Gegen Ende des ersten Spiels zuhause bei Mari – Stelle Fragen während eines Spiels nur wenn es unvermeidbar ist

Mari saß mit Joel, der für sie im gemeinsamen Rollenspiel die Meisterrolle eingenommen hatte, auf der Couch.

„So, Mari, nachdem du jetzt so ordentlich aufgeräumt hast und der Tisch schön sauber und leer ist, habe ich eine Frage: Hast du dicke Filzstifte?“

„Ja,“ antwortete Mari verwundert.

„Bring die mal her – und dazu ein großes Blatt Papier.“

´Mit Filzer und Papier was machen…, das ist eine meiner leichtesten Übungen…,´ dachte Mari erleichtert, und holte die gewünschten Sachen.

Joel, der von ihr wusste, dass sie alles, was mit Kreativität zu tun hatte, gern mochte, freute sich, ihr damit einen für sie angenehmen Ausklang des ersten Spiels schenken zu können.
„Du hast vorhin drei Regeln von mir bekommen.
Welche von diesen dreien bewegt dich am meisten?“

Still saß Mari da und überlegte…

„Wiederhole sie bitte in Kurzform.“

„Erstens: Ich soll die Wohnung nicht putzen oder aufräumen bevor du kommst.
Zweitens: Ich sollte mir eine Anrede auswählen und diese künftig verwenden.
Ich schlug „Meister“ vor und du warst damit einverstanden.
Drittens: Es ist nicht schlimm, Fehler zu machen.“

„Das hast du dir gut gemerkt,“ lächelte Joel.
„Nun nochmal meine Frage – ich formuliere sie etwas anders:
Falls ich zwei dieser Regeln streichen würde, von welcher würdest du dir wünschen, dass sie übrig bliebe?“

„Die dritte!“

„Ja, die ist mir auch am wichtigsten. Ganz kurz in drei Worten:
FEHLER DÜRFEN SEIN.

Das schreibst du jetzt mit einem der dicken Filzer groß auf das Blatt Papier.“

„Egal mit welcher Farbe?“

„Nimm GRÜN! Grün ist die Erlaubnis-Farbe.“

Mari folgte seiner Anweisung und war dabei froh, dass sie etwas tun sollte, was ihr leicht fiel und auch mal richtig Spaß machte. Sie schrieb es genüsslich in dicken Blockbuchstaben auf das Papier und versah es am Ende mit einem Ausrufungszeichen.“

~  F E H L E R   D Ü R F E N   S E I N !  ~

„Das hast du gut gemacht, Mari,“ lobte Joel. „Jetzt gebe ich dir eine Hausaufgabe: Du wirst dieses Blatt mit den drei so wichtigen Worten in den nächsten Tagen weiter farbig gestalten. Bis wir uns wiedersehen wirst du an jedem Tag etwas hinzu fügen, egal was. Mach es so, wie es dir gefällt und dir Freude macht. Am Vormittag unseres nächsten Treffens wirst du es hier irgendwo in deiner Wohnung hinhängen. Wohin, das kannst du dir aussuchen.“
Dabei dachte er: ´So wird sie sich Tag für Tag damit beschäftigen, und das ist gut… Das möge dazu beitragen, ihre Angst vor Fehlern abzubauen…“

Mari begann inzwischen, Stifte und Papier zusammen zu räumen. Als sie im Begriff war, sich von der Couch zu erheben, hielt er sie fest und stoppte sie.
„Wo willst du hin?“

„Na wegräumen! Ich dachte, wir sind fertig für heute.“

„Mari, wann das Spiel zu Ende ist, bestimme ich. Und auch wann es beginnt.“

Verlegen stand sie vor ihm. Warum musste sie auch gleich wieder erröten wie ein Kind, das zurecht gewiesen wurde.

„Entschuldige bitte…“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, das hatten wir ja noch nicht besprochen. Das war auch keine Zurechtweisung von mir, lediglich eine Information, die ich dir gegeben habe. Sagen wir… Es ist die vierte Regel.
Und eine Regel kannst du erst befolgen, wenn du sie kennst, nicht wahr?“

Sanft zog er sie wieder auf die Couch zurück und legte den Arm um sie.
„Aber wir werden das Spiel in Kürze beenden.“

„Darf ich dich noch etwas fragen?“

„Da wir heute noch ziemlich am Anfang unseres Weges sind, erlaube ich dir eine Frage. Ob ich sie beantworte oder nicht, lasse ich offen.“

„Warum darf ich die Wohnung nicht putzen oder aufräumen, bevor du kommst?“

„Okay – da ist jetzt eine fünfte Regel fällig zu setzen:
Mari, frage niemals deinen Meister nach dem Warum oder Weshalb einer Anordnung.
Du wirst darauf keine Antwort bekommen.
Sei künftig immer darauf bedacht, keine Fragen zu stellen, die vermeidbar sind für den Ablauf des Spieles.“

Mari nickte. Warum beschlich sie immer wieder das Gefühl, etwas falsch zu machen???

„Und auch das konntest du vorher nicht wissen,“ sagte ihr Meister freundlich und nahm ihre Hand.
„Wenn du allerdings nachher deinen Freund Joel danach fragst, hast du vielleicht gute Chancen, eine Antwort auf deine Frage zu bekommen,“ lächelte er und meinte dann:
„So, und nun ist unser erstes Spiel beendet!“

Zum nächsten Kapitel : 6 – Gedanke am Abend und ein Gute-Nacht-Gruß

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge


3 Kommentare zu „5. Was man nicht weiß, kann man nicht erfüllen

  1. Liebe Miriam,
    nun habe ich es endlich geschafft, ein weiteres Kapitel der Vertrauensspiele zu lesen *lächel* Ich bin ganz gespannt auf die weiteren Fortsetzungen. Wie du sicher sehen kannst, habe ich beim 1.Teil angefangen und mich dann langsam, sofern ich die Zeit hatte, nach vorne gelesen. Im Reader muss ich mich immer ein wenig zurückhalten, nicht auf die aktuellen Beiträge zu klicken… So bleibt die Spannung erhalten, wie die Geschichte weitergeht 😉
    Einen entspannten Restsonntag wünsche ich dir! Liebe Grüße Heike

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Heike,
      es freut mich, dass du Mari so auf ihrem Weg begleitest, Schritt für Schritt in ihrer Reihenfolge. Es ist zwar jedes Kapitel so gehalten, dass man es auch ohne den Gesamt-Kontext verstehen kann, aber vieles baut sich nach und nach mehr auf, und da ist es sicher, so wie du es machst, ein toller Weg, die Spannung nicht vorweg zu nehmen.
      Auch dir noch schöne Sonntagsstunden und alles Gute von
      Miriam 🙂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s