40. Nach der großen Wut – 4 Fragen

Bei Joel – Gedanken und Überzeugungen werden sortiert und neu geordnet

Nach einem großen Missverständnis, das eine riesige, leider auch sehr unangemessene Wut bei Mari erzeugt hatte, die sie ihrem Meister entgegen geschleudert hatte, fühlte sie sich heute morgen ziemlich unbehaglich, obwohl gestern bereits alles geklärt werden konnte und beide sich einvernehmlich geeinigt hatten, diesem Weg, den sie begonnen hatten, weiter zu folgen. Joel hatte ihr vorsorglich bereits gestern angeboten, dass sie ihn am Morgen gern anrufen könne, falls sie damit noch Unsicherheit empfinden sollte. Das Angebot hatte sie angenommen und war von ihm eingeladen worden, spontan vorbei zu kommen. Eine Stunde später war sie bei ihm. Er begrüßte sie mit einer Umarmung, begleitete sie ins Wohnzimmer und ging dann in die Küche, um einen Kräutertee zu holen.

Dann setzte er sich auf den Stuhl gegenüber von ihr und sagte, für Mari etwas überraschend, weil sie das nicht abgesprochen hatten: „Das Spiel beginnt.“

Mari holte tief Luft und sagte: „Es ist mir ein großes Bedürfnis, mich als erstes noch einmal bei dir zu entschuldigen, auch wenn ich das gestern schon getan habe, aber es liegt mir ziemlich auf der Seele, wie ungerecht ich dich behandelt habe, wie blind ich war, und wie maßlos in meiner Wut… Das tut mir wirklich sehr leid!“

Joel in seiner Rolle als Meister sah sie verständnisvoll an: „Wut ist eine sehr starke Emotion. Ich danke dir für deine Entschuldigung, und ich nehme sie gerne an. Dass du weiterhin unseren gemeinsamen Weg gehen magst, hat mich gestern sehr gefreut, Mari.“

„Danke, Meister, dass du meine Heftigkeit von gestern und meine Entschuldigung so annehmen kannst. Ja ich möchte gern diesen Weg mit dir weitergehen, auch wenn es nicht immer einfach ist, aber es ist mir sehr wertvoll.“

Er nickte: „Nun, dass es nicht einfach werden würde, war uns ja bereits klar, als wir uns auf den Weg gemacht haben. Wie geht es dir mit Blick auf gestern, Mari?“

„Ich glaube ich bin an alte Schmerzpunkte gekommen, sonst hätte ich nicht solche Kopfschmerzen entwickelt in dieser Nacht. Habe auch kaum geschlafen“, erzählte sie

„An welche Schmerzpunkte kannst du dich besonders erinnern?“

„Am Anfang, als ich dachte, dass du über mich redetest und ich noch nicht wusste, dass es um die ängstliche Hündin ging, war es furchtbar für mich, als ich dachte, du wärest so unzufrieden mit mir.“ Mir wurde heute Nacht klar, dass es mich wahrscheinlich gar nicht so getroffen hätte, wenn ich nicht auch selbst mit mir so unzufrieden wäre. Und als ich dann nachdem das Missverständnis klar wurde, merkte, wie sehr ich mich geirrt und dementsprechend wie ungerecht meine Wut gewesen war – das waren so schmerzhafte Gefühle des Versagens und der Reue: Ich habe mich so sehr geschämt und hatte dann das Gefühl, dir gar nicht mehr in die Augen schauen zu können und kaum glauben zu können, dass du noch weiter Kontakt mit mir haben möchtest. Ich habe immer große Angst, wenn ich irgendetwas falsch mache, das alles kaputt geht.“

„Woher kommt deine so große Angst vor Fehlern, Mari? Speziell für uns haben wir doch extra die Regel, dass Fehler erlaubt sind. Ok, die Reaktion gestern ging schon ein wenig über einen Fehler hinaus, aber du weißt ja auch, dass ich dir gegenüber sehr verständnisvoll bin.“

„Ich habe es oft erlebt in meinem Leben, dass ganz plötzlich Menschen, die mir wichtig waren, einfach weg waren. Dann habe ich viele Wochen darüber nachgedacht, was ich falsch gemacht haben könnte, dass das so gekommen ist. Einige Dinge fielen mir dann auch ein…“

Joel beugte sich etwas vor und sag Mari in die Augen. „Bist du dir sicher, dass das, was dir einfiel ursächlich dafür war?“

Mari dachte nach… „Eine Bestätigung habe ich dafür nicht erhalten. Das ist nacheinander bei zwei meiner engsten Freundinnen passiert und mit einer anderen Beziehung die ich mit einem Mann hatte.“

Joel nahm ihre Hand in seine, sah sie ernst an und fragte: „Stimmt es, dass dein Verhalten die Ursache für das plötzliche Ausbleiben dieser Menschen war? Ist das wahr?“

Mari antwortete unsicher: „Ich glaube schon. Ich muss doch was wichtiges unterlassen haben oder etwas Schlimmes gemacht haben, sonst wäre das doch nicht so geschehen…“

„Kannst du mit absoluter Sicherheit wirklich wissen, ob das wahr ist, dass es an dir lag, Mari?“

„Nein, sicher wissen kann ich das nicht.“

„Und wie geht es dir mit dem Gedanken, dass dein Verhalten ursächlich war für den Kontaktabbruch der anderen? Wie reagierst du, wenn du diesen Gedanken denkst?“

„Ich fühle mich unzulänglich und unsicher, ja ich habe diese Unsicherheit inzwischen sogar auf die Beziehungen mit anderen Menschen übertragen und habe immer wie einen Sucher in mir, der aufpassen will, ob ich vielleicht wieder irgendwas anrichte oder schon vermasselt habe. Das fühlt sich ziemlich belastend an.“

„Wie würde es dir gehen, wenn es diesen Gedanken in dir nicht geben würde? Wer wärest du ohne diesen Gedanken?“

„Ich würde mich freier fühlen. Ich könnte die Kontaktabbrüche als Mysterium betrachten, das ich bei aller Nachdenkerei gar nicht lösen und damit zu den Akten legen kann. Schließlich könnte es auch an etwas liegen, wofür ich gar nicht verantwortlich bin. Und wenn ich nicht glauben würde, dass ich daran schuld war, würde ich mich nicht unzulänglich fühlen, könnte anderen Menschen spontaner begegnen und würde mich entspannt und locker fühlen. Ich wäre ein freierer Mensch als jetzt.“

„Okay,“ lächelte Joel, „das lassen wir jetzt einfach mal so stehen. Es entfaltet seine Wirksamkeit von ganz allein… Übrigens diese vier Fragen stammen von einer Frau namens Byron Kati, und sind Bestandteil eines heilenden Prinzips, dem sie den Namen „The work“ gegeben hat.
Und nun schau mal rückwärts, hat dir das Leben, nachdem diese Menschen weg waren, neue Menschen geschickt?“

„Ja, nach allen drei Abschieden entwickelten sich wieder neue Freundschaften.“

„Und nach anderen Abschieden, an denen du dich nicht schuldig fühltest?“

Mari dachte an vier verstorbene, ihr sehr nahestehende Menschen, und daran, wie weh diese Abschiede getan hatten. Jede Lücke hatte sich auf andere Weise wieder neu gefüllt, auch wenn sie sich das erst gar nicht hätte vorstellen können…

„Ja, das Leben hat mir immer wieder neue Menschen geschickt, mit denen ich vieles teilen und erleben konnte.“

„Das heißt ja, dass du dich auch immer wieder neu einlassen konntest, Mari! Auch wenn es drei schmerzhafte Kontaktabbrüche gab, auch wenn es mehrere Trauerphasen gab in deinem Leben – du hast dir die Fähigkeit bewahrt, dich immer wieder neu zu öffnen und einzulassen, richtig?“

Mari nickte zustimmend: „Ja, das ist wahr. Ich habe mich auch mit all meiner Angst, wieder solch mysteriöse Abbrüche zu erleben, immer wieder neu eingelassen – jetzt ja zum Beispiel auch hier auf dich und unsere Meisterspiele.“

„Und das setzt schon eine gehörige Portion Mut voraus“, lächelte Joel. „Du gehst immer wieder das Risiko ein, dass es schmerzhaft enden könnte, wie du es ja mehrfach erlebt hattest. Das ist ein Risiko, das sich ja in keiner Freundschaft vermeiden lässt, und dennoch tust du es und öffnest dich immer wieder neu für bestimmte Menschen, die das Leben dir schickt! Und so offen im Austausch, wie ich dich hier erlebe, bleibt das wohl selten auf einer oberflächlichen Ebene stehen bei dir – oder irre ich mich da?“

Mari schaute auf ihre wichtigsten Freundschaftsbeziehungen und auf die ihr nahe stehenden Menschen, die schon von dieser Erde gegangen waren… „Nein, du irrst dich nicht. Ich hatte und habe mit allen eine ganz eigene persönliche Beziehung, in der wir uns manches, was uns tief berührt aus unserem Inneren erzählen und ich jeweils mit meinem ganzen Herzen da bin. Andere oberflächlichere Arten von Freundschaft interessieren mich ehrlich gesagt gar nicht. Da ist es ja natürlich kein Wunder, dass es weh tut, wenn es plötzlich vorbei ist. Und trotzdem lasse ich es immer wieder zu, neue Freundschaften einzugehen trotz all des Schmerzes, der dann wieder kommen kann. Ich hätte ja auch allein bleiben können oder nur so Wander- und Museumsfreunde haben.“ Sie lachte und schüttelte den Kopf.

„Mari, siehst du, wie stark, wie mutig du bist? Kannst du sehen, wie viel dir der tiefe Austausch und die daraus entstehende Verbundenheit mit Menschen wert ist?“

„Ja, ich lasse mich immer wieder neu ein, denn das Schöne und Lebendige in einem wahrhaftigen offenen Austausch ist es mir wert, auch immer wieder dieses Risiko einzugehen. Und jetzt hier und heute erkenne ich, dass ich es durch alles Aufpassen auf eventuelle Fehler von mir nie verhindern konnte, dass diese plötzlichen Abschiede geschehen sind. Dann kann ich es auch gleich sein lassen, immer wieder meine Antennen auszufahren!“

„Und wie fühlt sich dieser Gedanke an?“

„Irgendwie entlastend“, antwortete Mari und nahm einen tiefen Atemzug.

„Jepp! Das Spiel ist beendet!“ Joel zog sie ganz überraschend aus ihrem Sessel, tanzte lachend ein paar Schritte mit ihr und meinte: „Und DAS feiern wir jetzt!“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

P.S: Vielen Dank an Byron Katie für die wunderbaren Prinzipien von „The work“, aus der die 4 Fragen in diesem Gespräch stammen






28. Ein unüblicher Heilungsweg

Bei Joel : Über die entlastende Funktion von Sanktionen (Teil 2)

„Ich bin stolz auf dich, dass du unser Spiel trotz deines Erschreckens nicht abgebrochen hast,“ sagte Joel, nachdem er ihr zum ersten Mal eine Strafe angekündigt hatte und sie nun in all ihrer Angst mit einer Umarmung aufgefangen hatte. Er drückte sie sanft, schmiegte sie an sich. Es war eine enge, eine umfassende Berührung und wirkte wie ein Ritual, um ihr Kraft zu geben. Er sagte nichts, hielt sie nur fest. Noch hatte sie es nicht verstanden, dass die symbolhafte Sanktion ihr helfen sollte, etwas Altes zu heilen. Zunächst brauchte die verstörte Frau neue Kraft, um dieses Spiel weiter spielen zu können, von dem er sicher war, dass es für sie wertvoll sein würde, wenn es ihr gelingen würde, es zu Ende zu bringen. Dafür wollte er ihr mit dieser Umarmung die nötige Kraft zufließen lassen.

Sie ließ sich in seine ausgebreiten Arme fallen. Der ganze aufgestaute Druck entlud sich, und sie begann heftig zu weinen. Soviel Schmerz war mit dem Thema Strafe verbunden, so viel Angst, so viel Scham… Sie fühlte die Gefühle, die sie so oft als Kind gequält hatten. Immer hatte sie sich Mühe gegeben, alles richtig zu machen, solche Mühe hatte sie sich gegeben, und doch war immer wieder einmal irgend etwas geschehen, was die Oma wütend gemacht hatte. Sie war so verzweifelt, dass sie trotz aller Bemühungen nicht gut genug war, und nun war es hier wieder so. Sie wollte doch alles richtig machen – und immer wieder versagte sie…

Er hielt sie, hielt sie sicher und fest in seinen Armen, nahm sie mit all ihren Gefühlen an.
„Es ist alles gut, Mari! Ja, lass die Tränen fließen, es ist alter Schmerz. Hier geschieht dir nichts Schlimmes. Und ich mag dich, egal was du tust oder unterlässt.“ Er hielt sie weiter fest umschlungen – war für sie wie ein Fels in der Brandung. Und sie hielt sich an ihm fest.

„Ich weiß, das ist ein schwieriger Schritt heute, und du bist schon weit gegangen. Ich bin sehr stolz auf dich. Sieh mal:

Es ist unmöglich Fehler zu vermeiden. Menschen machen einfach Fehler.
Es geht darum, dazu zu stehen, aus ihnen zu lernen und sie wieder auszugleichen.


Die Strafe kann ein Hilfsmittel sein, damit wir einen Fehler ausgleichen und er damit seine Bedeutung verliert. Weißt du, alles im Leben strebt nach einem Ausgleich. Oft bestrafen Menschen sich selbst unbewusst und das Annehmen einer symbolischen Strafe von außen kann Selbstbestrafungstendenzen entgegen wirken.
Bei dir habe ich bisher eine große Angst vor Fehlern bemerkt. Ich glaube, dass kleine symbolisch angewandte Strafen dir helfen können, leichter loszulassen – die aktuellen Fehler und damit auch die alten… Du hast hier bei mir die Chance, den Umgang mit Fehlern und daraus resultierenden Folgen, neu und heilsam zu erleben, ganz anders als das, was du als Kind als sehr belastend und schädigend erleben musstest.

Solch ein bewusstes Anwenden von kleinen Strafen, wie ich es mit dir vorhabe, vermittelt deinem Unterbewusstsein, dass damit alles ausgeglichen ist, dass du den jetzigen Fehler und damit verbunden auch andere alte Fehler nicht mehr mit dir herum tragen oder gar selbst ahnden musst. Jedes Mal, wenn du hier bei mir eine Strafe bekommst, darf dein Unterbewusstsein alte Belastungen mit loslassen. Dafür machen wir das.

Fehler sind nicht schlimm! Fehler dürfen sein!

Ich denke deswegen nicht schlecht von dir, wenn ich dir eine Strafe gebe. Im Gegenteil, ich werde zu dir aufschauen, wenn du deine Strafe annimmst. Und ich will dir helfen, eine gesündere Grundeinstellung zu Fehlern zu entwickeln.“ 
Er kam nahe an ihr Ohr und fragte leise: „Meinst du, wir können unser Spiel fortsetzen?“

Sie konnte nicht antworten, brauchte noch Zeit – und er gab ihr die Zeit, die sie benötigte, um alles zu fühlen, was da war. Ach hätte doch damals als Kind sie jemand so gehalten in schmerzlichen Situationen und so liebevoll mir ihr gesprochen, wenn ihr eines ihrer kleinen Missgeschicke passiert war…
Und hätte man ihr erklärt, dass Fehler zum Leben eines jeden Menschen dazu gehören und nicht wirklich schlimm sind – vielleicht hätte sie sich nicht so oft bedrückt und unzulänglich gefühlt.

„Meister, bitte glaub mir, ich gebe mir so große Mühe, alles richtig zu machen!“

„Mari, das weiß ich, und das sehe ich. Und ich weiß es zu schätzen. Aber trotz aller Mühe machst du wie jeder Mensch manchmal Fehler – hier und sicher auch sonst im Leben.
Aber, was könnte schlimm daran sein, etwas falsch zu machen?
Fehler sind Teil des Lebens und unseres Lernprozesses.

Glaube mir, dass ich es nicht schlimm finde, wenn du einen Fehler machst! Ich mag dich so wie du bist mit all den kleinen Unachtsamkeiten und den tiefen Gefühlswellen. Wir spielen ein kompliziertes Spiel, in dem die Gefühle schnell mal ausbrechen können – schneller, als man denken könnte. Und es ist so eine liebenswerte Eigenschaft von dir, dass du so tief fühlst. Ich möchte nicht, dass du keine Fehler machst, ich möchte nur, dass du dazu stehst und ausprobierst, wie es sich anfühlt, wenn du meine Strafe annimmst.“

Er wartete einen Moment… Sag mir, dass du einen Fehler gemacht hast. Das ist deine Strafe für heute. Wenn du das gesagt hast, ist das Spiel beendet.“ sagte er sanft.

„Ja, Meister, ich habe einen Fehler gemacht! Und ich bitte um Verzeihung dafür.“

„Mari, das hast du sehr gut gemacht. Du hast deine heutige „Strafe“ angenommen. Ich muss dir gar nicht verzeihen, denn der Fehler ist ausgeglichen. Es ist, als wäre er nie geschehen. Und nach und nach wird sich in dir – wie ich hoffe – auch nachhaltig ein Gefühl von Erleichterung einstellen, was das Thema „Fehler machen“ anbelangt. Da haben wir allerdings noch ein Stück Weg vor uns.
So, das Spiel ist vorbei, und du hast heute einen sehr großen Schritt gemacht. Weißt du, manche Fehler sind sogar wichtige Erlebnisse und können uns stärker machen. Du warst heute sehr stark! Alles ist gut, Mari!“

Erleichtert und erschöpft dankte ihm Mari.
Er hielt sie noch ein Weilchen in seinen Armen… Welch Erfahrung!!!
Trotz des Fehlers, trotz ihrer Schwäche meinte er, sie sei stark und alles konnte nun gut sein.

Er hielt sie so lange im Arm, bis sie sich langsam selbst aus der Umarmung heraus löste.

„Kaffee? fragte er. „Ich finde, den haben wir uns jetzt verdient.“ Er lächelte und ging in die Küche.

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

Zum nächsten Kapitel: –> 29. Migräne…

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27. Fassungslos…

Bei Joel : Über die entlastende Funktion von Sanktionen (Teil 1)

Joel öffnete die Tür, er trug eine schlichte schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. 

„Was für eine Freude, dich zu sehen, Mari!“ sagte er und bat sie herein.

“Ich freue mich auch, Joel, bin aber auch sehr aufgeregt“ entgegnete Mari

„Das ist ein gutes Zeichen, Mari.“

Mari betrat das Wohnzimmer. Sie kannte sich aus, und doch war in ihr eine leichte Unsicherheit spürbar. Die Couch war heute aufgeklappt und einige bunte Kissen lehnten an der Wand.

„Magst du etwas trinken?“ fragt Joel.

„Ja gern!“

Joel holte Wasser und als er wieder ins Zimmer kam, blieb er stehen und hielt ihr das Glas so hin, dass sie aufstehen musste, um es zu nehmen. In dem Moment, als sie es in der Hand hatte, sagte er: „Das Spiel beginnt.“

„Ich werde dir jetzt eine Aufgabe stellen. Ich werde sie versuchen, sie so deutlich wie möglich zu formulieren.“ Joel ging dabei durch den Raum, als würde er mit sich selbst reden. Dann stand er vor ihr. „Bereit, Mari?“

„Ich müsste nochmal vorher ins Bad gehen,“ entgegnete sie verlegen. Aufregung schlug ihr oft auf die Blase.

„Du weißt ja, wo es ist. Ich erwarte dich genau hier“, sagte er und drehte sich zum Fenster.

Sie beeilte sich und kam schnell zurück. Wo genau hatte sie gestanden? Sie versuchte die gleiche Stelle zu finden.

Joel kam auf sie zu, stellte sich vor sie und schaute sie an.

„Besser?“ Sie nickte etwas beschämt..

„Bereit?“

„Ja, Meister.“

„Sehr gut, Mari, sehr gut!“ Joel nickte.

„Du entkleidest dich jetzt und legst dich auf die Couch.
Ich werde mich bis du fertig bist zum Fenster drehen.
Wenn du dich hingelegt hast, wirst du von mir eine Berührung bekommen – eine sanfte Berührung. Sie wird so sein, dass du sie leicht annehmen kannst. Schließe, wenn du liegst, deine Augen. Du darfst sie jederzeit kurz öffnen, aber dann wieder schließen. Du wirst so lange dort liegen, bis ich dir sage, dass du aufstehen darfst. Geredet wird dabei nicht.“

Joel machte eine Pause.

Entkleiden… meint er, ich soll mich diesmal ganz ausziehen? Das packe ich nicht! Warum fällt mir das nur so schwer? Nein, das mache ich nicht! Was tu ich bloß? Ich könnte ihn um eine Variation der Anordnung bitten… aber was ist, wenn er gar nicht meint, dass ich wirklich alles ausziehen soll. Fragen stellen soll ich ja auch nicht…

Unentschlossen stand Mari noch immer auf dem selben Fleck und wusste einfach nicht, wie sie sich verhalten sollte. Verunsichert und aufgeregt blickte sie ihn an.

„Hast du die Aufgabe verstanden, Mari, oder gibt es noch eine Unklarheit in dir?“ fragte er freundlich.

“Ich weiß nicht, wie viel ich ausziehen soll. Alles? Das geht für mich nicht. Das geht einfach nicht, bitte versteh das.“ Ihre Stimme bebte…

„Ich möchte, dass du so viel ausziehst, wie dir möglich ist, aber mindestens zwei Teile.“

Er lächelte sie an.

Erleichtert nickte Mari. Ja, das ging. Sie zog ihre langärmelige Bluse aus. Darunter trug sie noch ein T-Shirt. Dann zog sie ihre Socken aus. Das sind sogar drei Teile, freute sie sich im Stillen.
Dann fiel ihr wieder ein, dass sie sich nun hinlegen sollte. Langsam ging sie auf die Couch zu.
Was würde dort geschehen?
Immer unsicherer und langsamer wurden ihre Schritte. „Wo wirst du mich berühren?“ fragt sie leise.
Hatte sie das nur gedacht, oder hatte sie es ausgesprochen… ?
O jeh, sie sollte doch keine Fragen stellen….

„Mari? Du hast gerade gegen die Frage-Regel verstoßen. Sie ist es, die du immer wieder einmal vergisst, nicht wahr? Das war sicher keine Absicht, und es ist auch nicht schlimm, aber ab heute werden Regelverstöße kleine, für dich machbare Sanktionen nach sich ziehen. Sie haben einen tiefen guten Sinn, den ich dir nachher noch erklären werde und werden so bewusst und vorsichtig eingesetzt von mir, dass sie dir nicht weh tun werden.“
Joel stand noch immer an seinem Platz und hatte ihr wie versprochen beim Ausziehen nicht zugesehen, obwohl es ja nicht mal viel war, was sie ausgezogen hatte.

Feuerrot stand Mari noch immer vor der Couch.
Er will mich bestrafen… Oh bitte nicht!
„Bitte, ich habe das nicht gewollt, ich hab gar nicht gemerkt, dass ich meine Gedanken ausgesprochen habe und dadurch eine Frage gestellt habe. Du hast mich doch noch nie bestraft…“
Sie fühlte sich schrecklich. Wie peinlich war das denn?!! Ihr Kopf wurde glühend heiß, eine heftige heiße Welle wie flüssiges Feuer lief durch ihren Nacken in ihren Kopf hinein. Schwindelig wurde ihr jetzt auch noch. In welche Situation hatte sie sich hier nur mit diesen Machtspielen begeben?!!Wollte sie das wirklich? Sie hatte doch nicht wirklich so etwas Schlimmes getan, dass sie bestraft werden musste. Sie erinnerte sich an den Teppichklopfer, der bei ihrer Oma immer sichtbar auf dem Schrank gelegen hatte. Immer hatte sie ANGST, dass er benutzt werden würde… Und jetzt…
Was würde ihr Meister mit ihr tun? Angstvoll sah sie ihn an und brachte kein Wort heraus…
Ihre Augen wurden feucht, ihre Lippen zitterten…

„Ich weiß, dass es keine Absicht war. Die Strafe soll dir dienen, um zu erleben, dass ein Fehler wieder ausgeglichen werden kann. Ich möchte dir mit den Regeln, die manchmal nicht so leicht sind einzuhalten, die Gelegenheit geben, Fehler zu machen – um zu erfahren, dass das nicht schlimm ist, und du sie selbst wieder ausgleichen kannst. Diese Erfahrung, dass es nach einem Fehler wieder gut sein darf, hast du als Kind nicht machen können, da hielten schmerzliche Gefühle nach einem kleinen Fehler in dir lange an. Ein Kind, das lernt, mit einer Folge seines Fehlers umzugehen und dadurch Entlastung zu finden, fürchtet sich nicht mehr so vor Fehlern wie du es jetzt tust und kann sich ausprobieren. Diese Erfahrung fehlt dir, Mari. Mit kleinen, annehmbaren Strafen soll die alte Angst vor Fehlern und ihren Folgen nach und nach abgebaut werden.
Es geht darum, dass du regelrecht übst, Fehler zu machen – und dass das leicht zu bewältigen ist. Regelüberschreitungen und Unachtsamkeiten passieren und gehören dazu – hier in unseren Spielen und im Leben, und sie sind nicht schlimm! Meine Sanktionen sollen für dich eine Hilfe sein, das bedrückte Gefühl, das durch Fehler entsteht, wieder loslassen zu können. Wenn man sie akzeptiert und annimmt, ist der Verstoß sofort und endgültig ausgeglichen. Es wird jetzt eine kleine zusätzlich Aufgabe geben, die du ganz leicht bewältigen kannst. Ich werde dich dabei nicht anfassen. Nun leg dich hin, dann erkläre ich dir deine Strafe.“

Seine Stimme klang nicht unfreundlich.
Dennoch war Mari wie von innen erstarrt. Sie hörte zwar, dass er sprach, nahm die Worte aber nicht mit ihrem Bewusstsein wirklich auf. Sie rauschten an ihr vorbei. Selbst wenn sie nicht bestraft worden wäre, sie konnte sich jetzt nicht auf die Couch legen, so schutzlos und ausgeliefert fühlte sie sich.
Endlich kam ihr ein hilfreicher Gedanke: Er hatte ihr ja für solche Situationen, in denen gar nichts mehr ging, die Regel gegeben, dass sie um eine Umarmung bitten dürfe.
„Meister, ich kann nicht mehr“, sagte sie mit zittriger Stimme, „würdest du mich bitte in die Arme nehmen?“

„Ich bin stolz auf dich, dass du so reagierst,“ sagte er, „ich weiß, das ist alles für dich neu und schwer.“ Er kam auf sie zu breitete seine langen Arme aus und umhüllte sie ganz sanft damit. Kein Druck, und doch eine Festigkeit, ein Halt, wie sie ihn genau jetzt brauchte… damit das Spiel danach weiter gehen konnte…

Die Fortsetzung folgt im nächsten Kapitel: –> 28. Ein unüblicher Heilungsweg

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

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6. Gedanken am Abend – und ein Gute-Nacht-Gruß

Am Abend nach dem ersten Spiel

Mari war im Begriff, schlafen zu gehen am Abend dieses ereignisreichen Samstags.  Sie sah von ihrem Bett aus durch´s Fenster und ließ ihre Gedanken wandern…
Zum ersten Mal hatte sie heute Besuch von Joel bekommen – und sie hatten ein erstes „Meister-Spiel“ gespielt, ein Rollenspiel in einer Atmosphäre von sanfter Dominanz, die sie prickelnd in der Seele berührte… die obwohl sie sanft war und ohne jede Spur von Schmerz, in ihr eine ganz seltsame Gefühlsmischung auslöste. Sie hatte sich klein und unsicher gefühlt, sobald Joel die Meisterrolle eingenommen hatte. Dabei hatte er es nicht einmal darauf angelegt, sie klein zu machen. Es geschah einfach… 

Sobald er in einem ganz bestimmten Tonfall mit ihr sprach, fiel sie in ein Gefühl, das sie an ihre Kindheit erinnerte. So oft hatte sie damals Angst gehabt, etwas falsch zu machen…
Dabei hatte sie sich immer so viel Mühe gegeben, alles „richtig“ zu machen, so wie die Großen es wollten und brauchten(!) – und doch passierten immer mal wieder Dinge, die ihre nervöse Großmutter, bei der sie einige Jahre lebte, schnell ärgerlich und ungehalten werden ließ.
Der Ausklopfer, der zwar nur ganz selten benutzt wurde, lag  immer sichtbar auf dem Schrank im Flur… 
Noch schlimmer war es allerdings, dass ihre Großmutter, wenn sie sich wegen Mari´s kleiner Missgeschicke aufregte, Herzattacken bekam und die Kleine sich dafür schuldig fühlte, wenn sie hörte: „Jetzt hast du mich wieder so aufgeregt, dass ich Herzschmerzen bekomme.“
Sie wollte doch alles möglichst gut machen für die Oma… Und so oft hatte es dann doch nicht funktioniert  Diese Angst, zu versagen war tief in ihr – und wie sie heute mal wieder deutlich spürte, führte sie immer noch eine Art Eigenleben.

Sie hatte Joel davon bisher nichts erzählt, dennoch hatte er ihr heute diese ganz besondere „Regel“ gegeben:
F E H L E R   D Ü R F E N   S E I N ! 
Sie hatte das Papier mit den groß geschriebenen drei Worten, das sie auf sein Geheiß hin erstellt hatte, auf ihre Kommode im Schafzimmer gestellt, damit sie es beim Einschlafen und Aufwachen sehen konnte.

Und obwohl  sich innerhalb des Spiels nicht so angenehme Emotionen in ihr bewegt und  sie sich überwiegend nervös und beklommen gefühlt hatte, dachte sie jetzt mit einem warmen Gefühl daran zurück. Es wirkte im nachhinein wohlig prickelnd und löste gleichzeitig eine Art von Geborgenheit aus, nach der sie sich tief im Inneren sehnte.

Als ihr Meister hatte er sie zwar korrigiert, wenn sie etwas anders machte, als es in die Situation passte oder von ihm gewollt wurde, aber er hatte sie dabei nicht beschimpft oder in irgend einer Weise nieder gemacht. Er war einfach nur klar und bestimmt in seiner Korrektur gewesen. Als er wahrgenommen hatte, dass es sie verunsicherte, hatte er freundlich mit ihr geredet oder ihr mit irgendeiner Geste gezeigt, dass alles in Ordnung war – jedes Mal ! Und er hatte ihr Regeln gegeben, an denen sie sich festhalten konnte. Diese Klarheit tat im Nachhinein gut, auch wenn seine bestimmende Art in der Spielsituation ihre Gefühle von Kleinheit und Unsicherheit erstmal verstärkt hatte.

War es so, dass sie deshalb „klein“ sein wollte,  um zu erleben, dass sie „klein“ sein durfte, ohne Angst, den „Großen“ zu belasten…? 

Fühlte sie sich deshalb so zu diesen seltsamen Machtspielen hingezogen…?

Ein Summton ihres Smartphones unterbrach ihre Überlegungen – eine Nachricht war gekommen:

Liebe Mari, ich wünsche dir eine gute Nacht.
Du hast alles ganz prima gemacht! 
Hast in deinen Gefühlen sicher viel erlebt –

manches Mal wohl auch „heimlich“ gebebt?
Und nun – lass alles jetzt ruhn, 
In diesem Moment gibt´s nichts mehr zu tun.
Träume schön,
bis wir uns nächste Woche wieder sehn.
Dein Meister

Wie schön war DAS denn!!!

Danach ploppte noch eine zweite Nachricht auf:

Und auch ich wünsche dir eine gute Nacht, liebe Mari.
Der Abend mit dir hat mir viel gegeben.
Good night…
Joel

Mari lächelte und tippte:

Good night also for you, Joel! Sleep well.
Auch dir eine gute Nacht, Joel! Schlaf gut.

Hab Dank für diesen besonderen Abend –
und grüße bitte auch den Meister von mir.
Ich habe mich sehr über seinen – und deinen – Gute-Nacht-Gruß gefreut.

 

Zum nächsten Kapitel: 7 – Machtabgabe – ein kostbares Geschenk

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge (leider umgekehrt, also das aktuellste ist vorn – um es von Anfang an zu lesen, bitte ganz zurück scrollen)

3. Bei dir oder bei mir ?

Mari saß auf der Parkbank und genoss Joels Hände auf ihren Schultern. Sie massierten ihre verspannte Schulter- und Nackenmuskulatur und übten dabei jenen besonderen Druck aus, der deutlich spürbar war, die Muskeln weicher werden ließ, aber nicht weh tat.

„Deine Massage tut gut, Joel. Nicht zu fest und auch nicht zu zart – meine Anspannung wird weniger. Dank dir!“

„Ist es nicht ähnlich wie du es dir für die Spiele wünschst?“ fragte Joel
„Ein kleines bisschen wohl dosierten Druck, der zu Entspannung führt, aber nicht weh tut?“

„Ui… ja, so könnte man es formulieren. Und sollte es doch zu viel werden… würdest du den Druck reduzieren?“

„Anfangs würde ich sofort den Druck wegnehmen oder abmildern.
Irgendwann einmal, wenn wir uns besser kennen, würde ich dich fragen, ob du noch zwei bis drei Sekunden in der Situation bleiben könntest, um zu sehen, wie es sich in dir entwickelt. Denn so wie harte Muskeln nach einer kurzen Zeit des Druckes weicher werden, könnte auch dein Gefühl sich durch eine kleine Gewöhnungszeit verändern. Das würde ich aber nur mit deinem Einverständnis tun.“

Mari holte Luft, und er spürte, wie ihr Verspannung wieder zunahm.

„Soweit sind wir aber längst noch nicht. Und wie gesagt, wir können immer über alles reden.
Ich würde gern die Ampelfarben als Stimmungsindikator nutzen, dass du mir schnell und ohne lange nach Formulierungen suchen zu müssen, mitteilen kannst, wie es dir geht und was du brauchst.
Grün heißt: Alles paletti, weiter im Spiel.
Gelb  bedeutet: Es geht gerade noch so… Ich bin an meiner Grenze des Erträglichen, bitte keine Steigerung! Ich brauche Unterstützung, um in der Situation bleiben zu können.
Rot bedeutet: Sofort Stopp! Ohne Diskussion. Abbruch dieser Situation.
Solltest du „Rot!“ sagen, werde ich mich absolut danach richten, und wir steigen sofort aus der Situation oder aus dem gesamten Spiel aus.
Und scheue dich bitte niemals, „Rot!“ zu sagen, wenn du es so empfindest.“

„Joel, ich brauche nur daran zu denken, und ich habe Bammel.“

Er legte die Hände auf ihren Kopf und massierte in langsam kreisenden Bewegungen ihre Kopfhaut. „Wie fühlt sich das an?“

„Herrlich!“

„Mari, ich werde tun, was ich kann, dass solche herrlichen Momente wie jetzt dir über schwierige Gefühle wie Angst, Scham und Unsicherheit hinweg helfen.“

„Danke Joel… Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich schon ein wenig Vertrauen zu bekomme.“

„Das freut mich, Mari!“

„Hmm… ich überlege: Wir haben uns jetzt dreimal irgendwo draußen getroffen…. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir uns das nächste Mal bei dir oder mir zuhause treffen  würden?“

„Ja, das denke ich auch“, stimmte Joel zu, „aber ich hätte es nicht ausgesprochen. Diesen Schritt, ein erstes Treffen in der Wohnung vorzuschlagen, wollte ich dir überlassen, damit du dich nicht überrumpelt fühlst.“
Langsam kam er um die Bank herum und setzte sich neben sie.
„Wo wollen wir uns treffen, Mari? Möchtest du zu mir kommen, oder soll ich zu dir kommen? Wo würdest du dich sicherer fühlen?“

Mari dachte nach… „Ich glaube, bei mir zuhause würde ich mich etwas wohler fühlen. Möchtest du mich am nächsten Samstag besuchen kommen?“

„Gern, Mari! Und jetzt holen wir uns ein Eis!“

Zum nächsten Kapitel:  4. Fehler dürfen sein

 

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