109. Anders als erwartet (Frank + Maria)

Erstes privates Treffen bei Maria zuhause

Vor sechs Wochen hatte Frank Maria in ihrer Praxis kennen gelernt. Anschließend kamen sie privat ins Gespräch und hatten beschlossen, sich weiterhin zu sehen. Heute war es nun soweit: Maria und Frank trafen sich, um eine erste Erfahrung damit zu machen, wie sie sich miteinander fühlen, auf ganz privater Ebene – im Vorzeichen der sanften Dominanz mit dem Thema „Führen und Sich-Führen-Lassen“.

Maria konnte kaum glauben, dass sie nach seiner Sitzung persönlich mit ihm gesprochen hatte und ihm etwas von ihren geheimsten Bedürfnissen angedeutet hatte, die zu seinen Dominanz-Bedürfnissen, die er innerhalb der Sitzung geäußert hatte, passten.

Nun stand er lächelnd in der Tür, und nachdem diese geschlossen war, nahm er sie zur Begrüßung ganz selbstverständlich in die Arme und fragte dann: „Na – wie geht’s?“
„Ach, ganz gut“, antwortete sie zurückhaltend und bat ihn einzutreten. Die kurze Umarmung hatte sich gut angefühlt, stellte sie etwas erstaunt fest. So natürlich… ohne die Distanz, die sie innerhalb der angedachten Rollen erwartet hatte.

Sie plauderten eine kurze Zeit lang über dies und jenes… Schließlich schnitt Frank das Thema direkt an:
„Du hattest mir ja erzählt, dass es in dir eine Faszination zum Thema „Dominanz“ gibt, und wir haben uns ja schon etwas darüber ausgetauscht. Schön! Heute dachte ich, wir tasten uns erst einmal langsam an unsere Körper heran, spüren, wie es sich anfühlt, uns zu berühren und berührt zu werden, unsere Haut wahrzunehmen…“

Sofort begann die Nervosität sich in Maria zu verstärken: „Da beginnen schon die ersten Hürden, Frank. Ich hoffe, ich bekomme das hin. Uns voreinander auszuziehen und nackt zu sein ist bei mir mit einem starken Scham- und Peinlichkeitsgefühl verbunden.

Frank nickte, fast als hätte er diese Worte erwartet, und antwortete gelassen: „Es ist ja auch etwas ungewöhnlich, sich in der Gegenwart eines Menschen, den man noch kaum kennt, auszuziehen und zu zeigen. Das würde vielen so gehen. Darüber hab ich mir auch schon Gedanken gemacht… Und ich habe eine Idee, wie wir es uns heute leichter machen können.“

Dankbar nahm Maria wahr, dass er „wir“ gesagt hatte. Auch wenn er – wie sie stark vermutete – diese Barrieren nicht hatte, ging er mit dem „Wir“ auf eine solidarische Ebene mit ihr und verringerte damit den Abstand, den sie bis eben noch empfunden hatte.
Sie dachte an ihr Bedürfnis nach Führung durch ein starkes Gegenüber, nach Körpernähe und der Sehnsucht, ihr starkes Verantwortungsgefühl mal für eine begrenzte Zeit in die Hände eines anderen zu legen – und gleichzeitig schämte sie sich dafür, dass es so war.

Plötzlich nahm sie wahr, wie er über Scham sprach… Was hatte er davor gesagt? Ihre Gedanken waren abgedriftet. Das Wort Scham holte ihre Aufmerksamkeit ruckartig wieder zurück.

„…Scham und Peinlichkeit sind für das erotische Miteinander gar nichts Schlechtes, es sind wertvolle Gefühle. Ohne Scham würden wir sofort nackt hier sitzen, und es gäbe kein Kribbeln und Knistern, wie es jetzt da ist, oder?“ Zwinkernd sah er sie an.

„Na ja“, gab sie zu, „es erhöht die Spannung schon sehr, ist aber eigentlich ein recht unangenehmes Gefühl.“

„Ja, am Anfang… in dem Moment, in dem wir es fühlen, durchaus, aber es verändert sich ja hoffentlich. Wenn die ersten Hürden genommen sind, fällt die Spannung ab, und die Entspannung kann dann umso intensiver wahrgenommen und genossen werden. Kontraproduktiv wäre es nur, wenn die Scham nicht verschwinden, sondern sich fortwährend nur steigern würde, ohne sich mit anderen Gefühlen wie Neugier, Lebendigkeit und Lust zu mischen. Dann sollten wir darüber nachdenken, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Und um das auszuprobieren, haben wir uns ja heute getroffen.“ Ruhig schaute er sie an.

Jetzt will er sicher gleich, dass ich mich ausziehe, dachte Maria, bekam einen heißen Kopf und hätte am liebsten sofort den Raum verlassen.

„Du hast doch bestimmt einige Tücher, oder?“ hörte sie ihn fragen.
„Tücher…? Ja, natürlich,“ antwortete sie verwundert.
„Dann hol uns doch bitte vier unterschiedliche Tücher.“
Schnell stand sie auf, um das Gewünschte zu besorgen und legte sie dann auf die Couch, auf der sie saßen. Interessiert schaute er sie an und breitete sie fächerartig aus.
„Ich dachte, wir verbinden uns gegenseitig die Augen und spüren einfach mal, wie es sich anfühlt, uns zu berühren, ohne uns dabei zu sehen – ähnlich wie Blinde“, erklärte er. „Wenn man nichts sieht, ist es anders als sonst. Und selbst wenn wir uns ganz ausziehen würden, wäre es nicht wie ein echtes Nackt-sein, weil wir uns ja nicht sehen können.“
Maria nickte abwartend.
„Du darfst dir aussuchen, mit welchen Tüchern wir uns gegenseitig die Augen verbinden. Fang du an und binde mir ein Tuch über die Augen. Dann gibst du mir eins in die Hand, und ich tue das gleiche dann mit dir. Erst wenn wir beide nicht sehen können, beginnen wir.“

Sie setzten sich einander gegenüber auf der breiten Couch. Zu Marias Erleichterung begannen sie, zunächst noch mit Kleidung ihre Körper zu ertasten. Es war wie ein Spiel. Auf Franks Frage, wie Maria sich damit fühlte, antwortete sie, dass es ihr gut ging. Dann erst kam der nächste Schritt: „Jetzt werden wir uns etwas ausziehen, damit wir mehr Haut spüren können.“
Erst zog er sein T-Shirt aus, und sie spürte seinen nackten Oberkörper unter ihren behutsamen Berührungen, dann zog sie ihre Bluse aus, ihr dünnes Top darunter behielt sie allerdings an.
„Ich habe mein Top anbehalten,“ erklärte sie ihm, da er es ja nicht sehen konnte.
„Völlig okay, das ist gar nicht so wichtig“ antwortete er gelassen. Schließlich zogen beide nach und nach auch Hose und Rock aus. Weiter ging die Reise mit den Händen auf der Haut.

Zu ihrem eigenen Erstaunen, merkte Maria, wie angenehm sich die behutsamen und sicheren streichelnden, mal sanften und mal etwas stärkeren Berührungen von Frank anfühlten, senkte ihren Kopf etwas, dass er auch ihr Haar berühren konnte. Hmm, das fühlte sich gut an. Er schien zu spüren, dass sie es auf dem Kopf besonders schön fand, denn er verweilte etwas länger dort.
Sie saßen sich im Schneidersitz gegenüber. Als ihr die Beine einschliefen, schlug er vor, dass Maria sie links und rechts neben seinem Körper auszustrecken könnte, und beide rutschten etwas näher zueinander. Weiter ging die Reise mit den Händen auf dem Körper des Gegenübers. Nur wenn er an ihre Brust kam, zuckte sie heftig und neigte sich etwas zur Seite.weiß-und-schwarz Er berührte sie dann wieder an anderen Stellen und nahm sie bald darauf in seine Arme. Wie schön war das denn… dachte sie erstaunt und nahm dankbar ein wohliges Gefühl von Geborgenheit in sich wahr, das dieses Gehalten-sein in seinen Armen auslöste. Nach einem Weilchen ging die gegenseitige Erkundung mit den Händen weiter. Immer wieder mal zwischendurch vergewisserte er sich, wie es ihr ging. Und immer wieder einmal hielt er sie fest in seinen Armen und gab ihr damit Halt und Sicherheit, besonders dann, wenn er spürte, wie ihr Körper etwas zurück wich, wenn er sie sehr zart und dadurch erregend am unteren Rücken und an ihren Brüsten berührte.

Erleichtert nahm sie wahr, dass er auf ihre Körpersprache einging und ihre nonverbal geäußerten Grenzen respektierte, indem er seinen Händen, wenn sie sich zurück zog, eine andere Richtung gab. Allerdings kehrte er wiederholt kurz an diese Stellen zurück, wie um auszuprobieren, ob sie immer noch zurück zuckte.

Die Umarmungen waren sehr wohltuende Momente, die er mehrmals wiederholte. Als sie das erste Mal ihren Kopf neben seinen Hals auf seiner Schulter ablegte, spürte sie ein wohliges, erleichtertes Gefühl… als würde sie alles, was schwer war in ihrem Kopf, für ein kleines erlösendes Weilchen mal ablegen können.

Als sie schließlich begann, sich zunehmend wohl zu fühlen, fuhr er vorsichtig mit seinen Händen unter das Top auf die nackte Haut ihres Rückens und Bauches. Sie spürte sehr bewusst hin… und schon fragte er leise: „Wie geht es dir?“
„Gut“, hörte sie sich leise flüstern und ließ es geschehen, dass er ihr Top nach oben abstreifte.
Das geschah so langsam, dass sie ihn jederzeit hätte stoppen können, mit einem Nein oder mit einer kleinen Geste. Diese Möglichkeit zu haben, gab ihr Sicherheit und damit die innere Freiheit, die es ihr möglich machte, es zuzulassen.
„Hast du dein Tuch noch um die Augen?“ vergewisserte sie sich.
„Ja, die ganze Zeit über“, antwortete er leise. „Ich sehe genau so wenig wie du. Aber ich finde, du fühlst dich toll an. Es macht mir viel Freude, deine Haut zu berühren, Maria.“
„Ich finde auch, es fühlt sich gut an, dich zu berühren.“ gab sie leise zurück.
„Und wie ist es für dich, meine Hände auf deiner Haut zu fühlen?“
Fühlt sich auch angenehm an,“ antwortete sie.

Noch einmal zog Frank sie an sich zu einer Umarmung, in der beide ein Weilchen nun mit nacktem Oberkörper verweilten und sich am Rücken streichelten. Ab und zu zuckte Maria, wenn er gar zu zart an ihrem unteren Rücken entlang fuhr – und jedes verlegene Zucken kommentierte er mit einem leise geflüstertem „Ja“ oder „Hmhmmm“ oder „schön“.

Schließlich beendete er ihre erste gemeinsame Körpererfahrung. Nachdem beide sich wieder angezogen hatten, sich erst dann die Tücher von den Augen nahmen und sich gegenüber saßen, fragte er: „Na Maria, wie geht es dir jetzt?“
„Gut geht es mir,“ antwortete sie lächelnd. „Das war ein schönes Erlebnis!“
„Und wir haben uns fast ganz nackt gegenüber gesessen und uns so auch umarmt. Hättest du dir das gestern oder vorhin, als ich kam, vorstellen können?“
„Nein!“ antwortete sie leise.
„Siehst du, Maria, so wird auch künftig manches auf eine Weise möglich werden, die du dir vorher gar nicht vorstellen kannst. Und das meiste wird immer anders werden, als du vorher denkst. Vielleicht magst du dich an unsere heutige Erfahrung erinnern, wenn vor einem unserer kommenden Sessions mal wieder unbehagliche, unsichere oder gar ängstliche Gedanken in dir aufsteigen. Es wird alles Schritt für Schritt gehen…“
„Danke, Frank. Das fühlt sich gut an. Wie geht es dir eigentlich?“
„Gut geht es mir!“ antwortete er lächelnd und nahm ihre Hand. „Ich führe ja gern und gestalte das, was wir tun. Ich fand es toll, wie du dich von mir hast führen lassen. Und ich freue mich, dass es dir gut ging damit. Das habe ich mir gewünscht. So und nun verabschiede ich mich für heute. Wenn dir danach ist, kannst du mir jederzeit schreiben oder mich anrufen. Lass jetzt erst mal alles sacken. In deinem Inneren wird ganz von allein ein Verarbeitungsprozess statt finden. Wir schreiben nochmal darüber oder telefonieren, bevor wir uns das nächste Mal sehen…“

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94. Anerkennung und Herausforderung in einem

Bei Joel – ein spannendes Angebot

„Oh, du hast ja heute Kaffee und Tee schon fertig“, sagte Mari und setzte sich auf die Couch.
Joel setzte sich ihr gegenüber. „Das Spiel beginnt“, sagte er.
Mari schaute ihn gespannt an. Was wohl heute kommen würde… Sie hatte keinen blassen Schimmer.

„Nun Mari, wir haben ja schon einiges zusammen erlebt… Und du hast große Fortschritte gemacht!“
Erstaunt schaute Mari ihn an. „Ja, es stimmt, wir haben schon viel erlebt inzwischen. Aber dass du von großen Fortschritten redest, …hmm na ja, das wundert mich ein bisschen, die Angst kommt mir ja doch immer mal wieder dazwischen… und andere schwierige Gefühle wie Peinlichkeit und Scham ja auch.“
Joel nickte bedächtig: „Ja, aber du bist schon ein großes Stück weiter gekommen, finde ich.“
„Das freut mich, dass du es so empfindest.“ Mari lächelte.
„Um diese Entwicklung miteinander zu feiern, hab ich mir etwas ausgedacht“, fuhr Joel fort.
Ihr Lächeln vertiefte sich… „Wie jetzt… Was denn? “ fragte sie erfreut und verwundert zugleich.
Es macht er ihr ein ganz seltsames und besonderes Gefühl, von ihm diese Anerkennung zu bekommen…

Er gab ihr einen Umschlag, aus dem sie ein wunderschönes Hotelprospekt hinaus beförderte und erklärte dann: „Ich lade dich ein, mit mir ein Wochenende in diesem Hotel zu verbringen.“
Ihre Augen weiteten sich… In diesem schönen Hotel… Wow! Du willst, dass wir beide zusammen ein Wochenende dort verbringen? Das ist ja eine zauberhafte Idee!“

„Ja… Dazu lade ich dich ein…“ sagte er ganz langsam mit einer seltsamen Betonung.
Der Ton, in dem er sprach, ließ sie etwas stutzig werden… „Das klingt so eigenartig, wie du das sagst…
Gibt es dabei irgendeinen Haken?“
Joel schaute sie ernsthaft an. „Einen Haken… nun wie man es nimmt. Ich würde dazu sagen: Es gibt auch Herausforderungen dabei!“

Mari spürte ein bekanntes Kribbeln, das sich ihre Wirbelsäule hinauf schlängelte in den Kopf hinein. „Kannst du dich bitte ein bisschen genauer ausdrücken?“ bat sie Joel.
Er nickte: „Nun, das Wochenende wird Anerkennung und Herausforderung gleichzeitig sein, wenn du zusagst.“
„Worin besteht denn die Herausforderung ?“ wollte sie wissen.
„Es wird wohl mehr als eine sein, aber die vermutlich wichtigste ist quasi die Voraussetzung, unter der wir fahren würden.“

„Fahre ich mit dir als Meister? Oder einfach mit dem Menschen Joel?“
Er lächelte: „Mit beiden. Es wird solche und solche Zeiten geben.“
„Okay“, nickte Mari, „da bin ich aber froh! Ein ganzes Wochenende durchgehend mit dir als Meister wäre schon sehr heftig. Dann ist die Voraussetzung also schon mal geklärt?“
„Nein noch nicht. Die Voraussetzung ist: Wir nehmen ein gemeinsames Zimmer.“
„Ohhh! Darüber hatte ich bisher noch gar nicht nachgedacht“, bemerkte Mari leise.

Er sagte nichts, wartete einen Moment.
Mari war der Konflikt deutlich in den Gesichtszügen abzulesen. In ihrem Magen fuhr es Fahrstuhl.
Was bezweckte er mit einem gemeinsamen Zimmer? Wie sollte das gehen… abends… nachts…?
Sollte das vielleicht… Hm…


„Kannst du mir bitte noch mehr über die Voraussetzungen und Herausforderungen sagen?“ fragte sie aufgeregt.

„Nun, das mit dem Zimmer ist die wichtigste. Wir werden uns das Bett teilen. Du weißt, dass ich dir nichts tun werde, was du nicht auch willst,“ antwortete er ruhig, „aber wir wissen auch beide, dass das eine echte Herausforderung ist!“
„Danke, dass du das noch mal so ausdrücklich sagst. Ich war mir nicht sicher, ob das gemeinsame Zimmer eventuell eine Andeutung sein sollte zu… mehr… Darauf kann ich mich doch auch dort verlassen, dass du nichts tust was ich nicht will oder kann?“
Joel nahm ihre Hand und nickte: „Ja, so wie schon die ganze Zeit. Das ist Teil unserer Vereinbarung.“
„Okay! Und du hast Recht: Es ist auch so schon herausfordernd genug. So… und nun meintest du noch, das sei noch nicht alles?“
„Nein. Das ist noch nicht alles. Es wird auch solche Sessions wie wir sie hier auch machen.“
Mari überlegte, wie sie sich nun entscheiden sollte, vermutlich würde er ihr über die anderen Herausforderungen nicht mehr viel erzählen…

„Ich weiß, das klingt etwas heftig, aber es ist Zeit, einen Schritt weiter zu gehen – und hier bietet sich eine große Chance.“

Einen Moment fühlte sie in sich hinein. Wie würde sie sich fühlen, wenn sie ja sagen würde: Das wäre sicher sehr aufregend und spannend, würde die Intensität der Herausforderungen und der damit verbundenen schwierigen Gefühle stärker machen als sonst, weil sie ja nicht weg konnte…
Und wie würden Sie sich fühlen, wenn sie nein sagen würde: Sie wäre mit Sicherheit traurig und frustriert, eine bestimmt sehr intensive und wahrscheinlich auch wenigstens teilweise schöne Erfahrung nicht gemacht zu haben…
So wanderten ihre Gedanken hin und her…

Joel, der ein guter Beobachter war, verstand in ihr zu lesen wie in einem offenen Buch und sagte: „Mari, du weißt: Ich werde jedes Stopp von dir achten. Und ich werde mein Bestes tun, dass es ein aufregendes und schönes Wochenende sein wird.“
„Ja, dass das ein sehr aufregendes Wochenende wird, das steht außer Frage!“ bestätigte Mari, „aber was ist, wenn ich es nicht packe? Wenn ich zwischendurch so heftige Angst bekomme, dass ich mit den Herausforderungen nicht klar komme? Ich könnte ja nicht mal nach Hause fahren so schnell…“

Joel nahm wahr, dass sie wirklich an einem Punkt angekommen war, an dem sie eine Entlastung brauchte, und sagte zu ihr: „Nun, ich verspreche dir, wenn es wirklich nicht mehr geht, bekommst du ein eigenes Zimmer.“
Mari fiel ein Stein vom Herzen. „Puh! Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet, aber ich danke dir von ganzem Herzen für diese beruhigende Zusage. Ich hoffe, dass das nicht nötig werden wird, aber alleine schon zu wissen, dass diese Möglichkeit besteht, hilft mir sehr!!! Na und außerdem gibt es ja immer noch die Möglichkeit, um eine Umarmung zu bitten, wie hier auch, oder?“
„Ja sicher! Jederzeit! Mari“, bestätigte Joel. „Nun was sagst du zu meiner Einladung?“
„Ich sage Ja!“ strahlte Mari. „Ich freue mich riesig über dein Angebot. Ja, ich komme mit!“
Er lächelte „Ich freue mich sehr, dass du dich darauf einlässt Mari.“
„Das ist wirklich etwas ganz besonderes, in beiderlei Hinsicht: So schön wie auch so herausfordernd,“ meinte Mari und wollte wissen: „Wann soll es denn losgehen?“
„Nun, ich schlage vor: am kommenden Wochenende. Da soll es warm und sonnig sein.“
Mari bekam große Augen. „So bald schon! Na Gott sei Dank, dann ist die Aufregung nicht allzu lange vorher! Ja, am kommenden Wochenende habe ich nichts weiter vor – das geht. Das war ja eine Überraschung heute!“
„Ich freue mich sehr, dass du ja gesagt hast. Das Spiel ist vorbei.“

Erleichtert atmete Mari auf. „Das war genug Aufregung für diesen Nachmittag“, sagte sie zu Joel. „Es ist so schön, dass du dir da so etwas besonderes ausgedacht hast, vielen Dank. Ich bin jetzt gar nicht dazu gekommen, mich beim Meister auch zu bedanken, aber du kannst ihm das sicherlich ausrichten“, sagte sie augenzwinkernd.“
„Ja, na klar, „nickte er gut gelaunt. Der Meister und ich dachten, das wäre eine schöne Idee, und freuen uns sehr, dass du zugesagt hast.“
„Aber mal ehrlich… Das ist schon eine irre Kombi aus beidem, und ich bin sehr froh, dass er mir dieses entlastende Notlösungs-Angebot mit dem Einzelzimmer gemacht hat, wobei ich hoffe sehr, es wird nicht nötig sein. Aber zu wissen, dass es eine Hintertür gibt, das tut unendlich gut.“
„Ja“, bestätigte Joel. „Es sollte immer die Möglichkeit geben, dass du stopp sagst, auch wenn wir hoffen, dass es nicht passiert.“
„Das ist das, was ich an unserem Miteinander so schätze, und was es mir erst möglich macht… mich einzulassen… Danke! Du kennst mich halt schon sehr gut…“
„Nun lass uns auf die aufregenden und sicher auch sehr schönen Tage freuen.“
„Ich freue mich ganz besonders auf die Zeiten zwischen den Herausforderungen“, lachte Mari, „aber gespannt wie ein Flitzebogen bin ich auf alles, was kommt. Wie wäre es jetzt mit einer Umarmung?“
„Na aber sehr gerne“, sagte er und nimmt sie ganz tief in seine Arme.
Ihr Herz klopft immer noch heftig, und jetzt so wohltuend festgehalten zu werden, das tat Maris aufgewühltem Gemüt sehr gut.
„Und zur Not kann ich das ganz oft haben?“
„Ja sicher“, lächelte Joel. „der Vorrat an Umarmungen ist unbegrenzt!“
Da musste Mari lachen. „Dann wird das schon alles gut gehen! Ich danke dir und freue mich riesig!“

Dies Kapitel wurde gestaltet von Raffael und Miriam

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91. Sehen und sich sehen lassen

Bei Mari

Joel, der inzwischen wieder in die Meisterrolle geschlüpft war, saß Mari in ihrer heutigen Session sehr nah gegenüber, hielt ihre Hände in seinen und hatte sie angewiesen, den Augenkontakt mit ihm so lange  wie möglich zu halten, egal was er fragen oder sagen würde.

Der Blickkontakt hatte begonnen und Mari fühlte sich damit etwas unbehaglich.
„Sprich alles aus, was du denkst und fühlst“, ermutigte sie Joel leise.  „Ich weiß, dass das hier keine rosa-Bonbon-Übung wird, aber sie wird dich dir selbst näher bringen. Und das ist doch das wertvollste Geschenk, das du dir machen kannst, oder?“
Mari nickte. „Ja, ich weiß auch nicht, warum ich es so schwierig finde, diesen Blickkontakt zu halten. Es ist so ein intensives Gefühl.“
„Ja, Mari, das ist es. Für mich auch. Sanft drückte er ihre Hände, um ihr zu signalisieren, dass alles, was auch immer sie empfand und empfinden würde, von ihm absolut angenommen werden würde. Und diese nonverbale Botschaft kam an… erreichte ihre aufgewühlte Gefühlswelt. Ein unwillkürlicher tiefer Atemzug von ihr zeigte ihm das.
„Guuut… Mari, gut so… Alles ist in Ordnung…. Alles darf sein.“
Sie nickte. Die Worte taten ihr spürbar gut.
„Alles ist willkommen, was auch immer du denkst, fühlst und sagst. Und auch das nicht Ausgesprochene. Du darfst alles sagen, aber du musst nicht alles sagen, verstehst du? Du bist frei. Ich sehe dich, und du siehst mich. Du siehst und wirst gesehen. Wie fühlt sich das an?“
„Es ist so ähnlich wie nackt sein“, antwortete Mari leise. „Nur in der Seele.“
„Ja, wir schauen uns durch die Augen direkt in die Seele.“ bestätigte Joel. „Und welche Art des Gesehen-werdens fällt dir leichter, Mari? Wenn wir uns in unsere Seele schauen oder wenn wir uns unsere Körper unverhüllt zeigen ?“
Mari überlegte… „Jetzt – das fühlt sich… intensiv an und irgendwie nicht leicht, aber nicht so peinlich wie die körperliche Nacktheit.“ Ihr Blick wurde unruhig, die Augen begannen zu wandern.
„Bleib, Mari… weich nicht aus. Bleib im Kontakt, auch wenn das Thema sich gerade etwas brisant anfühlt. Du schaffst das…“
Ihr Blick fokussierte sich wieder auf seine Augen.
„Gut so… Sag, was ist am körperlichen Nackt-sein so schwierig für dich?“
Sie zuckte mit den Schultern und schwieg.
„Oder anders herum gefragt: Was macht es dir leichter, in deiner Seele gesehen zu werden?“
„Das ist nicht so peinlich, so… verboten…“ flüsterte sie.
„Und wenn es nicht verboten wäre?“ fragte Joel ebenso leise.
„Dann wäre es trotzdem schwierig, weil alle Unzulänglichkeiten meines Körpers zu sehen wären.“Alles_was_echt_istl
„Na und…? Meine wären auch zu sehen. Unsere Körper sind genau so, wie unser Leben sie geformt hat. Ich würde jeden Centimeter willkommen heißen, meine Liebe!“
Immer noch den Blickkontakt haltend streichelte er zart ihre Wange und fuhr mit dem Zeigefinger ihren Hals hinunter. „Ich mag dich genau so wie du bist – deinen Körper und deine Seele. Da bin ich mir hundertprozentig sicher! Du bist so schön in deiner Echtheit! Alles was echt ist, ist schön!“

Mari empfand die Wahrheit in seinen Worten wie eine wärmende Wolke, in die er sie beide einhüllte.
„Ich glaube, du hast recht, Joel. Ich fühle das gerade. Ich fühle die Tiefe und die Weisheit in deinen Worten…“
Er lächelte: „Das ist das schönste Geschenk, das gerade passieren kann“, gab er zurück.
Und wenn du von dieser Wahrheit ausgehst – was ist mit dem Gefühl des Verboten-seins sich zu zeigen? Wie weise ist diese Stimme in dir, die es verbietet, uns so echt, wie wir sind, zu zeigen? Ist es eine Stimme der Angst oder des Vertrauens?“
„Es ist eine von Angst geprägte Stimme.“
„Und meinst du, es ist sinnvoll  im Sinne von Kraft und Lebendigkeit, dieser Stimme zu gehorchen?“
Mari schüttelte den Kopf. „Sinnvoll ist es nicht, aber trotzdem nicht leicht, sich ihr zu widersetzen.“
Joel schaute sie verständnisvoll an. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Wie lange ist sie schon in dir und bestimmt dein Verhalten?“
„Sehr lange… seit ich Kind bin und so viel Ärger und Scham vermittelt bekam zu dem Thema.“

„Meinst du, das war weise, was dir da als Mädchen vermittelt worden ist?“
Sie schüttelte den Kopf. Tränen traten ihr in die Augen. Joel beugte sich vor und nahm sie in die Arme. Nah an ihrem Ohr flüsterte er: „So lange richtest du dich nun nach diesen Verboten… Jahrzehnte… Willst du das immer weiter tun?“
Mari rückte etwas von ihm ab und sagte plötzlich klar und entschlossen: „Nein! Ich will der Stimme in mir folgen, die sich weit, aufgeschlossen und lebendig anfühlt.“
„Das ist ein kraftvoller Entschluss, Mari!“ bestätigte Joel. „Und damit ist unser Spiel für heute beendet. Lass uns einfach noch ein Weilchen ganz in Ruhe in der Umarmung verweilen…“

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81. Gefühlsknoten…

Bei Joel – eine aufregende Ausgangssituation

„Liebe Mari,
wenn du heute zu mir kommst, bitte ich dich, ein Kleid zu tragen, das vorne durchgehend geknöpft ist – und nichts darunter.

Ich weiß, dass ist schon eine Herausforderung, aber für unsere weitere Reflexion über das Thema „Scham und Peinlichkeit“ wäre es sehr hilfreich.
Bis nachher dann – ich freu mich auf dich!“

Diese Nachricht kam am Vormittag, und seitdem tigerte Mari aufgeregt in ihrer Wohnung hin und her. Sie hatte zwei Kleider, die eine durchgehende Knopfleiste hatten. Nach langem Hin und Her entschied sich für ihr langes blaues Kleid. Die Tatsache, dass sie nichts darunter tragen sollte, machte ihr zu schaffen. Es war zwar schon frühlingshaft draußen, aber noch nicht allzu warm, insofern konnte sie auf jeden Fall draußen noch einen Mantel drüber ziehen. Aber was würde dann bei Joel geschehen? So aufgeregt wie heute war sie lange nicht mehr gewesen…
Joel wusste um die Intensität der Herausforderung und wartete gespannt, wie sie erscheinen und was sie sagen würde.
Die Gedanken, die sie auf dem Weg zu ihm hatte, kreisten nervös um diese Kleider-Frage. Nicht ohne Grund hatte er ja sicherlich die Vorgabe eines vorn gänzlich zu öffnenden Kleides gemacht. Und wenn es dann aufgeknöpft werden würde und sie gar nichts drunter hatte… Nein, das ginge einfach nicht! Am liebsten würde sie wieder umkehren, aber sie wollte diesem Vermeidungs-Impuls nicht folgen.

 Aufgeregt klingelte sie schließlich bei ihm. Freundlich wie immer begrüßte er sie, half ihr aus dem Mantel und lächelte als er das Kleid sah. „Ein hübsches Kleid hast du an! Das Blau steht dir gut.“
Im Wohnzimmer standen zwei Stühle einander gegenüber.
„Setz dich“, forderte er sie ruhig auf.
 Aufgeregt nahm sie Platz, und er setzte sich ihr entspannt gegenüber.
„Das Spiel beginnt.“
Sie nickte, hätte aber am liebsten wieder den Raum verlassen.
„Wie geht es dir, Mari?“ wollte er zunächst wissen.
Leise sagte sie: „So wie heute habe ich mich lange nicht gefühlt, ich würde am liebsten wieder gehen, wenn ich ehrlich bin. Deine Kleidungsvorgabe verunsichert mich sehr.“
„Verunsichert dich? Warum? Was befürchtest du?“
Mari spürte, wie eine Welle Wut in ihr hoch stieg. Als wenn er sich das nicht denken könnte… grummelte sie innerlich still vor sich hin. Und weiter dachte es in ihr: Jetzt bloß nicht pampig werden… Er muss ja nicht merken, wie mich das trifft. Aber was antworte ich darauf?
„Na die Knopfleiste wird ja nicht ohne Grund von dir gefordert worden sein!“ hörte sie sich schließlich sagen.
Er nickte. „Das stimmt. Aber du weißt auch, dass kein einziger Knopf ohne deine Zustimmung geöffnet wird – wenn überhaupt…“
„So? Weiß ich das?!“ entfuhr es ihr.
Ernsthaft blickte er sie an: „Ja. Das weißt du sehr genau!“
GefühlsknotenOh , Mari fühlte ein entsetzliches Gefühlsknäuel in sich, dass sie inzwischen kaum noch sortieren konnte.
„Du weißt, dass in unseren Sessions noch nie etwas passiert ist, was gegen deinen Willen war. Oder?“ erinnerte er sie.
„Stimmt irgendwie…“ musste sie zugeben.  Dennoch: Da war Wut in ihr, überhaupt in dieser Situation zu sein… Da war Scham… Da war Zweifel, ob sie sich im Ton vergriffen hatte… Da war Angst, dass er daraufhin sauer, genervt oder ärgerlich sein könnte… und das alles bildete einen unangenehmen Knoten in ihrem Solarlexus. Starr schaute sie aus dem Fenster.
„Bist du überhaupt bereit für eine gemeinsame Session, Mari?“ fragte er mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht deuten konnte.
„Joel, dieses Kleidungsthema hat so viel in mir ausgelöst… Beende unser Treffen bitte jetzt nicht, weil ich mich so daneben fühle.“
Er schüttelte den Kopf. „Wie kommst du auf sowas? Das habe ich absolut nicht vor! Aber ich habe das Gefühl, dass du zu blockiert bist, um dich auf eine gemeinsame Übung einlassen zu können. Und da ist es wichtig, erstmal hin zu schauen, was es ist, was sich da in dir bewegt.“ Freundlich schaute er sie an. „Was ist los, Mari?“
„Ja, es stimmt, ich fühle mich wirklich irgendwie blockiert! Da sind so viele schwierige Gefühle…“
Jetzt nachdem sie es ausgesprochen hatte, fühlte sie sich schon etwas leichter.
„Welche Gefühle sind das denn?“ fragte er, beugte sich etwas nach vorn und sah sie interessiert an.
Sie zögerte… „Sei dann aber bitte nicht sauer!“ 
„Ganz bestimmt nicht!“ versicherte er ihr.
„Okay“, sie gab sich einen Ruck, „als du vorhin gefragt hast `Was befürchtest du? Warum bist du verunsichert?´ ist Wut in mir entstanden, weil ich mir gedacht habe: `Das weißt du doch genau! Du ahnst doch sicher, dass deine Nachricht solche Gefühle in mir auslöst! Und wahrscheinlich hast du das auch bewusst getan! Und  nun stellst du dich verwundert und fragst nach, als ob das das Seltsamste von der Welt wäre!´  Gleichzeitig wollte ich aber nicht wütend sein und dir das vor allem nicht zeigen! Habe aber gespürt, dass ich es nicht ganz verbergen konnte, und dann habe ich mich geschämt, weil die Heftigkeit dafür sicher nicht angemessen war. Außerdem ist es mir peinlich, ohne irgendetwas unter meiner Kleidung zu sein.“
Joel nickte und fragte ruhig: „Was erzeugt in dir Wut, wenn ich unsere Vereinbarung umsetze?“
Verwirrt frage Mari: „Welche Vereinbarung? Was meinst du?“
„Wir haben vereinbart, dass wir uns innerhalb unserer Sessions unter anderem mit den Themen Sehnsucht, Angst,  Scham, Peinlichkeit beschäftigen – und das durchaus auch ganz praktisch. Dazu muss ich manchmal auch Situationen schaffen, die diese Gefühle auf den Plan rufen.“
Mari überlegte… schließlich erklärte sie: „Nicht über den Inhalt dieser Session war ich wütend, sondern über deine Frage, was mich verunsichert. Ich dachte, das ist doch eine rhetorische Frage, du weißt doch sicher, dass die Kleidung mich verunsichert. Außerdem ist diese Wut und die Verunsicherung einfach aufgestiegen, da hatte ich nicht das Gefühl irgendeine Entscheidung darüber treffen zu können, ob sie eine Daseinsberechtigung hat oder nicht, sie war einfach da!“
Er antwortete gelassen: „Ja, aber wir wollen doch genau dieser Verunsicherung und allen damit verbundenen Gefühlen auf den Grund gehen und sie soweit es möglich ist auflockern. Das ist doch unser Thema.“
Mari nickte: „Hast ja recht. Deshalb wollte ich ja auch nicht zeigen dass ich wütend war, weil ich es selbst nicht richtig finde.“
Freundlich schaute er Mari an. „Mari, alles, was du fühlst darf da sein. Verbergen ist nicht sinnvoll und gelingt meist auch nicht. Wenn wir offen drüber reden, können wir viel mehr erreichen. Doch um genau herauszufinden, was dich gerade bewegt, muss ich leider manchmal Fragen stellen, die dir nicht immer angenehm sind. Und manchmal frage ich noch tiefer nach, was es genau ist, was du mit einer Thematik wie jetzt die Verunsicherung verbindest, wie sie sich anfühlt, wodurch sie gerade entstanden ist, wo du sie im Körper fühlst, und so weiter. Dadurch wirst du dir selbst bewusster darüber, welche Gedanken es genau sind, die diese Gefühlsknäule in dir auslösen. Gedanken sind oft so flüchtig, passieren wie automatisch im Unbewussten, und erst wenn wir sie beobachten und untersuchen, entdecken wir, wodurch wir uns manchmal so blockiert, verunsichert oder wütend fühlen. Meist ist es so, dass unangenehme Gefühle durch Gedanken ausgelöst werden, von denen wir nicht mal im Ansatz wissen können, ob sie wahr sind. Und erst wenn wir diesen Gedanken auf die Spur kommen, und sie auf ihre Wahrheit und Nützlichkeit untersuchen, können sich die Gefühle verändern, die dadurch entstanden sind. Ich frage nicht, um dich zu nerven oder gar mich darüber zu erheben, was du fühlst, im Gegenteil, ich will erreichen, dass wir beide besser verstehen, was sich hinter deinen Gefühlen für Gedanken verbergen.“
Mari wurde rot – wie hatte sie sich wieder einmal geirrt in ihm! „Okay“, sagte sie leise.
Er beugte sich vor und nahm ihre Hand. „Mir ist klar, dass das nicht leicht ist, aber es gilt eben genau hinzuschauen.“
„In Ordnung – ich versuche es!“ antwortete sie leise.

„Prima! Also? Was bewegte sich in dir, seit du meine Nachricht erhalten hast? Was waren da für Gedanken und Gefühle?“
„Na ja… die Frage, warum ich nichts drunter ziehen und ein Kleid mit gänzlich durchgehender Knopfleiste anziehen sollte, legte für mich nahe, dass es eine mir peinliche Situationen geben wird, wenn es ums Öffnen der Knöpfe geht, und ich weiß nicht, ob und wie weit ich das tun oder zulassen kann. Und peinlich ist mir auch die Tatsache, dass unsere Session heute schon so verunglückt angefangen hat…“
„Verunglückt? Ach was! Schwierige Gefühle gehören zu dem, was wir hier tun, dazu. Das ist kein Unglück, im Gegenteil! Was sich zeigt, können wir beleuchten und klären.“ sagte er langsam. „Und was du zulassen kannst… nun, genau das gilt es herauszufinden – vielleicht nur ein Knopf, vielleicht drei, vielleicht keiner oder alle… Das ist ja gerade das Spannende, was wir beide bis jetzt noch nicht wissen. Und wie auch immer diese Herausforderung für dich sein wird, wie viele Knöpfe du öffnest oder auch nicht – es ist okay!“ 

Wie sie diese Herausforderung erleben wird, ist im folgenden Kapitel zu lesen.

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

12. Kopfkino

Das erste Treffen bei Joel

Mari und Joel hatten sich bisher zweimal bei Mari getroffen. Beim letzten Mal hatte Joel sie fürs nächste Treffen zu sich nach hause eingeladen.

„Bist du bereit, das nächste Mal zu mir zu kommen, Mari?“ hatte er gefragt.

Sie hätte nein sagen können, aber das wollte sie nicht. Heute wäre es ihr allerdings lieber gewesen, sie hätten sich weiter bei ihr, in ihrer vertrauten Umgebung getroffen. Doch wie hieß es so schön: Man sollte seine Komfortzone immer mal wieder verlassen.

Am Nachmittag nahm ihre Aufregung zu. Was würde sie wohl heute erwarten? Was hatte er in seiner Rolle als „Meister“ diesmal mit ihr vor?

Pünktlich um 18 Uhr erschien sie bei Joel, der sie lächelnd begrüßte und ins Wohnzimmer führte, wo Tee, Wasser und Gebäck auf dem Tisch standen.

„Ich möchte heute gleich mit unserer Session beginnen, den Englisch-Unterricht machen wir diesmal hinterher,“ erklärte er und schloss die Tür.

Dieser Moment, dieser winzige Moment des Tür-Schließens ließ in Mari Alarmglocken schrillen. Was, wenn sie gehen wollte, und er sie nicht raus ließ?
Was, wenn er die Wohnungstür von innen zu geschlossen hatte?
Was, wenn er sich  bisher nur so freundlich und entgegenkommend gezeigt hatte und heute, wo sie beim ihm war, in seiner Wohnung, in der er schalten und walten konnte, wie er wollte, sein wahres Gesicht erst zeigte?
Was, wenn er über sie herfiel und sie nicht weg konnte?

Immer tiefer verrannte sie sich in furchterregende Fantasien.

War es nicht leichtsinnig von ihr, einfach herzukommen, zu einem Mann, den sie noch gar nicht so lange kannte?
Nicht einmal ein Sicherheits-Telefonat mit einer Freundin hatte sie organisiert. Aber mit wem auch? Es gab keine Freundin, der sie von diesen speziellen Treffen erzählen konnte.
Wo war überhaupt ihr Handy? Ach ja, es steckte noch in der Jackentasche, die draußen an der Garderobe hing… Da konnte sie jetzt auch nicht ran!
Sie erinnerte sich an Filme, in denen sich anfänglich sehr freundliche Männer schlagartig in übler Weise verwandelt hatten, nachdem sie ihr Opfer erst mal auf heimischen Boden hatten…

„Ich möchte raus hier! Ich möchte sofort gehen!“

Joel hörte die Panik in ihrer Stimme, sah wie blass sie plötzlich geworden war, und öffnete sofort die Tür.  „Na klar, Mari, komm, lass uns an die frische Luft gehen,“ schlug er vor.

Wie auf der Flucht verließ sie die Wohnung. Joel hatte noch schnell ihre Jacke von der Garderobe genommen und ging hinter ihr die Treppe hinunter, sorgsam darauf bedacht, ihr in diesem Moment nicht zu nahe zu kommen.

Draußen regnete es leicht. Mari nahm das gar nicht wahr.
„Warte doch bitte mal einen kleinen Moment,“ bat er sie von hinten.
Sie drehte sich um, sah ihn an, wie er ihr die Jacke hinterher trug und in einem kleinen Abstand von ihr stehen blieb.
„Wenn es dir recht ist, begleite ich dich,“ bot er ihr an. Seine Stimme klang freundlich und warm wie immer.
Müsste er jetzt nicht sauer sein???
Statt dessen fragte er mitfühlend: „Es geht dir gerade gar nicht gut, stimmt´s? Wo möchtest du denn hin?“

In diesem Moment sah sie ihn wieder – ihn, Joel, wie er wirklich war – nicht die Schreckensgestalt, die ihre Panik in der Wohnung aus ihm gemacht hatte.

Jetzt wurde die Angst von Scham abgelöst. Sie schaute nach unten, nahm wahr, wie sich kleine Pfützen bildeten, spürte nun die Nässe auch durch ihre Kleidung hindurch und fröstelte. Ganz starr stand sie – und murmelte: „Ich weiß auch nicht…“
Wollte sie jetzt wirklich nach hause fahren?

„Zieh doch erstmal deine Jacke an…“  Immer noch etwas von ihr entfernt stehend hielt er ihr die Jacke hin, und sie schlüpfte hinein, legte die Arme schützend um ihren frierenden Oberkörper.

„Oh, Joel, es tut mir leid…“ brach es aus ihr hervor.

„Es braucht dir nicht leid zu tun, Mari, Du hattest einen Panikanfall. Dafür kannst du nichts. Was meinst du, würde es dir gut tun, wenn ich dich jetzt in die Arme nehme?“ fragte er sie vorsichtig.

„Ja, wenn du das noch willst…?“

Langsam und ganz behutsam legte er die Arme um sie, und der Rest von Angst und Widerstand schmolz in seiner Umarmung.
Eine ganze Weile standen sie in dieser Umarmung versunken auf der verregneten Straße.
„Nimmst du mich wieder mit zu dir?“ fragte sie schließlich leise.

„Gern, Mari. Und ich verspreche dir, es wird dir nichts geschehen. Heute werden wir auch kein Spiel mehr machen! Jetzt möchte ich nur, dass du dich von deinem Schrecken erholst und wieder auftaust, mein Schatz!“
Und später können wir vielleicht über alles reden, wenn du möchtest…“

Zum nächsten Kapitel: –>  13. Ein Hauch von Geborgenheit

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2. Ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand…

Mehr von Mari´s Fantasien:
Hilflos
sein und dabei getröstet, ermutigt und liebevoll berührt werden…

Hand in Hand gingen Mari und Joel durch den Park, während sie über das sprachen, was sie gemeinsam vorhatten.

„Bitte beschreib doch mal, was du dir von mir in meiner Rolle wünschst, Mari. Je mehr ich davon weiß, umso leichter wird es für uns beide, das zu verwirklichen, was dir gut tut in diesem sensiblen Thema.“

Mari überlege… wie sollte sie beginnen?
„Es sind ja immer nur Fragmente, Ausschnitte, kleine Szenen, kurze Sätze, die in mir aufploppen…“

„Na ja, ich will auch nicht, dass du mir ein ausgearbeitetes Drehbuch auftischst,“ lachte er. „Dann wäre ja auch keine Spannung mehr da. Die Gestaltung des Ablaufs unserer Sessions überlässt du ruhig mir. Regie ist schließlich meine Aufgabe in dem Spiel.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir ja gerade darum, die Erfahrung zu machen, dich gut aufgehoben zu fühlen, wenn du NICHT weißt, was kommt, wenn eine anfängliche Ungewissheit dein Adrenalin ins Fließen bringt und du dann erlebst, dass dir nichts Schlimmes geschieht. Habe ich dich so richtig verstanden?“

„Besser hätte ich es nicht formulieren können,“ bestätigte Mari. „Du hast gut zugehört.“

„Zuhören ist die Voraussetzung für Verständnis,“ gab Joel zurück, und es ist mein Anliegen, dich so gut wie möglich verstehen zu können, damit ich dich da abholen kann, wo du dich aufhältst in deiner inneren Landschaft.“
Seine Worte berührten Mari, und sie schaute ihm kurz in die Augen.
Joel hatte eine Idee: Also pass auf, wir machen jetzt ein Interview. Du antwortest möglichst spontan und sagst das, was dir gerade einfällt, ohne lange nachzudenken, okay?“

„Okay!“

„Wonach sehnst du dich?“

„Nach innigen Umarmungen, nach dem Gefühl, gehalten zu sein in allen Gefühlen, die gerade da sind, und mich sicher zu fühlen… Und dass meine Ups and Downs okay sind, auch dann, wenn ich weinen muss.“

„Deine Tränen sind mir jederzeit willkommen – ich werde für genügend Taschentücher sorgen, okay? Ernsthaft Mari: Es ist für mich vollkommen in Ordnung, wenn du weinst. Alles was aus dir kommt, darf da sein. Anders ginge solch ein Weg, den wir vorhaben, gar nicht. Und ich möchte dich darin auffangen können, dir Trost und Sicherheit geben, wenn es soweit ist. Deshalb meine nächste Frage: Was tut dir gut, was tröstet dich, wenn du dich aufgewühlt und ängstlich fühlst. Was hilft dir, wenn du weinst?“

„Wenn jemand meine Hand nimmt und sagt: Alles okay. Alles darf sein. Mach dir keine Sorgen – alles ist gut.
Berührungen, die besonders in solchen Situationen eindeutig
nicht erotisch sind, die einfach nur gut tun und in meiner Seele ankommen…“

„Verstehe – wie wenn ein Vogel verletzt ist… das zitternde, flatternde Vögelchen braucht dann eine sanfte Hand, in der es sich gewärmt, gehalten und gut aufgehoben, aber nicht festgehalten fühlt…“

Mari konnte nur nicken, so berührt war sie von dem Gedankenbild, das er eben entworfen hatte.

„Auf welche Weise hast du in deinen Fantasien schon Machtlosigkeit und Kontrollabgabe erlebt?“

„Na ja… zum Beispiel durch Augen-Verbinden. Viel Macht hat auch die Stimme, die ich dann immer in mir höre. Sie ist bestimmend, wirkt manchmal unnachgiebig, ist es aber nicht wirklich. Dadurch, dass mir jemand sagt: Du tust jetzt gar nichts, außer das, was ich dir sage!
Wenn ich mich dann darauf einlasse, macht es mir auch ein ganz warmes Gefühl, wenn diese Stimme mir so etwas sagt wie: Das machst du gut, Mari. Ja, so ist es prima. Und wenn etwas nicht geht, zu hören: Das macht überhaupt nichts – alles gut!
Manchmal stelle ich mir auch vor… gefesselt zu werden. Dies aber in wohlwollender, achtsamer Weise, ohne dass es weh tut – immer begleitet von dieser Stimme, die freundlich, aber bestimmt und in solchen Situationen auch ermutigend mit mir spricht. Stille könnte ich dabei nicht aushalten.“

„Hmm, verstehe… Das Fesseln…zum Beispiel mit Seidentüchern?“

„Ja… und nicht zu fest, aber so, dass ich es spüre und mich eingeschränkt fühle in meiner Beweglichkeit. Dabei geschieht dann aber immer irgendetwas Angenehmes, um die Angst, die dabei unweigerlich hochkommt, leichter erträglich zu machen. Und seltsamerweise entsteht durch diese dann gemilderte Angst eine Art Erregung in mir. Die wird durch bestimmende, aber freundliche Worte verstärkt. Das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, aber keine Möglichkeit zu haben, selbst auf das Geschehen Einfluss zu nehmen – das macht ganz viel mit mir. Aber ob das auch real geht, weiß ich nicht, das findet bisher nur in meiner Fantasiewelt statt.“

„Ich glaub, ich verstehe dich. Du willst wehrlos gemacht werden und dabei gleichzeitig getröstet, ermutigt, gelobt und in jeglicher Weise gut behandelt werden, ja?“

„Ja, so ungefähr, und ich weiß gar nicht warum ich so seltsam ticke…“

„Das ist jetzt auch vollkommen egal. Wichtig ist, was du fühlst dabei… was dich bewegt… was immer wieder auftaucht in dir… und wie wir das in für dich gute Erlebnisse umsetzen können. Warum… Wieso… fragt der Kopf. Das bringt nichts. Es ist so, und hat sicher Ursachen. Die sind jetzt nebensächlich, lass uns auf das konzentrieren, was du erleben willst, und besonders auf das, was du brauchst, um dich darin aufhalten zu können, damit du mir nicht gleich weg rennst oder alles abbrichst, wenn die ersten Gefühle von Angst und Hilflosigkeit entstehen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht viel braucht bei dir, um das auszulösen – die stehen ja schon lange Schlange in deinem Inneren und warten darauf, dass die Tür sich öffnet und sie ins Leben kommen dürfen. Und dann ist es wichtig, dass ich dich halten kann, Mari. Denn wir wollen ja beide nicht, dass die Angst gleich so mächtig wird, dass sie die zaghaft geöffnete Tür gleich wieder zuschlägt.“

„Mir ist jetzt schon ganz flau im Magen,“ bekannte Mari.

„Komm, hier ist ne Bank, setzen wir uns hin,“ schlug Joel vor. „Darf ich dir ein bisschen die Schultern massieren?“

„Ui – das ist ja ein tolles Angebot, das nehme ich gern an.“

„Und hier im Park bist du ziemlich sicher, wenn ich dich das erste Mal berühre. Hier laufen immer mal Leute entlang und könnten dich retten, wenn ich dir was antun würde,“ scherzte Joel. „Aber, Flachs beiseite, spür einfach mal hin, wie sich meine Hände für dich anfühlen.“

So bekam Mari ihre erste Massage auf einer Parkbank – und konnte sie genießen.
Ihre Schulter- und Nackenmuskeln waren hoch erfreut – und sie konnte sich tatsächlich entspannen. „Hier kann ja kaum was Schlimmes geschehen“ meinten ihre kleinen Angststimmen, wurden ganz ruhig und legten sich für ein Weilchen schlafen.

Zum nächsten Kapitel: 3 – Bei dir oder bei mir?

 

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