109. Anders als erwartet (Frank + Maria)

Erstes privates Treffen bei Maria zuhause

Vor sechs Wochen hatte Frank Maria in ihrer Praxis kennen gelernt. Anschließend kamen sie privat ins Gespräch und hatten beschlossen, sich weiterhin zu sehen. Heute war es nun soweit: Maria und Frank trafen sich, um eine erste Erfahrung damit zu machen, wie sie sich miteinander fühlen, auf ganz privater Ebene – im Vorzeichen der sanften Dominanz mit dem Thema „Führen und Sich-Führen-Lassen“.

Maria konnte kaum glauben, dass sie nach seiner Sitzung persönlich mit ihm gesprochen hatte und ihm etwas von ihren geheimsten Bedürfnissen angedeutet hatte, die zu seinen Dominanz-Bedürfnissen, die er innerhalb der Sitzung geäußert hatte, passten.

Nun stand er lächelnd in der Tür, und nachdem diese geschlossen war, nahm er sie zur Begrüßung ganz selbstverständlich in die Arme und fragte dann: „Na – wie geht’s?“
„Ach, ganz gut“, antwortete sie zurückhaltend und bat ihn einzutreten. Die kurze Umarmung hatte sich gut angefühlt, stellte sie etwas erstaunt fest. So natürlich… ohne die Distanz, die sie innerhalb der angedachten Rollen erwartet hatte.

Sie plauderten eine kurze Zeit lang über dies und jenes… Schließlich schnitt Frank das Thema direkt an:
„Du hattest mir ja erzählt, dass es in dir eine Faszination zum Thema „Dominanz“ gibt, und wir haben uns ja schon etwas darüber ausgetauscht. Schön! Heute dachte ich, wir tasten uns erst einmal langsam an unsere Körper heran, spüren, wie es sich anfühlt, uns zu berühren und berührt zu werden, unsere Haut wahrzunehmen…“

Sofort begann die Nervosität sich in Maria zu verstärken: „Da beginnen schon die ersten Hürden, Frank. Ich hoffe, ich bekomme das hin. Uns voreinander auszuziehen und nackt zu sein ist bei mir mit einem starken Scham- und Peinlichkeitsgefühl verbunden.

Frank nickte, fast als hätte er diese Worte erwartet, und antwortete gelassen: „Es ist ja auch etwas ungewöhnlich, sich in der Gegenwart eines Menschen, den man noch kaum kennt, auszuziehen und zu zeigen. Das würde vielen so gehen. Darüber hab ich mir auch schon Gedanken gemacht… Und ich habe eine Idee, wie wir es uns heute leichter machen können.“

Dankbar nahm Maria wahr, dass er „wir“ gesagt hatte. Auch wenn er – wie sie stark vermutete – diese Barrieren nicht hatte, ging er mit dem „Wir“ auf eine solidarische Ebene mit ihr und verringerte damit den Abstand, den sie bis eben noch empfunden hatte.
Sie dachte an ihr Bedürfnis nach Führung durch ein starkes Gegenüber, nach Körpernähe und der Sehnsucht, ihr starkes Verantwortungsgefühl mal für eine begrenzte Zeit in die Hände eines anderen zu legen – und gleichzeitig schämte sie sich dafür, dass es so war.

Plötzlich nahm sie wahr, wie er über Scham sprach… Was hatte er davor gesagt? Ihre Gedanken waren abgedriftet. Das Wort Scham holte ihre Aufmerksamkeit ruckartig wieder zurück.

„…Scham und Peinlichkeit sind für das erotische Miteinander gar nichts Schlechtes, es sind wertvolle Gefühle. Ohne Scham würden wir sofort nackt hier sitzen, und es gäbe kein Kribbeln und Knistern, wie es jetzt da ist, oder?“ Zwinkernd sah er sie an.

„Na ja“, gab sie zu, „es erhöht die Spannung schon sehr, ist aber eigentlich ein recht unangenehmes Gefühl.“

„Ja, am Anfang… in dem Moment, in dem wir es fühlen, durchaus, aber es verändert sich ja hoffentlich. Wenn die ersten Hürden genommen sind, fällt die Spannung ab, und die Entspannung kann dann umso intensiver wahrgenommen und genossen werden. Kontraproduktiv wäre es nur, wenn die Scham nicht verschwinden, sondern sich fortwährend nur steigern würde, ohne sich mit anderen Gefühlen wie Neugier, Lebendigkeit und Lust zu mischen. Dann sollten wir darüber nachdenken, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Und um das auszuprobieren, haben wir uns ja heute getroffen.“ Ruhig schaute er sie an.

Jetzt will er sicher gleich, dass ich mich ausziehe, dachte Maria, bekam einen heißen Kopf und hätte am liebsten sofort den Raum verlassen.

„Du hast doch bestimmt einige Tücher, oder?“ hörte sie ihn fragen.
„Tücher…? Ja, natürlich,“ antwortete sie verwundert.
„Dann hol uns doch bitte vier unterschiedliche Tücher.“
Schnell stand sie auf, um das Gewünschte zu besorgen und legte sie dann auf die Couch, auf der sie saßen. Interessiert schaute er sie an und breitete sie fächerartig aus.
„Ich dachte, wir verbinden uns gegenseitig die Augen und spüren einfach mal, wie es sich anfühlt, uns zu berühren, ohne uns dabei zu sehen – ähnlich wie Blinde“, erklärte er. „Wenn man nichts sieht, ist es anders als sonst. Und selbst wenn wir uns ganz ausziehen würden, wäre es nicht wie ein echtes Nackt-sein, weil wir uns ja nicht sehen können.“
Maria nickte abwartend.
„Du darfst dir aussuchen, mit welchen Tüchern wir uns gegenseitig die Augen verbinden. Fang du an und binde mir ein Tuch über die Augen. Dann gibst du mir eins in die Hand, und ich tue das gleiche dann mit dir. Erst wenn wir beide nicht sehen können, beginnen wir.“

Sie setzten sich einander gegenüber auf der breiten Couch. Zu Marias Erleichterung begannen sie, zunächst noch mit Kleidung ihre Körper zu ertasten. Es war wie ein Spiel. Auf Franks Frage, wie Maria sich damit fühlte, antwortete sie, dass es ihr gut ging. Dann erst kam der nächste Schritt: „Jetzt werden wir uns etwas ausziehen, damit wir mehr Haut spüren können.“
Erst zog er sein T-Shirt aus, und sie spürte seinen nackten Oberkörper unter ihren behutsamen Berührungen, dann zog sie ihre Bluse aus, ihr dünnes Top darunter behielt sie allerdings an.
„Ich habe mein Top anbehalten,“ erklärte sie ihm, da er es ja nicht sehen konnte.
„Völlig okay, das ist gar nicht so wichtig“ antwortete er gelassen. Schließlich zogen beide nach und nach auch Hose und Rock aus. Weiter ging die Reise mit den Händen auf der Haut.

Zu ihrem eigenen Erstaunen, merkte Maria, wie angenehm sich die behutsamen und sicheren streichelnden, mal sanften und mal etwas stärkeren Berührungen von Frank anfühlten, senkte ihren Kopf etwas, dass er auch ihr Haar berühren konnte. Hmm, das fühlte sich gut an. Er schien zu spüren, dass sie es auf dem Kopf besonders schön fand, denn er verweilte etwas länger dort.
Sie saßen sich im Schneidersitz gegenüber. Als ihr die Beine einschliefen, schlug er vor, dass Maria sie links und rechts neben seinem Körper auszustrecken könnte, und beide rutschten etwas näher zueinander. Weiter ging die Reise mit den Händen auf dem Körper des Gegenübers. Nur wenn er an ihre Brust kam, zuckte sie heftig und neigte sich etwas zur Seite.weiß-und-schwarz Er berührte sie dann wieder an anderen Stellen und nahm sie bald darauf in seine Arme. Wie schön war das denn… dachte sie erstaunt und nahm dankbar ein wohliges Gefühl von Geborgenheit in sich wahr, das dieses Gehalten-sein in seinen Armen auslöste. Nach einem Weilchen ging die gegenseitige Erkundung mit den Händen weiter. Immer wieder mal zwischendurch vergewisserte er sich, wie es ihr ging. Und immer wieder einmal hielt er sie fest in seinen Armen und gab ihr damit Halt und Sicherheit, besonders dann, wenn er spürte, wie ihr Körper etwas zurück wich, wenn er sie sehr zart und dadurch erregend am unteren Rücken und an ihren Brüsten berührte.

Erleichtert nahm sie wahr, dass er auf ihre Körpersprache einging und ihre nonverbal geäußerten Grenzen respektierte, indem er seinen Händen, wenn sie sich zurück zog, eine andere Richtung gab. Allerdings kehrte er wiederholt kurz an diese Stellen zurück, wie um auszuprobieren, ob sie immer noch zurück zuckte.

Die Umarmungen waren sehr wohltuende Momente, die er mehrmals wiederholte. Als sie das erste Mal ihren Kopf neben seinen Hals auf seiner Schulter ablegte, spürte sie ein wohliges, erleichtertes Gefühl… als würde sie alles, was schwer war in ihrem Kopf, für ein kleines erlösendes Weilchen mal ablegen können.

Als sie schließlich begann, sich zunehmend wohl zu fühlen, fuhr er vorsichtig mit seinen Händen unter das Top auf die nackte Haut ihres Rückens und Bauches. Sie spürte sehr bewusst hin… und schon fragte er leise: „Wie geht es dir?“
„Gut“, hörte sie sich leise flüstern und ließ es geschehen, dass er ihr Top nach oben abstreifte.
Das geschah so langsam, dass sie ihn jederzeit hätte stoppen können, mit einem Nein oder mit einer kleinen Geste. Diese Möglichkeit zu haben, gab ihr Sicherheit und damit die innere Freiheit, die es ihr möglich machte, es zuzulassen.
„Hast du dein Tuch noch um die Augen?“ vergewisserte sie sich.
„Ja, die ganze Zeit über“, antwortete er leise. „Ich sehe genau so wenig wie du. Aber ich finde, du fühlst dich toll an. Es macht mir viel Freude, deine Haut zu berühren, Maria.“
„Ich finde auch, es fühlt sich gut an, dich zu berühren.“ gab sie leise zurück.
„Und wie ist es für dich, meine Hände auf deiner Haut zu fühlen?“
Fühlt sich auch angenehm an,“ antwortete sie.

Noch einmal zog Frank sie an sich zu einer Umarmung, in der beide ein Weilchen nun mit nacktem Oberkörper verweilten und sich am Rücken streichelten. Ab und zu zuckte Maria, wenn er gar zu zart an ihrem unteren Rücken entlang fuhr – und jedes verlegene Zucken kommentierte er mit einem leise geflüstertem „Ja“ oder „Hmhmmm“ oder „schön“.

Schließlich beendete er ihre erste gemeinsame Körpererfahrung. Nachdem beide sich wieder angezogen hatten, sich erst dann die Tücher von den Augen nahmen und sich gegenüber saßen, fragte er: „Na Maria, wie geht es dir jetzt?“
„Gut geht es mir,“ antwortete sie lächelnd. „Das war ein schönes Erlebnis!“
„Und wir haben uns fast ganz nackt gegenüber gesessen und uns so auch umarmt. Hättest du dir das gestern oder vorhin, als ich kam, vorstellen können?“
„Nein!“ antwortete sie leise.
„Siehst du, Maria, so wird auch künftig manches auf eine Weise möglich werden, die du dir vorher gar nicht vorstellen kannst. Und das meiste wird immer anders werden, als du vorher denkst. Vielleicht magst du dich an unsere heutige Erfahrung erinnern, wenn vor einem unserer kommenden Sessions mal wieder unbehagliche, unsichere oder gar ängstliche Gedanken in dir aufsteigen. Es wird alles Schritt für Schritt gehen…“
„Danke, Frank. Das fühlt sich gut an. Wie geht es dir eigentlich?“
„Gut geht es mir!“ antwortete er lächelnd und nahm ihre Hand. „Ich führe ja gern und gestalte das, was wir tun. Ich fand es toll, wie du dich von mir hast führen lassen. Und ich freue mich, dass es dir gut ging damit. Das habe ich mir gewünscht. So und nun verabschiede ich mich für heute. Wenn dir danach ist, kannst du mir jederzeit schreiben oder mich anrufen. Lass jetzt erst mal alles sacken. In deinem Inneren wird ganz von allein ein Verarbeitungsprozess statt finden. Wir schreiben nochmal darüber oder telefonieren, bevor wir uns das nächste Mal sehen…“

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist buch_0035.gif.


Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Maria und Frank in chronologischer Reihenfolge 

104. Alles gehört dazu (Frank + Maria)

 Chat zwischen Maria und Frank am Folgetag, nachdem sie ein spontanes  Gespräch über ihre persönlichen Bedürfnisse geführt hatten und beschlossen hatten, sich weiterhin privat zu treffen 

Hallo Maria, hier ist Frank . Wir waren ja beim Du. Ich wollte mich noch bedanken für deine Offenheit, die du mir gestern geschenkt hast. Das fand ich toll.

Guten Morgen, Frank, schön von dir zu lesen. Ja, hat mich ehrlich gesagt auch ziemlich viel Mut und Überwindung gekostet

Dass manches Mut und Überwindung kostet, kenne ich von mir auch, aber danach ist es meist ein gutes Gefühl, oder?

Manchmal ja, Kommt auf das Thema und die Situation an. Wie ging es dir denn mit dem Gespräch gestern, das wir davor zu deiner Thematik hatten?

Sehr gut! Deine Art der Gesprächsführung und die Fragen, die du mir gestellt hast, haben mir gut getan und durch das Aussprechen meiner Gefühle ist mir manches klarer geworden.

Das freut mich sehr! Es ging mir umgekehrt mit dir so ähnlich, als wir von der therapeutischen Ebene auf die persönliche umgestiegen sind. Deine Art und Weise hat es mir leichter gemacht, über meine ja doch sehr persönlichen Dinge  mit dir zu reden.

Und ich fand es richtig gut, dass du mit mir anschließend noch auf so einer persönlichen Ebene  gesprochen hast und mir dieses Bedürfnis von dir anvertraut hast, was ja zu meinem passen würde.

Du Frank… Das fühlt sich noch so komisch an… Habe ich es richtig verstanden, dass du vorgeschlagen hast, dass wir beide uns beim nächsten Mal dann im privaten Kontext treffen wollen, meintest du das so?

Ja, das würde ich mir wünschen, völlig unabhängig von deiner beruflichen Rolle.

Ich wollte nur noch mal sicher gehen, ob ich das wirklich richtig verstanden habe und das nicht irgendein seltsames Missverständnis war. Weißt du, da gibt’s was in mir, das kann es noch eigentlich gar nicht glauben, dass ich gerade mit einem Mann darüber schreibe und gestern geredet habe, und dass daraus möglicherweise sogar etwas Reales werden könnte…

Lass es einfach erst einmal sacken, und wenn du dann bereit bist und dich mit dem Gedanken anfreunden kannst, es real an zu testen… das wäre der zweite Schritt. Das ist doch eine interessante Tür, die sich jetzt für uns beide geöffnet hat – egal wie weit sie sich öffnen wird und wohin sie auch führen mag…  Ich denke, der Austausch von Gedanken, Zielen, Wünschen und Richtungen ist nun wichtig.
Bist du denn in deine devote Seite schon mal zusammen mit einem anderen Menschen eingetaucht?

Nein, und es fällt mir auch ziemlich schwer, darüber überhaupt zu reden, deshalb gab es bisher dafür auch kein Gegenüber.

Dann ist wahrscheinlich das Schreiben zunächst leichter.

Ja, das kann sein

Ich denke du solltest, wenn du mal Zeit hast, dir in Ruhe überlegen, was dich interessiert. Welche Ideen du hast… reizvolle Vorstellungen und Dinge, die du vielleicht mal probieren möchtest. „Es ist ne Menge möglich, aber es wird keinen Druck geben!“ steht immer im Vordergrund. Erstmal ist der Austausch zwischen uns wichtig, um eine Linie zu entdecken.

Weißt du, so viele konkrete Ideen und Gedanken habe ich darüber nicht. Was mich vor allem an dem Thema fasziniert, ist die Möglichkeit, für ne begrenzte Zeit Verantwortung mal abgeben zu können, und dass ein anderer Mensch eine Art Führung übernimmt. Das verbal und auch körperlich zu spüren, ist irgendwie eine Sehnsucht von mir.

Kann ich nachvollziehen. Ich glaube diese Bereitschaft kann durch Schreiben auch vertieft werden, weil wir ja da auch Gedanken austauschen und spüren, wie wir so miteinander reden könnten. Gibt es Fantasien in dir dazu?

Nur ein paar wenige…

Das ist doch ein Anfang

Fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Das fühlt sich alles irgendwie so an, als sollte ich so etwas gar nicht denken und mir vorstellen. Ich trage so viele Scham- und Peinlichkeitsgefühle in mir.

…Auch wertvolle Emotionen. Diese genau zu fühlen… das gehört dazu. Ist doch interessant, das Gefühl im Körper wahrzunehmen, es setzt ein Zeichen, da wo´s lang gehen soll, auch wenn es sich nicht immer leicht anfühlt. Es macht uns aber lebendig.

Manchmal wäre ich diese blockierenden Schamgefühle gern los. Sie stehen im Weg, wenn ich mich ja tatsächlich austauschen möchte.

Nein, nicht dagegen kämpfen, Maria. Alles was du und ich an Emotionen empfinden, gehört dazu.

alles_gehoert_dazu.
 

Das finde ich wirklich eine ganz tolle Basis, denn so denke ich normalerweise auch. Nur in diesem Bereich fällt es mir bei mir selber schwer. Es tut richtig gut, wenn mir das mal von außen bestätigt wird – so ganz persönlich für mich und meine Gefühle, die ich als nicht so leicht empfinde. Schön, dass du nicht genervt bist.

Nein, überhaupt nicht! Du kannst sicher sein, ich achte all deine Gefühle. Ist doch ein Vertrauensgeschenk, wenn du mir davon erzählst. Bin davon in keinster Weise genervt!
Und: Wir machen nur das, was beiden gut tut. Dafür brauchen wir allerdings offene Kommunikation – immer wieder.

Vielleicht fühlt sich das, was ich an Fantasie in meinem Kopf habe, in der Realität viel schwieriger noch an als im Kopf, und da fühlt es sich schon ziemlich unheimlich an.  Also… ich schreibe mal zwei Stichworte:  Verbundene Augen… Wehrlos sein, vielleicht gefesselt und dabei was Gutes erleben… Das sind immer mal so Bilder die ich im Kopf habe.
Was auch ein großer Wunsch, eine tiefe Sehnsucht in mir ist… ist es, ganz lange und innig festgehalten zu werden, das Gefühl zu haben, wirklich gehalten zu sein…

Du möchtest dadurch Sicherheit spüren und die Erfahrung machen, vertrauen zu können?

Ja, stimmt, mich in einer gefühlten unsicheren Situation so zu fühlen, dass ich spüre, vertrauen zu können
Und wenn ich in so eine ungewisse Situation käme, würde sicher erst einmal Angst hochkommen… und das wahrscheinlich ziemlich heftig!

Ja sicher wäre das ein Vorwagen – und Stolz sollte damit verbunden sein, wenn du dich traust, dich deiner Angst in kleinen Schritten zu stellen. Du kannst schon jetzt nach unserem heutigen Chat stolz auf dich sein, dass du dich getraut hast, dich ein Stück weit zu öffnen, obwohl ich dir ja noch ziemlich fremd bin. Dafür bedanke ich mich! So, jetzt sag ich mal tschüss für den Moment. Muss nun was tun. Fand deine Andeutungen sehr toll und mutig und denke, mit Vertrauen und Ruhe geht viel, was wir beide uns wünschen.

Ja Vertrauen und Ruhe, das fühlt sich gut an…

Das wird kommen.

Da bist du ja sehr zuversichtlich – vielleicht kannst du mir ja von dieser Zuversicht etwas abgeben. Danke für das Gespräch, Frank.

Sehr gerne! Ich danke dir auch, Maria.
Leider bin ich beruflich ab Montag für vier bis sechs Wochen weg und brauche dort meine gesamte Konzentration und Zeit für ein Projekt, das mir am Herzen liegt. Also wundere dich bitte nicht, wenn ich mich erst wieder melde, wenn ich wieder da bin.

Okay, danke für´s Bescheid geben! Alles Gute für diese Reise und dein Projekt!

Danke! Auch dir eine gute Zeit, Maria. Ich freue mich schon jetzt auf unser erstes privates Treffen – auch wenn es leider noch einige Wochen dauern wird!

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist buch_0035.gif.


Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Maria und Frank in chronologischer Reihenfolge 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

102. Ein Gespräch zwischen Freundinnen über Träume und Hindernisse (Mari + Maria)

Mittagspause in Maris Büro: Gespräch zwischen Mari und ihrer Freundin Maria

Mari:
Kaffeetasse1Wie schön, dass du mich in der Mittagspause besuchst, Maria. Magst du auch einen Kaffee?

Maria:
Gern! Na, ich wollt doch mal hören, wie es dir geht. Was machen deine Erlebnisse mit Joel? Immer noch alles im grünen Bereich?

Mari:
Hm ja! Stell dir vor, er hat mich mit einer Wochenendreise überrascht. Ich bin immer wieder froh, dass ich mich damals trotz aller Unsicherheitsgefühle darauf eingelassen habe, mit ihm meine Fantasien real werden zu lassen.
Und wie geht´s dir? Was machen denn deine bewegten Träume, wo du dich immer so in ausgelieferten Situationen wiederfindest? Hat sich das beruhigt? Kannst Du inzwischen besser schlafen?

Maria :
Nee, nicht wirklich, ich wache immer wieder mit den seltsamen Bildern im Kopf auf.

Mari:
Vielleicht solltest du sehen, ob du jemanden findest, mit dem du das verwirklichen kannst!

Maria:
Du weißt doch, dass ich mir das überhaupt nicht vorstellen kann bei meiner Geschichte und meinen vielen Schamgrenzen, den Angstgefühlen und Barrieren, die ich habe.  Ich hab dir ja von meinen Schwierigkeiten mit dem Ausziehen erzählt… Ich hab schon so lange keine intime Beziehung gehabt… Weißt du mit meiner Unsicherheit und den vielen Peinlichkeitsgefühle… So brauche ich erst gar nicht anzufangen. 

Mari:
Ich versteh dich ja, aber schau, bei mir war es ja ähnlich bis ich auf Joel traf. Es gibt eben auch nette Männer, die damit umgehen können…

Maria:
Ja, nett und freundlich sollte er schon sein… hm…  aber ich bräuchte, damit es überhaupt gehen könnte,    einen Mann, der im erotischen Bereich irgendwie die Führung übernimmt, jedoch nicht hart und heftig, sondern auf eine sanft Weise.

Mari:
Klar! Ich versteh dich total!

Maria:
Na und über meine Fantasien und den Reiz, der bei mir entsteht, wenn ich mir vorstelle, hilflos zu sein, nichts kontrollieren zu  können, nicht zu wissen was kommt… kann ich sowieso mit keinem sprechen, außer mit dir. Das ist einfach ein Tabu-Thema.

Mari:
Aber vielleicht wäre es doch gut und du könntest besser schlafen, wenn du es mal versuchen würdest, es wenigstens zu einem kleinen Teil real auszuleben. Klar – einen Mann mit der passenden Balance zu finden, ist nicht ganz leicht… Aber du weißt ja, nichts ist unmöglich, wenn es sein soll… Und mein Gefühl ist, das verdichtet sich bei dir.

