54. Ungewissheit ist der Lehrpfad des Vertrauens

Bei Mari – Die Idee zu einem Vertrauensritual zum Jahreswechsel

Noch immer lagen die bunten Briefumschläge mit der Raumschiff-Geschichte bei Mari auf ihrem Regal neben dem Adventskranz. Joel richtete seinen Blick darauf und sagte: „Das Spiel beginnt.“

Mari saß neben ihm auf der Couch, und er nahm ihre Hand in seine. „Mari, jetzt kommt ja bald das neue Jahr… Was wünschst du dir besonders für dich in diesem kommenden Jahr?“

Ohne lange nachzudenken antwortete sie: „Ich wünsche mir, dass mein Vertrauen stärker wird! Ich glaube, dass sich dann vieles leichter anfühlen würde für mich – sowohl in unserer speziellen Thematik als auch im Leben überhaupt.“

Joel nickte: „Das ist ein großer, ein weitreichender und wie ich glaube auch sehr wertvoller Wunsch. Den würde ich gern unterstützen! Wärst du bereit, etwas dafür zu tun, um diesem Wunsch noch mehr Kraft zu verleihen?“

Fragend schaute Mari ihn an… „Was meinst du damit? Was denn tun?“

„Es gibt einen Satz der heißt: Ungewissheit ist der Lehrpfad des Vertrauens.“
Joel hielt weiterhin ihre Hand und erklärte: „Indem du durch Unbekanntes, Unkontrollierbares, Ungewisses hindurch gehst, und die Erfahrung machst, dass du es gut bewältigen kannst, wird dein Vertrauen sowohl in dich selbst als auch ins Leben stärker.“

Mari, der dieser Gedanke ja nicht neu war, antwortete: „Das habe ich mit dir ja gerade in unseren Spielen hier schon mehrmals erlebt.“

„Ja“, bestätigte er, „und was würdest du jetzt davon halten, wenn ich dich stellvertretend für das Leben durch ein Ritual führe, das diesen Wunsch stärkt?“

„Und was wäre das für ein Ritual?“ fragte Mari mit einem etwas unbehaglichen Flattern im Bauch.

„Ein guter Freund von mir ist mehrere Wochen verreist, und ich habe ein Auge auf sein Haus. Er hat mir angeboten, dass ich es – gern auch mit Begleitung – jederzeit nutzen darf. Es liegt etwas außerhalb und hat auch einen großen Garten. Hättest du Lust, über Sylvester dort mit mir hinzufahren?“ fragte Joel.
„Wo ist denn das Haus?“ wollte Mari wissen.

Joel schaute sie ernst an…“Ja, und an dieser Frage würde die Anforderung an dein Vertrauen bereits beginnen. Du würdest mit mir fahren, ohne zu wissen, wohin. Du müsstest dich mir anvertrauen.“

„Na, liegt es in der Nähe – oder einige Stunden entfernt? Ist es eine Reise oder nur ein Katzensprung?“ versuchte es Mari weiter…

„Nix da!“ antwortete Joel konsequent. „Die einzige Frage, die du dir selbst stellen musst ist die, ob du dich mir anvertrauen willst. Wie lange und wohin wir fahren, wirst du vorher nicht erfahren.“

„Und was machen wir dort?“

„Auch das werde ich dir vorher nicht verraten. Du müsstest dich ganz auf das einlassen, was ich mit dir vorhabe. Unsere bisherigen Regeln und Absprachen würden natürlich weiterhin gelten. Darauf kannst du dich immer verlassen. Dazu gehört auch unsere Gefühls-Ampel. Sollte etwas für dich nicht gehen, und du würdest „Rot“ sagen, würde ich es sofort beenden. Nur ganz aus der Situation, also aus dem Haus und der Umgebung dort, könntest du dich natürlich nicht entfernen.“

„Dann würde es mir ja ähnlich gehen wie Carina im Haus ihres Meisters und wie im Raumschiff – ich könnte nicht weg!“

„Ja“, bestätigte Joel, „so wäre es. Du sagtest mir ja, dass dir diese Situation unter anderem besonders unter die Haut gegangen ist. Und damit es dem tatsächlich ähnelt, gibt es noch eine zweite Bedingung: Du wirst kein Geld mitnehmen!“

„Wie jetzt…“ Mari wurde es zunehmend unbehaglicher zumute.

„Damit wir eine ähnliche Situation herstellen, wie sie Carina hatte, wirst du ohne Geld mit mir kommen und darauf vertrauen, dass ich dich sicher und wohlbehalten hin und wieder zurück bringen werde. Du hättest also keine Möglichkeit, selbst wieder zurück zu fahren, falls du solch einen Impuls verspüren würdest. Ich glaube allerdings nicht, dass das passieren wird,“ lächelte er und drückte ihre Hand ein wenig, „aber es macht für dich etwas aus, zu wissen, dass es nicht möglich wäre…“

„Und wenn ich plötzlich Panik bekäme und nach Hause wollen würde?“

„Dann müsstest du dich darauf verlassen, dass ich mit deiner Angst fürsorglich und liebevoll umgehen würde – so wie ich es ja bisher auch getan habe“, antwortete Joel. „Ich bin sicher, wir würden Panik, falls welche aufkommen würde, gemeinsam gut bewältigen. Aber ich gehe davon aus, dass es soweit gar nicht erst kommt.“

Mari spürte, wie dieses Angebot von Joel sie einerseits anzog und andererseits auch beunruhigte. Wieder diese ihr schon bekannte Mischung von Angst vor Kontrollverlust und gleichzeitiger Anziehung…
„Und wie wäre es dort mit dem Essen?“ wollte sie wissen.

„Auch in der Versorgungsfrage müsstest du dich ganz auf mich verlassen. Du nimmst nichts mit! Ich sorge für alles.“

„Aber eine Wasserflasche in der Handtasche und ein paar Süßigkeiten und Snacks werden doch wohl erlaubt sein oder?“ versuchte sie zu handeln.

„Wasserflasche ja“, nickte Joel, „alles andere nicht!“

Er stand auf, zog sie von der Couch, stellte sich ihr gegenüber, sah ihr in die Augen und fragte: „Was meinst du, willst du diese Anforderung an dein Vertrauen annehmen? Möchtest du diese Fahrt ins Vertrauen mit mir machen?“

Und zu ihrer eigenen Überraschung hörte sie sich sagen: „Ja, ich nehme die Anforderung an. Ich mache dieses Vertrauensritual mit dir.“

„Und du bist bereit, die genannten Bedingungen anzunehmen? Kein Geld. Keine Info über den Ort. Keine eigene Verpflegung. Und es werden noch andere Dinge hinzu kommen, die du jetzt noch nicht weißt und über die ich jetzt auch noch nichts sagen werde. Bist du bereit dazu?“

Sie schluckte… sah ihn an… erinnerte sich an vieles, was sie bereits mit ihn erlebt hatte, und sagte: „Ja ich nehme diese Chance an. Ich bin bereit.“

„Wunderbar“, lächelte er, zog sie an sich heran und umarmte sie fest. „Ich freue mich, Mari!“

Innerhalb seiner Umarmung spürte Mari, dass diese Entscheidung für sie richtig war, auch wenn sich das nicht einfach anfühlte.

Etwas später gab er ihr noch eine Hausaufgabe: „Ich möchte, dass du zuhause für dieses Ritual vier verschieden farbige Blätter auswählst. Auf jedes schreibst du einen Wunsch, den du gern verwirklichen möchtest, und eine Angst, die der Wunsch-Erfüllung möglicherweise im Wege steht. Aber so lange bis sie sich noch nicht gelöst hat, hab dich lieb damit, denn: Du kannst sie nicht durch deinen Willen allein „wegmachen“. Wenn die Zeit reif ist, wird sie sich wandeln. Wichtig ist nur, dass du dich für die Lösung bereit erklärst…  Dann rollst du sie zusammen und machst ein kleines Bändchen drum. Ich werde das, was darauf geschrieben steht, nicht lesen.“

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„Okay“, nickte sie, „das sollte mir nicht so schwer fallen…

Er schaute sie ernst an. „Frag dein Herz, welche vier Wünsche und Ängste du in dieses Ritual mitnimmst.“
Dann drückte er sie noch einmal an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Das Spiel ist für heute beendet.“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

1. Eine utopische Heilungsreise: SORGE und    FÜRSORGLICHKEIT

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.
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Er hatte sich eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und in der es um eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern ging. Den Vorspann, wie es zu dieser Reise kam, hatte er ihr bereits in den vergangenen Treffen erzählt.  Da sich die beiden allerdings nicht täglich begegneten, hatte er ihr gestern einen  BunteUmschlaegeAdventskalender geschenkt, der aus 24 bunten Briefumschlägen bestand, die mit jeweils einem Kapitel dieser Geschichte und einer kleinen Süßigkeit gefüllt waren.

„…Und an den Tagen, an denen wir uns treffen, bringst du den jeweiligen Umschlag mit, und dann lese ich dir das Kapitel vor, während wir uns gemütlich zusammen auf die Couch kuscheln“, hatte er ihr vorgeschlagen – und Mari hatte begeistert genickt. Dass die Adventszeit einen so märchenhaften Zauber erhalten sollte, freute sie sehr.

kerze24Heute am Morgen des 1.Dezembers, öffnete sie nun gespannt den ersten Umschlag, fand ein kleines Täfelchen Schokolade mit einer zart gezeichneten Kerze darauf und das erste Kapitel, in dem nun die Heilungsreise der ängstlichen Frau Carina im Raumschiff außerirdischer Meister begann. Sie genoss das Schokoladentäfelchen, versank in die Geschichte von Carina und las…

„Als Carina nach einer drei-tätigen Vorbereitungszeit an der Seite ihres Ausbilders, Meister Ramon, das Raumschiff betritt, in dem ihre Ausbildungsreise stattfindet, wird sie vom Kommandanten herzlich begrüßt. Meister René nimmt Carinas Hand in beide Hände und sagt mit einem strahlenden Lächeln: “Wie schön, dass du so schnell Kontakt zu deinem Meister gefunden hast. Ich begrüße dich an Bord meines Schiffes und versichere dir, dass auch wir zwei gut miteinander auskommen werden. Du wirst bald sehen, dass es dir hier an nichts fehlen wird. Wir alle wollen, dass es dir und den anderen Frauen hier gut geht. Solltest du Unterstützung brauchen, kannst du dich gern jederzeit an mich wenden. Auch ich bin hier für dich da, Carina. Übrigens, es ist hier an Bord so üblich, dass wir alle “du” zueinander sagen. Du weißt ja, ich heiße René. Die anderen Frauen und Meister hier wirst du später beim Abendessen kennenlernen.”

 Er tritt einen Schritt zurück, schaut Carina lächelnd an und meint: “ Na, heute siehst du schon ganz anders aus als vor ein paar Tagen, als wir dich von deiner kleinen Extratour abholten. Bald wirst du merken, dass dir hier nichts Schlimmes geschieht, und du wirst darüber lächeln können, dass du so voller Angst flüchten wolltest. Ramon zeigt dir jetzt erst einmal dein Zimmer, das du während der Zeit deines Aufenthaltes hier an Bord bewohnen wirst, und ich werde dich später durchs Raumschiff führen. Das tue ich besonders gern. Weißt du Carina, das, was für dich noch ein fliegender Metallkäfig ist und dir wie die Höhle des Löwen erscheint, ist für mich ein Ort, den ich mit sehr viel Liebe und Freude gestaltet habe, weil ich mir wünsche, dass sich jeder hier wohl fühlt. Vielleicht wirst auch du das bald erkennen können.”

Ramon bringt Carina in ihr Zimmer. Sie staunt: So viel Behaglichkeit, Wärme und persönliche Atmosphäre hätte sie sich nie und nimmer in einem Raumschiff vorgestellt. So liebevoll ist ihr  Raum gestaltet, dass sie schlucken muss… Da sind wunderschöne Bilder an den Wänden. Die Möbel, Decken und Kissen sind in zarten Farben gehalten, ein Regal mit Schreib- und Malutensilien ist in der Wand eingebaut, und da sind auch Bücher, deren Titel nach kurzem Überfliegen Carinas Leselust ansprechen. Sogar ein kleiner Kühlschrank ist da mit Leckereien für den kleinen Appetit zwischendurch.

Völlig überwältigt    von all dem Schönen bedankt sich Carina bei ihrem Meister, der sie lächelnd ansieht und meint: “Ich hoffe, René und ich haben deinen Geschmack getroffen? Ich hatte ihm in den drei Tagen, in denen ich dich schon etwas kennen lernen konnte, schon einiges von deinen Vorlieben mitgeteilt. Wir wollen  doch, dass du dich hier für die Zeit der Reise wohl und geborgen fühlst. Jetzt nimm erst einmal dein neues Zimmer in Besitz. Ruh dich ein bisschen aus, und wenn du noch Lust hast, bringst du vielleicht noch das Gesteck, deinen Adventskalender und die Fensterbilder unter. Ich hole dich später hier ab und zeige dir dann mein Reich hier an Bord.”

Mit diesen Worten lässt er die überraschte Carina erst einmal allein mit sich.  Neugierig inspiziert sie den Kühlschrank, der ein paar richtig gute Leckereien enthält, sowie den Schrank, in dem sie Kleidung entdeckt, die ebenfalls ihrem Geschmack und ihrer Größe entsprechen. Nachdem sie soweit alles geordnet und begutachtet hat,  steht sie vor ihrem Adventskalender, den sie dekorativ an der Wand über ihrem Bett platziert hat, und denkt: ‘Heute ist ja der 1. Dezember, und ich kann das erste Röllchen öffnen. Zögernd, doch gleichzeitig neugierig liest sie:

Geliebte    Carina,
heute ist nun dein erster Tag hier im Raumschiff, und deine Ausbildung hat begonnen.
In den nächsten 24 Wochen werden wir beide viel miteinander erleben.
Wenn du zur Erde zurückkehrst, werden dort 24 Tage vergangen sein.
Ich habe für dich bewusst diese Zeit gewählt, die ihr Menschen Advent nennt.
Du, Carina, hast immer ein ganz helles, strahlendes Gefühl in dieser Zeit,
und dieses tiefe,
besondere Gefühl wird es sein, das dir helfen wird,
dein inneres Licht immer bewusster wahrzunehmen
.
Denn deshalb bist du hier mit mir auf dieser Reise.
Ich, dein Meister und Freund, freue mich sehr,
dich dabei unterstützen
 zu dürfen,
dich zu halten, zu führen und zu begleiten
und wenn nötig auch zu trösten.
Du darfst mir alles sagen.
Ich verspreche dir, dich damit anzunehmen.
In Liebe  Dein Meister Ramon

Carina liest diese Botschaft mit sehr gemischten Gefühlen. Die Worte “In Liebe” von einem Mann machen ihr Angst. “Wenn ein Mann von Liebe spricht, ist immer Sex gemeint”, so wurde es ihr beigebracht. Nein – sie will von ihm nicht geliebt werden. “Männer tun Frauen nur weh – besonders wenn es um Liebe geht”, hört sie ihre Mutter und Großmutter in sich sagen.

Aber habe ich    eine Wahl? Ich muss mich ihm hier fügen, was auch immer er von mir will oder mit mir anstellen mag, denn sowohl körperlich als auch geistig ist er mir überlegen.’ Panik erfasst sie, um so mehr sie über ihre ihr so aussichtslos erscheinende  Lage hier im Raumschiff, von dem sie nicht weg kann, nachdenkt.

Wenn ich aber seine Liebe abweise’, überlegt sie weiter, ‘wird es sicher noch schlimmer für mich – bisher war er mir wenigstens wohlgesonnen. Wenn ich mir sein Wohlwollen durch abweisendes Verhalten verscherze, dann gibt es für mich hier nichts zum Lachen. Reagiere ich aber freundlich, könnte er mein Verhalten als Zustimmung zu seinen Absichten auslegen. Oh, Gott, was soll ich nur tun?’

Qualvoll grübelnd erlebt sie den Rest des Tages wie hinter einer dicken Mauer. Sicher, das ganze Raumschiff sieht viel schöner und großzügiger aus, als sie es sich vorstellen konnte. Aber ist sie hier nicht in einen goldenen Riesen-Käfig gefangen?

Während René mit ihr und einigen anderen Frauen einen Rundgang durch das Raumschiff macht, kann sie kaum etwas wahrnehmen, und Kontakt zu den anderen findet sie auch nicht. Diese Gedanken-Zwickmühle geht ihr einfach nicht aus dem Kopf. Selbst das gute, vielfältige Abendessen kann sie nicht genießen, obwohl Carina sonst sehr gerne und gut isst. Nach dem Essen bittet sie darum, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen, da sie sich erschöpft fühlt.

Einige Zeit später, als sie bereits im Bett liegt, klopft es an ihre Tür. Ramon fragt: “Carina, ist es dir recht, wenn ich mich noch ein paar Minuten an dein Bett setze und dir eine gute Nacht wünsche?

‘Was soll ich bloß sagen…’ überlegt Carina, ‘ich will mir doch seine Gunst nicht schon gleich am ersten Abend verscherzen.’ Sie zieht ihre Bettdecke bis hinauf ans Kinn und ruft: “Herein!”

Ramon setzt sich zu der verängstigten Frau ans Bett, streicht sacht mit seinem Handrücken über ihr heißes Gesicht und sagt schließlich: “Carina, du kannst mit mir über alles reden, was dich bedrückt. Möchtest du mir etwas sagen?” Carina fühlt sich nicht in der Lage zu antworten. Ramon wartet einen Moment und nickt dann beruhigend: “Ist in Ordnung! Wir haben noch viel Zeit, über alles zu reden. Jetzt schlaf erst einmal, es war ein aufregender Tag für dich. Gute Nacht, du zartes, scheues Reh. Bald sieht alles schon viel heller und klarer für dich aus, das verspreche ich dir.”

Er streicht sanft über ihr Haar, wieder und wieder in gleichmäßigem Rhythmus, bis sich ihre Anspannung löst und sie sich ihrer Müdigkeit hingibt und schließlich einschläft. Er weiß, sie hätte sich sonst in den Schlaf geweint. Doch gerade heute, an ihrem ersten Abend im Raumschiff, möchte er, dass sie in Ruhe einschläft.“

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

22. Mari entdeckt ihren „inneren Meister“

Spaziergang mit einer zentralen Frage

„Guten Abend, Mari“, Joel trat lächelnd ein, blieb aber anders als bisher im Flur stehen.

„Grüß dich, Joel, komm doch rein!“  Mari spürte wieder dieses Gefühlsgemisch aus Freude und Aufregung, so wie es meistens  war, wenn die beiden sich trafen.

„Heute würde ich gern einen kleinen Spaziergang mit dir machen, okay?“

„Ja, klar, können wir machen…“ antwortete Mari verwundert. 
„Äh – gehe ich mit dir als Joel oder als dem Meister spazieren?“ fragte sie etwas verunsichert.

Joel lachte und gab die Frage zurück. „Mit wem würdest du denn gern spazieren gehen?“

„Mit dir, Joel!“ kam prompt die Antwort, während Mari sich Jacke und Handtasche schnappte.

Unten angelegt, nahm er ihre Hand und führte sie in Richtung des nahegelegenen Parks.

„Hier ist es schön ruhig,“ meinte er, und sie freute sich über diesen besonderen Auftakt ihrer heutigen Begegnung. 

„Weißt du noch, Joel, hier sind wir vor etlichen Wochen auch spazieren gegangen, als wir uns kennengelernt haben…“

„Ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut, Mari“, antwortete er nachdenklich. „Ich habe nicht ganz ohne Grund diesen Weg eingeschlagen für unseren kleinen Spaziergang…“

Gespannt und nun etwas unruhig geworden schaute Mari ihn von der Seite an und wartete darauf, dass er weiter sprach.

„Es war ja ein ganz besonderer Deal, den wir miteinander besprochen hatten…“

Mari wurde nervös… Was würde jetzt kommen? Der Deal war Englisch-Unterricht gegen Lektionen in Selbsterfahrung und Vertrauen… So fasste sie es kurz für sich zusammen.

Dear teacher, do you think that I am a good student by learning the English language?“ brachte Joel+ langsam heraus.

„O yes, Joel, you are a very good and hardworking student in learning the english language“ bestätigte sie, lächelnd den kleinen Fehler korrigierend.

„Ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder etwas mehr bei dir gelernt habe,“ erklärte Joel. „Hab vielen Dank, dass du mir das möglich gemacht hast, denn wie du ja weißt, hatte ich in den Jahren davor schon mehrere Anläufe gemacht, die Sprache zu lernen und es hat nie geklappt. Du bist echt eine super Lehrerin! Nur deiner Geduld und deiner speziellen Lehrmethoden habe ich es zu verdanken, dass ich nun den Einstieg ins Englische geschafft habe.“

Mari schaute ihn nachdenklich an. Er hatte in der kurzen Zeit viel gelernt – und konnte sich auf die Schulter klopfen. Dass er mit ihr als Lehrerin zufrieden war, freute sie.
Aber was war umgekehrt…? Dass sie als Lehrerin einiges in Gang bringen kann – ja, das wurde ihr schon oft signalisiert und dessen war sie sich inzwischen dankbar bewusst. Aber in der Rolle der Schülerin? Da empfand sie sich mit Abstand als nicht so gut wie Joel als Schüler…
Sie wurde traurig…. Ja, es war ihr gelungen, etwas Vertrauen zu fassen zu Joel und sogar auch zu dem „Meister“, dessen Rolle er für sie in ihren besonderen Spielen verkörperte… Aber das war noch sehr wackelig und sie stürzte immer wieder einmal in heftige Ängste. Dabei war das, was hinter ihr lag noch vergleichsweise harmlos im Vergleich zu dem, was sie noch vor sich hatte. 

Ich hätte inzwischen mehr schaffen sollen… mich mehr zusammen nehmen müssen… lockerer werden… mir mehr Mühe geben…  Ich hätte ihm meine vielen Ängste vielleicht nicht so deutlich zeigen sollen… Aber – anders geht es doch gar nicht – gerade nicht auf diesem Weg, in dieser Thematik… jedenfalls nicht für mich… Deshalb habe ich mich ja auf diesen Weg begeben…

„Mari, was geht in dir vor? Du wirkst plötzlich weit weg – und… irgendwie niedergeschlagen.“ fragte Joel. Ich dachte, es wäre gut, dir zwischendurch mal ein Feedback zu geben und habe heute morgen sogar Tante Google gefragt, wie ich das in Englisch hervor bringen könnte!“
Etwas schelmisch lächelten seine Augen, doch war auch die Betroffenheit über ihr Befinden deutlich spürbar.

„Na ja…“, druckste Mari herum, „ach, Joel… Du bist ein wunderbarer Schüler! Trotz deiner anfänglichen Hemmungen im Lernen dieser Sprache bist du schon so weit gekommen in der kurzen Zeit! Und ich… ich bin ja in unseren Spielen auch eine Art Schülerin…“

„Ja,“ bestätigte Joel, „ich würde sagen, du bist eine Schülerin im Fach „Vertrauen“ – was meinst du dazu?“

„Hmm, das trifft es wohl genau. Und ich habe längst nicht so viele Fortschritte gemacht wie du. Ich schäme mich meiner Ängste, die immer wieder so häufig und so heftig aufflackern und es dir und mir oft so schwer machen. Eben dachte ich darüber nach, wie unangenehm sich das wohl für dich anfühlen mag… Ich könnte verstehen, wenn du keine Lust mehr hast, mit mir diesen Deal weiter zu verfolgen… Vielleicht ist es ja das, was du mir sagen willst auf diesem Spaziergang?!“

Joel blieb stehen, drehte sich so zu Mari, dass sich beide gegenüber standen, und sah ihr in die Augen.
„Nein, Mari, das ist es keinesfalls, weshalb ich dieses Gespräch mit dir begonnen habe. 
Und es ist keinesfalls wahr, dass du so wenig Fortschritte gemacht hast!
Und selbst wenn es stimmen würde, wäre es für mich überhaupt kein Grund, abzubrechen. Im Gegenteil, ich würde nach neuen Möglichkeiten und Chancen suchen… aber…
und Jetzt kommt das große „Aber“…

Mari senkte den Kopf.

„Schau mich bitte an, Mari,“ bat er sie freundlich, „aber es funktioniert nur, wenn du es weiterhin willst – und dir dessen bewusst bist, dass du es bist, die letztendlich all das selbst möchte, was dir so oft wie eine große Hürde erscheint. Und diese Frage ist es, die ich dir heute stellen wollte. Sei sicher, ich möchte dich weiter auf diesem Weg führen, begleiten, unterstützen, annehmen und wenn nötig auch trösten, wenn die Gefühle mal wieder aus dem Ruder laufen. Es ist mir jedoch wichtig, dass dir immer bewusst bleibt, oder – wenn du es zwischenzeitlich vergisst, dass dir immer wieder bewusst wird, dass ich die Dinge – besonders wenn ich in der Meisterrolle bin – tue, weil du mir den Auftrag dazu gegeben hast.“

Mari schaute ihm forschend in die Augen… Ja, es ist wahr, was er sagt, dachte sie. Er meint wirklich, was er sagt. Er will es! Und ich? Wie sieht es in mir aus unter all diesen schwierigen Gefühlen? Was will ich? Was will ich wirklich?

Trau dich!  hörte und fühlte sie eine klare Stimme in sich. War das eine Ratgeber-Stimme? So etwas wie ihr „innerer Meister“?
Ja, ein guter Begriff, flüsterte es in ihr. Du kannst mich alles fragen! Gern kannst du mich als deinen „inneren Meister“ bezeichnen. Das passt!

Joel zog sie auf eine Bank und sagte zu ihr: „Wir haben inzwischen einiges miteinander erlebt . Mein Eindruck ist, dass dein Vertrauen sowohl zu mir als auch zu der Meisterrolle, die ich verkörpere, ein schönes Stück gewachsen ist. Wir haben dazu Rituale und Vertrauensübungen gemacht, und du kannst inzwischen einiges mehr annehmen als am Anfang. Weißt du noch, wie du bei unserem ersten Treffen bei mir aus der Wohnung gerannt bist…?“

Beide lachten. Es stimmte, sie hatten schon einiges miteinander erlebt und durchgestanden.

„Und nun ist die Frage, Mari, willst du weiter gehen? Du hattest mir anfangs gesagt, dass du mit  einem Mann auch auf der erotischen Ebene angstfreier als bisher umgehen würdest. Wenn wir uns künftig auch an dieses Thema, das ja bisher von mir kaum berührt wurde, heran tasten wollen, muss dir bewusst sein, dass du es willst, damit die Voraussetzung gegeben ist, dass du dich von mir weder als Joel noch als Meister bedrängt oder gar benutzt fühlst. 
Und diese Frage ist es, die ich dir heute stellen möchte und stellen muss. 

Gilt dein Auftrag an mich immer noch? Willst du mit mir in welcher Rolle und in welcher Weise auch immer diesen Weg der Vertrauensübungen und Machtspiele weiter gehen, der ja irgendwann dann, so wie du es dir gewünscht hast, auch ins Land der Erotik führen wird?

  zum nächsten Kapitel:  –> 23 Der „innere Meister“ bringt Klärung

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge


 

 

1. Erste Schritte miteinander

 

Ein erstes Treffen im Gartenlokal

Mari und Joel, die sich aufgrund einer Kontaktanzeige kennengelernt hatten und bisher einige Mails miteinander ausgetauscht hatten, waren zu einem Treffen in einem Gartenrestaurant verabredet, um sich  persönlich kennen zu lernen. Sie saßen an einem Tisch unter einer großen Buche. Joel fragte Mari: „Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du diese Anzeige geschaltet hast, auf die ich geschrieben habe?“

Ach weißt du, ich trage schon lange Fantasien von Spielen mit Rollen von Überlegenheit und Unterlegenheit in mir,“ antwortete Mari etwas verlegen. „Die fühlen sich so lebendig an, so kribbelnd und bewegen mich so, dass ich die Idee nun endlich umgesetzt habe, einen Menschen zu suchen, mit dem ich darüber reden kann – erst mal nur reden… und vielleicht irgendwann… in kleinen Nuancen auch mal etwas davon erleben, wenn es sich für beide stimmig anfühlt – und anfangs am besten erst einmal Spiele, die mit Erotik nur wenig zu tun haben, um zunächst ein Gefühl für Nähe wachsen zu lassen…“ Mari klaubte einen nicht vorhandenen Fussel von ihrer Jeans.

Joel schaute sie nachdenklich an… „Fängt Erotik da nicht schon an? Bei dieser wunderbaren Offenheit, über Gefühle, Fantasien und Sehnsüchte zu reden? Bei dem Wunsch, Nähe zu spüren?“ fragte er vorsichtig. „Was fühlst du denn, wenn du daran denkst und darüber sprichst?“

„Ich empfinde gleichzeitig Faszination und auch Angst bei diesen Fantasien. Und trotz schwieriger Gefühle wie Furcht und Scham zieht es mich an, vielleicht etwas davon zu erleben. Ich glaube, ich sehne mich danach, in meiner Angst, die Kontrolle abzugeben, ganz fest umarmt zu werden und zu erleben, dass ich sie nicht zu haben bräuchte, dass ich vertrauen könnte…  Na ja und ich bin ja nun auch schon in einem Alter… – da liegt es nahe, darüber nachzudenken, was man im Leben noch verwirklichen will – was es wirklich wert ist, Zeit und Energie dafür zu verwenden.“

Ja, es ist gut, Träume, die immer wiederkehren, Schritt für Schritt wahr werden zu lassen, auch wenn sich das anfangs fast unmöglich anfühlt…  ganz egal, wie alt wir sind,“ bestätigte Joel. „Magst du mir noch etwas mehr von deinen Wünschen und Visionen erzählen?“ 

Ich träume schon lange von echter, tiefer Begegnung, wo die ganze Bandbreite von Gefühlen wirklich da sein kann, und ich mich mit meiner alten Angst, die ich leider noch immer habe durch das, was mir als Kind geschehen ist, äußern kann und darin angenommen werde. Körperliche und emotionale Nähe, in der ich männliche Stärke als wohlwollend und freundlich erleben kann. Etwas in mir will spüren, wie es ist, die Kontrolle für eine bestimmte Zeit abzugeben und dabei gute Erfahrungen zu machen… vertrauen zu lernen…,wahrzunehmen, dass auch meine Grenzen respektiert und angenommen werden. Ich glaube, das ist der Hintergrund für meine Sehnsucht nach Erfahrungen von Macht… ich möchte die heilende Erfahrung machen, dass sie mit Liebe ausgeübt wird, und ich darin nicht abgelehnt werde, und auch nicht überredet werde, etwas zu tun, was ich nicht möchte. Ich habe so viele Ängste, weißt du…“

Joel nickte. „Ja, von deiner Angst und auch den peinlichkeitsgefühlen hattest du schon geschrieben. Und… sie schreckt mich überhaupt nicht ab! Im Gegenteil, es wäre spannend, dich darin unterstützen zu können, deine Angststimmen nach und nach leiser werden zu lassen und mit all deiner Unsicherheit neue, und wie ich hoffe, gute Erfahrungen zu machen. Du brauchst dich deiner Ängste nicht zu schämen, Mari! Sie haben ja ihre Ursachen… Außerdem bin ich froh, dir in dieser Weise einen Ausgleich geben zu können für deine Hilfe beim  Lernen der englischen Sprache. Glaub mir, in dieser Welt kein Englisch zu können, ist mir auch oft peinlich, und ich musste schon etwas über meinen Schatten springen, dir davon zu erzählen. Aber du hast es mir leicht gemacht mit deiner warmherzigen Art. Danke, dass du mich darin unterstützen willst.“

Das mach ich so gerne, Joel! Ich glaube dir, dass es schwierig sein muss, kein Englisch zu können, wo es ja vor englischen Ausdrücken nur so wimmelt, z.B. auch im Internet…
Dich im Englischen zu unterstützen, wird mir sicher Freude machen und fällt mir leicht.
Aber weißt du, über meine ambivalenten Sehnsüchte und Ängste zu sprechen und dieses spezielle Thema anzugehen, fällt mir schwer. Da ist bei mir so viel Unsicherheit und angelernte alte Schamgefühle. Diese Fantasien von Dominanz, wo einer mir sagt, was ich zu tun habe – das fühlt sich irgendwie so seltsam an… Ich habe bisher noch keinem davon erzählt!“

Na, da haben wir beide ja spannende Herausforderungen, die wir bewältigen möchten. Wie gut, dass wir einander gefunden haben.“ Joel lächelte. „Wenn ich dich in den Mails richtig verstanden habe, soll das Macht-Thema ja auch nur in abgegrenzten Zeiten da sein, in Rollenspielen, wo ich die Machtrolle hätte und du dich von mir führen lassen willst, um zu spüren wie es ist, zu vertrauen und darin gute Erfahrungen zu machen. Du möchtest dir deiner Ängste und Sehsüchte immer tiefer bewusst werden, um sie  annehmen und bewältigen zu können. Richtig?“

Hm… ja… per Mail, als alles noch so anonym war, fiel es mir relativ leicht, dir von meinen Fantasien und den Ängsten zu schreiben, die mich bisher darin blockieren, meine Träume wahr werden zu lassen. Durch unseren intensiven Mailwechsel wissen wir ja nun schon einiges über uns…  Am Telefon wurde es jedoch schon schwieriger…“

Und jetzt, wo wir uns hier gegenüber sitzen, willst du am liebsten Reißaus nehmen – stimmt´s?“ fragte Joel und sah Mari aufmerksam an. Seine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis ließen ihn leicht erkennen, wie unbehaglich sie sich gerade fühlte.

Mari nickte und griff nach ihrer Tasse, nur um irgendetwas zu tun.

Ja, es hilft schon etwas, wenn man sich an einer Tasse festhalten kann…“ Joel legte seine Hand in die Mitte des Tisches, „aber… vielleicht ist eine Hand zum Festhalten auch ne schöne Idee?“

Mari nickte, stellte die Tasse wieder auf den Tisch und legte ihre Hand in seine.
Eine ganze Weile sagten sie nichts… Und irgendwie… fühlte sich das gut an.

Seine Hand vermittelte Wärme… Ruhe… Sicherheit… Geborgenheit…

Joel sagte leise: „Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Den hast du getan, indem du mir schon etwas von dir erzählt hast….Was meinst du, wollen wir ein paar Schritte miteinander gehen?“
Sie überlegte… Konnte sie jetzt schon „JA“ sagen, erste Schritte auf diesem angedachten Weg mit ihm zu gehen?

Hier ist ein schöner Park gegenüber.“

Ach so,“ sie schmunzelte, „spazieren gehen… Ja, okay, das ist eine schöne Idee!“

Und beide standen auf und machten sich auf den Weg – ein paar Schritte miteinander, Hand in Hand…

Zum nächsten Kapitel:  2 – ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand

Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer (wenn auch leider umgekehrter Reihenfolge, also das aktuellste ist vorn. Um an den Anfang zu gelangen nach unten scollen und auf ältere Beiträge gehen, das ganze drei oder vier mal… so kannst du die Geschichte wie ein Buch von vorn nach hinten lesen 🙂