61. Immer einen Schritt nach dem nächsten – und die Gedanken werden leiser…

Bei Joel: Eine wettere Vertrauensübung

Als Mari heute das Wohnzimmer von Joel betrat, bemerkte sie das es ungewöhnlich warm war.
Auf dem Tisch lag der Seidenschal, den sie nun schon mehrmals vor ihren Augen hatte.
Joel ging noch einmal in die Küche, um etwas zu trinken zu holen, schenkte Mari ein Glas Wasser ein und sagte: „Ich denke, wir machen heute beim Thema Vertrauen weiter. Bist du bereit, Mari?“
Sie schluckte und antwortete: „Ja, ich bin bereit.“ Welche Übung würde wohl heute auf sie zu kommen? Sie spielte sie mit ihm ja diese Rollenspiele, um ihr Vertrauen zu stärken, dennoch hatte sie immer wieder etwas Angst vorher und oft auch innerhalb der Spiele.

„Das freut mich sehr“, lächelte Joel, „das Spiel beginnt.“ Mit diesen Worten nahm er den Schal in die Hand, stellte sich hinter sie, legte ihn ihr ganz sanft über die Augen und verknotete ihn schließlich.


Mari stand still und versuchte mit ihrer Aufregung klar zu kommen. Was würde nun wohl geschehen?

„Alles gut, Mari?“ fragte er leise.

„Ja, alles okay, ich bin nur ein bisschen aufgeregt“, antwortete sie ehrlich.

„Du weißt, ich passe auf dich auf, nicht wahr?“

Sie nickte.

„Es ist recht warum, magst du deine Strickjacke ausziehen?“ bot er ihr an.

Das tat sie gern, denn ihr war in der Aufregung ziemlich heiß geworden. Er half ihr dabei, und als die Jacke fast ausgezogen war, verdrehte er sie plötzlich so, dass ihre Arme in der Jacke gefangen waren.
Sie versuchte, sich da irgendwie heraus zu winden, doch er zog ein paar mal an der Jacke, so dass die Arme plötzlich darin eingebunden waren.

„Halt still Mari“, wies er sie an.

Mari erschrak. „Ach, das machst du mit Absicht…“

„Ganz ruhig Mari“, flüsterte er leise an ihrem Ohr. Ich bin und bleibe die ganze Zeit in deiner Nähe. Dir kann nichts geschehen.“

Nun konnte sie nichts sehen und ihre Arme kaum bewegen. Sie versuchte, ihre Aufregung durch ruhigeres Atmen in den Griff zu bekommen, aber das funktionierte kaum. Sie fühlte sich äußerst nervös.

„Setz dich“, sagte er und führte sie, so dass sie sicher zu dem Stuhl gelangte.
Sie nahm ihn von hinten an ihren Knien wahr und fühlt sich ziemlich hilflos.
Joel half ihr mit einem festen Griff an den Schultern, dass sie sich ganz vorsichtig und sicher setzen konnte. Sie spürte deutlich, wie ihr Herz schlug.

Als sie sicher saß, ließ er sie los, und es wurde still im Raum.
Dass sie nicht wusste, wo genau er war, konnte sie nur schwer aushalten.
Es gab keine Geräusche, die ihn verrieten. Sie lauschte angestrengt, spürte den Pulsschlag in den Ohren rauschen. Endlich durchbrach er die Stille: „Gut, Mari, jetzt steh auf. Sie konnte nicht genau zuordnen, wo er sich im Raum befand.
Langsam erhob sie sich und fühlte sich dabei sehr unsicher, da sie sich ja mit den Händen nicht abstützen konnte.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie, „und jetzt geh drei Schritte vor.“

Langsam setzt sie drei Schritte nach vorn.

„Ja, prima, nun dreh dich nach links und geh zwei Schritte vor. „
Sie folgte seiner Anweisung und fühlte sie sich langsam etwas sicherer.

So ging das noch ein ganzes Weilchen, mal nach links, mal nach rechts, mal mehr mal weniger Schritte, bis sie völlig die Orientierung im Raum verloren hatte.
Mit der Zeit wurde sie sicherer dabei, und fühlte sich irgendwie ganz seltsam ruhig in dieser Orientierungslosigkeit. Immer ruhiger wurde ihr Denken… Mit der Zeit war nichts mehr wichtig, nur immer der nächste Schritt. Seine Anweisungen gaben ihr irgendwie eine Struktur vor, an der sie sich innerlich festhalten konnte. Sie brauchte nur zu folgen, nichts selbst zu entscheiden. Das tat richtig gut.
Nach der gefühlten hundertsten Anweisung sagte Joel zu ihr: „Du machst das sehr, sehr gut Mari. Bleib einen Moment so stehen. “ Seine Stimme schien fast um sie herum zu klingen…
Sie freut sich über das Lob , stand still und erwartete, dass er ihr nun die Augenbinde abnehmen würde und die Übung beendet sei, aber nein…
Es kam eine weitere Anweisung: „Jetzt, lass dich nach hinten fallen, Mari.“

Boah… Das kostet Überwindung. Sie konnte nicht einschätzen, in welchem Abstand er sich von ihr befand. Gern würde sie seiner Anweisung folgen, aber noch gelang es ihr nicht.

Er nahm ihren inneren Kampf wahr und ermutigte sie: „Du warst beim Gehen so mutig und sicher, Mari, das hast du so phantastisch gemacht, nun lass dich noch rückwärts fallen.“

So gern würde sie wissen, wo er stand, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu fragen. Sie erinnerte sich an die vielen Male, in denen er eine Übung für sie leichter gestaltet hatte, als sie zuvor dachte. Auch daran, dass er sie schon einmal von hinten aufgefangen hatte, dachte sie. Das war nun schon viele Wochen her. Ganz nah hatte er hinter ihr gestanden… Sicher würde er darauf achten, sie auch dieses Mal nicht fallen zu lassen. Warum war es dennoch so schwer, los zu lassen und sich nach hinten fallen zu lassen.
Sie atmete tief ein und dachte: „Jetzt!“ Aber es gelang nicht, ihr Körper folgte einfach nicht ihrer gedanklichen Anweisung.“

„Komm Mari,“ lockte er sie freundlich, „du weißt, dir wird nichts passieren.“

Immer noch zögerte sie…

Und bei seinen Worten: „Ich weiß, du schaffst das Mari!“, holte sie tief Luft, dachte noch einmal „Jetzt!!!“ und…. ließ sich schließlich fallen.

Anders als bei dem Spiel, das sie vor einiger Zeit schon mal hatten, waren seine Hände allerdings nicht sofort da, und sie begann tatsächlich deutlich zu kippen. Doch nach einem kurzen Schreckmoment waren seine Hände da, fingen sie kräftig und fest auf, und ließen sie ganz sanft auf einen Stuhl sinken.
Ihr war heiß, in ihrem Kopf kribbelte es und sie atmete aufgeregt.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie.
Froh, seine Stimme nun ganz in der Nähe zu hören, wünschte sie sich, jetzt eine Berührung von ihm zu spüren.
„Würdest du mich bitte einen Moment umarmen?“ fragte sie leise.

„Aber sehr gerne“, lächelte er und nahm sie fest in die Arme.

In diesem Moment spürte sie erst, wie ihr Körper zitterte, und war dankbar für die Umarmung.
Er hält sie ganz fest. „Ruhig und tief atmen, Mari, das hast du sehr, sehr gut gemacht! Du hast großen Mut bewiesen und großes Vertrauen. Es war heute ja auch deutlich schwieriger, dich fallen zu lassen, aber du hast es gemacht, Mari!“ Daraufhin zog er ihr die Strickjacke nun mit nur einem kleine Zug an der richtigen Stelle aus. Auch die Augenbinde nahm er ihr nun ab und lächelte sie an…

„Danke für deine Anerkennung, das tut gut dass die Strickjacke jetzt ab kommt!“

Sie genoss es, wieder sehen und sich frei bewegen zu können.

„Das war wirklich sehr, sehr gut Mari“, sagte er noch einmal, und dann: „Das Spiel ist vorbei!“

Mari schaute Joel an und ging einen Schritt auf ihn zu, und… er nahm sie in seine Arme.

„Da hat es mir der Meister heute aber ziemlich schwer gemacht“, erklärte sie leise, und genoß seine Umarmung.

