79. Belastende Träume von Versagensangst

Bei Mari
In letzter Zeit hatte Mari immer wieder unruhige, manchmal ziemlich heftige belastende Träume von Prüfungssituationen, in denen sie mit Versagensangst zu kämpfen hatte. Die Angst , die ihr gestellten Fragen falsch zu beantworten und dann entsprechende Sanktionen zu erhalten, führte sie in ihren Träumen häufig dazu, dass sie kein Wort heraus brachte. Wenn sie dann aufwachte aus dem Traum, hatte sie oft durch die Verspannung im Schlaf Kopfschmerzen und fühlte sich morgens schlapp und unausgeruht.

Als sie Joel davon erzählte, wurde er nachdenklich und meinte schließlich: „Das Thema Prüfung und Versagensangst scheint in dir gerade an die Oberfläche zu kommen. Es sieht so aus, als schreit es regelrecht danach, bewusst wahrgenommen und verarbeitet zu werden.“
Mari nickte. „Ja, den Eindruck habe ich auch. Was könnte ich tun, um es zu verarbeiten?“

Joel schaute sie nachdenklich an. Es war, als würde er einer für sie nicht hörbaren Stimme lauschen…
Schließlich meinte er: „Verarbeitung der Gefühle geschieht ja dadurch, dass wir sie bewusst fühlen, dass wir spüren, wie sie sich im Körper anfühlen und ihnen Raum geben, da zu sein im Wissen, dass in der aktuellen Situation – im Gegensatz zu früher, wo sie entstanden sind, dabei nichts Schlimmes geschehen kann.

Was würdest du davon halten, wenn wir uns in einem nächsten Spiel diesem Thema zuwenden und eine Prüfungssituation gestalten, in der du die Gelegenheit hast, diese Gefühle in einem geschützten Raum, in dem du weißt, dass dir nichts wirklich Schlimmes geschehen kann, bewusst zu spüren?“
„Mari wurde es etwas unbehaglich zumute, und sie versuchte, das mit einer etwas flapsigen Bemerkung zu überspielen: „Wie jetzt? Wollen wir Schule spielen?!“ Sie lachte etwas zu hektisch dabei.
Ruhig und ernsthaft schaute Joel sie an…
Als sie wieder stiller wurde und er immer noch nichts sagte, sah sie ihn fragend an.
Und schließlich antwortete er ruhig: „Ja, so etwas in der Art. Lass dich überraschen…“

Was er sich dafür einfallen lässt, erscheint in Kürze im darauf folgenden Kapitel.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

1. Eine utopische Heilungsreise: SORGE und    FÜRSORGLICHKEIT

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.
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Er hatte sich eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und in der es um eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern ging. Den Vorspann, wie es zu dieser Reise kam, hatte er ihr bereits in den vergangenen Treffen erzählt.  Da sich die beiden allerdings nicht täglich begegneten, hatte er ihr gestern einen  BunteUmschlaegeAdventskalender geschenkt, der aus 24 bunten Briefumschlägen bestand, die mit jeweils einem Kapitel dieser Geschichte und einer kleinen Süßigkeit gefüllt waren.

„…Und an den Tagen, an denen wir uns treffen, bringst du den jeweiligen Umschlag mit, und dann lese ich dir das Kapitel vor, während wir uns gemütlich zusammen auf die Couch kuscheln“, hatte er ihr vorgeschlagen – und Mari hatte begeistert genickt. Dass die Adventszeit einen so märchenhaften Zauber erhalten sollte, freute sie sehr.

kerze24Heute am Morgen des 1.Dezembers, öffnete sie nun gespannt den ersten Umschlag, fand ein kleines Täfelchen Schokolade mit einer zart gezeichneten Kerze darauf und das erste Kapitel, in dem nun die Heilungsreise der ängstlichen Frau Carina im Raumschiff außerirdischer Meister begann. Sie genoss das Schokoladentäfelchen, versank in die Geschichte von Carina und las…

„Als Carina nach einer drei-tätigen Vorbereitungszeit an der Seite ihres Ausbilders, Meister Ramon, das Raumschiff betritt, in dem ihre Ausbildungsreise stattfindet, wird sie vom Kommandanten herzlich begrüßt. Meister René nimmt Carinas Hand in beide Hände und sagt mit einem strahlenden Lächeln: “Wie schön, dass du so schnell Kontakt zu deinem Meister gefunden hast. Ich begrüße dich an Bord meines Schiffes und versichere dir, dass auch wir zwei gut miteinander auskommen werden. Du wirst bald sehen, dass es dir hier an nichts fehlen wird. Wir alle wollen, dass es dir und den anderen Frauen hier gut geht. Solltest du Unterstützung brauchen, kannst du dich gern jederzeit an mich wenden. Auch ich bin hier für dich da, Carina. Übrigens, es ist hier an Bord so üblich, dass wir alle “du” zueinander sagen. Du weißt ja, ich heiße René. Die anderen Frauen und Meister hier wirst du später beim Abendessen kennenlernen.”

 Er tritt einen Schritt zurück, schaut Carina lächelnd an und meint: “ Na, heute siehst du schon ganz anders aus als vor ein paar Tagen, als wir dich von deiner kleinen Extratour abholten. Bald wirst du merken, dass dir hier nichts Schlimmes geschieht, und du wirst darüber lächeln können, dass du so voller Angst flüchten wolltest. Ramon zeigt dir jetzt erst einmal dein Zimmer, das du während der Zeit deines Aufenthaltes hier an Bord bewohnen wirst, und ich werde dich später durchs Raumschiff führen. Das tue ich besonders gern. Weißt du Carina, das, was für dich noch ein fliegender Metallkäfig ist und dir wie die Höhle des Löwen erscheint, ist für mich ein Ort, den ich mit sehr viel Liebe und Freude gestaltet habe, weil ich mir wünsche, dass sich jeder hier wohl fühlt. Vielleicht wirst auch du das bald erkennen können.”

Ramon bringt Carina in ihr Zimmer. Sie staunt: So viel Behaglichkeit, Wärme und persönliche Atmosphäre hätte sie sich nie und nimmer in einem Raumschiff vorgestellt. So liebevoll ist ihr  Raum gestaltet, dass sie schlucken muss… Da sind wunderschöne Bilder an den Wänden. Die Möbel, Decken und Kissen sind in zarten Farben gehalten, ein Regal mit Schreib- und Malutensilien ist in der Wand eingebaut, und da sind auch Bücher, deren Titel nach kurzem Überfliegen Carinas Leselust ansprechen. Sogar ein kleiner Kühlschrank ist da mit Leckereien für den kleinen Appetit zwischendurch.

Völlig überwältigt    von all dem Schönen bedankt sich Carina bei ihrem Meister, der sie lächelnd ansieht und meint: “Ich hoffe, René und ich haben deinen Geschmack getroffen? Ich hatte ihm in den drei Tagen, in denen ich dich schon etwas kennen lernen konnte, schon einiges von deinen Vorlieben mitgeteilt. Wir wollen  doch, dass du dich hier für die Zeit der Reise wohl und geborgen fühlst. Jetzt nimm erst einmal dein neues Zimmer in Besitz. Ruh dich ein bisschen aus, und wenn du noch Lust hast, bringst du vielleicht noch das Gesteck, deinen Adventskalender und die Fensterbilder unter. Ich hole dich später hier ab und zeige dir dann mein Reich hier an Bord.”

Mit diesen Worten lässt er die überraschte Carina erst einmal allein mit sich.  Neugierig inspiziert sie den Kühlschrank, der ein paar richtig gute Leckereien enthält, sowie den Schrank, in dem sie Kleidung entdeckt, die ebenfalls ihrem Geschmack und ihrer Größe entsprechen. Nachdem sie soweit alles geordnet und begutachtet hat,  steht sie vor ihrem Adventskalender, den sie dekorativ an der Wand über ihrem Bett platziert hat, und denkt: ‘Heute ist ja der 1. Dezember, und ich kann das erste Röllchen öffnen. Zögernd, doch gleichzeitig neugierig liest sie:

Geliebte    Carina,
heute ist nun dein erster Tag hier im Raumschiff, und deine Ausbildung hat begonnen.
In den nächsten 24 Wochen werden wir beide viel miteinander erleben.
Wenn du zur Erde zurückkehrst, werden dort 24 Tage vergangen sein.
Ich habe für dich bewusst diese Zeit gewählt, die ihr Menschen Advent nennt.
Du, Carina, hast immer ein ganz helles, strahlendes Gefühl in dieser Zeit,
und dieses tiefe,
besondere Gefühl wird es sein, das dir helfen wird,
dein inneres Licht immer bewusster wahrzunehmen
.
Denn deshalb bist du hier mit mir auf dieser Reise.
Ich, dein Meister und Freund, freue mich sehr,
dich dabei unterstützen
 zu dürfen,
dich zu halten, zu führen und zu begleiten
und wenn nötig auch zu trösten.
Du darfst mir alles sagen.
Ich verspreche dir, dich damit anzunehmen.
In Liebe  Dein Meister Ramon

Carina liest diese Botschaft mit sehr gemischten Gefühlen. Die Worte “In Liebe” von einem Mann machen ihr Angst. “Wenn ein Mann von Liebe spricht, ist immer Sex gemeint”, so wurde es ihr beigebracht. Nein – sie will von ihm nicht geliebt werden. “Männer tun Frauen nur weh – besonders wenn es um Liebe geht”, hört sie ihre Mutter und Großmutter in sich sagen.

Aber habe ich    eine Wahl? Ich muss mich ihm hier fügen, was auch immer er von mir will oder mit mir anstellen mag, denn sowohl körperlich als auch geistig ist er mir überlegen.’ Panik erfasst sie, um so mehr sie über ihre ihr so aussichtslos erscheinende  Lage hier im Raumschiff, von dem sie nicht weg kann, nachdenkt.

Wenn ich aber seine Liebe abweise’, überlegt sie weiter, ‘wird es sicher noch schlimmer für mich – bisher war er mir wenigstens wohlgesonnen. Wenn ich mir sein Wohlwollen durch abweisendes Verhalten verscherze, dann gibt es für mich hier nichts zum Lachen. Reagiere ich aber freundlich, könnte er mein Verhalten als Zustimmung zu seinen Absichten auslegen. Oh, Gott, was soll ich nur tun?’

Qualvoll grübelnd erlebt sie den Rest des Tages wie hinter einer dicken Mauer. Sicher, das ganze Raumschiff sieht viel schöner und großzügiger aus, als sie es sich vorstellen konnte. Aber ist sie hier nicht in einen goldenen Riesen-Käfig gefangen?

Während René mit ihr und einigen anderen Frauen einen Rundgang durch das Raumschiff macht, kann sie kaum etwas wahrnehmen, und Kontakt zu den anderen findet sie auch nicht. Diese Gedanken-Zwickmühle geht ihr einfach nicht aus dem Kopf. Selbst das gute, vielfältige Abendessen kann sie nicht genießen, obwohl Carina sonst sehr gerne und gut isst. Nach dem Essen bittet sie darum, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen, da sie sich erschöpft fühlt.

Einige Zeit später, als sie bereits im Bett liegt, klopft es an ihre Tür. Ramon fragt: “Carina, ist es dir recht, wenn ich mich noch ein paar Minuten an dein Bett setze und dir eine gute Nacht wünsche?

‘Was soll ich bloß sagen…’ überlegt Carina, ‘ich will mir doch seine Gunst nicht schon gleich am ersten Abend verscherzen.’ Sie zieht ihre Bettdecke bis hinauf ans Kinn und ruft: “Herein!”

Ramon setzt sich zu der verängstigten Frau ans Bett, streicht sacht mit seinem Handrücken über ihr heißes Gesicht und sagt schließlich: “Carina, du kannst mit mir über alles reden, was dich bedrückt. Möchtest du mir etwas sagen?” Carina fühlt sich nicht in der Lage zu antworten. Ramon wartet einen Moment und nickt dann beruhigend: “Ist in Ordnung! Wir haben noch viel Zeit, über alles zu reden. Jetzt schlaf erst einmal, es war ein aufregender Tag für dich. Gute Nacht, du zartes, scheues Reh. Bald sieht alles schon viel heller und klarer für dich aus, das verspreche ich dir.”

Er streicht sanft über ihr Haar, wieder und wieder in gleichmäßigem Rhythmus, bis sich ihre Anspannung löst und sie sich ihrer Müdigkeit hingibt und schließlich einschläft. Er weiß, sie hätte sich sonst in den Schlaf geweint. Doch gerade heute, an ihrem ersten Abend im Raumschiff, möchte er, dass sie in Ruhe einschläft.“

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

43. Du bist es wert, Mari!

Mari – sehr früh am Morgen bei sich zuhause

Wieder einmal erwachte Mari ungewöhnlich früh am Morgen und fand keinen Schlaf mehr.
Es begann langsam hell zu werden. Sie schaute nachdenklich aus dem Fenster…


Die Erlebnisse in ihrem gestrigen Spiel mit Joel, der wieder einmal die Rolle des Meisters für sie eingenommen hatte, beschäftigten sie sehr. Ihre Gedanken wanderten zurück, wie er sie in den nahe gelegenen Park geführt hatte, und die Übung darin bestanden hatte, dass sie sich von ihm mit verbundenen Augen führen lassen sollte.

Es war ihr peinlich, in der Öffentlichkeit solch eine Situation zu erleben, und als sie schließlich Kinder lachen gehört hatte , war es mit ihrer Fassung geschehen. Sie hatte sich das Tuch vom Kopf gerissen, weil sie diese Gefühle des vermeintlichen Ausgelacht-werdens nicht mehr ausgehalten hatte.

Wie erstaunt war sie, als sie sah, dass das Lachen der Kinder von einem Spielplatz stammte, der viel zu weit weg war, als dass irgendein Kind sie hätte sehen können. Und auch sonst waren an diesem abgelegenen Bereich des Parks, in den Joel sie geführt hatte, keine Spaziergänger unterwegs. Sie fühlte sich beschämt. Er hatte dafür gesorgt, dass sie in keine peinliche Situation gekommen war… Und es war ihr nicht gelungen, ihrem Meister zu vertrauen.

Selbst jetzt war er nicht sauer auf sie geworden. Er hatte ihr allerdings bewusst gemacht, dass sie die Regel gebrochen hatte, dass nur der Meister eine Übung oder das Spiel beendet und sie daher jetzt die Wahl habe, dass entweder die Sitzung an diesem Tag beendet wäre oder sie eine Strafe als Ausgleich anzunehmen hatte, um dann wieder einsteigen zu können in das Spiel mit ihm.

Sie hatte ihn um Entschuldigung gebeten und hatte erklärt, was in ihr vorging. Er hatte sich das verständnisvoll angehört, aber… er blieb dabei – nur wenn sie bereit war, ihren plötzlichen Abbruch auszugleichen, würden sie das Spiel an diesem Tag weiter führen. Sie rang mit sich und gelangte schließlich, weil sie nicht mit so einer „abgebrochenen, verunglückten“ Erfahrung nach Hause gehen wollte, zum Einverständnis mit der Sanktion. Dabei fühlte sie, wie wichtig ihr diese Erfahrungen der Meisterspiele waren – trotz aller Angst und all der anderen oft schwer auszuhaltenden Gefühle.

In ihrem warmen Bett jetzt früh am Morgen, als es fast noch dunkel war draußen, dachte sie daran zurück, wie sie dann kurze Zeit später – inzwischen wieder bei Joel zuhause – vor dem Sessel stand, in dem ihr Meister saß, und sie ihm als Ausgleich erklären sollte, was Strafe Gutes an sich hätte. Das war keine kleine Herausforderung! Ihr fiel glücklicherweise das Wort Ausgleich ein und sie sagte es in einem Satz, dass Strafen eine Balance nach einem Regelbruch herstellten. Allerdings fühlte sich das mehr wie auswendig gelernt an. Wirklich als Wahrheit konnte sie das für sich noch nicht empfinden, obwohl sie nun schon zwei Spiele mit seiner besonderen Art von Bestrafung hinter sich hatte, in denen sie das zumindest etwas hatte verinnerlichen können.

Sie durfte und sollte ehrlich sagen, wie sie sich damit fühlte. Und auch wenn es ihr schwer fiel, sie sprach von den ihren intensiven Gefühlen von Scham, Peinlichkeit und Angst und Versagen, das mit den Sanktionen einher ging. Ein langes, ehrliches und offenes Gespräch zu diesem Thema war entstanden, in dem sie auch Fragen stellen durfte. Sie wollte wissen: „Warum muss es denn eine Strafe sein, reicht es denn nicht, wenn ich mit Worten meine Einsicht zeige?“ 
Und der Meister hatte ihr erklärt, dass eine Handlung eine weitaus stärkere Wirkung hatte als Worte.  Das hatte Mari schließlich eingesehen, denn sie hatte selbst schon oft gespürt, dass Taten und Aktionen weitaus mehr in ihren Gefühlen bewirkten als Gedanken und Worte.

Schließlich hatte Joel in diesem lange währenden Gespräch Worte gefunden, die Maris Herz berührten und das bisher nur vom Verstand gespeicherte Wissen um den von ihr noch nicht wirklich erfassten guten Sinn von diesen Strafen auch in ihr Gefühl brachten:
Er erklärte ihr geduldig:
„Mari, ich wähle meine kleinen Sanktionen sehr sorgfältig und stimme sie auf dich und auf das, was dir möglich ist, ab. Ich will und werde dir mit meinen Strafen nicht weh tun! Ich will dich nicht demütigen, verängstigen oder beschämen  – im Gegenteil! Ich will dir damit etwas an die Hand geben, wodurch du dich nach deinen kleinen oder auch mal  größeren Regelbrüchen besser fühlen kannst und durch deine eigene Handlung oder Bereitschaft, etwas geschehen zu lassen, sofort lösen kannst aus Gefühlen von schlechtem Gewissen, Versagen, Schuld oder was auch immer du bisher immer mit Fehlern verbunden hast. Die Strafen sollen dazu dienen, dass du dich nach deinen ja öfter mal auftretenden unbeabsichtigten Regelbrüchen sofort, wenn sie erledigt ist, wieder richtig wohl fühlen kannst.“

Darüber dachte Mari jetzt nach. Wie geduldig hatte er ihr diesen Zusammenhang vermittelt, immer wieder hatte er es neu und anders formuliert… Sie durfte in dieser Situation Fragen stellen… Er hatte sich alle Zeit der Welt dafür genommen, dass sie dieses, ihm anscheinend so wichtige Procedere verstehen konnte und es nicht nur über sich ergehen ließ.
Er hatte sie in die Arme genommen, als ihr die Tränen kamen. Und danach weiter mit ihr darüber gesprochen – solange bis sie es wirklich fühlen konnte, dass er ihr mit seinen Ausgleichs-Sanktionen nur helfen wollte, ihre eingebrannte Angst vor Fehlern und den damit verbundenen Folgen zu verlieren. Ja, es würde Folgen geben – diese Maßnahmen eben, aber nichts Schlimmes würde geschehen und vor allem: Es würde nichts übrig bleiben. Wie hatte sie als Kind unter ihren kleinen Verfehlungen gelitten! Sie wurde beschimpft, sie wurde verantwortlich gemacht für die gestressten Gefühle der Erwachsenen, sie hatte Angst, dass ihre Oma an den Herzschmerzen sterben könnte, die sie durch ihre scheinbar so schlimmen Verfehlungen ausgelöst hatte. Sie litt tagelang unter Schuldgefühlen und Selbst-Verurteilungen, denn keine Gelegenheit zur Wiedergutmachung wurde ihr gegeben.  Und nach ihren kleinen Fehltritten sagte ihr hinterher niemand, dass alles wieder gut sei.  Wie hätte sie sich wohl entwickelt, wenn sie kleinen Ausgleichsmöglichkeiten bekommen hätte und die Zusage, dass danach alles vorbei und vergessen sei? Wie würde sie sich heute fühlen ohne  diese immens große Angst vor Fehlern…?

Sie erinnerte sich plötzlich an einen Satz, den sie mal gelesen hatte:
Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben – oder sich zu gestalten? Genau wusste sie den Wortlaut nicht mehr.

Hatte sie sich mit diesen Meister-Spielen mit jeder Übung, die dem Stärken ihres Vertrauen diente und von der Autoritätsperson des Meisters gestaltet wurde, eine Bühne geschaffen, in der sie alte Erfahrungen aus der Kindheit umschreiben konnte in einen neuen, wohltuenden Film?

Vermittelte ihr der Meister in seiner besonderen wohlwollenden Autorität Erfahrungen von liebevoller Führung, die sie als Kind nicht hatte machen können, weil ihr der Vater gefehlt hatte?

Wenn sie jetzt diese Ausgleichsmöglichkeit durch die Meisterspiele mit Joel erhielt, ob das nach und nach ihre Angst vor Fehlern und ihren Folgen vermindern könnte…?
Waren ihm deshalb diese Strafen so wichtig? 

Er hatte gestern trotz all ihrer schwierigen Gefühle nicht darauf verzichtet, aber er hatte unendlich viel Geduld gehabt, ihr die Zusammenhänge deutlich zu machen. 
Ein warmes, dankbares Gefühl stieg in ihr auf… 
Da machte sich jemand Gedanken um sie…
nahm sich so viel Zeit…
ging so geduldig auf sie ein…
War sie das wert?
„Ja“, flüsterte eine Stimme in ihr, „du bist es wert!“

Das wäre es, was der Meister jetzt von ihr hören wollen würde:

Ja! Ich bin es wert, ich darf es annehmen!

Und er würde es ihr bestätigen, da war sie sich ziemlich sicher:
Ja, Mari, du bist es wert! Du darfst es annehmen!

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

 

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Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

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