68. Die „Fehler“-Falle

Bei Joel – Eine beängstigende Assoziation

Mari wurde vom Regen überrascht und und klingelte durchgefroren bei Joel, mit dem sie wieder einmal zu einem Rollenspiel verabredet war, in dem er die Rolle des Meisters übernahm.
„Oh Mari, du bist ja ganz durchnässt, komm rein“, sagte er und ging sofort ins Bad, um etwas zum Abtrocknen für sie zu holen.
Sie blieb abwartend im Flur stehen. Er kam mit einem großen Handtuch zurück und legte es ihr um die Schultern. Diese fürsorgliche Geste fühlte sich gut an, und sie rubbelte sich ihre Bluse ab so gut es eben ging. Er half ihr und rieb ihr mit dem Handtuch über den Rücken.
Als sie jedoch niesen musste und er sah, dass sie vor Kälte zitterte, meinte er: „Ich glaub du solltest deine nassen Sachen ausziehen, Mari.“
Etwas unschlüssig schaute sie ihn an. „Hm… könntest du mir vielleicht ein T-Shirt von dir borgen?“ fragt sie vorsichtig.
Er nickte: „Ja, sicher“, und holte eines seiner Shirts und gab es ihr, worauf sie damit im Bad verschwand. Es war ein relativ langes T-Shirt, in dem sie sich einigermaßen wohl fühlte, auch als sie ihre lange, total durchnässte Hose ausgezogen hatte. Als sie aus dem Bad kam, wurde ihm anhand ihrer nackten Beine erst deutlich, dass sie auch eine Hose brauchen könnte und fragte: „Magst du noch eine Hose haben?“
„Oh ja, sehr gerne Joel, das wäre prima!“ Daraufhin brachte er ihr eine enge Sporthose, in die sie schnell hinein schlüpfte. Zu ihrer Erleichterung passte sie einigermaßen.
Er lächelte: „Jetzt besser?“
„Prima, ich danke dir. Ja jetzt fühle ich mich wohler.“
Er schaute sie einen Moment lang an… „Dann beginnt das Spiel?…Jetzt!“

Maris Herz begann zu klopfen. Er ging auf sie zu und unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück.
„Oh? Was ist denn?“ fragte er.
Da es ja auch keinen für sie selbst plausiblen Grund dafür gab, antwortete sie: „Nichts…“
„Gib mir deine Hand, Mari“, forderte er sie auf.
Sie gab ihm ihre rechte Hand.
„Wirst du mir folgen?“
Sie spürte ihren Herzschlag deutlich. Wohin und wie würde er sie führen, dass er so explizit fragte? Das tat er ja sonst nicht. Sie nickte und sagte: „Ja.“
Er ging drei Schritte zurück und zog sie leicht an der Hand. Sie folgte ihm und wurde von ihm in einem kleinen Kreis durch das Wohnzimmer geführt – fast wie in einem Tanz.
Froh, dass sie von ihm trockene Sachen bekommen hatte und sich darin einigermaßen wohl fühlte, hatte Mari inzwischen richtig gute Laune, während sie mit ihm an seiner Hand durch das Wohnzimmer ging. Er zog sie nach einem Weilchen in Richtung des kleinen Flurs
Verwundert ließ sich Mari durch den Flur führen.
„Was machen wir hier?“ fragte sie unbedacht.
Ernst sah er sie an. Wieder einmal hatte sie nicht an die Regel gedacht, innerhalb des Spiels keine vermeidbaren Fragen zu stellen. Er sagte noch nichts dazu und führte sie an den Türen vorbei bis zur Tür am Ende des Flurs, aber aufgrund seines Blickes wurde ihr das jetzt bewusst. Mit unguten Gefühlen ging sie mit ihm ein paar Schritte weiter. Schließlich standen sie direkt vor der Schlafzimmertür.
Sie schaute ihn von der Seite an und dachte: „Um Gottes Willen bloß nicht noch eine Frage stellen!“
Er öffnete die Tür und sie sah direkt das große Bett.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und sie versteifte sich, als er mit ihr das Zimmer betreten wollte.

„Nein, das möchte ich nicht!“ Fast wie ein Schrei kamen die Worte aus ihrem Mund.
Er sah sie einen Moment stumm an. Dann fragte er: „Hast du nicht gesagt du folgst mir?“
„Aber doch nicht in dein Schlafzimmer! Wir sind doch sonst immer im Wohnzimmer, was soll denn hier geschehen?!“
Mari war jetzt so verschreckt, dass ihr die Frage-Regel des Spiels und alles sonstige Prozedere nicht mehr präsent waren.
Joel entgegnete in einer für ihn auch in der Meisterrolle untypischen Härte: „Das ist schon die zweite Frage und eine Verweigerung.“
Siedend heiß stand sie da und erstarrte.

Als er ihren Zustand wahr nahm, schloss er die Tür und führte sie zurück ins Wohnzimmer zu einem Sessel, in dem sie regelrecht in sich zusammen sank und zu zittern begann.
Er setzte sich vor sie, nahm ihre Hände und hielt sie fest. Diese Geste tat ihr gut und gab ihr ein bisschen Halt. Sie hob ihren Blick und schaute ihn kurz an.
„Wie geht es dir Mari?“ Es fühlte sich an, als würde er ihr mit seinen Augen eine Brücke bauen wollen. Dadurch dass er sie so wärmend anschaute und ihre Hände hielt, tauchte sie aus ihrer Erstarrung wieder auf und war in der Lage mit ihm zu reden.
„Es tut mir leid, ich bin noch nicht soweit – wirklich es tut mir leid! Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich fühle mich furchbar!“
„Warum?“ Immer noch hielt er sie mit seinem Blick.
„Du hast doch bereits gesagt: zwei Fragen und eine Verweigerung. Außerdem habe ich Angst…“
„Angst? Wovor?“
„Na du wirst mich ja nicht ohne Grund ins Schlafzimmer geführt haben! Ich kann das noch nicht!“
„Was kannst du denn noch nicht? Was hast du erwartet?“
„Mari bekam einen roten Kopf… Na – mit dir Sex haben…“
„Wow?! Das wäre aber ziemlich plötzlich gekommen, oder? Nach all den vielen kleinen Schritten, die wir miteinander gegangen sind…“
Verlegen stammelte sie: „Na, warum hast du dann… Warum wolltest du… Wir waren doch immer im Wohnzimmer… Ich dachte…“
„Was dachtest du?“ fragte er unbeirrt weiter.
Jetzt wurde Mari heftig: „Das weißt du doch nun ganz genau! Warum muss ich es jetzt noch mal aussprechen?!“
Ruhig antwortete er: „Ich frage mich, wie du darauf kommst. Wie kommt es, dass du diese Vermutung hast?“
„Na, was sollte ich denn bei dem plötzlichen Schlafzimmer-Besuch ansonsten denken?!“
„Vielleicht wollte ich dir nur etwas zeigen… Vielleicht wollte ich eine Decke oder etwas anderes holen… Wie kommt es, dass du nach all unseren Spielen und Vertrauensübungen denkst, dass ich dir plötzlich solch einen für dich großen Schritt zumuten würde?“
„Ich konnte nicht mehr klar denken! Die Assoziation, als ich das Bett gesehen habe, war einfach da. Bitte entschuldige! Ich war verschreckt und verunsichert in dem Moment, es tut mir wirklich leid – auch dass ich diese Assoziation gehabt habe, weshalb ich dir ja nicht mehr weiter folgen konnte…“
Weiter fragte er: „Wie fühlt es sich für dich an Mari – Drei Fehler in so kurzer Zeit… zwei Fragen und eine Verweigerung.“
„Es fühlt sich schrecklich an! Ich würde am liebsten davonlaufen, aber damit kann ich es auch nicht ungeschehen machen. Bei diesen Worten kamen ihr die Tränen…

Er hielt noch immer ihre Hand und fragte sie mit sehr sanfter Stimme: „Mari, glaubst du, du hättest die Fehler vermeiden können?“
Sie schüttelt weinend den Kopf. „Ach nein, es war ja gar keine Kontrolle mehr in mir… !“
Er drückte behutsam ihre Hand. „Mari, Irrtümer, Fehleinschätzungen und Fehler passieren! Es wird nie möglich sein, alle Fehler zu vermeiden.“
„Das ist ja das Schlimme. Ich kann mir Mühe geben soviel ich will… Irgendetwas geht immer daneben. Das ist nicht nur jetzt so, das ist schon mein ganzes Leben lang so: Immer wieder vermassele ich irgendetwas! Nie reicht meine Mühe aus! Ich wollte dir wirklich folgen, als du mir die Frage gestellt hast und ich dir meine Hand gab. Und plötzlich war ich out of order.“
Er strich ihr mit einer zarten Bewegung über die heiße Wange. „Du solltest gar nicht erst versuchen, alles perfekt zu machen. Jeder Mensch macht Fehler. Es ist einfach menschlich!“
Sie sagte leise: „Ich habe dich enttäuscht und habe nicht angemessen gehandelt oder gedacht! Mensch das tut mir so leid und tut so weh in mir.“
„Su sagst ja selbst, du konntest gar nicht anders.“
Sie nickte: „Ja, das stimmt. ich konnte in dem Moment nicht anders.“

„Mari, schau mich bitte an. Ich sage dir jetzt etwas wichtiges: Ich habe deine Reaktion bewusst provoziert. Ich wusste, dass ich damit viel zu weit gehen würde.“
Verwundert hob Mari jetzt ihren Kopf und sah ihn an. „Wie jetzt? Warum das? Wolltest du mich fertig machen?“
Er schüttelte den Kopf. „Auch wenn das jetzt erstmal so scheint, aber nein! Ich erschuf diese Situation, die dich in unkontrollierbares Verhalten brachte, um dir zu zeigen, dass es unmöglich ist, immer alles in optimaler Weise zu tun und um einen Anlass zu schaffen, das Fehler-Thema, das dich schon so lange blockiert, gemeinsam zu durchleuchten. Das waren so intensive Gefühle, dass du dich daran wohl immer erinnern wirst. Und damit auch an die Erkenntnis, die daraus resultiert: Es ist unmöglich, manche Verhaltensweisen zu unterlassen, die zu „Fehlern“ führen – und damit zeichnete er zwei Anführungszeichen in die Luft.
Ihre Gedanken wurden immer verworrener, wer hatte denn nun eigentlich den Fehler gemacht…
„Du wolltest also, dass ich Fehler mache?!“
Er nickte. „Ja, ich wollte es. Insofern bin ich mindestens zur Hälfte mitverantwortlich dafür. Auch wenn du manchmal die Regeln vergisst, auch wenn du etwas verweigerst – übrigens welch schlimmes Wort! Du darfst schließlich auch etwas ablehnen und dafür die rote Ampel anwenden. Das ist alles nicht schlimm, Mari! Selbst wenn ich eine kleine Show abziehe und mit erhobenem Zeigefinger daher komme. In Wahrheit ist das niemals ein Problem. Na, und dann gibt es gibt ja auch noch unsere kleinen Ausgleichsrituale, genannt Strafe. Er zwinkerte mit den Augen. Na und??! Du brauchst keine Angst vor Fehlern haben, denn Fehler passieren und sind unvermeidlich.“ Er legte seine Hände sanft auf ihre Schultern und schüttelte sie ganz sacht. „Mari, du kannst immer nur alles so gut machen, wie du es kannst – der Rest liegt nicht in deiner Macht. Denn könntest du es anders tun, hättest du es ja anders gemacht. Und für das, was du selbst bei allem Wollen nicht anders tun kannst, brauchst du dich auch nicht schlecht zu fühlen.“

Irgendetwas wurde bei diesen Worten in ihr leichter. Sie verstand es nicht genau, was da in ihr passierte, aber es war, als wenn eine zentnerschwere Last von ihr abfiel…
Wir reden nächstes Mal weiter darüber“, sagte er leise, aber bestimmt. „Jetzt möchte ich dir nur noch gut tun. Wie wäre es mit einer schönen entspannenden Kopf-Massage hier auf der Couch, in der sich deine Gefühle und Gedanken beruhigen können?“
So nahm dieses so heftig begonnene Spiel ein sehr sanftes, wohltuendes Ende.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

14. Eine utopische Heilungsreise: UNGEDULD    und  die  Entwicklung von SELBSTANNAHME

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Wie jeden Morgen in dieser Adventszeit war Mari gespannt darauf, ihren nächsten Umschlag zu öffnen. Sie nahm ein paar gebrannte Mandeln aus ihrem heutigen Umschlag , ruckelte sich gemütlich auf ihrer Couch zurecht und las gespannt, wie es Carinas weiter erging im Raumschiff mit ihrem Meister…

In aller Behutsamkeit tastet sich Ramon in den nächsten Tagen an Carinas Grenzen heran und wartet auf ihre Rückmeldung, auf die er dann jedes Mal sofort achtsam und liebevoll reagiert. Er nimmt Carina genauso an, wie sie ist, fordert niemals mehr, als sie freiwillig zulassen will, und drängt sie zu nichts. Ihr selbst fällt es schwer, sich zu akzeptieren. Immer wieder glaubt sie, dass er mehr von ihr erwartet und projiziert ihre eigene Verurteilung und Ungeduld in ihn hinein. Ramon sagt ihr immer wieder: „Setz dich nicht unter Druck, Carina, das tut dir nicht gut. Was kommen will, das kommt von ganz allein, wenn die Zeit reif ist“.
In der Absicht, sie auf andere Gedanken zu bringen, damit sie sich wieder mehr entspannen kann, bringt er viele kreative, musische und meditative Elemente in ihre Ausbildungsstunden, interessante und spannende Erfahrungen… Nur für sie steht ihre Angst vor allem, was noch kommen könnte im Mittelpunkt ihres Denkens.

Wieder einmal verstärkt sich ihr Gefühl, Opfer von Umständen zu sein, die sie nicht so haben will, als ein Röllchen aufleuchtet. Sie liest:

Liebe Carina,
alles was du erlebst,
ziehst du aus deinem Inneren
mit deinen Gedanken und Gefühlen selbst an.
Denn es ist deine tiefste Sehnsucht,
dich mit allem, was in dir ist, bewusst anzunehmen 
und Annahme auch von außen zu erfahren.
Die schenke ich dir gern!
In Liebe Ramon

Am nächsten Morgen stellt Carina ihrem Meister verzweifelt die Frage, die sie schon so lange beschäftigt: “Warum bin ich nur so, wie ich bin?! Warum habe ich diese unerklärliche Angst? Alles was mit Intimität, Körperlichkeit, Männern und Erotik zusammenhängt, war schon immer angstbesetzt. Und ich weiß nicht, warum das so ist. Weißt du einen Weg, wie ich das herausfinden kann? Kannst Du vielleicht mit mir eine Rückführung machen in die Situation, die dafür ursächlich war?” Carina kommen die Tränen. “Weißt du, Ramon, ich wäre so gern selbstbewusst, unverkrampft und locker – so wie andere Frauen auch. Ich hätte so gern mehr Vertrauen. Ich spüre ja inzwischen, dass du alles tust, um mir zu helfen. Du bist geduldig, verständnisvoll und gehst liebevoll mit meinen Ängsten und Unsicherheiten um. Trotzdem schaffe ich es nicht, mich zu entspannen. Was kann ich nur tun?”

Mit einer zärtlichen Geste wischt er ihr die Tränen vom Gesicht und schaut ihr tief in die Augen. “Carina, willst du das wirklich wissen?” Sie nickt. Lächelnd antwortet er ihr: “Das, was du als verständnisvolles, liebevolles Verhalten von mir erlebst, könntest du nicht erleben, wenn es nichts gäbe, was verständnisvoll anzunehmen wäre. Es gibt auf deine Frage zwei verschiedene Ebenen für Antworten.

Auf der einen Ebene könntest du natürlich Rückführungen machen, die dich auf die Spur von traumatischen Situationen bringen, die deine Ängste entstehen ließen. Dazu würde eine Rückführung sicher nicht reichen. Es schlummerte ja längere Zeit im Verborgenen. Inzwischen hast du auf der Seelenebene den Entschluss gefasst, deine Angst und wie du ja selbst merkst auch deine Sehnsucht, sie zu bewältigen, bewusst zu spüren, um sie durch liebevolles Annehmen heilen zu können. Dafür hat deine Seele mich gerufen.

Es gibt zwei Möglichkeiten der Heilung: Der kompliziertere und langwierigere Weg befasst sich mit Ursachenforschung, mit Sinnfindung und mit anschließender mentaler und emotionaler Umprogrammierung.

Es gibt aber auch noch die Möglichkeit, den direkten Weg der Liebe zu gehen, indem du die Erfahrung machst, dass du in all deiner Angst durch die Annahme und Wertschätzung deiner Gefühle, in dem Fall durch mich, lernst, dich selbst wertzuschätzen und anzunehmen so wie du bist. Und hier sind wir bei der zweiten Antworts-Ebene: Es ist eine ganz tiefe Sehnsucht in dir, die Erfahrung zu machen, in all dem, was du als unzulänglich, minderwertig und schwach erlebst, angenommen und geliebt zu sein. Liebe ist besonders spürbar, wenn es etwas gibt, was der liebevollen Annahme bedarf. Dieses Erleben berührt dein Herz und hilft dir, die erfahrene Akzeptanz zu verinnerlichen und dich selbst zu lieben, das heißt aufzuhören, gegen das was ist zu kämpfen und dich so anzunehmen, so dass du irgendwann sagen kannst: “Ja, so bin ich eben. Ich verstehe mich und hab mich lieb in all meiner Angst und Unsicherheit.

 Wenn dich diese Gedanken erfüllen, wirst du eine gewisse Druckfreiheit in deiner erstmal noch vorhandenen Unsicherheit spüren, kannst alles als eine Art Abenteuer empfinden und kannst auch deine Stärke fühlen, weil du dich deinen Ängsten stellst. Und dann geschieht Wandlung nahezu von allein.

Was du also erkennen und durchleben willst ist folgendes: Deine durch die Angst empfundene Schwäche ermöglicht dir, Selbstannahme und Annahme durch mich zu fühlen, was nichts anderes ist als Liebe. Und wenn du mich fragst, ist das der tiefste Weg der Heilung. Du bist liebenswert, so wie du bist, und in deiner scheinbaren Unvollkommenheit vollkommen. Willst du dich von mir an die Hand nehmen lassen und Schritt für Schritt hinein wachsen in die Haltung von liebevoller Annahme dir selbst  gegenüber?”

Erstaunt schaut Carina ihren Meister an und nickt. „Ja, das möchte ich! Und du meinst, dann löst sich die Angst mit der Zeit von allein und ich brauche gar keine Rückführungen?”

Lächelnd nickt Ramon. “Du kannst sie machen. Es wären weitere Abenteuer – Spielfilme in deinem aktuellen Lebensfilm. Um aber die Erfahrung zu machen, die sich dein Herz am meisten wünscht, ist das nicht notwendig. Deine Heilung besteht in dem Erleben und Entwickeln von Annahme, um immer tiefer in eine gesunde Selbstliebe hinein zu wachsen. Darin möchte ich dich so gern unterstützen, Carina. DAS ist der Inhalt dieser Ausbildungsreise hier mit uns. Um diesen Weg zu gehen, seid ihr alle hier, und wir Meister sind von euren Herzen gerufen, euch dabei zu helfen.”

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

8. Eine utopische Heilungsreise: SELBSTZWEIFEL    und    ANNAHME

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Heute hatten sie sich wieder getroffen und es sich bei Mari auf der Couch gemütlich gemacht. Joel lud Mari ein, sich in seinen Arm zu kuscheln und zog sie erst einmal zu einer innigen Umarmung an sich. Erfreut spürte er, dass sie sich auf die Nähe mit ihm zunehmend leichter einlassen konnte. Dann las er ihr das achte Kapitel der Geschichte vor:

Am nächsten Morgen findet Carina folgende Botschaft in ihrem Adventskalender:

Liebe Carina,
du wirst mit mir erfahren,
dass du angenommen und geliebt wirst, genauso wie du bist –

auch mit den Teilen in dir, die dir selbst noch schwer fallen anzunehmen,
und mit manchen, die dir auch noch verborgen sind
und in dir ein unbewusstes Eigenleben führen.
Wir werden sie gemeinsam entdecken! Okay?
In Liebe Ramon

Was für Teile Ramon wohl damit meint? Eigentlich kennt sie sich doch… Oder kann es sein, dass er sie besser kennt, als sie sich selbst? Nach all dem, was sie bisher mit ihm erlebt hat, muss sie vor sich zugeben, dass es viele Fehleinschätzungen in ihr gab. Er muss ein tiefes Verständnis besitzen. Es gab noch nie einen Menschen, der in so einzigartiger Weise auf sie eingegangen war und so phantasievoll und liebevoll mit ihren Gefühlen von Angst, Abwehr, Schutzbedürfnis und all dem, was sonst noch in ihr ist, umgegangen ist.

‘Er scheint mich bis in all meine Tiefen hinein zu kennen und zu verstehen. Es kommt mir fast so vor, als würde ich langsam beginnen, ihm zu vertrauen … Was für Teile er wohl meint, die wir gemeinsam entdecken werden? Irgendwie ist es auch unheimlich, wenn jemand viel mehr über mich weiß, als ich selbst.’

Durch diesen Gedanken fühlt sich Carina ihrem Meister gegenüber wieder etwas befangen. Ständig denkt sie darüber nach, was er wohl jetzt gerade in ihr sieht, und beobachtet ihn und sich selbst unter der Fragestellung, ob sie wohl alles richtig macht.

Es dauert nicht lang und dieser innere Druck erzeugt in ihrem Kopf einen Druck, der sich schließlich zu heftigen Kopfschmerzen steigert.

Am Abend, als Ramon an ihrem Bett sitzt, schaut er ihr in die Augen und fragt: “Was ist los, Carina? Was quält dich?”

Für Carina stehen die Kopfschmerzen im Vordergrund, und sie erzählt ihm davon. Ramon nickt mitfühlend und sagt: “Es muss Gedanken oder Gefühle in dir geben, die dir Druck machen. Vielleicht fühlst du dich im Moment überhaupt nicht in der Lage, darüber weiter nachzuforschen, das ist okay. Ich will dir nur sagen, Carina, und das sage ich diesem Teil von dir, der den Schmerz produziert hat: Du bist vollkommen in Ordnung, so wie du bist. Versuche zu vertrauen… vertraue, dass alles gut ist. Vertraue dir, vertraue mir, vertraue dem Leben. Es trägt dich, es hält dich in seiner liebenden Hand. Hab dich lieb, Carina, mit all dem, was du bist, es gehört zu deinem Mensch-sein. Strebe nicht nach einer Perfektion, die nie ein Mensch erreichen kann, sei einfach du selbst und wisse: Du bist ein phantastisches, wundervolles göttliches Wesen. Alles in dir ist in Ordnung!”

Carina schaut ihn dankbar an. Seine warmherzigen, liebevollen Worte tun ihr gut. Dann streicht er ganz sanft über ihren Kopf, immer und immer wieder. Sie spürt, wie der Druck sich langsam löst, ein paar Tränen fließen, und schließlich wird sie sehr müde, entspannt sich und schläft ein.

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

3. Eine utopische Heilungsreise: Schmerz und Mitgefühl


Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Mari freute sich, dass die Adventszeit dadurch einen so märchenhaften Zauber erhielt.
Heute am Morgen des 3.Dezembers, öffnete sie nun gespannt den nächsten bunten Umschlag und ist neugierig auf das dritte Kapitel von Carinas Heilungsreise im Raumschiff der außerirdischer Meister. Sie liest:

Grübelnd liegt Carina in ihrem Bett: ‘Nun sitze ich noch tiefer in der Tinte. Er erfährt von diesem Gespräch, weil er telepathisch mit Acquila verbunden ist. Hätte ich ihr doch nicht erzählt, dass ich lieber eine Frau als Ausbilderin hätte! Jetzt ist es sicher vorbei mit seiner Freundlichkeit.’

Als ihr Meister in ihr Zimmer kommt, um ihr eine gute Nacht zu wünschen, stellt sie sich schlafend. Carina fühlt sich nicht in der Lage, ihm in die Augen zu sehen und mit ihm zu reden. Immerhin war er ja stets freundlich und rücksichtsvoll zu ihr gewesen. Für wie undankbar muss er sie nun halten? Wie sollte sie ihm am nächsten Morgen nur begegnen?

Meister Ramon tritt ans Bett seiner sich schlafend stellenden Schülerin, streichelt ihr sanft wie immer übers Haar und sagt leise: “Schlaf gut, Carina. Du bräuchtest gar keine Angst zu haben.  Alles wird gut, du wirst sehen, es ist alles nicht so schlimm, wie du denkst.” Und wieder schläft Carina durch das wiederholte sanfte Streicheln schließlich ein.

Am nächsten Morgen liest sie folgende Botschaft von ihm in ihrem Adventskalender:

Geliebte Carina,
ich weiß, du wünschst lieber bei einer Frau deine Ausbildung zu machen.
Doch wir wissen doch beide, Carina, warum dir das so wichtig ist.
Auch, wenn du es jetzt mit einem Mann zu tun hast,
bedeutet das nicht, dass damit eine Gefahr für dich verbunden ist.
Das kannst du dir zwar noch nicht vorstellen,
aber genau diese Erfahrung willst du machen.
Ich helfe dir dabei.
 In Liebe Ramon

Er weiß also wirklich schon von dem Gespräch, das ich mit der Meisterin hatte’, denkt Carina, und ihr Magen rebelliert. Gefühle von Scham und Peinlichkeit verursachen in ihr ein solches Übelkeitsgefühl, dass sie sich nicht in der Lage fühlt aufzustehen. Ihr ungelöster Konflikt, über den sie sich permanent den Kopf zerbricht, hatte schon gestern Kopfschmerzen ausgelöst. Heute kommt zu diesen quälenden Schmerzen auch noch Übelkeit. Sie schließt die Augen, mag nichts mehr hören, nichts mehr sehen und schläft wieder ein.

Als sie erwacht, kommt kurze Zeit später ihr Meister zu ihr. Sie sagt ihm, dass es ihr schlecht gehe, und bittet ihn, heute im Bett bleiben zu dürfen.

Mitfühlend legt er seine Hand auf ihre heiße Stirn und bietet ihr eine Behandlung gegen ihre Schmerzen an.

Carina kann sich nicht vorstellen, dass ihr in diesem Zustand irgend etwas helfen könnte. Außerdem möchte sie den Kontakt zu Meister Ramon aufgrund ihrer schwierigen Gefühle auf ein Minimum beschränken. So bittet sie ihn nur um Ruhe und lehnt alles andere ab. Er respektiert ihren Wunsch und verlässt ihr Zimmer.

 

Carina dämmert vor sich hin. Immer wieder kommen ihr vor Verzweiflung die Tränen, dann schläft sie wieder erschöpft ein.

Kaffeetasse1Meisterin Acquila bringt ihr zwischendurch Tee, einen wohltuenden heilsamen Saft und etwas Leichtes zu essen, das Carina jedoch nicht anrührt.

Auch dieser Frau, der sie sich gestern anvertraut hat, fühlt sie sich beklommen gegenüber.

Die leise Stimme in ihrem Inneren, die ihr zuflüstert: „Du bist nicht so allein wie du dich fühlst…“ kann sie nur im Halbschlaf bruchstückhaft wahrnehmen. Ale sie wieder aufwacht bleiben die Worte haften „…nicht allein… “ 

Ach würde sie sich doch nicht so allein fühlen zwischen all den Fremden hier…

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

 

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

01g Eine utopische Heilungsreise: NEUES UND UNGEWISSES

Bei Mari – der Meister erzählt Mari innerhalb ihres Rollenspiels ein utopisches Märchen, eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“

Joel (der die Meisterrolle inne hatte innerhalb des gemeinsamen Rollenspiels mit Mari) hatte sich für die Vorweihnachtszeit eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und um eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern geht. Nachdem Mari sich auf ihrer behaglichen Couch in seinen einladend geöffneten Arm gelehnt hatte, erzählte er das in den letzten Tagen bereits begonnene Märchen weiter:

„Als Carina am dritten Tag im Hause ihres Ausbilders Ramon morgens erwacht, entdeckt sie ein weiteres Briefchen vor ihrer Zimmertür. Gespannt liest sie die Botschaft ihres Meisters:

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Liebe Carina,

auch wenn morgen deine Ausbildungsreise beginnt, vor der du dich noch so fürchtest, brauchst du nicht zu verzweifeln. Ich gehe mit dir an Bord des Raumschiffes und auch durch alle deine Ängste. die jetzt noch zu dir gehören.

Dein Meister Ramon

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Jetzt ist es also soweit’, denkt Carina, und sie fühlt , wie ihr die Tränen in die Augen steigen. Es ist noch früh am Morgen, und sie beschließt, einen kurzen Spaziergang zu machen, um in der kalten Morgenluft ihren heißen Kopf abzukühlen. In der Haustür stehend hört sie hinter sich Ramons Stimme: ”Guten Morgen, Carina, na, schon so früh auf?”

Carina zuckt zusammen. Sie hat nicht erwartet, ihm jetzt schon zu begegnen. “Entschuldigung, ich wollte sie nicht aufwecken”, stammelt sie aufgeregt.

“Du hast mich nicht aufgeweckt“, sagt er freundlich zu ihr. „Ich möchte dir einfach nur sagen, dass du nicht allein bist, und wenn du willst, gehe ich gern mit dir.”

“Ich will Abschied nehmen…” Mit diesen Worten ist es um Carinas Fassung geschehen. Ein hemmungsloses Weinen bricht aus ihr heraus. Ramon legt seinen Arm um ihre Schultern.

Ich weiß, Carina, Abschied nehmen tut oftmals sehr weh”, tröstet er sie mitfühlend. Behutsam führt er sie ins Zimmer, setzt sich mit ihr auf die Couch. 

  “Ja, Carina, lass deinen Tränen freien Lauf, sie lösen den Schmerz und befreien dich von dem Druck der letzten Tage und dem bevorstehenden Abschied.

Carina schluchzt: “Bitte, bitte, lassen sie mich gehen, oder lassen sie uns wenigstens hier bleiben! Ich will nicht fort! Ich mag diese Reise nicht machen! Ich will nicht ins Raumschiff! Ich will das alles nicht. Ich kann nicht…” Ihre Augen flehen ihn an.

“Carina, ich verstehe deine Gefühle, deine große Angst. Doch ich täte dir nicht wirklich einen Gefallen, ließe ich dich gehen, denn hier geht es um mehr, als dir jetzt bewusst ist. Dein Herz, deine Seele, dein göttlicher, wissender Teil von dir wünscht, diese Reise zu machen. Er ist es, der mich gerufen hat, dir dabei zu helfen, dich zu erinnern, wer du wirklich bist. Ich bin hier, um dich zu dir selbst – in dein wahres Zuhause zu bringen.”

Während Ramon in dieser Weise mit Carina spricht, bricht die Mauer, die sie um sich herum gebaut hat, zusammen, und sie beginnt, über ihre Angst-Geschichten zu sprechen. Ramon hört ihr aufmerksam zu und führt sie immer wieder in die Gegenwart zurück: “Schau einmal Carina, was jetzt ist: Heute ist der dritte Tag, an dem du mit mir, einem großen, starken Mann, allein bist in einem abgelegenen Haus, oben in den verschneiten Bergen. Ist dir irgend etwas geschehen, was dir geschadet hat? Ich sage dir immer wieder, sooft du es hören willst: Ich tue dir kein Leid an, weder jetzt, noch später, niemals!” Vorsichtig nimmt er ihre kalte bebende Hand in seine warmen Hände und lässt ihr Kraft, Trost, Geborgenheit, Stärke und Wärme zufließen. Schließlich beruhigt sie sich etwas. 

Beide decken zusammen den Frühstückstisch, stärken sich mit gutem leckeren Essen, und anschließend machen sie einen gemeinsamen  Spaziergang, der sie zur Mittagszeit in ein gemütliches Restaurant führt. Carinas Gedanken sind immer wieder mit dem Geschehenen und mit dem, was noch kommen wird, beschäftigt. Plötzlich fällt ihr ein: “Aber wir sind doch erst drei Tage hier, warum geht es denn jetzt schon ins Raumschiff?” Carina spürt einen leisen Hauch von Hoffnung, vielleicht muss sie morgen doch noch nicht fort? “Carina, du hast schneller einen Kontakt zugelassen, als ich dachte, dass es dir möglich ist“, erklärte Ramon lächelnd. „Es täte dir nur unnötig weh, wenn wir jetzt den Abschied noch hinaus schieben würden. So habe ich im Kontakt mit deiner Seele diese Entscheidung getroffen.”  Seine Stimme klang warm und freundlich wie immer, aber gleichzeitig auch so bestimmt und klar, dass sie spürte, dass alles Diskutieren zwecklos wäre.

Später am Nachmittag überrascht Ramon Carina mit einem Köfferchen voll Fensterfarben, um mit ihr zusammen herrlich leuchtende Folien mit Ornamenten, Symbolen und all den Bildern herzustellen, die Carina gern malen wollte. Die Farben waren zauberhaft und Carina malte eifrig und mit Freude verschiedenste Ornamente und auch Gegenständliches. Carina liebt alles, was mit malen und Farben zu tun hat. “Du kannst die    Farben und Folien mitnehmen, wenn wir morgen ins Raumschiff gehen, sowie auch deinen Adventskalender und das Gesteck, das ich dir geschenkt habe. Alles andere, was du sonst noch brauchst, wirst du an Bord vorfinden”, erklärt Ramon.

‘Na ja’ , denkt Carina, ´woher will er wissen, was ich brauche… Ich kann nur hoffen, dass ich dort einigermaßen versorgt werde!’ Sie malen gemeinsam mit angenehmer Musik im Hintergrund  bis in den späten Abend    hinein, und Carina ertappt sich dabei, dass ihre ganze Konzentration auf die Freude am Tun gerichtet ist, so dass dabei zeitweise ihr Abschiedsschmerz in den Hintergrund rückt. Ramon beobachtet Carina unauffällig – schmunzelnd, ihr eine Beschäftigung    gegeben zu haben, die ihre Aufmerksamkeit total beansprucht.

Müde und erschöpft sinkt sie an diesem letzten Abend sofort in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst spät am nächsten Morgen erwacht. Ramon hat sie ausschlafen lassen. Dann jedoch geht alles ganz schnell. Er lässt ihr wenig Zeit zum Denken. Nach einem kurzen Frühstück hilft Carina ihm, alle Sachen im Auto zu verstauen, und los geht die Fahrt Richtung Raumschiff.

NeuesNach einer längeren Autofahrt endlich angekommen, staunt Carina doch. Vor ihr in geringer Entfernung steht ein gigantisch strahlendes Raumschiff. So leuchtend und schön hatte Carina sich das nicht vorgestellt, sie dachte eher an einen hässlichen “Metallkäfig”. Wieder entdeckte sie die Unwahrheit eine ihrer unangenehmen Vorstellungen…“

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Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

01f Eine utopische Heilungsreise: Wärme und Geborgenheit

Bei Mari – der Meister erzählt Mari innerhalb ihres Rollenspiels ein utopisches Märchen, eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“

Joel (der die Meisterrolle inne hatte innerhalb des gemeinsamen Rollenspiels mit Mari) hatte sich für die bald beginnende Vorweihnachtszeit eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern beinhaltete. Nachdem die beiden es sich auf der Couch gemütlich gemacht hatten, erzählte er das in den letzten Tagen bereits begonnene Märchen weiter:

„Als sich Carina am zweiten Tag in ihrem Gästezimmer im Hause ihres Ausbilders für eine kleine Mittagsruhe auf ihrem Bett nieder lässt, findet sie auf ihrem Kopfkissen wieder ein kleines Briefchen von ihrem Meister vor. Mit gemischten Gefühlen beginnt sie zu lesen:

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Liebe Carina,


nun verlebst Du einige Tage allein mit einem Mann,
fühlst dich unsicher und voller “Geschichten” im Kopf.


Wenn du magst, sprich über deine “Geschichten” mit mir.
Ich höre dir gern zu.


Dein Meister Ramon

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Schwer kann Carina sich vorstellen, mit Ramon über ihre “Angst-Geschichten” in ihrem Kopf zu reden, da ihre Ängste ihr selbst peinlich und unangenehm sind. Er könnte entweder beleidigt sein, dass sie nach all der Freundlichkeit so negative Gedanken äußert, oder aber er könnte sie auch einfach auslachen und verspotten.
Tief in ihrem Innern vernimmt sie eine leise Stimme: ‘Vielleicht tut er keines von beiden und akzeptiert dich so wie du bist…`
Ich werde es nur herausfinden, ob ich ihm vertrauen kann, wenn ich es versuche, denkt Carina. Aber wie soll ich da nur einen Anfang finden?`

Abends sitzen sie gemütlich zusammen am Kaminfeuer bei Gebäck und Glühwein.

In dieser behaglichen Atmosphäre versucht Ramon, Carina eine Brücke zu bauen: “Na, Carina, hast du meine Nachricht an dich gefunden?”

Beklommen nickt Carina. “Möchtest du mit mir über deine Angst-Geschichten sprechen?” fragt Ramon sie ruhig und freundlich.

Carina weiß nicht, was sie antworten könnte, wie und womit sie beginnen soll. Fieberhaft arbeitet es in ihrem Kopf, und je krampfhafter sie einen möglichen Anfang sucht, um so unmöglicher erscheint es ihr, überhaupt etwas zu sagen. Gleichzeitig fürchtet Carina, dass Ramon ihr Schweigen als Ablehnung deuten könnte und in gleicher Weise reagieren könnte. Sie fühlt sich ausweglos überfordert. Tränen treten ihr in die Augen.

Da nimmt Ramon ihre Hand ganz sacht in seine Hände. “Carina, quäle dich nicht! Wenn du jetzt nicht über deine Gedanken und Gefühle reden kannst, ist das völlig okay. Wir haben viel Zeit. Irgendwann wird der richtige Zeitpunkt kommen, und dann kannst du auch mit mir über das reden, was dich bedrückt. Ich will nicht in dich dringen, jetzt nicht und später ebenso nicht! Ich werde dir immer wieder Gelegenheiten anbieten, dich mir mitzuteilen. Mit der Zeit wirst du die Erfahrung machen, dass es dich erleichtert, wenn du deine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringst. Aber den Zeitpunkt und den Inhalt bestimmst du selbst. Bitte, Carina, schließe jetzt einmal deine Augen.”

Zögernd folgt sie seiner Bitte. Was hat er jetzt mit ihr vor? Ihre Gedanken wirbeln herum. Sie hört seine ruhige, freundliche Stimme: ”Spüre jetzt einfach mal nur deine Hand, Carina. Sei ganz sicher, es geschieht dir nichts. Deine Hand liegt zwischen meinen Händen, sicher, geborgen und warm. Ich halte sie ganz behutsam, ohne Druck. Ich manipuliere nicht an ihr herum, ich quetsche sie nicht, ich biege sie nicht. Ganz behutsam halte ich sie in meinen warmen Händen. Du kannst deine Hand jederzeit bewegen, sie auch heraus ziehen aus meinen Händen. Mache dir das einfach nur bewusst. Ich lade dich morgen wieder ein, deine Hand in meine Hände zu legen, ohne jeden Zwang.”

Carina spürt tief in sich die Botschaft seiner Worte: So behutsam wie er ihre Hand hält, so sicher und sanft hält er zur Zeit die ganze ängstliche Frau in seiner Obhut. Sie versteht diese Geste als eine Ermutigung, ihm zu vertrauen. Schließlich öffnet sie ihre Augen und begegnet seinem verständnisvollen Blick. “Danke”, flüstert sie, “es tut mir leid…”

“Nichts muss dir leid tun, Carina”, antwortet Ramon. “Alles ist in Ordnung, so wie es ist. Deine Zartheit, deine Angst, der scheue Blick deiner Augen – all das bist auch du – ein liebenswertes Wesen in einer herausfordernden Welt, das nach und nach die Erfahrung machen will, dass man auch Männern vertrauen kann. Ich werde dabei dein Lehrer sein, Carina.
Vertrauen… das wird eins deiner Hauptthemen sein in unserem Miteinander in der Ausbildung. Du wirst viel Zeit dafür haben. Aber jetzt ist erst einmal genug geredet! Was hältst du davon, wenn wir etwas zusammen singen?”

Mit diesen Worten setzt er sich ans Klavier und spielt das Lied    “Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud”. Gemeinsam singen sie noch einige Advents- und Weihnachtslieder, die Carina so mag, dass sie  sich nach und nach etwas entspannen kann.

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Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

Einen frohen und schönen ersten Advent wünscht euch, liebe Gäste,
eure Miriam

49. Wenn… – …dann (1)

Bei Mari – Eine Übung in Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz (1)

Mari und Joel saßen sich auf der ausgezogenen Couch gegenüber und Joel, der für Mari bereits die Meisterrolle in ihrem Spiel eingenommen hatte, wies sie an, etwas näher an ihn heran zu rücken und sich so hinzusetzen, dass sie ihre Hände bequem auf seine Hände legen konnte, die mit nach oben geöffneten Handflächen auf einem Kissen lagen, das in seinem Schoß lag.

Als sie eine gute Sitzposition für sich gefunden hatte, schaute er ihr ein Weilchen wie so oft zu Beginn eines Spieles in die Augen, ohne etwas zu sagen. Dies Momente empfand Mari meist als sehr lang, und sie spürte, wie Aufregung und Unruhe durch ihren Körper floss.

„Entspann dich, Mari“, sagte er ihr lächelnd. „und setz dich so bequem wie möglich hin. Du wirst gleich, wenn ich es sage, deine Augen schließen und von mir einige Satzanfänge hören. Deine Aufgabe ist es, sie zu beenden, und zwar so spontan wie möglich. Sprich das aus, was dir als erstes in den Sinn kommt, ohne nachzudenken. Sollte es passieren, dass dir gar nichts einfällt, dann schweigst du. Das ist dann auch in Ordnung. Kein Stress! Bei dem nächsten oder übernächsten Satzanfang, wird dir wieder etwas einfallen. Ich werde vielleicht manche Satzanfänge auch mehrmals sagen, damit du die Gelegenheit hast, mehreres dazu auszusprechen. Das bedeutet dann also nicht, dass ich mit dem, was du davor etwas gesagt hast, nicht einverstanden bin und etwas anderes erwarten würde.“

Mari nicke und lächelte… Wie gut ihr Meister sie doch kannte und sich jetzt schon vorstellen konnte, wo eventuelle Klippen bei ihr liegen könnten. Selbstzweifel und die Angst, nicht zu genügen, gehörten zu ihren häufigsten Schwierigkeiten, und sie empfand es als sehr fürsorglich, dass er ihr durch diese Erklärung, die er ihr gleich am Anfang etwas sagte, um möglicherweise entstehenden Druck gar nicht erst aufkommen zu lassen.
„Danke Meister!“ flüsterte sie und nickte.

„Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch, Mari. Alles was dir einfällt und was du aussprichst ist in Ordnung. Meine geöffneten Hände sollen dir das Gefühl vermitteln, dass alles von mir angenommen wird. Du lässt die Augen so lange geschlossen, bis ich dir erlaube, sie wieder zu öffnen. Hast du die Übung verstanden?“

„Ja, Meister“, antwortete sie.

„Gut, dann schließe jetzt deine Augen, und lasse sie so lange geschlossen bis ich dir gestatte, sie wieder zu öffnen.“

Sie folgte seiner Anweisung. Was wohl jetzt kommen würde…

„Gut Mari,“ hörte sie ihn sagen, „spüre deine Hände, wie sie auf meinen liegen und wie sie von ihnen getragen werden. Alles darf jetzt in sie hinein fließen und ist ganz sicher willkommen. Ich beginne jetzt mit den Satzanfängen und du beendest sie so spontan wie möglich.“

Sie nickte.

„Ich freue mich, dass…“ begann er – „…wir uns begegnet sind.“, sagte sie leise.
„Ich mag es, wenn…“ – „…du sanft mein Gesicht berührst und mir über´s Haar streichst.“
„Ich wünsche mir, dass…“ – „…es keine Schwierigkeiten geben wird.“
„In Situationen, wo es schwierig wird, würde ich am liebsten…“ – „…davon laufen.“
„Wenn es mir gelingt, nicht davon zu laufen, würde ich am liebsten…“ – „…ganz klein werden und mich verstecken.“
„Wenn ich gefunden werde, würde ich mir wünschen…“ – „…ganz fest in die Arme genommen zu werden und dass es dann irgendwie leichter wird.“
„Erleichterung könnte ich fühlen, indem…“ – „…mir eine Brücke gebaut wird, dass es mir gelingt über das Schwierige reden zu können, was gerade in mir ist.“
„Wenn es mir gelingt, über das Schwierige in mir reden zu können, dann wünsche ich mir…“ – „…dass ich Verständnis und Annahme erlebe und keine Kritik und keine Strafe.“ Bei diesen Worten zitterte Maris Stimme und sie kämpfte mit den Tränen.
Gut, dass sie die Augen geschlossen hatte und ihren Meister nicht anschauen musste…

Er strich sanft mit den Daumen über ihre Handrücken, zum Zeichen, dass er ihre Bewegtheit wahrnahm.
„Mari, lass deine Augen noch geschlossen, auch wenn wir jetzt eine kleine Pause machen,“ sagte er leise zu ihr und legte ihre Hände sanft in die Mitte ihrer Brust auf ihr Herzzentrum. „Spüre mal, wie dein Herz für dich selber schlägt. Richte deine Aufmerksamkeit mal auf deinen Herzschlag. Und nimm ein paar tiefe sanfte Atemzüge. Du hast das bisher wunderbar gemacht!“

Leise setzte er sich hinter Mari, die leicht erschrak, als er seine Hände auf ihre Schlüsselbeine legte. Mit sanftem Druck brachte er sie dazu, ihren Oberkörper an ihn anzulehnen. „Ja,“ bestätigte er, „lehn dich an mich an, gib alles an mich ab… Spüre den Halt, den ich dir gebe. Deine Muskeln können weich werden… Du musst jetzt nichts tun , nichts denken, nichts beantworten, nichts erfüllen, nichts in Frage stellen, nichts überlegen… einfach nur sein…“

Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht und halfen ihr, sich zu entspannen, loszulassen, weich zu werden… Oh wie gut das tat!…

Nachdem sie ein Weilchen einfach nur so gesessen hatten, wiegte er sie leicht hin und her. Das ließ sie tief aufatmen. Ein Gefühl von Geborgenheit breitete sich in ihr aus. Sie gab noch mehr Gewicht ab, lehnte sich gänzlich an und fühlte wie eine wärmende Gedankenlosigkeit sie einhüllte und schweben ließ…

Morgen oder übermorgen geht es weiter mit dem 2.Teil dieser Übung

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge



48. Die Seile (2)

 Bei Joel – das Leben schafft manchmal seltsame Situationen

Nachdem Mari unvermittelt, nahezu panisch aus Joels Wohnung gelaufen war, weil sie die im Wohnzimmer liegenden Seile so interpretiert hatte, als solle sie heute überraschend erstmalig gefesselt werden, stehen die beiden vor seiner Tür auf der Straße – und Joel, der von diesen Gedanken bis eben nichts ahnte, versucht zu verstehen, was in Mari plötzlich in die Flucht getrieben hatte. Gerade war ihm der erklärende Gedanke gekommen…

„Ich glaub, ich weiß jetzt, was passiert ist, oh Mann wirklich, Mari, da ist ein ganz großes Missverständnis entstanden. Ich kann’s selbst kaum glauben, was mir da passiert ist. Würdest du bitte mit mir zurück gehen? Ich möchte es gerne auflösen, und dann kannst du auch sofort gehen, wenn du das dann noch willst und brauchst, aber ich glaube, du musst es wirklich sehen, was ich meine!“

Etwas unschlüssig schaute Mari ihn an. „Ehrlich gesagt ist mir nicht ganz wohl dabei. Du bist mir körperlich überlegen, und könntest mich letztendlich doch überwältigen. Das hast du ja bisher nie getan aber… ich habe gerade eben so große Angst bekommen…“ Sie schaute ihn groß an, konnte es gar nicht glauben, dass sie in so eine Situation geraten war, in der sie gar nicht mehr wusste, was sie denken und tun sollte. Wie sollte sie sich entscheiden ?

Joel schaute ihr geduldig und offen in die Augen. „Wirklich, Mari, ich glaub, es reicht nicht, dir alles nur zu erzählen. Wirf einen Blick darauf, und du wirst sehen, das alles ist ein großes Missverständnis! Da liegen zwar Seile, die ich leider vergessen hatte, wegzuräumen, aber damit hatte ich keinesfalls irgendetwas vor, was mit dir und unserem Spiel zu tun hat. Und das kannst du mir am besten glauben, wenn du einen Blick in meine Küche wirfst. Ich würde dich den Zusammenhang gern sehen lassen, um dein Vertrauen zurück zu gewinnen, Mari!“

Mari schaute ihn an, langsam kam ein Hauch des vertrauten Gefühls zurück, das sie zu ihm bereits entwickelt hatte. Sie nickte und sagte: „Okay, aber lass bitte die Wohnungstür erstmal offen.“

„Ja sicher,“ bestätigte er verständnisvoll, aber auch etwas traurig, und schweigend gingen sie zurück, Er öffnete die Tür so weit wie es möglich war, warf aus dem Flur einen Blick ins Wohnzimmer und zeigte auf den Sessel, neben dem die Seile lagen, „Oh Mist, das sieht echt so aus, als hätte ich damit etwas vor gehabt. Das tut mir so leid, Mari!“

„Ja“, sagte sie, „eindeutiger geht es ja gar nicht mehr! Was sollte ich dabei denken?“

„Oh je, entschuldige bitte, Mari, ich war einfach so in Eile, dass ich vergessen habe, dass sie dort noch lagen, als du kamst. Würdest du bitte einen Blick in die Küche werfen?“ sagte er und ging voraus in die Küche, „nur einen Blick, bitte!“

Mari schaute, sich absichernd, auf die geöffnete Wohnungstür und ging langsam durch den Flur zur Küche.

„Ich bin ganz hinten in der Küche, du musst nur zur Tür hinein schauen,“ sagte er, um ihr Sicherheit zu geben.“

Als sie hinein schaute, bemerkte sie ein riesen Chaos. Überall lag Werkzeug, etwas Schmutz und eine große Sackkarre waren mitten in der Küche und davor ein Kühlschrank, der offensichtlich nicht so richtig in seine Lücke in der Küchennische passt. Joel zog überfordert die Schultern hoch und erklärte:
„Der Kühlschrank ist überraschend schon heute angekommen, und er war mit den Seilen an diese Sackkarre gebunden, ich habe sie vorhin einfach in den Sessel geworfen, damit sie hier nicht auch noch herumliegen. Echt, ich hatte absolut nichts mit ihnen vor, was mit dir zu tun haben könnte! Kannst du mir das nun glauben, Mari?“

Ziemlich schlagartig wurde Mari klar, dass sie total über reagiert hatte. Sie brauchte jetzt Joel nur anzuschauen, und sah an seiner Mimik und Körpersprache, dass er recht hatte.
Verlegen sagte sie zu ihm: „Ja, Joel, es tut mir so leid! Natürlich… jetzt wo ich das hier alles sehe, kann ich dir glauben.“ Die ganze Anspannung fiel in diesem Moment ab von Mari und dadurch fiel sie regelrecht in sich zusammen und brach in Tränen aus. Mari schämte sich inzwischen, dass sie so panisch die Wohnung verlassen hatte, und konnte ihn gar nicht richtig anschauen, auch die Tränen wollten nicht aufhören zu laufen aus Erleichterung und aus Scham gleichzeitig.

Joel berührte sie sanft an den Schultern, um zu spüren, ob er sie in seine Arme ziehen konnte. Sie ließ das zu, Er nahm sie fest in die Arme- Mari fiel es noch etwas schwer, sich auf die Umarmung einzulassen, als hätte sie es nicht verdient, jetzt umarmt zu werden, weil sie gleich weggelaufen war, anstatt anzusprechen, was ihr Unbehagen verursacht hatte.

„Oh Mann, bin ich froh, dass wir das noch klären konnten“, seufzte Joel erleichtert, „das ist ja ganz blöd gelaufen! Ich bin nur froh, dass du mitgekommen bist und mir nun glaubst.“

„Ich bin auch froh, dass ich mitgekommen bin, obwohl mir das sogar sehr schwer gefallen ist. Oh Joel, es tut mir so leid! Was muss noch passieren, damit ich endlich vertrauen kann! Das hast du nicht verdient, und es war falsch, dass ich sofort weg gerannt bin!“

Verständnisvoll antwortete er: „Ich sehe ja ein, dass das Bild wirklich sehr eindeutig schien, aber du hättest schon auch wissen können, dass ich so etwas nicht machen würde, ohne dass wir nicht auch gemeinsam darüber gesprochen hätten. Allerdings verstehe ich auch, dass dir die Seile Angst gemacht haben.“

„Ich konnte gar nicht mehr klar denken. Und du hast recht, ich hätte mit dir sprechen müssen .“ Beschämt schaute Mari nach unten und versuchte zu erklären, was in ihr ablief: „Joel, das war wie ein selbst laufender Mechanismus. Ich konnte gar nicht mehr klar denken, und ja… Ich habe es völlig falsch betrachtet.“

Joel fragte mit einem etwas schiefen Lächeln: „Ich bin echt froh, dass wir das Missverständnis klären konnten! Mari, ich danke dir, dass du trotz deiner Angst mit nach oben gekommen bist und mir die Chance gegeben hast, es doch noch aufzuklären.“

„Und ich danke dir, dass du mich jetzt trotzdem noch umarmst. Du bist doch jetzt sicher sehr enttäuscht von mir?“ Unsicher schaute sie Joel an. Er wirkte nicht sauer auf sie.
„Ich kann kaum glauben, dass du immer noch so freundlich zu mir sein kannst.“

Verwundert fragte er: „Aber warum sollte ich denn nicht freundlich zu dir sein, Mari? Es gab ein Missverständnis, so etwas kann doch immer passieren. Es ist nur wichtig, dass wir uns schnell darüber austauschen und es ausräumen konnten!“

„Ja“, gab sie zu, „sonst wäre ich mit einem furchtbaren Szenario im Kopf zu Hause allein gewesen. Aber wenn du mir nicht hinterher gekommen wärest, wäre ich jetzt gar nicht hier. Und wir hätten das nicht klären können. Ich danke dir sehr, dass du mir nachgekommen bist. Joel, könnten wir uns eventuell ein bisschen setzen? Mehr wackeln immer noch die Knie.“

„Natürlich“, antwortete er und führte sie zur Couch, wo sich die beiden eng aneinander setzten und er seinen Arm um sie legte.

Ihr Blick fiel noch mal wieder auf die Seile, und sie fragte: „Du hast vorhin gesagt, wenn du so etwas vor hättest, würdest du es auf jeden Fall mit mir besprechen. Heißt das, dass du so etwas vorhast?“

Ruhig antwortete er: „Ich würde das nur tun, wenn du dich dazu einverstanden erklärst. Weißt du, Mari, sich fesseln zu lassen, ist eine sehr kraftvolle Vertrauenserfahrung, vielleicht hat unser heutiges Missverständnis sogar eine Tür zu dieser Thematik geöffnet…“

Hektisch fragte Mari: „Das würdest du aber nicht ohne meine Zustimmung tun?“

Joel schaute ihr direkt in die Augen und sagte langsam und deutlich: „Mari, ich würde nie etwas ohne deine Zustimmung tun, das verspreche ich dir. Weißt du, nichts geschieht ja ohne Sinn – und durch deine Fehlinterpretation dieser Seile sind wir auf das Thema früher gekommen, als ich dachte. Ich werde es in einer der nächsten Sessions an dich heran tragen – in ganz behutsamer Art und Weise – und du kannst schauen, ob du dann den Mut hast, diese Erfahrung zuzulassen, um zu erleben, dass dir nichts Schlimmes geschieht, wenn du die Kontrolle so spürbar abgibst. Und wenn es soweit ist, kannst dazu natürlich ja oder nein sagen. Du hast alle Möglichkeiten offen.“

Nachdenklich erklärte Mari: „Es ist ja einerseits meine Sehnsucht, Kontrolle abgeben zu können, und gleichzeitig fällt es mir immer noch so schwer, wie wir heute gesehen haben.“

„Ja“, sagte Joel verständnisvoll. „Es ist ja auch kein leichter Weg, wenn man in dieser Richtung schlechte Erfahrungen gemacht hat, die sich tief in die Erinnerungen gegraben haben. Daher versuchen wir ja neue und positive Erfahrungen zu erschaffen, die die alten Erinnerungen irgendwann verblassen lassen.“

„Danke für dein Verständnis, Joel, ich danke dir sehr. Ich bin froh, dass ich jetzt mit dir außerhalb der Meisterrolle über das alles sprechen kann, obwohl ja vorhin eigentlich das Spiel schon begonnen hatte, und ich letztendlich vor dem Meister weg gelaufen bin. Der würde das wahrscheinlich alles ein bisschen anders sehen.“

„Nein“, antwortete Joel lächelnd, „würde er nicht! Er hätte dich auch verstanden.“

„Da bin ich aber froh, dass du sagst, dass er das auch nicht anders aussehen würde als du. Er wirkt ja immer ein bisschen strenger, aber du kennst ihn natürlich besser als ich, denn er lebt ja schließlich in dir.“ Bei diesen Worten musste Mari ein bisschen schmunzeln.

„Ja“, bestätigte Joel, „er ist klarer und bestimmter und wirkt daher ein wenig strenger, aber nur, weil das hilft, die Führungsrolle auch deutlich zu verkörpern.“

„Hm“, überlegte Mari, „das verstehe ich nicht so ganz. Ginge das nicht genauso sanft wie mit dir?“

„Ich glaube, das hätte nicht die gleiche Wirkung,“ erklärte er, „weil zu viel Sanftheit die Führungsqualität verwischen würde. Aber dennoch ist er doch auch verständnisvoll und macht es dir möglichst leicht, oder? Es ist eine Frage der Balance. Du willst ja eine Stärke, eine Macht spüren, in die du dich hinein fallen lassen kannst. Das, was du manchmal als Strenge empfindest, zeigt eben ganz klar, dass er weiß, was er tut, und dass du dem vertrauen kannst, was er mit dir jeweils vor hat. Durch seine klare Art gibt es kein „ein bisschen Verantwortung abgeben“, sondern du gibst sie so klar ab, wie es vorher vereinbart ist – nicht mehr, aber auch nicht weniger – dafür sorgt er dann. Da wäre ich vermutlich außerhalb der Meisterrolle nicht so klar und eindeutig, aber in dieser Deutlichkeit liegt auch eine Kraft, die dir manches möglich macht.“

„Das klingt alles irgendwie richtig, und so als hättest du dich damit schon intensiv auseinandergesetzt . Über all das muss ich mal in Ruhe nachdenken.“

Er nahm ihre Hand. „Geht es dir wieder gut Mari?“

„Ja, Joel, ich bin zwar ein bisschen erschöpft jetzt, aber habe wieder meine Mitte gefunden. Ich danke dir – ich danke dir von Herzen!“

Sie nahm seine Hand, hob sie zu ihren Lippen und haucht einen kleinen Kuss darauf…

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

46. Die Schöne und das Biest

Bei Joel – Eine schöne Überraschung

Mari war auf dem Weg zu Joel an diesem Tag leider etwas spät dran. Das steigerte ihre ohnehin schon immer vorhandene Aufregung, wenn sie ihm begegnete.
Eigentlich neigt er ja nicht dazu, schnell verärgert zu sein, versuchte sie sich zu beruhigen.

Es dauerte einen Moment bis der Summer erklang, und Mari eilte die Treppe hinauf. Joel empfing sie schon vor der Tür. Er trug eine legere schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Warum er wohl heute ganz in Schwarz gekleidet war?

Er bat sie, voraus zu gehen – und noch während sie an ihm vorbei ging und ihm daher zwangsläufig nahe war, flüsterte er ihr ins Ohr: „Das Spiel beginnt.“ 

„Nanu,“ entgegnete sie spontan, „heute so ganz ohne Vorgespräch?“ Kaum war die Frage ausgesprochen, wurde ihr bewusst, dass sie es ja nun schon mit dem Meister zu tun hatte, und nun schon ihre Regel galt, keine vermeidbaren Fragen zu stellen, eine Regel, die ihr schon manches Mal schwer gefallen war, einzuhalten. Und in letzter Zeit gab es für Regelverletzungen auch Sanktionen.
Mist, dachte sie – gleich zu Anfang reingerasselt
Ihr Blick fiel durch die offene Tür ins Wohnzimmer. Das Sofa war aufgeklappt… In dieser Form erinnerte es sie an ein früheres Spiel. An dem Tag war er ja auch schwarz gekleidet. Und dann war die unangenehme Aufforderung gekommen, sie solle sich entkleiden und auf das aufgeklappte Sofa legen. Die Erinnerung an diese Situation und die damit verbundenen Gefühle taten ihr in der jetzigen Situation, in der sie ja auch noch eine Strafte aufgrund der vermeidbaren Frage zu erwarten hatte, gar nicht gut.

Am liebsten wäre Mari gegangen, aber als sie sich umdrehte, stand Joel zwischen ihr und der Tür, so dass es in diesem Moment nicht möglich war zu gehen. Ihr Angst-Muster war aktiviert.  Joel, der das spürte, ging einen Schritt zurück.

Er sah ihr sanft in die Augen. Hatte er die Frage vielleicht gar nicht als solche bemerkt? Doch dann kam der gefürchtete Satz von ihm: „Mari, ich glaube, das war eine Frage.“

Maris Herz klopfte… „Entschuldigung, das kam einfach zu plötzlich“, stammelte sie. 

„Bist du bereit, deinen Fehler auszugleichen?“ fragte er ruhig.

In Mari tobte es hin und her… Warum nur fiel es ihr mal leichter und mal schwerer, im Vertrauen zu bleiben? Es war ihr beim letzten Mal ja schon leichter gefallen, seine kleinen Sanktionen annehmen zu können… Unglücklich schaute sie auf den Boden. Sie wäre ja sowieso schon bei dem Anblick der ausgezogenen Couch  gerade am liebsten gegangen, und nun auch das noch! Sollte sie einfach gehen und die ganzen heiklen Situationen, die mit diesen Machtspielen entstanden waren, hinter sich lassen? Er würde sie bestimmt nicht daran hindern. Andererseits  hatte es auch wunderschöne Situationen gegeben und sie hatte sich lange nicht so lebendig gefühlt wie in letzter Zeit… Und sie hatte sich ja eigentlich vorgenommen, künftig Strafen als Ausgleichmöglichkeit anzunehmen… Das alles ging ihr durch den Kopf.

Joel, der ihre Zerrissenheit bemerkte, erklärte ihr freundlich:  „Weißt du, ich hatte einen netten gemütlichen Abend geplant, aber es braucht jetzt ein ganz kleines Entgegenkommen von dir, dass wir damit beginnen können – bist du damit einverstanden?“

Sie redete sich selbst gut zu… und schließlich traf sie eine Entscheidung, nahm allen Mut zusammen und sagte: „Ja, ich bin bereit.“

„Ich freue mich sehr, Mari! Ich habe in der Küche etwas vorbereitet, das zu unserem Abend gehört, und ich bitte dich, es zu holen und ins Wohnzimmer zu bringen. Würdest du das tun?“

„Ja natürlich! Ist das bereits der Ausgleich? Oder kommt der noch?“

„Ist das noch eine Frage?“
 
„O Mist! Entschuldigung! ich bin irgendwie so… durcheinander… Tut mir echt leid!“
 
„Würdest du nun in die Küche gehen?“
 
„Ja, selbstverständlich!“ Mari ging in die Küche und kämpfte mit den Tränen. Musste heute aber auch von Anfang an alles schief gehen?!

Sie hörte Joel von draußen sagen: „Ok, du wirst schon sehen, was ich meine… In der Küche sind zwei kleine Tellerchen mit Schokolade und Keksen vorbereitet.

In der Küche nahm sie erst einmal ein paar tiefe Atemzüge, wischte sich die Tränen aus den Augen und trug dann die Tellerchen ins Wohnzimmer. Was würde jetzt geschehen… War das schon die Sanktion oder würde sie noch kommen? Würde sie nun doppelt bestraft werden? War er ungehalten, weil sie gleich noch eine Frage gestellt hatte?  Sie erinnerte sich daran, dass Joels „Strafen“ bisher nicht schlimm oder gar schmerzhaft waren. Wirklich schwer auszuhalten war für sie nur das peinliche Gefühl, das damit einher ging. Konnte sie es sich nicht endlich abgewöhnen, in den Spielen Fragen zu stellen und sich damit in schwierige Situationen zu bringen… 

Schließlich ging sie zögerlich mit den beiden Tellerchen ins Wohnzimmer.

Joel saß auf einer Seite der ausgezogenen Couch, aufrecht, mit dem Rücken an der Wand, ganz entspannt und deutet auf die beiden Schemel links und rechts vom Sofa. Aha, dort sollte sie die Nasch-Tellerchen wohl hin stellen. Und wenn sie falsch lag?

Dann würde er es sagen und nichts würde geschehen, flüsterte ihre innere Stimme ihr zu. 

Langsam verstand sie sich selbst. Sie stellte immer wieder Fragen, um zu vermeiden, korrigiert zu werden, was eigentlich gar kein Problem war. Nur gegen bekannte Regeln zu verstoßen wurde von ihm sanktioniert. Es war noch niemals zum Problem geworden, wenn sie etwas falsch verstanden hatte… 

Mach es dir gemütlich Mari, ich habe eine Überraschung für uns“, Joel riss sie aus ihren Gedanken.

Soll ich mich jetzt neben ihn auf die Couch setzen oder auf den Sessel, fragte sie sich und ärgerte sich gleichzeitig über sich selbst, dass jede noch so kleine Unsicherheit sie derart belastete.

Joel ging zum Fernseher und legte eine DVD ein, während er lächelnd an Mari vorbei ging und in ihr Ohr flüsterte: „Die zweite Frage vorhin habe ich schon wieder vergessen. Und alles andere ist nun erledigt.“ Dabei zwinkerte er freundlich mit den Augen, nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich auf die Couch. Mari nickte erleichtert und setzte sich neben ihn.

Zu ihrer Freude erklang eine beschwingte Walt-Disney-Melodie aus dem Film Die Schöne und das Biest. Wie jetzt… einfach nur miteinander einen Film schauen – wie schön war DAS denn?!

Mari lehnte sich neben Joel an die Wand, an die er aufrecht zwei dicke Kissen gelehnt hatte. 

„Lass uns heute einfach einen gemütlichen Abend machen, Mari, okay?“

Erleichtert nickte Mari: „Oh ja, sehr gerne!“

Tatsächlich entspannte sie sich mit der Zeit mehr und mehr, und beide folgten der Filmhandlung. Zuweilen summten sie bei den Liedern mit, und Mari lehnte sich ohne darüber nachzudenken an den geöffneten Arm von Joel. So entspannt hatte sie sich innerhalb der Spiele noch nie gefühlt.

Als dann allerdings die DVD zu Ende war, und ihr bewusst wurde, wie nahe sie an den Meister angekuschelt war in einer halb sitzenden, halb liegenden Position, rückte sie vorsichtig wieder ein Stück ab von ihm.
„Danke, dass du mich mit einem so schönen Film überrascht hast,“ sagte sie leise.

Joel – noch immer in der Meisterrolle – lächelte: „Freut mich, dass es dir gefallen hat, Mari. Was meinst du, weshalb ich genau diesen Film gewählt habe? Hast du eine Idee?“

„Vielleicht, weil die Angst der Schönen vor dem Biest sich als unbegründet heraus stellte?“ vermutete sie.

„ich freu mich, dass du meine Botschaft, die in dem Film versteckt war, erkannt hast! Du hast dich vorhin so schön bei mir angelehnt und entspannt in meinem Arm gesessen, ja fast haben wir ja gelegen… Hast du jetzt, ohne den Film, auch den Mut, noch einmal näher zu kommen?“

Mari zögerte… Ja, es war eigentlich schön gewesen, in seinem Arm zu sein, selbst wenn es eine fast liegende Haltung war. Sie rückte auf ihn zu, und er legte ganz zart wieder einen Arm um ihre Schulter. „Das ist schön…“ flüsterte er. „Ich weiß, dass dieser – im Gegensatz zu vorhin – bewusste Schritt, mir von dir aus näher zu kommen, nicht ganz leicht war. Danke für dein Vertrauen. Weißt du Mari, ich versuche mein Möglichstes, um es dir leichter zu machen in deiner Angst, die dich manchmal noch so belastet. Und wenn dabei ein Märchen hilft – dann bette ich eben auch schon mal einen kleinen neuen Schritt  in ein Märchen ein. Und selbst ohne Märchen bist du eben gerade ganz mutig gewesen!“ Dann drückte er sie nochmal ganz kurz und das Spiel war beendet.

Joel meinte zu ihr: „Jetzt kannst du noch ein bisschen bleiben oder auch nach hause gehen, wie du möchtest, Mari.“

„Ich würde gern noch ein wenig in deinem Arm bleiben, wenn das okay ist…?“

„Und WIE das okay ist!“ lachte er.  

„Das war richtig schön heute, bekannte sie leise. „Wenn ich nur vorher den Anfang nicht so vermasselt hätte!“ 

„Was hast du vermasselt, Mari? Gar nichts! Ist es nicht ein richtig schöner Abend geworden? Denk an unsere wichtigste Regel: Fehler dürfen sein! Und auch die kleinen liebenswerten Regelverstöße sind doch dazu da, dir immer wieder neu die Gelegenheit zu geben, dass du die Erfahrung machen kannst, dass es nicht schlimm ist, Fehler zu machen, dass dir keiner böse ist deshalb und du sie leicht wieder ausgleichen kannst – im Gegensatz zu dem, was du als Kind erlebt hast. Dazu dienen meine kleinen Strafen: Dein Unterbewusstsein wird nach und nach lernen, dass nach einem kleinen „Schreckmoment“ des Erkennens und durch deine Bereitschaft, die vom Meister gegebene Ausgleichshandlung anzunehmen, alles ganz schnell wieder vorbei sein kann. Du selbst hast es damit in der Hand, dass direkt danach alles schon wieder losgelassen wird, als wäre es gar nicht geschehen. Na und heute war doch dein Meister sogar so großzügig und hat deine zweite kleine Frage gleich wieder vergessen…“ Er schmunzelte, zog Mari ein wenig fester in seinen Arm – und sie ließ es dankbar geschehen. Mit ihm fiel es ihr doch wesentlich leichter, die Körpernähe zuzulassen und sogar schon etwas zu genießen… 

„Danke für den schönen Abend“, flüsterte sie, „und danke, dass du dir so viele Gedanken um mich machst…“

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

38. Heftige schmerzliche Wut – und nun? (Teil 1)

Bei Joel – Mari flippt aus

Mari war empört! Was sie da aus dem Nebenzimmer hörte, empfand sie als zutiefst demütigend!
Joel hatte – kurz bevor sie mit dem Spiel beginnen wollten – noch einen für ihn wohl sehr wichtigen Anruf entgegen genommen und war dazu ins Nebenzimmer gegangen. Doch die Tür hatte sich versehentlich wieder einen Spalt geöffnet, und so hörte Mari gezwungenermaßen alles mit, was er dem Menschen am anderen Ende des Smartphones sagte:

„Hallo? Ja, gut, dass sie anrufen. Ja, es ist wirklich schwierig – auch mit den kleinsten Schritten! Ich weiß nicht mehr weiter. Es will einfach nicht so recht vorwärts gehen. „

Über wen er da wohl redet… fragte sich Marie.

„Nein, wirklich… sie schaut mich oft ganz ängstlich an und traut sich nur ganz wenig zu. Sie lässt sich auch immer noch kaum anfassen. „

Mari wurde es heiß und kalt. Das bin wohl ich… Oh NEIN! Joel redet über mich!

Weitere Satzfetzen hörte sie aus dem Nebenzimmer:
„Ach, ich hab schon alles versucht, aber sie weicht bei allem nur zurück! Ich weiß langsam echt nicht mehr weiter. Und es dauert so lange, bis es mal einen Millimeter vorwärts geht.“

Entsetzt denkt Mari: Hatte er nicht immer etwas von Zeit und Geduld erzählt? Und außerdem… er sieht gar nicht, wie viel Mühe ich mir gebe. Er weiß doch, dass jeder Schritt mich so viel Mut kostet. Sein Gerede, dass er mir keinen Druck machen will, ist also gar nicht echt! So denkt er also in Wahrheit über mich! Oh Mensch, das hätte ich ihm nicht zugetraut!

„Also was sagen sie als Spezialistin? Was kann ich machen? Soll ich sie etwas mehr locken? Oder noch ein bisschen strenger sein? Sollte es nicht endlich mal ein Stückchen weiter vorwärts gehen… ?“

Mari sank in sich zusammen auf dem Sofa… Mensch tut das weh , oh jeh, das tut so weh, dass er so über mich denkt… dass das all das Getue mit den langsamen Schritten und der Geduld und Annahme nur Fassade ist… Vorwärts gehen, Erfolge, Ergebnisse… Nur das ist ihm wichtig!

„Ja das sagen sie so, aber es gelingt mir ja nicht mal, dass sie sich hinlegt in meiner Gegenwart. Ja wirklich, kaum eine Chance , dabei gehört das doch nun zu den ersten grundlegenden Dingen, die sie befolgen müsste, oder? Und dass sie die elementaren Dinge befolgt, ist doch nötig, damit es weiter gehen kann.“

Gut dass ich die Wahrheit höre, dachte die inzwischen sehr empörte Mari, und fragte sich, mit wem er wohl da über sie sprach. So denkt er also über mich! Und mir erzählt er immer was von keine Erwartung erfüllen müssen und so weiter, nein ich lege mich auch nicht hin! Und ich werde mich ja auch nicht hinlegen! Der Zug ist abgefahren!

„Ja, wenn sie meinen, dann werde ich das mal versuchen. Ja, vielleicht fängt sie ja dann endlich an, mal mehr aus sich heraus zu gehen.“

Mari kochte vor Enttäuschung und Wut: Der wird mit mir nichts mehr versuchen!!! So ein Heuchler, so ein…

 „Ja, ok, ich danke ihnen sehr,“ sagte Joel im Nebenzimmer und beendete das unglückselige Gespräch.
Kurz darauf betrat er das Zimmer. „Tut mir leid, Marie. Aber das war wirklich wichtig. Jetzt können wir starten. Das Spiel beginnt,“ sagte er und schaute ihr freudestrahlend ins Gesicht.

„So“, antwortete sie in schneidendem Tonfall, „dann spreche ich hier also mit dem Meister ja?!“

„Oh ja“, entgegnete er ernst und schaut sie verwundert an.

Nun erhob sich Mari mit hochrotem Kopf und sagte empört zu ihm: „Das hätte ich nicht von dir gedacht! Ich habe alles gehört! Schon allein, dass du über mich so in Einzelheiten mit anderen redest, ist schon schlimm genug, wir hatten Diskretion vereinbart! Aber was du gesagt hast über mich, das hat mich zutiefst getroffen!° Du tust so, als würdest du mir alle Zeit der Welt lassen, als würdest du mir Druck nehmen wollen, und dabei denkst du ja ganz anders, du Heuchler, du… du du..   Ach, das ist einfach nicht fair!“

Verblüfft über diesen Ausbruch schaute Joel Mari an. „Mari, vergreifst du dich da nicht gerade etwas im Ton? Ich weiß nicht genau, wovon du redest, aber ganz sicher reden wir nicht in diesem Ton miteinander!“

Diese erwiderte laut: „Ich rede jetzt genauso, wie ich reden will! Endlich, endlich, endlich (!) rede ich genau so, wie ich will! Jetzt habe ich keine Angst vor dir! Ich werde das beenden hier! Ich habe dir vertraut, dass du wirklich, w i r k l i c h, tatsächlich meinst, was du sagst, aber du willst einfach nur, dass ich mich hinlege! Ohh, das ist ja die Basis für alles!“ Ihre Stimme wird immer lauter. „Du willst mich einfach nur ins Bett kriegen, und wie ich mich fühle, ist dir scheißegal!!! Gut, dass ich das wenigstens noch erfahren habe, bevor es zu mehr gekommen ist!“

Mit diesen Worten ging die tief verletzte, zornige Frau auf dem Weg zur Tür einen Schritt auf ihn zu, zitternd vor Wut, Schmerz, und Empörung. Er stand allerdings zwischen ihr und der Tür, so dass sie nicht vorbei konnte.
So schrie sie ihn ganz außer sich an: „Jetzt lass mich gefälligst vorbei! Lass mich vorbei, habe ich gesagt!“

Er blieb stehen und versuchte Ruhe in die Situation zu bringen. „Mari, ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, aber ich bitte dich, dich zu beruhigen, was redest du denn da? Wie kommst du darauf, dass ich dich einfach nur ins Bett kriegen will? Ehrlich Mari, ich weiß nicht, was los ist, aber wenn du das so sagst, fühle ich mich sehr angegriffen, nach all dem, was wir beide schon zusammen erlebt haben.“

„Du fühlst dich angegriffen?!!!“ In Mari kochte es! „Der erhabene Meister fühlt sich angegriffen?!!? Wenn sich hier einer angegriffen fühlen kann, dann ja wohl ich, und jetzt tu nicht so, als wenn du nicht wüsstest, wovon ich rede, du hast es eben selber gesagt! Für mich ist das alles hier zur Farce geworden, und das tut so irre weh! So, so schlimm ist das für mich! Alles Vertrauen, was bisher gewachsen war, was dem werten Meister ja sowieso viel zu wenig war, fühlt sich jetzt wie mit Füßen getreten an!
Ja, ich bin nicht so gut im Vertrauen, das geht alles langsam bei mir, und dir viel zu langsam! Das habe ich jetzt gehört, aber ich habe getan was ich tun konnte, mehr ging nicht! Hast du gehört?! Mehr ging einfach nicht!!! Und wenn dir das nicht genug ist, dann dann dann…“
Wieder versuchte die verzweifelte Mari an ihm vorbeizukommen… Doch Joel blieb ruhig stehen, nicht bereit, einen Zentimeter Platz zu machen.

„Mari, bitte, beruhige dich, wovon redest du denn? Ich war nur 5 Minuten aus dem Zimmer. Was ist denn passiert? Ich verstehe nicht, wovon du redest – und ja ich fühle mich gerade sehr angegriffen für etwas, dass ich sicher nicht getan habe!“ Seine Stimme blieb zwar ruhig, aber er schüttelte vehement den Kopf und seine Augen schauten sie forschend an.

Mari antwortete: „Jetzt tu doch nicht so! Du hast das alles doch eben nebenan irgendwem anders gesagt! Schon alleine, dass du über mich geredet hast finde ich furchtbar, aber in dieser Weise… nein!“

„Nebenan? Hast du mich belauscht?“ fragte er verblüfft.

Das machte sie noch wütender. „Nein habe ich nicht!! Es war nicht zu überhören, du hättest dir vielleicht Ohropax besorgen müssen und es mir vorher reichen, damit ich nicht höre, was du anderen über mich erzählst. Ich lausche nicht!!!!!!!!
Und jetzt lass mich endlich vorbei, ich halte das hier nicht mehr aus!“

„Über dich? Wie meinst du das? Über dich? Glaubst du etwa…“
Er machte eine Pause und sah Mari erstaunt an. Langsam begann er zu begreifen…
„Du glaubst doch nicht etwas, dass…“

„Lass mich endlich raus, habe ich gesagt!“

„Du glaubst, dass es bei dem Telefongespräch um dich ging?“

Mari zitterte vor Wut und Schmerz: „Na das liegt ja wohl auf der Hand! Du hättest dir wenigstens die Mühe machen müssen, die Tür richtig zu schließen, aber jetzt weiß ich, wie du über mich denkst! Und auf diese Weise geht es nicht mehr! Gar nicht! Überhaupt nichts geht mehr! Jetzt lass mich bitte endlich raus!“

Außer sich vor Zorn versuchte sie, sich an ihm vorbei zu drücken und zur Tür zu gelangen.

Joel blieb stehen und sagte ruhig und bestimmt: „Mari, jetzt hör mir mal ganz genau zu. Das am Telefon war eine Hundtrainerin, eine sehr bekannte und sehr teure Spezialistin, weshalb ich das Gespräch unbedingt führen wollte. Meine Eltern haben vor zwei Wochen einen Hund aus dem Tierheim geholt, ein wirklich armes Geschöpft, das offenbar vom Vorbesitzer massiv gequält wurde, und ich braucht dringend ein paar Tipps, um die Hündin zu beruhigen und zu ermutigen, sich aus ihrer Ecke, in der sie sich verschanzt hatte, heraus zu trauen. Es ging nicht im Ansatz um dich!“

Im ersten Moment drangen seine Worte noch gar nicht richtig zu der aufgeregten Frau durch, sie stand noch immer ganz außer sich vor ihm.

„Hörst du, Mari? Es ging um die Hündin meiner Eltern, nicht um dich! Wenn du willst, rufe ich die Hundetrainerin sofort an und gebe sie dir, damit sie es bestätigt. Es ging nicht um dich, in keiner einzigen Silbe!“

„Und du hast gesagt ich kann…“ In diesem Moment kamen seine Worte bei ihr an. „Wie jetzt, was? Hundetrainerin?“ Sie wich zwei Schritte zurück…
„Es ging mit alle dem gar nicht um mich? Du meinst, du hast nicht über mich geredet?! Oder ist das jetzt eine Ausrede?“ Kurz flammte ihr Misstrauen nochmal auf.

„Noch einmal: Bitte beruhige dich Mari. Ich hatte eine sehr bekannte Hundetrainerin am Telefon, um mir Tipps zu holen, wie ich gemeinsam mit meinen Eltern ihre total verängstigte und leidende Hündin unterstützen könnte. Ich weiß nicht, was genau du gehört hast, aber es ging nicht um dich!“

Mari ging langsam rückwärts, stieß dabei an einen Schrank, der hinter ihr stand. Voller Entsetzen über ihren ungerechten Ausbruch, der ihr nun richtig bewusst wurde, spürte sie ein unangenehmes kaltes Kribbeln durch ihre Arme und Hände fließen. Sie atmete schnell, rang nach Worten und brachte schließlich heraus: „Dann habe ich mich in allem geirrt? Dann war ich gar nicht gemeint… Oh jeh…“
Fast wäre sie über einen Hocker gestolpert, da hielt Joel sie am Arm fest, damit sie nicht gegen noch etwas stieß. Sie zuckte in einer automatischen Abwehrreaktion zurück vor Schreck. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie unmöglich sie sich verhalten hatte. Wie erstarrt stand sie und wusste nicht ein noch aus.

„Mari, ich versichere dir, dass ich mit niemanden über das, was wir beide reden oder machen, spreche. In dem Telefongespräch ging es um eine Hündin, und hatte nichts, absolut gar nichts mit dir zu tun.“
Joel atmete tief ein. „Mari, bitte glaube mir, das war ein absolutes Missverständnis!“

„Das konnte ich aber nicht wissen…“ stammelte sie, „deine Worte waren so eindeutig… Wie konnte ich wissen, dass du von einer Hündin sprachst… Ich kann dich nur um Verzeihung bitten!“

„Wie konntest du das nur glauben, Mari?“ fragte Joel nun traurig.

„Was du alles gesagt hast… Keine Fortschritte… Alles zu langsam… Legt sich nicht hin….
Jetzt kamen ihr die Tränen. „Es ist ja zum Teil auch wahr…“

„Sie legt sich nicht hin? Und du glaubst, dass ich so etwas über dich sagen würde?!“

„Ja! JA! Scheiße, ja, ich habe das in dem Moment geglaubt.“

„Puh, das tut mir leid Mari! Aber es tut mir auch weh, dass du das geglaubt hast. Wirklich, so etwas würde ich nie sagen, und ich dachte, das wüsstest du!“

„Das klang einfach so eindeutig… Bis eben hatte ich so etwas ja auch nicht von dir gedacht!“

„Und hättest du nicht mit mir reden können, bevor du so… ausrastest? Ich meine… um ein Haar wärst du hier einfach hinaus gestürmt und wir hätten das Missverständnis nicht mehr aufklären können. Du hattest dein Urteil über mich gefällt, ohne mir auch nur eine Chance gegeben zu haben, etwas zu erklären! Findest du das nicht etwas unfair? Mir nicht wenigstens eine Chance gegeben zu haben?“

Jetzt schäumte noch eine letzte Welle von hilfloser Wut in ihr auf: „Na, wenn ich das gekonnt hätte, dann hätte ich mich wohl kaum in so eine unmögliche Situation gebracht, in der ich jetzt bin! Manchmal kann ich eben nicht! Manchmal kann ich alles mögliche nicht, was richtig wäre, und was andere könnten. Ich konnte es einfach nicht, Joel! Ich bin ja gar nicht auf eine andere Idee gekommen – es war ja nicht mal der Hauch einer Frage in mir. Für mich war das einfach so klar – und es tat so irre weh, so furchtbar weh! Das kannst du dir gar nicht vorstellen!!!“

Marie stand immer noch vor dem Schrank – fassungslos und beschämt, was sie da angerichtet hatte. Ihr Kopf platzte bald vor Schmerz, und sie fühlte sich am Rande ihrer Kraft.
„Kann ich mich bitte einen Moment hinsetzen, bevor du mich nun wahrscheinlich rausschmeißt?“ brachte sie leise hervor?“

Morgen oder übermorgen geht es weiter…

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

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32. Eine heilende Übung (2) – Verletzung und Größe

Bei Joel: Mari spricht mit ihrer Sportlehrerin in ihrer inneren Welt

Maris Körper saß mit geschlossenen Augen entspannt, sicher und gemütlich in einem bequemen Sessel, während ihr Geist sich mit Joel, der wieder die Rolle des Meisters einnahm,  auf einer inneren Reise befand…
Nachdem sie sich mit der Kraft der Natur-Elemente gestärkt hatte und dadurch immens gewachsen war, begleitete ihr Meister sie durch eine Tür, die in eine Sporthalle hinein führte.
„Ich bleibe die ganze Zeit dicht an deiner Seite, versicherte er ihr. Du bist nicht allein bei allem, was du jetzt erlebst!“ Sanft legte er eine Hand auf ihre Hände, die beim Anblick der Turnhalle zu zittern begannen, damit sie seine Präsenz auch körperlich deutlich spüren konnte.

„Mari, du bist immer noch sehr groß – gestärkt durch die Natur-Elemente so groß, dass du fast an die Turnhallendecke stößt. Alles unter dir ist ganz klein, so wie aus Lego-Steinen erbaut.“

Marie roch diesen typischen Turnhallen Geruch, der sie sofort an all die schwierigen Situationen in der Turnhalle ihrer Vergangenheit erinnerte.

„Atme tief Mari. Atme die Kraft  der Sonne, des Waldes, des Windes und des Wassers“, flüsterte Joel ihr zu.

Mari versuchte den Turnhallen-Geruch durch den Duft des Waldes zu ersetzen und spürte ein Gefühl der Stärke aufgrund ihrer magischen Größe. Ihr Kopf befand sich unterhalb der Turnhallen-Decke. Sie schaute von dort oben hinab und alles sah wie eine Spielzeug-Landschaft aus – weit weniger bedrohlich als früher…

Plötzlich sah sie sich selbst , die Sportlehrerin und die Klasse von oben, wie sie da unten herumliefen:
„Heute hier in dieser Größe bist du ganz sicher“, erklärte ihr Joel. „Alles in dieser Halle sieht wie Spielzeug aus, weil du längst darüber hinausgewachsen bist. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast, und gebe dir Schutz und Sicherheit.“
Ihr Meister war in ihrer Vorstellung noch größer als sie selbst und sie nahm in Gedanken seine Hand, die er sofort sowohl im Geist als auch real fest umschloss.

Es fiel Mari nicht leicht, bei dieser Vorstellung ihrer Größe zu bleiben – ihre Gefühle sprangen hin und her.

„Atme in deinen Bauch hinein – tief und tiefer. Hier kann dir nichts und niemand mehr etwas tun. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast. Schau, wie klein sie sind… Die Lehrerin scheint irgend etwas zu rufen, doch du kannst nichts hören, sie ist einfach zu klein.“ Ganz sanft, aber deutlich fühlbar drückte der Meister Maris Hand.

Die Sportlehrerin saß mit ihrer Trillerpfeife auf der Bank in ihrem blauen Trainingsanzug und pfiff. Das konnte Marie allerdings nur sehen und nicht hören.

„Ganz ruhig und tief atmen, Mari. Schau dir deine Lehrerin an, wie klein sie ist, wie winzig…“

„Wie sie da auf der Bank sitzt, wirkt sie richtig ein bisschen in sich zusammengesunken“, stellte Marie erstaunt fest.

Jetzt stand Frau Schmidt (Name wurde geändert aus Datenschutzgründen) von der Bank auf und reckte sich… Marie erschrak und drückte fest die Hand des Meisters.

Er drückte sie auch etwas stärker als davor, um ihr Halt und Kraft zu geben. „Komm, wir beugen uns ein bisschen zu ihr herunter“, schlug er vor. „Schau sie dir genau an. Sie kann dir nichts mehr tun, gar nichts!“

Der Schreck, den sie eben bekam, als Frau Schmidt aufstand, legte sich wieder etwas.

„Siehst du wie harmlos sie ist, du könntest sie geradezu aus der Halle pusten. Aber vorher… möchtest du ihr etwas sagen?“

„Ja, ich habe ihr etwas zu sagen,“ antwortete Mari. „Hallo Frau Schmidt, hier bin ich, Mari, und hier können Sie mir nichts tun! Und hier bin ich nicht allein, mein Meister ist bei mir… Ich habe ihnen viel zu sagen. Jetzt setzen Sie sich mal auf die Bank und hören mir zu!“

„Du siehst, wie sie erschrickt. Sie zuckt zusammen, und setzt sich zögerlich auf die Bank.“ Joel drückte wieder Maris Hand, und Mari ließ nun ihren Gefühlen freien Lauf:

„Es war so schlimm, es war so schlimm, es war so schlimm – der Sportunterricht bei ihnen in all den Jahren! Er hat mir die Freude am Sport genommen. Nein, Quatsch, er hat erst gar keine Freude aufkommen lassen! Sie haben mir jegliche Lust an Bewegung, an Neugier, an Spiel und sportlicher Gemeinschaft genommen. Sie haben mir mit ihren Beschimpfungen und mit ihrer lauten Trillerpfeife so oft furchtbar viel Schrecken verursacht! Sie haben mich beschämt und vor allen anderen lächerlich gemacht – nicht nur mich auch andere, aber mich ganz besonders, weil ich so zart und klein war… Ich habe ihre Verachtung gespürt mit ihren furchtbaren Bemerkungen. Und sie haben mir nicht nur die Lust am Sport unmöglich gemacht, sondern haben mit ihren Beschämungen meinen Körper und meine Gefühle übelst verletzt!“

„Das machst du gut Mari, lass es raus, lass raus, was du schon immer sagen wolltest“, ermutigte sie Joel.

„So sehr verletzt, so sehr gedemütigt haben sie mich immer, immer wieder… so sehr beschämt und immer wieder rauf auf´s Schlimme! Ich habe mich gefühlt wie ein Wurm, den sie zertreten wollten!“

„Frau Schmitt sieht dich zitternd und beschämt an, siehst du das Mari? Sag ihr alles, was du sagen möchtest.“

 

Mit Tränen in den Augen sprach Mari weiter: „Und was das Schlimmste ist, ich habe mir immer wieder Mühe gegeben. Ich habe mein Bestes getan, was ich tun konnte. Ich habe auch in meiner Freizeit geübt, aber es hatte gar keinen Sinn! Es war vergeblich! Sie haben mich immer wieder niedergemacht, und daraus entstand das Gefühl, ich kann mich anstrengen, soviel ich will, ich bin einfach nicht veränderungsfähig – ein Gefühl, was sich auch auf anderes übertragen hat und mich auch in anderen Zusammenhängen gebremst hatte.“

Marie sah auf die Sportlehrerin herab. Inzwischen tat sie ihr ein bisschen leid, aber es war noch nicht alles, was sie zu sagen hatte.

Ihr Meister ermunterte sie, weiter zu sprechen: „Mari, es ist wichtig, dass du alles ausdrückst, was dich belastet! Sag ihr alles, was noch in dir ist.“

„Vermutlich haben sie nicht gewusst, wie schlimm das alles ist, wie schlimm es war, und wie schlimm es immer noch ist, über so viele Jahre bis jetzt! Ich hatte dadurch so viel Scham und habe sie immer noch! Alles, was meinen Körper anbelangt, hat immer mit Peinlichkeit zu tun. Die natürlichsten Sachen fallen mir schwer, weil von ihnen so oft, wenn sie mich angesehen haben, ironische oder laute Beschimpfungen gekommen sind… Ich habe fast immer peinliche Gefühle, wenn mich jemand bei was auch immer beobachtet, weil… wenn wir Sport gemacht haben, haben wir ja nicht immer gesehen, wen sie wann beobachtet haben, und ganz plötzlich und oft unerwartet kamen dann die Verunglimpfungen. Da ist eine so riesige Angst und Scham in mir über all die Jahre in meinem Körper und in meinen Gefühlen gespeichert, dass ich mich so vieles nicht traue, es gar nicht erst wage, etwas auszuprobieren.

Und als sie mit mir Ball werfen trainiert haben, und immer wieder gebrüllt haben, dass ich so kraftlos werfe wie ihre sechsjährige Tochter, obwohl ich ja schon 13 Jahre alt war, habe ich mich so geschämt. Vor der ganzen Klasse haben sie mich da bloßgestellt!“

„Sehr gut Mari, lass es raus, lass deine Scham aus dir heraus, gib sie ihr zurück, gib ihr die Pein zurück!“ ermutigte sie Joel wieder.

„Ich sollte es schaffen, bis über die Linie zu werfen, und ich habe es nicht geschafft. Ich habe es immer wieder nicht geschafft! Und dann habe ich mir vorgestellt, hinter der Linie stehen sie, und ich könnte es mit meinem Ball erreichen, dass sie still sind, dass sie mal umkippen und endlich still sind und Ruhe geben!  Mit dieser Vorstellung ist es mir einmal gelungen, den Ball über die Linie zu befördern, aber ich will mir eigentlich gar nicht schlimme Sachen vorstellen, damit ich ein Ziel erreichen kann. Damit habe ich Gedanken gehabt, die gegen meine Werte waren – schon damals. Sie waren für mich die Schreckensperson der ganzen Schule, immer wenn ich in die Sporthalle hinein gegangen bin, stieg schon das Angstgefühl in mir auf!“ 
Erschöpft hielt sie inne.

„Aber nun hast du keine Angst mehr vor ihr, Mari! Sag es ihr.

„Heute habe ich keine Angst mehr vor ihnen, heute weiß ich, dass sie aus irgendeinem inneren Grund auch nicht anders konnten, als sie es konnten… Und ich wünsche mir, dass sie Frieden finden, denn sie müssen voller Aggressionen gewesen sein, oder vielleicht voller Schmerz. Ich weiß es nicht, es hat sicher einen Grund gegeben, und dieser Grund war nicht wirklich ich, aber ich habe es abbekommen! Und all der Not, die ich damals gespürt habe, habe ich etwas gemacht! Ich habe viel Einfühlungsvermögen für Kinder, besonders für die, die gemobbt werden, denen es schlecht geht, die Angst haben… und ich habe es mir zum Beruf gemacht, ihnen zu helfen und bin Lehrerin geworden.“

„Du bist sehr stark Mari, du willst ja keine Rache, du willst nur einen Ausgleich, indem du ihr nun all das sagst, was du nie hast sagen können – und sie muss es sich anhören.“

„Ich habe diesen Beruf gewählt und liebe ihn, weil ich auch dieses Vergeblichkeitsgefühl kenne, das manche Kinder haben:  dieses Gefühl: man kann sich noch so viel Mühe geben, und es scheint nicht zu klappen, dass man besser wird in den Leistungen, in denen man so gerne besser werden würde. Ich will besonders Kindern helfen und sie ermutigen, dieses Vergeblichkeitsgefühl aufzulösen. 
Und ich habe daraus gelernt, dass ich nicht im Sport besser werden muss, sondern dass es andere Dinge gibt, in denen ich gut sein kann!“

„Ja, Mari, du bist gut, du bist groß, du bist stark! Fühlst du es? Sag es ihr.“

„Es ist wichtig, dass sie wissen, wie schlimm das für mich und wahrscheinlich auch viele andere Schülerinnen und Schüler gewesen ist, damit diese Kette nicht fortgesetzt wird. Aber ich möchte, dass sie sich selbst auch verzeihen, und die Ursache finden, weshalb das so gekommen ist bei Ihnen. Ich bin nicht gut im Sport, aber ich habe andere Dinge, in denen ich gut bin! Eins davon ist: Ich kann vergeben. Frau Schmidt, ich vergebe ihnen, und ich bitte sie, vergeben auch sie sich selbst.“

„Deine Barmherzigkeit ihr gegenüber ist wahre Größe, Mari. Spüre die Kraft in dir!“

„Ja, diese Kraft spüre ich, Und die ist mir wertvoller als jede Sportübung!“

„Das ist eine gute Kraft Mari, eine edle Kraft! Du hast andere Übungen gemacht, und sie haben dir eine andere wertvollere Größe und Stärke verliehen.“

Weiter geht´s morgen oder übermorgen im nächsten Kapitel

Geschrieben von Rafael und Miriam 

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21. Ein Ritual für´s innere Kind

Bei Mari – Eine Erfahrung von Geborgenheit

„Ich möchte heute etwas für dein inneres Kind tun, Mari,“ sagte Joel, der für Mari wieder die Rolle des Meisters eingenommen hatte nach seiner Begrüßung zu Mari, die er zuvor angewiesen hatte, heute ihr liebstes Stofftier auszuwählen und im Wohnzimmer bereit zu halten. Sie hatte sich darüber gewundert und sich für ihren alten Stoffaffen entschieden, der schon als Kind ihr Gefährte war. Nun saß dieser auf  ihrem Regal. Joel nahm mit ihr auf der Couch Platz. Gespannt sah Mari ihn an. Was würde nun kommen?

„Nimm bitte dein Äffchen und setze es zwischen uns – hier auf das gelbe Kissen, Mari.“
Sie folgte wortlos der Anweisung ihres Meisters. Joel lächelte.

„Lass uns zur Einstimmung ein paar Töne summen.“ Leise begann er zu summen und Mari verlor ihre anfängliche Scheu und summte mit. ALs die Töne verklungen waren, sagte Joel: „Stell dir jetzt vor: dieses Tierchen bist du, noch genauer: Es sitzt hier stellvertretend für dein inneres Kind. Erinnere dich daran, wie du früher genannt wurdest, vielleicht gab es ja einen Kosenamen, eine Abkürzung oder Abwandlung deines Namens und sprich ihn damit an. Sag: „Du bist jetzt…“

„Linchen,“ flüsterte Mari bewegt.

Joel berührte das Äffchen mit einer liebevollen Geste. Der Zauber dieses Abends begann. Mari setzte ihren Gefährten aus der Kinderzeit auf das Kissen vor sich und sagte zu ihm: Du bist jetzt ich als das kleine Linchen.

Dann bat Joel Mari, zu dem alten Stofftier, das sie nun als „Linchen“ begrüßt hatte, in der Weise zu sprechen, wie sie es sich gewünscht hätte, dass man als Kind zu ihr gesprochen hätte. Sie sollte ihm alles sagen, was sich das kleine Mädchen von damals, das noch heute mit all den alten Gefühlen in ihr lebte, gewünschte hätte zu hören.

Mari überlegte einige Augenblicke lang. Dann begann sie leise zu dem Affen zu reden: „Liebes kleines Linchen, du bist ein so wertvolles Wesen, alles an dir ist richtig. Ich habe dich lieb genauso wie du bist. Du brauchst dich um niemanden zu kümmern, außer um dich selbst. Trau dich, all‘ deine Wünsche zu äußern. Das darfst du!  Wenn ich sie auch nicht alle erfüllen kann, so dürfen sie aber doch da sein. Du kannst mir alles sagen, aber du musst es nicht. So wie du es machst, so ist es in Ordnung – immer! Ich sorge für dich! Du bist in mir ganz sicher… ganz geborgen und behütet…. Du bist ein so liebenswertes Mädchen, so zart – und manchmal auch so wild. Du darfst dich fühle, wie auch immer du dich fühlst. Du darfst auch wild sein… und neugierig! Auch das ist in Ordnung! Und du musst nicht bescheiden sein. Greif ruhig nach den Sternen. Du darfst alles wollen – und dein Wollen und Nicht-Wollen zum Ausdruck bringen. Ich habe dich so sooo lieb mit all‘ dem…“

Nachdem Mari alles gesagt hatte, was für sie wichtig war, vergingen einige Minuten liebevollen Schweigens, in denen die Worte im Raum ihres Herzens nachklangen. Sie spürte die Kraft, die von ihrem Herzen ausging, das das, was gerade geschah, in Liebe annehmen konnte. Joel begleitete sie in den Ritual still mit geschlossenen Augen und seinem offenen Herzen. Nach einigen Minuten bat er sie leise, nun in die Rolle ihres inneren Kindes zu schlüpfen und das kleine Mädchen von damals, das noch heute in ihr wohnte, zu Worte kommen zu lassen.

Und Mari wurde zu Linchen. Mit leiser, dünner Stimme sagte sie: „Ich habe immer so große Angst etwas falsch zu machen. Ich fühle mich oft so klein, so unzulänglich und unsicher. Dabei sehne ich mich danach, irgendwo ganz sicher zu sein, gehalten zu werden, ganz lange in liebenden Armen. Und dass jemand zu mir sagt: `Du musst überhaupt keine Angst haben… auch nicht fürchten, dass du was falsch machst. Du kannst sein wie du bist – wie auch immer.` Und ich möchte irgendwo bei einem  liebevollen Menschen geborgen und gut aufgehoben sein, der so stark ist, und so lieb, dass ich nie wieder Angst haben muss… Ich will nicht mehr dauernd überlegen müssen, was richtig ist was falsch, was ich sagen darf und was nicht, und ob ich vielleicht irgendetwas Wichtiges versäumt habe oder was gemacht habe, was jemanden nicht gefällt oder traurig macht. Ich will endlich die Angst los sein, immer irgend etwas falsch zu machen… Dieses Hin- und Her-denken, ob alles, was ich gesagt und getan habe in Ordnung war, ist so quälend. Jeden Tag überlege ich, ob alles okay war, ob ich nichts falsch gemacht habe. Und ich bekomme so schnell ein schlechtes Gewissen, was mich plagt. Ich wünsche mir, dass jemand, dem ich glauben und vertrauen kann, zu mir sagt: „Es ist alles in Ordnung. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, nie, nie mehr…“

Tränen rannen über ihr Gesicht, und heftiges Schluchzen ließ ihren Körper erbeben. Joel rückte  nahe an sie heran, schaute sie kurz fragend an – und auf ihr Nicken hin nahm er sie in den Arm während sie weinte. All den angestauten Druck konnte sie an seiner Schulter herausbringen. Und sie dachte in diesem Moment nicht darüber nach, ob das so in Ordnung wäre oder nicht… Sie war das kleine Mädchen, das das zum Ausdruck brachte, was es fühlte – hemmungslos – unkontrolliert…

Er streichelte dabei sanft ihren Kopf und ließ sie spüren, dass er annahm, was sie ihm offenbarte. Eine lange Weile saßen sie so beieinander. Als ihr Weinen langsam nachließ, sprach er zu ihr wie zu einem Kind:

„Du Liebes, es ist gut – alles ist gut.
Auch deine Tränen sind willkommen.
Hier mit mir, in diesem geschütztem Raum, darfst du einfach so sein wie du bist.
Du musst nicht mehr darüber nachdenken, was richtig und was falsch ist, denn es gibt gar kein falsch.
Du darfst alles sagen und zeigen, was du fühlst.
Ich mag dich so wie du bist! Immer – ganz egal, was du tust oder nicht tust!
Ich mag dich, auch wenn du einen Fehler machst!
Ich mag dich, auch wenn du eine Regel brichst…
Ich mag dich unabhängig von dem, was du sagst oder tust.
Ich mag dich immer – so wie du bist!“

Bei diesen Worten begannen ihre Tränen erneut zu fließen – sie drückten das aus, was ihrer tiefsten Sehnsucht entsprach – endlich angenommen zu sein – sogar von einem Mann. Diese Sicherheit hatte ihr ihr Vater niemals vermitteln können und auch kein anderer Mann bisher in ihrem Leben. Vorsichtig öffnete das innere kleine Mädchen von Mari ihr Herz.

Wieder sagte Joel: „Ich mag dich so wie du bist, darauf kannst du dich immer verlassen, kleines Linchen, immer!“

Nahezu fassungslos schaute sie ihn mit tränennassen Augen an. Er nickte und erwiderte ihren Blick offen und liebevoll.

Dann sagte er leise zu ihr: „Und jetzt gehe mit deinem Bewusstsein wieder in die erwachsene Mari hinein. Schließe deine Augen und stell dir vor, wie du das kleine Linchen in dich hinein nimmst und es mit deiner ganzen Liebe erfüllst. Vielleicht magst du das mit einer kleinen symbolischen Geste auch richtig tun. Und dann stell dir vor, wie du es in deine Liebe einhüllst wie mit einem wunderschönen Licht – bis es strahlt, bis es das glücklichste Kind ist, dass du dir nur vorstellen kannst. Dabei kannst du ihr noch einige liebe Worte sagen, die dir jetzt besonders am Herzen liegen.“

Mari schloss ihre Augen und stellte sich tief in ihrem Inneren sich selbst vor, wie sie als kleines Mädchen war, legte sich die Hände auf den Bauch und ließ ihre Liebe wie einen Lichtstrahl, den sie sich vorstellte, durch die Bauchdecke hindurch strahlen….

Nach einer kleinen Weile begann sie zu lächeln. Dabei sagte sie zu Linchen leise:
“Du bist in mir ganz sicher, du mein kleines Mädchen.
Ich behüte dich und schütze dich so gut ich kann, und was ich nicht allein vermag, das kann eine größere Kraft, die in unserem Herzen wohnt.
Wir sind nicht allein.
Und du kannst ganz sicher sein: Ich liebe dich so wie du bist – immer!
Du mein kleines inneres wunderbares Mädchen, ich hab dich so lieb!“

Ganz ruhig wurde Mari bei den Worten, und diese liebevolle Ansprache für ihr inneres Kind, sowie ihre Liebe, die sie sich als einen Lichtstrahl vorgestellt hatte,  verliehen ihr eine friedvolle Kraft, die sich sehr gut anfühle. Schließlich öffnete sie ihre Augen. Als sie sah, dass Joel seine Augen noch geschlossen hatte, fühlte sie sich irgendwie beruhigt. Es war ihr angenehm, dass er sie während ihrer inneren Zwiesprache nicht beobachtet hatte. Sie empfand es als einen Ausdruck von Diskretion und Respekt ihr gegenüber.

Schließlich beendeten sie das Ritual, indem sie gemeinsam wieder einige Töne summten. Als der letzte Ton verklungen war, öffnete Joel die Augen, lächelte Mari an und meinte: „Jetzt würde ich dich gern noch ein wenig in meinen Armen halten, aber zuvor sollten wir deinem Äffchen noch ein gutes warmes Plätzchen bereiten. Entlasse ihn bitte aus der Rolle von Linchen, das ja in dir wohnt.“
„Du bist jetzt wieder mein Äffchen,“ sagte Mari lächelnd. „Mein Linchen wohnt in mir.“
Joel nicke holte aus einer Schublade eine buntes weiches Tuch und reichte es Mari. „Wie wär’s, wenn du deinen Freund jetzt mit seinem Kissen in die Sofaecke legst, und ihn vielleicht noch in dieses Tuch hüllst, um ihn richtig schön einzukuscheln?“

Mari folgte seiner Idee, legte ihren Affen auf das Kissen und drapierte das flauschige Tuch so um ihn herum, dass er gut eingekuschelt in der Sofaecke lag. Das behütete Bild, das daraus entstand, berührte ihr Herz und sollte sich tief in ihr Unterbewusstsein einprägen.

Es mutete sie seltsam schön an, mit Joel als ihrem Meister eine solch verspielte kindliche Erfahrung geteilt zu haben – auf seine Anregung hin! Das war ein ganz besonderer, zauberhafter Moment, als sie beide – ganz nah beieinander – dieses berührende Bild des wohlig eingekuschelten Stofftiers in sich aufnahmen. Joel ließ ihr Zeit, es in sich wirken zu lassen. Behutsam legte er seinen Arm um Mari, die sich ohne nachzudenken an ihn anlehnte und die Magie dieser ganz besonderen Situation tief einatmete…
In diesem Moment war ihre Angst ganz still und sie fühlte sich auf wundersame Weise geborgen…

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20. Fehler und ihre Folgen

 Bei Joel – Schmerzliche Unzulänglichkeitsgefühle aus der Kindheit tauchen auf

Wieder einmal hatte Joel in seiner Funktion als Meister Marie die Augen verbunden. Jedes Mal wenn er das tat, stieg ihre ohnehin schon vorhandene Aufregung heftig an.

„Marie, du hast jetzt im Moment nichts weiter zu tun, als auf der Couch sitzen zu bleiben und wahrzunehmen, was du hörst und wie du dich fühlst,“ erklärte ihr Joel mit ruhiger Stimme.

Sie nahm wahr, wie er aufstand und im Zimmer umherging. Es raschelte an einer Stelle, es klapperte an einer anderen Stelle, dann war es einen Moment lang ruhiger, und wieder hörte sie aus den verschiedenen Stellen des Zimmers unterschiedliche leise Geräusche .

Was tat er da? Am liebsten hätte sie ihn gefragt, aber glücklicherweise konnte sie sich diesmal rechtzeitig zurückhalten und stellte keinerlei Fragen.
Das ist mir jetzt gelungen, freute sie sich im stillen und musste für einen kleinen Moment schmunzeln.

„Es freut mich, dich lächeln zu sehen Mari!“
In diesem Moment setzte sich Joel zu ihr auf die Couch. Erschrocken zuckte sie ein wenig zusammen.

„Wie fühlst du dich?“
Er hat es gespürt, dass ich schon wieder so aufgeregt bin, dachte Marie.
„Das Verbinden der Augen macht mir immer beklemmende Gefühle – jetzt auch gerade,“ erklärte sie ihm ehrlich.
„Ja, Marie, das weiß ich. Deshalb werden wir es ganz oft zu tun, bis ein Gewöhnungseffekt einsetzt und es dann für dich leichter wird. Für heute ist es erst einmal genug. Du kannst das Tuch wieder abnehmen. „
Erleichtert zog sie es herunter. Ja, was war das denn? im Wohnzimmer lagen bunt verstreut Gegenstände auf dem Teppich. Den Sessel hatte Joel zur Seite gestellt, sodass mehr Fläche entstanden war, auf der ein Durcheinander von Kissen, Büchern, einem Stoffhund und zwei größeren Blumenvasen entstanden war.
„Ja was soll das denn?“ fragte sie erstaunt. Joel schaute sie schweigend an. Da blitzte die Erkenntnis auf: Schon wieder hatte sie eine Frage gestellt, die vermeidbar gewesen wäre. Wann würde sie es endlich lernen, die Gegebenheiten ungefragt und unkommentiert zu nehmen wie sie sind?!
Beschämt sah sie ihn an: „Es tut mir leid Joel.“
Noch ein Fehler! Sie sollte ihn doch in ihrem gemeinsamen Spiel mit „Meister“ ansprechen!
„Entschuldigung, ich meine es tut mir leid, Meister.“
Ein unangenehmes Flattern in der Magengegend breitete sich aus, und ihre Hände begannen zu zittern.
Joel nahm ihre Hand und hielt sie in seinen beiden warmen Händen.
„Ganz ruhig Marie… Ja du hast zwei Fehler gemacht, zwei Regelübertretungen sind passiert.
Was meinst du, warum dein Unterbewusstsein das immer wieder so macht?“
Erstaunt schaute Mari ihn an. Diese Frage hatte sie nicht erwartet. Aber womit konnte man in diesen Spielen schon rechnen? Es gelang ihm immer wieder, sie zu verblüffen und zu überraschen…
„Das weiß ich nicht, Meister, und es tut mir sehr, sehr leid! Gerade hatte ich mich gefreut, dass ich davor bemerkt habe, dass ich fast eine Frage gestellt hätte und es dann nicht getan habe – und nun tappe ich kurz darauf doch wieder in die Falle!“
„Dafür gibt es bestimmt Gründe, Marie,“ entgegnete Joel ruhig, „das ist meistens so, wenn etwas immer wieder geschieht Vielleicht möchtest du dich ganz tief innen mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ beschäftigen. Ich merke ja, dass du immer sehr aufgeregt bist, wenn dir ein Fehler unterläuft. Was geschieht da in dir? Wovor hast du Angst?“
Ohne dass sie lange nach dachte sprudelte Sie heraus: Ich habe Angst dass du sauer auf mich  wirst… Ich habe Angst vor Beschimpfung und vor Bestrafung. Ich habe Angst, dass du sagst: Das hat doch alles keinen Sinn, so geht das nicht, und mich weg schickst.“
 Mit diesen Worten brach sie in Tränen aus.
Joel nahm sie in die Arme, hielt sie ganz vorsichtig fest, sodass sie seine Wärme und seine Sicherheit am ganzen Körper spürte. Es zuckte und bebte in ihr. Gehalten in seiner Umarmung brachen Erinnerungen aus der Tiefe ihrer Seele heraus.
Ich lebte als Kind bei meiner Oma, weil meine Mutter bis abends arbeiten musste und es mit der Krippen-Unterbringung nicht geklappt hat.
Meine Oma hatte mich lieb, aber sie war sehr ungeduldig und nervös. Ganz oft machte ich irgendetwas falsch. Dann wurde ich beschimpft oder bestraft, obwohl ich mir so viel Mühe gab, alles richtig zu machen.
Schlimmer noch als die Strafen war jedoch die Angst von mir, ins Kinderheim zu müssen, wenn ich nicht brav genug bin, weil sie oft zu anderen Nachbarn und Bekannten sagte: Wenn die Kleine nicht so still und brav wäre, würde das gar nicht gehen. Und ich hatte keine Vorstellung davon, was geschehen würde, wenn es nicht ginge bei Oma zu sein. Es ging ja auch nicht, bei Mutti zu sein…
 Wo sollte ich dann hin? So wollte ich mir immer ganz viel Mühe geben, alles gut zu machen, um nicht weggeschickt zu werden.“
Die Tränen wurden wieder heftiger und ihr Körper zitterte und bebte.
Joel hielt sie ganz fest.
Nach einem Weilchen, als sie sich etwas beruhigt hatte und sich aus seiner Umarmung löste, nahm er ihre Hand, was sie als sehr tröstlich empfand.
„Marie, Liebes, ich werde dich ganz sicher nicht wegschicken, und ich glaube in einer anderen Ecke deines Inneren weißt du das auch. Und du weißt auch, dass du inzwischen nicht mehr abhängig bist wie als Kind. Aber in diesen Momenten ist dieses Wissen im Hintergrund, da ist eine existenzielle Angst an getriggert.
Du bist ja inzwischen als erwachsener Mensch durchaus lebensfähig, selbst wenn ein wichtiger Kontakt, der dir viel gibt, abbrechen sollte. Aber in Momenten wie jetzt ist das innere Kind von dir lebendig und fühlt sich tief bedroht, wenn du Fehler machst, stimmt’s?“
Erschöpft nickte Mari.  „Ja, Fehler machen ist für mich immer ganz furchtbar – egal ob es kleine oder größere Unzulänglichkeiten sind. Ich kann in diesen Situationen gar nicht mehr unterscheiden, wie schlimm etwas wirklich ist. Alles ist dann ganz schlimm. Und ich habe eine riesengr0ße Angst vor dem, was dann kommt.“
„Ich werde mir etwas einfallen lassen, damit du mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ völlig neue Erfahrungen und Gefühle verbinden kannst. Versuche daran zu denken, wenn es soweit ist, dass du mit mir niemals Grund zu Angst oder Besorgnis haben musst, und dass das, was ich für dich plane, immer einen Sinn hat, einen heilenden Sinn! Bitte denke daran, wenn es soweit ist.“

Und wenn es dir in dem Moment nicht gelingen sollte, daran zu denken, werde ich dich daran erinnern.“
Er sah ihr in die Augen…„Mari, du brauchst dich bei mir niemals zu fürchten.“ 

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15. Schau mir in die Augen, Kleines…

Bei Joel – Du kannst nicht versagen 

Mari und Joel, der für sie in den Zeiträumen ihrer Spiele und Rituale die Rolle des „Meisters“ angenommen hat, saßen sich gegenüber.

Seine Hände lagen entspannt mit geöffneten Handflächen nach oben auf einem kleinen Kissen.

„So Mari, jetzt legst du deine Hände in meine, und wir schauen uns für eine gewisse Zeit in die Augen.“

„Für wie lange?“

„Nicht fragen, Mari! Nur dem folgen, was ich sage.“

„Oh Entschuldigung!“ Warum nur musste sie immer wieder den gleichen Fehler machen und Fragen stellen. Sie errötete.

„Entschuldigung angenommen.
Die Übung geht so lange, bis ich sie beende.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam reichte sie ihm ihre Hände und versuchte, ihm in die Augen zu schauen. Es fiel ihr enorm schwer – so groß, so funkelnd, so machtvoll erschienen ihr seine Augen in diesem Moment.
Und es fiel ihr schwer, von diesen Augen so intensiv angeschaut zu werden.
Immer wieder musste sie den Blick senken und sich mit aller Willenskraft zwingen, ihn wieder anzuschauen.

Tränen traten ihr in die Augen und sie begann zu zittern.
Als er dies wahrnahm, beendete er die Übung und nahm sie in die Arme.
Erleichtert ließ sich Mari ein Weilchen von ihm halten.

Dann sagte sie verzweifelt: „Wenn ich schon bei einer so einfachen Anforderung versage, wie soll ich das andere, was noch vor mir liegt und sicher immer schwieriger wird, schaffen? Ich glaube, das mit unseren Vertrauens- und Macht-Spielen war ´ne Schnapsidee! Ich bringe das nicht!“

Ruhig antwortete Joel: „Erstens: Du hast nicht versagt, denn du hast mich immer wieder trotz aller Schwierigkeiten, die du hattest, angeschaut.
Zweitens: Unterschätze die Kraft und Intensität dieser Übung nicht. Es ist nicht ohne, sich wirklich darauf einzulassen, den Augenkontakt zu halten.
Und drittens ist die Annahme, dass du alles weitere nicht schaffen könntest, auch nicht wahr. Wenn wir ganz in Ruhe einen Schritt nach dem anderen tun, wird keine Anforderung so hoch sein, dass sie nicht zu bewältigen wäre. Und wenn etwas beim ersten Anlauf nicht klappt, dann gibt es einen zweiten oder dritten, vierten oder fünften Anlauf. Mach dir jetzt keine Sorgen, Mari, um etwas, das noch gar nicht dran ist.

Alles war und ist in Ordnung so wie es ist.
In Wahrheit gibt es gar nichts, was nicht in Ordnung sein könnte, denn jedes Gefühl darf gefühlt werden.

Du kannst also gar nicht versagen!

Und ich kann und werde dich immer unterstützen und wenn nötig auffangen, so lange du einfach nur da bleibst.
Und Mari… Du machst es dir und mir immer leichter, wenn du bereit bist, das auszusprechen, was in dir ist. Ich werde dich danach immer mal zwischendurch fragen.
Also: Was hast du vorhin beim Anschauen gefühlt, Mari?“

Sie dachte nach… Was war es eigentlich, was es ihr so schwer gemacht hatte, den Augenkontakt zu halten…
„Es war irgendwie unheimlich, dir so lange in die Augen zu schauen und von dir so gesehen zu werden…“
Sie stockte. Durfte sie das sagen? War er jetzt sauer?
Vorsichtig hob sie ihren Blick. Seine Augen schauten sie nach wie vor ruhig, gelassen und interessiert an und ermutigten sie, weiter zu reden.

„Ich hatte das Gefühl, du würdest mir bis in meine Seele blicken – und das war schwer für mich zuzulassen und auszuhalten. Ich fühlte mich so nackt und schutzlos. Und du weißt ja… Ich habe mit dem Nackt-sein Probleme.“

Joel nickte: „Ja, durch die Augen berühren wir unsere Seelen und sehen uns unverhüllt so, wie wir in der Tiefe unseres Wesens wirklich sind, das spürte ich auch.  Aber es wird nicht immer so bleiben, dass du es als unangenehm empfindest, von mir gesehen zu werden. Mit wachsendem Vertrauen wird es leichter werden. Noch hast du nicht genügend Vertrauen zu mir und auch zu dir selbst.
Ich sage dir: Es gibt nichts, aber auch gar nichts an deiner Seele und deinem Körper, was nicht liebenswert und schön ist. Ich möchte dich gern darin unterstützen, das glauben und fühlen zu können. Dein Vertrauen wird wachsen im Laufe der Zeit. Da bin ich ganz zuversichtlich! Deshalb sind wir ja auf diesem interessanten, und wie ich hoffe, auch für dich irgendwie guten Weg. Oder?“

„Ja,“  sie nickte.

Dankbar für seine ermutigenden, Worte drückte sie seine Hand.

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14. Joel als Stellvertreter für die „Die Männer“

Zweites Treffen bei Joel – Ein Vergebungs-Ritual 

„Schön dass du da bist, Mari!“
Joel empfing Mari mit einem herzlichen Lächeln und ging ihr voran ins Wohnzimmer.
Diesmal achtete er darauf, die Wohnzimmertür offen zu lassen.
Sie bemerkte es und war froh. Er hatte sich diesen Auslöser ihrer Angst von letztem Mal gemerkt und ihn heute sorgsam umgangen. Sie freute sich über seine Achtsamkeit. 
Dabei wäre die Tür heute wahrscheinlich gar kein Problem mehr… – erfreut nahm sie diesen auftauchenden Gedanken in sich wahr.

„Setz dich doch. Ich finde es mutig von dir, dass du dich entschieden hast, heute wieder zu mir zu kommen, nachdem du letzten Samstag bei deinem ersten Besuch diesen Panikanfall hattest.“

„Danke,“ sagte Mari knapp. Mehr fiel ihr gerade nicht ein.

Nachdem Joel ihr etwas zu trinken angeboten und beiden etwas eingegossen hatte, setzte er sich ihr gegenüber.
„Zu Beginn unserer Spiele hat dich bisher immer die Angst gepackt, dass irgend etwas Furchtbares geschehen könnte. Und ich hatte den Eindruck, dass das besonders mit mir als Mann zu tun hatte. Ich möchte das heute als dein Meister zum Thema machen. Lass uns ohne lange Vorrede gleich beginnen, denn die Angst liegt ja ohnehin ganz oben auf dem Tisch.“

„Okay, Meister.“ Unbehaglich schaute ihn Mari an.

Joel holte zwei Stühle, stellte sie in einem gewissen Abstand gegenüber, wies Mari an, sich auf einen davon zu setzen und setzte sich auf den anderen.

„Ich sitze jetzt hier als Symbolfigur für „die Männer“ und lade deine Angst ein, sich alles von der Seele zu reden:
Liebe Angst von Mari, du kannst mir alles sagen, was du über „Männer“ denkst, was du von ihnen befürchtest, was du mit ihnen verbindest, was du vielleicht schon erlebt hast…
Ich sitze hier stellvertretend für die Gattung „Mann“ und höre dir mit offenem Herzen zu.
Du darfst frei und ungeschminkt, auch total unsortiert alles sagen, was dir einfällt.
Ich nehme nichts persönlich. Okay?“

„Hmm… ich habe Angst, darüber zu reden.“

Liebe Angst von Mari, was befürchtest du?“

„Dass es zu viel ist, dass du doch irgendwann sauer wirst, dass ich mich lächerlich mache, dass ich in einen Gefühlsstrudel versinke, der sich fürchterlich anfühlt…“

„Ich verspreche dir, dass ich ganz sicher nicht sauer werde.
Lächerlich kannst du dich gar nicht machen, denn wir beide, die Mari und ich, wir achten dich sehr, liebe Angst. Jedes Wort, jede Träne, jedes Gefühl ist wertvoll und soll seinen Platz haben. Da gibt es nichts, wessen du dich schämen müsstest, denn es hat ja alles seine Ursachen.
Ja, und die Angst vor dem Gefühlsstrudel – die kann ich dir nicht nehmen. Das kann passieren. Doch sollst du sicher sein, dass ich dich, in welchem Strudel du auch immer sein magst, nicht allein lasse und dir beistehe, bis eventuelle heftige Wellen wieder abflauen. Denn das tun sie immer. Gefühle sind wie Wellen, sie kommen und gehen. Nur wenn sie abgelehnt und verdrängt werden, bleiben sie hartnäckig vor der Tür stehen und klopfen bei jeder Gelegenheit an. Deshalb möchte ich sie heute einladen, ganz bewusst da zu sein, weil sie ja eigentlich sowieso schon immer da waren und da sind.“

„Okay. Ich lasse mich drauf ein. Probieren wir´s.“

„Prima, Mari, du bist sehr mutig.
Also, liebe Angst von Mari, was denkst du über „die Männer“?

„Männer sind gefährlich…“ flüsterte Mari.

Joel nickte und sagte: „Ich spüre deine Angst und achte sie. Was noch?“

„Männer haben laute Stimmen, die mir Angst machen, sie könnten mich plötzlich anbrüllen und furchtbar nieder machen…“

Wieder nickte Joel und sagte: „Ich höre deine Angst und achte sie. Was noch?“

Männer sind mir körperlich überlegen… Sie können mir weh tun… Sie können über mich herfallen… Sie können… mich festhalten… Sie können mich umwerfen… Sie können mich fallen lassen… Sie können mich so sehr verletzen!“ Tränen traten ihr in die Augen.

Mitfühlend nickte Joel und sagte: „Ich sehe deine Tränen, ich höre deine Angst, und ich achte dich. Was noch?

„Männer mögen mich nicht, weil ich so empfindsam und ängstlich bin. Sie lachen mich aus und machen mich nieder, weil ich so vieles nicht kann.“

„Ich mag dich! Ich mag dich in deiner Zartheit. Ich mag dich in deiner Empfindsamkeit. Ich mag dich mit aller Angst! Ich mag dich mit dem, was du kannst und mit dem, was du noch nicht kannst. Und ich mag dich, weil du so mutig bist, dich deiner Angst zu stellen!“

Bei diesen wertschätzenden Worten kamen Mari die Tränen. Joel stand auf, ging auf sie zu und kniete sich vor ihr nieder. 

„Mari, ich verneige mich vor deinem Mut und deiner Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen.
Und ich bitte dich von Herzen im Namen all der Männer, die dir weh getan haben und dich in deinem wahren Wert nicht gesehen, geachtet und anerkannt haben, um Verzeihung.
Mach mit mir was du willst – zum Ausgleich dessen, was geschah.
Ich nehme es an – stellvertretend für alle Männer, die dir weh taten. „

Ganz tief verneigte er sich vor ihr bis sein Kopf den Boden berührte und blieb in dieser Position.

Mari schaute verwundert auf diesen Mann, der auf dem Boden kniete und dessen Stirn die Erde berührte. Er bewegte sich kaum. Sie bemerkte minimale Bewegungen, als würde er Balance suchen, um in dieser Position verharren zu können.

Ein für beide nicht messbarer Zeitraum verging… 
Er wartet! Dachte sie.
Er bleibt dort auf dem Boden…
Er sagt nichts mehr, er wartet…
Etwas in ihr schmolz…
Auch dazu gehört Mut…
Irgendetwas bewegte sich in ihr und verströmte Wärme.
Mitgefühl entstand…
Sie ging nah an ihn heran und um ihn herum.

Sie könnte ihn jetzt stellvertretend für ihren Vater und die anderen Männer, die ihr so weh getan hatten, anschreien, auf den Rücken schlagen, mit dem Fuß auf seine vorgestreckten Hände treten – doch sie spürte: Das alles wollte sie nicht.
Statt dessen legte sie ihre Hand auf seinen Kopf und sagte: „Ihr wart wie ferngesteuert. Etwas hat sich vor euer Herz gelegt. Ich vergebe euch – und ich bitte euch: öffnet alle euer Herz.“

Joel blieb noch immer in dieser Position auf der Erde, wartete ab, was noch gesagt oder getan werden wollte.

Nun ließ sich auch Mari auf den Boden nieder, kniete sich vor ihn und flüsterte: „Ich weiß auch,  wie es ist, wenn man plötzlich die Beherrschung verliert, wenn das Herz sich verschließt und man wie ferngesteuert Dinge sagt oder tut, die hinterher nur Reue und Schmerz hinterlassen. Das habe ich auch getan.“
Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie bat: „Bitte erhebe dich, wir sind gleich – es geht uns beiden so.“
Langsam hob Joel seinen Kopf, und sie sah in seinem Gesicht auch Tränen.

So knieten sie voreinander…

Und Mari öffnete ihre Arme zu einer stillen Einladung. Beide hielten sich bewegt in den Armen und ließen eine Welle von Heilung und Sehnsucht nach Frieden und Liebe durch ihre Augen, Herzen und Arme fließen…

 

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9. „Leben – bitte, sei sanft mit mir!“

Mari und Joel im 2. Rollenspiel: Im Leben ist eigentlich alles ungewiss“

Mari saß mit geschlossenen Augen auf dem kleinen Schemel, den Joel in seiner Rolle als Meister ihr zugewiesen hatte. Es fiel ihr schwer, die Augen nicht wenigstens ein wenig zu öffnen.
Angespannt lauschte sie auf die Geräusche im Zimmer.
Von hinten kam seine Stimme: „Wie fühlst du dich, Mari?“

„Etwas unbehaglich…“

„Was bereitet dir gerade am meisten Unbehagen?“

„Die Augen geschlossen zu halten – und nicht zu wissen, was du mit mir vorhast.“

„Ja, es ist wie im Leben, eigentlich ist es immer irgendwie ungewiss, wir wissen nie sicher was kommt. Und doch kommt oft etwas Gutes oder zumindest nichts Schlimmes.“

Noch immer war er etwas entfernt hinter ihr.
Jetzt hörte sie ihn näher kommen.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als er seine Hände auf ihre Schultern legte.

„Ganz ruhig, Mari, meine Hände kennst du doch bereits von der Schultermassage neulich auf der Parkbank. Und  ja… ich weiß… die Berührung kam überraschend – das ließ dich zusammen zucken. Spüre einfach mal hin… alles okay?
Was sagt die Gefühls-Ampel?“

„Körperlich grün – emotional gelb!“ antwortete Mari nach kurzem Zögern.

„Okay, dann richte mal deine Aufmerksamkeit ganz auf den Körper, besonders auf deine Schultern und die Berührungen meine Hände. Wie fühlt sich das an?“ Sanft massierte er Maris angespannte Schultern.

„Das tut gut…“ seufzte sie

Nach 5 Minuten Wohlfühlzeit löste er seine Hände und ging um Mari herum.

„Du kannst jetzt deine Augen öffnen, Mari.“

Meister_in_Schwazem_Gewand-.Joel stand ca. 2 Meter entfernt von ihr. Er hatte über sein T-Shirt ein schwarzes, weites, bis auf die Erde reichendes Gewand angezogen.

„Ich stehe jetzt als Symbolgestalt für das ganze Leben vor dir, Mari. Und ich frage dich:  Wie fühlst du dich? Was willst du mir, dem Leben, sagen?“

„Leben, ich habe Angst vor dem, was kommt!!!
Ich fühle mich oft so schwach, so verletzbar, so wund…
Ich danke dir für all das Gute, was du mir schon gebracht hast. 
Und das war wirklich viel.
Aber manches war auch ziemlich schwer!
Oh ich bitte dich, sei sanft zu mir! Tu mir nicht noch einmal so weh!“

Bei diesen Worten kamen Mari die Tränen.
Sie barg den Kopf in ihren Händen und schluchzte.

Joel trat auf sie zu, griff ihr vorsichtig unter die Achseln, zog sie sanft empor und führte sie zum Sofa. Er setzte sich in die Couchecke, legte ein Kissen in seinen Schoß und sagte zu ihr: „Mari, ich bin noch immer das Leben, und als solches lade ich dich ein, deinen Kopf in meinen Schoß zu legen, und dich ins Leben hinein zu entspannen. Leg dich hin und gib mir deinen Kopf.“

Noch immer weinend legte sich Mari auf die Couch und legte ihren heißen Kopf in seinen Schoß.

„Ich habe solche Angst!“ brach es aus ihr hervor. „Du kannst mir alles nehmen, alles mit mir machen, mich rütteln und schütteln, mich aufbauen und wieder zusammen falten. Oh Leben, du bist so mächtig, und ich bin so hilflos und klein. Ich möchte nie wieder so schlimme Schmerzen haben… Bitte, bitte! Geh ab jetzt sanfter mit mir um!“

Joel stellvertretend für „das Leben“ strich sanft über ihr Haar, in langsamen, beruhigenden Bewegungen – immer und immer wieder… Ließ sie weinen bis die Tränen versiegten und sie aufhörte zu schluchzen. Unablässig strich er über ihr Haar und ihre Schultern. 
Mari ließ es geschehen und spürte, wie sie sich langsam entspannte. Ab und zu schluchzte sie noch einmal auf… 

„Fühl mal, Mari:
Ich, das Leben, bin stark und groß,
und du bist in meinem Schoß.
Ich, das Leben, bin sanft zu dir –
jetzt und hier. 
Und denk mal zurück,
gab es in all dem Schweren nicht auch Beistand und Glück?
Gab es auch nur eine Situation, die gänzlich ohne Hilfe war?
Gab es auch nur einen Tag, an dem absolut gar nichts Gutes geschah?“

Mari ließ ihre Gedanken zu den verschiedenen schmerzhaften Erlebnissen wandern – und tatsächlich… in allem wurde ihr auch Hilfe zuteil. Oft floss sogar immens viel Liebe – unerwartet, gerade in den besonders schweren Momenten.  Immer waren Menschen da, manchmal Freunde, manchmal auch völlig Fremde, die ihr zur Seite gestanden hatten. Es gab seltsame Zufälle, mit denen gar nicht zu rechnen war, die gute Wendungen mit sich brachten.
Die Intensität der Liebe – war gerade in harten Tagen besonders stark spürbar gewesen. 
Ob das vielleicht der Sinn von allem schmerzlichen Erleben ist, dass die Liebe besonders deutlich zutage tritt…, überlegte Mari im stillen.

„War häufig nicht die Angst ein Verstärker deines Schmerzes?“ fragte Joel als „das Leben“.

„Ja, das stimmt, bekannte Mari, „ich habe so viel Angst in mir, aber ich kann sie nicht wegdenken! Das hab ich schon so oft versucht. Mit allen möglichen positiven Gedanken, Affirmationen, Kraftsätzen und weiß der Geier was – es funktioniert nicht!“

„Stimmt! Du kannst all deine Gefühle nur da sein lassen, atmen und sie fühlen. Und wenn du dich nicht so wehren würdest gegen sie – und vor allem nicht gegen mich, also gegen die Ungewissheit, die ich als „das Leben“ dir bringe, wäre vieles leichter…“

„Das fällt mir so schwer…“ gab Mari zu.

„Genau deswegen tun wir das, was wir hier miteinander tun! Wir üben miteinander…
Du übst, Mari – und ich bin dein Lehrer, der dich immer wieder hinein schickt ins Ungewisse – und dann deine Hand nimmt, um dich da durch zu führen – und sie ganz sicher hält, um es dir leichter zu machen,“ flüsterte Joel. „Das Leben will nicht, dass du es dir so schwer machst. Es will, dass du lernst, ihm zu vertrauen, dich von ihm halten und durch alles hindurch führen  zu lassen…“

Mari setzte sich auf und sah sich das Leben, verkörpert durch Joel an. Der öffnete seine Arme – und Mari ließ sich von ihm halten… Das fühlte sich so gut an,  sooo gut…

„Je mehr du dich in mich hinein entspannst, umso weniger Schmerz wirst du erleben…“ 

„Das will ich lernen – bitte hilf mir dabei!“ 

„Dafür bin ich da.
Dafür hat mich das Leben zu dir geführt, Mari.
Und das tue ich sooo gern!“

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8. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Ein zweites Treffen bei Mari, im Rollenspiel: Kann eine Hand eine Brücke sein?

Mari kam aus dem Bad und wollte sich gerade wieder auf die Couch setzen…

Doch die Stimmlage, in der Joel sie gerade ansprach, ließ sie in ihrer Bewegung sofort inne halten. Die bis eben recht entspannte Stimmung begann zu knistern.

„Mari, du wirst dich jetzt dorthin setzen und die Augen schließen.“

Hocker-1Ihr Blick folgte seiner Hand, die auf einen kleinen niedrigen Holzschemel wies, den sie sonst als Blumenbänkchen nutzte. Er hatte die Blumenvase, als sie vorhin in der Küche war, auf die Fensterbank gestellt. Ohne dass es ausgesprochen werden musste, war klar, dass das zweite Spiel begann.
Das erste war ja nur was Kurzes – sozusagen „zum Angewöhnen…“
Eine Adrenalinwelle schoss durch ihren Körper – ihr wurde heiß und sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug. Was würde jetzt kommen? 

Konnte sie sich wirklich darauf verlassen, dass er sich an die getroffenen Absprachen hielt?
Hatte er vielleicht doch eine Seite, die ihr gefährlich werden konnte… und wollte?

So gut kannte sie ihn doch noch gar nicht, um das abschätzen zu können, auch wenn sie sich schon mehrmals getroffen hatten und sie ihm viel erzählt hatte von ihren Bedürfnissen, Sehnsüchten und Grenzen.

Sie hatte nicht gedacht, dass schon der Beginn ihres neuen Weges, der sich in der Fantasie so viel schöner und leichter anfühlte, so angstbesetzt sein würde…
Wie von ferne hörte sie seine Stimme…

„Folge einfach nur dem, was ich sage! Setz dich dorthin und schließe die Augen, wenn du sitzt.“

Wie versteinert blieb sie stehen, während ihre Gedanken furchterregende Szenarien entwarfen. Konnte sie ihm wirklich vertrauen? Er war ja erst einmal hier gewesen… Er war ihr körperlich überlegen und könnte sie einfach…

Er stand aus seinem Sessel auf, kam langsam auf sie zu… Ihr Herz schlug noch schneller.
Da stand er auch schon vor ihr und… streckte ihr seine Hand entgegen.

Kann eine Hand eine Brücke sein?

Sie ergriff die angebotene Hand und stand direkt vor ihm.

Er nickte, schaute sie mitfühlend an, fragte: „So schlimm?“

Mari konnte nur leise flüstern: „Ja…“

Sacht zog er sie ganz an sich heran, nahm sie in die Arme und hielt sie – bis sich ihre Muskeln lockerten und sie die Umarmung auch mit ihrer Seele annehmen konnte.

In dem Moment flossen leise Tränen, sie schluchzte in sich hinein, verhalten, so wenig, dass sie hoffte, er würde es nicht wahrnehmen.

„Mari, du darfst weinen. Du darfst alles da sein lassen, was du fühlst. Es ist in Ordnung…“

„Da brach es aus ihr heraus: Ich kenne dich doch noch so wenig, ich bekam plötzlich Panik, es tut mir leid! Jetzt hab ich alles vermasselt…“

„Nichts hast du vermasselt! Ich verstehe dich, wir sind uns ja wirklich noch ziemlich fremd…
Und ich achte dich – besonders auch in deiner Angst. Welch großes Geschenk machst du mir und dir, dich trotz deiner Unsicherheit, mit all deiner alten Furcht vor Männern und körperlicher Nähe, auf diesen neuen Weg einzulassen.“

Dankbar nahm sie seine Worte auf, spürte die Wärme, die in seiner Stimme lag, und den Halt, den sein Arm ihr gab, den er um ihre Schultern gelegt hatte. Inzwischen hatte er sich mit ihr auf die Couch gesetzt. Langsam beruhigte sie sich.

„Okay, wenn du nicht inzwischen die Nase voll hast von mir, dann…“
Er unterbrach sie:
„Bitte rede nicht so von dir! Deine Gefühle brauchen unseremeine und deine – Achtung, Geduld und Liebe!“

„Ja, Meister!“ sagte sie und stand auf, um sich auf den ihr zugewiesenen Schemel zu setzen und sich auf das Spiel einzulassen.

Dies war der Moment, in dem er wirklich zu ihrem Meister wurde – indem sie ihn nicht nur im Kopf, sondern auch in ihrem Herzen als Meister für diesen Weg der geplanten Macht-Spiele und Vertrauens-Übungen annahm. Auch wenn das Vertrauen immer mal wieder heftig wackeln würde – ein erstes Pflänzchen war gesät.

Als sie auf dem Schemel saß und die Augen schloss, sagte er nicht: „Na bitte – geht doch!“ sondern…

„Gut gemacht, Mari!
Ja… aller Anfang ist schwer – aber…

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Hermann Hesse wusste das – und auch wir werden es gemeinsam erleben…“

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2. Ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand…

Mehr von Mari´s Fantasien:
Hilflos
sein und dabei getröstet, ermutigt und liebevoll berührt werden…

Hand in Hand gingen Mari und Joel durch den Park, während sie über das sprachen, was sie gemeinsam vorhatten. 

„Bitte beschreib doch mal, was du dir  von mir im Spiel der dominanten Rolle wünschst, Mari. Je mehr ich davon weiß, umso leichter wird es für uns beide, das zu verwirklichen, was dir gut tut in diesem sensiblen Thema.“

Mari überlege… wie sollte sie beginnen?
„Es sind ja immer nur Fragmente, Ausschnitte, kleine Szenen, kurze Sätze, die in mir aufploppen…“

„Na ja, ich will auch nicht, dass du mir ein ausgearbeitetes Drehbuch auftischst,“ lachte er. „Dann wäre ja auch keine Spannung mehr da. Die Gestaltung des Ablaufs unserer Sessions überlässt du ruhig mir. Regie ist schließlich meine Aufgabe in dem Spiel.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir ja gerade darum, die Erfahrung zu machen, dich gut aufgehoben zu fühlen, wenn du NICHT weißt, was kommt, wenn eine anfängliche Ungewissheit dein Adrenalin ins Fließen bringt und du dann erlebst, dass dir nichts Schlimmes geschieht. Habe ich dich so richtig verstanden?“

„Besser hätte ich es nicht formulieren können,“ bestätigte Mari. „Du hast gut zugehört.“

„Ja, ich glaube, zuhören kann ich ganz gut,“ gab Joel zurück.
„Also pass auf, wir machen jetzt ein Interview. Du antwortest möglichst spontan und sagst das, was dir gerade einfällt, ohne lange nachzudenken, okay?“

„Okay!“

„Wonach sehnst du dich?“

„Nach innigen Umarmungen, nach dem Gefühl, gehalten zu sein in allen Gefühlen, die gerade da sind, und mich sicher zu fühlen… Und dass meine Ups and Downs okay sind, auch dann, wenn ich weinen muss.“

„Deine Tränen sind mir jederzeit willkommen – ich werde für genügend Taschentücher sorgen, okay? Ernsthaft Mari: Es ist für mich vollkommen okay, wenn du weinst. Alles was aus dir kommt, darf da sein. Anders ginge solch ein Weg, den wir vorhaben, gar nicht. Und ich möchte dich darin auffangen können, dir Trost und Sicherheit geben, wenn es soweit ist. Deshalb meine nächste  Frage: Was tut dir gut? Was tröstet dich, wenn du dich aufgewühlt und ängstlich fühlst? Was hilft dir, wenn du weinst?“

„Wenn jemand meine Hand nimmt und sagt:  Alles okay. Alles darf sein. Mach dir keine Sorgen – alles ist gut.
Berührungen, die besonders in solchen Situationen eindeutig nicht erotisch sind, die einfach nur gut tun und in meiner Seele ankommen…“

„Verstehe – wie wenn ein Vogel verletzt ist… das zitternde, flatternde Vögelchen braucht dann eine sanfte Hand, in der es sich gut aufgehoben, aber nicht festgehalten fühlt…“

Mari konnte nur nicken, so berührt war sie von dem Gedankenbild, das er eben entworfen hatte.

„Auf welche Weise hast du in deinen Fantasien schon Machtlosigkeit und Kontrollabgabe erlebt?“

„Na ja… zum Beispiel durch Augen-Verbinden. Viel Macht hat auch die Stimme, die ich dann immer in mir höre. Sie ist bestimmend, aber immer auf freundliche Weise und nie laut. Manchmal stelle ich mir vor, dass jemand sagt: Du tust jetzt gar nichts, außer das, was ich dir sage!
Wenn ich mich dann darauf einlasse, macht es mir auch ein ganz warmes Gefühl, wenn diese Stimme mir sowas sagt wie: Das machst du gut, Mari. Ja, so ist es prima. Genauso wollte ich es. Gut gemacht!  
Manchmal stelle ich mir auch vor… gefesselt zu werden. Dies aber in wohlwollender, achtsamer Weise, ohne dass es weh tut – immer begleitet von dieser Stimme, die freundlich, aber bestimmt und in solchen Situationen auch ermutigend mit mir spricht. Stille könnte ich dabei nicht aushalten.“

„Hmm, verstehe… Das Fesseln… zum Beispiel mit Seidentüchern?“

„Ja… und nicht zu fest, aber so, dass ich es spüre und mich eingeschränkt fühle in meiner Beweglichkeit. Dabei geschieht dann aber immer irgendetwas Angenehmes, um die Angst, die dabei unweigerlich hochkommt, leichter erträglich zu machen. Und seltsamerweise entsteht durch diese dann gemilderte Angst eine Art von sexueller Erregung in mir. Die wird durch bestimmende, aber freundliche Worte verstärkt. Das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, aber keine Möglichkeit zu haben, selbst auf das Geschehen Einfluss zu nehmen – das macht ganz viel mit mir.“

„Ich glaub, ich verstehe dich. Du willst wehrlos gemacht werden und dabei gleichzeitig getröstet, ermutigt, gelobt und in jeglicher Weise gut behandelt werden, ja?“

„Ja, so ungefähr, und ich weiß gar nicht warum ich so seltsam ticke…“
„Das ist jetzt auch vollkommen egal. Wichtig ist, was du fühlst dabei… was dich bewegt… was immer wieder auftaucht in dir… und wie wir das in für dich gute Erlebnisse umsetzen können. Warum… Wieso… fragt der Kopf. Das bringt nichts. Es ist so, und hat sicher Ursachen. Die sind jetzt nebensächlich, lass uns auf das konzentrieren, was du erleben willst, und besonders auf das, was du brauchst, um dich darin aufhalten zu können, damit du mir nicht gleich wegrennst oder alles abbrichst, wenn die ersten Gefühle von Angst und Hilflosigkeit entstehen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht viel braucht bei dir, um das auszulösen – die stehen ja schon lange Schlange in deinem Inneren und warten darauf, dass die Tür sich öffnet und sie ins Leben kommen dürfen. Und dann ist es wichtig, dass ich dich halten kann, Mari. Denn wir wollen ja beide nicht, dass die Angst gleich so mächtig wird, dass sie die zaghaft geöffnete Tür gleich wieder zuschlägt.“

„Mir ist jetzt schon ganz flau im Magen,“ bekannte Mari.

„Komm, hier ist ne Bank, setzen wir uns hin,“ schlug Joel vor. „Darf ich dir ein bisschen die Schultern massieren?“ 

„Ui – das ist ja ein tolles Angebot, das nehme ich gern an.“

„Und hier im Park bist du ziemlich sicher, wenn ich dich das erste Mal berühre. Hier laufen immer mal Leute entlang und könnten dich retten, wenn ich dir was antun würde,“ scherzte Joel. „Aber Flachs beiseite, spür einfach mal hin, wie sich meine Hände für dich anfühlen.“

So bekam Mari ihre erste Massage auf der Parkbank – und konnte sie genießen.
Ihre Schultern- und Nackenmuskeln waren hoch erfreut – und sie konnte sich tatsächlich entspannen. „Hier kann ja kaum was Schlimmes geschehen“ meinten  ihre kleinen Angststimmen, wurden ganz ruhig und legten sich für ein Weilchen schlafen. 
Zum nächsten Kapitel: 3 – Bei dir oder bei mir?

 

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