„Ja“ gab er zurück, „das war wirklich eine starke Herausforderung an dein Vertrauen, aber du hast sie super gemeistert, hast großen Mut bewiesen und ihm vertraut.“

„Du glaubst gar nicht, wie schwer mir das gefallen ist, Joel!“

„Oh doch, das glaube ich“, sagte er und drückte sie enger an sich, „aber du konntest es, weil dein Vertrauen wächst.“

„Es war heute so unheimlich, schon am Anfang, als er so lange geschwiegen hat, als ich auf dem Stuhl saß… Dann das Laufen ging ganz okay mit der Zeit, aber das Fallen lassen – das war echt heftig! Puh…“

„Ja, zumal er vorher dafür gesorgt hast, dass du die Orientierung verlierst beim Gehen , aber du hast dich nicht irritieren lassen und hast ihm vertraut! Ich bin beeindruckt, Mari!“

„Na doch habe ich mich irritieren lassen, ich habe völlig die Orientierung verloren hier im Raum, ich habe nicht mal mehr die Richtung seiner Stimme zuordnen können, da war ich schon sehr irritiert. Und ich glaube das war Absicht, stimmt’s?!“

„Ja sicher, es sollte ja schon etwas herausfordernder sein, als beim letzte Mal, schließlich willst du ja in deinem Vertrauen wachsen – und du hast tatsächlich noch mehr Vertrauen gezeigt! Prima, Mari!“

„Hm… der Meister ist schon ziemlich kreativ in seinen Übungen, da bekomme ich jetzt schon Bammel vor dem nächsten Mal…“

„Aber du weißt doch, dass es gut ausgehen wird!“ lächelte Joel.

„Warum habe ich dann trotzdem immer wieder so dolle Angst? Ich weiß gar nicht, welche Angst heute größer war: die Angst vor dem Fallen lassen oder die Angst davor, es nicht zu schaffen.“

Joel überlegte: „Tja, warum ist das so mit der Angst… Ich denke, weil es etwas Neues, etwas Ungewohntes ist, und weil du immer noch die unangenehmen Erinnerungen in dir trägst, die in ungewissen Situationen immer wieder aktiviert werden.“

„Ja, so wird es sein. Die kommen wohl immer wieder, wenn es eine neue Steigerung der Herausforderung gibt.“

„Ja, aber mit jedem Schritt, gewinnst du mehr Vertrauen, Mari, sonst wäre es dir heute blind und mit gefesselten Händen nicht möglich gewesen, so sicher durch die Wohnung zu gehen.“

Mari schaute Joel dankbar an. „Es ist echt toll von dir, Joel, dass du mich immer wieder auf die Dinge aufmerksam machst, die mir gelingen. Hab vielen Dank dafür!“

„Ich danke dir, Mari, dass ich ein Teil davon sein kann“, sagte er und drückt sie noch einmal fest an sich.

„Was hätte der Meister eigentlich gemacht, wenn ich mir die Jacke nicht hätte ausziehen wollen?“

Dann hätte er einen anderen Weg gefunden“, sagt Joel wissend, aber rätselhaft.

„Hm okay…“, ich frage wohl besser nicht weiter nach, meinte Mari nachdenklich.

„Du würdest auch keine Antwort bekommen“, schmunzelte Joel, „ich freue mich schon auf das nächste Spiel mit dir!“

Geschrieben von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

18. Bereitschaft… reicht aus

Bei Mari – 2.Teil der Übung Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Mari bewegte sich vorsichtig Schrittchen für Schrittchen mit verbundenen Augen durch ihr Wohnzimmer, wobei Joel in der Rolle des Meisters nur noch ein kleines Stückchen entfernt von ihr stand.

Wieder einmal machte sie eine Vertrauensübung mit verbundenen Augen. Es war nicht mehr so leicht wie beim ersten Mal, in denen es nur darum gegangen war, sich überhaupt erst einmal sitzend an den schwarzen Seidenschal vor ihren Augen zu gewöhnen. Sie erinnerte sich, wie schwer ihr das gefallen war. Und heute bewegte sie sich schon langsam durch den Raum damit nach den Weisungen ihres Meisters, der wieder einmal symbolisch die Rolle des Lebens für sie eingenommen hatte.

