Gegen Ende des 2. Rollenspiels – Ein Gespräch mit dem „Leben“ auf der Couch 

Mari saß mit Joel, der in diesem Spiel für sie „das Leben“ verkörperte, auf ihrem gemütlichen Sofa.

„Was geht dir gerade durch den Kopf, Mari?“

„Der Rückblick vorhin auf mein Leben… dass in allem Schweren, was ich bisher erlebte, stets auch Beistand, Hilfe und ja… auch Liebe da gewesen war, bewegt mich.
Und ich finde meine Idee spannend, ob nicht gerade das, was sich schwer anfühlt, die Liebe besonders intensiv fühlbar macht. Ich müsste meinen Fokus in solchen Momenten allerdings darauf richten und mich fragen:
Wo finde ich gerade jetzt, wenn es vielleicht heftig wackelt, oder gar weh tut – auch die Liebe?“

„Ich, das Leben, stimme dir zu:
Liebe ist immer da! Immer!
Liebe ist meine tiefste Essenz, auch wenn es oft nicht danach aussieht.
Ich bringe zu allem Schweren immer auch die Kraft, das zu bewältigen, hilfreiche Wendungen, die du selbst gar nicht planen oder dir vorstellen kannst, helfende Hände von Freunden oder Fremden, Trost und Ermutigung in Büchern, Liedern, Texten… freundliche, hilfsbereite Menschen…“

„Das stimmt. Das habe ich alles schon erlebt…“ überlegte Mari.

„Und nun sitze ich als „das Leben“ hier bei dir, um dich genau das erkennen zu lassen. Das ist heute meine Art, dir meine Liebe zu zeigen: Ich möchte dir helfen, mehr Gleichmut und Annahme dafür zu entwickeln, dass nicht immer alles rund läuft, nicht immer alles rund laufen kann! Denn sonst gäbe es keine Spannung mehr – und glaub mir, auch Langeweile kann als sehr schmerzlich empfunden werden.
Du wolltest tief in deinem Inneren schon immer intensiv fühlen, damit du auch meine Essenz, die Liebe, ganz stark wahrnehmen kannst. Deshalb hast du solch einen feinfühligen und damit wohl auch schmerzempfindlichen Körper und so ein sensibles Gefühlsleben.  Und deshalb musste ich dir auch die Herausforderungen bringen, die dich erschreckten, dich ängstigten und die du nun so stark spürst im Zusammensein mit dem Mann Joel. Hättest du früher die schlimmen Dinge nicht erlebt, könntest du jetzt die Liebe nicht erfahren, die danach strebt, die alten Verletzungen mit heilenden Worten, Gesten und Berührungen heilen zu lassen.
Alles dient letztendlich der Liebe – wenn auch in einem viel umfassenderen Sinne, als es in den jeweiligen Situationen erfassbar ist.“

„Warum hast du eigentlich so ein schwarzes Gewand an? Ist das Leben nicht in der Vielfalt seiner Erscheinungen eigentlich bunt?
Ach, Entschuldigung, ich habe schon wieder vergessen, dass ich den Meister nicht nach einem Warum fragen sollte. “

Lächelnd antwortete er: „Gut, dass es dir wieder eingefallen ist! In diesem Fall mache ich allerdings eine Ausnahme und gebe dir eine Antwort auf diese Frage. Denn darauf wollte ich selbst ohnehin gleich zu sprechen kommen.
Ja, du hast es gut erkannt, das Leben ist bunt, also vielfältig – und so gehört natürlich auch schwarz dazu.
Das schwarze Gewand sollte heute die Ungewissheit symbolisieren, das Undurchschaubare, das Mysterium, das das Leben oft in sich birgt, die Unkontrollierbarkeit, die bei vielen Menschen – nicht nur bei dir – Angst auslöst. Unbekanntes ist oft mit Angst verbunden. Und letztlich ist jeder Tag ein eigenes Kapitel, das immer auch Unbekanntes mit sich bringt.
Du hast dich vorhin ja gerade auch wegen des Ungewissen, was ich dir bringe und mit dir machen könnte, gefürchtet, nicht wahr?
Und… Mari… wie war denn nun heute deine Begegnung mit mir, als „das Leben“ für dich?“

„Nicht so schlimm, wie ich erst befürchtet hatte… nein – eigentlich gar nicht schlimm! Und ich hatte ganz wichtige Erkenntnisse – mit der Liebe in allem und so…
Ja, irgendwie ist es richtig schön, sich mit dem Leben mal auf der Couch sitzend unterhalten zu können,“ lachte Mari.

„Mari, du kannst immer mit mir, also mit dem Leben als Ganzes reden, auch wenn ich nicht verkörpert neben dir auf der Couch sitze. Ich höre und sehe alles von dir und nehme es in mich auf. Erzähl mir von dem, was dich bewegt, so oft du möchtest. Sag mir deine Wünsche, deinen Dank, deine Freuden, und du wirst nach und nach merken, dass ich für dich zu einem fühlbaren Partner werde, denn ich antworte auf alles in meiner Weise: durch Zufälle, durch Sätze, die du irgendwo hörst oder liest, durch Lieder, Geschichten, Begebenheiten, und auch durch deine innere Stimme, deine Inspiration. Rede mit mir, ich antworte dir!“

„Wow, dass du mir das heute sagst, finde ich magisch. Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, da habe ich das schon mal gemacht, allerdings schriftlich. Das war, als ich Joel noch gar nicht kannte… Da habe ich einen Brief ans Leben, also an dich in mein Tagebuch geschrieben. Und du hast darauf in der Weise reagiert, dass der Mailwechsel mit Joel entstanden ist. Und nun sitzt er als das Leben hier neben mir und wir erleben etwas von dem, was ich dir geschrieben habe… Hui…!
Ja, liebes Leben, ich will gern noch öfter mit dir ins Gespräch gehen – sei es in gesprochener oder in schriftlicher Form. Vielleicht wird sich meine Angst vor dem Ungewissen, was du ja immer mitbringst, langsam verringern…“

„Diese Angst ist ganz menschlich, Mari, und es wird noch oft so sein, dass du dich erst einmal aufgrund der Ungewissheit fürchtest und dann am Ende feststellst, dass es eigentlich nicht schlimm war. Und so manches Mal wirst du dich – so wie jetzt – später freuen und sogar lachen können. Das gilt für unsere Spiele hier und für viele Erfahrungen auch im realen  Leben“, meinte Joel als ihr Meister.
„Vielleicht kann ja das, was wir hier miteinander erleben, auch zu einem tieferen Vertrauen ins Leben überhaupt beitragen. Das würde mich freuen – als dein Meister und als Joel.“

„Das wäre schön…“

„So und nun gebe ich dir zum Abschluss unseres heutigen Spiels noch eine Hausaufgabe:
Ich möchte, dass du dir Stickgarn besorgst.“

„Wie jetzt…?! Soll ich etwa sticken???
Stickgarn hab ich sogar – aber ich kann nicht gut sticken oder nähen…
Das ist nicht so mein Ding, da fehlt mir die Geduld.“

„Ich möchte dennoch, dass du jedes Mal, nachdem du eine sich positiv gestaltende Erfahrung von Ungewissheit gemacht hast, also fast nach jedem Spiel, aber auch sonst, wenn du etwas erlebst, was erst ungewiss ist und sich dann auflöst, etwas Buntes in diesen schwarzen Umhang, den „das Leben“ immer wieder einmal tragen wird, hinein stickst. Es muss nicht viel sein, und es muss nicht perfekt sein! Du kannst zum Beispiel auch mal eine einzige kleine bunte Paillette aufnähen oder fünf Kreuzchen sticken, oder einfach eine kleine Schlangenlinie… was immer dir einfällt und dir leicht fällt!
Mit der Zeit wird dieses Gewand immer bunter und schöner werden. Und du wirst sehen, wie zauberhaft die farbigen kleinen Stickereien sich auf dem schwarzen Untergrund abheben – so wie Sterne im Nachhimmel – so herrlich leuchten die bunten Fäden der Lebendigkeit auf dem dunklen Boden der Ungewissheit… Und du wirst nach und nach sehen und erleben: Das Gewand des Leben wird durch deine Gestaltung immer bunter und schöner!
Wirst du diese Aufgabe annehmen, Mari, auch wenn du bisher nicht gern gestickt oder genäht hast?“

„Ja, Meister, ich nehme deine Aufgabe an.“

–>  Zum nächsten Kapitel: 11. Ein Brief ans Leben – Auftakt zu etwas Neuem… 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

12 Kommentare zu „10. Leuchtend bunte Lebendigkeit auf dem dunklen Grund der Ungewissheit

    1. Hallo, Wortverdreher, hab vielen Dank für dein Feedback.
      An welchen Stellen findest du ihn inkonsequent?
      Das würde mich interessieren.
      Mir fällt in diesem Kapitel nur der Moment auf, wo er ihre „Warum-Frage“ (Warum trägt das Leben ein schwarzes Gewand?) beantwortet.
      Da er sich aber bewusst für eine „Ausnahme“ entscheidet , wirkt das für mich nicht inkonsequent.
      Aber vielleicht ist dir das ja auch in anderen Kapiteln aufgefallen…?

      Zu deiner Frage bzgl. der Nachgiebigkeit: Was sie braucht, ist jemand, der ihr, wenn etwas für sie (vielleicht noch?) nicht geht, entgegenkommt und ihre Angst annehmen und darauf eingehen kann. Dies kann dann (und muss manchmal auch, damit das Spiel für sie überhaupt weitergehen kann) durchaus eine Abweichung des Gesagten beinhalten.
      Notwendige Abweichungen ermöglichen ihr erst, sich nach und nach weiter zu öffnen, so dass ihr dadurch manches möglich wird, was vorher (wegen angstvoller Anspannung) nicht möglich war.
      Dass sie das Problem „Angst vor Männer und körperliche Nähe hat“, hat sie ihm ja anfangs mitgeteilt und das erzeugt eine fast paradoxe Schere zwischen dem Bedürfnis nach Führung einerseits und der Notwendigkeit, andererseits in der Führungsrolle flexibel und einfühlsam , wenn auch weiterhin freundlich bestimmend mit der jeweiligen Situation umzugehen.
      Wenn diese Gradwanderung gelingen soll, und es manchmal nötig ist , zwischen einer der beiden Seiten der Schere zu wählen, dann wäre die flexible, auf sie eingehende Seite sicher die meistens notwendige in dieser sensiblen Thematik.

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      1. Liebe Miriam,
        ich sehe den Widerspruch in der Geschichte sehr deutlich und sie macht ja auch diese unterschwellige Spannung aus. Die Schere ist mir, und das ist ja nur mein ganz persönliches Empfinden, an der ein oder anderen Stelle zu groß. Die Warum-Frage“ ist eine Szene. Für mich stellt sich eben die Frage, ob sie sich auf die Regeln einlassen will, oder ob sie es nur will, wenn es für sie passt. Sicherlich darf er als Meister die Situation nicht ausnutzen, aber es geht auch darum, dass er eine Komfortzone baut,. Wenn sie, und so verstehe ich ihr Anliegen, aus dieser Zone herauswill, dann doch auch konsequent.
        Die Art und Weise, wie sie reagiert, als er ihr die Aufgabe mit dem Stickgarn gibt, geht in die gleiche Richtung. Noch in der verabredeten Rolle die Aufgabe so abzulehnen und zu hinterfragen zeigt, dass entweder noch nicht bereit ist oder die Rolle ablehnt.
        Du hast in Deiner Geschichte ja die Möglichkeit einer Metakommunikation geschaffen, dass heißt, sie können beide die Situation miteinander reflektieren. Aber dass er in seiner Rolle als Meister hier so,nachgibieig ist, ist für mich nicht stimmig.
        Sicher, er muss behutsam sein, will sie nicht verschrecken und verlieren, aber in der Rolle als Meister muss er auch für seine eigene Glaubwürdikeit sorgen.
        Es ist ja Deine Geschichte und ich will mich j auch gar nicht einmischen und lese sie gerne, aber Du hattest, ich hoffe ich täusche mich nicht, um Kommentare und Rückmeldungen gebeten und so wollte ich Dir mitteilen, was bei mir beim Lesen für ein Eindruck entsetzt.
        Viele Grüße
        Christian

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        1. Lieber Christian,
          ja! Ich freue mich über Rückmeldungen und eigene Eindrücke – vielen Dank für deine ausführliche Antwort.
          Zu deiner Frage, ob sie sich auf die Regeln einlassen will, oder ob sie es nur will, wenn es für sie passt…
          Sie will sich durchaus auf die Regeln einlassen, wenn es für sie möglich ist, also wenn sie es KANN.
          Aber manchmal, wie hier in diesem Kapitel… nun da ist sie nicht ganz reflektiert, muss sich an die neue Rolle erst noch gewöhnen, und es fällt ihr erst kurz danach auf, dass sie es z.B. vergessen hat (keine Warum-Frage zu stellen) .
          Glücklicherweise gibt es ja auch die Regel (an die sich auch ihr Meister hält 😉 ) : Fehler dürfen sein!
          Diese findet hier sicher ihre Anwendung, und sie entschuldigt sich ja auch wegen des „Faux pas“.

          Was die zweite Situation mit dem Stickgarn anbelangt, da verweigert sie ja nicht die Aufgabe, sondern spricht ledidglich ungefragt über ihre Unlust zu sticken.
          Der Meister sagt darauf hin jedoch klar: „Ich möchte dennoch, dass du …“ Und sie nimmt die Aufgabe an.

          Ja, manchmal muss sie sich noch etwas mehr in ihre Rolle hinein finden, da stimme ich dir zu. Wobei „Korrekturen“, wenn sie nicht lieblos und hart rüber kommen, ja auch ihren Reiz haben…
          Da haben die beiden ja noch Zeit zu üben – ist ja für beide etwas total Neues (und übrigens auch für mich als Geschichtenschreiberin) .
          Falls du Lust hast zu der Frage:
          Was hättest du als Meister denn zu ihr gesagt in diesen beiden Situationen?
          Und… diese zwei Momente, die ja gerade mal nichts mit Angst und der dafür notwendigen Nachgiebigkeit zu tun haben, würden sich also zum Lernen und Einüben in die neue Rolle eignen…
          Es grüßt dich
          Miriam

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      1. Ich würde es so machen:

        Alles dient letztendlich der Liebe – wenn auch in einem viel umfassenderen Sinne, als es in den jeweiligen Situationen erfassbar ist.“
        „Warum hast du eigentlich so ein schwarzes Gewand an? Ist das Leben nicht in der Vielfalt seiner Erscheinungen eigentlich bunt?
        Ach, Entschuldigung, ich habe schon wieder vergessen, dass ich den Meister nicht nach einem Warum fragen sollte. “
        „Ich freue mich sehr, dass es Dir noch aufgefallen ist. Da hast Du sehr gut aufgepasst.“
        Mari lächelte. „Aber Du hast gesagt, ich darf Fehler machen.“
        Er sah sie ernst an. „Ja, das ist eine unserer Regeln. Aber es gibt einen Unterschied zwischen etwas falsch machen oder eine Regel nicht beachten.“
        „Das verstehe ich nicht?“
        „Nun, eine Regel nicht beachten ist eine Form des Widerspruchs. Die Regeln, die wir vereinbaren haben, haben alle einen Sinn. Sie formen unser Spiel. Daher ist die Beachtung der ärgern das allerletzte Angebot. Wenn Du bei den Aufgabe, die ich Dir gebe einen Fehler machst, dann ist das völlig in Ordnung, solange Du die Regeln beachtest. Wir können außerhalb des Spiels gerne über unsere Regeln sprechen, aber im Spiel ist die Gehorsamkeit absolut notwendig, denn sie ist der Spiegel Deines Vertrauens in mich. Solange du mir vertraust, gibt es keinen Grund die Regeln und auch die Aufgaben in Frage zu stellen.“
        „Ja Meister, ich verstehe“ sagte sie und senkte den Kopf.
        Er streicht sanft über den Kopf: „Vertrau mir Mari. Das Spiel funktioniert nur, wenn Du die Kontrolle abgibst. Ich weiß, es ist

        die Unkontrollierbarkeit, die bei vielen Menschen – nicht nur bei dir – Angst auslöst. Unbekanntes ist oft mit Angst verbunden. Und letztlich ist jeder Tag ein eigenes Kapitel, das immer auch Unbekanntes mit sich bringt.
        Du hast dich vorhin ja gerade auch wegen des Ungewissen, was ich dir bringe und mit dir machen könnte, gefürchtet, nicht wahr?
        Und… Mari… wie war denn nun heute deine Begegnung mit mir, als „das Leben“ für dich?“
        „Nicht so schlimm, wie ich erst befürchtet hatte… nein – eigentlich gar nicht schlimm! Und ich hatte ganz wichtige Erkenntnisse – mit der Liebe in allem und so…
        Ja, irgendwie ist es richtig schön, sich mit dem Leben mal auf der Couch sitzend unterhalten zu können,“ lachte Mari.
        „Mari, du kannst immer mit mir, also mit dem Leben als Ganzes reden, auch wenn ich nicht verkörpert neben dir auf der Couch sitze. Ich höre und sehe alles von dir und nehme es in mich auf. Erzähl mir von dem, was dich bewegt, so oft du möchtest. Sag mir deine Wünsche, deinen Dank, deine Freuden, und du wirst nach und nach merken, dass ich für dich zu einem fühlbaren Partner werde, denn ich antworte auf alles in meiner Weise: durch Zufälle, durch Sätze, die du irgendwo hörst oder liest, durch Lieder, Geschichten, Begebenheiten, und auch durch deine innere Stimme, deine Inspiration. Rede mit mir, ich antworte dir!“
        „Wow, dass du mir das heute sagst, finde ich magisch. Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, da habe ich das schon mal gemacht, allerdings schriftlich. Das war, als ich Joel noch gar nicht kannte… Da habe ich einen Brief ans Leben, also an dich in mein Tagebuch geschrieben. Und du hast darauf in der Weise reagiert, dass der Mailwechsel mit Joel entstanden ist. Und nun sitzt er als das Leben hier neben mir und wir erleben etwas von dem, was ich dir geschrieben habe… Hui…!
        Ja, liebes Leben, ich will gern noch öfter mit dir ins Gespräch gehen – sei es in gesprochener oder in schriftlicher Form. Vielleicht wird sich meine Angst vor dem Ungewissen, was du ja immer mitbringst, langsam verringern…“
        „Diese Angst ist ganz menschlich, Mari, und es wird noch oft so sein, dass du dich erst einmal aufgrund der Ungewissheit fürchtest und dann am Ende feststellst, dass es eigentlich nicht schlimm war. Und so manches Mal wirst du dich – so wie jetzt – später freuen und sogar lachen können. Das gilt für unsere Spiele hier und für viele Erfahrungen auch im realen  Leben“, meinte Joel als ihr Meister.
        „Vielleicht kann ja das, was wir hier miteinander erleben, auch zu einem tieferen Vertrauen ins Leben überhaupt beitragen. Das würde mich freuen – als dein Meister und als Joel.“
        „Das wäre schön…“
        „So und nun gebe ich dir zum Abschluss unseres heutigen Spiels noch eine Hausaufgabe:
        Ich möchte, dass du dir Stickgarn besorgst.“
        „Wie jetzt…?! Soll ich etwa sticken???
        Stickgarn hab ich sogar – aber ich kann nicht gut sticken oder nähen…
        Das ist nicht so mein Ding, da fehlt mir die Geduld.“

        Joel sagte nichts, sah sie nur an.
        Langsam und doch deutlich spürbar stieg ihr die Röte ins Gesicht.
        „Hast Du die Aufgabe verstanden?“
        „Ja Meister“, sagt sie leise.
        „Wirst Du sie annehmen?“
        „Ja Meister.“

        „Ich möchte dennoch, dass du jedes Mal, nachdem du eine sich positiv gestaltende Erfahrung von Ungewissheit gemacht hast, also fast nach jedem Spiel, aber auch sonst, wenn du etwas erlebst, was erst ungewiss ist und sich dann auflöst, etwas Buntes in diesen schwarzen Umhang, den „das Leben“ immer wieder einmal tragen wird, hinein stickst. Es muss nicht viel sein, und es muss nicht perfekt sein! Du kannst zum Beispiel auch mal eine einzige kleine bunte Paillette aufnähen oder fünf Kreuzchen sticken, oder einfach eine kleine Schlangenlinie… was immer dir einfällt und dir leicht fällt!
        Mit der Zeit wird dieses Gewand immer bunter und schöner werden. Und du wirst sehen, wie zauberhaft die farbigen kleinen Stickereien sich auf dem schwarzen Untergrund abheben – so wie Sterne im Nachhimmel – so herrlich leuchten die bunten Fäden der Lebendigkeit auf dem dunklen Boden der Ungewissheit… Und du wirst nach und nach sehen und erleben: Das Gewand des Leben wird durch deine Gestaltung immer bunter und schöner!
        Wirst du diese Aufgabe annehmen, Mari, auch wenn du bisher nicht gern gestickt oder genäht hast?“
        „Ja, Meister, ich nehme deine Aufgabe an.“

