19. Angebot vom Geist der Liebe : Übergib deine Themen MIR

Der innere Meister flüstert Mari und allen, die es sonst noch hören wollen zu:

ICH nehme alles, was du MIR gibst,
und mache was draus.
Übergib MIR täglich deine Themen,
und fühle dich frei von der Sorge,
wie etwas gelöst werden kann.
Denn die Lösung steht bereits geschrieben
im sich ständig erweiternden
und doch schon vorhandenen
Buch des Lebens.

Buch hell

Zu allen Posts von –> IAM (die Stimme der inneren Meister-Instanz)

74. Spaziergang mit peinlichen Gefühlen

Bei Mari
Mari hatte die Fenster weit geöffnet, freute sich über das schöne Frühlingswetter und auf den Besuch von Joel und das gemeinsam Spiel.
„Die Sonne macht einfach gute Laune“, meinte er, als er eintrat.
„Ja“, bestätigte sie, „wollen wir uns vielleicht erst einmal auf den Balkon setzen?“
„Ja gerne“, nickte er und folgte ihr auf den Balkon.
Mari holte Apfelschorle aus der Küche und sie stießen gemeinsam an.
„In den nächsten Tagen will ich meinen Balkon bepflanzen“, erzählte sie ihm.
„Das wird sicher total schön aussehen“, antwortete er lächelnd, trank noch etwas und sagte dann: „Das Spiel beginnt.“
Wie immer bei diesen Worten klopfte Maries Herz ein bisschen schneller.
„Ich würde heute gerne etwas scheinbar ganz Harmloses machen wollen.“
„Scheinbar?“ fragt Mari etwas vorsichtig.
„Na ja, ganz ohne Herausforderung wäre ich ja nicht hier“, schmunzelte er.
„Eben, das dachte ich mir doch, dass hinter dem Wörtchen noch etwas lauert“, meinte Mari und grinste ein bisschen verunglückt.
„Ich würde gerne mit dir spazieren gehen.“
„Aha… Ja gut.“
„Und du trägst ein Kleid dazu.“
„In Ordnung, dann gehe ich mich schnell umziehen“, sagte sie verwundert .
Bisher hatte er ihr keinerlei Vorgaben zu in ihrer Kleidung gemacht.
„Wie klingt das?“ fragt er.
„Hmm, das klingt natürlich ein bisschen fordernd, aber ist in Ordnung, ich gehe sofort und ziehe mich um.“
„Okay, ich warte“, antwortete er.
Sie verschwand im Schlafzimmer und entschied sich für ein türkisfarbenes Kleid mit kurzen Ärmeln und einer dazu passenden Jacke, die sie darüber tragen konnte.
Sie beeilte sich, um Joel nicht allzu lange warten zu lassen, und kam kurze Zeit später wieder zurück zu ihm auf den Balkon.
„Das Kleid sieht sehr sehr hübsch an dir aus, Mari.“
„Oh das freut mich, danke fürs Feedback.“
„Tja, und nun die Herausforderung…“ sagte er.
Sie wurde unruhig und wartete, was jetzt wohl kommen würde.
Er stand auf und schaute sie an. „Ich möchte, dass du ohne Slip gehst.“
„Wie… Draußen???“
Er nickte, und als er bemerkte, wie sie plötzlich rot wurde im Gesicht, meinte er: „Niemand wird es sehen. Und nur wir beide werden es wissen.“
Noch stand sie regungslos da, während es in ihrem Magen Fahrstuhl fuhr.
„Ich gehe mal ins Bad“, murmelte sie.
Dort schaute sie noch einmal in den Spiegel, ob man durch das Kleid nichts durchsehen konnte, aber nein, es war wirklich blickdicht. Nach dieser Vergewisserung zog sie den Slip aus und ging zurück zu ihm auf den Balkon.
„Und?“ fragte er, „hast du getan, was ich dir aufgetragen habe?“
Mit einem Kopfnicken beantwortete sie die Frage, und er meinte: „Gut, ich freue mich, darüber, dass du dich drauf einlassen kannst. Wollen wir gehen?“
Er bot ihr seinen Arm zum einhaken an. Diese Geste gab Mari in der für sie seltsamen Situation, in der sie sich ziemlich beklommen fühlt, ein bisschen Halt.
„Ein

aufregendes kleines Geheimnis, oder?“ fragte er, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren.
Mari, die sich in ihrer Haut nicht so wohl fühlte meinte leise: „Hmm, ziemlich aufregend…“
Er lächelte: „Ich finde die Vorstellung sehr aufregend, etwas verwegen ist es… Dabei bemerkt es niemand.“
„Das mag ja sein“, antwortete Mari, aber seltsamerweise fühlt sich das trotzdem irgendwie beunruhigend an.“
„Aber schau, Niemand merkt etwas. Wenn jemand schaut, dann wegen des schönen Kleides.“
„Ja, aber du weißt es!“
„Ja, ich weiß es“, nickte er lächelnd, „und was ist daran schlimm?“
„Weißt du, hier draußen fühle ich mich auch irgendwie komisch, als würde jeden Moment irgendetwas passieren können, und dann kommt es raus. Ich fühle mich wie auf einem Pulverfass!“
„Findest du es gar nicht auch aufregend lebendig? Gibt es nicht irgendwo in dir auch eine leise Faszination dabei?“
„Na ja, ich finde das sehr aufregend, sehr sehr aufregend!!! Nur dass das nicht ein tolles Gefühl ist, sondern mich eher etwas bedrückt.“
„Was bedrückt dich?“
„Das ist irgendwie so so peinlich… vor dir – und mit Angst davor, wenn irgendjemand was merken könnte.“
„Ich finde es einfach toll – im schönen Sinne aufregend. Aber sei beruhigt: Selbst ich, obwohl ich es weiß, kann nichts erkennen. Man sieht wirklich nichts.“
„Also auch wenn ich so stehe, dass die Sonne dahinter scheint, sieht man nichts?“
„Nein! Absolut nichts! Keine Sorge!“

Sie gingen eine kleine Runde um eine Wiese und ganz langsam beruhigten sich die aufgewühlten Gefühle in Mari etwas. Joel hatte inzwischen seinen Arm um ihre Schulter gelegt, und sie konnte es auch ein wenig genießen, mit ihm so zu gehen, obwohl sie es die ganze Zeit über sehr deutlich wahrnahm, wie anders es sich unter ihrem Kleid anfühlte als sonst. Es ist auch ganz schön, mit ihm mal spazieren zu gehen, dachte sie im Stillen.
Langsam kamen sie zurück zum Haus.
„Und? War es schön luftig?“ fragte er grinsend.
„Oh ja, ich habe die Luft sehr deutlich gespürt, ist schon ein ganz anderes Gefühl unter dem Kleid…“ antwortet sie etwas verlegen. „Hat mich schon ziemlich Überwindung gekostet. Es fühlt sich so… so… verboten und dadurch fast gefährlich an.“

Als sie in die Wohnung kamen, meinte Joel: „Lass uns noch etwas reden… Wollen wir uns dazu noch ein wenig auf den Balkon setzen? Geht das mit der Akustik, oder fühlst du dich dort unsicher wegen der Nachbarn?“
„Nein, da hört man nichts, ich würd mich auch gern mit dir noch etwas raus setzen.“
„Wie ist das mit dem verbotenen Gefühl für dich, Mari? Löst es wie bei vielen anderen auch einen gewissen Reiz aus – den Reiz des Verbotenen?“
„Das Verbotene empfinden viele als verlockend, das weiß ich“, sagte Mari nachdenklich, „für mich hat es allerdings meistens nichts angenehm Reizvolles, sondern eher ein Gefühl von Bedrohlichkeit.“
„War es so bedrohlich heute?“ fragte er aufmerksam.
„Anfangs hat es sich heftig angefühlt, hat sich dann aber mit der Zeit gelegt.“
„Das freut mich sehr. Ist ja wieder mal eine Grenze, über die du an meinem Arm gegangen bist…“
„Ja, ich glaube, das hatte auch etwas damit zu tun, dass es sich bei aller Peinlichkeit auch irgendwie gut angefühlt hat für mich, mich etwas zu trauen, was ich mich bisher nicht gewagt hätte . Insofern hatte ich ja quasi von dir als einer anderen Instanz – im Gegensatz zu meiner inneren Verbotsstimme – eine Art Erlaubnis bekommen. Aber normalerweise fühlt sich alles, was verboten ist, für mich nicht reizvoll an. Im Gegenteil, ich versuche Verbotenes, auch wenn es irgendwie reizvoll ist, zu vermeiden, so gut es geht. Das war schon als Kind so. Das führte leider auch dazu, dass ich vieles an harmlosen Aktionen nicht mitmachte, weil ich es nicht aushalten konnte, dabei und danach ein so heftig schlechtes Gewissen zu haben. Wenn die anderen ihre kleinen Abenteuer erlebten, war ich meistens nicht mit dabei – und wenn doch, konnte ich es nicht genießen, Das nahm und nimmt mir heute noch einiges an Lebendigkeit und Spontanität.“

Joel schaute sie nachdenklich an… „Wer oder was in dir ist es, das dir so vieles verbietet und dir sogar Gefahr suggeriert, wenn du einfach tust oder zulässt, was sich spannend anfühlt? Wenn das ein Wesen wäre, wie würde es aussehen?“

Was Mari auf diese Frage antwortet und in sich entdeckt, gibt es demnächst im darauf folgenden Kapitel zu lesen…



Von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge





1. Eine utopische Heilungsreise: SORGE und    FÜRSORGLICHKEIT

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.
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Er hatte sich eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und in der es um eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern ging. Den Vorspann, wie es zu dieser Reise kam, hatte er ihr bereits in den vergangenen Treffen erzählt.  Da sich die beiden allerdings nicht täglich begegneten, hatte er ihr gestern einen  BunteUmschlaegeAdventskalender geschenkt, der aus 24 bunten Briefumschlägen bestand, die mit jeweils einem Kapitel dieser Geschichte und einer kleinen Süßigkeit gefüllt waren.

„…Und an den Tagen, an denen wir uns treffen, bringst du den jeweiligen Umschlag mit, und dann lese ich dir das Kapitel vor, während wir uns gemütlich zusammen auf die Couch kuscheln“, hatte er ihr vorgeschlagen – und Mari hatte begeistert genickt. Dass die Adventszeit einen so märchenhaften Zauber erhalten sollte, freute sie sehr.

kerze24Heute am Morgen des 1.Dezembers, öffnete sie nun gespannt den ersten Umschlag, fand ein kleines Täfelchen Schokolade mit einer zart gezeichneten Kerze darauf und das erste Kapitel, in dem nun die Heilungsreise der ängstlichen Frau Carina im Raumschiff außerirdischer Meister begann. Sie genoss das Schokoladentäfelchen, versank in die Geschichte von Carina und las…

„Als Carina nach einer drei-tätigen Vorbereitungszeit an der Seite ihres Ausbilders, Meister Ramon, das Raumschiff betritt, in dem ihre Ausbildungsreise stattfindet, wird sie vom Kommandanten herzlich begrüßt. Meister René nimmt Carinas Hand in beide Hände und sagt mit einem strahlenden Lächeln: “Wie schön, dass du so schnell Kontakt zu deinem Meister gefunden hast. Ich begrüße dich an Bord meines Schiffes und versichere dir, dass auch wir zwei gut miteinander auskommen werden. Du wirst bald sehen, dass es dir hier an nichts fehlen wird. Wir alle wollen, dass es dir und den anderen Frauen hier gut geht. Solltest du Unterstützung brauchen, kannst du dich gern jederzeit an mich wenden. Auch ich bin hier für dich da, Carina. Übrigens, es ist hier an Bord so üblich, dass wir alle “du” zueinander sagen. Du weißt ja, ich heiße René. Die anderen Frauen und Meister hier wirst du später beim Abendessen kennenlernen.”

 Er tritt einen Schritt zurück, schaut Carina lächelnd an und meint: “ Na, heute siehst du schon ganz anders aus als vor ein paar Tagen, als wir dich von deiner kleinen Extratour abholten. Bald wirst du merken, dass dir hier nichts Schlimmes geschieht, und du wirst darüber lächeln können, dass du so voller Angst flüchten wolltest. Ramon zeigt dir jetzt erst einmal dein Zimmer, das du während der Zeit deines Aufenthaltes hier an Bord bewohnen wirst, und ich werde dich später durchs Raumschiff führen. Das tue ich besonders gern. Weißt du Carina, das, was für dich noch ein fliegender Metallkäfig ist und dir wie die Höhle des Löwen erscheint, ist für mich ein Ort, den ich mit sehr viel Liebe und Freude gestaltet habe, weil ich mir wünsche, dass sich jeder hier wohl fühlt. Vielleicht wirst auch du das bald erkennen können.”

Ramon bringt Carina in ihr Zimmer. Sie staunt: So viel Behaglichkeit, Wärme und persönliche Atmosphäre hätte sie sich nie und nimmer in einem Raumschiff vorgestellt. So liebevoll ist ihr  Raum gestaltet, dass sie schlucken muss… Da sind wunderschöne Bilder an den Wänden. Die Möbel, Decken und Kissen sind in zarten Farben gehalten, ein Regal mit Schreib- und Malutensilien ist in der Wand eingebaut, und da sind auch Bücher, deren Titel nach kurzem Überfliegen Carinas Leselust ansprechen. Sogar ein kleiner Kühlschrank ist da mit Leckereien für den kleinen Appetit zwischendurch.

Völlig überwältigt    von all dem Schönen bedankt sich Carina bei ihrem Meister, der sie lächelnd ansieht und meint: “Ich hoffe, René und ich haben deinen Geschmack getroffen? Ich hatte ihm in den drei Tagen, in denen ich dich schon etwas kennen lernen konnte, schon einiges von deinen Vorlieben mitgeteilt. Wir wollen  doch, dass du dich hier für die Zeit der Reise wohl und geborgen fühlst. Jetzt nimm erst einmal dein neues Zimmer in Besitz. Ruh dich ein bisschen aus, und wenn du noch Lust hast, bringst du vielleicht noch das Gesteck, deinen Adventskalender und die Fensterbilder unter. Ich hole dich später hier ab und zeige dir dann mein Reich hier an Bord.”

Mit diesen Worten lässt er die überraschte Carina erst einmal allein mit sich.  Neugierig inspiziert sie den Kühlschrank, der ein paar richtig gute Leckereien enthält, sowie den Schrank, in dem sie Kleidung entdeckt, die ebenfalls ihrem Geschmack und ihrer Größe entsprechen. Nachdem sie soweit alles geordnet und begutachtet hat,  steht sie vor ihrem Adventskalender, den sie dekorativ an der Wand über ihrem Bett platziert hat, und denkt: ‘Heute ist ja der 1. Dezember, und ich kann das erste Röllchen öffnen. Zögernd, doch gleichzeitig neugierig liest sie:

Geliebte    Carina,
heute ist nun dein erster Tag hier im Raumschiff, und deine Ausbildung hat begonnen.
In den nächsten 24 Wochen werden wir beide viel miteinander erleben.
Wenn du zur Erde zurückkehrst, werden dort 24 Tage vergangen sein.
Ich habe für dich bewusst diese Zeit gewählt, die ihr Menschen Advent nennt.
Du, Carina, hast immer ein ganz helles, strahlendes Gefühl in dieser Zeit,
und dieses tiefe,
besondere Gefühl wird es sein, das dir helfen wird,
dein inneres Licht immer bewusster wahrzunehmen
.
Denn deshalb bist du hier mit mir auf dieser Reise.
Ich, dein Meister und Freund, freue mich sehr,
dich dabei unterstützen
 zu dürfen,
dich zu halten, zu führen und zu begleiten
und wenn nötig auch zu trösten.
Du darfst mir alles sagen.
Ich verspreche dir, dich damit anzunehmen.
In Liebe  Dein Meister Ramon

Carina liest diese Botschaft mit sehr gemischten Gefühlen. Die Worte “In Liebe” von einem Mann machen ihr Angst. “Wenn ein Mann von Liebe spricht, ist immer Sex gemeint”, so wurde es ihr beigebracht. Nein – sie will von ihm nicht geliebt werden. “Männer tun Frauen nur weh – besonders wenn es um Liebe geht”, hört sie ihre Mutter und Großmutter in sich sagen.

Aber habe ich    eine Wahl? Ich muss mich ihm hier fügen, was auch immer er von mir will oder mit mir anstellen mag, denn sowohl körperlich als auch geistig ist er mir überlegen.’ Panik erfasst sie, um so mehr sie über ihre ihr so aussichtslos erscheinende  Lage hier im Raumschiff, von dem sie nicht weg kann, nachdenkt.

Wenn ich aber seine Liebe abweise’, überlegt sie weiter, ‘wird es sicher noch schlimmer für mich – bisher war er mir wenigstens wohlgesonnen. Wenn ich mir sein Wohlwollen durch abweisendes Verhalten verscherze, dann gibt es für mich hier nichts zum Lachen. Reagiere ich aber freundlich, könnte er mein Verhalten als Zustimmung zu seinen Absichten auslegen. Oh, Gott, was soll ich nur tun?’

Qualvoll grübelnd erlebt sie den Rest des Tages wie hinter einer dicken Mauer. Sicher, das ganze Raumschiff sieht viel schöner und großzügiger aus, als sie es sich vorstellen konnte. Aber ist sie hier nicht in einen goldenen Riesen-Käfig gefangen?

Während René mit ihr und einigen anderen Frauen einen Rundgang durch das Raumschiff macht, kann sie kaum etwas wahrnehmen, und Kontakt zu den anderen findet sie auch nicht. Diese Gedanken-Zwickmühle geht ihr einfach nicht aus dem Kopf. Selbst das gute, vielfältige Abendessen kann sie nicht genießen, obwohl Carina sonst sehr gerne und gut isst. Nach dem Essen bittet sie darum, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen, da sie sich erschöpft fühlt.

Einige Zeit später, als sie bereits im Bett liegt, klopft es an ihre Tür. Ramon fragt: “Carina, ist es dir recht, wenn ich mich noch ein paar Minuten an dein Bett setze und dir eine gute Nacht wünsche?

‘Was soll ich bloß sagen…’ überlegt Carina, ‘ich will mir doch seine Gunst nicht schon gleich am ersten Abend verscherzen.’ Sie zieht ihre Bettdecke bis hinauf ans Kinn und ruft: “Herein!”

Ramon setzt sich zu der verängstigten Frau ans Bett, streicht sacht mit seinem Handrücken über ihr heißes Gesicht und sagt schließlich: “Carina, du kannst mit mir über alles reden, was dich bedrückt. Möchtest du mir etwas sagen?” Carina fühlt sich nicht in der Lage zu antworten. Ramon wartet einen Moment und nickt dann beruhigend: “Ist in Ordnung! Wir haben noch viel Zeit, über alles zu reden. Jetzt schlaf erst einmal, es war ein aufregender Tag für dich. Gute Nacht, du zartes, scheues Reh. Bald sieht alles schon viel heller und klarer für dich aus, das verspreche ich dir.”

Er streicht sanft über ihr Haar, wieder und wieder in gleichmäßigem Rhythmus, bis sich ihre Anspannung löst und sie sich ihrer Müdigkeit hingibt und schließlich einschläft. Er weiß, sie hätte sich sonst in den Schlaf geweint. Doch gerade heute, an ihrem ersten Abend im Raumschiff, möchte er, dass sie in Ruhe einschläft.“

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

13. Ein Hauch von Geborgenheit

In Joels Wohnung kurz nachdem Mari einen Panikanfall hatte…

Nachdem Mari vor einer halben Stunde fluchtartig auf die verregnete Straße gelaufen war, glätteten sich langsam die Wogen.  Joel hatte sie in ihrer plötzlich auftretenden Panik begleitet bis sie sich etwas beruhigen konnte und wieder in der Lage war, mit ihm nach oben zu gehen.

Als beide – durchnässt von ihrem Aufenthalt auf der verregneten Straße – wieder in Joels Wohnung angekommen waren, schlug er Mari vor, ihre nasse Kleidung gegen trockene Sachen von ihm auszutauschen. So kam sie nun mit einem zu großen T-Shirt und einer Jogging-Hose von ihm aus dem Badezimmer und setzte sich in die Couchecke, während ihre Sachen auf der Heizung trockneten.

Jetzt erst spürte Mari, wieviel Kraft sie der plötzlich ausgebrochene Panikanfall gekostet hatte. 
Sie fror und zitterte.

Fürsorglich legte ihr Joel eine Decke um die Schultern, in die sie sich gern einkuschelte – ein Hauch von Geborgenheit…

„Magst du Tee, Mari?“

„Gern“, antwortete sie befangen. Was war nur wieder mit ihr los gewesen…?!

„Mach dir keine Sorgen, Mari, das wird schon wieder…“ 

 Der heiße Tee tat gut.

Von dem Gebäck und dem Obst konnte sie im Moment nichts anrühren, ihr Magen war zu. 

„Joel, das ist mir furchtbar peinlich. Du hast mir ja gar nichts getan…“

„Nein, das habe ich wirklich nicht. Aber in deinem Inneren muss es irgendeinen Auslöser gegeben haben, der deine Angst an getriggert hat. Was war das Mari? Womit ging es los?“

Mari überlegte… 
„Eigentlich bin ich schon mit einer kleinen Angst im Bauch hierher gekommen.
Ich wollte es mir selbst nicht so recht eingestehen, aber ich glaube, ich war noch nicht so weit, hatte noch nicht genügend Sicherheit und Vertrauen… So lange kennen wir uns ja noch nicht. Aber andererseits kam ich mir wegen meiner Bedenken auch so blöd vor…“

Joel schaute sie ruhig an: „Mari, du Liebe! Es ist doch ganz verständlich, dass du diese Bedenken hattest. Deshalb hatte ich dich ja gefragt, ob du bereit wärest, zu mir zu kommen. Du hättest auch nein sagen können, das hätte ich ganz sicher akzeptiert und wir hätten uns noch weiter bei dir getroffen, wo du dich ja etwas sicherer fühlst.“

„Erst dachte ich wirklich, es ist okay. Aber je näher unser Treffen rückte, umso mehr Zweifel bekam ich, umso mulmiger wurde es in mir.“

„Es wäre gut gewesen, wenn du mich angerufen hättest. Wir hätten in Ruhe drüber geredet und gemeinsam überlegt, wie wir es machen.“

„Stimmt, ich wollte aber nicht schon wieder so schwächelnd da stehen.“

„Du, Mari, das wird sicher immer mal wieder vorkommen, dass die Angst in Wellen hin und her schwappt, dass manchmal was geht, was sich ein paar Tage später wieder anders anfühlen mag. Wenn das so ist, bitte: Rede mit mir darüber! Schon indem es da sein darf, und von uns beiden freundlich angeschaut wird, verliert es möglicherweise an Schrecken. Und ich kann besser darauf eingehen. 
Gerade in den Spielen, die wir miteinander planen, ist es so wichtig, dass ich einschätzen kann, was dir gerade Angst macht. Und wenn schon im Vorfeld etwas da ist, lass es mich künftig wissen! Deine Angst ist wie ein Kind, und wir beide wollen doch als Erwachsene fürsorglich mit ihr umgehen, zumal sie unser gemeinsames Spiel-Projekt ja bestimmt ohnehin schon als heftige Herausforderung erlebt.
Also nochmal: Du kannst mir immer sagen, wenn sich etwas für dich schwierig anfühlt oder nicht geht, auch wenn du vorher „Ja“ gesagt hast und sich dann in der Zwischenzeit bis es soweit ist, ein „Nein“ daraus entwickeln sollte. Wenn deine Angst immer und immer wieder erlebt, dass wir auf sie eingehen, wird sie nach und nach leiser werden. Sie soll, wenn sie schon durch unsere Spiele auf den Plan gerufen wird, einen geschützten Raum bekommen – und das geht nur, wenn sie offen da sein darf. „