Ach, wenn sie doch jemals dieses Vertrauen fühlen könnte, das sie sich so sehr wünschte.

„Jetzt knie vor dem Leben nieder.“

Unsicher ging sie in die Knie – und in dem Moment, in dem sie fast umgefallen wäre, weil nichts zum Festhalten da zu sein schien, ergriff er ihren Arm und half ihr dabei nieder zu knien.

„Ich werde dir immer helfen, spätestens dann, wenn du spürst, es allein nicht zu schaffen. Und du darfst mich jederzeit um Hilfe bitten. Meine Hilfe wird zwar nicht immer genauso aussehen, wie du sie dir vorstellst, aber sie wird dir gewährt. Darauf kannst du vertrauen!“

„Danke, Meister!“

Sie spürte, dass etwas Weiches an der Stelle lag, an der sie sich nun nieder kniete, eine Decke… ein Kissen… Genau wusste sie es nicht, aber sie nahm wahr, dass er dafür gesorgt hatte, dass es nicht zu hart für sie wurde auf dem Boden. War das ein Symbol dafür, dass auch das Leben für sie sorgte, und alles so gestaltete, dass es nie zu hart sein würde, wenn sie ihm nur vertraute?

„So, und nun sprich mir nach – Satz für Satz, langsam und deutlich:

  • Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    „Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    Dabei fühle Mari sich klein – und das war in diesem Zusammenhang ein  erstaunlich angenehmes Gefühl. Sie brauchte sich nicht zu sorgen, das Leben sorgte für sie.

  • „Du führst, ich folge.“
    „Du führst, ich folge.“
    Auch das fühlte sich seltsam gut an – geborgen in einer größeren Macht…

  • „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    Tief atmete Mari ein – ach wenn sie doch sicher sein könnte,
    immer und überall Hilfe zu bekommen!

  • „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    Na ja, das ist eine ziemliche Herausforderung… dachte sie –
    aber es genügt, wenn ich es will, auch wenn ich es noch nicht ganz fühlen kann.

  • „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    Ach könnte ich die Liebe doch immer fühlen oder wenigstens darauf vertrauen,
    dass sie da ist, auch wenn ich sie gerade nicht wahrnehme…

  • „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    Das fühlt sich gut an… mit Unterstützung belohnt…
    Aber ob ich das immer kann? überlegte Mari

  • „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    Sie sprach es nach und dachte: Als ob er weiß, was ich eben gedacht habe…
    Es ist so erlösend und nimmt Druck, wenn die Bereitschaft ausreicht!

  • „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    Das gibt Frieden und Kraft!
    „Ja, ich bin bereit dazu…“ flüsterte sie noch einmal


    In diesem Moment fühlte sie, wie das Leben ihre Hände in seine großen warmen Hände nahm und wie es ihr half, sich zu erheben. Dann wurde sie in die Arme genommen und gehalten. Fest und innig umarmt stand sie nun aufrecht, sicher gehalten in den Armen des Lebens und nahm diese so deutlich spürbare Liebe wahr.

    „Atme die Liebe ein, Mari“, hörte sie die Stimme ihres Meister leise an ihrem Ohr, der als „das Leben“ zu ihr sprach. „Ja, so ist es gut. Gaaanz tief… Mit jedem Atemzug atmest du Liebe ein – jetzt hier in meinen Armen und auch sonst kannst du das tun – wo immer du bist.
    Du brauchst nur daran zu denken, bewusst Liebe einzuatmen, und schon ist es so.“

Zum nächsten Kapitel: –> 19. Bewegt und gehalten von den Händen des Lebens

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

17. Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Bei Mari – Hilfe kommt dann, wenn sie gebraucht wird

„So Mari, das Spiel beginnt. Setze dich jetzt auf den kleinen Schemel, den du bereits kennst.“

Überraschend wie meistens begann Joel das Rollenspiel, als er aus dem Badezimmer kam und das schwarz-bunte „Gewand des Lebens“ trug.

„Ich komme heute wieder als „das Leben“ zu dir und werde dir gleich die Augen verbinden. Das kennst du ja schon vom letzten Mal. Du hast zunächst nichts weiter zu tun, als einfach nur sitzen zu bleiben und das geschehen zu lassen. Dann wirst du weitere Anweisungen bekommen.“

Sie hörte wie er wieder hinter sie trat und leise zu summen begann – keine bestimmte Melodie, einfach nur Töne. Konnte das sein?! Ein Mann, der so zart summen konnte und das für sie tat…
Ihr Meister fand mit den Tönen einen Zugang zu ihrem gerade wieder so verletzlichen Gemüt… Im ersten Moment, als er ihr das schwarze Seidentuch umgebunden hatte, war sie verängstigt, wie letztes Mal auch. Doch dieser Schreck begann sich nun langsam sich zu lösen. Sie spürte seine warmen Hände auf ihren Schultern Mit sicheren, wohltuenden Bewegungen lockerte er ihre angespannte Körperhaltung. Ach, tat das gut! Wohlig seufzte sie leise auf. In diesem Moment hörte er auf zu summen und sprach zu ihr:

„Du wirst heute das Leben als deinen persönlichen Meister fühlbar mit deinen Sinnen erleben, Mari. Du hast dir ja neulich gewünscht, dem Leben öfter zu begegnen und zu lernen, ihm tiefer vertrauen zu können. Dein Wunsch ist wahr geworden! Steh auf und verneige dich vor deinem Meister, dem Leben.“

Gehorsam erhob sie sich und drehte sich um, da sie ihn noch hinter sich vermutete. Doch seine Stimme kam nun von woanders.

„Nein, da wo du dich hinwendest, bin ich nicht mehr. Ich bin stets unberechenbar. Dreh dich um in die Richtung, aus der du meine Stimme vernimmst.“

Langsam drehte sie sich soweit wie sie meinte, dass nun die Richtung stimmte.

„Ja,“ hörte sie ihn, „das ist fast richtig, ein kleines Stück noch nach rechts!

Sie folgte seiner Anweisung.

„Gut machst du das, Mari.“

Wie wohl ihr dieses kleine Lob tat! Daran merkte sie, wie unsicher sie sich fühlte, und wie hilfreich für sie die kleinste Bestätigung war.

„Weißt du noch, was du tun solltest?“

„Ja, Meister, ich soll mich vor dem Leben verneigen.“

„Sehr gut!“

Wieder spürte sie diese seltsame Freude über das Lob.

„Also nun – ich warte.“

Mari erschrak! Ach ja, sie sollte sich ja verneigen. Langsam beugte sie sich vor.

„Tiefer.“

„Ja, Meister!“

„Sehr gut! Nun richte dich wieder auf und komm näher.“

„Ja, Meister!“ Langsam ging sie vorwärts in die Richtung, in der sie ihn vermutete. Wie weit sollte sie gehen? Vorsichtig tastete sie um sich, damit sie nirgendwo anstieß.

„Deine Arme lässt du bitte unten. Du wirst dich nirgendwo stoßen! Sollte ein Hindernis im Weg sein, werde ich dich warnen.“

„Ja, Meister.“ Noch unsicherer als zuvor setzte sie langsam ihre Schritte vorwärts und blieb schließlich stehen.

„Komm weiter – noch näher – du bist noch nicht dort angekommen, wo ich es will.“

„Ja, Meister,“ flüsterte sie und ging weiter. Wie schwer fiel es ihr doch, die Arme nicht tastend um sich zu bewegen.

„Es fällt dir nicht leicht, mir zu vertrauen, nicht wahr?“

Sie schwieg, ganz mit der Bewältigung ihres Weges beschäftigt. Wackelig ging sie Schrittchen für Schrittchen vorwärts. So lang war ihr Wohnzimmer doch nie gewesen…“

„Du wirst es lernen! Das wird immer wieder einmal eine unserer Übungen sein – blindes Vertrauen.“ Seine Stimme klang ruhig und sicher.
Und irgendwie übertrug sich diese Sicherheit für einen kostbaren Moment auf Mari und und ein leises Lächeln flog über ihr Gesicht…

Zum nächsten Kapitel: –> 18. Bereitschaft… reicht aus

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

10. Leuchtend bunte Lebendigkeit auf dem dunklen Grund der Ungewissheit

Gegen Ende des 2. Rollenspiels – Ein Gespräch mit dem „Leben“ auf der Couch 

Mari saß mit Joel, der in diesem Spiel für sie „das Leben“ verkörperte, auf ihrem gemütlichen Sofa.

„Was geht dir gerade durch den Kopf, Mari?“

„Der Rückblick vorhin auf mein Leben… dass in allem Schweren, was ich bisher erlebte, stets auch Beistand, Hilfe und ja… auch Liebe da gewesen war, bewegt mich.
Und ich finde meine Idee spannend, ob nicht gerade das, was sich schwer anfühlt, die Liebe besonders intensiv fühlbar macht. Ich müsste meinen Fokus in solchen Momenten allerdings darauf richten und mich fragen:
Wo finde ich gerade jetzt, wenn es vielleicht heftig wackelt, oder gar weh tut – auch die Liebe?“

„Ich, das Leben, stimme dir zu:
Liebe ist immer da! Immer!
Liebe ist meine tiefste Essenz, auch wenn es oft nicht danach aussieht.
Ich bringe zu allem Schweren immer auch die Kraft, das zu bewältigen, hilfreiche Wendungen, die du selbst gar nicht planen oder dir vorstellen kannst, helfende Hände von Freunden oder Fremden, Trost und Ermutigung in Büchern, Liedern, Texten… freundliche, hilfsbereite Menschen…“

„Das stimmt. Das habe ich alles schon erlebt…“ überlegte Mari.

„Und nun sitze ich als „das Leben“ hier bei dir, um dich genau das erkennen zu lassen. Das ist heute meine Art, dir meine Liebe zu zeigen: Ich möchte dir helfen, mehr Gleichmut und Annahme dafür zu entwickeln, dass nicht immer alles rund läuft, nicht immer alles rund laufen kann! Denn sonst gäbe es keine Spannung mehr – und glaub mir, auch Langeweile kann als sehr schmerzlich empfunden werden.
Du wolltest tief in deinem Inneren schon immer intensiv fühlen, damit du auch meine Essenz, die Liebe, ganz stark wahrnehmen kannst. Deshalb hast du solch einen feinfühligen und damit wohl auch schmerzempfindlichen Körper und so ein sensibles Gefühlsleben.  Und deshalb musste ich dir auch die Herausforderungen bringen, die dich erschreckten, dich ängstigten und die du nun so stark spürst im Zusammensein mit dem Mann Joel. Hättest du früher die schlimmen Dinge nicht erlebt, könntest du jetzt die Liebe nicht erfahren, die danach strebt, die alten Verletzungen mit heilenden Worten, Gesten und Berührungen heilen zu lassen.
Alles dient letztendlich der Liebe – wenn auch in einem viel umfassenderen Sinne, als es in den jeweiligen Situationen erfassbar ist.“

„Warum hast du eigentlich so ein schwarzes Gewand an? Ist das Leben nicht in der Vielfalt seiner Erscheinungen eigentlich bunt?
Ach, Entschuldigung, ich habe schon wieder vergessen, dass ich den Meister nicht nach einem Warum fragen sollte. “

Lächelnd antwortete er: „Gut, dass es dir wieder eingefallen ist! In diesem Fall mache ich allerdings eine Ausnahme und gebe dir eine Antwort auf diese Frage. Denn darauf wollte ich selbst ohnehin gleich zu sprechen kommen.
Ja, du hast es gut erkannt, das Leben ist bunt, also vielfältig – und so gehört natürlich auch schwarz dazu.
Das schwarze Gewand sollte heute die Ungewissheit symbolisieren, das Undurchschaubare, das Mysterium, das das Leben oft in sich birgt, die Unkontrollierbarkeit, die bei vielen Menschen – nicht nur bei dir – Angst auslöst. Unbekanntes ist oft mit Angst verbunden. Und letztlich ist jeder Tag ein eigenes Kapitel, das immer auch Unbekanntes mit sich bringt.
Du hast dich vorhin ja gerade auch wegen des Ungewissen, was ich dir bringe und mit dir machen könnte, gefürchtet, nicht wahr?
Und… Mari… wie war denn nun heute deine Begegnung mit mir, als „das Leben“ für dich?“

„Nicht so schlimm, wie ich erst befürchtet hatte… nein – eigentlich gar nicht schlimm! Und ich hatte ganz wichtige Erkenntnisse – mit der Liebe in allem und so…
Ja, irgendwie ist es richtig schön, sich mit dem Leben mal auf der Couch sitzend unterhalten zu können,“ lachte Mari.

