79. Belastende Träume von Versagensangst

Bei Mari
In letzter Zeit hatte Mari immer wieder unruhige, manchmal ziemlich heftige belastende Träume von Prüfungssituationen, in denen sie mit Versagensangst zu kämpfen hatte. Die Angst , die ihr gestellten Fragen falsch zu beantworten und dann entsprechende Sanktionen zu erhalten, führte sie in ihren Träumen häufig dazu, dass sie kein Wort heraus brachte. Wenn sie dann aufwachte aus dem Traum, hatte sie oft durch die Verspannung im Schlaf Kopfschmerzen und fühlte sich morgens schlapp und unausgeruht.

Als sie Joel davon erzählte, wurde er nachdenklich und meinte schließlich: „Das Thema Prüfung und Versagensangst scheint in dir gerade an die Oberfläche zu kommen. Es sieht so aus, als schreit es regelrecht danach, bewusst wahrgenommen und verarbeitet zu werden.“
Mari nickte. „Ja, den Eindruck habe ich auch. Was könnte ich tun, um es zu verarbeiten?“

Joel schaute sie nachdenklich an. Es war, als würde er einer für sie nicht hörbaren Stimme lauschen…
Schließlich meinte er: „Verarbeitung der Gefühle geschieht ja dadurch, dass wir sie bewusst fühlen, dass wir spüren, wie sie sich im Körper anfühlen und ihnen Raum geben, da zu sein im Wissen, dass in der aktuellen Situation – im Gegensatz zu früher, wo sie entstanden sind, dabei nichts Schlimmes geschehen kann.

Was würdest du davon halten, wenn wir uns in einem nächsten Spiel diesem Thema zuwenden und eine Prüfungssituation gestalten, in der du die Gelegenheit hast, diese Gefühle in einem geschützten Raum, in dem du weißt, dass dir nichts wirklich Schlimmes geschehen kann, bewusst zu spüren?“
„Mari wurde es etwas unbehaglich zumute, und sie versuchte, das mit einer etwas flapsigen Bemerkung zu überspielen: „Wie jetzt? Wollen wir Schule spielen?!“ Sie lachte etwas zu hektisch dabei.
Ruhig und ernsthaft schaute Joel sie an…
Als sie wieder stiller wurde und er immer noch nichts sagte, sah sie ihn fragend an.
Und schließlich antwortete er ruhig: „Ja, so etwas in der Art. Lass dich überraschen…“

Was er sich dafür einfallen lässt, erscheint in Kürze im darauf folgenden Kapitel.

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77. Manchmal geht es einfach darum, nichts zu tun

Bei Joel – mit aller Angst durch die Erfahrung hindurch gehen

Joel hatte Mari mit zwei Osterkörbchen voller bunter Eier überrascht. In einem Körbchen gab es Eier, die mit einer Herausforderung verbunden waren, und im anderen waren Eier, die ein Geschenk für sie beinhalteten. Mari hatte sich zuerst das Ei mit der Herausforderung ausgesucht. Diese bestand darin, ihre Kontrolle dadurch einschränken zu lassen, dass Joel, der innerhalb des heutigen Spiels wieder einmal die Meisterrolle für sie einnahm, ihr auf einem Stuhl die Hände hinter der Rückenlehne fesselte.

Als er das Seil um beide Gelenke band und es dann deutlich fester zog, rief sie: „Joel, ich habe Angst! Das fühlt sich anders an als letztes Mal!!!“

Geduldig abwartend hielt Joel sanft ihre Hände, drückte sie leicht und fragte sanft: „Geht es noch?“

Mari zögerte einen Moment. „Ich möchte es gern schaffen“, sagte sie schließlich mit zittriger Stimme.“
„Gut, Mari! Tief atmen,“ erinnerte er sie daraufhin mit ruhiger Stimme.

„Machst du es wieder so, dass ich mich zur Not selbst heraus lösen könnte?“ wollte sie wissen.
Er lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Atmung: „Ein und ausatmen, Mari. Immer wieder ganz in Ruhe: ein und aus, ein und aus… Ja, gut so, und dehne die Ausatmung etwas aus, dass du länger aus als einatmest. Das entspannt.“

Okay, Mari versuchte langsamer zu atmen, in dem Rhythmus, den er ihr mit seinen Worten vorgab: ein und aus – ein und aus…
Er zog noch etwas fester an dem Seil und machte einen Knoten.  
Obwohl sie sich immer noch darauf konzentrierte, langsam und bewusst zu atmen, verstärkte das ihre Angst.
„Ich werde darauf achten, dass dir nichts passiert“, sagte Joel.
Sowohl seine Worte, als auch seine besänftigende Stimme taten ihr gut, und sie spürte, wie der Druck in ihrem Kopf und das Zittern daraufhin ein wenig nachließ.

Schließlich trat er einen Schritt zurück. „So, die Fesselung ist fertig.“

Mari versuchte, ihre Hände auseinander zu ziehen und stellte entsetzt fest, dass es diesmal nicht funktionierte. Wie ein heißer Strom schoss eine weitere Angstwelle durch sie hindurch.
„Einfach nur sitzen bleiben“, sagte Joel sanft und stellt sich an ihre Seite dicht neben sie.
„Ich kann jetzt gar nichts machen“, rief Marie panisch, „das ist anders als beim letzten Mal! Ich könnte so nicht mal aufstehen vom Stuhl!“
Ruhig antwortete er: „Ja, stimmt. So ist es in diesem Moment. Ich sagte doch:
Bleib einfach still sitzen. Du sollst nichts machen, und ich werde nichts machen. Es geht jetzt nur darum, den Moment auszuhalten.“

Ihr Körper fühlte sich heiß und kalt gleichzeitig an. Sie hielt die Luft an und versuchte zu tun, was er sagte, einfach nur still sitzen… In Gedanken sagte sie sich den Satz noch einmal: Einfach nur still sitzen… Nichts machen…. und er wird nichts machen…
Er stand ganz still und ruhig direkt neben ihr. Sie drehte den Kopf zur Seite, sah ihn an und fragte mit wackeliger Stimme: „Würdest du bitte eine Hand auf meine Schulter legen?“
Er nickte lächelnd und legte seine warme Hand ganz behutsam auf ihre angespannte Schulter.

Diese Berührung war für sie wie ein Halt in der Heftigkeit ihrer Angst-Gefühle. Sie konzentriert sich auf ihre Schulter und spürte, wie ein warmer Strom von dort aus durch ihren Körper floss. Dabei atmete er deutlich hörbar dicht neben ihr, um ihr einen sanften Rhythmus vorzugeben – in der Absicht, auf diese Weise, ihren Atem zu synchronisieren und ihn dadurch allmählich zu beruhigen. Diese ruhigen Atemzüge, die er so hörbar machte, dass sie ihnen leicht folgen konnte, helfen ihr, sich langsam etwas zu entspannen. Er atmete sehr deutlich, und sie setzt ihre ganze Willenskraft und Konzentration ein , um sich mit ihrer Atmung anzupassen. Nur ab und zu zuckte in ihrem Körper eine Angstwelle durch, die sie wieder aus dem Rhythmus brachte.

„Das machst du sehr gut Mari“, sagte er sanft.
Seine Worte ließen sie unwillkürlich einen besonders tiefen Atemzug nehmen, der ihre Anspannung milderte und ihr half, den angestauten Druck mit dem Ausatmen aus sich heraus fließen zu lassen.

Nach einem kleinen Weilchen trat er wieder hinter sie und sagte: „Gut, Mari, gleich hast du es geschafft. Ich werde dich jetzt losbinden, aber vorher versuch noch einmal die Hände voneinander zu lösen und spüre, dass du diesmal wirklich gefesselt bist und dich nicht selbst befreien kannst.“

In dem Moment, in dem er seine Hand wieder von ihrer Schulter nahm, sich von ihr einen Schritt entfernte und sie erfolglos versucht ihre Hände aus den Seilen zu befreien, fühlte es sich noch mal wieder ziemlich schlimm in ihr an. „Es geht wirklich nicht!“ brachte sie hervor.

„Ja das stimmt“, bestätigte er, „und jetzt bitte still halten. Ich werde jetzt den Knoten öffnen.“
So bewegungslos wie möglich hielt sie ihre Hände und wartete auf den Moment, in dem sie sie wieder bewegen konnte. Es dauerte etwas. Dieser Knoten war nicht ganz leicht zu lösen. Sie versuchte, sich weiterhin mit Ein- und Ausatmen in der Situation ruhig zu halten. Schließlich konnte er das Seil ganz sanft wegziehen. Sofort nahm sie die Hände vor sich auf den Schoß und bewegte sie etwas. „Puh, bin ich froh, dass das jetzt vorbei ist!“

Er ging um sie herum, stand schließlich vor ihr, breitete seine Arme aus, um sie zu einer Umarmung einzuladen. Nur allzu gern nahm sie dieses Angebot an. Fest nahm er sie in die Arme. Oh, tat das gut!
Das Gehalten-werden und die Wärme, die von ihm ausging, war ein solcher Gegensatz zu den Gefühlen, die sie davor hatte, dass ihr die Tränen kamen. „Diese Erleichterung jetzt zu spüren, ist so wunderbar! Das ist ein fantastisches Gefühl!“, brachte sie hervor.

„Ja, jetzt ist alles gut“, lächelte er, „dir ist nichts passiert! Und um dieses intensiver Erleichterungsgefühl zu spüren, lohnt sich doch das Aushalten der Herausforderung davor, oder?“

 „Stimmt, mir ist wirklich nichts passiert! Und die Angst dabei hat sich sehr heftig angefühlt, aber jetzt hinterher… das ist ein richtiges Glücksgefühl!“ bestätigte sie. 

Dann sagte sie nachdenklich: „Dabei weiß ich doch inzwischen, dass ich vor dir keine Angst haben muss, aber trotzdem war in diesem Moment das Gefühl der Angst ganz schlimm, als ich merkte, dass ich die Hände nicht auseinander bekam.“

„Die Angst ist eben ein altes Gefühl, das in den Körperzellen gespeichert ist. Und dieses Mal warst du wirklich gefesselt! Das hätten wir so bisher nicht machen können, und du hast es geschafft, es gut auszuhalten.“

„Ja, das stimmt, diesmal war es wirklich fest. Und du hast es mir vorher nicht gesagt!“

Er nickte. „Du sollst mir ja vertrauen, egal was ich mache.“

„Das versuche ich auch immer – so gut es geht…“ antwortete sie leise.
„Ja, das merke ich, Mari.“ bestätigte er. „Und du hast die Situation gut bewältigt.“
„Naja, ich habe schon ziemlich Angst gehabt, aber ich wollte gerne schaffen, mit all der Angst, durch die Situation hindurch zu gehen.“
„Und das ist dir gut gelungen! Du warst sehr mutig und tapfer Mari“, lobte er sie.

„Danke schön, lieber Meister, das freut mich, dass du das so siehst!“ freute sie sich und löste sich langsam aus seinen Armen.

„So, wir haben noch eine zweite Runde!“ sagte er daraufhin.

„Ach so??? Noch mal ???“ fragte sie erstaunt.  Dabei war sie doch gerade so erleichtert, dass sie die Fessel-Erfahrung, die diesmal deutlich fester war, als beim Mal davor, überstanden hatte…

Und wie es in der nächsten Runde weitergeht, gibt es am Ostersonntag zu lesen

geschrieben von Raffael und Miriam

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70. Gedankenleere

Bei Joel – Einfach nur wahrnehmen

„Mari, setz dich doch schon mal, und mach es dir gemütlich“, Joel ging in die Küche, um etwas zu trinken zu holen.
Sie setzte sich auf den Sessel und versank in Erinnerungen… Was hatte sie hier bereits alles erlebt – und immer war es – auch in allen Herausforderungen – mit Annahme und Verständnis verbunden gewesen. Was würde sie wohl diesmal in ihrem Rollenspiel erwarten, in dem Joel die Rolle des Meisters und sie die der Schülerin einnahm?
Wie würde es ihr heute gelingen, ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft, sich ihm zu öffnen auszudrücken?
Was würde sie wohl heute hier mit ihm erleben?
Wie immer war sie aufgeregt.
Ohne dass sie es merkte – so versunken war sie in ihren Gedanken – betrat er den Raum, stellte sich hinter ihren Sessel, und legte ihr seine Hände auf die Schultern. Leicht zuckte sie zusammen.
„Ganz ruhig, Mari“, sagte er leise, und… „Das Spiel beginnt.“
Sie nickte zum Zeichen, dass sie bereit war.
„Trink noch etwas Wasser“, forderte er sie auf. „Danach wirst du erst einmal nicht dazu kommen.“
Bei diesen Worten begann ihr Magen unruhig zu flattern.
Schnell nahm sie das Glas und trank es zur Hälfte aus.
„Okay, Mari. Wie fühlst du dich?“
Seine Hände fuhren langsam an ihrem Nacken hoch und griffen von links und rechts in ihre Frisur. Es tat nicht weh, aber sie spürte einen leichten Zug an ihren Haaren.
Ein kribbelndes Gefühl floss aus ihrem Bauch aufwärts durch ihren Hals nach oben in den Kopf.
„Mari?“
Wie aus weiter Ferne klang seine Stimme an ihr Ohr.
„Ich habe dich etwas gefragt.“
Was hatte er gefragt… ? Sie hatte es vergessen. „Ich weiß es nicht mehr“, bekannte sie leise.
Der Druck seiner Hände, die ihre Haare fest zwischen seinen Fingern hielten, verstärkte sich etwas – nur wenig, aber spürbar.
„Ich wiederhole meine Frage: Wie fühlst du dich?“
„Da ist Unruhe, Nervosität, leichte Angst…“
„Tut dir der Griff in deine Haare weh?“ fragte er.
„Nein“, antwortete sie „noch nicht.“
„Warum noch?“
„Wenn du den Druck stärker erhöhen würdest, täte es weh.“
Er griff eine kleine Nuance fester zu.
„Und jetzt?“
Es war fest, ja. Sie konnte den Kopf nicht bewegen, ohne dass es Schmerz erzeugt hätte, aber wenn sie ihn ganz still hielt, tat nichts weh. Aber alles in ihr fühlte sich in Hochspannung.
„Es ist noch nicht schmerzhaft.“
„Hmm, sagte er leise… Du scheinst den Schmerz ja regelrecht zu erwarten, wenn du zum zweiten Mal das Wort „noch“ verwendest. Ist das so?“
Mari überlegte. Ja, irgendwie war es wohl so…
„Mari? Ist das so?“
„Ja, da du den Druck erhöht hast… befürchte ich das.“
„Traust du mir zu, dir bewusst Schmerz zuzufügen?“
Sie wollte den Kopf schütteln, aber das ging natürlich nicht mit seinem festen Griff im Haar. „Nein, eigentlich nicht.“
„Und uneigentlich?“
„Na ja, sicher weiß ich es ja nicht ganz genau..“
„Irgendwann wird die Zeit kommen, in der du es sicher weißt, Mari“, antwortete er . „Und bis es soweit ist, wird die Angst immer wieder einmal unser Gast sein.“
War das eine Kritik? War er jetzt verärgert?
„Und es dauert so lange, wie es dauert, bis es soweit ist.“ Bei diesen Worten, die sehr sanft von ihm gesprochen wurden, konnte sie ein leichtes Lächeln dabei sogar in seiner Stimme hören, ohne dass sie ihn sah.
Erleichtert atmete sie aus.

„Sehr gut, Mari. Entspann dich so gut es geht in deine Gefühle hinein. Und antworte mir so spontan wie möglich, sprich entweder von deinen körperlichen oder von den emotionalen Empfindungen. Was nimmst du jetzt wahr?“
„Den Zug in meinen Haarwurzeln spüre ich deutlich.“
„Wie genau fühlt sich das an?“
Es ist, als würde ich jedes einzelne Haar spüren und als würde mein Kopf, der durch diesen festen Zug der Haare an einer Position gehalten wird, fast nicht in der Lage sein zu denken, so absorbiert bin ich durch diese dicht an der Schmerzgrenze entlang wandernden Empfindungen.“
„Gut, Mari, dann lass dich ganz hinein fallen in diese Empfindungen. Spüre einfach nur…“
Ein wenig reduzierte er nun die Intensität, mit der er in ihre Haare griff. Für sie war diese Nuance sehr deutlich spürbar und löste einen unwillkürlichen Laut der Entspannung aus, wobei sie tief ausatmete. Ohhh, fühlte sich das gut an, weich… entspannend… ihre Augenlider sanken herab. Gedankenfreier Raum… nur fühlen…spüren… wohl fühlen… sich ausdehnen in dieses Wohlgefühl hinein.

Joel spürte anhand ihrer verlangsamten Atmung und der leisen Laute, die sie von sich gab, wie sie diesen Zustand genoss und hielt sie bewegungslos ein Weilchen in dieser Position.

Dann griff er plötzlich wieder etwas fester hinein. Ein schnelles Einatmen war bei Mari die Folge.
„Was empfindest du?“ frage er sofort. Denn er wollte keinesfalls, dass sie in den Bereich unangenehmer Empfindungen hinein geriet.
„Es ist wie eine Welle, die durch den plötzlichen kleinen Schreck durch mich hindurch gesaust ist“, erklärte Mari und fühlte sich wieder hellwach und völlig angstfrei.
„Atme ganz ruhig weiter, und nimm einfach nur wahr, was du fühlst. Sag mir sofort Bescheid, falls sich etwas unangenehm anfühlen sollte.“
„Okay!“ Aufmerksam spürte sie nach, wie es ihrem Kopf ging. Mittlerweile war sie schon über zehn Minuten in gedankenleerem Raum…
Wieder reduzierte er ganz langsam den Druck, mit dem er an ihren Haaren zog. Und wieder atmete sie aus und ließ sich fallen in dieses Gefühl, immer weicher zu werden… Und wieder hielt er sie ein Weilchen in genau diesem Druck und ließ es dann noch sanfter werden, was eine noch tiefere Entspannung zur Folge hatte. Er fragte nun auch nicht mehr, sondern ließ Mari Zeit, in ihrem gedankenlosen, herrlich entspannten, sich immer mehr weitenden Raum der Gedankenleere zu verweilen. Immer mehr lockerte er nach und nach, unendlich langsam seinen Griff, bis er seine Hände ganz von ihrem Kopf löste und ihr selbst das nicht mehr auffiel. Diese Erfahrung währte eine knappe halbe Stunde.
Und als Mari sich dann langsam dehnte, bewegte und schließlich die Augen öffnete, sah sie Joel lächelnd ihr gegenüber auf der Couch sitzen. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so herrlich entspannt, erfrischt und gelassen gefühlt zu haben. Erfreut nahm Joel wahr, wie ihre Augen leuchteten. Im Zustand der Gedankenleere war sie tief in sich selbst, in ihre innerste Kraftquelle, versunken gewesen.
Danke“, sagte sie leise, ging langsam auf ihn zu, setzte sich neben ihn auf die Couch und nahm seine Hand. „Es ist wie ein Zauber… so wohl fühle ich mich…“
Leise sagte er: „Das freut mich sehr, Mari. Und auch wenn das Spiel jetzt beendet ist, lass diesen Zustand noch so lange da sein, wie er da sein möchte…“
Sie saßen in ruhigem Einklang noch lange auf der Couch… in Stille.
Und zum ersten Mal empfand sie die Stille nicht als belastend, sondern eher so, als würde sie sich in einem heilenden Raum aufhalten.

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67. Gespräch mit der inneren Meisterstimme (2): IAM – ICH BIN deine tiefste Kraftquelle

Mari tippt in ihren Laptop:

Hallo, DU Stimme in mir, die neulich, als ich nicht schlafen konnte, mit mir gesprochen hat. bist DU da?

Ja, Mari, ICH BIN da.
ICH sagte es dir ja schon heute Nacht: ICH BIN immer da. Du kannst dich jederzeit an MICH wenden. Du brauchst nur an MICH zu denken und schon BIN ICH für dich präsent.


Wer oder was bist DU?
Was verkörperst DU?
Was willst du von mir?
Wie kann ich DICH anreden?
Hast du einen Namen?


Wenn ich einen Mund hätte, würde ich jetzt lächeln, Mari, so viele Fragen auf einmal…
Wir wissen ja beide, dass du oft und gern Fragen stellst – und… für MICH ist das völlig in Ordnung. Es ist eine Möglichkeit, dass wir uns näher kommen. Denn es ist ja dein tiefer Wunsch, oder genauer gesagt: die tiefste Sehnsucht in dir, MICH immer deutlicher in dir zu spüren und dich EINS mit mir zu fühlen.

Gespannt nahm Mari die sich seltsam gut anfühlenden Gedanken wahr und konnte sogar fühlen, wie diese Stimme lächelte.

Wie kann ich DICH denn anreden? fragte sie nach innen. Ich will doch nicht nur „Hallo DU“ schreiben! Wer oder was bist DU?

Nun, Mari, ICH gebe dir gern jetzt einige Antworten auf deine Fragen:

ICH BIN DAS, was du wirklich brauchst.
ICH BIN DER, der dir Halt, Kraft und Sicherheit vermittelt.
ICH BIN DIE, in der du dich geborgen und behütet fühlen kannst.
ICH BIN die tiefste und reinste Energie der Liebe in dir.
ICH BIN DAS von dir, das ganz und gar im Vertrauen und in der Liebe ist
und dessen tiefstes Ansinnen lebendige Güte ist.
ICH BIN das „ICH-BIN“ – ICH BIN du in Vollendung.