        (Habe nur an den benannten Stellen geändert. Bin auf Deine Rückmeldung gespannt.)
        Viele Grüße
        Christian

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        1. Ach, diesen Nachtrage wollte ich noch anschließen:

          „Dann ist das Spiel für heute beendet.“
          Es trat Stille ein. Nach einer ganzen Weile fragte Mari: „Darf ich jetzt etwas fragen?“
          Joel lachte. „Jetzt darfst Du alles fragen.“
          „Warum das Schwarze Gewand?“
          „Nun das Gewand ist ein Symbol für die Unsicherheit und die Unkontrollierbarkeit und es ist gerade jetzt am Anfang auch das Symbol für meine Rolle.“
          „Und ist es wirklich so schlimm, wenn ich frage?“
          „Nun, wenn Du fragst, fragst Du, um einen Grund zu erfahren. Das bedeutet, dass Du nicht vertraust. Du versuchst auf diese Weise ein Stück Kontrolle zurückzugewinnen. Doch genau darum geht es in unserem Spiel: Du willst die Kontrolle abgeben. Dies wird nur gelingen, wenn Du mir vertraust. Mir ist klar, dass mich dieses Vertrauens würdig erweisen muss, deshalb fangen wir behutsam an.“
          „Behutsam klingt gut“, sagte Mari leise.
          „Vertraust Du mir bis hierher?“
          „Ja Meister.“
          „Nein,, nicht Meister! Ich bin Joel. Das Spiel ist für heute beendet. Keine Regeln mehr.“
          „Stimmt. Du hast recht. Ja. Ja; ich vertraue Dir Joel“, sagte Mari mit einem leichten Lächeln um den Lippen.

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          1. Wie schön, dass Joel hinterher durch sein Lachen die Atmosphäre lockert und Mari dann noch genauer den Sinn der Regel, dem Meister keine Warum-Fragen zu stellen, erklärt.
            Dass das Abgeben von Kontrolle nur in einer Haltung von Vertrauen möglich ist, und dass ihm bewusst ist, dass das nur durch eine behutsame Herangehensweise seinerseits entstehen kann, und ihr das auch zusichert, ist ein wunderbarer Abschluss.
            So einfühlsam ist das, dass sie dann sagen kann: „Ja; ich vertraue Dir Joel“ – Klasse!
            Hab vielen Dank für all diese wertvollen Ergänzungen !
            Liebe Grüße von Miriam

            Gefällt 1 Person

        2. Lieber Christian, deine Variationen des Textes gefallen mir sehr gut.
          Dass das Befolgen der Regeln, ohne sie zu hinterfragen, ein Spiegel des Vertrauens darstellt, finde ich eine wunderbar ausgedrückte Ergänzung.
          Auch der kleine aber feine Unterschied zwischen „einem Fehler machen dürfen“ und „sich nicht an eine Regel halten“ gefällt mir.
          Allerdings kann es durchaus sein, dass es Mari ab und zu gar nicht auffällt, wenn sie mit einer Regel kollidiert, also dass es nicht aus einer Haltung von Widerspruch geschieht, sondern eher versehentlich…
          Ganz besonders gefällt mir der Satz mit dieser schönen Geste:
          Er streicht sanft über den Kopf: „Vertrau mir Mari. Das Spiel funktioniert nur, wenn Du die Kontrolle abgibst
          Dies Art von konsequentem Verhalten eingebettet in spürbare Wärme gefällt mir sehr gut und passt gut zur Schwingung des Gesamtkonzeptes der Geschichte von Mari und ihrem Meister
          Miriam

          Gefällt 1 Person

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