„Mari, du kannst immer mit mir, also mit dem Leben als Ganzes reden, auch wenn ich nicht verkörpert neben dir auf der Couch sitze. Ich höre und sehe alles von dir und nehme es in mich auf. Erzähl mir von dem, was dich bewegt, so oft du möchtest. Sag mir deine Wünsche, deinen Dank, deine Freuden, und du wirst nach und nach merken, dass ich für dich zu einem fühlbaren Partner werde, denn ich antworte auf alles in meiner Weise: durch Zufälle, durch Sätze, die du irgendwo hörst oder liest, durch Lieder, Geschichten, Begebenheiten, und auch durch deine innere Stimme, deine Inspiration. Rede mit mir, ich antworte dir!“

„Wow, dass du mir das heute sagst, finde ich magisch. Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, da habe ich das schon mal gemacht, allerdings schriftlich. Das war, als ich Joel noch gar nicht kannte… Da habe ich einen Brief ans Leben, also an dich in mein Tagebuch geschrieben. Und du hast darauf in der Weise reagiert, dass der Mailwechsel mit Joel entstanden ist. Und nun sitzt er als das Leben hier neben mir und wir erleben etwas von dem, was ich dir geschrieben habe… Hui…!
Ja, liebes Leben, ich will gern noch öfter mit dir ins Gespräch gehen – sei es in gesprochener oder in schriftlicher Form. Vielleicht wird sich meine Angst vor dem Ungewissen, was du ja immer mitbringst, langsam verringern…“

„Diese Angst ist ganz menschlich, Mari, und es wird noch oft so sein, dass du dich erst einmal aufgrund der Ungewissheit fürchtest und dann am Ende feststellst, dass es eigentlich nicht schlimm war. Und so manches Mal wirst du dich – so wie jetzt – später freuen und sogar lachen können. Das gilt für unsere Spiele hier und für viele Erfahrungen auch im realen  Leben“, meinte Joel als ihr Meister.
„Vielleicht kann ja das, was wir hier miteinander erleben, auch zu einem tieferen Vertrauen ins Leben überhaupt beitragen. Das würde mich freuen – als dein Meister und als Joel.“

„Das wäre schön…“

„So und nun gebe ich dir zum Abschluss unseres heutigen Spiels noch eine Hausaufgabe:
Ich möchte, dass du dir Stickgarn besorgst.“

„Wie jetzt…?! Soll ich etwa sticken???
Stickgarn hab ich sogar – aber ich kann nicht gut sticken oder nähen…
Das ist nicht so mein Ding, da fehlt mir die Geduld.“

„Ich möchte dennoch, dass du jedes Mal, nachdem du eine sich positiv gestaltende Erfahrung von Ungewissheit gemacht hast, also fast nach jedem Spiel, aber auch sonst, wenn du etwas erlebst, was erst ungewiss ist und sich dann auflöst, etwas Buntes in diesen schwarzen Umhang, den „das Leben“ immer wieder einmal tragen wird, hinein stickst. Es muss nicht viel sein, und es muss nicht perfekt sein! Du kannst zum Beispiel auch mal eine einzige kleine bunte Paillette aufnähen oder fünf Kreuzchen sticken, oder einfach eine kleine Schlangenlinie… was immer dir einfällt und dir leicht fällt!
Mit der Zeit wird dieses Gewand immer bunter und schöner werden. Und du wirst sehen, wie zauberhaft die farbigen kleinen Stickereien sich auf dem schwarzen Untergrund abheben – so wie Sterne im Nachhimmel – so herrlich leuchten die bunten Fäden der Lebendigkeit auf dem dunklen Boden der Ungewissheit… Und du wirst nach und nach sehen und erleben: Das Gewand des Leben wird durch deine Gestaltung immer bunter und schöner!
Wirst du diese Aufgabe annehmen, Mari, auch wenn du bisher nicht gern gestickt oder genäht hast?“

„Ja, Meister, ich nehme deine Aufgabe an.“

–>  Zum nächsten Kapitel: 11. Ein Brief ans Leben – Auftakt zu etwas Neuem… 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge