinnerte sie an ihren Sport-Unterricht in der Schule, der für sie mehr als belastend war.
Sollte / konnte sie ihm sagen, dass sie keine „Übungen“ machen wollte? Dass sie sich diese damit für sie verbundene Demütigung ersparen wollte? Dass die Ampel bereits rot war, bevor sie überhaupt begonnen hatten? Wie konnte sie damit umgehen?

Sie dachte zurück an die vielen demütigenden Erfahrungen im Schulsport. Sie war die jüngste in ihrer Klasse, hatte die kürzesten Bein, hatte Angst vor vielen Geräten – und damit schlechte Karten für die Anforderungen im Sport-Unterricht. Ihre Sportlehrerin stellte sie bei vielen Gelegenheiten vor allen Kindern bloß und brüllte sie durch die ganze Halle an, wenn sie dran war: „Jetzt reiß doch endlich mal deine Hammelbeine auseinander und stell dich nicht so an!“
Wenn Mannschaften gewählt wurden, blieb sie immer übrig und war dann erst erlöst, wenn eine der Mannschaftsführerinnen sich ihrer erbarmt hatte. Meistens hieß es: „Wenn ihr die nehmt, bekommt ihr noch die … (eine gute Sportlerin) dazu, die gleicht das wieder aus, was Mari verbockt.“

Nein, dachte Mari, das halte ich nicht aus, mit diesen Gefühlen durch sportliche „Übungen“ mit Joel – egal ob in seiner Meisterrolle oder als er selbst – konfrontiert zu werden. .

Ihr Kopfschmerz wurde heftiger und sie spürte, dass eine Migräne am Anrollen war. Wenn ich jetzt nicht mein Migränemittel nehme, mich hinlege und die Vorhänge zuziehe, dann geht sowieso gar nichts mehr heute nachmittag, dachte sie und legte sich mit einem kühlen Lappen auf der Stirn auf die Couch. Nach einem Weilchen legte sich der Druck soweit, dass sie einschlafen konnte.

Sie schlief bis 16 Uhr, was genau der Zeitpunkt war, an dem sie bei Joel hätte vor der Tür stehen sollen. Mist! Sie griff zum Smartphone. Akku leer! Wo war nur das Ladekabel… Sie ließ Licht ins Zimmer…Autsch – das biss in die Augen, und der Kopf zog sich wieder schmerzhaft zusammen. So richtig gut wirkt das Mittel heute nicht, stellte Mari fest. Der Stress, dass sie ihren Termin mit Joel verschlafen hatte, ohne ihn wenigstens rechtzeitig absagen zu können, tat ein übriges und verstärkte den Druck. Endlich hatte sie das Ladekabel gefunden und konnte anrufen, 15 Min, nach der verabredeten Zeit. Aufgeregt entschuldigte sie sich bei ihm, erzählte ihm von ihrer Migräne und fragte sich, wie sauer er nun sein würde…

„Mari, mach dir nichts draus, sowas kann passieren. Bleib einfach gemütlich auf dem Sofa liegen… Und… wenn du magst, komme ich jetzt zu dir und wir schauen mal, ob ich für deinen Kopf etwas tun kann, was hältst du davon?“

Einen Moment zögerte Mari, sie hatte sich den ganzen Kopf mit Pfefferminzöl eingerieben, durch den nassen Lappen auf der Stirn sah ihr Pony ganz verwuschelt aus und zum Duschen oder auch nur Haare-waschen fehlte ihr die Kraft… Dennoch war das Angebot so liebevoll rübergebracht, dass sie es gern annehmen würde…

„Joel, ich bin gerade ziemlich zerknittert… und so sehe ich auch aus“, antwortete sie etwas zögerlich.

„Ich käme auch gern zu dir, wenn du zerknittert bist,“ antwortete Joel, „aber nur, wenn du das möchtest. Vielleicht können meine Zauberhände den Druck in deinem heißen Köpfchen ja ein wenig lindern…?“

„Da sage ich nicht nein“, antwortete Mari, und eine halbe Stunde später war er auch schon bei ihr.

„Leg dich einfach wieder hin“, empfahl er, setzte sich hinter sie und begann sanft und angenehm, ihren Kopf, ihren Nacken und auch ihr Gesicht zu massieren. Das war so wohltuend und entspannend, dass sie dabei in einen Halbschlaf sank. Er wartete lächelnd bis sie nach einigen Minuten die Augen wieder öffnete und erfreut feststellte, dass es ihrem Kopf nun viel besser ging.

„Das freut mich, Mari!“ Dann kannst du ja jetzt mit deinem Meister darüber reden, was in dir einen solchen Druck erzeugt hat, dass dein Körper mit Migräne reagiert hat.“ Galant reichte er ihr die Hand, während sie sich aufrichtete, um von der liegenden in eine sitzende Position zu gelangen, und flüsterte: „Das Spiel beginnt!“

Zum nächsten Kapitel: –> 30. Ein altes Schmerzpaket öffnet sich

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

28. Ein unüblicher Heilungsweg

Bei Joel : Über die entlastende Funktion von Sanktionen (Teil 2)

„Ich bin stolz auf dich, dass du unser Spiel trotz deines Erschreckens nicht abgebrochen hast,“ sagte Joel, nachdem er ihr zum ersten Mal eine Strafe angekündigt hatte und sie nun in all ihrer Angst mit einer Umarmung aufgefangen hatte. Er drückte sie sanft, schmiegte sie an sich. Es war eine enge, eine umfassende Berührung und wirkte wie ein Ritual, um ihr Kraft zu geben. Er sagte nichts, hielt sie nur fest. Noch hatte sie es nicht verstanden, dass die symbolhafte Sanktion ihr helfen sollte, etwas Altes zu heilen. Zunächst brauchte die verstörte Frau neue Kraft, um dieses Spiel weiter spielen zu können, von dem er sicher war, dass es für sie wertvoll sein würde, wenn es ihr gelingen würde, es zu Ende zu bringen. Dafür wollte er ihr mit dieser Umarmung die nötige Kraft zufließen lassen.

Sie ließ sich in seine ausgebreiten Arme fallen. Der ganze aufgestaute Druck entlud sich, und sie begann heftig zu weinen. Soviel Schmerz war mit dem Thema Strafe verbunden, so viel Angst, so viel Scham… Sie fühlte die Gefühle, die sie so oft als Kind gequält hatten. Immer hatte sie sich Mühe gegeben, alles richtig zu machen, solche Mühe hatte sie sich gegeben, und doch war immer wieder einmal irgend etwas geschehen, was die Oma wütend gemacht hatte. Sie war so verzweifelt, dass sie trotz aller Bemühungen nicht gut genug war, und nun war es hier wieder so. Sie wollte doch alles richtig machen – und immer wieder versagte sie…

Er hielt sie, hielt sie sicher und fest in seinen Armen, nahm sie mit all ihren Gefühlen an.
„Es ist alles gut, Mari! Ja, lass die Tränen fließen, es ist alter Schmerz. Hier geschieht dir nichts Schlimmes. Und ich mag dich, egal was du tust oder unterlässt.“ Er hielt sie weiter fest umschlungen – war für sie wie ein Fels in der Brandung. Und sie hielt sich an ihm fest.

„Ich weiß, das ist ein schwieriger Schritt heute, und du bist schon weit gegangen. Ich bin sehr stolz auf dich. Sieh mal:

Es ist unmöglich Fehler zu vermeiden. Menschen machen einfach Fehler.
Es geht darum, dazu zu stehen, aus ihnen zu lernen und sie wieder auszugleichen.


Die Strafe kann ein Hilfsmittel sein, damit wir einen Fehler ausgleichen und er damit seine Bedeutung verliert. Weißt du, alles im Leben strebt nach einem Ausgleich. Oft bestrafen Menschen sich selbst unbewusst und das Annehmen einer symbolischen Strafe von außen kann Selbstbestrafungstendenzen entgegen wirken.
Bei dir habe ich bisher eine große Angst vor Fehlern bemerkt. Ich glaube, dass kleine symbolisch angewandte Strafen dir helfen können, leichter loszulassen – die aktuellen Fehler und damit auch die alten… Du hast hier bei mir die Chance, den Umgang mit Fehlern und daraus resultierenden Folgen, neu und heilsam zu erleben, ganz anders als das, was du als Kind als sehr belastend und schädigend erleben musstest.

Solch ein bewusstes Anwenden von kleinen Strafen, wie ich es mit dir vorhabe, vermittelt deinem Unterbewusstsein, dass damit alles ausgeglichen ist, dass du den jetzigen Fehler und damit verbunden auch andere alte Fehler nicht mehr mit dir herum tragen oder gar selbst ahnden musst. Jedes Mal, wenn du hier bei mir eine Strafe bekommst, darf dein Unterbewusstsein alte Belastungen mit loslassen. Dafür machen wir das.

Fehler sind nicht schlimm! Fehler dürfen sein!

Ich denke deswegen nicht schlecht von dir, wenn ich dir eine Strafe gebe. Im Gegenteil, ich werde zu dir aufschauen, wenn du deine Strafe annimmst. Und ich will dir helfen, eine gesündere Grundeinstellung zu Fehlern zu entwickeln.“ 
Er kam nahe an ihr Ohr und fragte leise: „Meinst du, wir können unser Spiel fortsetzen?“

Sie konnte nicht antworten, brauchte noch Zeit – und er gab ihr die Zeit, die sie benötigte, um alles zu fühlen, was da war. Ach hätte doch damals als Kind sie jemand so gehalten in schmerzlichen Situationen und so liebevoll mir ihr gesprochen, wenn ihr eines ihrer kleinen Missgeschicke passiert war…
Und hätte man ihr erklärt, dass Fehler zum Leben eines jeden Menschen dazu gehören und nicht wirklich schlimm sind – vielleicht hätte sie sich nicht so oft bedrückt und unzulänglich gefühlt.

„Meister, bitte glaub mir, ich gebe mir so große Mühe, alles richtig zu machen!“

„Mari, das weiß ich, und das sehe ich. Und ich weiß es zu schätzen. Aber trotz aller Mühe machst du wie jeder Mensch manchmal Fehler – hier und sicher auch sonst im Leben.
Aber, was könnte schlimm daran sein, etwas falsch zu machen?
Fehler sind Teil des Lebens und unseres Lernprozesses.

Glaube mir, dass ich es nicht schlimm finde, wenn du einen Fehler machst! Ich mag dich so wie du bist mit all den kleinen Unachtsamkeiten und den tiefen Gefühlswellen. Wir spielen ein kompliziertes Spiel, in dem die Gefühle schnell mal ausbrechen können – schneller, als man denken könnte. Und es ist so eine liebenswerte Eigenschaft von dir, dass du so tief fühlst. Ich möchte nicht, dass du keine Fehler machst, ich möchte nur, dass du dazu stehst und ausprobierst, wie es sich anfühlt, wenn du meine Strafe annimmst.“

Er wartete einen Moment… Sag mir, dass du einen Fehler gemacht hast. Das ist deine Strafe für heute. Wenn du das gesagt hast, ist das Spiel beendet.“ sagte er sanft.

„Ja, Meister, ich habe einen Fehler gemacht! Und ich bitte um Verzeihung dafür.“

„Mari, das hast du sehr gut gemacht. Du hast deine heutige „Strafe“ angenommen. Ich muss dir gar nicht verzeihen, denn der Fehler ist ausgeglichen. Es ist, als wäre er nie geschehen. Und nach und nach wird sich in dir – wie ich hoffe – auch nachhaltig ein Gefühl von Erleichterung einstellen, was das Thema „Fehler machen“ anbelangt. Da haben wir allerdings noch ein Stück Weg vor uns.
So, das Spiel ist vorbei, und du hast heute einen sehr großen Schritt gemacht. Weißt du, manche Fehler sind sogar wichtige Erlebnisse und können uns stärker machen. Du warst heute sehr stark! Alles ist gut, Mari!“

Erleichtert und erschöpft dankte ihm Mari.
Er hielt sie noch ein Weilchen in seinen Armen… Welch Erfahrung!!!
Trotz des Fehlers, trotz ihrer Schwäche meinte er, sie sei stark und alles konnte nun gut sein.

Er hielt sie so lange im Arm, bis sie sich langsam selbst aus der Umarmung heraus löste.

„Kaffee? fragte er. „Ich finde, den haben wir uns jetzt verdient.“ Er lächelte und ging in die Küche.

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

Zum nächsten Kapitel: –> 29. Migräne…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

27. Fassungslos…

Bei Joel : Über die entlastende Funktion von Sanktionen (Teil 1)

Joel öffnete die Tür, er trug eine schlichte schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. 

„Was für eine Freude, dich zu sehen, Mari!“ sagte er und bat sie herein.

“Ich freue mich auch, Joel, bin aber auch sehr aufgeregt“ entgegnete Mari

„Das ist ein gutes Zeichen, Mari.“

Mari betrat das Wohnzimmer. Sie kannte sich aus, und doch war in ihr eine leichte Unsicherheit spürbar. Die Couch war heute aufgeklappt und einige bunte Kissen lehnten an der Wand.

„Magst du etwas trinken?“ fragt Joel.

„Ja gern!“

Joel holte Wasser und als er wieder ins Zimmer kam, blieb er stehen und hielt ihr das Glas so hin, dass sie aufstehen musste, um es zu nehmen. In dem Moment, als sie es in der Hand hatte, sagte er: „Das Spiel beginnt.“

„Ich werde dir jetzt eine Aufgabe stellen. Ich werde sie versuchen, sie so deutlich wie möglich zu formulieren.“ Joel ging dabei durch den Raum, als würde er mit sich selbst reden. Dann stand er vor ihr. „Bereit, Mari?“

„Ich müsste nochmal vorher ins Bad gehen,“ entgegnete sie verlegen. Aufregung schlug ihr oft auf die Blase.

„Du weißt ja, wo es ist. Ich erwarte dich genau hier“, sagte er und drehte sich zum Fenster.

Sie beeilte sich und kam schnell zurück. Wo genau hatte sie gestanden? Sie versuchte die gleiche Stelle zu finden.

Joel kam auf sie zu, stellte sich vor sie und schaute sie an.

„Besser?“ Sie nickte etwas beschämt..

„Bereit?“

„Ja, Meister.“

„Sehr gut, Mari, sehr gut!“ Joel nickte.

„Du entkleidest dich jetzt und legst dich auf die Couch.
Ich werde mich bis du fertig bist zum Fenster drehen.
Wenn du dich hingelegt hast, wirst du von mir eine Berührung bekommen – eine sanfte Berührung. Sie wird so sein, dass du sie leicht annehmen kannst. Schließe, wenn du liegst, deine Augen. Du darfst sie jederzeit kurz öffnen, aber dann wieder schließen. Du wirst so lange dort liegen, bis ich dir sage, dass du aufstehen darfst. Geredet wird dabei nicht.“

Joel machte eine Pause.

Entkleiden… meint er, ich soll mich diesmal ganz ausziehen? Das packe ich nicht! Warum fällt mir das nur so schwer? Nein, das mache ich nicht! Was tu ich bloß? Ich könnte ihn um eine Variation der Anordnung bitten… aber was ist, wenn er gar nicht meint, dass ich wirklich alles ausziehen soll. Fragen stellen soll ich ja auch nicht…

Unentschlossen stand Mari noch immer auf dem selben Fleck und wusste einfach nicht, wie sie sich verhalten sollte. Verunsichert und aufgeregt blickte sie ihn an.

„Hast du die Aufgabe verstanden, Mari, oder gibt es noch eine Unklarheit in dir?“ fragte er freundlich.

“Ich weiß nicht, wie viel ich ausziehen soll. Alles? Das geht für mich nicht. Das geht einfach nicht, bitte versteh das.“ Ihre Stimme bebte…

„Ich möchte, dass du so viel ausziehst, wie dir möglich ist, aber mindestens zwei Teile.“

Er lächelte sie an.

Erleichtert nickte Mari. Ja, das ging. Sie zog ihre langärmelige Bluse aus. Darunter trug sie noch ein T-Shirt. Dann zog sie ihre Socken aus. Das sind sogar drei Teile, freute sie sich im Stillen.
Dann fiel ihr wieder ein, dass sie sich nun hinlegen sollte. Langsam ging sie auf die Couch zu.
Was würde dort geschehen?
Immer unsicherer und langsamer wurden ihre Schritte. „Wo wirst du mich berühren?“ fragt sie leise.
Hatte sie das nur gedacht, oder hatte sie es ausgesprochen… ?
O jeh, sie sollte doch keine Fragen stellen….

„Mari? Du hast gerade gegen die Frage-Regel verstoßen. Sie ist es, die du immer wieder einmal vergisst, nicht wahr? Das war sicher keine Absicht, und es ist auch nicht schlimm, aber ab heute werden Regelverstöße kleine, für dich machbare Sanktionen nach sich ziehen. Sie haben einen tiefen guten Sinn, den ich dir nachher noch erklären werde und werden so bewusst und vorsichtig eingesetzt von mir, dass sie dir nicht weh tun werden.“
Joel stand noch immer an seinem Platz und hatte ihr wie versprochen beim Ausziehen nicht zugesehen, obwohl es ja nicht mal viel war, was sie ausgezogen hatte.

Feuerrot stand Mari noch immer vor der Couch.
Er will mich bestrafen… Oh bitte nicht!
„Bitte, ich habe das nicht gewollt, ich hab gar nicht gemerkt, dass ich meine Gedanken ausgesprochen habe und dadurch eine Frage gestellt habe. Du hast mich doch noch nie bestraft…“
Sie fühlte sich schrecklich. Wie peinlich war das denn?!! Ihr Kopf wurde glühend heiß, eine heftige heiße Welle wie flüssiges Feuer lief durch ihren Nacken in ihren Kopf hinein. Schwindelig wurde ihr jetzt auch noch. In welche Situation hatte sie sich hier nur mit diesen Machtspielen begeben?!!Wollte sie das wirklich? Sie hatte doch nicht wirklich so etwas Schlimmes getan, dass sie bestraft werden musste. Sie erinnerte sich an den Teppichklopfer, der bei ihrer Oma immer sichtbar auf dem Schrank gelegen hatte. Immer hatte sie ANGST, dass er benutzt werden würde… Und jetzt…
Was würde ihr Meister mit ihr tun? Angstvoll sah sie ihn an und brachte kein Wort heraus…
Ihre Augen wurden feucht, ihre Lippen zitterten…

„Ich weiß, dass es keine Absicht war. Die Strafe soll dir dienen, um zu erleben, dass ein Fehler wieder ausgeglichen werden kann. Ich möchte dir mit den Regeln, die manchmal nicht so leicht sind einzuhalten, die Gelegenheit geben, Fehler zu machen – um zu erfahren, dass das nicht schlimm ist, und du sie selbst wieder ausgleichen kannst. Diese Erfahrung, dass es nach einem Fehler wieder gut sein darf, hast du als Kind nicht machen können, da hielten schmerzliche Gefühle nach einem kleinen Fehler in dir lange an. Ein Kind, das lernt, mit einer Folge seines Fehlers umzugehen und dadurch Entlastung zu finden, fürchtet sich nicht mehr so vor Fehlern wie du es jetzt tust und kann sich ausprobieren. Diese Erfahrung fehlt dir, Mari. Mit kleinen, annehmbaren Strafen soll die alte Angst vor Fehlern und ihren Folgen nach und nach abgebaut werden.
Es geht darum, dass du regelrecht übst, Fehler zu machen – und dass das leicht zu bewältigen ist. Regelüberschreitungen und Unachtsamkeiten passieren und gehören dazu – hier in unseren Spielen und im Leben, und sie sind nicht schlimm! Meine Sanktionen sollen für dich eine Hilfe sein, das bedrückte Gefühl, das durch Fehler entsteht, wieder loslassen zu können. Wenn man sie akzeptiert und annimmt, ist der Verstoß sofort und endgültig ausgeglichen. Es wird jetzt eine kleine zusätzlich Aufgabe geben, die du ganz leicht bewältigen kannst. Ich werde dich dabei nicht anfassen. Nun leg dich hin, dann erkläre ich dir deine Strafe.“

Seine Stimme klang nicht unfreundlich.
Dennoch war Mari wie von innen erstarrt. Sie hörte zwar, dass er sprach, nahm die Worte aber nicht mit ihrem Bewusstsein wirklich auf. Sie rauschten an ihr vorbei. Selbst wenn sie nicht bestraft worden wäre, sie konnte sich jetzt nicht auf die Couch legen, so schutzlos und ausgeliefert fühlte sie sich.
Endlich kam ihr ein hilfreicher Gedanke: Er hatte ihr ja für solche Situationen, in denen gar nichts mehr ging, die Regel gegeben, dass sie um eine Umarmung bitten dürfe.
„Meister, ich kann nicht mehr“, sagte sie mit zittriger Stimme, „würdest du mich bitte in die Arme nehmen?“

„Ich bin stolz auf dich, dass du so reagierst,“ sagte er, „ich weiß, das ist alles für dich neu und schwer.“ Er kam auf sie zu breitete seine langen Arme aus und umhüllte sie ganz sanft damit. Kein Druck, und doch eine Festigkeit, ein Halt, wie sie ihn genau jetzt brauchte… damit das Spiel danach weiter gehen konnte…

Die Fortsetzung folgt im nächsten Kapitel: –> 28. Ein unüblicher Heilungsweg

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

20. Fehler und ihre Folgen

 Bei Joel – Schmerzliche Unzulänglichkeitsgefühle aus der Kindheit tauchen auf

Wieder einmal hatte Joel in seiner Funktion als Meister Marie die Augen verbunden. Jedes Mal wenn er das tat, stieg ihre ohnehin schon vorhandene Aufregung heftig an.

„Marie, du hast jetzt im Moment nichts weiter zu tun, als auf der Couch sitzen zu bleiben und wahrzunehmen, was du hörst und wie du dich fühlst,“ erklärte ihr Joel mit ruhiger Stimme.

Sie nahm wahr, wie er aufstand und im Zimmer umherging. Es raschelte an einer Stelle, es klapperte an einer anderen Stelle, dann war es einen Moment lang ruhiger, und wieder hörte sie aus den verschiedenen Stellen des Zimmers unterschiedliche leise Geräusche .

Was tat er da? Am liebsten hätte sie ihn gefragt, aber glücklicherweise konnte sie sich diesmal rechtzeitig zurückhalten und stellte keinerlei Fragen.
Das ist mir jetzt gelungen, freute sie sich im stillen und musste für einen kleinen Moment schmunzeln.

„Es freut mich, dich lächeln zu sehen Mari!“
In diesem Moment setzte sich Joel zu ihr auf die Couch. Erschrocken zuckte sie ein wenig zusammen.
„Wie fühlst du dich?“
Er hat es gespürt, dass ich schon wieder so aufgeregt bin, dachte Marie.
„Das Verbinden der Augen macht mir immer beklemmende Gefühle – jetzt auch gerade,“ erklärte sie ihm ehrlich.
„Ja, Marie, das weiß ich. Deshalb werden wir es ganz oft zu tun, bis ein Gewöhnungseffekt einsetzt und es dann für dich leichter wird. Für heute ist es erst einmal genug. Du kannst das Tuch wieder abnehmen. „
Erleichtert zog sie es herunter. Ja, was war das denn? im Wohnzimmer lagen bunt verstreut Gegenstände auf dem Teppich. Den Sessel hatte Joel zur Seite gestellt, sodass mehr Fläche entstanden war, auf der ein Durcheinander von Kissen, Büchern, einem Stoffhund und zwei größeren Blumenvasen entstanden war.
„Ja was soll das denn?“ fragte sie erstaunt. Joel schaute sie schweigend an. Da blitzte die Erkenntnis auf: Schon wieder hatte sie eine Frage gestellt, die vermeidbar gewesen wäre. Wann würde sie es endlich lernen, die Gegebenheiten ungefragt und unkommentiert zu nehmen wie sie sind?!
Beschämt sah sie ihn an: „Es tut mir leid Joel.“
Noch ein Fehler! Sie sollte ihn doch in ihrem gemeinsamen Spiel mit „Meister“ ansprechen!
„Entschuldigung, ich meine es tut mir leid, Meister.“
Ein unangenehmes Flattern in der Magengegend breitete sich aus, und ihre Hände begannen zu zittern.
Joel nahm ihre Hand und hielt sie in seinen beiden warmen Händen.
„Ganz ruhig Marie… Ja du hast zwei Fehler gemacht, zwei Regelübertretungen sind passiert.
Was meinst du, warum dein Unterbewusstsein das immer wieder so macht?“
Erstaunt schaute Mari ihn an. Diese Frage hatte sie nicht erwartet. Aber womit konnte man in diesen Spielen schon rechnen? Es gelang ihm immer wieder, sie zu verblüffen und zu überraschen…
„Das weiß ich nicht, Meister, und es tut mir sehr, sehr leid! Gerade hatte ich mich gefreut, dass ich davor bemerkt habe, dass ich fast eine Frage gestellt hätte und es dann nicht getan habe – und nun tappe ich kurz darauf doch wieder in die Falle!“
„Dafür gibt es bestimmt Gründe, Mari,“ entgegnete Joel ruhig, „das ist meistens so, wenn etwas immer wieder geschieht Vielleicht möchtest du dich ganz tief innen mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ beschäftigen. Ich merke ja, dass du immer sehr aufgeregt bist, wenn dir ein Fehler unterläuft. Was geschieht da in dir? Wovor hast du Angst?“
Ohne dass sie lange nach dachte sprudelte Sie heraus: Ich habe Angst dass du sauer auf mich  wirst… Ich habe Angst vor Beschimpfung und vor Bestrafung. Ich habe Angst, dass du sagst: Das hat doch alles keinen Sinn, so geht das nicht, und mich weg schickst.“
 Mit diesen Worten brach sie in Tränen aus.
Joel nahm sie in die Arme, hielt sie ganz vorsichtig fest, sodass sie seine Wärme und seine Sicherheit am ganzen Körper spürte. Es zuckte und bebte in ihr. Gehalten in seiner Umarmung brachen Erinnerungen aus der Tiefe ihrer Seele heraus.
Ich lebte als Kind bei meiner Oma, weil meine Mutter bis abends arbeiten musste und es mit der Krippen-Unterbringung nicht geklappt hat.
Meine Oma hatte mich lieb, aber sie war sehr ungeduldig und nervös. Ganz oft machte ich irgendetwas falsch. Dann wurde ich beschimpft oder bestraft, obwohl ich mir so viel Mühe gab, alles richtig zu machen.
Schlimmer noch als die Strafen war jedoch die Angst von mir, ins Kinderheim zu müssen, wenn ich nicht brav genug bin, weil sie oft zu anderen Nachbarn und Bekannten sagte: Wenn die Kleine nicht so still und brav wäre, würde das gar nicht gehen. Und ich hatte keine Vorstellung davon, was geschehen würde, wenn es nicht ginge bei Oma zu sein. Es ging ja auch nicht, bei Mutti zu sein…
 Wo sollte ich dann hin? So wollte ich mir immer ganz viel Mühe geben, alles gut zu machen, um nicht weggeschickt zu werden.“
Die Tränen wurden wieder heftiger und ihr Körper zitterte und bebte.
Joel hielt sie ganz fest.
Nach einem Weilchen, als sie sich etwas beruhigt hatte und sich aus seiner Umarmung löste, nahm er ihre Hand, was sie als sehr tröstlich empfand.
„Marie, Liebes, ich werde dich ganz sicher nicht wegschicken, und ich glaube in einer anderen Ecke deines Inneren weißt du das auch. Und du weißt auch, dass du inzwischen nicht mehr abhängig bist wie als Kind. Aber in diesen Momenten ist dieses Wissen im Hintergrund, da ist eine existenzielle Angst an getriggert.
Du bist ja inzwischen als erwachsener Mensch durchaus lebensfähig, selbst wenn ein wichtiger Kontakt, der dir viel gibt, abbrechen sollte. Aber in Momenten wie jetzt ist das innere Kind von dir lebendig und fühlt sich tief bedroht, wenn du Fehler machst, stimmt’s?“
Erschöpft nickte Mari.  „Ja, Fehler machen ist für mich immer ganz furchtbar – egal ob es kleine oder größere Unzulänglichkeiten sind. Ich kann in diesen Situationen gar nicht mehr unterscheiden, wie schlimm etwas wirklich ist. Alles ist dann ganz schlimm. Und ich habe eine riesengr0ße Angst vor dem, was dann kommt.“
„Ich werde mir etwas einfallen lassen, damit du mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ völlig neue Erfahrungen und Gefühle verbinden kannst. Versuche daran zu denken, wenn es soweit ist, dass du mit mir niemals Grund zu Angst oder Besorgnis haben musst, und dass das, was ich für dich plane, immer einen Sinn hat, einen heilenden Sinn! Bitte denke daran, wenn es soweit ist.“

Und wenn es dir in dem Moment nicht gelingen sollte, daran zu denken, werde ich dich daran erinnern.“
Er sah ihr in die Augen…„Mari, du brauchst dich bei mir niemals zu fürchten.“ 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

4. Fehler dürfen sein!

Samstag Nachmittag – das erste Treffen bei Mari zuhause:

Mari lief aufgeregt durch ihre Wohnung, die sie am Vormittag gründlich aufgeräumt und geputzt hatte.
War alles soweit okay? Was sollte sie anziehen? Nicht zu leger – nicht zu besonders – nicht zu brav – nicht zu bunt… Uff – inzwischen hatte sie sich zum dritten Mal umgezogen und stand wieder mit ihrem Outfit unzufrieden vor dem Kleiderschrank.
Da klingelte es.

Ui jeh, war sie aufgeregt! War es richtig, dass sie ihn, den sie noch gar nicht so lange kannte, heute in ihre Wohnung eingeladen hatte? Sie hatten gar nicht besprochen, ob sie heute schon mit dem Spiel beginnen würden und mit dem Englisch-Unterricht. Vor ein paar Tagen hatte sich das alles noch ganz stimmig angefühlt. Aber jetzt…

Joel trat ein und drückte ihr eine Tüte mit Brötchen und einem Glas Orangenkonfitüre in die Hände. 
„Oh, das hast du dir gemerkt, dass ich das gern esse… Dankeschön!“ meinte die überraschte Mari.
Er ging nach ihr ins Wohnzimmer, sah sich um und bemerkte: „Wow, du hast dir ja hier ein wunderschönes Reich eingerichtet. Eine tolle Energie strahlen die Bilder und Lichter aus… Und sogar Kaffee und Kuchen hast du für uns vorbereitet. Mensch, danke Mari!“

Sie setzten sich und plauderten über dies und das. 
Joel war ein guter Beobachter und bemerkte Maris Nervosität sofort.
„Was hältst du davon, wenn wir jetzt mit einer kleinen Lektion in Englisch beginnen?“ fragte er. „Aber bitte nicht gleich zu viel am Anfang, ja? Ich hab nämlich schon mehrmals einen Anlauf mit Englisch-Lernen gemacht, das ist aber immer gleich am Anfang gescheitert.“

Mari war sofort einverstanden und holte etwas aus dem Nebenzimmer. Als sie wiederkam, wirkte sie weitaus lockerer. 
Joel lächelte. Er hatte erreicht, was er wollte: Sie fühlte sich jetzt erst einmal sicher in ihrer Rolle als Lehrerin.  
Die Führungsrolle würde er für sie nachher verkörpern – heute nur eine kleine Nuance davon zum Angewöhnen… 

Mari zauberte einige bunte Wortkärtchen hervor.
„Lass uns mit den ersten Buchstaben des englischen A B C beginnen… 
A wie acceptance.
I accept you.“ Sie deutete mit dem Finger auf sich und auf ihn… 
You accept me.“
Er sprach ihr nach und lächelte – ja so sollte es sein! Das wollte er sie immer fühlen lassen:
I accept you, Mari.“

Weiter ging es mit B wie beauty .
You are beautyfull.“ 

Und C wie charisma und courage.
You have charisma, Joel.
You have courage, Mari.

Nach einer knappen Stunde fanden beide, dass es für heute genug war mit dem Englisch-Unterricht.
„Danke, Mari. Das hat richtig Spaß gemacht! Ohne Buch… ohne Schreiben… einfach gleich so reden… Danke! Das hast du toll gemacht!“

Mari freute sich. „Du warst aber auch ein sehr unkomplizierter und williger Schüler, Joel! Und wenn wir irgendwann auch schriftlich beginnen – hab keine Angst davor, Fehler zu machen. Fehler sind wunderbar, daraus kann man lernen. Fehler dürfen sein!“

Nun holten sie beide die mitgebrachten Brötchen, Butter und Marmelade auf den Tisch, sowie noch etwas Käse und Oliven und ließen es sich schmecken.

Als Mari den letzten Bissen aufgegessen hatte, stand Joel auf, lehnte sich an die Wand und sagte in einem ganz anderen Tonfall zu ihr:
„So, Mari, du räumst jetzt ganz in Ruhe den Tisch ab, beseitigst die Krümel und Wasserflecken, und dann gebe ich dir für unsere nächsten Treffen und die angedachten Spiele ein paar Regeln.“

Von wegen „ganz in Ruhe“ – mit ihrer Ruhe war es dahin! Das entspannte Gefühl, das sie eben beim Schmausen gehabt hatte, war weg.
Mari schluckte und spürte, wie ihre anfängliche Beklommenheit schlagartig zurück kam. Es fühlte sich seltsam an, so von ihm beobachtet zu werden, während sie das Geschirr in die Küche trug. Nicht nur unangenehm… – aber auch nicht gut, wahrlich nicht! Aber irgendein Teil in ihr schien diesen Tonfall, in dem er jetzt sprach, zu genießen… seltsam…
Er klang ja nicht unfreundlich, aber schon sehr bestimmend.

Der Tisch war abgeräumt und Joel meinte: „Du hast noch etwas vergessen, Mari.“
Unschlüssig schaute sie sich um. Der Tisch war doch leer…“
Joel schmunzelte verhalten: „Hol mal gleich noch einen Lappen und beseitige die letzten Krümelspuren.“
Mari fühlte sich wie ein kleines Mädchen, das einen Fehler gemacht hatte. Musste das sein???!!!
Als sie fertig war, deutete er mit einem Kopfnicken auf die Stühle und sie setzten sich wieder. 

„Also Regel Nummer eins – eine der wichtigsten: Es macht nichts, wenn du etwas vergisst oder es versehentlich anders machst, als ich es gesagt habe. Fehler dürfen sein!“

Regel Nummer zwei: Wenn ich die nächsten Male hierher komme, möchte ich nicht, dass du vorher die Wohnung putzt und besonders aufräumst. Lass alles so, wie es immer ist. 

Regel Nummer drei: Du wählst dir für die Zeit, in der ich die Führungsrolle übernehme, eine Anrede für mich, in der die Rollenverteilung deutlich wird. Wenn sie mir gefällt, werden wir sie künftig verwenden, und du wirst mich in diesen Zeiten damit grundsätzlich so ansprechen.
Hast du jetzt bereits eine Idee dafür?“

Mari überlegte… „Wie wäre es mit Meister?“

Er schloss für einen Moment die Augen und nickte: „Ja, das passt!“

„Okay, Mari, dann bin ich für diese Zeiten dein Meister. Und zum Meister gehört eine Schülerin. Das bist also dann du! Bist du bereit, diese Rolle zu übernehmen?
„Ja, das bin ich.“

„Gut, meine kleine Schülerin. Nun wiederhole mir bitte kurz zusammengefasst die drei Regeln, die ich dir eben gab.“

„Also ich soll nicht vorher aufräumen und nicht die Wohnung putzen.
Ich soll dich mit Meister anreden.
Ähm… soll ich „du“ oder „sie“ sagen?
„Wir bleiben ruhig beim „du“. Es wird Situationen geben, da würde das „Sie“ eine zu starke Distanz erzeugen. Das wäre dann eher hinderlich für dich.“

Joel ging um den Tisch herum, an dem sie beide saßen, nahm Maris Hand und fragte: „Und welche Regel fehlt noch?“

Mari überlegte… was war es nur? Mist! Konnte sie sich nicht mal drei Dinge merken…?!!

Joel lächelte sie an: „Es ist nicht schlimm, wenn du etwas vergisst, meine Kleine, Fehler dürfen sein!“

Als er sie dann ganz behutsam in die Arme nahm, fühlte sie sich seltsam geborgen…

–> zu Kapitel 5

 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge (leider umgekehrt, also das aktuellste ist vorn – um es von vorn zu lesen, bitte ganz zurück scrollen)