76. Eine fesselnde Herausforderung

Bei Joel
Mari und Joel saßen bei Kaffee , Tee und Gebäck noch etwas gemütlich zusammen, bevor das heutige Spiel begann, in dem Joel wieder die Meisterrolle für Mari einnahm. Anschließend ging Joel in die Küche und kam mit zwei Osternestern zurück, die er auf den Tisch stellte.
„Ach die sehen ja süß aus“, meinte Mari fröhlich.
„Ich dachte mir… eine kleine Osterüberraschung“, lächelte Joel verschmitzt.
„Süße Idee!“
„Aber da ist nicht nur Schokolade drin“, meinte er.
„Oh, was gibt es denn noch in den Eiern? Vielleicht Eierlikör?“ Mari schaute versonnen zu den Osternestern.
„Nein, sie sind mit etwas umwickelt, dass ich hinzu gefügt habe“, antwortete er mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte.
„Was hast du denn hinzu gefügt?“ fragte sie, worauf er ihr erklärte: „In dem linken Körbchen sind Geschenke, und im rechten stecken Herausforderungen.“
„Wie jetzt… Wie meinst du das?“ Langsam ahnte Mari, dass die Eier nicht nur süß waren.
Ernst schaute er sie an und antwortete: „Nun, in jedem Ei des linken Körbchens ist etwas, von dem ich hoffe, dass es dir Freude bereitet, und in jedem Ei des rechten Körbchens steckt eine Herausforderung für dich – etwas, dass du tun oder erfahren kannst.“
Mari wurde unruhig. „Ach so…? heute…? Jetzt…? Hier…?
Er nickte. „Ja, beide Sorten Eier sind für hier und jetzt bestimmt. Das Spiel beginnt!“
Fragend schaute Mari ihn an. Was würde jetzt kommen?
Er trank ganz in Ruhe einen Schluck Kaffee, und sie spürte, wie das wohlbekannte Kribbeln ihrer Aufregung langsam in ihr aufstieg.
Schließlich sagte er: „Mari, du darfst dir jetzt aus jedem Körbchen ein Ei nehmen. Wähle sie jetzt aus und
lege sie vor dich hin.“
Mari betrachtete die beiden Körbchen und versuchte, irgendwelche Ahnungen zu bekommen, welches Ei jeweils für sie das Beste sei. Ob die Farben etwas darüber verraten würden…? Schließlich entschied sie sich für ein gelbes Ei aus dem Geschenke-Körbchen und für ein rosafarbenes Ei aus dem Körbchen der OstereierHerausforderungen. Rosa ist eigentlich die zarteste Farbe, dachte sie dabei, möge es also auch die sanfteste der Herausforderungen sein.
Nachdem sie ihre Wahl getroffen hatte, fragte Joel: „Welches Ei würdest du gerne als erstes öffnen?“
Diese Entscheidung fiel ihr leicht: „Das rosafarbene Ei aus dem Körbchen der Herausforderungen, dann weiß ich wenigstens, woran ich bin.“
„Ja dann…“ meinte er und schob das gelbe Ei etwas zu Seite.
„Soll ich es jetzt auswickeln?“ fragte Mari.
„Ja bitte“, nickte er und beobachtete sie.
Vorsichtig wickelte sie das rosafarbene Papier ab, mit dem das Ei umwickelt war und strich es glatt. Es erwies sich als ein Zettel, auf dem etwas geschrieben stand.
„Ich möchte, dass du den Text laut vorliest“, sagte er.
„Da die Schrift ziemlich klein war, musste sie einen Moment lang genau hinschauen. Dann erkannte sie die Schrift, schaute ihn kurz an und las:
Übung macht den Meister:  Abgabe deiner Kontrolle in einer Weise, die du so ähnlich bereits kennst.
Er schaute sie fragend an: „Und? An was denkst du?“
Von den beiden Ideen, die ihr kamen, wählte sie die für sie angenehmere Variante: „Willst du mir die Augen verbinden?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein – nicht die Augen.“
Dann wurde ihre Befürchtung also wohl wahr. „Meinst du… meine Hände?“
Er nickte: „Ja – eine echte Osterüberraschung, oder? Und wie so oft wird es um die Stärkung deines Vertrauens gehen.“
„Ach Mensch, Joel… hätte ich doch ein anderes Ei genommen!“
„Was, wenn dies das harmloseste Ei war?“
Mari runzelte die Stirn. „Äh, was hast du dir denn noch ausgedacht???“
„Das wird nicht verraten und ein Umtauschrecht gibt es ohnehin nicht“, sagte er ernst, stand auf und holte ein Seil.
Mari spürte augenblicklich, wie ihr Adrenalinpegel stieg. Dabei versucht sie sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sie Joel ja nun schon ein Weilchen kannte und ihm vertraute. Aber dieser Gedanke hatte nicht die Kraft, sie wirklich zu beruhigen.
„Setz dich bitte hierher.“ Zögernd stand sie auf und setzte sich auf den Stuhl, den er nun in die Mitte des Zimmers gestellt hatte.
„Streck deine Hände nach hinten“, sagte er sanft.
Sie atmete tief durch und tat was er verlangte. Behutsam griff er ihre Hände und zog sie leicht nach hinten.
Sie spürte dabei, wie ungeschützt sie sich fühlte in dieser Körperhaltung mit den Händen hinter der Stuhllehne und atmete möglichst tief um sich zu beruhigen.
„Es wird dir nichts passieren“, flüsterte er ihr ins Ohr. Mari hatte so mit sich zu tun, dass sie nichts antworten konnte. Sie wollte gern möglichst ohne Widerstand diese Übung schaffen, aber es fiel ihr schwer, auch wenn sie wusste, dass er ihr nichts tun würde. Ihre Emotionen und ihren Körper erreichte dieses Wissen nicht.
Joel begann, das Seil vorsichtig um ein Handgelenk zu wickeln. Es kostete sie viel Überwindung, die Hände beide hinten zu lassen, aber sie erinnerte sich an das letzte Mal, in dem er es nicht wirklich fest geknotet hatte, und sie es hätte öffnen können, wenn sie gewollt hätte. Nun wickelte er das Seil um das zweite Handgelenk. Ihr Magen fuhr Fahrstuhl, und in ihren Händen und Füßen kribbelten Ameisen, aber sie behielt die Hände hinten. Er band das Seil um beide Gelenke und zog es etwas fester. Dieser Reiz brachte sie an den Rand ihrer Nervenkraft, und sie rief: „Joel, ich habe Angst! Das fühlt sich anders an als letztes Mal!!!“

Wie es in dieser Übung weiter geht, erscheint morgen

geschrieben von Raffael und Miriam

74. Spaziergang mit peinlichen Gefühlen

Bei Mari
Mari hatte die Fenster weit geöffnet, freute sich über das schöne Frühlingswetter und auf den Besuch von Joel und das gemeinsam Spiel.
„Die Sonne macht einfach gute Laune“, meinte er, als er eintrat.
„Ja“, bestätigte sie, „wollen wir uns vielleicht erst einmal auf den Balkon setzen?“
„Ja gerne“, nickte er und folgte ihr auf den Balkon.
Mari holte Apfelschorle aus der Küche und sie stießen gemeinsam an.
„In den nächsten Tagen will ich meinen Balkon bepflanzen“, erzählte sie ihm.
„Das wird sicher total schön aussehen“, antwortete er lächelnd, trank noch etwas und sagte dann: „Das Spiel beginnt.“
Wie immer bei diesen Worten klopfte Maries Herz ein bisschen schneller.
„Ich würde heute gerne etwas scheinbar ganz Harmloses machen wollen.“
„Scheinbar?“ fragt Mari etwas vorsichtig.
„Na ja, ganz ohne Herausforderung wäre ich ja nicht hier“, schmunzelte er.
„Eben, das dachte ich mir doch, dass hinter dem Wörtchen noch etwas lauert“, meinte Mari und grinste ein bisschen verunglückt.
„Ich würde gerne mit dir spazieren gehen.“
„Aha… Ja gut.“
„Und du trägst ein Kleid dazu.“
„In Ordnung, dann gehe ich mich schnell umziehen“, sagte sie verwundert .
Bisher hatte er ihr keinerlei Vorgaben zu in ihrer Kleidung gemacht.
„Wie klingt das?“ fragt er.
„Hmm, das klingt natürlich ein bisschen fordernd, aber ist in Ordnung, ich gehe sofort und ziehe mich um.“
„Okay, ich warte“, antwortete er.
Sie verschwand im Schlafzimmer und entschied sich für ein türkisfarbenes Kleid mit kurzen Ärmeln und einer dazu passenden Jacke, die sie darüber tragen konnte.
Sie beeilte sich, um Joel nicht allzu lange warten zu lassen, und kam kurze Zeit später wieder zurück zu ihm auf den Balkon.
„Das Kleid sieht sehr sehr hübsch an dir aus, Mari.“
„Oh das freut mich, danke fürs Feedback.“
„Tja, und nun die Herausforderung…“ sagte er.
Sie wurde unruhig und wartete, was jetzt wohl kommen würde.
Er stand auf und schaute sie an. „Ich möchte, dass du ohne Slip gehst.“
„Wie… Draußen???“
Er nickte, und als er bemerkte, wie sie plötzlich rot wurde im Gesicht, meinte er: „Niemand wird es sehen. Und nur wir beide werden es wissen.“
Noch stand sie regungslos da, während es in ihrem Magen Fahrstuhl fuhr.
„Ich gehe mal ins Bad“, murmelte sie.
Dort schaute sie noch einmal in den Spiegel, ob man durch das Kleid nichts durchsehen konnte, aber nein, es war wirklich blickdicht. Nach dieser Vergewisserung zog sie den Slip aus und ging zurück zu ihm auf den Balkon.
„Und?“ fragte er, „hast du getan, was ich dir aufgetragen habe?“
Mit einem Kopfnicken beantwortete sie die Frage, und er meinte: „Gut, ich freue mich, darüber, dass du dich drauf einlassen kannst. Wollen wir gehen?“
Er bot ihr seinen Arm zum einhaken an. Diese Geste gab Mari in der für sie seltsamen Situation, in der sie sich ziemlich beklommen fühlt, ein bisschen Halt.
„Ein

aufregendes kleines Geheimnis, oder?“ fragte er, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren.
Mari, die sich in ihrer Haut nicht so wohl fühlte meinte leise: „Hmm, ziemlich aufregend…“
Er lächelte: „Ich finde die Vorstellung sehr aufregend, etwas verwegen ist es… Dabei bemerkt es niemand.“
„Das mag ja sein“, antwortete Mari, aber seltsamerweise fühlt sich das trotzdem irgendwie beunruhigend an.“
„Aber schau, Niemand merkt etwas. Wenn jemand schaut, dann wegen des schönen Kleides.“
„Ja, aber du weißt es!“
„Ja, ich weiß es“, nickte er lächelnd, „und was ist daran schlimm?“
„Weißt du, hier draußen fühle ich mich auch irgendwie komisch, als würde jeden Moment irgendetwas passieren können, und dann kommt es raus. Ich fühle mich wie auf einem Pulverfass!“
„Findest du es gar nicht auch aufregend lebendig? Gibt es nicht irgendwo in dir auch eine leise Faszination dabei?“
„Na ja, ich finde das sehr aufregend, sehr sehr aufregend!!! Nur dass das nicht ein tolles Gefühl ist, sondern mich eher etwas bedrückt.“
„Was bedrückt dich?“
„Das ist irgendwie so so peinlich… vor dir – und mit Angst davor, wenn irgendjemand was merken könnte.“
„Ich finde es einfach toll – im schönen Sinne aufregend. Aber sei beruhigt: Selbst ich, obwohl ich es weiß, kann nichts erkennen. Man sieht wirklich nichts.“
„Also auch wenn ich so stehe, dass die Sonne dahinter scheint, sieht man nichts?“
„Nein! Absolut nichts! Keine Sorge!“

Sie gingen eine kleine Runde um eine Wiese und ganz langsam beruhigten sich die aufgewühlten Gefühle in Mari etwas. Joel hatte inzwischen seinen Arm um ihre Schulter gelegt, und sie konnte es auch ein wenig genießen, mit ihm so zu gehen, obwohl sie es die ganze Zeit über sehr deutlich wahrnahm, wie anders es sich unter ihrem Kleid anfühlte als sonst. Es ist auch ganz schön, mit ihm mal spazieren zu gehen, dachte sie im Stillen.
Langsam kamen sie zurück zum Haus.
„Und? War es schön luftig?“ fragte er grinsend.
„Oh ja, ich habe die Luft sehr deutlich gespürt, ist schon ein ganz anderes Gefühl unter dem Kleid…“ antwortet sie etwas verlegen. „Hat mich schon ziemlich Überwindung gekostet. Es fühlt sich so… so… verboten und dadurch fast gefährlich an.“

Als sie in die Wohnung kamen, meinte Joel: „Lass uns noch etwas reden… Wollen wir uns dazu noch ein wenig auf den Balkon setzen? Geht das mit der Akustik, oder fühlst du dich dort unsicher wegen der Nachbarn?“
„Nein, da hört man nichts, ich würd mich auch gern mit dir noch etwas raus setzen.“
„Wie ist das mit dem verbotenen Gefühl für dich, Mari? Löst es wie bei vielen anderen auch einen gewissen Reiz aus – den Reiz des Verbotenen?“
„Das Verbotene empfinden viele als verlockend, das weiß ich“, sagte Mari nachdenklich, „für mich hat es allerdings meistens nichts angenehm Reizvolles, sondern eher ein Gefühl von Bedrohlichkeit.“
„War es so bedrohlich heute?“ fragte er aufmerksam.
„Anfangs hat es sich heftig angefühlt, hat sich dann aber mit der Zeit gelegt.“
„Das freut mich sehr. Ist ja wieder mal eine Grenze, über die du an meinem Arm gegangen bist…“
„Ja, ich glaube, das hatte auch etwas damit zu tun, dass es sich bei aller Peinlichkeit auch irgendwie gut angefühlt hat für mich, mich etwas zu trauen, was ich mich bisher nicht gewagt hätte . Insofern hatte ich ja quasi von dir als einer anderen Instanz – im Gegensatz zu meiner inneren Verbotsstimme – eine Art Erlaubnis bekommen. Aber normalerweise fühlt sich alles, was verboten ist, für mich nicht reizvoll an. Im Gegenteil, ich versuche Verbotenes, auch wenn es irgendwie reizvoll ist, zu vermeiden, so gut es geht. Das war schon als Kind so. Das führte leider auch dazu, dass ich vieles an harmlosen Aktionen nicht mitmachte, weil ich es nicht aushalten konnte, dabei und danach ein so heftig schlechtes Gewissen zu haben. Wenn die anderen ihre kleinen Abenteuer erlebten, war ich meistens nicht mit dabei – und wenn doch, konnte ich es nicht genießen, Das nahm und nimmt mir heute noch einiges an Lebendigkeit und Spontanität.“

Joel schaute sie nachdenklich an… „Wer oder was in dir ist es, das dir so vieles verbietet und dir sogar Gefahr suggeriert, wenn du einfach tust oder zulässt, was sich spannend anfühlt? Wenn das ein Wesen wäre, wie würde es aussehen?“

Was Mari auf diese Frage antwortet und in sich entdeckt, gibt es demnächst im darauf folgenden Kapitel zu lesen…



Von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge





56. Ein Ritual zum Jahreswechsel mit den vier Elementen

Mit Joel unterwegs zu einem Jahreswechsel-Vertrauensritual

Mari saß mit Joel, im Auto – unterwegs zu einem ihr unbekannten Ziel. Sie wusste nur, dass sie zum Haus eines Freundes fahren würden und er sie dort durch ein Ritual führen wollte, in dem sie 4 Wünsche stärken und 4 Ängste mit heilenden Kräften verbinden lassen konnte, um damit gut ausgerüstet auf diese besondere Weise gestärkt ins neue Jahr zu gehen. Ihr größter Wunsch und die Kraft, die alles miteinander verband – ja eigentlich das Thema ihres gemeinsamen Weges: VERTRAUEN sollte hierbei eine wesentliche Rolle spielen. Deshalb sollte sie sich auf dieser Fahrt ganz auf ihn verlassen und bekam eine Augenbinde, um das noch tiefer fühlen zu können.

Nachdem sie sich etwas an die Tatsache gewöhnt hatte, nichts sehen zu können, war sie im Auto eingeschlafen. Es war gegen Mittag, als sie am Zielort ankamen. Just als das Auto zum Stehen kam, erwachte sie, bewegte ihre etwas steif gewordenen Arme und Beine und fragte: „Sind wir angekommen?“
„Ja“, bestätigte Joel und half ihr mit den noch immer verbundenen Augen auszusteigen.
Er stellte sich hinter sie, nahm ihr vorsichtig die Maske ab und sagte fürsorglich zu ihr: „So, vielleicht lässt du die Augen erst noch zu, und öffnest sie ganz langsam, damit es dich nicht blendet.“
Sie standen vor einem schönen Landhäuschen inmitten eines großen Gartens.
Und obwohl sie die Augen langsam öffnete, spürte sie das gar nicht mal so helle Licht als starken Reiz.
„Ganz in Ruhe“, empfahl Joel, „und viel blinzeln, damit sich die Augen langsam an das Licht gewöhnen.“
„Ja, es blendet tatsächlich etwas, aber wird schon besser“, stellte sie fest.

Joel nahm das Gepäck, und sie gingen hinein. Während er sie im Haus herum führte, fragte er: „Gefällt es dir?“
„Ja, es ist schön hier“, antwortet sie beeindruckt von dem ansprechenden Stil der Einrichtung.

Ihr Magen knurrte unüberhörbar. Joel lachte und meinte: „Das war eine deutliche Botschaft! Ich gehe jetzt in die Küche und zaubere uns etwas zu essen, und du kannst dir in der Zeit den Garten anschauen.“
„Ich kann dir auch gerne in der Küche zur Hand gehen“, bot Mari an.
„Nein“, lehnte er ab, „entspann dich etwas… und während du durch den Garten gehst, möchte dir noch eine Aufgabe geben. Hast du wie besprochen vier Zettel beschrieben mit je einem Wunsch und einer Angst?“
„Ja, ich habe meine Hausaufgaben gemacht“, antwortete sie lächelnd, schon gespannt, was damit geschehen sollte.
„Du wird nachher jeden Zettel einem Element übergeben“ erklärte er ihr, „und ich möchte, dass du dich jetzt schon im Garten entscheidest, welchem Element du welchen Wunsch zuordnen magst.“

Mit dieser Aufgabe zog Mari in den Garten und sah sich dort um, während Joel zu kochen begann. Er hatte schon viel vorbereitet, so dass es nicht lange dauerte. Als alles bereit war und er auch den Tisch schön gedeckt hatte, war er zufrieden und setzte sich ruhig hin, um auf Mari zu warten und sich auch etwas zu entspannen.

Mari war erstaunt über die Größe des Gartens, den sie erkundete, während sie über die Fragestellung nachdachte, welchen Zettel sie welchem Element zuordnen wollte. Als sie ihre Entscheidungen getroffen hatte, kam sie zurück in die Küche. Er lächelte sie an und führt sie direkt an den Tisch. „Na, bereit zum Essen?“
„Ja, gerne“, freute sie sich.
Und dann tischte er auf: Es gab gebackenen Kürbis, mit Aubergine und frischen gemischten Salat.
„Guten Appetit, Mari“, wünschte er, „lass es dir schmecken!“
Anschließend räumt er ab. Sie wollte dabei helfen, doch er winkte ab und sagte: „Während ich abräume , lass du dir jetzt bitte ein Symbol einfallen, das für dich alle vier Wünsche miteinander verbindet und zeichne es auf diese weiße Blatt hier.“
Das fiel Mari nicht schwer, und eifrig machte sie sich ans Werk.
Als sie fertig war, meinte er: „So, dann wäre jetzt die Zeit für das Ritual, bist du bereit?
„Ja, okay,“ erwiderte sie aufgeregt, „ich bin bereit.“

Das Ritual besteht aus fünf Schritten, erklärte er ihr. „Schritt Eins: Du wirst jetzt einen deiner Zettel einem Natur-Element übergeben. Mit welchem Element möchtest du anfangen?“
„Mit der Erde“, antworte sie.
„Okay, gib mir deine Hand“, sagte er und stand auf. Sie legte ihre Hand in seine, und er nahm sie mit hinaus in den Garten. An einer Stelle war ein Loch gegraben, und daneben stand ein kleiner, noch nicht gepflanzter Baum. Gespannt ging sie neben ihm her.
„Ich möchte, dass du deinen ersten Wunsch hier der Erde übergibst und den kleinen Baum darauf pflanzt. Genauso wie dieser Baum wachsen und stärker werden wird und so wird es auch dein Wunsch. “
Sie nahm den roten Zettel und fragte: „Soll ich das Blatt als ganzes jetzt in dieses Loch legen oder soll ich ihn vorher ein Schnipsel zerreißen?“
Er lächelte: „Mach es so wie du es möchtest. Die Erde wird ihn sich so oder so nehmen.“
Sie ging zu dem Loch, riss den Zettel langsam in kleine Schnipsel, dachte dabei noch einmal an ihren Wunsch, für den sie sich mehr Kraft erbat und an die Angst, die sie lösen wollte. Dabei streute sie die Schnipsel in das Loch. Dann gab er ihr den Baum in die Hände. Sie stellte ihn in das Loch auf die roten Schnipsel und schob mit ihren Händen andächtig die darum liegende Erde in das Loch und klopfte sie fest. Ganz berührt war sie von dieser Tätigkeit. Noch nie in ihrem Leben hat sie selbst einen Baum gepflanzt. Joel half noch etwas mit, warf noch mehr Erde an den Rand und drückte alles noch einmal fest.
„So hat dein erster Wunsch doch eine gute Ausgangsposition“, sagte er.
„Oh danke!“ rief Mari ganz bewegt. „Das ist etwas ganz besonderes für mich!“
„Das freut mich“, lächelte Joel. „Vertraue darauf, Mari, dass die Kräfte der Erde deine Angst zu sich nehmen und sie im Schoß von Mutter Erde Trost und Mut erhält, und dein  Wunsch wird dort Energie bekommen!“ bekräftigte Joel.

„Nun, welches Element, magst du als nächstes auswählen?“
„Die Luft.“
„Okay!“ Er nahm ihre Hand und führte sie zu einem kleinen Schuppen, der etwas weiter hinten im Garten stand. Sie wartete draußen, während er hinein ging, wohl um etwas zu holen… Gespannt sah sie ihm entgegen, als er mit einer kleinen Gasflasche und einer Schnur wieder hinaus kam.
„Falte bitte deinen Wunsch und befestige das Band daran“, wies er sie an. Mari tat das,
wickelte die Schnur fest herum und verknotete sie.
Joel zog einen Luftballon heraus und füllt diesen mit Helium aus der kleinen Gasflasche.
Erstaunt und erfreut über diese wunderbare Idee, lächelte Mari. Der Luftballon erinnert sie an ihre Kindheit, und diese hatte durchaus mit der Angst und dem Wunsch zu tun, den sie für das Element Luft ausgewählt hatte.
„So, Mari, und jetzt befestigst du die Schnur mit dem Wunsch an dem Ballon.“ Er hielt den Ballon so lange sicher fest, bis ihr Wunsch daran baumelte und gab ihn ihr dann in die Hand.
„Gut, und nun kannst du deinen Wunsch und die Angst, die damit zusammenhängt, der Luft überlassen.“
Sie hielt den Luftballon mit dem Zettel noch einen Moment in ihrer Hand, ließ ihn dann fliegen und schaute ihm hinterher, wie er in den Himmel aufsteigt. „Himmlische Kräfte werden sich darum kümmern“, flüsterte sie leise.
„Wunsch Nummer zwei“, sagte Joel und schaute mit ihr noch ein Weilchen dem Ballon nach.
Es war ein schönes Gefühl für Mari, mit Joel gemeinsam dem immer höher steigenden Ballon zuzusehen.
„Vertraue darauf, Mari, dass die Kräfte der Luft deine Angst mit sich in den Himmel tragen und dass sie deinen Wunsch der Erfüllung zu tragen werden!“ sagte Joel.

Schließlich ging es weiter. „Was ist das nächste Element?“ fragte er.
„Wasser.“
„Okay!“ Wieder nahm er ihre Hand und sie gingen an den Rand des Gartens, wo ein kleiner Bach floss.
„Weißt du, wie man ein Boot aus dem Blatt faltet?“ fragte Joel.
„Oh ja“, antwortete sie, „das weiß ich! Soll ich das gleich tun?“
„Ja, bitte“, nickte er.
Geschickt faltete sie aus dem grünen Zettel ein Boot.
„Das ist dir gut gelungen, ein schönes Boot…“, meinte er, „und jetzt setze es auf das Wasser und lass es fahren. Ich halte dich an der Hand fest dabei.“
Da der Boden ziemlich uneben und ein wenig abschüssig war, fühlte es sich gut an, dass er ihr auf diese Weise Halt gab. Mit der anderen Hand setze sie ihr Boot ganz andächtig ins Wasser. Der Bach plätscherte sanft und nahm das Boot, das den Wunsch und die ihn bremsende Angst trug, ruhig mit sich.
Mari kamen ein wenig die Tränen, als sie das kleine Bötchen davon gleiten sah. Es war so ein sanftes Wegtreiben des kleinen Bootes mit dem Wunsch und der Angst an Bord… „Das ist wunderschön, sie so sacht wegfließen zu sehen“, sagte sie leise.
„Ja, vertraue darauf, dass die Kräfte des Wassers deine Angst weg schwemmen und deinem Wunsch Energie zufließen lassen, Mari!“ bekräftigte Joel.

„Fehlt noch das Feuer“, meinte er schließlich und führte sie zurück ins Haus an den brennenden Kamin im Wohnzimmer.
„Du kannst nun den vierten Zettel zusammen knüllen und ihn den Flammen übergeben.“
Mari dachte an den auf dem Blatt notierten Wunsch und die Angst, die seine Erfüllung noch ein Stück weit blockierte, und warf den Zettel schließlich ins Feuer.
Dort schien er sich fast zu entfalten, bevor er sich in den Flammen auflöste.

Gebannt beobachtete Mari dieses Schauspiel. „Es sieht so aus, als hätte das Blatt Papier ein Eigenleben und will sich noch einmal aufbäumen ehe es verbrennt“, meinte sie nachdenklich. Auf diesem Papier steht eine sehr alte Angst, die sich immer mal wieder aufbäumte und heftig bemerkbar machte bisher“, erzählte sie Joel.
Und er sagte dazu: „Vertraue darauf, Mari, dass die Kräfte des Feuers deine Angst in Licht verwandeln und deinen Wunsch stärken werden!

Die Kräfte von Feuer, Erde, Luft und Wasser sind nun deine Helfer und Verbündeten auf dem Weg zur Erfüllung

…Tja – und ein Schritt kommt noch.“Elemente

Mari schaute ihn fragend an.

„Wir werden jetzt erst einmal eine Pause machen und uns Tee und Kuchen gönnen, bevor ich dich durch den letzten Schritt dieses Rituals führe“, lächelte er, legte Mari den Arm um die Schulter und ging mit ihr in die Küche.

Der letzte Schritt des Rituals folgt 

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge