82. Was könnte dir helfen?

Bei Joel – Verständnis, Annahme, Drucklosigkeit und ganz kleine Schritte

Mari saß Joel gegenüber in einem vorne durchgeknöpften Kleid, unter dem sie entsprechend seiner Vorgabe nichts darunter trug. Wieder einmal verkörperte er die Funktion des Meisters in einem Rollenspiel, in dem es um das Thema „Scham und Peinlichkeit“ ging.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das alles gerade ist!“ sagte sie leise.
„Wie genau fühlt sich die Peinlichkeit an?“
„Bedrückend, als ein heißes Gefühl im Kopf und Flattern in der Brust, in der Herzgegend.“
„Was löst diese Peinlichkeit denn aus?“
„Dass es wahrscheinlich darum gehen wird, das Kleid zu öffnen und da ich nichts drunter habe, wär mir das echt peinlich. Ich weiß ja nicht genau, was du vorhast, aber dass es um das Thema „Peinlichkeit“ gehen soll, hattest du mir ja schon geschrieben.“
„Schau, Mari, alle Impulse, die ich gebe, sind Angebote für neue Schritte, manchmal gedankliche und manchmal reale Schritte. Aber nur du kannst entscheiden, ob es jeweils ein passender Schritt ist für dich. Ich werde dich niemals zu etwas zwingen, das weißt du.“
„In Ordnung, um welchen Schritt soll es also heute gehen?“
„Nun, wir wollen herausfinden, wo die Grenze deiner Peinlichkeit liegt, und wie wir mit ihr liebevoll umgehen können, dass sie sich eventuell sogar etwas verschieben lässt. Bist du jetzt dazu bereit?“
Mari nickte angespannt. „Ja, ich versuche es.“
„Prima! Was würdest du dazu sagen, den obersten Knopf zu öffnen?“
„Okay, kann ich machen.“
„Und? Wie ist es?“
„Das fühlt sich okay an.“
„Wie wäre der unterste Knopf?“
Überrascht schaute sie nach unten, sie hätte jetzt den zweiten Knopf von oben erwartet. „Ja, der unterste Knopf geht auch.“
„Das sind schon zwei. Wie geht es dir damit?“
„Das ist auch noch okay,  nicht peinlich.“
„Okay, wie viele Knöpfe oben könntest du öffnen, bevor es peinlich wird?“
Mari überlegte… „Noch zwei.“
„Bitte öffne diese beiden.“
Mari öffnete nun den zweiten und dritten Knopf von oben.
Joel schaute sie fragend an: „Und? Alles okay?“
Mari nickte. „Ja, es geht.“
„Geht? Hört sich etwas eingeschränkt an?“
„Na, wenn der nächste käme, würde es schwierig werden, aber bis hierher ist alles in Ordnung.“ erklärte Mari.
Er nickte. „Wie viele Knöpfe von unten könntest du öffnen?
Noch drei
Und Marie öffnete die nächsten drei Köpfe von unten.
„Und wie ist es?“
„Fühlt sich noch okay an.“
„Prima! Schau mal, was du schon geschafft hast! Kannst du dir vorstellen noch einen Knopf zu öffnen? Egal wo?“
Jetzt fing es an schwierig zu werden, aber ein unterer Knopf wäre noch möglich, ohne dass das Kleid allzu weit auseinander fiel , entschied sich Mari, und öffnete diesen Knopf.
„Du wirst mutiger.“ Wie geht es dir damit?“
Mari musste wider Erwarten lächeln. Die drei Worte du wirst mutiger fühlten sich gut an.
Sie antwortete: „Da ist einerseits eine stärkere Annäherung an die Peinlichkeitsgrenze, aber andererseits die Freude, ein bisschen Mut schon gehabt zu haben.“
„Ja, das hattest du, Mari“, bestärkte er sie. „Und… was meinst du? Geht noch ein Knopf? Oder wird es jetzt zu schwierig?“
Mari zögerte und überlegte… Einen unteren Knopf könnte sie noch öffnen, ohne dass das Kleid gleich auseinander fiel. Und sie tat es.
„Sehr mutig“, meinte er daraufhin, „wie geht es dir damit, noch einen Schritt weiter gegangen zu sein?“
„Die Fragestellung allein schon lässt ein bisschen Freude aufkommen, dass ich mich noch einen Schritt getraut habe.“
„Und? Geht noch einer?“
„Wenn ich jetzt noch einen öffnen würde, würde ich mich sehr unbehaglich fühlen.“
„Was könnte dir helfen, noch einen zu öffnen?“
„Vielleicht, dass du nicht hinschaust?“ fragend schaute Mari Joel an.
Er lächelte. „Reicht es, die Augen zu schließen?“
„Ja.“
„Okay, mach ich!“ Er nickte und schloss deutlich sichtbar die Augen.“
Und Mari öffnete noch einen Knopf von oben und einen anderen von unten. „Jetzt habe ich sogar noch zwei Knöpfe geöffnet!“ erzählte sie ihm.
Das war aber sehr mutig! Wie geht es dir damit?“ fragte  er mit geschlossenen Augen
Einerseits freue ich mich über meinen Entschluss, andererseits sieht es ziemlich komisch aus, wenn ich an mir herab schaue, und es gibt schon ein peinliches Gefühl! Dass du das nicht sehen kannst, ist natürlich wiederum sehr entlastend, aber auch nicht sicher, denn ich weiß ja nicht, wann du die Augen wieder öffnen wirst.“
„Doch, das weißt du sehr genau.“
„Du meinst damit, dass ich sicher sein kann, dass du sie so lange geschlossen hast, bis ich die letzten beiden Knöpfe wieder geschlossen habe?“ fragte Mari.
„So lange du es möchtest, dass ich sie geschlossen halte! Du könntest gefahrlos alle öffnen. Ich würde es weder wissen noch sehen.“
„Ja, und dieses Vertrauen habe ich inzwischen auch, dass ich mich darauf verlassen kann, wenn du das sagst.“
„Na, das ist doch ein toller Fortschritt!“
BLAUE_KNOEPFEEntschlossen öffnete Mari nun fast alle Knöpfe bis auf einen in dem Bewusstsein, das Joel es ja nicht sehen konnte. Dieser saß ihr direkt gegenüber und hatte weiterhin die Augen fest und deutlich geschlossen.
Nun sagte sie ihm:  „Ich verrate dir jetzt, dass ich bis auf einen Knopf inzwischen alle geöffnet habe.“
„Oh, das ist beides sehr mutig: Es zu tun und es mir zu sagen!“
Mari freute sich über die Anerkennung, und schließlich fragte Joel weiter:
„Und wie steht es mit dem letzten Knopf?“
„Na der hält alles zusammen“, überlegte Mari laut.
„Vielleicht nur kurz?“ bot er ihr an, „bevor du alles wieder zuknöpfst?“
Und Mari nickte: „Okay, mach ich!“ Sie öffnete nun auch den letzten Knopf und sprach es aus: „So, nun ist auch der letzte Knopf geöffnet.“
Joel nickte: „Ich bin beeindruckt!“
„Ich auch“, brachte Mari heraus und wurde etwas rot dabei, aber Gott sei Dank konnte er das ja nicht sehen…
„Du hast dich quasi vor meinen Augen ausgezogen. Klasse!“
Darauf gab sie zu bedenken: „Nein, du hattest ja deine Augen geschlossen. Und hast sie immer noch zu.“
„Ja, aber dennoch bin ich ja genau vor dir. Jetzt magst du sicher die Knöpfe wieder schließen.“
„Hmm, ja stimmt.“
„Tu das, ganz in Ruhe. Ich halte die Augen so lange geschlossen bis du mir sagst, dass ich sie wieder öffnen kann.“
Als nur noch der oberste Knopf offen war, sagte sie: „So, nun kannst du deine Augen wieder öffnen.“
Er wartet einen kleinen Moment, dann öffnete er die Augen.
„So, das Spiel ist vorbei. Ich danke dir für dein Vertrauen und deinen Mut, Mari.“
Mari sah ihn direkt an.
„Der war am Ende nur möglich, weil du mich gefragt hast, was mir helfen könnte, und bereit warst, mir diese Hilfe zu geben, deine Augen bei den letzten Knöpfen zu schließen.“
„Und du hast sie angenommen – und hast dich getraut! Wir haben es beide zusammen möglich gemacht!“
„Das hätte ich nie gedacht, dass ich heute mein Kleid ganz aufknöpfe!“
„Schön, dass es geklappt hat! Und das, wo dir allein die Möglichkeit vorher so zu schaffen gemacht hatte. Manchmal ist in der Situation selbst einiges möglich, was sich der Kopf vorher nie hätte vorstellen können. Komm, lass dich umarmen!“
Mari schaute kurz prüfend an sich hinunter, ob ihr Kleid jetzt richtig saß, stand auf, und er schloss sie fest in seine ausgebreiteten Arme. Mari genoss diese Umarmung. Für einen Bruchteil eines Momentes kam ihr der Gedanke in den Kopf, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn sie dabei Hautkontakt hätten, aber dieser Gedanke wurde ganz schnell wieder in den Hintergrund verbannt…

Geschrieben von Rafael und Miriam

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81. Gefühlsknoten…

Bei Joel – eine aufregende Ausgangssituation

„Liebe Mari,
wenn du heute zu mir kommst, bitte ich dich, ein Kleid zu tragen, das vorne durchgehend geknöpft ist – und nichts darunter.

Ich weiß, dass ist schon eine Herausforderung, aber für unsere weitere Reflexion über das Thema „Scham und Peinlichkeit“ wäre es sehr hilfreich.
Bis nachher dann – ich freu mich auf dich!“

Diese Nachricht kam am Vormittag, und seitdem tigerte Mari aufgeregt in ihrer Wohnung hin und her. Sie hatte zwei Kleider, die eine durchgehende Knopfleiste hatten. Nach langem Hin und Her entschied sich für ihr langes blaues Kleid. Die Tatsache, dass sie nichts darunter tragen sollte, machte ihr zu schaffen. Es war zwar schon frühlingshaft draußen, aber noch nicht allzu warm, insofern konnte sie auf jeden Fall draußen noch einen Mantel drüber ziehen. Aber was würde dann bei Joel geschehen? So aufgeregt wie heute war sie lange nicht mehr gewesen…
Joel wusste um die Intensität der Herausforderung und wartete gespannt, wie sie erscheinen und was sie sagen würde.
Die Gedanken, die sie auf dem Weg zu ihm hatte, kreisten nervös um diese Kleider-Frage. Nicht ohne Grund hatte er ja sicherlich die Vorgabe eines vorn gänzlich zu öffnenden Kleides gemacht. Und wenn es dann aufgeknöpft werden würde und sie gar nichts drunter hatte… Nein, das ginge einfach nicht! Am liebsten würde sie wieder umkehren, aber sie wollte diesem Vermeidungs-Impuls nicht folgen.

 Aufgeregt klingelte sie schließlich bei ihm. Freundlich wie immer begrüßte er sie, half ihr aus dem Mantel und lächelte als er das Kleid sah. „Ein hübsches Kleid hast du an! Das Blau steht dir gut.“
Im Wohnzimmer standen zwei Stühle einander gegenüber.
„Setz dich“, forderte er sie ruhig auf.
 Aufgeregt nahm sie Platz, und er setzte sich ihr entspannt gegenüber.
„Das Spiel beginnt.“
Sie nickte, hätte aber am liebsten wieder den Raum verlassen.
„Wie geht es dir, Mari?“ wollte er zunächst wissen.
Leise sagte sie: „So wie heute habe ich mich lange nicht gefühlt, ich würde am liebsten wieder gehen, wenn ich ehrlich bin. Deine Kleidungsvorgabe verunsichert mich sehr.“
„Verunsichert dich? Warum? Was befürchtest du?“
Mari spürte, wie eine Welle Wut in ihr hoch stieg. Als wenn er sich das nicht denken könnte… grummelte sie innerlich still vor sich hin. Und weiter dachte es in ihr: Jetzt bloß nicht pampig werden… Er muss ja nicht merken, wie mich das trifft. Aber was antworte ich darauf?
„Na die Knopfleiste wird ja nicht ohne Grund von dir gefordert worden sein!“ hörte sie sich schließlich sagen.
Er nickte. „Das stimmt. Aber du weißt auch, dass kein einziger Knopf ohne deine Zustimmung geöffnet wird – wenn überhaupt…“
„So? Weiß ich das?!“ entfuhr es ihr.
Ernsthaft blickte er sie an: „Ja. Das weißt du sehr genau!“
GefühlsknotenOh , Mari fühlte ein entsetzliches Gefühlsknäuel in sich, dass sie inzwischen kaum noch sortieren konnte.
„Du weißt, dass in unseren Sessions noch nie etwas passiert ist, was gegen deinen Willen war. Oder?“ erinnerte er sie.
„Stimmt irgendwie…“ musste sie zugeben.  Dennoch: Da war Wut in ihr, überhaupt in dieser Situation zu sein… Da war Scham… Da war Zweifel, ob sie sich im Ton vergriffen hatte… Da war Angst, dass er daraufhin sauer, genervt oder ärgerlich sein könnte… und das alles bildete einen unangenehmen Knoten in ihrem Solarlexus. Starr schaute sie aus dem Fenster.
„Bist du überhaupt bereit für eine gemeinsame Session, Mari?“ fragte er mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht deuten konnte.
„Joel, dieses Kleidungsthema hat so viel in mir ausgelöst… Beende unser Treffen bitte jetzt nicht, weil ich mich so daneben fühle.“
Er schüttelte den Kopf. „Wie kommst du auf sowas? Das habe ich absolut nicht vor! Aber ich habe das Gefühl, dass du zu blockiert bist, um dich auf eine gemeinsame Übung einlassen zu können. Und da ist es wichtig, erstmal hin zu schauen, was es ist, was sich da in dir bewegt.“ Freundlich schaute er sie an. „Was ist los, Mari?“
„Ja, es stimmt, ich fühle mich wirklich irgendwie blockiert! Da sind so viele schwierige Gefühle…“
Jetzt nachdem sie es ausgesprochen hatte, fühlte sie sich schon etwas leichter.
„Welche Gefühle sind das denn?“ fragte er, beugte sich etwas nach vorn und sah sie interessiert an.
Sie zögerte… „Sei dann aber bitte nicht sauer!“ 
„Ganz bestimmt nicht!“ versicherte er ihr.
„Okay“, sie gab sich einen Ruck, „als du vorhin gefragt hast `Was befürchtest du? Warum bist du verunsichert?´ ist Wut in mir entstanden, weil ich mir gedacht habe: `Das weißt du doch genau! Du ahnst doch sicher, dass deine Nachricht solche Gefühle in mir auslöst! Und wahrscheinlich hast du das auch bewusst getan! Und  nun stellst du dich verwundert und fragst nach, als ob das das Seltsamste von der Welt wäre!´  Gleichzeitig wollte ich aber nicht wütend sein und dir das vor allem nicht zeigen! Habe aber gespürt, dass ich es nicht ganz verbergen konnte, und dann habe ich mich geschämt, weil die Heftigkeit dafür sicher nicht angemessen war. Außerdem ist es mir peinlich, ohne irgendetwas unter meiner Kleidung zu sein.“
Joel nickte und fragte ruhig: „Was erzeugt in dir Wut, wenn ich unsere Vereinbarung umsetze?“
Verwirrt frage Mari: „Welche Vereinbarung? Was meinst du?“
„Wir haben vereinbart, dass wir uns innerhalb unserer Sessions unter anderem mit den Themen Sehnsucht, Angst,  Scham, Peinlichkeit beschäftigen – und das durchaus auch ganz praktisch. Dazu muss ich manchmal auch Situationen schaffen, die diese Gefühle auf den Plan rufen.“
Mari überlegte… schließlich erklärte sie: „Nicht über den Inhalt dieser Session war ich wütend, sondern über deine Frage, was mich verunsichert. Ich dachte, das ist doch eine rhetorische Frage, du weißt doch sicher, dass die Kleidung mich verunsichert. Außerdem ist diese Wut und die Verunsicherung einfach aufgestiegen, da hatte ich nicht das Gefühl irgendeine Entscheidung darüber treffen zu können, ob sie eine Daseinsberechtigung hat oder nicht, sie war einfach da!“
Er antwortete gelassen: „Ja, aber wir wollen doch genau dieser Verunsicherung und allen damit verbundenen Gefühlen auf den Grund gehen und sie soweit es möglich ist auflockern. Das ist doch unser Thema.“
Mari nickte: „Hast ja recht. Deshalb wollte ich ja auch nicht zeigen dass ich wütend war, weil ich es selbst nicht richtig finde.“
Freundlich schaute er Mari an. „Mari, alles, was du fühlst darf da sein. Verbergen ist nicht sinnvoll und gelingt meist auch nicht. Wenn wir offen drüber reden, können wir viel mehr erreichen. Doch um genau herauszufinden, was dich gerade bewegt, muss ich leider manchmal Fragen stellen, die dir nicht immer angenehm sind. Und manchmal frage ich noch tiefer nach, was es genau ist, was du mit einer Thematik wie jetzt die Verunsicherung verbindest, wie sie sich anfühlt, wodurch sie gerade entstanden ist, wo du sie im Körper fühlst, und so weiter. Dadurch wirst du dir selbst bewusster darüber, welche Gedanken es genau sind, die diese Gefühlsknäule in dir auslösen. Gedanken sind oft so flüchtig, passieren wie automatisch im Unbewussten, und erst wenn wir sie beobachten und untersuchen, entdecken wir, wodurch wir uns manchmal so blockiert, verunsichert oder wütend fühlen. Meist ist es so, dass unangenehme Gefühle durch Gedanken ausgelöst werden, von denen wir nicht mal im Ansatz wissen können, ob sie wahr sind. Und erst wenn wir diesen Gedanken auf die Spur kommen, und sie auf ihre Wahrheit und Nützlichkeit untersuchen, können sich die Gefühle verändern, die dadurch entstanden sind. Ich frage nicht, um dich zu nerven oder gar mich darüber zu erheben, was du fühlst, im Gegenteil, ich will erreichen, dass wir beide besser verstehen, was sich hinter deinen Gefühlen für Gedanken verbergen.“
Mari wurde rot – wie hatte sie sich wieder einmal geirrt in ihm! „Okay“, sagte sie leise.
Er beugte sich vor und nahm ihre Hand. „Mir ist klar, dass das nicht leicht ist, aber es gilt eben genau hinzuschauen.“
„In Ordnung – ich versuche es!“ antwortete sie leise.

„Prima! Also? Was bewegte sich in dir, seit du meine Nachricht erhalten hast? Was waren da für Gedanken und Gefühle?“
„Na ja… die Frage, warum ich nichts drunter ziehen und ein Kleid mit gänzlich durchgehender Knopfleiste anziehen sollte, legte für mich nahe, dass es eine mir peinliche Situationen geben wird, wenn es ums Öffnen der Knöpfe geht, und ich weiß nicht, ob und wie weit ich das tun oder zulassen kann. Und peinlich ist mir auch die Tatsache, dass unsere Session heute schon so verunglückt angefangen hat…“
„Verunglückt? Ach was! Schwierige Gefühle gehören zu dem, was wir hier tun, dazu. Das ist kein Unglück, im Gegenteil! Was sich zeigt, können wir beleuchten und klären.“ sagte er langsam. „Und was du zulassen kannst… nun, genau das gilt es herauszufinden – vielleicht nur ein Knopf, vielleicht drei, vielleicht keiner oder alle… Das ist ja gerade das Spannende, was wir beide bis jetzt noch nicht wissen. Und wie auch immer diese Herausforderung für dich sein wird, wie viele Knöpfe du öffnest oder auch nicht – es ist okay!“ 

Wie sie diese Herausforderung erleben wird, ist im folgenden Kapitel zu lesen.

Geschrieben von Rafael und Miriam

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75. Die Instanz, die so vieles verbietet…

Bei Mari

Nach einem gemeinsamen Spaziergang mit Joel, bei dem Mari wieder einmal in Kontakt kam mit ihrem Thema „inneres Verbot und Peinlichkeitsgefühle“ und dabei ihre innere Instanz spürte, die alles Ungewöhnliche als extrem bedrohlich empfindet, und deshalb versuchte, vieles, was normalerweise mit Lust und Spaß verbunden ist, zu verhindern, saßen Joel und Mari noch zusammen und sprachen darüber.
Er fragte sie: „Wer oder was in dir ist es, das dir verbietet und dir sogar Gefahr suggeriert, wenn du einfach tust oder zulässt, was sich interessant, faszinierend und spannend anfühlt? Wenn das ein Wesen wäre, wie würde es aussehen?“
Mari überlegte…
Er half ihr: „Kannst du dich nochmal in dieses Gefühl hinein versetzen, das du vorhin hattest?“
Sie dachte an die Situation und nickte.
„Wo spürst du es im Körper?“ Sie zeigte auf ihre Zwerchfellgegend.
Er nickte. „Okay, wenn du magst, leg doch mal sanft deine Hand darauf und schicke durch deine Hand Liebe in dieses Gefühl. Geht das?“
Mari legte ihre Hand auf diese Stelle und spürte, wie es in ihr ruhiger wurde und weniger vibrierte. „Es ist noch da, aber nicht mehr ganz so heftig.“
„Wenn dieses Gefühl ein Wesen wäre, ganz egal welches, ein Tier, ein Mensch eine Pflanze, oder was auch immer – was für ein Wesen wäre es? Welcher Impuls kommt dir ganz spontan?“
„Ein Kind. So sieben Jahre alt vielleicht… Aber es wirkt viel kleiner, fast so wie eine Puppe – allerdings ist ihr Gesicht hoch rot und irgendwie verzerrt.“
„Jetzt stell dir vor, du würdest es mit deinen Händen sanft aus dir heraus heben und vor dich auf den Schoß setzen. Vielleicht möchtest du die Beine hoch nehmen und sie hier auf der Couch leicht angewinkelt aufstellen, so dass es sich mit seinem Rücken an deine aufgestellten Knie anlehnen kann. Wie sieht sie aus? Wie wirkt sie jetzt auf dich?“
„Es ist ein zartes Mädchen, ein Schulmädchen mit einer Brille und einem ernsten Gesichtchen.“
„Was fühlst du, wenn du es ansiehst?“
„Oh, ich habe großes Mitgefühl, es wirkt so schmächtig und so ängstlich auf mich. Ich möchte ihr helfen, dass sie sich besser fühlt.“
„Tu, was immer dir einfällt, um ihr gut zu tun.“
„Ich nehme ihre Hände erstmal und halte sie zärtlich in meinen. Sie schaut ganz erstaunt. Dann streichle ich ihr über´s Haar, wische sanft ihre Tränen von den Wangen… und frage sie: „Kleines Mädchen, was bedrückt dich so?“
Es antwortet leise: „Dass ich nie weiß, was wirklich richtig ist, aber immer aufpassen muss, dass nichts Schlimmes geschieht. Ich bin schon so lange in dir und passe auf, dass wir nichts falsch machen, aber du tust nicht immer, was ich sage. Dann bekomme ich noch mehr Angst und versuche, stärker zu werden, lauter zu werden. Wir dürfen nicht so viel tun, was Lust und Spaß macht, sonst gibt es ganz viel Ärger, und der ist so schlimm, dass es die Zeiten der Freude und der Lust gar nicht ausgleichen können. Und die Schuldgefühle danach… die sind ja nicht zum Aushalten! Die verdunkeln alles Schöne und Bunte. Dabei habe ich so wenig Kraft und muss dennoch immer stark sein, sonst gehen wir unter im Meer des schlechten Gewissens! Weißt du noch, wie schlimm das früher immer war? So soll es nie mehr wieder sein!!!“

„Genau, mein lieber Schatz! Du sagst es: Das war früher! Aber jetzt bin ich groß. Jetzt sehe ich, dass die Werte der Großen von damals nicht meine Werte sind. Und deshalb brauchen wir keine Schuldgefühle mehr zu haben. Schau, ich bin doch inzwischen die Große, und du bist die Kleine! Ich bestimme jetzt über unser Leben, nicht mehr die Großen von damals. Und du brauchst dich jetzt nicht mehr zu sorgen. Ich hole dich jetzt aus der Sorgen-Tretmühle raus. Magst du in meine Arme kommen?“
Mit einer Geste nahm Mari das kleine unsichtbare Mädchen in ihre Arme und wiegte sie hin und her. „Alles ist gut, meine Kleine. Du bist jetzt nicht mehr zuständig für unsere Entscheidungen und Gewissensfragen. Das mache ich ab sofort selber. Du darfst dich jetzt ausruhen und einfach Kind sein. Das ist ganz wichtig, mein Schatz: Ab sofort entscheide ich allein, ich, die große Mari, was getan wird. Und ich richte mich dabei nach dem, was sich gut anfühlt, was für mich wahr ist und was meinen jetzigen Werten entspricht, nicht denen von Oma und Mutti und Papa damals. Du musst das alles nicht verstehen, aber du gibst die Entscheidung, was uns gut tut und was für uns wertvoll und lebenswert ist, ab an mich, hörst du? Ich bin die Große und du die Kleine. Ich hab dich sehr lieb und weiß, dass du bisher so gut aufgepasst hast, weil du uns vor Ärger bewahren wolltest und davor große Angst hattest, aber diesen Ärger gibt´s nicht mehr. Diese Gefahr ist schon lange vorbei. Die einzige, die sagen kann, was für uns stimmig ist und wertvoll, bin ich. Ich danke dir sehr für deine gute Absicht, aufzupassen, dass nichts Schlimmes passiert. Und nun darfst du spielen und damit aufhören, Kontrolle auszuüben, das tue ich jetzt!“

Liebevoll hielt Mari das kleine Mädchen, das bis eben noch die Rolle der Aufpasserin inne hatte, im Arm und strich ihr beruhigend über den Rücken… Schließlich sagte sie zu ihr: „Einverstanden? Du gibst mir das alles! Die ganzen Entscheidungen legst du nun in meine Hände und kannst einfach ausruhen, spielen, malen, alles was dir gut tut.“
Bei diesen Worten öffnete Mari ihre Hände wie eine Schale und stellte sich vor, wie das Mädchen ihre vermeintliche ganz große Aufgabe der Kontrolle in ihre Hände, also in die Hände der erwachsenen Mari, legte. Dann atmete sie tief und ließ das energetische Vorstellungsbild des kleinen Mädchens, das nun befreit lächelte, wieder zurück in sich hinein fließen.

„Es ist geschafft, Joel! Die Kleine in mir ist befreit von ihrer Last!“
„Wie fühlst du dich, Mari?“
„Seltsam leicht und irgendwie komisch.“
„Wie komisch?“
„So, als müsse sich in mir ganz vieles sortieren – in eine neue Ordnung kommen, die ich bestimmen kann. Ich habe mir dazu eben selbst die Macht erteilt, indem ich sie der kleine Aufpasserin abgenommen habe.“
„Wunderbar“, lächelte Joel. Dann bekräftige es nochmal, indem du einen Ich-Bin-Satz dazu machst und ihn laut vor mir als Zeugen aussprichst. Denn was in Gegenwart eines Zeugen gesagt wird, hat noch mehr Kraft.
Mari nickte, und kurz darauf sagte sie laut und voller Überzeugung:


„Ich bin die einzige und wahre Person in meinem Leben,
die entscheidet, was ich tue und lasse.
Ich erlaube mir, in Lust und Liebe zu leben,
wozu ich mich entscheide.
Ich darf das, und ich will das!“

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73. Notwendig? Hilfreich? Der Situation angemessen?

Bei Joel – Fragen zum Einordnen alter Gefühle

Zu Beginn des heutigen Spiels hatte Joel zu Mari gesagt:
„Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen.
Es geht darum jedes Gefühl wahrzunehmen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Setz dich. Du wirst jetzt gleich nichts mehr sehen können. Das kennst du ja bereits, hatten wir ja schon mehrmals gemacht.“
Sorgsam darauf achtend, dass er ihr die Haare nicht in den Knoten des Tuches einklemmte, band er ihr ein Tuch um die Augen. „Wie fühlst du dich?“
„Etwas beklommen, unsicher.“ antwortete sie.
„Fühlt sich das schlimm an?“
„Nein, nicht wirklich schlimm.“
„Was macht das Schamgefühl wegen der aufgeknöpften Bluse?“
„Ist noch da“
„Stärker oder weniger stark?“
„Stärker“
„Du merkst, mit verbundenen Augen fühlt man intensiver.
Er trat hinter sie. Maris Unbehagen verstärkte sich in diesem Moment.
Dann legt er mit einem angenehmen Druck seine warmen Hände auf ihre Oberarme. „Das tut gut.“ sagte sie leise.
„Ja, ich weiß, mit dem Berühren und Halten deiner Arme vermittele ich dir Geborgenheit und Schutz. Dadurch wird das andere weniger heftig, stimmt´s?“ Sie nickte und fühlte sich verstanden.

Als sie sich etwas entspannt hatte, trat er wieder vor sie, nahm das Tuch ab und erklärte ihr: „Keine Angst, ich binde dir jetzt die Hände zusammen, aber so locker, dass du es jederzeit lösen kannst. Halte sie mal zusammen vor deinen Körper. Auf Maris Schoß wickelte er nun ein Tuch um die Hände, so dass sie es gut sehen konnte. Und noch bevor sie in Angst geraten konnte, sagte er: „So, und nun probiere es selbst aus, ob du sie leicht auseinander bekommst, wenn du es willst.“ Und sie machte die Erfahrung, dass die Hände sich leicht aus dem Tuch heraus lösen ließen.
„Es geht nur um ein spielerisches Herantasten an das Gefühl, was dadurch ausgelöst wird. Wie fühlst du dich?“
„Etwas unbehaglich, nicht wirklich Angst, aber so ein bisschen in die Richtung.“
„Erträglich?“
„Ja.“
„Keine Angst, jetzt kommen die Füße ans Stuhlbein. Auch mit einer Bindung, die du sofort lösen könntest.“ Ganz ruhig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, band er nun auch ihre Fußgelenke an die Stuhlbeine.
„Wie fühlst du dich? Hände und Beine sind bewegungsunfähig, aber du bist nicht hilflos, denn du könntest sie lösen.“
„Ich spüre das sehr deutlich, und ein etwas stärkeres Angstgefühl entsteht.“
„Okay, Mari, dein Körper nimmt wahr, dass da was ist, was sonst nicht so ist. Aber du weißt, du könntest dich sofort aus der Situation befreien. Du fühlst zwar die momentane Bewegungsunfähigkeit der Arme und Beine, aber du bist nicht hilflos. Ist ja alles spielerisch. Ist also ein realer Grund für Angst da?“
„Nein.“
„Wie geht´s dir jetzt, wo du dir das bewusst gemacht hast?“
„Besser.“

„Jetzt das Ganze mit verbundenen Augen. Du weißt, du könntest dich jederzeit lösen.“
Er trat hinter sie und band vorsichtig, dass es nicht ziepte, ein Tuch um ihre Augen.
„Wie ist es? Wie fühlst du dich?“
Mari begann leicht zu zittern. „Ich spüre das eben noch leichte Angstgefühl jetzt intensiver, spüre auch deutlicher die Bindungen.“
„Okay, alles ist in Ordnung, Das ist deshalb, weil du nichts siehst, da fühlst du intensiver. Du spürst sicher auch meine Hände jetzt deutlich.“ Mit einem wohltuenden Druck massierte er ihr die Schultern.
„Und jetzt? Wie fühlst du dich dabei?“
„Besser.“
„Du weißt und spürst an meinen Berührungen: Hier ist nichts wirklich gefährlich. Das sind alte Angstgefühle, die im Körper gespeichert sind. Es ist in Ordnung, dass sie da sind, aber du triffst die Entscheidung, Mari. Die Frage, die sich in solchen und ähnlichen Situationen immer wieder mal stellt, lautet:

Ist das, was du fühlst, also z.B. deine Angst oder deine Scham notwendig, um dich vor einer realen Gefahr zu schützen? Hilft es dir bei dem, was gerade ist? Und ist es angemessen, also passend zu deinen Wünschen, deiner Reife, deinem Wissen und deinen Entscheidungen in der aktuellen Situation?
Kurz: Ist dieses Gefühl, was gerade da ist, JETZT notwendig, hilfreich und angemessen?“

Mari schüttelte den Kopf und sagte leise: „Nein, eigentlich nicht, es gibt keine reale Gefahr und auch nichts wirklich Falsches.“
„Okay. Willst du dich nach dem Angstgefühl richten, oder willst du dieses Experiment, das wir beide hier machen, weiter machen?“
Sie zögerte einen Moment und entschied dann: „Ich will weiter machen.“
„Was macht das Schamgefühl?“
„Hab gerade nicht mehr so dran gedacht, eben waren die angenehmen Berührungen deiner Hände auf meinen Schultern im Vordergrund.“
„Und ich wette, dass die Füße angebunden sind, hast du auch schon vergessen.“
„Ja, stimmt“, sie lachte.
„So, nun machen wir mit den Händen noch was anderes: Ich löse die Bindung, und du nimmst sie mal hinter die Stuhllehne.“
Dort band er sie wieder mit dem Tuch zusammen.
„Wie fühlt sich das an?“
„Weitaus unangenehmer.“
„Ja, vor dem Körper könntest du noch irgendwas machen mit den Händen, sie vor dich nehmen, sie höher oder tiefer halten… So bist du noch mehr fixiert.“
„Und es verstärkt auch das Schamgefühl, weil ich vorher die Arme vorn vor meiner Brust hatte und sie jetzt so ungeschützt ist.“
„Nochmal die Frage:
Sind Angst- und Schamgefühle jetzt notwendig, hilfreich und der Situation angemessen?
„Nein, ich weiß, es ist hier keine reale Gefahr, und ich mache auch nichts falsch, wofür ich mich schämen müsste. Wir sind zu zweit, und ich hab mich zu diesem Weg mit dir bewusst entschieden. Da gibt´s eigentlich nichts, wofür ich mich schämen müsste, auch wenn es sich so anfühlt. Und hilfreich sind sie wahrlich nicht.“
„Es ist alles okay, sie sind da, und es ist wichtig, dass du sie wahrnimmst, aber du musst dich nicht nach ihnen richten. Das ist der wesentliche Faktor dabei.“

Nach diesen Worten löste er alle Tücher und sagte sanft: „Damit ist es dann auch genug für heute.“
„Wie geht es dir?“
Sie knöpfte ihre Bluse zu, dehnte und bewegte sich und spürte in ihre Arme und Beine hinein. „Eigentlich ganz okay“, meinte sie erstaunt. „Besser als ich anfangs vermutet hätte. Es tat mir gut, dass du mich darin unterstützt hast, meine Gefühle wahrzunehmen, mich zu fragen, ob sie hier und heute notwendig, helfend und angemessen sind. So konnte ich dann schließlich mit ihnen weiter machen, ohne sie abzulehnen und ohne mich von ihnen beeinflussen zu lassen.“
„Wie schön“, lächelte Joel, „wir sind auf einem guten Weg…“ Er reichte ihr die Hand, zog sie von ihrem Stuhl, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: „Das Spiel ist beendet.“

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72. Ist hier und heute etwas gefährlich?

Bei Joel – Den Gefühlen eine bewusst gewählte Bedeutung geben

Mari betrat Joels Wohnung und wie immer gab es bei der Begrüßung erst einmal eine feste und innige Umarmung. „Das tut gut, Joel!“ meinte Mari, die sich heute besonders beklommen fühlte, da sie vorher von ihm eine Nachricht bekam, in der er schrieb, dass er sie zum heutigen Rollenspiel mit einen Rock und einer durchgeknöpften Bluse erwartete, unter der sie nichts drunter tragen möge. Was sollte heute geschehen?
Als sie auf seine Frage nach ihrem Befinden: „Ziemlich aufgeregt“ antwortete, lächelte er sie an und meinte: „Wie gut! Stell dir vor, du wärest gleichgültig, da ist doch Aufgeregtheit viel besser! Ist lebendig und zeigt intensives Fühlen. Gefühle sind Kräfte. Wichtig ist nur, dass wir dahin kommen, dass nicht die Gefühle uns leiten, sondern dass wir die Gefühle leiten!“

Mari nickte, ja das klang erstrebenswert. So manches Mal fühlte sie sich von ihren Gefühlen gebremst. Nachdem sie Kaffee getrunken hatten, begann er das heutige Spiel mit der Ankündigung: „Heute werden uns mal ganz bewusst mit der Vielfalt der Gefühle beschäftigen. Es geht darum, sie bewusst wahrzunehmen, auszusprechen, anzuerkennen, dass sie da sind und sie so einzuordnen, wie es gut tut . Ich werde Gefühle anregen und du sagst mir, was du fühlst. Jedes Gefühl ist wertvoll, alles darf da sein. Die angenehmen und auch die unangenehmen.

Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen, lernen und üben, sie richtig einzuordnen. Sie zeigen ja eine Art Warnung, die im Körper durch alte Vorerfahrungen gespeichert ist. Diese Warnung sollte ernst genommen werden und nicht abgewertet werden. Und dann kommt das Deuten hinzu, also ihnen eine von dir jetzt gewählte bewusste Bedeutung zu geben. Du kannst dich bei jedem Gefühl fragen:
Ist das hier und jetzt eine ähnliche schlimme oder gar gefährliche Situation wie damals?
Und wenn du dadurch, dass du dir diese Frage nach dem, was jetzt ist, in die Gegenwart kommst, und vielleicht erkennst: Hier ist nichts gefährlich oder verboten oder schlimm, kannst du dir sagen: „Heute ist es okay, was gerade geschieht, was ich tue oder was ich zulasse“ – vorausgesetzt du siehst es so. Es geht darum, jedes Gefühl wahrzunehmen, dir diese Frage zu stellen, eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst, und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“ Ich werde dazu einige Gefühle auslösen, damit du das erfahren kannst. Steh mal auf und stell dich mir gegenüber dazu.“

Beide standen auf und stellten sie gegenüber.

Joel sagte ruhig, wohl wissend, welche Gefühle er bei Mari gleich auslösen würde: „Knöpfe dir die Bluse auf, ganz langsam und bewusst.“
Sie zögerte und begann schließlich langsam mit den ersten beiden Knöpfen. Von ihm dabei so deutlich betrachtet zu werden, machte es ihr besonders schwer.
Nach einem kleinen Moment fragte er:
„Wie geht es dir dabei, was fühlst du dabei?“
Verlegen schaute sie ihn an. Es war heftig, was sich in ihr bemerkbar machte.
„Peinlichkeit? Scham?“ half er ihr weiter.
Sie nickte wortlos und wartete ab.
„Ja, ich habe das vermutet. Das ist okay. Nun die Frage: Meinst du, dass es einen aktuellen Grund gibt, dich zu schämen? Wir kennen uns nun schon länger, und du hast dich entschieden, mit mir diesen Weg zu gehen. Du bist erwachsen und darfst diese Entscheidung treffen. Gibt es jetzt und hier einen Grund, dich zu schämen? Machst du etwas Falsches?“
Mari schüttelte den Kopf.
„Es ist also ein altes Gefühl, das wie von selbst abläuft. Nimm es wahr, und mach einfach weiter, auch wenn das Schamgefühl noch da ist – Knopf für Knopf mit dem Gedanken: „Ich erlaube es mir! Ich darf das.“ Zieh die Bluse ganz aus dem Rock und mach alle Knöpfe auf.“
Es kostete Mari viel Überwindung und Joel wusste das.
„Das machst du gut, Mari“, bestärkte er sie. „Ich weiß, es fällt dir nicht leicht.“

Als sie beim vorletzten Knopf angekommen war, fragte er sie: „War der letzte Knopf genauso schlimm wie der erste?“ Sie spürte nach und schüttelte den Kopf „Nicht ganz so.“
„Gewöhnung macht ne Menge!“
Schließlich stand sie mit offener Bluse vor ihm. Erleichtert nahm sie wahr, dass die rechte und linke Seite der Bluse so über ihrem Oberkörper hing, dass nicht allzu viel von ihrer nackten Haut hervor schaute.

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Nun setz dich auf den Stuhl.

Wie dieses Spiel weiter geht, ist im nächsten Kapitel zu lesen, das übermorgen erscheint.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge



43. Du bist es wert, Mari!

Mari – sehr früh am Morgen bei sich zuhause

Wieder einmal erwachte Mari ungewöhnlich früh am Morgen und fand keinen Schlaf mehr.
Es begann langsam hell zu werden. Sie schaute nachdenklich aus dem Fenster…


Die Erlebnisse in ihrem gestrigen Spiel mit Joel, der wieder einmal die Rolle des Meisters für sie eingenommen hatte, beschäftigten sie sehr. Ihre Gedanken wanderten zurück, wie er sie in den nahe gelegenen Park geführt hatte, und die Übung darin bestanden hatte, dass sie sich von ihm mit verbundenen Augen führen lassen sollte.

Es war ihr peinlich, in der Öffentlichkeit solch eine Situation zu erleben, und als sie schließlich Kinder lachen gehört hatte , war es mit ihrer Fassung geschehen. Sie hatte sich das Tuch vom Kopf gerissen, weil sie diese Gefühle des vermeintlichen Ausgelacht-werdens nicht mehr ausgehalten hatte.

Wie erstaunt war sie, als sie sah, dass das Lachen der Kinder von einem Spielplatz stammte, der viel zu weit weg war, als dass irgendein Kind sie hätte sehen können. Und auch sonst waren an diesem abgelegenen Bereich des Parks, in den Joel sie geführt hatte, keine Spaziergänger unterwegs. Sie fühlte sich beschämt. Er hatte dafür gesorgt, dass sie in keine peinliche Situation gekommen war… Und es war ihr nicht gelungen, ihrem Meister zu vertrauen.

Selbst jetzt war er nicht sauer auf sie geworden. Er hatte ihr allerdings bewusst gemacht, dass sie die Regel gebrochen hatte, dass nur der Meister eine Übung oder das Spiel beendet und sie daher jetzt die Wahl habe, dass entweder die Sitzung an diesem Tag beendet wäre oder sie eine Strafe als Ausgleich anzunehmen hatte, um dann wieder einsteigen zu können in das Spiel mit ihm.

Sie hatte ihn um Entschuldigung gebeten und hatte erklärt, was in ihr vorging. Er hatte sich das verständnisvoll angehört, aber… er blieb dabei – nur wenn sie bereit war, ihren plötzlichen Abbruch auszugleichen, würden sie das Spiel an diesem Tag weiter führen. Sie rang mit sich und gelangte schließlich, weil sie nicht mit so einer „abgebrochenen, verunglückten“ Erfahrung nach Hause gehen wollte, zum Einverständnis mit der Sanktion. Dabei fühlte sie, wie wichtig ihr diese Erfahrungen der Meisterspiele waren – trotz aller Angst und all der anderen oft schwer auszuhaltenden Gefühle.

In ihrem warmen Bett jetzt früh am Morgen, als es fast noch dunkel war draußen, dachte sie daran zurück, wie sie dann kurze Zeit später – inzwischen wieder bei Joel zuhause – vor dem Sessel stand, in dem ihr Meister saß, und sie ihm als Ausgleich erklären sollte, was Strafe Gutes an sich hätte. Das war keine kleine Herausforderung! Ihr fiel glücklicherweise das Wort Ausgleich ein und sie sagte es in einem Satz, dass Strafen eine Balance nach einem Regelbruch herstellten. Allerdings fühlte sich das mehr wie auswendig gelernt an. Wirklich als Wahrheit konnte sie das für sich noch nicht empfinden, obwohl sie nun schon zwei Spiele mit seiner besonderen Art von Bestrafung hinter sich hatte, in denen sie das zumindest etwas hatte verinnerlichen können.

Sie durfte und sollte ehrlich sagen, wie sie sich damit fühlte. Und auch wenn es ihr schwer fiel, sie sprach von den ihren intensiven Gefühlen von Scham, Peinlichkeit und Angst und Versagen, das mit den Sanktionen einher ging. Ein langes, ehrliches und offenes Gespräch zu diesem Thema war entstanden, in dem sie auch Fragen stellen durfte. Sie wollte wissen: „Warum muss es denn eine Strafe sein, reicht es denn nicht, wenn ich mit Worten meine Einsicht zeige?“ 
Und der Meister hatte ihr erklärt, dass eine Handlung eine weitaus stärkere Wirkung hatte als Worte.  Das hatte Mari schließlich eingesehen, denn sie hatte selbst schon oft gespürt, dass Taten und Aktionen weitaus mehr in ihren Gefühlen bewirkten als Gedanken und Worte.

Schließlich hatte Joel in diesem lange währenden Gespräch Worte gefunden, die Maris Herz berührten und das bisher nur vom Verstand gespeicherte Wissen um den von ihr noch nicht wirklich erfassten guten Sinn von diesen Strafen auch in ihr Gefühl brachten:
Er erklärte ihr geduldig:
„Mari, ich wähle meine kleinen Sanktionen sehr sorgfältig und stimme sie auf dich und auf das, was dir möglich ist, ab. Ich will und werde dir mit meinen Strafen nicht weh tun! Ich will dich nicht demütigen, verängstigen oder beschämen  – im Gegenteil! Ich will dir damit etwas an die Hand geben, wodurch du dich nach deinen kleinen oder auch mal  größeren Regelbrüchen besser fühlen kannst und durch deine eigene Handlung oder Bereitschaft, etwas geschehen zu lassen, sofort lösen kannst aus Gefühlen von schlechtem Gewissen, Versagen, Schuld oder was auch immer du bisher immer mit Fehlern verbunden hast. Die Strafen sollen dazu dienen, dass du dich nach deinen ja öfter mal auftretenden unbeabsichtigten Regelbrüchen sofort, wenn sie erledigt ist, wieder richtig wohl fühlen kannst.“

Darüber dachte Mari jetzt nach. Wie geduldig hatte er ihr diesen Zusammenhang vermittelt, immer wieder hatte er es neu und anders formuliert… Sie durfte in dieser Situation Fragen stellen… Er hatte sich alle Zeit der Welt dafür genommen, dass sie dieses, ihm anscheinend so wichtige Procedere verstehen konnte und es nicht nur über sich ergehen ließ.
Er hatte sie in die Arme genommen, als ihr die Tränen kamen. Und danach weiter mit ihr darüber gesprochen – solange bis sie es wirklich fühlen konnte, dass er ihr mit seinen Ausgleichs-Sanktionen nur helfen wollte, ihre eingebrannte Angst vor Fehlern und den damit verbundenen Folgen zu verlieren. Ja, es würde Folgen geben – diese Maßnahmen eben, aber nichts Schlimmes würde geschehen und vor allem: Es würde nichts übrig bleiben. Wie hatte sie als Kind unter ihren kleinen Verfehlungen gelitten! Sie wurde beschimpft, sie wurde verantwortlich gemacht für die gestressten Gefühle der Erwachsenen, sie hatte Angst, dass ihre Oma an den Herzschmerzen sterben könnte, die sie durch ihre scheinbar so schlimmen Verfehlungen ausgelöst hatte. Sie litt tagelang unter Schuldgefühlen und Selbst-Verurteilungen, denn keine Gelegenheit zur Wiedergutmachung wurde ihr gegeben.  Und nach ihren kleinen Fehltritten sagte ihr hinterher niemand, dass alles wieder gut sei.  Wie hätte sie sich wohl entwickelt, wenn sie kleinen Ausgleichsmöglichkeiten bekommen hätte und die Zusage, dass danach alles vorbei und vergessen sei? Wie würde sie sich heute fühlen ohne  diese immens große Angst vor Fehlern…?

Sie erinnerte sich plötzlich an einen Satz, den sie mal gelesen hatte:
Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben – oder sich zu gestalten? Genau wusste sie den Wortlaut nicht mehr.

Hatte sie sich mit diesen Meister-Spielen mit jeder Übung, die dem Stärken ihres Vertrauen diente und von der Autoritätsperson des Meisters gestaltet wurde, eine Bühne geschaffen, in der sie alte Erfahrungen aus der Kindheit umschreiben konnte in einen neuen, wohltuenden Film?

Vermittelte ihr der Meister in seiner besonderen wohlwollenden Autorität Erfahrungen von liebevoller Führung, die sie als Kind nicht hatte machen können, weil ihr der Vater gefehlt hatte?

Wenn sie jetzt diese Ausgleichsmöglichkeit durch die Meisterspiele mit Joel erhielt, ob das nach und nach ihre Angst vor Fehlern und ihren Folgen vermindern könnte…?
Waren ihm deshalb diese Strafen so wichtig? 

Er hatte gestern trotz all ihrer schwierigen Gefühle nicht darauf verzichtet, aber er hatte unendlich viel Geduld gehabt, ihr die Zusammenhänge deutlich zu machen. 
Ein warmes, dankbares Gefühl stieg in ihr auf… 
Da machte sich jemand Gedanken um sie…
nahm sich so viel Zeit…
ging so geduldig auf sie ein…
War sie das wert?
„Ja“, flüsterte eine Stimme in ihr, „du bist es wert!“

Das wäre es, was der Meister jetzt von ihr hören wollen würde:

Ja! Ich bin es wert, ich darf es annehmen!

Und er würde es ihr bestätigen, da war sie sich ziemlich sicher:
Ja, Mari, du bist es wert! Du darfst es annehmen!

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

 

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Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

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32. Eine heilende Übung (2) – Verletzung und Größe

Bei Joel: Mari spricht mit ihrer Sportlehrerin in ihrer inneren Welt

Maris Körper saß mit geschlossenen Augen entspannt, sicher und gemütlich in einem bequemen Sessel, während ihr Geist sich mit Joel, der wieder die Rolle des Meisters einnahm,  auf einer inneren Reise befand…
Nachdem sie sich mit der Kraft der Natur-Elemente gestärkt hatte und dadurch immens gewachsen war, begleitete ihr Meister sie durch eine Tür, die in eine Sporthalle hinein führte.
„Ich bleibe die ganze Zeit dicht an deiner Seite, versicherte er ihr. Du bist nicht allein bei allem, was du jetzt erlebst!“ Sanft legte er eine Hand auf ihre Hände, die beim Anblick der Turnhalle zu zittern begannen, damit sie seine Präsenz auch körperlich deutlich spüren konnte.

„Mari, du bist immer noch sehr groß – gestärkt durch die Natur-Elemente so groß, dass du fast an die Turnhallendecke stößt. Alles unter dir ist ganz klein, so wie aus Lego-Steinen erbaut.“

Marie roch diesen typischen Turnhallen Geruch, der sie sofort an all die schwierigen Situationen in der Turnhalle ihrer Vergangenheit erinnerte.

„Atme tief Mari. Atme die Kraft  der Sonne, des Waldes, des Windes und des Wassers“, flüsterte Joel ihr zu.

Mari versuchte den Turnhallen-Geruch durch den Duft des Waldes zu ersetzen und spürte ein Gefühl der Stärke aufgrund ihrer magischen Größe. Ihr Kopf befand sich unterhalb der Turnhallen-Decke. Sie schaute von dort oben hinab und alles sah wie eine Spielzeug-Landschaft aus – weit weniger bedrohlich als früher…

Plötzlich sah sie sich selbst , die Sportlehrerin und die Klasse von oben, wie sie da unten herumliefen:
„Heute hier in dieser Größe bist du ganz sicher“, erklärte ihr Joel. „Alles in dieser Halle sieht wie Spielzeug aus, weil du längst darüber hinausgewachsen bist. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast, und gebe dir Schutz und Sicherheit.“
Ihr Meister war in ihrer Vorstellung noch größer als sie selbst und sie nahm in Gedanken seine Hand, die er sofort sowohl im Geist als auch real fest umschloss.

Es fiel Mari nicht leicht, bei dieser Vorstellung ihrer Größe zu bleiben – ihre Gefühle sprangen hin und her.

„Atme in deinen Bauch hinein – tief und tiefer. Hier kann dir nichts und niemand mehr etwas tun. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast. Schau, wie klein sie sind… Die Lehrerin scheint irgend etwas zu rufen, doch du kannst nichts hören, sie ist einfach zu klein.“ Ganz sanft, aber deutlich fühlbar drückte der Meister Maris Hand.

Die Sportlehrerin saß mit ihrer Trillerpfeife auf der Bank in ihrem blauen Trainingsanzug und pfiff. Das konnte Marie allerdings nur sehen und nicht hören.

„Ganz ruhig und tief atmen, Mari. Schau dir deine Lehrerin an, wie klein sie ist, wie winzig…“

„Wie sie da auf der Bank sitzt, wirkt sie richtig ein bisschen in sich zusammengesunken“, stellte Marie erstaunt fest.

Jetzt stand Frau Schmidt (Name wurde geändert aus Datenschutzgründen) von der Bank auf und reckte sich… Marie erschrak und drückte fest die Hand des Meisters.

Er drückte sie auch etwas stärker als davor, um ihr Halt und Kraft zu geben. „Komm, wir beugen uns ein bisschen zu ihr herunter“, schlug er vor. „Schau sie dir genau an. Sie kann dir nichts mehr tun, gar nichts!“

Der Schreck, den sie eben bekam, als Frau Schmidt aufstand, legte sich wieder etwas.

„Siehst du wie harmlos sie ist, du könntest sie geradezu aus der Halle pusten. Aber vorher… möchtest du ihr etwas sagen?“

„Ja, ich habe ihr etwas zu sagen,“ antwortete Mari. „Hallo Frau Schmidt, hier bin ich, Mari, und hier können Sie mir nichts tun! Und hier bin ich nicht allein, mein Meister ist bei mir… Ich habe ihnen viel zu sagen. Jetzt setzen Sie sich mal auf die Bank und hören mir zu!“

„Du siehst, wie sie erschrickt. Sie zuckt zusammen, und setzt sich zögerlich auf die Bank.“ Joel drückte wieder Maris Hand, und Mari ließ nun ihren Gefühlen freien Lauf:

„Es war so schlimm, es war so schlimm, es war so schlimm – der Sportunterricht bei ihnen in all den Jahren! Er hat mir die Freude am Sport genommen. Nein, Quatsch, er hat erst gar keine Freude aufkommen lassen! Sie haben mir jegliche Lust an Bewegung, an Neugier, an Spiel und sportlicher Gemeinschaft genommen. Sie haben mir mit ihren Beschimpfungen und mit ihrer lauten Trillerpfeife so oft furchtbar viel Schrecken verursacht! Sie haben mich beschämt und vor allen anderen lächerlich gemacht – nicht nur mich auch andere, aber mich ganz besonders, weil ich so zart und klein war… Ich habe ihre Verachtung gespürt mit ihren furchtbaren Bemerkungen. Und sie haben mir nicht nur die Lust am Sport unmöglich gemacht, sondern haben mit ihren Beschämungen meinen Körper und meine Gefühle übelst verletzt!“

„Das machst du gut Mari, lass es raus, lass raus, was du schon immer sagen wolltest“, ermutigte sie Joel.

„So sehr verletzt, so sehr gedemütigt haben sie mich immer, immer wieder… so sehr beschämt und immer wieder rauf auf´s Schlimme! Ich habe mich gefühlt wie ein Wurm, den sie zertreten wollten!“

„Frau Schmitt sieht dich zitternd und beschämt an, siehst du das Mari? Sag ihr alles, was du sagen möchtest.“

 

Mit Tränen in den Augen sprach Mari weiter: „Und was das Schlimmste ist, ich habe mir immer wieder Mühe gegeben. Ich habe mein Bestes getan, was ich tun konnte. Ich habe auch in meiner Freizeit geübt, aber es hatte gar keinen Sinn! Es war vergeblich! Sie haben mich immer wieder niedergemacht, und daraus entstand das Gefühl, ich kann mich anstrengen, soviel ich will, ich bin einfach nicht veränderungsfähig – ein Gefühl, was sich auch auf anderes übertragen hat und mich auch in anderen Zusammenhängen gebremst hatte.“

Marie sah auf die Sportlehrerin herab. Inzwischen tat sie ihr ein bisschen leid, aber es war noch nicht alles, was sie zu sagen hatte.

Ihr Meister ermunterte sie, weiter zu sprechen: „Mari, es ist wichtig, dass du alles ausdrückst, was dich belastet! Sag ihr alles, was noch in dir ist.“

„Vermutlich haben sie nicht gewusst, wie schlimm das alles ist, wie schlimm es war, und wie schlimm es immer noch ist, über so viele Jahre bis jetzt! Ich hatte dadurch so viel Scham und habe sie immer noch! Alles, was meinen Körper anbelangt, hat immer mit Peinlichkeit zu tun. Die natürlichsten Sachen fallen mir schwer, weil von ihnen so oft, wenn sie mich angesehen haben, ironische oder laute Beschimpfungen gekommen sind… Ich habe fast immer peinliche Gefühle, wenn mich jemand bei was auch immer beobachtet, weil… wenn wir Sport gemacht haben, haben wir ja nicht immer gesehen, wen sie wann beobachtet haben, und ganz plötzlich und oft unerwartet kamen dann die Verunglimpfungen. Da ist eine so riesige Angst und Scham in mir über all die Jahre in meinem Körper und in meinen Gefühlen gespeichert, dass ich mich so vieles nicht traue, es gar nicht erst wage, etwas auszuprobieren.

Und als sie mit mir Ball werfen trainiert haben, und immer wieder gebrüllt haben, dass ich so kraftlos werfe wie ihre sechsjährige Tochter, obwohl ich ja schon 13 Jahre alt war, habe ich mich so geschämt. Vor der ganzen Klasse haben sie mich da bloßgestellt!“

„Sehr gut Mari, lass es raus, lass deine Scham aus dir heraus, gib sie ihr zurück, gib ihr die Pein zurück!“ ermutigte sie Joel wieder.

„Ich sollte es schaffen, bis über die Linie zu werfen, und ich habe es nicht geschafft. Ich habe es immer wieder nicht geschafft! Und dann habe ich mir vorgestellt, hinter der Linie stehen sie, und ich könnte es mit meinem Ball erreichen, dass sie still sind, dass sie mal umkippen und endlich still sind und Ruhe geben!  Mit dieser Vorstellung ist es mir einmal gelungen, den Ball über die Linie zu befördern, aber ich will mir eigentlich gar nicht schlimme Sachen vorstellen, damit ich ein Ziel erreichen kann. Damit habe ich Gedanken gehabt, die gegen meine Werte waren – schon damals. Sie waren für mich die Schreckensperson der ganzen Schule, immer wenn ich in die Sporthalle hinein gegangen bin, stieg schon das Angstgefühl in mir auf!“ 
Erschöpft hielt sie inne.

„Aber nun hast du keine Angst mehr vor ihr, Mari! Sag es ihr.

„Heute habe ich keine Angst mehr vor ihnen, heute weiß ich, dass sie aus irgendeinem inneren Grund auch nicht anders konnten, als sie es konnten… Und ich wünsche mir, dass sie Frieden finden, denn sie müssen voller Aggressionen gewesen sein, oder vielleicht voller Schmerz. Ich weiß es nicht, es hat sicher einen Grund gegeben, und dieser Grund war nicht wirklich ich, aber ich habe es abbekommen! Und all der Not, die ich damals gespürt habe, habe ich etwas gemacht! Ich habe viel Einfühlungsvermögen für Kinder, besonders für die, die gemobbt werden, denen es schlecht geht, die Angst haben… und ich habe es mir zum Beruf gemacht, ihnen zu helfen und bin Lehrerin geworden.“

„Du bist sehr stark Mari, du willst ja keine Rache, du willst nur einen Ausgleich, indem du ihr nun all das sagst, was du nie hast sagen können – und sie muss es sich anhören.“

„Ich habe diesen Beruf gewählt und liebe ihn, weil ich auch dieses Vergeblichkeitsgefühl kenne, das manche Kinder haben:  dieses Gefühl: man kann sich noch so viel Mühe geben, und es scheint nicht zu klappen, dass man besser wird in den Leistungen, in denen man so gerne besser werden würde. Ich will besonders Kindern helfen und sie ermutigen, dieses Vergeblichkeitsgefühl aufzulösen. 
Und ich habe daraus gelernt, dass ich nicht im Sport besser werden muss, sondern dass es andere Dinge gibt, in denen ich gut sein kann!“

„Ja, Mari, du bist gut, du bist groß, du bist stark! Fühlst du es? Sag es ihr.“

„Es ist wichtig, dass sie wissen, wie schlimm das für mich und wahrscheinlich auch viele andere Schülerinnen und Schüler gewesen ist, damit diese Kette nicht fortgesetzt wird. Aber ich möchte, dass sie sich selbst auch verzeihen, und die Ursache finden, weshalb das so gekommen ist bei Ihnen. Ich bin nicht gut im Sport, aber ich habe andere Dinge, in denen ich gut bin! Eins davon ist: Ich kann vergeben. Frau Schmidt, ich vergebe ihnen, und ich bitte sie, vergeben auch sie sich selbst.“

„Deine Barmherzigkeit ihr gegenüber ist wahre Größe, Mari. Spüre die Kraft in dir!“

„Ja, diese Kraft spüre ich, Und die ist mir wertvoller als jede Sportübung!“

„Das ist eine gute Kraft Mari, eine edle Kraft! Du hast andere Übungen gemacht, und sie haben dir eine andere wertvollere Größe und Stärke verliehen.“

Geschrieben von Rafael und Miriam 

Weiter geht´s im nächsten Kapitel: –> 33. Eine heilende Übung (3) – Vergebung und Ausgleich

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