Ein erstes Treffen im Gartenlokal

Mari und Joel, die sich aufgrund einer Kontaktanzeige kennengelernt hatten und bisher einige Mails miteinander ausgetauscht hatten, waren zu einem Treffen in einem Gartenrestaurant verabredet, um sich  persönlich kennen zu lernen. Sie saßen an einem Tisch unter einer großen Buche. Joel fragte Mari: „Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du diese Anzeige geschaltet hast, auf die ich geschrieben habe?“

Ach weißt du, ich trage schon lange Fantasien von Spielen mit Rollen von Überlegenheit und Unterlegenheit in mir,“ antwortete Mari etwas verlegen. „Die fühlen sich so lebendig an, so kribbelnd und bewegen mich so, dass ich die Idee nun endlich umgesetzt habe, einen Menschen zu suchen, mit dem ich darüber reden kann – erst mal nur reden… und vielleicht irgendwann… in kleinen Nuancen auch mal etwas davon erleben, wenn es sich für beide stimmig anfühlt – und anfangs am besten erst einmal Spiele, die mit Erotik nur wenig zu tun haben, um zunächst ein Gefühl für Nähe wachsen zu lassen…“ Mari klaubte einen nicht vorhandenen Fussel von ihrer Jeans.

Joel schaute sie nachdenklich an… „Fängt Erotik da nicht schon an? Bei dieser wunderbaren Offenheit, über Gefühle, Fantasien und Sehnsüchte zu reden? Bei dem Wunsch, Nähe zu spüren?“ fragte er vorsichtig. „Was fühlst du denn, wenn du daran denkst und darüber sprichst?“

„Ich empfinde gleichzeitig Faszination und auch Angst bei diesen Fantasien. Und trotz schwieriger Gefühle wie Furcht und Scham zieht es mich an, vielleicht etwas davon zu erleben. Ich glaube, ich sehne mich danach, in meiner Angst, die Kontrolle abzugeben, ganz fest umarmt zu werden und zu erleben, dass ich sie nicht zu haben bräuchte, dass ich vertrauen könnte…  Na ja und ich bin ja nun auch schon in einem Alter… – da liegt es nahe, darüber nachzudenken, was man im Leben noch verwirklichen will – was es wirklich wert ist, Zeit und Energie dafür zu verwenden.“

Ja, es ist gut, Träume, die immer wiederkehren, Schritt für Schritt wahr werden zu lassen, auch wenn sich das anfangs fast unmöglich anfühlt…  ganz egal, wie alt wir sind,“ bestätigte Joel. „Magst du mir noch etwas mehr von deinen Wünschen und Visionen erzählen?“ 

Ich träume schon lange von echter, tiefer Begegnung, wo die ganze Bandbreite von Gefühlen wirklich da sein kann, und ich mich mit meiner alten Angst, die ich leider noch immer habe durch das, was mir als Kind geschehen ist, äußern kann und darin angenommen werde. Körperliche und emotionale Nähe, in der ich männliche Stärke als wohlwollend und freundlich erleben kann. Etwas in mir will spüren, wie es ist, die Kontrolle für eine bestimmte Zeit abzugeben und dabei gute Erfahrungen zu machen… vertrauen zu lernen…,wahrzunehmen, dass auch meine Grenzen respektiert und angenommen werden. Ich glaube, das ist der Hintergrund für meine Sehnsucht nach Erfahrungen von Macht… ich möchte die heilende Erfahrung machen, dass sie mit Liebe ausgeübt wird, und ich darin nicht abgelehnt werde, und auch nicht überredet werde, etwas zu tun, was ich nicht möchte. Ich habe so viele Ängste, weißt du…“

Joel nickte. „Ja, von deiner Angst und auch den peinlichkeitsgefühlen hattest du schon geschrieben. Und… sie schreckt mich überhaupt nicht ab! Im Gegenteil, es wäre spannend, dich darin unterstützen zu können, deine Angststimmen nach und nach leiser werden zu lassen und mit all deiner Unsicherheit neue, und wie ich hoffe, gute Erfahrungen zu machen. Du brauchst dich deiner Ängste nicht zu schämen, Mari! Sie haben ja ihre Ursachen… Außerdem bin ich froh, dir in dieser Weise einen Ausgleich geben zu können für deine Hilfe beim  Lernen der englischen Sprache. Glaub mir, in dieser Welt kein Englisch zu können, ist mir auch oft peinlich, und ich musste schon etwas über meinen Schatten springen, dir davon zu erzählen. Aber du hast es mir leicht gemacht mit deiner warmherzigen Art. Danke, dass du mich darin unterstützen willst.“

Das mach ich so gerne, Joel! Ich glaube dir, dass es schwierig sein muss, kein Englisch zu können, wo es ja vor englischen Ausdrücken nur so wimmelt, z.B. auch im Internet…
Dich im Englischen zu unterstützen, wird mir sicher Freude machen und fällt mir leicht.
Aber weißt du, über meine ambivalenten Sehnsüchte und Ängste zu sprechen und dieses spezielle Thema anzugehen, fällt mir schwer. Da ist bei mir so viel Unsicherheit und angelernte alte Schamgefühle. Diese Fantasien von Dominanz, wo einer mir sagt, was ich zu tun habe – das fühlt sich irgendwie so seltsam an… Ich habe bisher noch keinem davon erzählt!“

Na, da haben wir beide ja spannende Herausforderungen, die wir bewältigen möchten. Wie gut, dass wir einander gefunden haben.“ Joel lächelte. „Wenn ich dich in den Mails richtig verstanden habe, soll das Macht-Thema ja auch nur in abgegrenzten Zeiten da sein, in Rollenspielen, wo ich die Machtrolle hätte und du dich von mir führen lassen willst, um zu spüren wie es ist, zu vertrauen und darin gute Erfahrungen zu machen. Du möchtest dir deiner Ängste und Sehsüchte immer tiefer bewusst werden, um sie  annehmen und bewältigen zu können. Richtig?“

Hm… ja… per Mail, als alles noch so anonym war, fiel es mir relativ leicht, dir von meinen Fantasien und den Ängsten zu schreiben, die mich bisher darin blockieren, meine Träume wahr werden zu lassen. Durch unseren intensiven Mailwechsel wissen wir ja nun schon einiges über uns…  Am Telefon wurde es jedoch schon schwieriger…“

Und jetzt, wo wir uns hier gegenüber sitzen, willst du am liebsten Reißaus nehmen – stimmt´s?“ fragte Joel und sah Mari aufmerksam an. Seine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis ließen ihn leicht erkennen, wie unbehaglich sie sich gerade fühlte.

Mari nickte und griff nach ihrer Tasse, nur um irgendetwas zu tun.

Ja, es hilft schon etwas, wenn man sich an einer Tasse festhalten kann…“ Joel legte seine Hand in die Mitte des Tisches, „aber… vielleicht ist eine Hand zum Festhalten auch ne schöne Idee?“

Mari nickte, stellte die Tasse wieder auf den Tisch und legte ihre Hand in seine.
Eine ganze Weile sagten sie nichts… Und irgendwie… fühlte sich das gut an.

Seine Hand vermittelte Wärme… Ruhe… Sicherheit… Geborgenheit…

Joel sagte leise: „Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Den hast du getan, indem du mir schon etwas von dir erzählt hast….Was meinst du, wollen wir ein paar Schritte miteinander gehen?“
Sie überlegte… Konnte sie jetzt schon „JA“ sagen, erste Schritte auf diesem angedachten Weg mit ihm zu gehen?

Hier ist ein schöner Park gegenüber.“

Ach so,“ sie schmunzelte, „spazieren gehen… Ja, okay, das ist eine schöne Idee!“

Und beide standen auf und machten sich auf den Weg – ein paar Schritte miteinander, Hand in Hand…

Zum nächsten Kapitel:  2 – ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand

Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer (wenn auch leider umgekehrter Reihenfolge, also das aktuellste ist vorn. Um an den Anfang zu gelangen nach unten scollen und auf ältere Beiträge gehen, das ganze drei oder vier mal… so kannst du die Geschichte wie ein Buch von vorn nach hinten lesen 🙂

8 Kommentare zu „1. Erste Schritte miteinander

    1. Hallo Ankordanz,
      hab vielen Dank für deinen Kommentar und dein Like – der erste auf meinem noch ganz frischen Blog.
      Hab mich sehr gefreut! 🙂 Und so wunderbar formuliert von dir: „Die Kunst des Vertrauens in einen Unbekannten…“
      Dass dies gefährlich sein kann, stimmt total – deshalb drücke ich diese spannende und liebevolle (was mir daran total am Herzen liegt) Fantasie auch nur in Form einer Geschichte aus.
      Ich bräuchte im realen Leben viel Zeit und langsames Kennenlernen, um mich auf diese Thematik mit einem – dann ja nicht mehr fremden Menschen – einzulassen.
      Liebe Grüße und alles Gute für dich!
      Miriam

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      1. Auch wenn Du diese „fremde Person“ erstmal nur in Deiner Phantasie leben lässt, so ist sie doch zugleich eine „reale Person“, mit der Du Dich auseinandersetzen mußt – respektive möchtest. Sie ist ein Teil von Dir, den Du selber noch nicht kennst und nun kennenlernen möchtest. Und Du möchtest Diesen Weg mit Mari und Joel auch nicht alleine gehen. Daher danke ich Dir für das Vertrauen in jenen Unbekannten (einen? mehrere?), der „Deine Geschichte“ hier (auf Deinem Blog) lesen darf und damit an Deiner Reise teilhaben darf. Einer Reise, in der Du Dich auch gleichzeitig dem (unbekannten) Leser anvertraust und damit auch ein wenig Macht über Dich gibst – in Form von Wissen. Einer Reise „zum Mittelpunkt der Welt“: zu sich selbst.
        👍🍀🌈

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        1. Wow!!! Ich bin so bewegt von deinen Worten… JA!
          Ich fühle mich verstanden und gesehen in dem, was du schreibst. Diesen Weg mit einem oder mehreren anderen Unbekannten zu teilen und darauf sogar Feedback zu bekommen und Gedanken auszutauschen, fühlt sich sehr lebendig und schön an…

          Die Einstellung, von der du schreibst, dass es die Gestalten, die uns im Geiste beschäftigen, auf einer inneren Ebene tatsächlich (jedenfalls FÜHLbar) gibt, und wir sie durch unsere Gedanken immer mehr zu einer WIRKlichkeit werden lassen, die ja WIRKT, sind mir auch sehr vertraut.
          Es fühlt sich an, als würdest du „meine Sprache“ sprechen – und das ist ein wunderbares Gefühl.

          Dass ich hier in der Blogwelt für mich unsichtbare Menschen an Maris und meinem Weg teilhaben lasse und ihn dadurch nicht alleine gehe, fühlt sich einerseits gut an – aber auch ein bisschen riskant, denn ich stimme dir zu: Diese sensiblen Gefühlen, die sich bei dem Veröffentlichen dieser Thematik in mir bewegen, könnten auch mal leicht verletzt werden.
          Da gebe ich ein großes Stück Vorschuß-Vertrauen in den- und diejenigen, die die Tür zu Maris Welt öffnen und als unsichtbare Zeugen dabei sind.
          Meist habe ich allerdings in meinem Leben die Erfahrung machen dürfen, dass Vertrauen eine Schwingung ist, die ähnliches anzieht. Und darauf will ich auch hier vertrauen.
          Über das von dir hier angesprochene Thema habe ich mir auch Gedanken gemacht und eben einen Artikel dazu „Einladung an die unsichtbaren Zeugen“ in den Blog gebracht https://marismeisterdersanftendominanz.wordpress.com/2020/08/19/willkommen-als-unsichtbarer-zeuge/ )

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          1. Ich stimme Dir zu, dass Vertrauen oft wieder zu Vertrauten führt. Aber ich habe hier in der Blog-Welt auch schon erlebt, dass eine solche Schwingung kippen kann – auch wenn es vielleicht nichts mit Dir zu tun hat. Aus diesem Grund würde ich Dich bitten, keine Spuren zu hinterlassen, anhand derer man Dich zu leicht im Realen finden kann. Dann sind auch Deine Gefühle immer durch einen letzten „Wall“ geschützt. Viele machen das so, und ich kenne niemanden, bei dem das ein Problem gewesen wäre. Kontaktaufnahme ist ja trotzdem möglich – wenn man das möchte.
            👍🍀🤗

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  1. Liebe Miriam,
    eine Geschichte, die von Sanftheit und Rücksicht getragen wird. Sie gefällt mir und ich werde ebenfalls gerne die weiteren Folgen lesen, bis dass ich bei der aktuellen anlange *lächel*. Den Menschen dort abholen, wo er steht und ihn mit Zuversicht an das Leben zu gewöhnen kommt mir da gerade in den Sinn.
    Herzliche Grüße am Morgen
    Heike

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlich willkommen auf meinem Blog, liebe Heike,
      ich freu mich über deinen Besuch und , dass dir die Schwingung meiner Geschichte dir gefällt,
      Ja, genau das, was du beschreibst, soll in der Story die Botschaft sein: Den Menschen dort abholen, wo er bzw. sie steht und in kleinen machbaren Schritten an an lebendige und liebevolle Erfahrungen gewöhnen…
      Danke für die tolle Beschreibung dieser Essenz der Erlebnisse von Mari und Joel.
      Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen der nächsten Kapitel 🙂
      Hab einen frohen Morgen und schönen Tag!
      Miriam

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