Nenne mich deshalb einfach
I AM – ICH BIN –

und setze es als Namen zusammen: IAM

Okay… Mari richtete sich in ihrer Sitzhaltung auf, nahm einen tiefen Atemzug,
und sprach in ihr INNERSTES hinein:
Hallo, IAM, danke , dass DU DICH für mich bemerkbar gemacht hast.

Das konnte ICH tun, weil die Zeit dafür reif ist und du die dazu nötige Bereitschaft und Offenheit nun in dir trägst.
Erinnere dich, wir hatten schon mal Kontakt miteinander, nur dass das nicht schriftlich, sondern rein gedanklich geschah.

ICH verrate dir aber eines:
Wenn wir miteinander schreiben, ist das ein weitaus kraftvolleres Miteinander, als wenn du MICH nur in deinen Gedanken berührst.
Du wirst manchmal denken: Was soll ich sagen oder fragen…?

Was soll jetzt schon kommen…?
Und wenn du dich dann doch hinsetzt und einfach nur beginnst, den Gedanken aufzuschreiben, der dann gerade „da“ ist, komme ICH dazu und unser Miteinander beginnt. Da wir das ab dem Moment gemeinsam tun, in dem du dich an MICH wendest, wird es immer zu etwas führen, was du dir vorher nicht hast denken können, denn ICH BIN ja dann mit meiner Schwingung dabei. Probiere es aus – von Mal zu Mal – und ICH verspreche dir: Du wirst jedes Mal aufs Neue überrascht sein!


Und überrascht war Mari auch jetzt. Oh ja, sie war neugierig geworden und wollte diesen neuen Kontakt nun möglichst oft aufnehmen…

Danke, IAM, wir schreiben bald weiter!

Zu allen Kapiteln –> des Dialoges mit der inneren Meisterstimme



64. Körper lügen nicht

Bei Joel – Erfahrungen auf der Spielwiese

Als Mari aus dem Bad ins Wohnzimmer kam, sah sie Joel auf der ausgeklappten Couch gemütlich an der Wand angelehnt sitzen.
„Das Spiel beginnt.“
Er öffnete einladend seine Arme mit den Worten: „Komm her zu mir, Mari.“

Langsam ging Mari auf Joel zu, der nun wieder seine Meisterrolle innerhalb dieses Rollenspiels eingenommen hatte, setzte sich auf die Couch, und… noch bevor sie lange nachdenken konnte, griff er um ihre Taille und zog sie neben sich in eine halb liegende, halb sitzende Position… Überrascht hielt sie kurz die Luft an.
Als sie sich neben ihm in seinem Arm wieder fand, schmunzelte er: „Du kannst in Ruhe weiter atmen, Mari, die kleine Schrecksekunde ist bereits vorbei. Und wie fühlst du dich hier?“
Er zog sie noch ein bisschen näher an sich.

Mari spürte nach und stellte erstaunt fest, dass es sich gut anfühlte, ihm so nah zu sein, so festgehalten zu werden, sich an ihn anlehnen zu können – und das obwohl sie noch nicht wusste, was sie heute hier erwartete… Es ist dieses Fest-gehalten-werden, das mir irgendwie Halt und Sicherheit gibt, nahm sie erstaunt wahr.

„Hast du meine Frage gehört?“

Ach ja, er wollte ja wissen, wie sie sich fühlte… „Es geht mir ganz gut, danke.“

„Wie fühlt sich dein Ganz-gut-gehen an, Mari? Was genau ist es, was dieses Gefühl hervor ruft?“

Warum muss er nur immer so genau nachfragen
, dachte sie. Was sag ich dazu?
„Ich glaube, es geht mir deshalb gut, weil ich mich in deinem Arm gerade so gut aufgehoben fühle“, gestand sie ihm leise.

„Das freut mich außerordentlich, Mari“, lächelte Joel. Dann wollen wir diesen Zustand so bald heute nicht verändern…“ Mit diesen Worten umschlang er sie mit beiden Armen und zog sie noch ein Stückchen tiefer auf die Couch, so dass sie nun ganz in seinen Armen lag. Wieder hielt sie vor Schreck die Luft an ob dieser plötzlichen Lageveränderung.
„Atmen, Mari, einfach weiter atmen“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Alles ist gut, wir umarmen uns heute eben mal liegend und nicht wie sonst im Stehen oder Sitzen…“ Und es wird länger dauern als sonst, dachte er, aber sprach es nicht aus.
„Wie fühlst du dich hier in meiner Umarmung? Was sagt dein Körper?“

Mari spürte wieder in sich hinein… Und wieder nahm sie wahr, dass es sich gut anfühlte, von ihm so fest in den Armen gehalten zu werden. Seine gerade so intensive Körpernähe tut mir gut… nahm sie zu ihrem Erstaunen wahr.
„Es tut mir gut, dass du mich so festhältst“, bekannte sie.

„Wie schön… Körper lügen nicht! In deinem Körper kannst du deutlich spüren, was gut für dich ist und was nicht, natürlich nur, wenn er nicht gerade im Alarm-Modus ist“, erklärte ihr Joej. „Und es freut mich sehr, dass dein Körper mir zunehmend mehr vertraut.“


Joel streichelte Maris Wangen, strich ihr sanft übers Haar und freute sich zu spüren, wie sie sich langsam ein wenig entspannte in dem Arm, in dem er sie hielt. Er ließ seine Hand weiter wandern über die Schulter und den Arm… bis zur Hand, mit der er etwas spielte, um dann wieder hinauf zur Schulter zu streichen.
In absoluter Aufmerksamkeit beobachtete Mari jede Bewegung seiner Hand…
Bisher fühlt es sich weiter gut an.
Von dort aus fuhr er mit sanftem Druck über ihren Rücken.
Ein genussvoller Laut kam über ihre Lippen.
Das tut so gut, dachte sie… so unerwartet gut…

Als er dann seinen Druck veränderte und nur federleicht über ihre untere Rückenpartie strich, zuckte ihr Körper mehrmals leicht zusammen. Dabei hielt Joel sie weiterhin fest, noch etwas fester als davor, und gab ihr Halt, während sie spürte, dass ihr Körper begann, ein Eigenleben zu führen in Joels Armen.
Was war das denn? Irgendwie peinlich, dass sie es nicht kontrollieren konnte, was sein besonders sanftes Streicheln da in ihr auslöste.
Dieser Gedanke löste eine kleine Fluchtreaktion in ihr aus, sie wollte sich aus seinem Arm etwas heraus winden, er hielt sie allerdings nach wie vor fest und ließ das nicht zu. „Alles gut, Mari, lass deinen Körper machen, was er will, du bist hier ganz sicher in meinen Armen. Und solltest du etwas nicht wollen, dann sag einfach „Ampel rot!“ und ich werde sofort aufhören, das verspreche ich dir“, flüsterte Joel ihr zu.

Mari holte tief Luft, spürte, wie Joel den Druck seiner Hand wieder etwas verstärkte und konnte sich wieder entspannen. Die Hand verschwand nach einem Weilchen langsam unter dem Bündchen ihres Rockes, wanderte tiefer… Ach, würde doch nicht dieses „verbotene“ Gefühl dabei sein… Weiter bewegte sich seine Hand. Sie hielt die Luft an…
„Welche Farbe hat unsere Ampel, Mari?“ fragte Joel leise. „rötliches Orange“, antwortete sie. „Okay“, flüsterte er, veränderte seine Position etwas, nahm seine Hand dort wieder weg und strich Mari beruhigend über den Rücken. Langsam entspannte sie sich wieder. Ihre kurzärmelige Bluse war inzwischen so verrutscht, dass er sie ihr leicht abstreifen konnte. Anschließend zog er sich sein T-Shirt aus. Nur noch mit einem dünnen Top bekleidet, fühlte sie seinen warmen kräftigen Oberkörper, an dem sie eng umschlungen von seinen Armen lag, sehr deutlich.

Gut, dass er mir wenigstens mein Top noch lässt, dachte sie aufgeregt. Er spürte ihre zunehmende Anspannung, strich ihr – sie weiterhin fest im Arm haltend – behutsam einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Schau mich an, Mari“, hörte sie seine Stimme wie von weit her. Sie öffnete die Augen, sah sein Gesicht über ihr und versuchte, sich etwas zur Seite zu bewegen. Er ließ das jedoch nicht zu. Seltsamerweise fühlte sich das irgendwie einerseits schwer auszuhalten und gleichzeitig gut an. Sie konnte nicht weg! Und eigentlich wollte sie auch gar nicht wirklich weg, erkannte sie blitzartig. Es war nur ein Teil von ihr, der sich aus der Situation lösen wollte, in der er sie jedoch festhielt.

Und sie, die ganze Mari, wollte so gehalten werden… Doch… wollte sie festgehalten werden ?
Sie spürte, sie wollte von seinen starken Armen umfangen sein… Doch wollte sie gefangen sein???
Gefangen(?) und festgehalten (?) in einer Kraft, die es gut mit ihr meinte… die sie verstand, wie sie sich selbst noch nicht verstanden hatte… die ihr das gab, von dem sie noch nicht wusste, dass sie es brauchte…

„Entspann dich, Mari, das Spiel ist beendet.“ hörte sie Joel wie aus weiter Ferne und doch so nah an ihrem Ohr…
Und zum ersten Mal reagierte sie auf diese Worte nicht erleichtert, sondern hörte sich denken: „Schade…“

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61. Immer einen Schritt nach dem nächsten – und die Gedanken werden leiser…

Bei Joel: Eine wettere Vertrauensübung

Als Mari heute das Wohnzimmer von Joel betrat, bemerkte sie das es ungewöhnlich warm war.
Auf dem Tisch lag der Seidenschal, den sie nun schon mehrmals vor ihren Augen hatte.
Joel ging noch einmal in die Küche, um etwas zu trinken zu holen, schenkte Mari ein Glas Wasser ein und sagte: „Ich denke, wir machen heute beim Thema Vertrauen weiter. Bist du bereit, Mari?“
Sie schluckte und antwortete: „Ja, ich bin bereit.“ Welche Übung würde wohl heute auf sie zu kommen? Sie spielte sie mit ihm ja diese Rollenspiele, um ihr Vertrauen zu stärken, dennoch hatte sie immer wieder etwas Angst vorher und oft auch innerhalb der Spiele.

„Das freut mich sehr“, lächelte Joel, „das Spiel beginnt.“ Mit diesen Worten nahm er den Schal in die Hand, stellte sich hinter sie, legte ihn ihr ganz sanft über die Augen und verknotete ihn schließlich.


Mari stand still und versuchte mit ihrer Aufregung klar zu kommen. Was würde nun wohl geschehen?

„Alles gut, Mari?“ fragte er leise.

„Ja, alles okay, ich bin nur ein bisschen aufgeregt“, antwortete sie ehrlich.

„Du weißt, ich passe auf dich auf, nicht wahr?“

Sie nickte.

„Es ist recht warum, magst du deine Strickjacke ausziehen?“ bot er ihr an.

Das tat sie gern, denn ihr war in der Aufregung ziemlich heiß geworden. Er half ihr dabei, und als die Jacke fast ausgezogen war, verdrehte er sie plötzlich so, dass ihre Arme in der Jacke gefangen waren.
Sie versuchte, sich da irgendwie heraus zu winden, doch er zog ein paar mal an der Jacke, so dass die Arme plötzlich darin eingebunden waren.

„Halt still Mari“, wies er sie an.

Mari erschrak. „Ach, das machst du mit Absicht…“

„Ganz ruhig Mari“, flüsterte er leise an ihrem Ohr. Ich bin und bleibe die ganze Zeit in deiner Nähe. Dir kann nichts geschehen.“

Nun konnte sie nichts sehen und ihre Arme kaum bewegen. Sie versuchte, ihre Aufregung durch ruhigeres Atmen in den Griff zu bekommen, aber das funktionierte kaum. Sie fühlte sich äußerst nervös.

„Setz dich“, sagte er und führte sie, so dass sie sicher zu dem Stuhl gelangte.
Sie nahm ihn von hinten an ihren Knien wahr und fühlt sich ziemlich hilflos.
Joel half ihr mit einem festen Griff an den Schultern, dass sie sich ganz vorsichtig und sicher setzen konnte. Sie spürte deutlich, wie ihr Herz schlug.

Als sie sicher saß, ließ er sie los, und es wurde still im Raum.
Dass sie nicht wusste, wo genau er war, konnte sie nur schwer aushalten.
Es gab keine Geräusche, die ihn verrieten. Sie lauschte angestrengt, spürte den Pulsschlag in den Ohren rauschen. Endlich durchbrach er die Stille: „Gut, Mari, jetzt steh auf. Sie konnte nicht genau zuordnen, wo er sich im Raum befand.
Langsam erhob sie sich und fühlte sich dabei sehr unsicher, da sie sich ja mit den Händen nicht abstützen konnte.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie, „und jetzt geh drei Schritte vor.“

Langsam setzt sie drei Schritte nach vorn.

„Ja, prima, nun dreh dich nach links und geh zwei Schritte vor. „
Sie folgte seiner Anweisung und fühlte sie sich langsam etwas sicherer.

So ging das noch ein ganzes Weilchen, mal nach links, mal nach rechts, mal mehr mal weniger Schritte, bis sie völlig die Orientierung im Raum verloren hatte.
Mit der Zeit wurde sie sicherer dabei, und fühlte sich irgendwie ganz seltsam ruhig in dieser Orientierungslosigkeit. Immer ruhiger wurde ihr Denken… Mit der Zeit war nichts mehr wichtig, nur immer der nächste Schritt. Seine Anweisungen gaben ihr irgendwie eine Struktur vor, an der sie sich innerlich festhalten konnte. Sie brauchte nur zu folgen, nichts selbst zu entscheiden. Das tat richtig gut.
Nach der gefühlten hundertsten Anweisung sagte Joel zu ihr: „Du machst das sehr, sehr gut Mari. Bleib einen Moment so stehen. “ Seine Stimme schien fast um sie herum zu klingen…
Sie freut sich über das Lob , stand still und erwartete, dass er ihr nun die Augenbinde abnehmen würde und die Übung beendet sei, aber nein…
Es kam eine weitere Anweisung: „Jetzt, lass dich nach hinten fallen, Mari.“

Boah… Das kostet Überwindung. Sie konnte nicht einschätzen, in welchem Abstand er sich von ihr befand. Gern würde sie seiner Anweisung folgen, aber noch gelang es ihr nicht.

Er nahm ihren inneren Kampf wahr und ermutigte sie: „Du warst beim Gehen so mutig und sicher, Mari, das hast du so phantastisch gemacht, nun lass dich noch rückwärts fallen.“

So gern würde sie wissen, wo er stand, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu fragen. Sie erinnerte sich an die vielen Male, in denen er eine Übung für sie leichter gestaltet hatte, als sie zuvor dachte. Auch daran, dass er sie schon einmal von hinten aufgefangen hatte, dachte sie. Das war nun schon viele Wochen her. Ganz nah hatte er hinter ihr gestanden… Sicher würde er darauf achten, sie auch dieses Mal nicht fallen zu lassen. Warum war es dennoch so schwer, los zu lassen und sich nach hinten fallen zu lassen.
Sie atmete tief ein und dachte: „Jetzt!“ Aber es gelang nicht, ihr Körper folgte einfach nicht ihrer gedanklichen Anweisung.“

„Komm Mari,“ lockte er sie freundlich, „du weißt, dir wird nichts passieren.“

Immer noch zögerte sie…

Und bei seinen Worten: „Ich weiß, du schaffst das Mari!“, holte sie tief Luft, dachte noch einmal „Jetzt!!!“ und…. ließ sich schließlich fallen.

Anders als bei dem Spiel, das sie vor einiger Zeit schon mal hatten, waren seine Hände allerdings nicht sofort da, und sie begann tatsächlich deutlich zu kippen. Doch nach einem kurzen Schreckmoment waren seine Hände da, fingen sie kräftig und fest auf, und ließen sie ganz sanft auf einen Stuhl sinken.
Ihr war heiß, in ihrem Kopf kribbelte es und sie atmete aufgeregt.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie.
Froh, seine Stimme nun ganz in der Nähe zu hören, wünschte sie sich, jetzt eine Berührung von ihm zu spüren.
„Würdest du mich bitte einen Moment umarmen?“ fragte sie leise.

„Aber sehr gerne“, lächelte er und nahm sie fest in die Arme.

In diesem Moment spürte sie erst, wie ihr Körper zitterte, und war dankbar für die Umarmung.
Er hält sie ganz fest. „Ruhig und tief atmen, Mari, das hast du sehr, sehr gut gemacht! Du hast großen Mut bewiesen und großes Vertrauen. Es war heute ja auch deutlich schwieriger, dich fallen zu lassen, aber du hast es gemacht, Mari!“ Daraufhin zog er ihr die Strickjacke nun mit nur einem kleine Zug an der richtigen Stelle aus. Auch die Augenbinde nahm er ihr nun ab und lächelte sie an…

„Danke für deine Anerkennung, das tut gut dass die Strickjacke jetzt ab kommt!“

Sie genoss es, wieder sehen und sich frei bewegen zu können.

„Das war wirklich sehr, sehr gut Mari“, sagte er noch einmal, und dann: „Das Spiel ist vorbei!“

Mari schaute Joel an und ging einen Schritt auf ihn zu, und… er nahm sie in seine Arme.

„Da hat es mir der Meister heute aber ziemlich schwer gemacht“, erklärte sie leise, und genoß seine Umarmung.

„Ja“ gab er zurück, „das war wirklich eine starke Herausforderung an dein Vertrauen, aber du hast sie super gemeistert, hast großen Mut bewiesen und ihm vertraut.“

„Du glaubst gar nicht, wie schwer mir das gefallen ist, Joel!“

„Oh doch, das glaube ich“, sagte er und drückte sie enger an sich, „aber du konntest es, weil dein Vertrauen wächst.“

„Es war heute so unheimlich, schon am Anfang, als er so lange geschwiegen hat, als ich auf dem Stuhl saß… Dann das Laufen ging ganz okay mit der Zeit, aber das Fallen lassen – das war echt heftig! Puh…“

„Ja, zumal er vorher dafür gesorgt hast, dass du die Orientierung verlierst beim Gehen , aber du hast dich nicht irritieren lassen und hast ihm vertraut! Ich bin beeindruckt, Mari!“

„Na doch habe ich mich irritieren lassen, ich habe völlig die Orientierung verloren hier im Raum, ich habe nicht mal mehr die Richtung seiner Stimme zuordnen können, da war ich schon sehr irritiert. Und ich glaube das war Absicht, stimmt’s?!“

„Ja sicher, es sollte ja schon etwas herausfordernder sein, als beim letzte Mal, schließlich willst du ja in deinem Vertrauen wachsen – und du hast tatsächlich noch mehr Vertrauen gezeigt! Prima, Mari!“

„Hm… der Meister ist schon ziemlich kreativ in seinen Übungen, da bekomme ich jetzt schon Bammel vor dem nächsten Mal…“

„Aber du weißt doch, dass es gut ausgehen wird!“ lächelte Joel.

„Warum habe ich dann trotzdem immer wieder so dolle Angst? Ich weiß gar nicht, welche Angst heute größer war: die Angst vor dem Fallen lassen oder die Angst davor, es nicht zu schaffen.“

Joel überlegte: „Tja, warum ist das so mit der Angst… Ich denke, weil es etwas Neues, etwas Ungewohntes ist, und weil du immer noch die unangenehmen Erinnerungen in dir trägst, die in ungewissen Situationen immer wieder aktiviert werden.“

„Ja, so wird es sein. Die kommen wohl immer wieder, wenn es eine neue Steigerung der Herausforderung gibt.“

„Ja, aber mit jedem Schritt, gewinnst du mehr Vertrauen, Mari, sonst wäre es dir heute blind und mit gefesselten Händen nicht möglich gewesen, so sicher durch die Wohnung zu gehen.“

Mari schaute Joel dankbar an. „Es ist echt toll von dir, Joel, dass du mich immer wieder auf die Dinge aufmerksam machst, die mir gelingen. Hab vielen Dank dafür!“

„Ich danke dir, Mari, dass ich ein Teil davon sein kann“, sagte er und drückt sie noch einmal fest an sich.

„Was hätte der Meister eigentlich gemacht, wenn ich mir die Jacke nicht hätte ausziehen wollen?“

Dann hätte er einen anderen Weg gefunden“, sagt Joel wissend, aber rätselhaft.

„Hm okay…“, ich frage wohl besser nicht weiter nach, meinte Mari nachdenklich.

„Du würdest auch keine Antwort bekommen“, schmunzelte Joel, „ich freue mich schon auf das nächste Spiel mit dir!“

Geschrieben von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

3. Eine utopische Heilungsreise: Schmerz und Mitgefühl


Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Mari freute sich, dass die Adventszeit dadurch einen so märchenhaften Zauber erhielt.
Heute am Morgen des 3.Dezembers, öffnete sie nun gespannt den nächsten bunten Umschlag und ist neugierig auf das dritte Kapitel von Carinas Heilungsreise im Raumschiff der außerirdischer Meister. Sie liest:

Grübelnd liegt Carina in ihrem Bett: ‘Nun sitze ich noch tiefer in der Tinte. Er erfährt von diesem Gespräch, weil er telepathisch mit Acquila verbunden ist. Hätte ich ihr doch nicht erzählt, dass ich lieber eine Frau als Ausbilderin hätte! Jetzt ist es sicher vorbei mit seiner Freundlichkeit.’

Als ihr Meister in ihr Zimmer kommt, um ihr eine gute Nacht zu wünschen, stellt sie sich schlafend. Carina fühlt sich nicht in der Lage, ihm in die Augen zu sehen und mit ihm zu reden. Immerhin war er ja stets freundlich und rücksichtsvoll zu ihr gewesen. Für wie undankbar muss er sie nun halten? Wie sollte sie ihm am nächsten Morgen nur begegnen?

Meister Ramon tritt ans Bett seiner sich schlafend stellenden Schülerin, streichelt ihr sanft wie immer übers Haar und sagt leise: “Schlaf gut, Carina. Du bräuchtest gar keine Angst zu haben.  Alles wird gut, du wirst sehen, es ist alles nicht so schlimm, wie du denkst.” Und wieder schläft Carina durch das wiederholte sanfte Streicheln schließlich ein.

Am nächsten Morgen liest sie folgende Botschaft von ihm in ihrem Adventskalender:

Geliebte Carina,
ich weiß, du wünschst lieber bei einer Frau deine Ausbildung zu machen.
Doch wir wissen doch beide, Carina, warum dir das so wichtig ist.
Auch, wenn du es jetzt mit einem Mann zu tun hast,
bedeutet das nicht, dass damit eine Gefahr für dich verbunden ist.
Das kannst du dir zwar noch nicht vorstellen,
aber genau diese Erfahrung willst du machen.
Ich helfe dir dabei.
 In Liebe Ramon

Er weiß also wirklich schon von dem Gespräch, das ich mit der Meisterin hatte’, denkt Carina, und ihr Magen rebelliert. Gefühle von Scham und Peinlichkeit verursachen in ihr ein solches Übelkeitsgefühl, dass sie sich nicht in der Lage fühlt aufzustehen. Ihr ungelöster Konflikt, über den sie sich permanent den Kopf zerbricht, hatte schon gestern Kopfschmerzen ausgelöst. Heute kommt zu diesen quälenden Schmerzen auch noch Übelkeit. Sie schließt die Augen, mag nichts mehr hören, nichts mehr sehen und schläft wieder ein.

Als sie erwacht, kommt kurze Zeit später ihr Meister zu ihr. Sie sagt ihm, dass es ihr schlecht gehe, und bittet ihn, heute im Bett bleiben zu dürfen.

Mitfühlend legt er seine Hand auf ihre heiße Stirn und bietet ihr eine Behandlung gegen ihre Schmerzen an.

Carina kann sich nicht vorstellen, dass ihr in diesem Zustand irgend etwas helfen könnte. Außerdem möchte sie den Kontakt zu Meister Ramon aufgrund ihrer schwierigen Gefühle auf ein Minimum beschränken. So bittet sie ihn nur um Ruhe und lehnt alles andere ab. Er respektiert ihren Wunsch und verlässt ihr Zimmer.

 

Carina dämmert vor sich hin. Immer wieder kommen ihr vor Verzweiflung die Tränen, dann schläft sie wieder erschöpft ein.

Kaffeetasse1Meisterin Acquila bringt ihr zwischendurch Tee, einen wohltuenden heilsamen Saft und etwas Leichtes zu essen, das Carina jedoch nicht anrührt.

Auch dieser Frau, der sie sich gestern anvertraut hat, fühlt sie sich beklommen gegenüber.

Die leise Stimme in ihrem Inneren, die ihr zuflüstert: „Du bist nicht so allein wie du dich fühlst…“ kann sie nur im Halbschlaf bruchstückhaft wahrnehmen. Ale sie wieder aufwacht bleiben die Worte haften „…nicht allein… “ 

Ach würde sie sich doch nicht so allein fühlen zwischen all den Fremden hier…

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

 

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

18. Bereitschaft… reicht aus

Bei Mari – 2.Teil der Übung Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Mari bewegte sich vorsichtig Schrittchen für Schrittchen mit verbundenen Augen durch ihr Wohnzimmer, wobei Joel in der Rolle des Meisters nur noch ein kleines Stückchen entfernt von ihr stand.

Wieder einmal machte sie eine Vertrauensübung mit verbundenen Augen. Es war nicht mehr so leicht wie beim ersten Mal, in denen es nur darum gegangen war, sich überhaupt erst einmal sitzend an den schwarzen Seidenschal vor ihren Augen zu gewöhnen. Sie erinnerte sich, wie schwer ihr das gefallen war. Und heute bewegte sie sich schon langsam durch den Raum damit nach den Weisungen ihres Meisters, der wieder einmal symbolisch die Rolle des Lebens für sie eingenommen hatte.

Ach, wenn sie doch jemals dieses Vertrauen fühlen könnte, das sie sich so sehr wünschte.

„Jetzt knie vor dem Leben nieder.“

Unsicher ging sie in die Knie – und in dem Moment, in dem sie fast umgefallen wäre, weil nichts zum Festhalten da zu sein schien, ergriff er ihren Arm und half ihr dabei nieder zu knien.

„Ich werde dir immer helfen, spätestens dann, wenn du spürst, es allein nicht zu schaffen. Und du darfst mich jederzeit um Hilfe bitten. Meine Hilfe wird zwar nicht immer genauso aussehen, wie du sie dir vorstellst, aber sie wird dir gewährt. Darauf kannst du vertrauen!“

„Danke, Meister!“

Sie spürte, dass etwas Weiches an der Stelle lag, an der sie sich nun nieder kniete, eine Decke… ein Kissen… Genau wusste sie es nicht, aber sie nahm wahr, dass er dafür gesorgt hatte, dass es nicht zu hart für sie wurde auf dem Boden. War das ein Symbol dafür, dass auch das Leben für sie sorgte, und alles so gestaltete, dass es nie zu hart sein würde, wenn sie ihm nur vertraute?

„So, und nun sprich mir nach – Satz für Satz, langsam und deutlich:

  • Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    „Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    Dabei fühle Mari sich klein – und das war in diesem Zusammenhang ein  erstaunlich angenehmes Gefühl. Sie brauchte sich nicht zu sorgen, das Leben sorgte für sie.

  • „Du führst, ich folge.“
    „Du führst, ich folge.“
    Auch das fühlte sich seltsam gut an – geborgen in einer größeren Macht…

  • „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    Tief atmete Mari ein – ach wenn sie doch sicher sein könnte,
    immer und überall Hilfe zu bekommen!

  • „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    Na ja, das ist eine ziemliche Herausforderung… dachte sie –
    aber es genügt, wenn ich es will, auch wenn ich es noch nicht ganz fühlen kann.

  • „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    Ach könnte ich die Liebe doch immer fühlen oder wenigstens darauf vertrauen,
    dass sie da ist, auch wenn ich sie gerade nicht wahrnehme…

  • „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    Das fühlt sich gut an… mit Unterstützung belohnt…
    Aber ob ich das immer kann? überlegte Mari

  • „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    Sie sprach es nach und dachte: Als ob er weiß, was ich eben gedacht habe…
    Es ist so erlösend und nimmt Druck, wenn die Bereitschaft ausreicht!

  • „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    Das gibt Frieden und Kraft!
    „Ja, ich bin bereit dazu…“ flüsterte sie noch einmal


    In diesem Moment fühlte sie, wie das Leben ihre Hände in seine großen warmen Hände nahm und wie es ihr half, sich zu erheben. Dann wurde sie in die Arme genommen und gehalten. Fest und innig umarmt stand sie nun aufrecht, sicher gehalten in den Armen des Lebens und nahm diese so deutlich spürbare Liebe wahr.

    „Atme die Liebe ein, Mari“, hörte sie die Stimme ihres Meister leise an ihrem Ohr, der als „das Leben“ zu ihr sprach. „Ja, so ist es gut. Gaaanz tief… Mit jedem Atemzug atmest du Liebe ein – jetzt hier in meinen Armen und auch sonst kannst du das tun – wo immer du bist.
    Du brauchst nur daran zu denken, bewusst Liebe einzuatmen, und schon ist es so.“

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17. Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Bei Mari – Hilfe kommt dann, wenn sie gebraucht wird

„So Mari, das Spiel beginnt. Setze dich jetzt auf den kleinen Schemel, den du bereits kennst.“

Überraschend wie meistens begann Joel das Rollenspiel, als er aus dem Badezimmer kam und das schwarz-bunte „Gewand des Lebens“ trug.

„Ich komme heute wieder als „das Leben“ zu dir und werde dir gleich die Augen verbinden. Das kennst du ja schon vom letzten Mal. Du hast zunächst nichts weiter zu tun, als einfach nur sitzen zu bleiben und das geschehen zu lassen. Dann wirst du weitere Anweisungen bekommen.“

Sie hörte wie er wieder hinter sie trat und leise zu summen begann – keine bestimmte Melodie, einfach nur Töne. Konnte das sein?! Ein Mann, der so zart summen konnte und das für sie tat…
Ihr Meister fand mit den Tönen einen Zugang zu ihrem gerade wieder so verletzlichen Gemüt… Im ersten Moment, als er ihr das schwarze Seidentuch umgebunden hatte, war sie verängstigt, wie letztes Mal auch. Doch dieser Schreck begann sich nun langsam sich zu lösen. Sie spürte seine warmen Hände auf ihren Schultern Mit sicheren, wohltuenden Bewegungen lockerte er ihre angespannte Körperhaltung. Ach, tat das gut! Wohlig seufzte sie leise auf. In diesem Moment hörte er auf zu summen und sprach zu ihr:

„Du wirst heute das Leben als deinen persönlichen Meister fühlbar mit deinen Sinnen erleben, Mari. Du hast dir ja neulich gewünscht, dem Leben öfter zu begegnen und zu lernen, ihm tiefer vertrauen zu können. Dein Wunsch ist wahr geworden! Steh auf und verneige dich vor deinem Meister, dem Leben.“

Gehorsam erhob sie sich und drehte sich um, da sie ihn noch hinter sich vermutete. Doch seine Stimme kam nun von woanders.

„Nein, da wo du dich hinwendest, bin ich nicht mehr. Ich bin stets unberechenbar. Dreh dich um in die Richtung, aus der du meine Stimme vernimmst.“

Langsam drehte sie sich soweit wie sie meinte, dass nun die Richtung stimmte.

„Ja,“ hörte sie ihn, „das ist fast richtig, ein kleines Stück noch nach rechts!

Sie folgte seiner Anweisung.

„Gut machst du das, Mari.“

Wie wohl ihr dieses kleine Lob tat! Daran merkte sie, wie unsicher sie sich fühlte, und wie hilfreich für sie die kleinste Bestätigung war.

„Weißt du noch, was du tun solltest?“

„Ja, Meister, ich soll mich vor dem Leben verneigen.“

„Sehr gut!“

Wieder spürte sie diese seltsame Freude über das Lob.

„Also nun – ich warte.“

Mari erschrak! Ach ja, sie sollte sich ja verneigen. Langsam beugte sie sich vor.

„Tiefer.“

„Ja, Meister!“

„Sehr gut! Nun richte dich wieder auf und komm näher.“

„Ja, Meister!“ Langsam ging sie vorwärts in die Richtung, in der sie ihn vermutete. Wie weit sollte sie gehen? Vorsichtig tastete sie um sich, damit sie nirgendwo anstieß.

„Deine Arme lässt du bitte unten. Du wirst dich nirgendwo stoßen! Sollte ein Hindernis im Weg sein, werde ich dich warnen.“

„Ja, Meister.“ Noch unsicherer als zuvor setzte sie langsam ihre Schritte vorwärts und blieb schließlich stehen.

„Komm weiter – noch näher – du bist noch nicht dort angekommen, wo ich es will.“

„Ja, Meister,“ flüsterte sie und ging weiter. Wie schwer fiel es ihr doch, die Arme nicht tastend um sich zu bewegen.

„Es fällt dir nicht leicht, mir zu vertrauen, nicht wahr?“

Sie schwieg, ganz mit der Bewältigung ihres Weges beschäftigt. Wackelig ging sie Schrittchen für Schrittchen vorwärts. So lang war ihr Wohnzimmer doch nie gewesen…“

„Du wirst es lernen! Das wird immer wieder einmal eine unserer Übungen sein – blindes Vertrauen.“ Seine Stimme klang ruhig und sicher.
Und irgendwie übertrug sich diese Sicherheit für einen kostbaren Moment auf Mari und und ein leises Lächeln flog über ihr Gesicht…

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16. Zeit im Dunkeln

Bei Joel – eine kurze, aber intensive Vertrauensübung

Mari betrat Joels Wohnung. Er nahm ihr die Jacke ab und hing sie etwas schief auf einen Bügel und führte sie ins Wohnzimmer.
Mari sah sich zögernd um, während Joel ihr ein Glas Wasser holte. Das Wohnzimmer war nicht unordentlich aber auch alles andere als ordentlich. Hier standen ein paar Gläser, dort eine Tasse, hier lag eine Tafel Schokolade, dort ein offenes Buch. Es hatte etwas anheimelndes, gemütliches. Als er ihr das Glas gab, sagte er: „Das Spiel beginnt.“ 

Er ging an ihr vorbei auf eine offene Tür zu. Sie sah ihm nach und erkannte in dem Zimmer ein großes Bett. Er öffnete einen Schrank und nahm etwas heraus. Dann schloss er die Tür, kam zurück und bat sie, sich zu setzen. 

Sie nahm Platz und er setze sich ihr gegenüber. Er sah sie direkt an, sein Blick war konzentriert und strahlte Gelassenheit aus. Voller Spannung sah sie ihn an, doch er sagt kein Wort. Sie rutschte etwas auf ihrem Stuhl hin und her. Ihre Augen wurden größer, doch er blieb ganz ruhig, regungslos und ohne ein Wort sitzen. 

Sie rutschte noch einmal herum. Keine Position schien ihr angenehm. Sein Blick lag auf ihr. Er war nicht schwer oder belastend und doch, konnte sie ihn irgendwie nicht gut aushalten. 

„Was tust du?“ platzte es aus ihr heraus. Schon in dem Moment, als sie es sagte, bereute sie es. Schon wieder war ihr eine Frage heraus gerutscht. „Es tut mir leid, Meister.“ 

„Ich bin froh, dass es Dir aufgefallen ist. Du bist sehr aufmerksam, das ist gut so.“ sagte er mit seiner warmen, angenehmen Stimme. 

„Ich werde dir gleich die Augen verbinden. Du wirst einfach sitzen bleiben und nichts sagen, und ich werde mich wieder hier hin setzen und ebenfalls sitzen bleiben und nichts sagen. Hast Du das verstanden Mari?“

„Ja, Meister“, sagte sie und hielt den Atem an. Die Augen verbinden? Ihr wurde plötzlich ganz heiß. Er stand ganz langsam auf, nahm einen schwarzen, seidenen Schal und trat mit langsamen leisen Schritten hinter sie. Sie spürte die seidige Kühle des Tuches auf ihrem Gesicht, als es ihr vor den Augen schwarz wurde. 

„Es wird nichts passieren“, sagte er sanft und band ihr das Tuch so behutsam wie möglich um den Kopf. Sie konnte spüren, als er wieder an ihr vorbei ging, doch sie konnte nicht hören, ob er sich gesetzt hatte. 

Ihr Atem ging schneller. Saß er ihr gegenüber? Oder stand er noch neben ihr? Hatte sie dort nicht gerade seinen Atem an ihrem Hals gespürt? Sie zog den Kopf ganz leicht in die andere Richtung. Ihr Atem schien ihr unglaublich laut zu sein. 

Was war das? War da gerade ein Geräusch? Ist er aufgestanden? Geht er um sie herum? Sieht er sie an? Sie rutschte auf dem Stuhl hin und her. Ihr Atem ging schneller. Sie wollte diese Aufgabe erfüllen, aber sie hatte so große Angst was jetzt passieren konnte. Sie war so völlig hilflos. Sie wusste einfach nicht, was um sie herum geschah. Vielleicht saß er einfach nur da, wie er es gesagt hatte. Aber vielleicht machte er auch… Hatte sie da etwas am Arm berührt? Hatte hinter ihr eine Diele geknarrt?

Sie hatte das Gefühl, bereits seit Stunden hier so zu sitzen. Sie schwitzte, atmete heftig, ballte die Fäuste. 

„Nimm das Tuch ab,“ sagt er plötzlich sehr sanft. Von wo kam diese Stimme fragte sie sich, doch sie wollte nicht darüber nachdenken. Sie riss sich das Tuch vom Kopf. 

Joel saß ihr ganz entspannt gegenüber, so als wäre er nie aufgestanden. Er hatte immer noch den gleichen konzentrierten und absolut wohlwollenden Gesichtsausdruck. Langsam entspannte sich ihr Atem, entspannten sich ihre Fäuste, entspannte sich ihr Körper. Es war vorbei.

„Überrascht?“, fragte er. „Es ist genau das passiert, was ich gesagt habe. Wie lange glaubst du, hast du dort so gesessen, Mari?“

Sie zögerte: „20 Minuten?“

Er lächelte: „Zeit ist sehr relativ. Es waren genau 2 Minuten. Unser Spiel ist für heute vorbei. Es war kurz, aber wohl sehr intensiv, oder? Da darf es jetzt genug sein.“ 

Er stand auf und ging in die Küche. 

„Möchtest du ein Stück Pflaumenkuchen, Mari?“ fragte er, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. 

Ihre Gedanken mußten sich erst langsam beruhigen. Warum hatte sie nicht glauben wollen, dass er genau das tun würde, was er ihr gesagt hatte? Wann würde sie anfangen, ihm wirklich zu vertrauen? 

„Ja, bitte“, sagte sie und lehnte sich mit einem Seufzer zurück. 

Dieses Kapitel wurde gemeinsam gestaltet von Rafael und Miriam.
Vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit, lieber Rafael

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12. Kopfkino

Das erste Treffen bei Joel

Mari und Joel hatten sich bisher zweimal bei Mari getroffen. Beim letzten Mal hatte Joel sie fürs nächste Treffen zu sich nach hause eingeladen.

„Bist du bereit, das nächste Mal zu mir zu kommen, Mari?“ hatte er gefragt.

Sie hätte nein sagen können, aber das wollte sie nicht. Heute wäre es ihr allerdings lieber gewesen, sie hätten sich weiter bei ihr, in ihrer vertrauten Umgebung getroffen. Doch wie hieß es so schön: Man sollte seine Komfortzone immer mal wieder verlassen.

Am Nachmittag nahm ihre Aufregung zu. Was würde sie wohl heute erwarten? Was hatte er in seiner Rolle als „Meister“ diesmal mit ihr vor?

Pünktlich um 18 Uhr erschien sie bei Joel, der sie lächelnd begrüßte und ins Wohnzimmer führte, wo Tee, Wasser und Gebäck auf dem Tisch standen.

„Ich möchte heute gleich mit unserer Session beginnen, den Englisch-Unterricht machen wir diesmal hinterher,“ erklärte er und schloss die Tür.

Dieser Moment, dieser winzige Moment des Tür-Schließens ließ in Mari Alarmglocken schrillen. Was, wenn sie gehen wollte, und er sie nicht raus ließ?
Was, wenn er die Wohnungstür von innen zu geschlossen hatte?
Was, wenn er sich  bisher nur so freundlich und entgegenkommend gezeigt hatte und heute, wo sie beim ihm war, in seiner Wohnung, in der er schalten und walten konnte, wie er wollte, sein wahres Gesicht erst zeigte?
Was, wenn er über sie herfiel und sie nicht weg konnte?

Immer tiefer verrannte sie sich in furchterregende Fantasien.

War es nicht leichtsinnig von ihr, einfach herzukommen, zu einem Mann, den sie noch gar nicht so lange kannte?
Nicht einmal ein Sicherheits-Telefonat mit einer Freundin hatte sie organisiert. Aber mit wem auch? Es gab keine Freundin, der sie von diesen speziellen Treffen erzählen konnte.
Wo war überhaupt ihr Handy? Ach ja, es steckte noch in der Jackentasche, die draußen an der Garderobe hing… Da konnte sie jetzt auch nicht ran!
Sie erinnerte sich an Filme, in denen sich anfänglich sehr freundliche Männer schlagartig in übler Weise verwandelt hatten, nachdem sie ihr Opfer erst mal auf heimischen Boden hatten…

„Ich möchte raus hier! Ich möchte sofort gehen!“

Joel hörte die Panik in ihrer Stimme, sah wie blass sie plötzlich geworden war, und öffnete sofort die Tür.  „Na klar, Mari, komm, lass uns an die frische Luft gehen,“ schlug er vor.

Wie auf der Flucht verließ sie die Wohnung. Joel hatte noch schnell ihre Jacke von der Garderobe genommen und ging hinter ihr die Treppe hinunter, sorgsam darauf bedacht, ihr in diesem Moment nicht zu nahe zu kommen.

Draußen regnete es leicht. Mari nahm das gar nicht wahr.
„Warte doch bitte mal einen kleinen Moment,“ bat er sie von hinten.
Sie drehte sich um, sah ihn an, wie er ihr die Jacke hinterher trug und in einem kleinen Abstand von ihr stehen blieb.
„Wenn es dir recht ist, begleite ich dich,“ bot er ihr an. Seine Stimme klang freundlich und warm wie immer.
Müsste er jetzt nicht sauer sein???
Statt dessen fragte er mitfühlend: „Es geht dir gerade gar nicht gut, stimmt´s? Wo möchtest du denn hin?“

In diesem Moment sah sie ihn wieder – ihn, Joel, wie er wirklich war – nicht die Schreckensgestalt, die ihre Panik in der Wohnung aus ihm gemacht hatte.

Jetzt wurde die Angst von Scham abgelöst. Sie schaute nach unten, nahm wahr, wie sich kleine Pfützen bildeten, spürte nun die Nässe auch durch ihre Kleidung hindurch und fröstelte. Ganz starr stand sie – und murmelte: „Ich weiß auch nicht…“
Wollte sie jetzt wirklich nach hause fahren?

„Zieh doch erstmal deine Jacke an…“  Immer noch etwas von ihr entfernt stehend hielt er ihr die Jacke hin, und sie schlüpfte hinein, legte die Arme schützend um ihren frierenden Oberkörper.

„Oh, Joel, es tut mir leid…“ brach es aus ihr hervor.

„Es braucht dir nicht leid zu tun, Mari, Du hattest einen Panikanfall. Dafür kannst du nichts. Was meinst du, würde es dir gut tun, wenn ich dich jetzt in die Arme nehme?“ fragte er sie vorsichtig.

„Ja, wenn du das noch willst…?“

Langsam und ganz behutsam legte er die Arme um sie, und der Rest von Angst und Widerstand schmolz in seiner Umarmung.
Eine ganze Weile standen sie in dieser Umarmung versunken auf der verregneten Straße.
„Nimmst du mich wieder mit zu dir?“ fragte sie schließlich leise.

„Gern, Mari. Und ich verspreche dir, es wird dir nichts geschehen. Heute werden wir auch kein Spiel mehr machen! Jetzt möchte ich nur, dass du dich von deinem Schrecken erholst und wieder auftaust, mein Schatz!“
Und später können wir vielleicht über alles reden, wenn du möchtest…“

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9. „Leben – bitte, sei sanft mit mir!“

Mari und Joel im 2. Rollenspiel: Im Leben ist eigentlich alles ungewiss“

Mari saß mit geschlossenen Augen auf dem kleinen Schemel, den Joel in seiner Rolle als Meister ihr zugewiesen hatte. Es fiel ihr schwer, die Augen nicht wenigstens ein wenig zu öffnen.
Angespannt lauschte sie auf die Geräusche im Zimmer.
Von hinten kam seine Stimme: „Wie fühlst du dich, Mari?“

„Etwas unbehaglich…“

„Was bereitet dir gerade am meisten Unbehagen?“

„Die Augen geschlossen zu halten – und nicht zu wissen, was du mit mir vorhast.“

„Ja, es ist wie im Leben, eigentlich ist es immer irgendwie ungewiss, wir wissen nie sicher was kommt. Und doch kommt oft etwas Gutes oder zumindest nichts Schlimmes.“

Noch immer war er etwas entfernt hinter ihr.
Jetzt hörte sie ihn näher kommen.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als er seine Hände auf ihre Schultern legte.

„Ganz ruhig, Mari, meine Hände kennst du doch bereits von der Schultermassage neulich auf der Parkbank. Und  ja… ich weiß… die Berührung kam überraschend – das ließ dich zusammen zucken. Spüre einfach mal hin… alles okay?
Was sagt die Gefühls-Ampel?“

„Körperlich grün – emotional gelb!“ antwortete Mari nach kurzem Zögern.

„Okay, dann richte mal deine Aufmerksamkeit ganz auf den Körper, besonders auf deine Schultern und die Berührungen meine Hände. Wie fühlt sich das an?“ Sanft massierte er Maris angespannte Schultern.

„Das tut gut…“ seufzte sie

Nach 5 Minuten Wohlfühlzeit löste er seine Hände und ging um Mari herum.

„Du kannst jetzt deine Augen öffnen, Mari.“

Meister_in_Schwazem_Gewand-.Joel stand ca. 2 Meter entfernt von ihr. Er hatte über sein T-Shirt ein schwarzes, weites, bis auf die Erde reichendes Gewand angezogen.

„Ich stehe jetzt als Symbolgestalt für das ganze Leben vor dir, Mari. Und ich frage dich:  Wie fühlst du dich? Was willst du mir, dem Leben, sagen?“

„Leben, ich habe Angst vor dem, was kommt!!!
Ich fühle mich oft so schwach, so verletzbar, so wund…
Ich danke dir für all das Gute, was du mir schon gebracht hast. 
Und das war wirklich viel.
Aber manches war auch ziemlich schwer!
Oh ich bitte dich, sei sanft zu mir! Tu mir nicht noch einmal so weh!“

Bei diesen Worten kamen Mari die Tränen.
Sie barg den Kopf in ihren Händen und schluchzte.

Joel trat auf sie zu, griff ihr vorsichtig unter die Achseln, zog sie sanft empor und führte sie zum Sofa. Er setzte sich in die Couchecke, legte ein Kissen in seinen Schoß und sagte zu ihr: „Mari, ich bin noch immer das Leben, und als solches lade ich dich ein, deinen Kopf in meinen Schoß zu legen, und dich ins Leben hinein zu entspannen. Leg dich hin und gib mir deinen Kopf.“

Noch immer weinend legte sich Mari auf die Couch und legte ihren heißen Kopf in seinen Schoß.

„Ich habe solche Angst!“ brach es aus ihr hervor. „Du kannst mir alles nehmen, alles mit mir machen, mich rütteln und schütteln, mich aufbauen und wieder zusammen falten. Oh Leben, du bist so mächtig, und ich bin so hilflos und klein. Ich möchte nie wieder so schlimme Schmerzen haben… Bitte, bitte! Geh ab jetzt sanfter mit mir um!“

Joel stellvertretend für „das Leben“ strich sanft über ihr Haar, in langsamen, beruhigenden Bewegungen – immer und immer wieder… Ließ sie weinen bis die Tränen versiegten und sie aufhörte zu schluchzen. Unablässig strich er über ihr Haar und ihre Schultern. 
Mari ließ es geschehen und spürte, wie sie sich langsam entspannte. Ab und zu schluchzte sie noch einmal auf… 

„Fühl mal, Mari:
Ich, das Leben, bin stark und groß,
und du bist in meinem Schoß.
Ich, das Leben, bin sanft zu dir –
jetzt und hier. 
Und denk mal zurück,
gab es in all dem Schweren nicht auch Beistand und Glück?
Gab es auch nur eine Situation, die gänzlich ohne Hilfe war?
Gab es auch nur einen Tag, an dem absolut gar nichts Gutes geschah?“

Mari ließ ihre Gedanken zu den verschiedenen schmerzhaften Erlebnissen wandern – und tatsächlich… in allem wurde ihr auch Hilfe zuteil. Oft floss sogar immens viel Liebe – unerwartet, gerade in den besonders schweren Momenten.  Immer waren Menschen da, manchmal Freunde, manchmal auch völlig Fremde, die ihr zur Seite gestanden hatten. Es gab seltsame Zufälle, mit denen gar nicht zu rechnen war, die gute Wendungen mit sich brachten.
Die Intensität der Liebe – war gerade in harten Tagen besonders stark spürbar gewesen. 
Ob das vielleicht der Sinn von allem schmerzlichen Erleben ist, dass die Liebe besonders deutlich zutage tritt…, überlegte Mari im stillen.

„War häufig nicht die Angst ein Verstärker deines Schmerzes?“ fragte Joel als „das Leben“.

„Ja, das stimmt, bekannte Mari, „ich habe so viel Angst in mir, aber ich kann sie nicht wegdenken! Das hab ich schon so oft versucht. Mit allen möglichen positiven Gedanken, Affirmationen, Kraftsätzen und weiß der Geier was – es funktioniert nicht!“

„Stimmt! Du kannst all deine Gefühle nur da sein lassen, atmen und sie fühlen. Und wenn du dich nicht so wehren würdest gegen sie – und vor allem nicht gegen mich, also gegen die Ungewissheit, die ich als „das Leben“ dir bringe, wäre vieles leichter…“

„Das fällt mir so schwer…“ gab Mari zu.

„Genau deswegen tun wir das, was wir hier miteinander tun! Wir üben miteinander…
Du übst, Mari – und ich bin dein Lehrer, der dich immer wieder hinein schickt ins Ungewisse – und dann deine Hand nimmt, um dich da durch zu führen – und sie ganz sicher hält, um es dir leichter zu machen,“ flüsterte Joel. „Das Leben will nicht, dass du es dir so schwer machst. Es will, dass du lernst, ihm zu vertrauen, dich von ihm halten und durch alles hindurch führen  zu lassen…“

Mari setzte sich auf und sah sich das Leben, verkörpert durch Joel an. Der öffnete seine Arme – und Mari ließ sich von ihm halten… Das fühlte sich so gut an,  sooo gut…

„Je mehr du dich in mich hinein entspannst, umso weniger Schmerz wirst du erleben…“ 

„Das will ich lernen – bitte hilf mir dabei!“ 

„Dafür bin ich da.
Dafür hat mich das Leben zu dir geführt, Mari.
Und das tue ich sooo gern!“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

8. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Ein zweites Treffen bei Mari, im Rollenspiel: Kann eine Hand eine Brücke sein?

Mari kam aus dem Bad und wollte sich gerade wieder auf die Couch setzen…

Doch die Stimmlage, in der Joel sie gerade ansprach, ließ sie in ihrer Bewegung sofort inne halten. Die bis eben recht entspannte Stimmung begann zu knistern.

„Mari, du wirst dich jetzt dorthin setzen und die Augen schließen.“

Hocker-1Ihr Blick folgte seiner Hand, die auf einen kleinen niedrigen Holzschemel wies, den sie sonst als Blumenbänkchen nutzte. Er hatte die Blumenvase, als sie vorhin in der Küche war, auf die Fensterbank gestellt. Ohne dass es ausgesprochen werden musste, war klar, dass das zweite Spiel begann.
Das erste war ja nur was Kurzes – sozusagen „zum Angewöhnen…“
Eine Adrenalinwelle schoss durch ihren Körper – ihr wurde heiß und sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug. Was würde jetzt kommen? 

Konnte sie sich wirklich darauf verlassen, dass er sich an die getroffenen Absprachen hielt?
Hatte er vielleicht doch eine Seite, die ihr gefährlich werden konnte… und wollte?

So gut kannte sie ihn doch noch gar nicht, um das abschätzen zu können, auch wenn sie sich schon mehrmals getroffen hatten und sie ihm viel erzählt hatte von ihren Bedürfnissen, Sehnsüchten und Grenzen.

Sie hatte nicht gedacht, dass schon der Beginn ihres neuen Weges, der sich in der Fantasie so viel schöner und leichter anfühlte, so angstbesetzt sein würde…
Wie von ferne hörte sie seine Stimme…

„Folge einfach nur dem, was ich sage! Setz dich dorthin und schließe die Augen, wenn du sitzt.“

Wie versteinert blieb sie stehen, während ihre Gedanken furchterregende Szenarien entwarfen. Konnte sie ihm wirklich vertrauen? Er war ja erst einmal hier gewesen… Er war ihr körperlich überlegen und könnte sie einfach…

Er stand aus seinem Sessel auf, kam langsam auf sie zu… Ihr Herz schlug noch schneller.
Da stand er auch schon vor ihr und… streckte ihr seine Hand entgegen.

Kann eine Hand eine Brücke sein?

Sie ergriff die angebotene Hand und stand direkt vor ihm.

Er nickte, schaute sie mitfühlend an, fragte: „So schlimm?“

Mari konnte nur leise flüstern: „Ja…“

Sacht zog er sie ganz an sich heran, nahm sie in die Arme und hielt sie – bis sich ihre Muskeln lockerten und sie die Umarmung auch mit ihrer Seele annehmen konnte.

In dem Moment flossen leise Tränen, sie schluchzte in sich hinein, verhalten, so wenig, dass sie hoffte, er würde es nicht wahrnehmen.

„Mari, du darfst weinen. Du darfst alles da sein lassen, was du fühlst. Es ist in Ordnung…“

„Da brach es aus ihr heraus: Ich kenne dich doch noch so wenig, ich bekam plötzlich Panik, es tut mir leid! Jetzt hab ich alles vermasselt…“

„Nichts hast du vermasselt! Ich verstehe dich, wir sind uns ja wirklich noch ziemlich fremd…
Und ich achte dich – besonders auch in deiner Angst. Welch großes Geschenk machst du mir und dir, dich trotz deiner Unsicherheit, mit all deiner alten Furcht vor Männern und körperlicher Nähe, auf diesen neuen Weg einzulassen.“

Dankbar nahm sie seine Worte auf, spürte die Wärme, die in seiner Stimme lag, und den Halt, den sein Arm ihr gab, den er um ihre Schultern gelegt hatte. Inzwischen hatte er sich mit ihr auf die Couch gesetzt. Langsam beruhigte sie sich.

„Okay, wenn du nicht inzwischen die Nase voll hast von mir, dann…“
Er unterbrach sie:
„Bitte rede nicht so von dir! Deine Gefühle brauchen unseremeine und deine – Achtung, Geduld und Liebe!“

„Ja, Meister!“ sagte sie und stand auf, um sich auf den ihr zugewiesenen Schemel zu setzen und sich auf das Spiel einzulassen.

Dies war der Moment, in dem er wirklich zu ihrem Meister wurde – indem sie ihn nicht nur im Kopf, sondern auch in ihrem Herzen als Meister für diesen Weg der geplanten Macht-Spiele und Vertrauens-Übungen annahm. Auch wenn das Vertrauen immer mal wieder heftig wackeln würde – ein erstes Pflänzchen war gesät.

Als sie auf dem Schemel saß und die Augen schloss, sagte er nicht: „Na bitte – geht doch!“ sondern…

„Gut gemacht, Mari!
Ja… aller Anfang ist schwer – aber…

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Hermann Hesse wusste das – und auch wir werden es gemeinsam erleben…“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

2. Ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand…

Mehr von Mari´s Fantasien:
Hilflos
sein und dabei getröstet, ermutigt und liebevoll berührt werden…

Hand in Hand gingen Mari und Joel durch den Park, während sie über das sprachen, was sie gemeinsam vorhatten. 

„Bitte beschreib doch mal, was du dir  von mir im Spiel der dominanten Rolle wünschst, Mari. Je mehr ich davon weiß, umso leichter wird es für uns beide, das zu verwirklichen, was dir gut tut in diesem sensiblen Thema.“

Mari überlege… wie sollte sie beginnen?
„Es sind ja immer nur Fragmente, Ausschnitte, kleine Szenen, kurze Sätze, die in mir aufploppen…“

„Na ja, ich will auch nicht, dass du mir ein ausgearbeitetes Drehbuch auftischst,“ lachte er. „Dann wäre ja auch keine Spannung mehr da. Die Gestaltung des Ablaufs unserer Sessions überlässt du ruhig mir. Regie ist schließlich meine Aufgabe in dem Spiel.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir ja gerade darum, die Erfahrung zu machen, dich gut aufgehoben zu fühlen, wenn du NICHT weißt, was kommt, wenn eine anfängliche Ungewissheit dein Adrenalin ins Fließen bringt und du dann erlebst, dass dir nichts Schlimmes geschieht. Habe ich dich so richtig verstanden?“

„Besser hätte ich es nicht formulieren können,“ bestätigte Mari. „Du hast gut zugehört.“

„Ja, ich glaube, zuhören kann ich ganz gut,“ gab Joel zurück.
„Also pass auf, wir machen jetzt ein Interview. Du antwortest möglichst spontan und sagst das, was dir gerade einfällt, ohne lange nachzudenken, okay?“

„Okay!“

„Wonach sehnst du dich?“

„Nach innigen Umarmungen, nach dem Gefühl, gehalten zu sein in allen Gefühlen, die gerade da sind, und mich sicher zu fühlen… Und dass meine Ups and Downs okay sind, auch dann, wenn ich weinen muss.“

„Deine Tränen sind mir jederzeit willkommen – ich werde für genügend Taschentücher sorgen, okay? Ernsthaft Mari: Es ist für mich vollkommen okay, wenn du weinst. Alles was aus dir kommt, darf da sein. Anders ginge solch ein Weg, den wir vorhaben, gar nicht. Und ich möchte dich darin auffangen können, dir Trost und Sicherheit geben, wenn es soweit ist. Deshalb meine nächste  Frage: Was tut dir gut? Was tröstet dich, wenn du dich aufgewühlt und ängstlich fühlst? Was hilft dir, wenn du weinst?“

„Wenn jemand meine Hand nimmt und sagt:  Alles okay. Alles darf sein. Mach dir keine Sorgen – alles ist gut.
Berührungen, die besonders in solchen Situationen eindeutig nicht erotisch sind, die einfach nur gut tun und in meiner Seele ankommen…“

„Verstehe – wie wenn ein Vogel verletzt ist… das zitternde, flatternde Vögelchen braucht dann eine sanfte Hand, in der es sich gut aufgehoben, aber nicht festgehalten fühlt…“

Mari konnte nur nicken, so berührt war sie von dem Gedankenbild, das er eben entworfen hatte.

„Auf welche Weise hast du in deinen Fantasien schon Machtlosigkeit und Kontrollabgabe erlebt?“

„Na ja… zum Beispiel durch Augen-Verbinden. Viel Macht hat auch die Stimme, die ich dann immer in mir höre. Sie ist bestimmend, aber immer auf freundliche Weise und nie laut. Manchmal stelle ich mir vor, dass jemand sagt: Du tust jetzt gar nichts, außer das, was ich dir sage!
Wenn ich mich dann darauf einlasse, macht es mir auch ein ganz warmes Gefühl, wenn diese Stimme mir sowas sagt wie: Das machst du gut, Mari. Ja, so ist es prima. Genauso wollte ich es. Gut gemacht!  
Manchmal stelle ich mir auch vor… gefesselt zu werden. Dies aber in wohlwollender, achtsamer Weise, ohne dass es weh tut – immer begleitet von dieser Stimme, die freundlich, aber bestimmt und in solchen Situationen auch ermutigend mit mir spricht. Stille könnte ich dabei nicht aushalten.“

„Hmm, verstehe… Das Fesseln… zum Beispiel mit Seidentüchern?“

„Ja… und nicht zu fest, aber so, dass ich es spüre und mich eingeschränkt fühle in meiner Beweglichkeit. Dabei geschieht dann aber immer irgendetwas Angenehmes, um die Angst, die dabei unweigerlich hochkommt, leichter erträglich zu machen. Und seltsamerweise entsteht durch diese dann gemilderte Angst eine Art von sexueller Erregung in mir. Die wird durch bestimmende, aber freundliche Worte verstärkt. Das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, aber keine Möglichkeit zu haben, selbst auf das Geschehen Einfluss zu nehmen – das macht ganz viel mit mir.“

„Ich glaub, ich verstehe dich. Du willst wehrlos gemacht werden und dabei gleichzeitig getröstet, ermutigt, gelobt und in jeglicher Weise gut behandelt werden, ja?“

„Ja, so ungefähr, und ich weiß gar nicht warum ich so seltsam ticke…“
„Das ist jetzt auch vollkommen egal. Wichtig ist, was du fühlst dabei… was dich bewegt… was immer wieder auftaucht in dir… und wie wir das in für dich gute Erlebnisse umsetzen können. Warum… Wieso… fragt der Kopf. Das bringt nichts. Es ist so, und hat sicher Ursachen. Die sind jetzt nebensächlich, lass uns auf das konzentrieren, was du erleben willst, und besonders auf das, was du brauchst, um dich darin aufhalten zu können, damit du mir nicht gleich wegrennst oder alles abbrichst, wenn die ersten Gefühle von Angst und Hilflosigkeit entstehen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht viel braucht bei dir, um das auszulösen – die stehen ja schon lange Schlange in deinem Inneren und warten darauf, dass die Tür sich öffnet und sie ins Leben kommen dürfen. Und dann ist es wichtig, dass ich dich halten kann, Mari. Denn wir wollen ja beide nicht, dass die Angst gleich so mächtig wird, dass sie die zaghaft geöffnete Tür gleich wieder zuschlägt.“

„Mir ist jetzt schon ganz flau im Magen,“ bekannte Mari.

„Komm, hier ist ne Bank, setzen wir uns hin,“ schlug Joel vor. „Darf ich dir ein bisschen die Schultern massieren?“ 

„Ui – das ist ja ein tolles Angebot, das nehme ich gern an.“

„Und hier im Park bist du ziemlich sicher, wenn ich dich das erste Mal berühre. Hier laufen immer mal Leute entlang und könnten dich retten, wenn ich dir was antun würde,“ scherzte Joel. „Aber Flachs beiseite, spür einfach mal hin, wie sich meine Hände für dich anfühlen.“

So bekam Mari ihre erste Massage auf der Parkbank – und konnte sie genießen.
Ihre Schultern- und Nackenmuskeln waren hoch erfreut – und sie konnte sich tatsächlich entspannen. „Hier kann ja kaum was Schlimmes geschehen“ meinten  ihre kleinen Angststimmen, wurden ganz ruhig und legten sich für ein Weilchen schlafen. 
Zum nächsten Kapitel: 3 – Bei dir oder bei mir?

 

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