„Das ist eine so tolle Einstellung, Joel. Ich danke dir sehr!!!

„Gab es denn dann, als du bei mir warst, noch einen ganz konkreten Auslöser?“

Mari überlegte… „Ja, die Panik kam mir voller Wucht in dem Moment, als du die Tür zugemacht hattest. Ich fühlte mich plötzlich wie gefangen… Dann kamen Bilder und Szenen aus Filmen, die ich mal gesehen habe, wie ein Mann plötzlich, als die Tür zuschnappte, plötzlich wie verwandelt war, ein hämisches Gesicht zeigte und einer Frau, die zu seinem Opfer geworden war, etwas antat…
Männern kann man nicht vertrauen, hatte meine Oma mir beigebracht. In jedem Mann würde ein wildes Tier leben, das über einen herfällt, wenn es die Gelegenheit bekäme…
Entschuldige bitte, Joel, du bist damit nicht gemeint. Du hast dich bisher so prima mir gegenüber benommen – und ich verlier hier die Fassung!“

„Mari, du brauchst dich nicht zu entschuldigen, ich nehme das nicht persönlich. Ich spürte, dass du mich, den Joel, gar nicht mehr gesehen hast. Da war nur noch ein riesiges Angstgebäude und ich stand für das, was dich scheinbar bedrohte.
Hat dir deine Oma das mit der Gefährlichkeit der Männer öfter gesagt?“

„Ja, schon als ich klein war – und als ich zu einem Teeni heran wuchs, immer und immer wieder. Sie war als junge Frau vergewaltigt und später auch von ihrem Ehemann hintergangen worden und hatte daher einen Hass auf alle Männer.
Na ja, und mein Vater bestätigte in seinem Verhalten auch mir gegenüber dieses Männerbild. Er war Alkoholiker und in seinen Rauschzuständen unberechenbar. Nüchtern war er ganz lieb, aber dann, wenn er trank…  Ich hatte Angst vor ihm, jedoch nicht immer… aber oft… Er hatte…
Ich will darüber jetzt nicht weiter reden, okay?“

„Das brauchst du auch nicht, Mari. Ich dachte mir schon länger, dass du eine ganze Menge Gepäck mit dir rum schleppst. Aber keine Sorge, davon lassen wir uns nicht unterkriegen! Wir sind jetzt zwei, die sich um deine Angst kümmern… 
Und jetzt geht es erst einmal darum, dass du wieder warm wirst und dich besser fühlst.
Weißt du was?
Wir tanzen!“

Er legte eine CD ein, zog sie von der Couch und die rhythmische Musik tat ihre Wirkung…
Sie brachte beide in Bewegung, und durch das Tanzen konnte die Anspannung in Maris Körper sich nach und nach lösen.

Als dann schließlich der Hunger kam, kochten sie sich Spaghetti mit Tomatensauce, schnipselten gemeinsam Salat und spielten danach Mikado.
Joel beobachtete lächelnd, welch ruhige Hand Mari dabei hatte. Das Zittern hatte sich gelegt… 

Es wurde auf ganz einfache Weise ein schöner, gemütlicher Abend und Joel war froh, dass Mari bei dem ersten Besuch in seiner Wohnung – gerade nach diesem heftigen Beginn – doch noch angenehme Erfahrungen mitnehmen konnte…

Zum nächsten Kapitel:  –> 14. Joel als Stellvertreter für die „Die Männer“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge