93. Sechs Runden

Bei Joel: Stück für Stück

Heute begann Joel, der für Mari wieder die Meisterrolle eingenommen hatte, ihr gemeinsames Rollenspiel bereits im Flur, nachdem sie ihren Mantel aufgehängt hatte. Er sah ihr in die Augen und sagte: „Das Spiel beginnt.“
Ups, das ging ja schnell heute, dachte Mari, während er in Richtung Schlafzimmer voran ging und beiläufig zu ihr sagte: „Folge mir.“
Etwas beklommen ging sie hinter ihm her.
„Heute kommt eine Übung zum Thema „Auflösen von Verboten und Scham, wir hatten ja letztens darüber geredet, dass es vieler neuer Gelegenheiten bedarf. Bist du bereit, Mari?“
„Ja, das ist jedoch ein schweres Thema“, meinte Mari.
Joel schaute sie verständnisvoll an und sagte sanft: „Ich werde versuchen, es so leicht wie möglich zu machen.“
„Gut, ich bin bereit“, antwortete sie und atmete tief ein, als er ihr den Arm um die Schulter legte und sie ins Schlafzimmer führte. Die Vorhänge waren zugezogen und er schaltete das Licht an.

„Ich möchte heute sehen, wie weit du dich traust, dich auszuziehen“, erklärte er, „und damit es einfacher wird, lösche ich gleich das Licht. So werden wir fast nichts sehen, und du wirst mir deshalb jedes Kleidungsstück geben, damit ich merke, was du ausgezogen hast.“
Mari stieg das Blut in den Kopf. „Und wie genau soll das ablaufen? Ich alleine? Oder wirst du dich auch ausziehen?“
Joel lächelte sie freundlich an: „Wenn du das möchtest, würde ich mich gleichen Maße ausziehen.“
Mari war einen Moment zögerlich, aber die Vorstellung dass sie nackt wäre und er angezogen, fühlt sich gar nicht gut an. Also sagt sie: „Ja, das würde ich, glaube ich, schon wollen.“
Er nickte: „Okay, das ist fair. Also? Bist bereit?“
In Mari fühlte es sich ziemlich schwierig an. „Du hast gesagt, so weit, wie ich mich traue? Also nicht ganz und gar?“
„Du bestimmst, wie weit es geht“, bestätigte er. „Bitte zähle doch mal, wie viele Kleidungsstücke du trägst, und verrat mir das.“
Mari dachte einen Moment nach…“Sechs.“


„Okay, danke, Mari.“ Er nickte, schaltete das Licht aus und stellte sich dann vorsichtig wieder vor sie. Es war so dunkel, dass man nur leichte Umrisse im Raum erkennen konnte.
„Beginnen wir. Runde eins, Mari!“
„Okay“, nickte sie, zog ihr T-Shirt aus und gab es ihm.
Mit einem freundlichen „Dankeschön“ legte er es auf das Bett, zog sein Hemd aus und reichte es ihr.
In der zweiten Runde folgte ein Strumpf und in der dritten Runde der zweite. Worauf auch er ihr jeweils einen seiner Socken reichte.
„Na, da haben wir ja schon drei Runden geschafft. Halbzeit!“ meinte er. „Dann auf zu Runde vier.“
Mari nahm einen tiefen Atemzug. Jetzt beginnt es, schwieriger zu werden“, sagte sie leise
„Nimm dir ruhig Zeit“, antwortete er ruhig ins Dunkle hinein.
Jetzt hatte sie nur noch ihren Rock, einen Slip und ein dünnes Top an.
„So, jetzt. Entschlossen zog sie ihren Rock aus und gab ihn Joel.
„Sehr gut!“ sagt er und gab ihr seine Hose.
„Auf zu Runde fünf. Bist du bereit?“
Mari stand wie eine Salzsäule auf der Stelle und kämpfte mit sich, was wäre jetzt leichter? Slip oder Top? Oder soll sie unterbrechen und aufhören? Es ging hin und her in ihrem Kopf.
„Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst“, sagt er.
„Danke“, flüsterte sie, aber leichter wird es dadurch auch nicht, dachte sie dabei … ich muss jetzt eine Entscheidung treffen...
Und schließlich entschied sie sich, ihr Oberteil auszuziehen. Das fühlte sich ziemlich schwierig an. Aber es ist ja dunkel, redete sie sich gut zu und gab ihm ihr Top schließlich.
„Sehr gut, Mari!“ sagte er, legte es behutsam auf das Bett und reichte ihr seine Unterhose mit den Worten: „Da ich kein Unterhemd drunter hatte, ist es bei mir ein Kleidungsstück weniger und ich bin jetzt fertig mit dem Ausziehen.“
Sie versuchte ruhig und tief zu atmen, aber es war ein ziemlich heftiger Aufruhr in ihr.
„Wie geht es dir, Mari?“ fragte er leise.
„Ich fühle mich ziemlich durcheinander, es fühlt sich fast wie Angst an: Herzklopfen, Vibrieren in Armen und Beinen, wackelige Knie – und gleichzeitig ist es mir peinlich, dass ich mich so anstelle.“
„Sag das nicht so abwertend, Liebes. Du gehst mutig ran an deine Schamgrenzen, das verdient unsere Anerkennung“, kommentierte er freundlich mahnend. Was genau bringt dich denn durcheinander?“
„Ich kann das gar nicht so genau orten, das ist so ein Gefühlswirrwarr und Knoten in mir, und irgendwie… ach ich weiß auch nicht… Es ist eigentlich Quatsch, nicht notwendig, nicht hilfreich und nicht angemessen, aber dennoch… eben da…“
„Und wie fühlt es sich an, wenn du an Runde 6 denkst?“
„Ziemlich schwer.“
„Kann ich etwas tun, damit es leichter wird?“
Mari kämpfte mit sich, normalerweise, wenn sie sich so zerrissen und aufgeregt fühlte wie jetzt, würde sie sich eine Umarmung wünschen, aber das auszusprechen traut sie sich jetzt in dieser Situation, wo er nackt war auch nicht.
Er stand ruhig nackt im Dunkeln vor ihr.
„Wir stehen vor Runde sechs“, sagte er leise, „bist du bereit dazu? Lass dir Zeit und spüre nach… Wenn es nicht geht, ist es auch okay, aber triff die Entscheidung ganz in Ruhe.“
Sie zögerte: „Darf ich dich was fragen?“
„Aber ja!“ antwortete er sofort.
„Wie geht es danach weiter? Wirst du dann das Licht anmachen?“
„Nein. Wir werden noch eine Weile so stehen, ganz nackt voreinander, ohne uns wirklich erkennen zu können im Schutz der Dunkelheit. Dann würde ich aus dem Raum gehen, und du kannst dich in Ruhe anziehen. Fürs erste ist das genug, denke ich.“
„Okay“, Mari nickte. „Danke dass du mir das gesagt hast.“
Und kurz danach: „Ich bin bereit für Runde 6.“
„Prima, Mari!“ Seine warme, ruhige Stimme tat ihr gut.
Schnell zog sie sich ihren Slip aus. Es fühlt es sich komisch an, auch diesen an ihn weiter zu geben, aber sie tat es.
„Vielen Dank für deinen Mut und dein Vertrauen, Mari“, sagte er und legte ihn aufs Bett.

Mari fühlte ihre Nacktheit jetzt sehr deutlich und war froh, dass es so dunkel war.
Als wenn er ihre Empfindungen spüren konnte, fragte er: „Wie fühlt es sich an, nackt zu sein?“
Sie suchte nach Worten… „Ich fühle mich sehr unsicher, habe das Bedürfnis irgendetwas Schützendes um mich herum zu haben…“
„Halt es noch etwas aus, es sieht ja keiner.“
Leider… dachte er dabei.
Sie standen noch ca. eine Minute so voreinander – es war die längste Minute, die sie bisher erlebt hatte.
„Wie ist es jetzt, Mari?“
Wie aus einem Nebel hörte sie seine Stimme und rang mit sich, ob sie das, was sie gerade fühlte aussprechen wollte oder lieber doch nicht. Schließlich entschloss sie sich dazu, es zu tun: „Es gibt neben den ganzen schwierigen Gefühlen auch noch etwas anderes in mir“, sagte sie leise.
„Ja? Nur raus damit! Was ist es denn?“
Sie nahm allen Mut zusammen. Ich würde dich gerne fühlen, also so ein bisschen umarmen…“
„Gern, sagte er. Ich stehe direkt vor dir, ganz nackt…“
Sie nickte und nahm einen tiefen Atemzug. „Kannst du mich ein bisschen vorsichtig in den Arm nehmen?“ fragte sie leise.
Er kam näher, und sie spürte ihn ganz nah. Seine Arne legen sich sanft um sie. Sie fühlte seine Haut, die Wärme, spürte die Nähe und sagte: „Joel, es ist… Es ist wie immer… Von dir umarmt zu werden, und dich zu umarmen, tut gut! Sogar auch nackt!“
Er hielt sie vorsichtig und sanft in seinen Armen. Sie hielt ganz still und spürt diesen Kontakt zum ersten Mal Haut an Haut. Es ist abenteuerlich, aber irgendwie schön, verwunderlich schön, dachte sie. Er drückte sie ganz behutsam an sich und erfreute sich auch an diesem für ihn unerwarteten Hautkontakt.
„Wie ist das für dich, Mari? Wie geht es dir in meinen Armen, so nackt?“ wollte er vorsichtig wissen.
„Auf jeden Fall ist es viel schöner, als nackt in Abstand vor dir zu stehen“ antwortete sie. „Es ist, als würde ich mich irgendwie beschützt fühlen.“
„Wie schön zu erfahren, dass du dich in meiner Körpernähe beschützt fühlst! Du weißt ja, ich würde dir nie etwas tun, was du nicht willst. Aber dich beschützt zu fühlen ist noch mehr als dieses Wissen. Darüber freue ich mich sehr! Du warst sehr mutig heute!“
Mari nickte: „Ja, das stimmt. Das hat mich ganz viel Kraft und Mut gekostet! Wie gut, dass du es mir durch die Dunkelheit leichter gemacht hast.“ Langsam löste sie sich aus seinen Armen.
„Das war auch meine Absicht. Ich weiß ja, wie sehr dir Scham noch zu schaffen macht“, erklärte er verständnisvoll.
„Ich bin fast selber erstaunt, dass ich die Runde 6 auch noch geschafft habe, gab sie zu. Und dich zu fragen ob du mich umarmst, war auch nicht leicht, aber ich wollte dann wissen wie es sich anfühlt, und hatte auch das Bedürfnis danach, nicht so allein dort nackt zu stehen.“
„Das verstehe ich gut“, nickte Joel, „aber diese Frage nach Körpernähe in dieser Situation musste von dir kommen, ganz frei und ohne Impuls von mir. So, und jetzt werde ich den Raum verlassen, so dass du dich ganz in Ruhe anziehen – und auch das Licht dabei anmachen kannst.“
Und als er an der Tür war, sagte er: „Ach ja, das Spiel ist vorbei.“

Und als Mari sich in aller Ruhe wieder angezogen hatte, schaute sie in den Spiegel, lächelte sich an und flüsterte sich selbst zu: „Wow, das habe ich geschafft heute!“

Dies Kapitel wurde gestaltet von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

88. Das Leben schmeckt oft ganz unterschiedlich

Bei Joel – Erfahrungen für die Sinne

Mari klingelte, und Joel öffnete wie so oft lächelnd die Tür. Die vertrauten Worte „Schön, dass du da bist, Mari!“ und ein freundliches Lächeln empfingen sie. Und gleich nachdem er die Wohnungstür hinter ihr geschlossen hatte, breitete er seine Arme aus zu einer Geste des Willkommens.

Mari liebte es, von ihm umarmt zu werden, und er wusste das. Ganz fest hielt er sie in seinen langen Armen. Unwillkürlich wurde ihr Atem tiefer, die Atemzüge länger und ruhiger… ihr Körper weicher… Sie spürte seine  starken Arme, die sie hielten, sich in angenehmer Weise um sie legten und ihr mit sanftem Druck Halt gaben. Die Aufregung ließ etwas nach, aber nicht völlig – schließlich geschah mit Joel als Meister immer irgendetwas Herausforderndes, Spannendes, Aufregendes. Und das war gut so – das war es ja, was sie so anzog an der besonderen Art ihres  Miteinanders, dass es sich einerseits spannend und lebendig, andererseits auch geborgen und behütet anfühlte – eine ganz besondere Mischung…
Genau in dem Moment, in dem sie den Impuls spürte, sich langsam aus der diesmal so ausgiebigen Begrüßungsumarmung zu lösen, gab er ihr einen zarten Kuss auf ihr Haar, schaute ihr in die Augen und sagte: „Es ist schön, dass du da bist, Mari.“

Er legte ihr einen Arm um die Schulter und führte sie ins Wohnzimmer. 
Die Couch war ausgezogen und davor stand ein gedeckter Tisch.
„Wow! Schokoladentorte!!! Das sieht ja lecker aus!“ Überrascht von diesem nicht alltäglichen Anblick schaute Mari Joel an, und sein Schmunzeln vertiefte sich zu einem breiten Grinsen. 
„Hmm, du weißt ja, ich bin immer mal für eine Überraschung gut… aber bevor du dich setzt: Das Spiel beginnt!“ Mit diesen Worten zog er ein Tuch hervor und verband ihr die Augen. „Du überlässt dich jetzt in allem einfach nur meiner Führung, okay?“
„Okay“, sagte sie leise. 

Er trat hinter sie und legte mit sanftem Druck die Hände auf ihre Schultern, schob sie vorwärts, drehte sie etwas und sie spürte die Couch hinter sich. Der Druck auf ihre Schultern verstärkte sich, und sie sank etwas unkontrolliert nach unten, aber bevor sie ganz das Gleichgewicht verlor, waren seine Hände unter ihren Armen und dirigierten sie so, dass sie in eine sitzende Position kam. Sie saß vorn auf der Couch, und er setzte sich neben sie, legte ihr einen Arm um die Schulter, zog sie seitlich an sich.

Nun saß sie gespannt neben ihm auf dem Sofa. Auf ihre Frage, was sie trinken möchte, antwortete sie: „Am liebsten schwarzen Tee mit Honig und Zitrone.“
Überrascht hörte sie das Plätschern des Tees, denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass Tee schon fertig sein würde…

„Ich war mir ziemlich sicher, dass du zu Schokotorte gern Tee mit Honig und Zitrone trinkst“, antwortete er. Dann hörte sie den Löffel in der Tasse klimpern und war gespannt darauf, die Mischung zu kosten. Sanft und achtsam hielt er ihr die Tasse an die Lippen. „Perfekt! Danke! Die Menge an Zitronensaft und Honig ist genau richtig!“
Sie hielt ihm die Tasse wieder hin und er nahm sie ihr ab. „Und nun, meine Liebe, darfst du einfach nur genießen…“
Einen Moment später fühlte sie Schokoladencreme an ihrer Lippe, sie öffnete den Mund und fand erlesene Schokotorte zwischen ihren Gaumen. „Hmm…“ Sie kostete diesen Genuss aus, öffnete wieder den Mund und spürte eine runde feste Kugel zwischen den Lippen, gerade wollte sie ihre Hand zu Hilfe nehmen und die Kugel erstmal vom Mund nehmen, als Joel nach ihrer Hand griff und sie in der Bewegung zum Mund hin stoppte.
„Nein, Mari. Die Hände bleiben unten. Du ahnst es schon richtig, das was ich dir jetzt gerade an die Lippen halte , hat mit süßer Torte nichts zu tun, jetzt kommen ganz verschiedene Probierhäppchen. Vertraust du mir so weit, dass ich dir kein Leberwurstschnittchen in den Mund stecke?“

Mari nickte lächelnd. „Gut, dass du dich erinnerst, dass ich Leberwurst absolut nicht leiden kann! Und… ja, ich vertraue dir auch dahin gehend.“

Abwechselnd bekam sie Süßes, Saures, Salziges, Weiches, Knuspriges, Flüssiges, Festes, Saftiges und Trockenes zu kosten. Es war seltsam, auf nichts vorbereitet zu sein, aber jedes einzelne Stückchen schmeckte ihr gut nach einem kurzen Moment, in dem sie es auf der Zuge wälzte.

„So ist es auch im Leben“, hörte sie Joel sagen, „die Vielfalt ist es, die es reich und lebendig macht. Und darüber nicht zu denken, sondern sie zu erfahren, die einzelnen Erlebnisse zu kosten, ohne sie vorher in Kategorien einzuordnen wie schwer, leicht, süß, bitter, hart, weich, macht sie zu etwas Besonderen und lässt sie anders erscheinen… gibt ihnen einen viel höheren Wert an Intensität, als alles Nachdenken darüber es je tun könnte.“

Als Mari ein Sättigungsgefühl spürte, beendete Joel diese besondere kulinarische Erfahrung.
„Und jetzt, meine Liebe, dreh dich auf der Sitzfläche der Couch um eine Viertel Drehung und lass dich …

Wie es an diesem Abend weiter geht, erscheint im nächsten Beitrag…

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

79. Belastende Träume von Versagensangst

Bei Mari
In letzter Zeit hatte Mari immer wieder unruhige, manchmal ziemlich heftige belastende Träume von Prüfungssituationen, in denen sie mit Versagensangst zu kämpfen hatte. Die Angst , die ihr gestellten Fragen falsch zu beantworten und dann entsprechende Sanktionen zu erhalten, führte sie in ihren Träumen häufig dazu, dass sie kein Wort heraus brachte. Wenn sie dann aufwachte aus dem Traum, hatte sie oft durch die Verspannung im Schlaf Kopfschmerzen und fühlte sich morgens schlapp und unausgeruht.

Als sie Joel davon erzählte, wurde er nachdenklich und meinte schließlich: „Das Thema Prüfung und Versagensangst scheint in dir gerade an die Oberfläche zu kommen. Es sieht so aus, als schreit es regelrecht danach, bewusst wahrgenommen und verarbeitet zu werden.“
Mari nickte. „Ja, den Eindruck habe ich auch. Was könnte ich tun, um es zu verarbeiten?“

Joel schaute sie nachdenklich an. Es war, als würde er einer für sie nicht hörbaren Stimme lauschen…
Schließlich meinte er: „Verarbeitung der Gefühle geschieht ja dadurch, dass wir sie bewusst fühlen, dass wir spüren, wie sie sich im Körper anfühlen und ihnen Raum geben, da zu sein im Wissen, dass in der aktuellen Situation – im Gegensatz zu früher, wo sie entstanden sind, dabei nichts Schlimmes geschehen kann.

Was würdest du davon halten, wenn wir uns in einem nächsten Spiel diesem Thema zuwenden und eine Prüfungssituation gestalten, in der du die Gelegenheit hast, diese Gefühle in einem geschützten Raum, in dem du weißt, dass dir nichts wirklich Schlimmes geschehen kann, bewusst zu spüren?“
„Mari wurde es etwas unbehaglich zumute, und sie versuchte, das mit einer etwas flapsigen Bemerkung zu überspielen: „Wie jetzt? Wollen wir Schule spielen?!“ Sie lachte etwas zu hektisch dabei.
Ruhig und ernsthaft schaute Joel sie an…
Als sie wieder stiller wurde und er immer noch nichts sagte, sah sie ihn fragend an.
Und schließlich antwortete er ruhig: „Ja, so etwas in der Art. Lass dich überraschen…“

Was er sich dafür einfallen lässt, erscheint in Kürze im darauf folgenden Kapitel.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

60. Die Bühne des Miteinanders erweitert sich

Bei Joel – Mari bekommt den Auftrag, ein „Nest“ zu bauen

Nach einer freundlichen Begrüßung begann Joel, der für Mari die Rolle des Meisters einnahm, das heutige Spiel – unerwartet wie meist – mit dem Satz: „Das Spiel beginnt“ – und gleich danach kam die Aufforderung: „Mari, ich möchte jetzt, dass du dir heute hier auf der ausgezogenen Couch ein richtig kuschliges Nest baust.“

Mari schaute auf die ausgezogene Couch mit der breiten Liegefläche. Sie hatte ja nun schon einige Male darauf gelegen, aber jetzt… Die Anweisung, ein „kuschliges Nest“ zu bauen, weckte nebulöse Vorstellungen in ihr von dem, was sie wohl heute hier erleben würde. War sie dazu bereit?

Nervös schaute sie Joel an, der ihr freundlich, aber bestimmt, zunickte. Er öffnete eine Schranktür, hinter der Decken, Laken, Kissen, und ähnliches Material zu finden war. „Bediene dich, und gestalte daraus ein Lager, auf dem du dich so richtig wohl fühlen könntest. Lass dir ruhig Zeit dabei.“

Was sollte in diesem „Nest“ wohl geschehen? fragte wieder ihre Angst-Stimme.
„Ja, mach ich,“ antwortete sie, sprach aber die Frage nicht aus, wozu dieses Nest wohl dienen sollte – und machte sich an ihre Aufgabe. Er hätte ihr ohnehin keine Antwort gegeben – das wusste sie inzwischen und war froh, dass sie daran gedacht hatte, dem Impuls nicht gefolgt war und ihre Frage für sich behielt.

Auch Joel hatte das bemerkt und lächelte verhalten. Seine Schülerin kam weiter auf ihrem Weg… Dass sich in ihr Fragen bewegten, war ihm klar. Doch sie folgte seiner Anweisung ohne zu fragen, was ja eine ihrer Regeln innerhalb der Spiele war, in der sie die Rolle der Schülerin und er die des Meisters inne hatte. Der Inhalt dessen, was sie lernen wollte, war vor allem eins: Vertrauen.

Erst einmal holte Mari hervor, was sie in dem Schrank fand.

Dann wählte sie aus, was ihr gefiel und räumte den Rest wieder ein.
Joel lobte sie. „Das hast du sehr schön und kuschlig gemacht! Ich muss doch gleich einmal ausprobieren, wie es sich darin liegt.“

Mari schaute zu, wie er sein Hemd auszog, sich hinlegte und sich wohlig dehnte und streckte. Schließlich öffnete er seine Arme und lud sie ein, sich bei ihm nieder zu lassen.

Etwas zögernd stand sie im Raum. Immerhin, er hatte nicht verlangt, dass sie sich ausziehen sollte… Dennoch gab es eine Schranke in ihr, sich mit ihm sozusagen in ein gemachtes Bett zu legen, denn nichts anderes war ja dieses „Nest“, das sie gebaut hatte, nun eigentlich geworden…

„Mari, zieh bitte deine Bluse aus, die wirst du hier nicht brauchen. Wir haben ja eine Decke.“

Okay! Wenigstens hatte sie ein buntes Top unter der Bluse… Sie überlegte… wie weiter?
Sie fühlte sich so unbehaglich wie lange nicht mehr, doch konnte sie ja nicht die ganze Zeit hier stehen bleibe. Für solche schwierigen Momente gab es die Möglichkeit, dass sie um eine Umarmung bitten durfte… Er hatte ihr am Anfang ihres gemeinsamen Weges gesagt, dies sei immer möglich, um nicht in ein Gefühl der Starre hinein zu fallen, was ihr anfangs öfter passiert war.

„Ähm, es fühlt sich gerade ziemlich schwierig an in mir… Darf ich… um eine Umarmung bitten?“

„Gut, dass dir diese Möglichkeit eingefallen ist,“ bestätigte sie Joel. „Ja, das darfst du immer, Mari, und auch jetzt! Komm her zu mir, ich umarme dich gern.“

Damit hatte sie sich ein Eigentor geschossen… Genau das war ja ihr Problem gerade, dass sie sich nicht rühren konnte… dass sie Schwierigkeiten hatte, sich zu ihm in das von ihr eben bereitete Bett zu legen… mit wenig Kleidung…

Joel schaute sie aufmerksam an. Er ahnte, was sie bewegte und sagte sanft: „Meine Umarmung wird dir im Liegen genauso Halt geben wie im Sitzen oder Stehen. Probiere es einfach aus. Es ist nur ein kleiner Schritt, der geringfügig anders ist als sonst. Meine Umarmung wird genauso achtsam und liebevoll sein, wie du es schon oft erlebt hast.“
Geduldig und einladend lag sein geöffneter Arm auf der Matratze… Es lag nun an ihr, diesen Schritt zu tun und sich in seinen Arm hinein zu begeben.

Ich kenne und ich mag seine Umarmungen, sie tun mir gut… so redete sie sich in Gedanken gut zu, warum soll das im Liegen anders sein als im Sitzen oder im Stehen… auch wenn das jetzt ein Miteinander-im-Bett-sein ist… Und der Schritt gelang! Sie ließ sich nieder und kuschelte sich in seinen Arm, atmete tief und schloss die Augen. Ich liege mit ihm im Bett – uff!

Er zog die Decke über beide. „Wie schön, Mari, dass du diesen Schritt zu mir getan hast. Ich weiß wohl, dass dir das gerade nicht leicht fiel. Aber spür mal hin, ist es außer der Tatsache, dass wir uns liegend noch besser entspannen können, irgendwie schlimm?“

Etwas verlegen schüttelte sie den Kopf, der an seiner Schulter lag. „Nein, eigentlich nicht.“

„Und un-eigentlich?“

Sie öffnete die Augen. „Na ja, wir liegen mit nur wenig Klamotten miteinander im Bett! Die Couch ist nun zum Bett geworden… Und genau davor hatte ich ja so große Angst, mit einem Mann ins Bett zu gehen…“

„Keine Sorge, Mari, auch wenn wir hier mehr Fläche zur Verfügung haben und die „Bühne unseres Miteinanders“ sich erweitert hat und kuschliger wird, werde ich niemals etwas tun, was dir unangenehm oder für dich nicht möglich ist. Darauf kannst du dich immer verlassen!“

Er stützte sich leicht auf den Unterarm, so dass sie ihm in die Augen schauen konnte. „Willst du mir das glauben?“

„Ja, das möchte ich dir glauben.“

Sanft strich er ihr übers Haar. „Ich danke dir für dein Vertrauen – und dafür, dass du dir ein Herz gefasst hast.“

Ein vorsichtiges Lächeln stahl sich über ihr Gesicht.

„So, meine Liebe, und jetzt gibt es nur eine Aufgabe – und die heißt: Schließ deine Augen und fühle!“

Sie atmete tief ein, machte gehorsam die Augen zu und wartete mit Herzklopfen auf das, was nun geschah.

Joel hielt sie zunächst einfach nur weiterhin in seinem Arm und begann leise zu summen. Inzwischen wusste er um die beruhigende Wirkung auf sie, wenn er mit leisen Tönen ihre Seele streichelte. Nach einem Weilchen bemerkte er erfreut, wie sie etwas näher an ihn heran rückte und sich anschmiegte. Mit der anderen Hand strich er ihr übers Haar. Wohlig seufzte sie und begann sich zu entspannen. Das tat so gut…

Ihre Gedanken kamen zur Ruhe. Er strich wieder und wieder mit gleichmäßigem sanftem Druck über ihr Haar, lockerte von der Seite vorsichtig knetend ihre verkrampfte Schulter, und berührte dann behutsam ihr Gesicht, strich ganz sacht über ihre Wange. Sie merkte zu ihrem eigenen Erstaunen, dass sie sich tatsächlich wohlfühlte so nah neben ihm – und das im Bett…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

01f Eine utopische Heilungsreise: Wärme und Geborgenheit

Bei Mari – der Meister erzählt Mari innerhalb ihres Rollenspiels ein utopisches Märchen, eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“

Joel (der die Meisterrolle inne hatte innerhalb des gemeinsamen Rollenspiels mit Mari) hatte sich für die bald beginnende Vorweihnachtszeit eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern beinhaltete. Nachdem die beiden es sich auf der Couch gemütlich gemacht hatten, erzählte er das in den letzten Tagen bereits begonnene Märchen weiter:

„Als sich Carina am zweiten Tag in ihrem Gästezimmer im Hause ihres Ausbilders für eine kleine Mittagsruhe auf ihrem Bett nieder lässt, findet sie auf ihrem Kopfkissen wieder ein kleines Briefchen von ihrem Meister vor. Mit gemischten Gefühlen beginnt sie zu lesen:

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Liebe Carina,


nun verlebst Du einige Tage allein mit einem Mann,
fühlst dich unsicher und voller “Geschichten” im Kopf.


Wenn du magst, sprich über deine “Geschichten” mit mir.
Ich höre dir gern zu.


Dein Meister Ramon

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Schwer kann Carina sich vorstellen, mit Ramon über ihre “Angst-Geschichten” in ihrem Kopf zu reden, da ihre Ängste ihr selbst peinlich und unangenehm sind. Er könnte entweder beleidigt sein, dass sie nach all der Freundlichkeit so negative Gedanken äußert, oder aber er könnte sie auch einfach auslachen und verspotten.
Tief in ihrem Innern vernimmt sie eine leise Stimme: ‘Vielleicht tut er keines von beiden und akzeptiert dich so wie du bist…`
Ich werde es nur herausfinden, ob ich ihm vertrauen kann, wenn ich es versuche, denkt Carina. Aber wie soll ich da nur einen Anfang finden?`

Abends sitzen sie gemütlich zusammen am Kaminfeuer bei Gebäck und Glühwein.

In dieser behaglichen Atmosphäre versucht Ramon, Carina eine Brücke zu bauen: “Na, Carina, hast du meine Nachricht an dich gefunden?”

Beklommen nickt Carina. “Möchtest du mit mir über deine Angst-Geschichten sprechen?” fragt Ramon sie ruhig und freundlich.

Carina weiß nicht, was sie antworten könnte, wie und womit sie beginnen soll. Fieberhaft arbeitet es in ihrem Kopf, und je krampfhafter sie einen möglichen Anfang sucht, um so unmöglicher erscheint es ihr, überhaupt etwas zu sagen. Gleichzeitig fürchtet Carina, dass Ramon ihr Schweigen als Ablehnung deuten könnte und in gleicher Weise reagieren könnte. Sie fühlt sich ausweglos überfordert. Tränen treten ihr in die Augen.

Da nimmt Ramon ihre Hand ganz sacht in seine Hände. “Carina, quäle dich nicht! Wenn du jetzt nicht über deine Gedanken und Gefühle reden kannst, ist das völlig okay. Wir haben viel Zeit. Irgendwann wird der richtige Zeitpunkt kommen, und dann kannst du auch mit mir über das reden, was dich bedrückt. Ich will nicht in dich dringen, jetzt nicht und später ebenso nicht! Ich werde dir immer wieder Gelegenheiten anbieten, dich mir mitzuteilen. Mit der Zeit wirst du die Erfahrung machen, dass es dich erleichtert, wenn du deine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringst. Aber den Zeitpunkt und den Inhalt bestimmst du selbst. Bitte, Carina, schließe jetzt einmal deine Augen.”

Zögernd folgt sie seiner Bitte. Was hat er jetzt mit ihr vor? Ihre Gedanken wirbeln herum. Sie hört seine ruhige, freundliche Stimme: ”Spüre jetzt einfach mal nur deine Hand, Carina. Sei ganz sicher, es geschieht dir nichts. Deine Hand liegt zwischen meinen Händen, sicher, geborgen und warm. Ich halte sie ganz behutsam, ohne Druck. Ich manipuliere nicht an ihr herum, ich quetsche sie nicht, ich biege sie nicht. Ganz behutsam halte ich sie in meinen warmen Händen. Du kannst deine Hand jederzeit bewegen, sie auch heraus ziehen aus meinen Händen. Mache dir das einfach nur bewusst. Ich lade dich morgen wieder ein, deine Hand in meine Hände zu legen, ohne jeden Zwang.”

Carina spürt tief in sich die Botschaft seiner Worte: So behutsam wie er ihre Hand hält, so sicher und sanft hält er zur Zeit die ganze ängstliche Frau in seiner Obhut. Sie versteht diese Geste als eine Ermutigung, ihm zu vertrauen. Schließlich öffnet sie ihre Augen und begegnet seinem verständnisvollen Blick. “Danke”, flüstert sie, “es tut mir leid…”

“Nichts muss dir leid tun, Carina”, antwortet Ramon. “Alles ist in Ordnung, so wie es ist. Deine Zartheit, deine Angst, der scheue Blick deiner Augen – all das bist auch du – ein liebenswertes Wesen in einer herausfordernden Welt, das nach und nach die Erfahrung machen will, dass man auch Männern vertrauen kann. Ich werde dabei dein Lehrer sein, Carina.
Vertrauen… das wird eins deiner Hauptthemen sein in unserem Miteinander in der Ausbildung. Du wirst viel Zeit dafür haben. Aber jetzt ist erst einmal genug geredet! Was hältst du davon, wenn wir etwas zusammen singen?”

Mit diesen Worten setzt er sich ans Klavier und spielt das Lied    “Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud”. Gemeinsam singen sie noch einige Advents- und Weihnachtslieder, die Carina so mag, dass sie  sich nach und nach etwas entspannen kann.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

Einen frohen und schönen ersten Advent wünscht euch, liebe Gäste,
eure Miriam

42. Oma´s Segen – eine heilende Begegnung zwischen Raum und Zeit

Bei Mari:  Eine neue Freiheit – aufgewühlte Gefühle finden Frieden

Nach einer Fußmassage, die Mari von Joel gestern in einem ihrer Meisterspiele bekommen hatte, schlief sie in dieser Nacht wieder einmal sehr unruhig, wachte früh am Morgen auf und spürte ein unangenehmes Zittern in ihrem Körper. Diese Berührungen gestern an den Füßen waren nicht nur entspannend, sondern auch aufregend gewesen…

Ruhig, ganz ruhig, sprach sie begütigend zu ihren Körperzellen, alles ist in Ordnung. Alles ist okay! Wir durften das. Wir sind kein Kind mehr – wir dürfen alles fühlen, was wir fühlen möchten.
Dennoch waberten viele Gefühle und aufgeregte innere Stimmen weiterhin in ihr hin und her, was sich unangenehm in ihrem Körper bemerkbar machte.
Die Fußmassage gestern war anders als alle, die sie bisher erlebt hatte.
Sie spürte nach… Was war das Schwierige, das sie zittern ließ und so in Unruhe versetzte?
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Füße und fragte nach innen:
„Hat euch etwas weh getan?“  „Nein!“
„War etwas eklig?“  „Nein!“
„War etwas schön?“ „Ja!“

„Warum seid ihr so aufgeregt?“
„Wir dürfen das nicht!  Es fühlt sich so falsch an!“

Das waren eindeutig nicht die Füße, die da sprachen.
„Wer hat das Gefühl, das nicht zu dürfen?“ fragte Mari nach innen.
Ein kleines, zartes vierjähriges Mädchen meldete sich.
„Linchen, mein Schatz,“ begrüßte Mari ihr inneres Kind. „Das dachte ich mir, dass du es bist, die so aufgeregt ist. Komm mal her“, liebevoll nahm sie in ihrer Vorstellung ihr inneres Kind auf den Schoß. Mir kannst du jetzt alles sagen.“
„Ich hab solche Angst,“ sagte die Kleine aufgeregt zu ihrer Großen. „Das hat sich gestern so verboten angefühlt. Oma wird schimpfen – und wie sie schimpfen wird… schreien… vielleicht auch hauen…? Und… da waren einmal so komische Gefühle da an der Fußsohle, ui jui jui…“, vertraute sie ihrer Großen an.
Die nickte und meinte: „Das war neu und unbekannt, stimmt´s?“
„Ja, irgendwie so… ich weiß nicht, finde kein Wort. Auf jeden Fall glaube ich, wir dürfen das nicht.“
„Es sind also zwei Sachen, die dir zu schaffen machen,“ stellte Mari fest, und drückte die Kleine an sich. „Einmal das Gefühl, etwas Verbotenes erlebt zu haben, und zum anderen dieses fremde, unbekannte verunsichernde Körpergefühl, ja?“
„Ja!“ Erleichtert kuschelte Linchen sich in die Arme ihrer Großen, sie hatte sie verstanden, das war gut!

Was tun, spricht Zeus? fragte sich Mari und spürte in sich hinein.
Sollte, wollte sie diesen Weg ins Unbekannte, den sie mit Joel begonnen hatte, abbrechen? Wäre das nicht vernünftiger, um sich selbst vor Schmerz, Angst und Peinlichkeiten zu bewahren?
Sie lauschte nach innen. Ein deutliches Nein!
Weiter gehen? Ein klares Ja erschien auf der Bildfläche.

Plötzlich erschien ihre Oma. Die Kleine kuschelte sich tiefer in die große Mari hinein.
„Au weia, jetzt gibt´s Ärger!“
Aber nein… so sah Oma gar nicht aus.
Fließend veränderte sich die Bildfläche. Oma saß in ihrem weinroten Sessel von damals. Mari saß vor ihr auf der Fußbank – das kleine Linchen hatte sich tief in ihrem Herzen eingekuschelt.
Oma trug ihren grau-silbernen Kleiderrock mit der dunkelbunten Bluse. Ernst und liebevoll sah sie Mari an und nahm ihre Hand in ihre, streichelte mit dem Daumen kleine Kreise auf den Handrücken. Erstaunt sah Mari, dass Omas Augen feucht waren.

„Mein lieber Schatz,“ begann ihre Oma zu sprechen, „ich bin durch Raum und Zeit zu dir gekommen, um dir etwas wichtiges zu sagen…“
Aufmerksam und gespannt sah Mari ihre Oma an.
„Du weißt, dass ich dich immer lieb gehabt habe, auch wenn ich damals oft aufbrausend war und dir viel zu viele Verbote und Regeln gegeben habe?“
Mari nickte und drückte die Hand ihrer Oma zärtlich.
„Ja, Oma, ich weiß das, und ich bin dir so dankbar, dass du mich in den Jahren, in denen ich nicht bei Mutti leben konnte, bei dir aufgenommen hast. Ich weiß jetzt, wo ich erwachsen bin, wie viel Kraft dich das gekostet haben muss.“
„Ja mein Schatz, ich war oft am Rande meiner Nervenkraft und ich hatte viel Angst um dich. Aber mit dieser Angst habe ich dich fast erdrückt, das weiß ich jetzt. Du warst, obwohl du dir immer Mühe gegeben hast, ruhig und brav zu sein, dennoch ein so lebendiges Mädchen, hast Fragen gestellt, die ich nicht beantworten konnte, hast Dinge gemacht…mit deinem Körper…
Beschämt nickte Mari. Ja, sie hatte es nicht lassen können. Immer wieder mal hatte sie sich selbst auf eine Weise berührt, die wohl nicht richtig gewesen war. Dabei hatte sie diesen schönen Gefühlen, die dabei entstanden waren, selten widerstehen können. Danach kam immer das schlechte Gewissen und der Vorsatz, es nie wieder zu tun – bis zum nächsten Mal…
Und oft hatte die Oma sie dabei erwischt, geschimpft und ihr gedroht, sie würde krank werden davon und  ins Krankenhaus kommen. Schreck… Angst… Schuldgefühle… schlechtes Gewissen waren ihre Begleiter durch die Jahre ihrer Kindheit – und nicht nur deswegen, vieles gab es, was Mari Omas Meinung nach „falsch“ machte…

„Mari, du hast damals nichts Falsches gemacht, gar nichts!“ sprach plötzlich die Oma in ihre Gedanken hinein. „Ich war es, die Fehler über Fehler gemacht hat, aber nur weil ich es nicht besser wusste und dich beschützen wollte. Es ist lange schon an der Zeit, dir dies zu sagen. Heute habe ich endlich einen Weg gefunden, zu dir zu kommen und dir das sagen zu können. Bitte schau mich an, mein Schatz.“
Mari hob den Blick, den sie eben noch beschämt nach unten auf den alten Teppich von damals gerichtet hatte. Und auch das kleine Linchen schaute die Oma neugierig an. Was würde jetzt kommen? Die Oma war so anders…so besonders… Und es sah aus, als wäre ein Licht um sie herum und strahlte aus ihr heraus.
Oma drückte die Hand ihrer Enkelin ein bisschen fester.

„Mein Liebes, was ich dir jetzt sage, kommt tief aus meinem Herzen und ist sehr, sehr wichtig:
Nicht du warst es, die damals etwas falsch gemacht hat. Das war ich! Weil ich es nicht besser wusste und konnte. Aber jetzt, hier und heute sage ich dir:

Du darfst alles fühlen und zulassen, was du selbst möchtest.
Du darfst auch erotische Gefühle haben und mit anderen teilen.
Du darfst dich auch damit wohlfühlen!

Hörst du mein Schatz: Ich nehme hiermit alle Verbote zurück!!!

Ich wollte dich damit ja nur davor bewahren, den gleichen Schmerz mit Männern zu erleben, wie ich ihn als junge, unschuldige Frau zugefügt bekam. Nun, vor diesen Schmerz bist du bewahrt worden, dafür entwickelten sich aber andere, nicht wahr?“

Mari nickte traurig… „Ja, Oma, ich hatte so viele Schuldgefühle! Immer wenn ich etwas zugelassen hatte, was den Raum der „Unschuld“ verließ, fühlte ich mich schlecht. So vieles habe ich mich nicht getraut. So oft habe ich dann Beziehungen abgebrochen, weil ich die Gefühle von etwas vermeintlich Schlimmen nicht aushalten konnte.“
Ihr kamen die Tränen, weil sich so vieles in ihrem Leben so kompliziert und unmöglich anfühlte…

„Mari, mein Schatz, sieh mir bitte in die Augen.“
Mari wischte sich die Tränen ab und hob wieder ihren Blick nach oben zur Oma…

„Nochmal, weil es so wichtig ist: Ich nehme alle Verbote zurück!


Du darfst und du sollst dich lebendig fühlen und tun, was sich für dich gut und spannend anfühlt.
Wandere auf den Wegen, die sich für dich gut anfühlen.
Mach die Experimente, die dich anziehen!
Lass das Feuer, das nie tot zu kriegen war, nun in einer ganz neuen Freiheit in dir lebendig sein.
Trau dich, Neues zu entdecken – und wisse dabei:

Meinen Segen hast du!

Und wenn du wieder einmal etwas erlebst, was sich irgendwie „verboten“ anfühlt, erinnere dich an die Begegnung mit mir heute. Ich sage es nochmal:

Meinen Segen hast du!

Du bist frei, wirklich frei, das zu tun und zu fühlen, was du erleben möchtest, du bist frei, das zuzulassen was du ausprobieren und spüren möchtest, und dich dabei gut zu fühlen.

Du bist es wert, alles, wozu du ein inneres Ja fühlst, zu erleben.

Frage dich immer, was dein Körper dazu sagt, ob es angenehm oder unangenehm ist, ob er mehr davon möchte oder nicht. Wenn ein „Ja“ in deinem Körper fühlbar ist, mach was immer du möchtest. Wenn du ein „Nein“ spürst oder ein „Noch nicht“, dann achte jedoch auf dich, mein Schatz. Lass nichts zu, was sich für dich unangenehm anfühlt, weil es ein anderer will!
Für keinen Menschen der Welt ist es richtig, etwas zu tun oder geschehen zu lassen, womit du dich nicht wohl fühlst! Nur du und dein Empfinden sollen deine Richtschnur sein für das, was du tust oder zulässt. Und weil es so wichtig ist, zum dritten Mal:

Meinen Segen hast du für alles, was du selber willst!

Es gibt nichts Falsches dabei! Das weiß ich jetzt.
Mach es nicht so wie ich – mach es anders – mach es so,
wie du es in jedem Moment in deinem tiefsten Innern willst.
Da spüre hin – das lass dein Wegweiser sein. Das und nichts anderes!
Willst du das tun? Du tust es in allererster Linie für dich!
Doch auch ich und einige andere hier in meiner Welt, werden sich mit daran freuen.“

Mari nickte, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
„Ja, Oma, ja!
Ich will nur noch meinem Inneren treu sein und dem folgen, was ich fühle.
Ich danke dir so, so sehr!“

Liebevoll nickte die Oma ihrer Enkelin zu, ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus und ihre grauen Löckchen wackelten ein bisschen.
Sie erhob sich aus ihrem Sessel und breitete ihre Arme aus. Mari ließ sich hinein fallen und beide drückten sich ganz herzlich.
Voller Liebe hielt die Oma Mari zusammen mit dem kleinen Linchen, das alles aufmerksam im Herzen von Mari mitverfolgt hatte, in ihren Armen.
Lange verweilten sie in einer so innigen Umarmung, wie sie heilender und liebevoller nicht hätte sein können. Irgendwann lösten sich alle Grenzen auf, und die Energie der erlaubenden, segnenden Oma floss in Mari hinein.

Glücklich und entspannt fand sie sich zuhause in ihrem Bett wieder und fühlte eine wunderbare Ruhe in sich.

Ja, sie würde sich trauen, Neues zu erleben! Den Segen der Oma hatte sie – er würde ihr nun Kraft geben. Und wann immer sich die alten Verbote meldeten, die möglicherweise aufgrund der Jahrzehnte alten Gewohnheit, in diesen Verneinungs-Bahnen zu denken und zu fühlen, noch immer in ihren Hirnwindungen eingewoben waren, würde sie sich sagen:

Ich habe Omas Segen!
Ich will und darf Neues zulassen.
Ich bin es wert, das zu tun und zu empfinden,
was sich gut und lebendig anfühlt.
Nur mein inneres Empfinden ist mein Kompass
für mein Ja und mein Nein.
Alles darf sein!

Ich erlaube mir,
mich auch mit Neuem gut zu fühlen. 
Ich bin es wert!
Nichts, was ich fühle, ist verkehrt.
Ich entscheide das allein –
und so soll es sein!

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

38. Heftige schmerzliche Wut – und nun? (Teil 1)

Bei Joel – Mari flippt aus

Mari war empört! Was sie da aus dem Nebenzimmer hörte, empfand sie als zutiefst demütigend!
Joel hatte – kurz bevor sie mit dem Spiel beginnen wollten – noch einen für ihn wohl sehr wichtigen Anruf entgegen genommen und war dazu ins Nebenzimmer gegangen. Doch die Tür hatte sich versehentlich wieder einen Spalt geöffnet, und so hörte Mari gezwungenermaßen alles mit, was er dem Menschen am anderen Ende des Smartphones sagte:

„Hallo? Ja, gut, dass sie anrufen. Ja, es ist wirklich schwierig – auch mit den kleinsten Schritten! Ich weiß nicht mehr weiter. Es will einfach nicht so recht vorwärts gehen. „

Über wen er da wohl redet… fragte sich Marie.

„Nein, wirklich… sie schaut mich oft ganz ängstlich an und traut sich nur ganz wenig zu. Sie lässt sich auch immer noch kaum anfassen. „

Mari wurde es heiß und kalt. Das bin wohl ich… Oh NEIN! Joel redet über mich!

Weitere Satzfetzen hörte sie aus dem Nebenzimmer:
„Ach, ich hab schon alles versucht, aber sie weicht bei allem nur zurück! Ich weiß langsam echt nicht mehr weiter. Und es dauert so lange, bis es mal einen Millimeter vorwärts geht.“

Entsetzt denkt Mari: Hatte er nicht immer etwas von Zeit und Geduld erzählt? Und außerdem… er sieht gar nicht, wie viel Mühe ich mir gebe. Er weiß doch, dass jeder Schritt mich so viel Mut kostet. Sein Gerede, dass er mir keinen Druck machen will, ist also gar nicht echt! So denkt er also in Wahrheit über mich! Oh Mensch, das hätte ich ihm nicht zugetraut!

„Also was sagen sie als Spezialistin? Was kann ich machen? Soll ich sie etwas mehr locken? Oder noch ein bisschen strenger sein? Sollte es nicht endlich mal ein Stückchen weiter vorwärts gehen… ?“

Mari sank in sich zusammen auf dem Sofa… Mensch tut das weh , oh jeh, das tut so weh, dass er so über mich denkt… dass das all das Getue mit den langsamen Schritten und der Geduld und Annahme nur Fassade ist… Vorwärts gehen, Erfolge, Ergebnisse… Nur das ist ihm wichtig!

„Ja das sagen sie so, aber es gelingt mir ja nicht mal, dass sie sich hinlegt in meiner Gegenwart. Ja wirklich, kaum eine Chance , dabei gehört das doch nun zu den ersten grundlegenden Dingen, die sie befolgen müsste, oder? Und dass sie die elementaren Dinge befolgt, ist doch nötig, damit es weiter gehen kann.“

Gut dass ich die Wahrheit höre, dachte die inzwischen sehr empörte Mari, und fragte sich, mit wem er wohl da über sie sprach. So denkt er also über mich! Und mir erzählt er immer was von keine Erwartung erfüllen müssen und so weiter, nein ich lege mich auch nicht hin! Und ich werde mich ja auch nicht hinlegen! Der Zug ist abgefahren!

„Ja, wenn sie meinen, dann werde ich das mal versuchen. Ja, vielleicht fängt sie ja dann endlich an, mal mehr aus sich heraus zu gehen.“

Mari kochte vor Enttäuschung und Wut: Der wird mit mir nichts mehr versuchen!!! So ein Heuchler, so ein…

 „Ja, ok, ich danke ihnen sehr,“ sagte Joel im Nebenzimmer und beendete das unglückselige Gespräch.
Kurz darauf betrat er das Zimmer. „Tut mir leid, Marie. Aber das war wirklich wichtig. Jetzt können wir starten. Das Spiel beginnt,“ sagte er und schaute ihr freudestrahlend ins Gesicht.

„So“, antwortete sie in schneidendem Tonfall, „dann spreche ich hier also mit dem Meister ja?!“

„Oh ja“, entgegnete er ernst und schaut sie verwundert an.

Nun erhob sich Mari mit hochrotem Kopf und sagte empört zu ihm: „Das hätte ich nicht von dir gedacht! Ich habe alles gehört! Schon allein, dass du über mich so in Einzelheiten mit anderen redest, ist schon schlimm genug, wir hatten Diskretion vereinbart! Aber was du gesagt hast über mich, das hat mich zutiefst getroffen!° Du tust so, als würdest du mir alle Zeit der Welt lassen, als würdest du mir Druck nehmen wollen, und dabei denkst du ja ganz anders, du Heuchler, du… du du..   Ach, das ist einfach nicht fair!“

Verblüfft über diesen Ausbruch schaute Joel Mari an. „Mari, vergreifst du dich da nicht gerade etwas im Ton? Ich weiß nicht genau, wovon du redest, aber ganz sicher reden wir nicht in diesem Ton miteinander!“

Diese erwiderte laut: „Ich rede jetzt genauso, wie ich reden will! Endlich, endlich, endlich (!) rede ich genau so, wie ich will! Jetzt habe ich keine Angst vor dir! Ich werde das beenden hier! Ich habe dir vertraut, dass du wirklich, w i r k l i c h, tatsächlich meinst, was du sagst, aber du willst einfach nur, dass ich mich hinlege! Ohh, das ist ja die Basis für alles!“ Ihre Stimme wird immer lauter. „Du willst mich einfach nur ins Bett kriegen, und wie ich mich fühle, ist dir scheißegal!!! Gut, dass ich das wenigstens noch erfahren habe, bevor es zu mehr gekommen ist!“

Mit diesen Worten ging die tief verletzte, zornige Frau auf dem Weg zur Tür einen Schritt auf ihn zu, zitternd vor Wut, Schmerz, und Empörung. Er stand allerdings zwischen ihr und der Tür, so dass sie nicht vorbei konnte.
So schrie sie ihn ganz außer sich an: „Jetzt lass mich gefälligst vorbei! Lass mich vorbei, habe ich gesagt!“

Er blieb stehen und versuchte Ruhe in die Situation zu bringen. „Mari, ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, aber ich bitte dich, dich zu beruhigen, was redest du denn da? Wie kommst du darauf, dass ich dich einfach nur ins Bett kriegen will? Ehrlich Mari, ich weiß nicht, was los ist, aber wenn du das so sagst, fühle ich mich sehr angegriffen, nach all dem, was wir beide schon zusammen erlebt haben.“

„Du fühlst dich angegriffen?!!!“ In Mari kochte es! „Der erhabene Meister fühlt sich angegriffen?!!? Wenn sich hier einer angegriffen fühlen kann, dann ja wohl ich, und jetzt tu nicht so, als wenn du nicht wüsstest, wovon ich rede, du hast es eben selber gesagt! Für mich ist das alles hier zur Farce geworden, und das tut so irre weh! So, so schlimm ist das für mich! Alles Vertrauen, was bisher gewachsen war, was dem werten Meister ja sowieso viel zu wenig war, fühlt sich jetzt wie mit Füßen getreten an!
Ja, ich bin nicht so gut im Vertrauen, das geht alles langsam bei mir, und dir viel zu langsam! Das habe ich jetzt gehört, aber ich habe getan was ich tun konnte, mehr ging nicht! Hast du gehört?! Mehr ging einfach nicht!!! Und wenn dir das nicht genug ist, dann dann dann…“
Wieder versuchte die verzweifelte Mari an ihm vorbeizukommen… Doch Joel blieb ruhig stehen, nicht bereit, einen Zentimeter Platz zu machen.

„Mari, bitte, beruhige dich, wovon redest du denn? Ich war nur 5 Minuten aus dem Zimmer. Was ist denn passiert? Ich verstehe nicht, wovon du redest – und ja ich fühle mich gerade sehr angegriffen für etwas, dass ich sicher nicht getan habe!“ Seine Stimme blieb zwar ruhig, aber er schüttelte vehement den Kopf und seine Augen schauten sie forschend an.

Mari antwortete: „Jetzt tu doch nicht so! Du hast das alles doch eben nebenan irgendwem anders gesagt! Schon alleine, dass du über mich geredet hast finde ich furchtbar, aber in dieser Weise… nein!“

„Nebenan? Hast du mich belauscht?“ fragte er verblüfft.

Das machte sie noch wütender. „Nein habe ich nicht!! Es war nicht zu überhören, du hättest dir vielleicht Ohropax besorgen müssen und es mir vorher reichen, damit ich nicht höre, was du anderen über mich erzählst. Ich lausche nicht!!!!!!!!
Und jetzt lass mich endlich vorbei, ich halte das hier nicht mehr aus!“

„Über dich? Wie meinst du das? Über dich? Glaubst du etwa…“
Er machte eine Pause und sah Mari erstaunt an. Langsam begann er zu begreifen…
„Du glaubst doch nicht etwas, dass…“

„Lass mich endlich raus, habe ich gesagt!“

„Du glaubst, dass es bei dem Telefongespräch um dich ging?“

Mari zitterte vor Wut und Schmerz: „Na das liegt ja wohl auf der Hand! Du hättest dir wenigstens die Mühe machen müssen, die Tür richtig zu schließen, aber jetzt weiß ich, wie du über mich denkst! Und auf diese Weise geht es nicht mehr! Gar nicht! Überhaupt nichts geht mehr! Jetzt lass mich bitte endlich raus!“

Außer sich vor Zorn versuchte sie, sich an ihm vorbei zu drücken und zur Tür zu gelangen.

Joel blieb stehen und sagte ruhig und bestimmt: „Mari, jetzt hör mir mal ganz genau zu. Das am Telefon war eine Hundtrainerin, eine sehr bekannte und sehr teure Spezialistin, weshalb ich das Gespräch unbedingt führen wollte. Meine Eltern haben vor zwei Wochen einen Hund aus dem Tierheim geholt, ein wirklich armes Geschöpft, das offenbar vom Vorbesitzer massiv gequält wurde, und ich braucht dringend ein paar Tipps, um die Hündin zu beruhigen und zu ermutigen, sich aus ihrer Ecke, in der sie sich verschanzt hatte, heraus zu trauen. Es ging nicht im Ansatz um dich!“

Im ersten Moment drangen seine Worte noch gar nicht richtig zu der aufgeregten Frau durch, sie stand noch immer ganz außer sich vor ihm.

„Hörst du, Mari? Es ging um die Hündin meiner Eltern, nicht um dich! Wenn du willst, rufe ich die Hundetrainerin sofort an und gebe sie dir, damit sie es bestätigt. Es ging nicht um dich, in keiner einzigen Silbe!“

„Und du hast gesagt ich kann…“ In diesem Moment kamen seine Worte bei ihr an. „Wie jetzt, was? Hundetrainerin?“ Sie wich zwei Schritte zurück…
„Es ging mit alle dem gar nicht um mich? Du meinst, du hast nicht über mich geredet?! Oder ist das jetzt eine Ausrede?“ Kurz flammte ihr Misstrauen nochmal auf.

„Noch einmal: Bitte beruhige dich Mari. Ich hatte eine sehr bekannte Hundetrainerin am Telefon, um mir Tipps zu holen, wie ich gemeinsam mit meinen Eltern ihre total verängstigte und leidende Hündin unterstützen könnte. Ich weiß nicht, was genau du gehört hast, aber es ging nicht um dich!“

Mari ging langsam rückwärts, stieß dabei an einen Schrank, der hinter ihr stand. Voller Entsetzen über ihren ungerechten Ausbruch, der ihr nun richtig bewusst wurde, spürte sie ein unangenehmes kaltes Kribbeln durch ihre Arme und Hände fließen. Sie atmete schnell, rang nach Worten und brachte schließlich heraus: „Dann habe ich mich in allem geirrt? Dann war ich gar nicht gemeint… Oh jeh…“
Fast wäre sie über einen Hocker gestolpert, da hielt Joel sie am Arm fest, damit sie nicht gegen noch etwas stieß. Sie zuckte in einer automatischen Abwehrreaktion zurück vor Schreck. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie unmöglich sie sich verhalten hatte. Wie erstarrt stand sie und wusste nicht ein noch aus.

„Mari, ich versichere dir, dass ich mit niemanden über das, was wir beide reden oder machen, spreche. In dem Telefongespräch ging es um eine Hündin, und hatte nichts, absolut gar nichts mit dir zu tun.“
Joel atmete tief ein. „Mari, bitte glaube mir, das war ein absolutes Missverständnis!“

„Das konnte ich aber nicht wissen…“ stammelte sie, „deine Worte waren so eindeutig… Wie konnte ich wissen, dass du von einer Hündin sprachst… Ich kann dich nur um Verzeihung bitten!“

„Wie konntest du das nur glauben, Mari?“ fragte Joel nun traurig.

„Was du alles gesagt hast… Keine Fortschritte… Alles zu langsam… Legt sich nicht hin….
Jetzt kamen ihr die Tränen. „Es ist ja zum Teil auch wahr…“

„Sie legt sich nicht hin? Und du glaubst, dass ich so etwas über dich sagen würde?!“

„Ja! JA! Scheiße, ja, ich habe das in dem Moment geglaubt.“

„Puh, das tut mir leid Mari! Aber es tut mir auch weh, dass du das geglaubt hast. Wirklich, so etwas würde ich nie sagen, und ich dachte, das wüsstest du!“

„Das klang einfach so eindeutig… Bis eben hatte ich so etwas ja auch nicht von dir gedacht!“

„Und hättest du nicht mit mir reden können, bevor du so… ausrastest? Ich meine… um ein Haar wärst du hier einfach hinaus gestürmt und wir hätten das Missverständnis nicht mehr aufklären können. Du hattest dein Urteil über mich gefällt, ohne mir auch nur eine Chance gegeben zu haben, etwas zu erklären! Findest du das nicht etwas unfair? Mir nicht wenigstens eine Chance gegeben zu haben?“

Jetzt schäumte noch eine letzte Welle von hilfloser Wut in ihr auf: „Na, wenn ich das gekonnt hätte, dann hätte ich mich wohl kaum in so eine unmögliche Situation gebracht, in der ich jetzt bin! Manchmal kann ich eben nicht! Manchmal kann ich alles mögliche nicht, was richtig wäre, und was andere könnten. Ich konnte es einfach nicht, Joel! Ich bin ja gar nicht auf eine andere Idee gekommen – es war ja nicht mal der Hauch einer Frage in mir. Für mich war das einfach so klar – und es tat so irre weh, so furchtbar weh! Das kannst du dir gar nicht vorstellen!!!“

Marie stand immer noch vor dem Schrank – fassungslos und beschämt, was sie da angerichtet hatte. Ihr Kopf platzte bald vor Schmerz, und sie fühlte sich am Rande ihrer Kraft.
„Kann ich mich bitte einen Moment hinsetzen, bevor du mich nun wahrscheinlich rausschmeißt?“ brachte sie leise hervor?“

Weiter… geht es im nächsten Kapitel: –> 39 Heftige schmerzliche Wut – und nun? (Teil 2)

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge


15. Schau mir in die Augen, Kleines…

Bei Joel – Du kannst nicht versagen 

Mari und Joel, der für sie in den Zeiträumen ihrer Spiele und Rituale die Rolle des „Meisters“ angenommen hat, saßen sich gegenüber.

Seine Hände lagen entspannt mit geöffneten Handflächen nach oben auf einem kleinen Kissen.

„So Mari, jetzt legst du deine Hände in meine, und wir schauen uns für eine gewisse Zeit in die Augen.“

„Für wie lange?“

„Nicht fragen, Mari! Nur dem folgen, was ich sage.“

„Oh Entschuldigung!“ Warum nur musste sie immer wieder den gleichen Fehler machen und Fragen stellen. Sie errötete.

„Entschuldigung angenommen.
Die Übung geht so lange, bis ich sie beende.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam reichte sie ihm ihre Hände und versuchte, ihm in die Augen zu schauen. Es fiel ihr enorm schwer – so groß, so funkelnd, so machtvoll erschienen ihr seine Augen in diesem Moment.
Und es fiel ihr schwer, von diesen Augen so intensiv angeschaut zu werden.
Immer wieder musste sie den Blick senken und sich mit aller Willenskraft zwingen, ihn wieder anzuschauen.

Tränen traten ihr in die Augen und sie begann zu zittern.
Als er dies wahrnahm, beendete er die Übung und nahm sie in die Arme.
Erleichtert ließ sich Mari ein Weilchen von ihm halten.

Dann sagte sie verzweifelt: „Wenn ich schon bei einer so einfachen Anforderung versage, wie soll ich das andere, was noch vor mir liegt und sicher immer schwieriger wird, schaffen? Ich glaube, das mit unseren Vertrauens- und Macht-Spielen war ´ne Schnapsidee! Ich bringe das nicht!“

Ruhig antwortete Joel: „Erstens: Du hast nicht versagt, denn du hast mich immer wieder trotz aller Schwierigkeiten, die du hattest, angeschaut.
Zweitens: Unterschätze die Kraft und Intensität dieser Übung nicht. Es ist nicht ohne, sich wirklich darauf einzulassen, den Augenkontakt zu halten.
Und drittens ist die Annahme, dass du alles weitere nicht schaffen könntest, auch nicht wahr. Wenn wir ganz in Ruhe einen Schritt nach dem anderen tun, wird keine Anforderung so hoch sein, dass sie nicht zu bewältigen wäre. Und wenn etwas beim ersten Anlauf nicht klappt, dann gibt es einen zweiten oder dritten, vierten oder fünften Anlauf. Mach dir jetzt keine Sorgen, Mari, um etwas, das noch gar nicht dran ist.

Alles war und ist in Ordnung so wie es ist.
In Wahrheit gibt es gar nichts, was nicht in Ordnung sein könnte, denn jedes Gefühl darf gefühlt werden.

Du kannst also gar nicht versagen!

Und ich kann und werde dich immer unterstützen und wenn nötig auffangen, so lange du einfach nur da bleibst.
Und Mari… Du machst es dir und mir immer leichter, wenn du bereit bist, das auszusprechen, was in dir ist. Ich werde dich danach immer mal zwischendurch fragen.
Also: Was hast du vorhin beim Anschauen gefühlt, Mari?“

Sie dachte nach… Was war es eigentlich, was es ihr so schwer gemacht hatte, den Augenkontakt zu halten…
„Es war irgendwie unheimlich, dir so lange in die Augen zu schauen und von dir so gesehen zu werden…“
Sie stockte. Durfte sie das sagen? War er jetzt sauer?
Vorsichtig hob sie ihren Blick. Seine Augen schauten sie nach wie vor ruhig, gelassen und interessiert an und ermutigten sie, weiter zu reden.

„Ich hatte das Gefühl, du würdest mir bis in meine Seele blicken – und das war schwer für mich zuzulassen und auszuhalten. Ich fühlte mich so nackt und schutzlos. Und du weißt ja… Ich habe mit dem Nackt-sein Probleme.“

Joel nickte: „Ja, durch die Augen berühren wir unsere Seelen und sehen uns unverhüllt so, wie wir in der Tiefe unseres Wesens wirklich sind, das spürte ich auch.  Aber es wird nicht immer so bleiben, dass du es als unangenehm empfindest, von mir gesehen zu werden. Mit wachsendem Vertrauen wird es leichter werden. Noch hast du nicht genügend Vertrauen zu mir und auch zu dir selbst.
Ich sage dir: Es gibt nichts, aber auch gar nichts an deiner Seele und deinem Körper, was nicht liebenswert und schön ist. Ich möchte dich gern darin unterstützen, das glauben und fühlen zu können. Dein Vertrauen wird wachsen im Laufe der Zeit. Da bin ich ganz zuversichtlich! Deshalb sind wir ja auf diesem interessanten, und wie ich hoffe, auch für dich irgendwie guten Weg. Oder?“

„Ja,“  sie nickte.

Dankbar für seine ermutigenden, Worte drückte sie seine Hand.

Zum nächsten Kapitel: –> 16.  Zeit im Dunkeln

buch_0035  Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer Reihenfolge