Maria:
Ich könnte mir nicht vorstellen, mit einem Mann darüber überhaupt zu reden… Das wär mir so was von peinlich!
Und selbst wenn mir das gelingen würde… wenn jemand an diesem Thema interessiert ist, dann ginge das bestimmt wesentlich härter zur Sache, und das passt für mich gar nicht.

Mari:
Manchmal passieren die seltsamsten Sachen….
Hast du denn überhaupt Lust darauf, Berührungen und körperliche Nähe zu spüren?

Maria:
Ja, die hab ich!  Hab schon Sehnsucht danach, mal ganz fest und lange umarmt zu werden, auch gestreichelt und so…
Und da gibt´s auch diese Seite, die irgendwie so einen Kribbel erleben möchte… was Unvorhergesehenes, wo ein Gegenüber ist, das mir was zu sagen hat.

Mari:Liebevolle_Führung
Ich glaube, du sehnst dich nach Führung und nach Hingabe… danach, deine Verantwortung immer mal für ne Zeitlang abzugeben, und hast gleichzeitig Angst davor.

Maria:
Ja, stimmt genau! Und dieses Hin und Her in mir macht mich manchmal richtig kirre. Ob ich jemals den Mut dazu aufbringen würde, das auszuprobieren… Ich weiß nicht! Und trotzdem reizt es mich…
So, jetzt muss ich aber los. Die nächste Klientin wartet auf mich, und deine Mittagspause ist auch gleich vorbei. Hab noch einen schönen Tag!

Beide Frauen ahnten nichts davon, dass die Lautsprecherfunktion der Telefonanlage versehentlich nach einem Meeting noch angeschaltet war und Maris Chef, Frank, im Nebenzimmer das Gespräch unbeabsichtigt mit angehört hatte. Da er die Frauen nicht in eine peinliche Situation bringen wollte, konnte er den Raum nicht verlassen, um es auszuschalten, weil die beiden sonst durch die geöffnete Tür ihre eigenen Stimmen im Büro des Chefs durch die Lautsprecheranlage gehört hätten.
Frank schmunzelte… Mögli
cherweise hatte das Leben durch diesen Zufall eine Tür für sie beide geöffnet, die es möglich machen konnte, ihn und Maris Freundin Maria miteinander das erleben zu lassen, was beide sich schon länger wünschten, ohne eine Idee zu haben, wie sie zur Verwirklichung ihrer Bedürfnisse das passende Gegenüber hätten finden können.
Nun musste er nur noch heraus finden, wie er diese Maria unauffällig kennenlernen konnte, die nicht ahnend, dass er alles mitgehört hatte, und was das in ihm bewegt hatte, gerade noch im Vorzimmer bei seiner Sekretärin Mari saß.
Schließlich wollte er nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen…

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist buch_0035.gif.


Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Maria und Frank in chronologischer Reihenfolge 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

94. Anerkennung und Herausforderung in einem

Bei Joel – ein spannendes Angebot

„Oh, du hast ja heute Kaffee und Tee schon fertig“, sagte Mari und setzte sich auf die Couch.
Joel setzte sich ihr gegenüber. „Das Spiel beginnt“, sagte er.
Mari schaute ihn gespannt an. Was wohl heute kommen würde… Sie hatte keinen blassen Schimmer.

„Nun Mari, wir haben ja schon einiges zusammen erlebt… Und du hast große Fortschritte gemacht!“
Erstaunt schaute Mari ihn an. „Ja, es stimmt, wir haben schon viel erlebt inzwischen. Aber dass du von großen Fortschritten redest, …hmm na ja, das wundert mich ein bisschen, die Angst kommt mir ja doch immer mal wieder dazwischen… und andere schwierige Gefühle wie Peinlichkeit und Scham ja auch.“
Joel nickte bedächtig: „Ja, aber du bist schon ein großes Stück weiter gekommen, finde ich.“
„Das freut mich, dass du es so empfindest.“ Mari lächelte.
„Um diese Entwicklung miteinander zu feiern, hab ich mir etwas ausgedacht“, fuhr Joel fort.
Ihr Lächeln vertiefte sich… „Wie jetzt… Was denn? “ fragte sie erfreut und verwundert zugleich.
Es macht er ihr ein ganz seltsames und besonderes Gefühl, von ihm diese Anerkennung zu bekommen…

Er gab ihr einen Umschlag, aus dem sie ein wunderschönes Hotelprospekt hinaus beförderte und erklärte dann: „Ich lade dich ein, mit mir ein Wochenende in diesem Hotel zu verbringen.“
Ihre Augen weiteten sich… In diesem schönen Hotel… Wow! Du willst, dass wir beide zusammen ein Wochenende dort verbringen? Das ist ja eine zauberhafte Idee!“

„Ja… Dazu lade ich dich ein…“ sagte er ganz langsam mit einer seltsamen Betonung.
Der Ton, in dem er sprach, ließ sie etwas stutzig werden… „Das klingt so eigenartig, wie du das sagst…
Gibt es dabei irgendeinen Haken?“
Joel schaute sie ernsthaft an. „Einen Haken… nun wie man es nimmt. Ich würde dazu sagen: Es gibt auch Herausforderungen dabei!“

Mari spürte ein bekanntes Kribbeln, das sich ihre Wirbelsäule hinauf schlängelte in den Kopf hinein. „Kannst du dich bitte ein bisschen genauer ausdrücken?“ bat sie Joel.
Er nickte: „Nun, das Wochenende wird Anerkennung und Herausforderung gleichzeitig sein, wenn du zusagst.“
„Worin besteht denn die Herausforderung ?“ wollte sie wissen.
„Es wird wohl mehr als eine sein, aber die vermutlich wichtigste ist quasi die Voraussetzung, unter der wir fahren würden.“

„Fahre ich mit dir als Meister? Oder einfach mit dem Menschen Joel?“
Er lächelte: „Mit beiden. Es wird solche und solche Zeiten geben.“
„Okay“, nickte Mari, „da bin ich aber froh! Ein ganzes Wochenende durchgehend mit dir als Meister wäre schon sehr heftig. Dann ist die Voraussetzung also schon mal geklärt?“
„Nein noch nicht. Die Voraussetzung ist: Wir nehmen ein gemeinsames Zimmer.“
„Ohhh! Darüber hatte ich bisher noch gar nicht nachgedacht“, bemerkte Mari leise.

Er sagte nichts, wartete einen Moment.
Mari war der Konflikt deutlich in den Gesichtszügen abzulesen. In ihrem Magen fuhr es Fahrstuhl.
Was bezweckte er mit einem gemeinsamen Zimmer? Wie sollte das gehen… abends… nachts…?
Sollte das vielleicht… Hm…


„Kannst du mir bitte noch mehr über die Voraussetzungen und Herausforderungen sagen?“ fragte sie aufgeregt.

„Nun, das mit dem Zimmer ist die wichtigste. Wir werden uns das Bett teilen. Du weißt, dass ich dir nichts tun werde, was du nicht auch willst,“ antwortete er ruhig, „aber wir wissen auch beide, dass das eine echte Herausforderung ist!“
„Danke, dass du das noch mal so ausdrücklich sagst. Ich war mir nicht sicher, ob das gemeinsame Zimmer eventuell eine Andeutung sein sollte zu… mehr… Darauf kann ich mich doch auch dort verlassen, dass du nichts tust was ich nicht will oder kann?“
Joel nahm ihre Hand und nickte: „Ja, so wie schon die ganze Zeit. Das ist Teil unserer Vereinbarung.“
„Okay! Und du hast Recht: Es ist auch so schon herausfordernd genug. So… und nun meintest du noch, das sei noch nicht alles?“
„Nein. Das ist noch nicht alles. Es wird auch solche Sessions wie wir sie hier auch machen.“
Mari überlegte, wie sie sich nun entscheiden sollte, vermutlich würde er ihr über die anderen Herausforderungen nicht mehr viel erzählen…

„Ich weiß, das klingt etwas heftig, aber es ist Zeit, einen Schritt weiter zu gehen – und hier bietet sich eine große Chance.“

Einen Moment fühlte sie in sich hinein. Wie würde sie sich fühlen, wenn sie ja sagen würde: Das wäre sicher sehr aufregend und spannend, würde die Intensität der Herausforderungen und der damit verbundenen schwierigen Gefühle stärker machen als sonst, weil sie ja nicht weg konnte…
Und wie würden Sie sich fühlen, wenn sie nein sagen würde: Sie wäre mit Sicherheit traurig und frustriert, eine bestimmt sehr intensive und wahrscheinlich auch wenigstens teilweise schöne Erfahrung nicht gemacht zu haben…
So wanderten ihre Gedanken hin und her…

Joel, der ein guter Beobachter war, verstand in ihr zu lesen wie in einem offenen Buch und sagte: „Mari, du weißt: Ich werde jedes Stopp von dir achten. Und ich werde mein Bestes tun, dass es ein aufregendes und schönes Wochenende sein wird.“
„Ja, dass das ein sehr aufregendes Wochenende wird, das steht außer Frage!“ bestätigte Mari, „aber was ist, wenn ich es nicht packe? Wenn ich zwischendurch so heftige Angst bekomme, dass ich mit den Herausforderungen nicht klar komme? Ich könnte ja nicht mal nach Hause fahren so schnell…“

Joel nahm wahr, dass sie wirklich an einem Punkt angekommen war, an dem sie eine Entlastung brauchte, und sagte zu ihr: „Nun, ich verspreche dir, wenn es wirklich nicht mehr geht, bekommst du ein eigenes Zimmer.“
Mari fiel ein Stein vom Herzen. „Puh! Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet, aber ich danke dir von ganzem Herzen für diese beruhigende Zusage. Ich hoffe, dass das nicht nötig werden wird, aber alleine schon zu wissen, dass diese Möglichkeit besteht, hilft mir sehr!!! Na und außerdem gibt es ja immer noch die Möglichkeit, um eine Umarmung zu bitten, wie hier auch, oder?“
„Ja sicher! Jederzeit! Mari“, bestätigte Joel. „Nun was sagst du zu meiner Einladung?“
„Ich sage Ja!“ strahlte Mari. „Ich freue mich riesig über dein Angebot. Ja, ich komme mit!“
Er lächelte „Ich freue mich sehr, dass du dich darauf einlässt Mari.“
„Das ist wirklich etwas ganz besonderes, in beiderlei Hinsicht: So schön wie auch so herausfordernd,“ meinte Mari und wollte wissen: „Wann soll es denn losgehen?“
„Nun, ich schlage vor: am kommenden Wochenende. Da soll es warm und sonnig sein.“
Mari bekam große Augen. „So bald schon! Na Gott sei Dank, dann ist die Aufregung nicht allzu lange vorher! Ja, am kommenden Wochenende habe ich nichts weiter vor – das geht. Das war ja eine Überraschung heute!“
„Ich freue mich sehr, dass du ja gesagt hast. Das Spiel ist vorbei.“

Erleichtert atmete Mari auf. „Das war genug Aufregung für diesen Nachmittag“, sagte sie zu Joel. „Es ist so schön, dass du dir da so etwas besonderes ausgedacht hast, vielen Dank. Ich bin jetzt gar nicht dazu gekommen, mich beim Meister auch zu bedanken, aber du kannst ihm das sicherlich ausrichten“, sagte sie augenzwinkernd.“
„Ja, na klar, „nickte er gut gelaunt. Der Meister und ich dachten, das wäre eine schöne Idee, und freuen uns sehr, dass du zugesagt hast.“
„Aber mal ehrlich… Das ist schon eine irre Kombi aus beidem, und ich bin sehr froh, dass er mir dieses entlastende Notlösungs-Angebot mit dem Einzelzimmer gemacht hat, wobei ich hoffe sehr, es wird nicht nötig sein. Aber zu wissen, dass es eine Hintertür gibt, das tut unendlich gut.“
„Ja“, bestätigte Joel. „Es sollte immer die Möglichkeit geben, dass du stopp sagst, auch wenn wir hoffen, dass es nicht passiert.“
„Das ist das, was ich an unserem Miteinander so schätze, und was es mir erst möglich macht… mich einzulassen… Danke! Du kennst mich halt schon sehr gut…“
„Nun lass uns auf die aufregenden und sicher auch sehr schönen Tage freuen.“
„Ich freue mich ganz besonders auf die Zeiten zwischen den Herausforderungen“, lachte Mari, „aber gespannt wie ein Flitzebogen bin ich auf alles, was kommt. Wie wäre es jetzt mit einer Umarmung?“
„Na aber sehr gerne“, sagte er und nimmt sie ganz tief in seine Arme.
Ihr Herz klopft immer noch heftig, und jetzt so wohltuend festgehalten zu werden, das tat Maris aufgewühltem Gemüt sehr gut.
„Und zur Not kann ich das ganz oft haben?“
„Ja sicher“, lächelte Joel. „der Vorrat an Umarmungen ist unbegrenzt!“
Da musste Mari lachen. „Dann wird das schon alles gut gehen! Ich danke dir und freue mich riesig!“

Dies Kapitel wurde gestaltet von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

82. Was könnte dir helfen?

Bei Joel – Verständnis, Annahme, Drucklosigkeit und ganz kleine Schritte

Mari saß Joel gegenüber in einem vorne durchgeknöpften Kleid, unter dem sie entsprechend seiner Vorgabe nichts darunter trug. Wieder einmal verkörperte er die Funktion des Meisters in einem Rollenspiel, in dem es um das Thema „Scham und Peinlichkeit“ ging.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das alles gerade ist!“ sagte sie leise.
„Wie genau fühlt sich die Peinlichkeit an?“
„Bedrückend, als ein heißes Gefühl im Kopf und Flattern in der Brust, in der Herzgegend.“
„Was löst diese Peinlichkeit denn aus?“
„Dass es wahrscheinlich darum gehen wird, das Kleid zu öffnen und da ich nichts drunter habe, wär mir das echt peinlich. Ich weiß ja nicht genau, was du vorhast, aber dass es um das Thema „Peinlichkeit“ gehen soll, hattest du mir ja schon geschrieben.“
„Schau, Mari, alle Impulse, die ich gebe, sind Angebote für neue Schritte, manchmal gedankliche und manchmal reale Schritte. Aber nur du kannst entscheiden, ob es jeweils ein passender Schritt ist für dich. Ich werde dich niemals zu etwas zwingen, das weißt du.“
„In Ordnung, um welchen Schritt soll es also heute gehen?“
„Nun, wir wollen herausfinden, wo die Grenze deiner Peinlichkeit liegt, und wie wir mit ihr liebevoll umgehen können, dass sie sich eventuell sogar etwas verschieben lässt. Bist du jetzt dazu bereit?“
Mari nickte angespannt. „Ja, ich versuche es.“
„Prima! Was würdest du dazu sagen, den obersten Knopf zu öffnen?“
„Okay, kann ich machen.“
„Und? Wie ist es?“
„Das fühlt sich okay an.“
„Wie wäre der unterste Knopf?“
Überrascht schaute sie nach unten, sie hätte jetzt den zweiten Knopf von oben erwartet. „Ja, der unterste Knopf geht auch.“
„Das sind schon zwei. Wie geht es dir damit?“
„Das ist auch noch okay,  nicht peinlich.“
„Okay, wie viele Knöpfe oben könntest du öffnen, bevor es peinlich wird?“
Mari überlegte… „Noch zwei.“
„Bitte öffne diese beiden.“
Mari öffnete nun den zweiten und dritten Knopf von oben.
Joel schaute sie fragend an: „Und? Alles okay?“
Mari nickte. „Ja, es geht.“
„Geht? Hört sich etwas eingeschränkt an?“
„Na, wenn der nächste käme, würde es schwierig werden, aber bis hierher ist alles in Ordnung.“ erklärte Mari.
Er nickte. „Wie viele Knöpfe von unten könntest du öffnen?
Noch drei
Und Marie öffnete die nächsten drei Köpfe von unten.
„Und wie ist es?“
„Fühlt sich noch okay an.“
„Prima! Schau mal, was du schon geschafft hast! Kannst du dir vorstellen noch einen Knopf zu öffnen? Egal wo?“
Jetzt fing es an schwierig zu werden, aber ein unterer Knopf wäre noch möglich, ohne dass das Kleid allzu weit auseinander fiel , entschied sich Mari, und öffnete diesen Knopf.
„Du wirst mutiger.“ Wie geht es dir damit?“
Mari musste wider Erwarten lächeln. Die drei Worte du wirst mutiger fühlten sich gut an.
Sie antwortete: „Da ist einerseits eine stärkere Annäherung an die Peinlichkeitsgrenze, aber andererseits die Freude, ein bisschen Mut schon gehabt zu haben.“
„Ja, das hattest du, Mari“, bestärkte er sie. „Und… was meinst du? Geht noch ein Knopf? Oder wird es jetzt zu schwierig?“
Mari zögerte und überlegte… Einen unteren Knopf könnte sie noch öffnen, ohne dass das Kleid gleich auseinander fiel. Und sie tat es.
„Sehr mutig“, meinte er daraufhin, „wie geht es dir damit, noch einen Schritt weiter gegangen zu sein?“
„Die Fragestellung allein schon lässt ein bisschen Freude aufkommen, dass ich mich noch einen Schritt getraut habe.“
„Und? Geht noch einer?“
„Wenn ich jetzt noch einen öffnen würde, würde ich mich sehr unbehaglich fühlen.“
„Was könnte dir helfen, noch einen zu öffnen?“
„Vielleicht, dass du nicht hinschaust?“ fragend schaute Mari Joel an.
Er lächelte. „Reicht es, die Augen zu schließen?“
„Ja.“
„Okay, mach ich!“ Er nickte und schloss deutlich sichtbar die Augen.“
Und Mari öffnete noch einen Knopf von oben und einen anderen von unten. „Jetzt habe ich sogar noch zwei Knöpfe geöffnet!“ erzählte sie ihm.
Das war aber sehr mutig! Wie geht es dir damit?“ fragte  er mit geschlossenen Augen
Einerseits freue ich mich über meinen Entschluss, andererseits sieht es ziemlich komisch aus, wenn ich an mir herab schaue, und es gibt schon ein peinliches Gefühl! Dass du das nicht sehen kannst, ist natürlich wiederum sehr entlastend, aber auch nicht sicher, denn ich weiß ja nicht, wann du die Augen wieder öffnen wirst.“
„Doch, das weißt du sehr genau.“
„Du meinst damit, dass ich sicher sein kann, dass du sie so lange geschlossen hast, bis ich die letzten beiden Knöpfe wieder geschlossen habe?“ fragte Mari.
„So lange du es möchtest, dass ich sie geschlossen halte! Du könntest gefahrlos alle öffnen. Ich würde es weder wissen noch sehen.“
„Ja, und dieses Vertrauen habe ich inzwischen auch, dass ich mich darauf verlassen kann, wenn du das sagst.“
„Na, das ist doch ein toller Fortschritt!“
BLAUE_KNOEPFEEntschlossen öffnete Mari nun fast alle Knöpfe bis auf einen in dem Bewusstsein, das Joel es ja nicht sehen konnte. Dieser saß ihr direkt gegenüber und hatte weiterhin die Augen fest und deutlich geschlossen.
Nun sagte sie ihm:  „Ich verrate dir jetzt, dass ich bis auf einen Knopf inzwischen alle geöffnet habe.“
„Oh, das ist beides sehr mutig: Es zu tun und es mir zu sagen!“
Mari freute sich über die Anerkennung, und schließlich fragte Joel weiter:
„Und wie steht es mit dem letzten Knopf?“
„Na der hält alles zusammen“, überlegte Mari laut.
„Vielleicht nur kurz?“ bot er ihr an, „bevor du alles wieder zuknöpfst?“
Und Mari nickte: „Okay, mach ich!“ Sie öffnete nun auch den letzten Knopf und sprach es aus: „So, nun ist auch der letzte Knopf geöffnet.“
Joel nickte: „Ich bin beeindruckt!“
„Ich auch“, brachte Mari heraus und wurde etwas rot dabei, aber Gott sei Dank konnte er das ja nicht sehen…
„Du hast dich quasi vor meinen Augen ausgezogen. Klasse!“
Darauf gab sie zu bedenken: „Nein, du hattest ja deine Augen geschlossen. Und hast sie immer noch zu.“
„Ja, aber dennoch bin ich ja genau vor dir. Jetzt magst du sicher die Knöpfe wieder schließen.“
„Hmm, ja stimmt.“
„Tu das, ganz in Ruhe. Ich halte die Augen so lange geschlossen bis du mir sagst, dass ich sie wieder öffnen kann.“
Als nur noch der oberste Knopf offen war, sagte sie: „So, nun kannst du deine Augen wieder öffnen.“
Er wartet einen kleinen Moment, dann öffnete er die Augen.
„So, das Spiel ist vorbei. Ich danke dir für dein Vertrauen und deinen Mut, Mari.“
Mari sah ihn direkt an.
„Der war am Ende nur möglich, weil du mich gefragt hast, was mir helfen könnte, und bereit warst, mir diese Hilfe zu geben, deine Augen bei den letzten Knöpfen zu schließen.“
„Und du hast sie angenommen – und hast dich getraut! Wir haben es beide zusammen möglich gemacht!“
„Das hätte ich nie gedacht, dass ich heute mein Kleid ganz aufknöpfe!“
„Schön, dass es geklappt hat! Und das, wo dir allein die Möglichkeit vorher so zu schaffen gemacht hatte. Manchmal ist in der Situation selbst einiges möglich, was sich der Kopf vorher nie hätte vorstellen können. Komm, lass dich umarmen!“
Mari schaute kurz prüfend an sich hinunter, ob ihr Kleid jetzt richtig saß, stand auf, und er schloss sie fest in seine ausgebreiteten Arme. Mari genoss diese Umarmung. Für einen Bruchteil eines Momentes kam ihr der Gedanke in den Kopf, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn sie dabei Hautkontakt hätten, aber dieser Gedanke wurde ganz schnell wieder in den Hintergrund verbannt…

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

81. Gefühlsknoten…

Bei Joel – eine aufregende Ausgangssituation

„Liebe Mari,
wenn du heute zu mir kommst, bitte ich dich, ein Kleid zu tragen, das vorne durchgehend geknöpft ist – und nichts darunter.

Ich weiß, dass ist schon eine Herausforderung, aber für unsere weitere Reflexion über das Thema „Scham und Peinlichkeit“ wäre es sehr hilfreich.
Bis nachher dann – ich freu mich auf dich!“

Diese Nachricht kam am Vormittag, und seitdem tigerte Mari aufgeregt in ihrer Wohnung hin und her. Sie hatte zwei Kleider, die eine durchgehende Knopfleiste hatten. Nach langem Hin und Her entschied sich für ihr langes blaues Kleid. Die Tatsache, dass sie nichts darunter tragen sollte, machte ihr zu schaffen. Es war zwar schon frühlingshaft draußen, aber noch nicht allzu warm, insofern konnte sie auf jeden Fall draußen noch einen Mantel drüber ziehen. Aber was würde dann bei Joel geschehen? So aufgeregt wie heute war sie lange nicht mehr gewesen…
Joel wusste um die Intensität der Herausforderung und wartete gespannt, wie sie erscheinen und was sie sagen würde.
Die Gedanken, die sie auf dem Weg zu ihm hatte, kreisten nervös um diese Kleider-Frage. Nicht ohne Grund hatte er ja sicherlich die Vorgabe eines vorn gänzlich zu öffnenden Kleides gemacht. Und wenn es dann aufgeknöpft werden würde und sie gar nichts drunter hatte… Nein, das ginge einfach nicht! Am liebsten würde sie wieder umkehren, aber sie wollte diesem Vermeidungs-Impuls nicht folgen.

 Aufgeregt klingelte sie schließlich bei ihm. Freundlich wie immer begrüßte er sie, half ihr aus dem Mantel und lächelte als er das Kleid sah. „Ein hübsches Kleid hast du an! Das Blau steht dir gut.“
Im Wohnzimmer standen zwei Stühle einander gegenüber.
„Setz dich“, forderte er sie ruhig auf.
 Aufgeregt nahm sie Platz, und er setzte sich ihr entspannt gegenüber.
„Das Spiel beginnt.“
Sie nickte, hätte aber am liebsten wieder den Raum verlassen.
„Wie geht es dir, Mari?“ wollte er zunächst wissen.
Leise sagte sie: „So wie heute habe ich mich lange nicht gefühlt, ich würde am liebsten wieder gehen, wenn ich ehrlich bin. Deine Kleidungsvorgabe verunsichert mich sehr.“
„Verunsichert dich? Warum? Was befürchtest du?“
Mari spürte, wie eine Welle Wut in ihr hoch stieg. Als wenn er sich das nicht denken könnte… grummelte sie innerlich still vor sich hin. Und weiter dachte es in ihr: Jetzt bloß nicht pampig werden… Er muss ja nicht merken, wie mich das trifft. Aber was antworte ich darauf?
„Na die Knopfleiste wird ja nicht ohne Grund von dir gefordert worden sein!“ hörte sie sich schließlich sagen.
Er nickte. „Das stimmt. Aber du weißt auch, dass kein einziger Knopf ohne deine Zustimmung geöffnet wird – wenn überhaupt…“
„So? Weiß ich das?!“ entfuhr es ihr.
Ernsthaft blickte er sie an: „Ja. Das weißt du sehr genau!“
GefühlsknotenOh , Mari fühlte ein entsetzliches Gefühlsknäuel in sich, dass sie inzwischen kaum noch sortieren konnte.
„Du weißt, dass in unseren Sessions noch nie etwas passiert ist, was gegen deinen Willen war. Oder?“ erinnerte er sie.
„Stimmt irgendwie…“ musste sie zugeben.  Dennoch: Da war Wut in ihr, überhaupt in dieser Situation zu sein… Da war Scham… Da war Zweifel, ob sie sich im Ton vergriffen hatte… Da war Angst, dass er daraufhin sauer, genervt oder ärgerlich sein könnte… und das alles bildete einen unangenehmen Knoten in ihrem Solarlexus. Starr schaute sie aus dem Fenster.
„Bist du überhaupt bereit für eine gemeinsame Session, Mari?“ fragte er mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht deuten konnte.
„Joel, dieses Kleidungsthema hat so viel in mir ausgelöst… Beende unser Treffen bitte jetzt nicht, weil ich mich so daneben fühle.“
Er schüttelte den Kopf. „Wie kommst du auf sowas? Das habe ich absolut nicht vor! Aber ich habe das Gefühl, dass du zu blockiert bist, um dich auf eine gemeinsame Übung einlassen zu können. Und da ist es wichtig, erstmal hin zu schauen, was es ist, was sich da in dir bewegt.“ Freundlich schaute er sie an. „Was ist los, Mari?“
„Ja, es stimmt, ich fühle mich wirklich irgendwie blockiert! Da sind so viele schwierige Gefühle…“
Jetzt nachdem sie es ausgesprochen hatte, fühlte sie sich schon etwas leichter.
„Welche Gefühle sind das denn?“ fragte er, beugte sich etwas nach vorn und sah sie interessiert an.
Sie zögerte… „Sei dann aber bitte nicht sauer!“ 
„Ganz bestimmt nicht!“ versicherte er ihr.
„Okay“, sie gab sich einen Ruck, „als du vorhin gefragt hast `Was befürchtest du? Warum bist du verunsichert?´ ist Wut in mir entstanden, weil ich mir gedacht habe: `Das weißt du doch genau! Du ahnst doch sicher, dass deine Nachricht solche Gefühle in mir auslöst! Und wahrscheinlich hast du das auch bewusst getan! Und  nun stellst du dich verwundert und fragst nach, als ob das das Seltsamste von der Welt wäre!´  Gleichzeitig wollte ich aber nicht wütend sein und dir das vor allem nicht zeigen! Habe aber gespürt, dass ich es nicht ganz verbergen konnte, und dann habe ich mich geschämt, weil die Heftigkeit dafür sicher nicht angemessen war. Außerdem ist es mir peinlich, ohne irgendetwas unter meiner Kleidung zu sein.“
Joel nickte und fragte ruhig: „Was erzeugt in dir Wut, wenn ich unsere Vereinbarung umsetze?“
Verwirrt frage Mari: „Welche Vereinbarung? Was meinst du?“
„Wir haben vereinbart, dass wir uns innerhalb unserer Sessions unter anderem mit den Themen Sehnsucht, Angst,  Scham, Peinlichkeit beschäftigen – und das durchaus auch ganz praktisch. Dazu muss ich manchmal auch Situationen schaffen, die diese Gefühle auf den Plan rufen.“
Mari überlegte… schließlich erklärte sie: „Nicht über den Inhalt dieser Session war ich wütend, sondern über deine Frage, was mich verunsichert. Ich dachte, das ist doch eine rhetorische Frage, du weißt doch sicher, dass die Kleidung mich verunsichert. Außerdem ist diese Wut und die Verunsicherung einfach aufgestiegen, da hatte ich nicht das Gefühl irgendeine Entscheidung darüber treffen zu können, ob sie eine Daseinsberechtigung hat oder nicht, sie war einfach da!“
Er antwortete gelassen: „Ja, aber wir wollen doch genau dieser Verunsicherung und allen damit verbundenen Gefühlen auf den Grund gehen und sie soweit es möglich ist auflockern. Das ist doch unser Thema.“
Mari nickte: „Hast ja recht. Deshalb wollte ich ja auch nicht zeigen dass ich wütend war, weil ich es selbst nicht richtig finde.“
Freundlich schaute er Mari an. „Mari, alles, was du fühlst darf da sein. Verbergen ist nicht sinnvoll und gelingt meist auch nicht. Wenn wir offen drüber reden, können wir viel mehr erreichen. Doch um genau herauszufinden, was dich gerade bewegt, muss ich leider manchmal Fragen stellen, die dir nicht immer angenehm sind. Und manchmal frage ich noch tiefer nach, was es genau ist, was du mit einer Thematik wie jetzt die Verunsicherung verbindest, wie sie sich anfühlt, wodurch sie gerade entstanden ist, wo du sie im Körper fühlst, und so weiter. Dadurch wirst du dir selbst bewusster darüber, welche Gedanken es genau sind, die diese Gefühlsknäule in dir auslösen. Gedanken sind oft so flüchtig, passieren wie automatisch im Unbewussten, und erst wenn wir sie beobachten und untersuchen, entdecken wir, wodurch wir uns manchmal so blockiert, verunsichert oder wütend fühlen. Meist ist es so, dass unangenehme Gefühle durch Gedanken ausgelöst werden, von denen wir nicht mal im Ansatz wissen können, ob sie wahr sind. Und erst wenn wir diesen Gedanken auf die Spur kommen, und sie auf ihre Wahrheit und Nützlichkeit untersuchen, können sich die Gefühle verändern, die dadurch entstanden sind. Ich frage nicht, um dich zu nerven oder gar mich darüber zu erheben, was du fühlst, im Gegenteil, ich will erreichen, dass wir beide besser verstehen, was sich hinter deinen Gefühlen für Gedanken verbergen.“
Mari wurde rot – wie hatte sie sich wieder einmal geirrt in ihm! „Okay“, sagte sie leise.
Er beugte sich vor und nahm ihre Hand. „Mir ist klar, dass das nicht leicht ist, aber es gilt eben genau hinzuschauen.“
„In Ordnung – ich versuche es!“ antwortete sie leise.

„Prima! Also? Was bewegte sich in dir, seit du meine Nachricht erhalten hast? Was waren da für Gedanken und Gefühle?“
„Na ja… die Frage, warum ich nichts drunter ziehen und ein Kleid mit gänzlich durchgehender Knopfleiste anziehen sollte, legte für mich nahe, dass es eine mir peinliche Situationen geben wird, wenn es ums Öffnen der Knöpfe geht, und ich weiß nicht, ob und wie weit ich das tun oder zulassen kann. Und peinlich ist mir auch die Tatsache, dass unsere Session heute schon so verunglückt angefangen hat…“
„Verunglückt? Ach was! Schwierige Gefühle gehören zu dem, was wir hier tun, dazu. Das ist kein Unglück, im Gegenteil! Was sich zeigt, können wir beleuchten und klären.“ sagte er langsam. „Und was du zulassen kannst… nun, genau das gilt es herauszufinden – vielleicht nur ein Knopf, vielleicht drei, vielleicht keiner oder alle… Das ist ja gerade das Spannende, was wir beide bis jetzt noch nicht wissen. Und wie auch immer diese Herausforderung für dich sein wird, wie viele Knöpfe du öffnest oder auch nicht – es ist okay!“ 

Wie sie diese Herausforderung erleben wird, ist im folgenden Kapitel zu lesen.

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

75. Die Instanz, die so vieles verbietet…

Bei Mari

Nach einem gemeinsamen Spaziergang mit Joel, bei dem Mari wieder einmal in Kontakt kam mit ihrem Thema „inneres Verbot und Peinlichkeitsgefühle“ und dabei ihre innere Instanz spürte, die alles Ungewöhnliche als extrem bedrohlich empfindet, und deshalb versuchte, vieles, was normalerweise mit Lust und Spaß verbunden ist, zu verhindern, saßen Joel und Mari noch zusammen und sprachen darüber.
Er fragte sie: „Wer oder was in dir ist es, das dir verbietet und dir sogar Gefahr suggeriert, wenn du einfach tust oder zulässt, was sich interessant, faszinierend und spannend anfühlt? Wenn das ein Wesen wäre, wie würde es aussehen?“
Mari überlegte…
Er half ihr: „Kannst du dich nochmal in dieses Gefühl hinein versetzen, das du vorhin hattest?“
Sie dachte an die Situation und nickte.
„Wo spürst du es im Körper?“ Sie zeigte auf ihre Zwerchfellgegend.
Er nickte. „Okay, wenn du magst, leg doch mal sanft deine Hand darauf und schicke durch deine Hand Liebe in dieses Gefühl. Geht das?“
Mari legte ihre Hand auf diese Stelle und spürte, wie es in ihr ruhiger wurde und weniger vibrierte. „Es ist noch da, aber nicht mehr ganz so heftig.“
„Wenn dieses Gefühl ein Wesen wäre, ganz egal welches, ein Tier, ein Mensch eine Pflanze, oder was auch immer – was für ein Wesen wäre es? Welcher Impuls kommt dir ganz spontan?“
„Ein Kind. So sieben Jahre alt vielleicht… Aber es wirkt viel kleiner, fast so wie eine Puppe – allerdings ist ihr Gesicht hoch rot und irgendwie verzerrt.“
„Jetzt stell dir vor, du würdest es mit deinen Händen sanft aus dir heraus heben und vor dich auf den Schoß setzen. Vielleicht möchtest du die Beine hoch nehmen und sie hier auf der Couch leicht angewinkelt aufstellen, so dass es sich mit seinem Rücken an deine aufgestellten Knie anlehnen kann. Wie sieht sie aus? Wie wirkt sie jetzt auf dich?“
„Es ist ein zartes Mädchen, ein Schulmädchen mit einer Brille und einem ernsten Gesichtchen.“
„Was fühlst du, wenn du es ansiehst?“
„Oh, ich habe großes Mitgefühl, es wirkt so schmächtig und so ängstlich auf mich. Ich möchte ihr helfen, dass sie sich besser fühlt.“
„Tu, was immer dir einfällt, um ihr gut zu tun.“
„Ich nehme ihre Hände erstmal und halte sie zärtlich in meinen. Sie schaut ganz erstaunt. Dann streichle ich ihr über´s Haar, wische sanft ihre Tränen von den Wangen… und frage sie: „Kleines Mädchen, was bedrückt dich so?“
Es antwortet leise: „Dass ich nie weiß, was wirklich richtig ist, aber immer aufpassen muss, dass nichts Schlimmes geschieht. Ich bin schon so lange in dir und passe auf, dass wir nichts falsch machen, aber du tust nicht immer, was ich sage. Dann bekomme ich noch mehr Angst und versuche, stärker zu werden, lauter zu werden. Wir dürfen nicht so viel tun, was Lust und Spaß macht, sonst gibt es ganz viel Ärger, und der ist so schlimm, dass es die Zeiten der Freude und der Lust gar nicht ausgleichen können. Und die Schuldgefühle danach… die sind ja nicht zum Aushalten! Die verdunkeln alles Schöne und Bunte. Dabei habe ich so wenig Kraft und muss dennoch immer stark sein, sonst gehen wir unter im Meer des schlechten Gewissens! Weißt du noch, wie schlimm das früher immer war? So soll es nie mehr wieder sein!!!“

„Genau, mein lieber Schatz! Du sagst es: Das war früher! Aber jetzt bin ich groß. Jetzt sehe ich, dass die Werte der Großen von damals nicht meine Werte sind. Und deshalb brauchen wir keine Schuldgefühle mehr zu haben. Schau, ich bin doch inzwischen die Große, und du bist die Kleine! Ich bestimme jetzt über unser Leben, nicht mehr die Großen von damals. Und du brauchst dich jetzt nicht mehr zu sorgen. Ich hole dich jetzt aus der Sorgen-Tretmühle raus. Magst du in meine Arme kommen?“
Mit einer Geste nahm Mari das kleine unsichtbare Mädchen in ihre Arme und wiegte sie hin und her. „Alles ist gut, meine Kleine. Du bist jetzt nicht mehr zuständig für unsere Entscheidungen und Gewissensfragen. Das mache ich ab sofort selber. Du darfst dich jetzt ausruhen und einfach Kind sein. Das ist ganz wichtig, mein Schatz: Ab sofort entscheide ich allein, ich, die große Mari, was getan wird. Und ich richte mich dabei nach dem, was sich gut anfühlt, was für mich wahr ist und was meinen jetzigen Werten entspricht, nicht denen von Oma und Mutti und Papa damals. Du musst das alles nicht verstehen, aber du gibst die Entscheidung, was uns gut tut und was für uns wertvoll und lebenswert ist, ab an mich, hörst du? Ich bin die Große und du die Kleine. Ich hab dich sehr lieb und weiß, dass du bisher so gut aufgepasst hast, weil du uns vor Ärger bewahren wolltest und davor große Angst hattest, aber diesen Ärger gibt´s nicht mehr. Diese Gefahr ist schon lange vorbei. Die einzige, die sagen kann, was für uns stimmig ist und wertvoll, bin ich. Ich danke dir sehr für deine gute Absicht, aufzupassen, dass nichts Schlimmes passiert. Und nun darfst du spielen und damit aufhören, Kontrolle auszuüben, das tue ich jetzt!“

Liebevoll hielt Mari das kleine Mädchen, das bis eben noch die Rolle der Aufpasserin inne hatte, im Arm und strich ihr beruhigend über den Rücken… Schließlich sagte sie zu ihr: „Einverstanden? Du gibst mir das alles! Die ganzen Entscheidungen legst du nun in meine Hände und kannst einfach ausruhen, spielen, malen, alles was dir gut tut.“
Bei diesen Worten öffnete Mari ihre Hände wie eine Schale und stellte sich vor, wie das Mädchen ihre vermeintliche ganz große Aufgabe der Kontrolle in ihre Hände, also in die Hände der erwachsenen Mari, legte. Dann atmete sie tief und ließ das energetische Vorstellungsbild des kleinen Mädchens, das nun befreit lächelte, wieder zurück in sich hinein fließen.

„Es ist geschafft, Joel! Die Kleine in mir ist befreit von ihrer Last!“
„Wie fühlst du dich, Mari?“
„Seltsam leicht und irgendwie komisch.“
„Wie komisch?“
„So, als müsse sich in mir ganz vieles sortieren – in eine neue Ordnung kommen, die ich bestimmen kann. Ich habe mir dazu eben selbst die Macht erteilt, indem ich sie der kleine Aufpasserin abgenommen habe.“
„Wunderbar“, lächelte Joel. Dann bekräftige es nochmal, indem du einen Ich-Bin-Satz dazu machst und ihn laut vor mir als Zeugen aussprichst. Denn was in Gegenwart eines Zeugen gesagt wird, hat noch mehr Kraft.
Mari nickte, und kurz darauf sagte sie laut und voller Überzeugung:


„Ich bin die einzige und wahre Person in meinem Leben,
die entscheidet, was ich tue und lasse.
Ich erlaube mir, in Lust und Liebe zu leben,
wozu ich mich entscheide.
Ich darf das, und ich will das!“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

73. Notwendig? Hilfreich? Der Situation angemessen?

Bei Joel – Fragen zum Einordnen alter Gefühle

Zu Beginn des heutigen Spiels hatte Joel zu Mari gesagt:
„Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen.
Es geht darum jedes Gefühl wahrzunehmen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Setz dich. Du wirst jetzt gleich nichts mehr sehen können. Das kennst du ja bereits, hatten wir ja schon mehrmals gemacht.“
Sorgsam darauf achtend, dass er ihr die Haare nicht in den Knoten des Tuches einklemmte, band er ihr ein Tuch um die Augen. „Wie fühlst du dich?“
„Etwas beklommen, unsicher.“ antwortete sie.
„Fühlt sich das schlimm an?“
„Nein, nicht wirklich schlimm.“
„Was macht das Schamgefühl wegen der aufgeknöpften Bluse?“
„Ist noch da“
„Stärker oder weniger stark?“
„Stärker“
„Du merkst, mit verbundenen Augen fühlt man intensiver.
Er trat hinter sie. Maris Unbehagen verstärkte sich in diesem Moment.
Dann legt er mit einem angenehmen Druck seine warmen Hände auf ihre Oberarme. „Das tut gut.“ sagte sie leise.
„Ja, ich weiß, mit dem Berühren und Halten deiner Arme vermittele ich dir Geborgenheit und Schutz. Dadurch wird das andere weniger heftig, stimmt´s?“ Sie nickte und fühlte sich verstanden.

Als sie sich etwas entspannt hatte, trat er wieder vor sie, nahm das Tuch ab und erklärte ihr: „Keine Angst, ich binde dir jetzt die Hände zusammen, aber so locker, dass du es jederzeit lösen kannst. Halte sie mal zusammen vor deinen Körper. Auf Maris Schoß wickelte er nun ein Tuch um die Hände, so dass sie es gut sehen konnte. Und noch bevor sie in Angst geraten konnte, sagte er: „So, und nun probiere es selbst aus, ob du sie leicht auseinander bekommst, wenn du es willst.“ Und sie machte die Erfahrung, dass die Hände sich leicht aus dem Tuch heraus lösen ließen.
„Es geht nur um ein spielerisches Herantasten an das Gefühl, was dadurch ausgelöst wird. Wie fühlst du dich?“
„Etwas unbehaglich, nicht wirklich Angst, aber so ein bisschen in die Richtung.“
„Erträglich?“
„Ja.“
„Keine Angst, jetzt kommen die Füße ans Stuhlbein. Auch mit einer Bindung, die du sofort lösen könntest.“ Ganz ruhig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, band er nun auch ihre Fußgelenke an die Stuhlbeine.
„Wie fühlst du dich? Hände und Beine sind bewegungsunfähig, aber du bist nicht hilflos, denn du könntest sie lösen.“
„Ich spüre das sehr deutlich, und ein etwas stärkeres Angstgefühl entsteht.“
„Okay, Mari, dein Körper nimmt wahr, dass da was ist, was sonst nicht so ist. Aber du weißt, du könntest dich sofort aus der Situation befreien. Du fühlst zwar die momentane Bewegungsunfähigkeit der Arme und Beine, aber du bist nicht hilflos. Ist ja alles spielerisch. Ist also ein realer Grund für Angst da?“
„Nein.“
„Wie geht´s dir jetzt, wo du dir das bewusst gemacht hast?“
„Besser.“

„Jetzt das Ganze mit verbundenen Augen. Du weißt, du könntest dich jederzeit lösen.“
Er trat hinter sie und band vorsichtig, dass es nicht ziepte, ein Tuch um ihre Augen.
„Wie ist es? Wie fühlst du dich?“
Mari begann leicht zu zittern. „Ich spüre das eben noch leichte Angstgefühl jetzt intensiver, spüre auch deutlicher die Bindungen.“
„Okay, alles ist in Ordnung, Das ist deshalb, weil du nichts siehst, da fühlst du intensiver. Du spürst sicher auch meine Hände jetzt deutlich.“ Mit einem wohltuenden Druck massierte er ihr die Schultern.
„Und jetzt? Wie fühlst du dich dabei?“
„Besser.“
„Du weißt und spürst an meinen Berührungen: Hier ist nichts wirklich gefährlich. Das sind alte Angstgefühle, die im Körper gespeichert sind. Es ist in Ordnung, dass sie da sind, aber du triffst die Entscheidung, Mari. Die Frage, die sich in solchen und ähnlichen Situationen immer wieder mal stellt, lautet:

Ist das, was du fühlst, also z.B. deine Angst oder deine Scham notwendig, um dich vor einer realen Gefahr zu schützen? Hilft es dir bei dem, was gerade ist? Und ist es angemessen, also passend zu deinen Wünschen, deiner Reife, deinem Wissen und deinen Entscheidungen in der aktuellen Situation?
Kurz: Ist dieses Gefühl, was gerade da ist, JETZT notwendig, hilfreich und angemessen?“

Mari schüttelte den Kopf und sagte leise: „Nein, eigentlich nicht, es gibt keine reale Gefahr und auch nichts wirklich Falsches.“
„Okay. Willst du dich nach dem Angstgefühl richten, oder willst du dieses Experiment, das wir beide hier machen, weiter machen?“
Sie zögerte einen Moment und entschied dann: „Ich will weiter machen.“
„Was macht das Schamgefühl?“
„Hab gerade nicht mehr so dran gedacht, eben waren die angenehmen Berührungen deiner Hände auf meinen Schultern im Vordergrund.“
„Und ich wette, dass die Füße angebunden sind, hast du auch schon vergessen.“
„Ja, stimmt“, sie lachte.
„So, nun machen wir mit den Händen noch was anderes: Ich löse die Bindung, und du nimmst sie mal hinter die Stuhllehne.“
Dort band er sie wieder mit dem Tuch zusammen.
„Wie fühlt sich das an?“
„Weitaus unangenehmer.“
„Ja, vor dem Körper könntest du noch irgendwas machen mit den Händen, sie vor dich nehmen, sie höher oder tiefer halten… So bist du noch mehr fixiert.“
„Und es verstärkt auch das Schamgefühl, weil ich vorher die Arme vorn vor meiner Brust hatte und sie jetzt so ungeschützt ist.“
„Nochmal die Frage:
Sind Angst- und Schamgefühle jetzt notwendig, hilfreich und der Situation angemessen?
„Nein, ich weiß, es ist hier keine reale Gefahr, und ich mache auch nichts falsch, wofür ich mich schämen müsste. Wir sind zu zweit, und ich hab mich zu diesem Weg mit dir bewusst entschieden. Da gibt´s eigentlich nichts, wofür ich mich schämen müsste, auch wenn es sich so anfühlt. Und hilfreich sind sie wahrlich nicht.“
„Es ist alles okay, sie sind da, und es ist wichtig, dass du sie wahrnimmst, aber du musst dich nicht nach ihnen richten. Das ist der wesentliche Faktor dabei.“

Nach diesen Worten löste er alle Tücher und sagte sanft: „Damit ist es dann auch genug für heute.“
„Wie geht es dir?“
Sie knöpfte ihre Bluse zu, dehnte und bewegte sich und spürte in ihre Arme und Beine hinein. „Eigentlich ganz okay“, meinte sie erstaunt. „Besser als ich anfangs vermutet hätte. Es tat mir gut, dass du mich darin unterstützt hast, meine Gefühle wahrzunehmen, mich zu fragen, ob sie hier und heute notwendig, helfend und angemessen sind. So konnte ich dann schließlich mit ihnen weiter machen, ohne sie abzulehnen und ohne mich von ihnen beeinflussen zu lassen.“
„Wie schön“, lächelte Joel, „wir sind auf einem guten Weg…“ Er reichte ihr die Hand, zog sie von ihrem Stuhl, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: „Das Spiel ist beendet.“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

72. Ist hier und heute etwas gefährlich?

Bei Joel – Den Gefühlen eine bewusst gewählte Bedeutung geben

Mari betrat Joels Wohnung und wie immer gab es bei der Begrüßung erst einmal eine feste und innige Umarmung. „Das tut gut, Joel!“ meinte Mari, die sich heute besonders beklommen fühlte, da sie vorher von ihm eine Nachricht bekam, in der er schrieb, dass er sie zum heutigen Rollenspiel mit einen Rock und einer durchgeknöpften Bluse erwartete, unter der sie nichts drunter tragen möge. Was sollte heute geschehen?
Als sie auf seine Frage nach ihrem Befinden: „Ziemlich aufgeregt“ antwortete, lächelte er sie an und meinte: „Wie gut! Stell dir vor, du wärest gleichgültig, da ist doch Aufgeregtheit viel besser! Ist lebendig und zeigt intensives Fühlen. Gefühle sind Kräfte. Wichtig ist nur, dass wir dahin kommen, dass nicht die Gefühle uns leiten, sondern dass wir die Gefühle leiten!“

Mari nickte, ja das klang erstrebenswert. So manches Mal fühlte sie sich von ihren Gefühlen gebremst. Nachdem sie Kaffee getrunken hatten, begann er das heutige Spiel mit der Ankündigung: „Heute werden uns mal ganz bewusst mit der Vielfalt der Gefühle beschäftigen. Es geht darum, sie bewusst wahrzunehmen, auszusprechen, anzuerkennen, dass sie da sind und sie so einzuordnen, wie es gut tut . Ich werde Gefühle anregen und du sagst mir, was du fühlst. Jedes Gefühl ist wertvoll, alles darf da sein. Die angenehmen und auch die unangenehmen.

Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen, lernen und üben, sie richtig einzuordnen. Sie zeigen ja eine Art Warnung, die im Körper durch alte Vorerfahrungen gespeichert ist. Diese Warnung sollte ernst genommen werden und nicht abgewertet werden. Und dann kommt das Deuten hinzu, also ihnen eine von dir jetzt gewählte bewusste Bedeutung zu geben. Du kannst dich bei jedem Gefühl fragen:
Ist das hier und jetzt eine ähnliche schlimme oder gar gefährliche Situation wie damals?
Und wenn du dadurch, dass du dir diese Frage nach dem, was jetzt ist, in die Gegenwart kommst, und vielleicht erkennst: Hier ist nichts gefährlich oder verboten oder schlimm, kannst du dir sagen: „Heute ist es okay, was gerade geschieht, was ich tue oder was ich zulasse“ – vorausgesetzt du siehst es so. Es geht darum, jedes Gefühl wahrzunehmen, dir diese Frage zu stellen, eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst, und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“ Ich werde dazu einige Gefühle auslösen, damit du das erfahren kannst. Steh mal auf und stell dich mir gegenüber dazu.“

Beide standen auf und stellten sie gegenüber.

Joel sagte ruhig, wohl wissend, welche Gefühle er bei Mari gleich auslösen würde: „Knöpfe dir die Bluse auf, ganz langsam und bewusst.“
Sie zögerte und begann schließlich langsam mit den ersten beiden Knöpfen. Von ihm dabei so deutlich betrachtet zu werden, machte es ihr besonders schwer.
Nach einem kleinen Moment fragte er:
„Wie geht es dir dabei, was fühlst du dabei?“
Verlegen schaute sie ihn an. Es war heftig, was sich in ihr bemerkbar machte.
„Peinlichkeit? Scham?“ half er ihr weiter.
Sie nickte wortlos und wartete ab.
„Ja, ich habe das vermutet. Das ist okay. Nun die Frage: Meinst du, dass es einen aktuellen Grund gibt, dich zu schämen? Wir kennen uns nun schon länger, und du hast dich entschieden, mit mir diesen Weg zu gehen. Du bist erwachsen und darfst diese Entscheidung treffen. Gibt es jetzt und hier einen Grund, dich zu schämen? Machst du etwas Falsches?“
Mari schüttelte den Kopf.
„Es ist also ein altes Gefühl, das wie von selbst abläuft. Nimm es wahr, und mach einfach weiter, auch wenn das Schamgefühl noch da ist – Knopf für Knopf mit dem Gedanken: „Ich erlaube es mir! Ich darf das.“ Zieh die Bluse ganz aus dem Rock und mach alle Knöpfe auf.“
Es kostete Mari viel Überwindung und Joel wusste das.
„Das machst du gut, Mari“, bestärkte er sie. „Ich weiß, es fällt dir nicht leicht.“

Als sie beim vorletzten Knopf angekommen war, fragte er sie: „War der letzte Knopf genauso schlimm wie der erste?“ Sie spürte nach und schüttelte den Kopf „Nicht ganz so.“
„Gewöhnung macht ne Menge!“
Schließlich stand sie mit offener Bluse vor ihm. Erleichtert nahm sie wahr, dass die rechte und linke Seite der Bluse so über ihrem Oberkörper hing, dass nicht allzu viel von ihrer nackten Haut hervor schaute.

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Nun setz dich auf den Stuhl.

Wie dieses Spiel weiter geht, ist im nächsten Kapitel zu lesen, das übermorgen erscheint.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge



43. Du bist es wert, Mari!

Mari – sehr früh am Morgen bei sich zuhause

Wieder einmal erwachte Mari ungewöhnlich früh am Morgen und fand keinen Schlaf mehr.
Es begann langsam hell zu werden. Sie schaute nachdenklich aus dem Fenster…


Die Erlebnisse in ihrem gestrigen Spiel mit Joel, der wieder einmal die Rolle des Meisters für sie eingenommen hatte, beschäftigten sie sehr. Ihre Gedanken wanderten zurück, wie er sie in den nahe gelegenen Park geführt hatte, und die Übung darin bestanden hatte, dass sie sich von ihm mit verbundenen Augen führen lassen sollte.

Es war ihr peinlich, in der Öffentlichkeit solch eine Situation zu erleben, und als sie schließlich Kinder lachen gehört hatte , war es mit ihrer Fassung geschehen. Sie hatte sich das Tuch vom Kopf gerissen, weil sie diese Gefühle des vermeintlichen Ausgelacht-werdens nicht mehr ausgehalten hatte.

Wie erstaunt war sie, als sie sah, dass das Lachen der Kinder von einem Spielplatz stammte, der viel zu weit weg war, als dass irgendein Kind sie hätte sehen können. Und auch sonst waren an diesem abgelegenen Bereich des Parks, in den Joel sie geführt hatte, keine Spaziergänger unterwegs. Sie fühlte sich beschämt. Er hatte dafür gesorgt, dass sie in keine peinliche Situation gekommen war… Und es war ihr nicht gelungen, ihrem Meister zu vertrauen.

Selbst jetzt war er nicht sauer auf sie geworden. Er hatte ihr allerdings bewusst gemacht, dass sie die Regel gebrochen hatte, dass nur der Meister eine Übung oder das Spiel beendet und sie daher jetzt die Wahl habe, dass entweder die Sitzung an diesem Tag beendet wäre oder sie eine Strafe als Ausgleich anzunehmen hatte, um dann wieder einsteigen zu können in das Spiel mit ihm.

Sie hatte ihn um Entschuldigung gebeten und hatte erklärt, was in ihr vorging. Er hatte sich das verständnisvoll angehört, aber… er blieb dabei – nur wenn sie bereit war, ihren plötzlichen Abbruch auszugleichen, würden sie das Spiel an diesem Tag weiter führen. Sie rang mit sich und gelangte schließlich, weil sie nicht mit so einer „abgebrochenen, verunglückten“ Erfahrung nach Hause gehen wollte, zum Einverständnis mit der Sanktion. Dabei fühlte sie, wie wichtig ihr diese Erfahrungen der Meisterspiele waren – trotz aller Angst und all der anderen oft schwer auszuhaltenden Gefühle.

In ihrem warmen Bett jetzt früh am Morgen, als es fast noch dunkel war draußen, dachte sie daran zurück, wie sie dann kurze Zeit später – inzwischen wieder bei Joel zuhause – vor dem Sessel stand, in dem ihr Meister saß, und sie ihm als Ausgleich erklären sollte, was Strafe Gutes an sich hätte. Das war keine kleine Herausforderung! Ihr fiel glücklicherweise das Wort Ausgleich ein und sie sagte es in einem Satz, dass Strafen eine Balance nach einem Regelbruch herstellten. Allerdings fühlte sich das mehr wie auswendig gelernt an. Wirklich als Wahrheit konnte sie das für sich noch nicht empfinden, obwohl sie nun schon zwei Spiele mit seiner besonderen Art von Bestrafung hinter sich hatte, in denen sie das zumindest etwas hatte verinnerlichen können.

Sie durfte und sollte ehrlich sagen, wie sie sich damit fühlte. Und auch wenn es ihr schwer fiel, sie sprach von den ihren intensiven Gefühlen von Scham, Peinlichkeit und Angst und Versagen, das mit den Sanktionen einher ging. Ein langes, ehrliches und offenes Gespräch zu diesem Thema war entstanden, in dem sie auch Fragen stellen durfte. Sie wollte wissen: „Warum muss es denn eine Strafe sein, reicht es denn nicht, wenn ich mit Worten meine Einsicht zeige?“ 
Und der Meister hatte ihr erklärt, dass eine Handlung eine weitaus stärkere Wirkung hatte als Worte.  Das hatte Mari schließlich eingesehen, denn sie hatte selbst schon oft gespürt, dass Taten und Aktionen weitaus mehr in ihren Gefühlen bewirkten als Gedanken und Worte.

Schließlich hatte Joel in diesem lange währenden Gespräch Worte gefunden, die Maris Herz berührten und das bisher nur vom Verstand gespeicherte Wissen um den von ihr noch nicht wirklich erfassten guten Sinn von diesen Strafen auch in ihr Gefühl brachten:
Er erklärte ihr geduldig:
„Mari, ich wähle meine kleinen Sanktionen sehr sorgfältig und stimme sie auf dich und auf das, was dir möglich ist, ab. Ich will und werde dir mit meinen Strafen nicht weh tun! Ich will dich nicht demütigen, verängstigen oder beschämen  – im Gegenteil! Ich will dir damit etwas an die Hand geben, wodurch du dich nach deinen kleinen oder auch mal  größeren Regelbrüchen besser fühlen kannst und durch deine eigene Handlung oder Bereitschaft, etwas geschehen zu lassen, sofort lösen kannst aus Gefühlen von schlechtem Gewissen, Versagen, Schuld oder was auch immer du bisher immer mit Fehlern verbunden hast. Die Strafen sollen dazu dienen, dass du dich nach deinen ja öfter mal auftretenden unbeabsichtigten Regelbrüchen sofort, wenn sie erledigt ist, wieder richtig wohl fühlen kannst.“

Darüber dachte Mari jetzt nach. Wie geduldig hatte er ihr diesen Zusammenhang vermittelt, immer wieder hatte er es neu und anders formuliert… Sie durfte in dieser Situation Fragen stellen… Er hatte sich alle Zeit der Welt dafür genommen, dass sie dieses, ihm anscheinend so wichtige Procedere verstehen konnte und es nicht nur über sich ergehen ließ.
Er hatte sie in die Arme genommen, als ihr die Tränen kamen. Und danach weiter mit ihr darüber gesprochen – solange bis sie es wirklich fühlen konnte, dass er ihr mit seinen Ausgleichs-Sanktionen nur helfen wollte, ihre eingebrannte Angst vor Fehlern und den damit verbundenen Folgen zu verlieren. Ja, es würde Folgen geben – diese Maßnahmen eben, aber nichts Schlimmes würde geschehen und vor allem: Es würde nichts übrig bleiben. Wie hatte sie als Kind unter ihren kleinen Verfehlungen gelitten! Sie wurde beschimpft, sie wurde verantwortlich gemacht für die gestressten Gefühle der Erwachsenen, sie hatte Angst, dass ihre Oma an den Herzschmerzen sterben könnte, die sie durch ihre scheinbar so schlimmen Verfehlungen ausgelöst hatte. Sie litt tagelang unter Schuldgefühlen und Selbst-Verurteilungen, denn keine Gelegenheit zur Wiedergutmachung wurde ihr gegeben.  Und nach ihren kleinen Fehltritten sagte ihr hinterher niemand, dass alles wieder gut sei.  Wie hätte sie sich wohl entwickelt, wenn sie kleinen Ausgleichsmöglichkeiten bekommen hätte und die Zusage, dass danach alles vorbei und vergessen sei? Wie würde sie sich heute fühlen ohne  diese immens große Angst vor Fehlern…?

Sie erinnerte sich plötzlich an einen Satz, den sie mal gelesen hatte:
Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben – oder sich zu gestalten? Genau wusste sie den Wortlaut nicht mehr.

Hatte sie sich mit diesen Meister-Spielen mit jeder Übung, die dem Stärken ihres Vertrauen diente und von der Autoritätsperson des Meisters gestaltet wurde, eine Bühne geschaffen, in der sie alte Erfahrungen aus der Kindheit umschreiben konnte in einen neuen, wohltuenden Film?

Vermittelte ihr der Meister in seiner besonderen wohlwollenden Autorität Erfahrungen von liebevoller Führung, die sie als Kind nicht hatte machen können, weil ihr der Vater gefehlt hatte?

Wenn sie jetzt diese Ausgleichsmöglichkeit durch die Meisterspiele mit Joel erhielt, ob das nach und nach ihre Angst vor Fehlern und ihren Folgen vermindern könnte…?
Waren ihm deshalb diese Strafen so wichtig? 

Er hatte gestern trotz all ihrer schwierigen Gefühle nicht darauf verzichtet, aber er hatte unendlich viel Geduld gehabt, ihr die Zusammenhänge deutlich zu machen. 
Ein warmes, dankbares Gefühl stieg in ihr auf… 
Da machte sich jemand Gedanken um sie…
nahm sich so viel Zeit…
ging so geduldig auf sie ein…
War sie das wert?
„Ja“, flüsterte eine Stimme in ihr, „du bist es wert!“

Das wäre es, was der Meister jetzt von ihr hören wollen würde:

Ja! Ich bin es wert, ich darf es annehmen!

Und er würde es ihr bestätigen, da war sie sich ziemlich sicher:
Ja, Mari, du bist es wert! Du darfst es annehmen!

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

 

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

32. Eine heilende Übung (2) – Verletzung und Größe

Bei Joel: Mari spricht mit ihrer Sportlehrerin in ihrer inneren Welt

Maris Körper saß mit geschlossenen Augen entspannt, sicher und gemütlich in einem bequemen Sessel, während ihr Geist sich mit Joel, der wieder die Rolle des Meisters einnahm,  auf einer inneren Reise befand…
Nachdem sie sich mit der Kraft der Natur-Elemente gestärkt hatte und dadurch immens gewachsen war, begleitete ihr Meister sie durch eine Tür, die in eine Sporthalle hinein führte.
„Ich bleibe die ganze Zeit dicht an deiner Seite, versicherte er ihr. Du bist nicht allein bei allem, was du jetzt erlebst!“ Sanft legte er eine Hand auf ihre Hände, die beim Anblick der Turnhalle zu zittern begannen, damit sie seine Präsenz auch körperlich deutlich spüren konnte.

„Mari, du bist immer noch sehr groß – gestärkt durch die Natur-Elemente so groß, dass du fast an die Turnhallendecke stößt. Alles unter dir ist ganz klein, so wie aus Lego-Steinen erbaut.“

Marie roch diesen typischen Turnhallen Geruch, der sie sofort an all die schwierigen Situationen in der Turnhalle ihrer Vergangenheit erinnerte.

„Atme tief Mari. Atme die Kraft  der Sonne, des Waldes, des Windes und des Wassers“, flüsterte Joel ihr zu.

Mari versuchte den Turnhallen-Geruch durch den Duft des Waldes zu ersetzen und spürte ein Gefühl der Stärke aufgrund ihrer magischen Größe. Ihr Kopf befand sich unterhalb der Turnhallen-Decke. Sie schaute von dort oben hinab und alles sah wie eine Spielzeug-Landschaft aus – weit weniger bedrohlich als früher…

Plötzlich sah sie sich selbst , die Sportlehrerin und die Klasse von oben, wie sie da unten herumliefen:
„Heute hier in dieser Größe bist du ganz sicher“, erklärte ihr Joel. „Alles in dieser Halle sieht wie Spielzeug aus, weil du längst darüber hinausgewachsen bist. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast, und gebe dir Schutz und Sicherheit.“
Ihr Meister war in ihrer Vorstellung noch größer als sie selbst und sie nahm in Gedanken seine Hand, die er sofort sowohl im Geist als auch real fest umschloss.

Es fiel Mari nicht leicht, bei dieser Vorstellung ihrer Größe zu bleiben – ihre Gefühle sprangen hin und her.

„Atme in deinen Bauch hinein – tief und tiefer. Hier kann dir nichts und niemand mehr etwas tun. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast. Schau, wie klein sie sind… Die Lehrerin scheint irgend etwas zu rufen, doch du kannst nichts hören, sie ist einfach zu klein.“ Ganz sanft, aber deutlich fühlbar drückte der Meister Maris Hand.

Die Sportlehrerin saß mit ihrer Trillerpfeife auf der Bank in ihrem blauen Trainingsanzug und pfiff. Das konnte Marie allerdings nur sehen und nicht hören.

„Ganz ruhig und tief atmen, Mari. Schau dir deine Lehrerin an, wie klein sie ist, wie winzig…“

„Wie sie da auf der Bank sitzt, wirkt sie richtig ein bisschen in sich zusammengesunken“, stellte Marie erstaunt fest.

Jetzt stand Frau Schmidt (Name wurde geändert aus Datenschutzgründen) von der Bank auf und reckte sich… Marie erschrak und drückte fest die Hand des Meisters.

Er drückte sie auch etwas stärker als davor, um ihr Halt und Kraft zu geben. „Komm, wir beugen uns ein bisschen zu ihr herunter“, schlug er vor. „Schau sie dir genau an. Sie kann dir nichts mehr tun, gar nichts!“

Der Schreck, den sie eben bekam, als Frau Schmidt aufstand, legte sich wieder etwas.

„Siehst du wie harmlos sie ist, du könntest sie geradezu aus der Halle pusten. Aber vorher… möchtest du ihr etwas sagen?“

„Ja, ich habe ihr etwas zu sagen,“ antwortete Mari. „Hallo Frau Schmidt, hier bin ich, Mari, und hier können Sie mir nichts tun! Und hier bin ich nicht allein, mein Meister ist bei mir… Ich habe ihnen viel zu sagen. Jetzt setzen Sie sich mal auf die Bank und hören mir zu!“

„Du siehst, wie sie erschrickt. Sie zuckt zusammen, und setzt sich zögerlich auf die Bank.“ Joel drückte wieder Maris Hand, und Mari ließ nun ihren Gefühlen freien Lauf:

„Es war so schlimm, es war so schlimm, es war so schlimm – der Sportunterricht bei ihnen in all den Jahren! Er hat mir die Freude am Sport genommen. Nein, Quatsch, er hat erst gar keine Freude aufkommen lassen! Sie haben mir jegliche Lust an Bewegung, an Neugier, an Spiel und sportlicher Gemeinschaft genommen. Sie haben mir mit ihren Beschimpfungen und mit ihrer lauten Trillerpfeife so oft furchtbar viel Schrecken verursacht! Sie haben mich beschämt und vor allen anderen lächerlich gemacht – nicht nur mich auch andere, aber mich ganz besonders, weil ich so zart und klein war… Ich habe ihre Verachtung gespürt mit ihren furchtbaren Bemerkungen. Und sie haben mir nicht nur die Lust am Sport unmöglich gemacht, sondern haben mit ihren Beschämungen meinen Körper und meine Gefühle übelst verletzt!“

„Das machst du gut Mari, lass es raus, lass raus, was du schon immer sagen wolltest“, ermutigte sie Joel.

„So sehr verletzt, so sehr gedemütigt haben sie mich immer, immer wieder… so sehr beschämt und immer wieder rauf auf´s Schlimme! Ich habe mich gefühlt wie ein Wurm, den sie zertreten wollten!“

„Frau Schmitt sieht dich zitternd und beschämt an, siehst du das Mari? Sag ihr alles, was du sagen möchtest.“

 

Mit Tränen in den Augen sprach Mari weiter: „Und was das Schlimmste ist, ich habe mir immer wieder Mühe gegeben. Ich habe mein Bestes getan, was ich tun konnte. Ich habe auch in meiner Freizeit geübt, aber es hatte gar keinen Sinn! Es war vergeblich! Sie haben mich immer wieder niedergemacht, und daraus entstand das Gefühl, ich kann mich anstrengen, soviel ich will, ich bin einfach nicht veränderungsfähig – ein Gefühl, was sich auch auf anderes übertragen hat und mich auch in anderen Zusammenhängen gebremst hatte.“

Marie sah auf die Sportlehrerin herab. Inzwischen tat sie ihr ein bisschen leid, aber es war noch nicht alles, was sie zu sagen hatte.

Ihr Meister ermunterte sie, weiter zu sprechen: „Mari, es ist wichtig, dass du alles ausdrückst, was dich belastet! Sag ihr alles, was noch in dir ist.“

„Vermutlich haben sie nicht gewusst, wie schlimm das alles ist, wie schlimm es war, und wie schlimm es immer noch ist, über so viele Jahre bis jetzt! Ich hatte dadurch so viel Scham und habe sie immer noch! Alles, was meinen Körper anbelangt, hat immer mit Peinlichkeit zu tun. Die natürlichsten Sachen fallen mir schwer, weil von ihnen so oft, wenn sie mich angesehen haben, ironische oder laute Beschimpfungen gekommen sind… Ich habe fast immer peinliche Gefühle, wenn mich jemand bei was auch immer beobachtet, weil… wenn wir Sport gemacht haben, haben wir ja nicht immer gesehen, wen sie wann beobachtet haben, und ganz plötzlich und oft unerwartet kamen dann die Verunglimpfungen. Da ist eine so riesige Angst und Scham in mir über all die Jahre in meinem Körper und in meinen Gefühlen gespeichert, dass ich mich so vieles nicht traue, es gar nicht erst wage, etwas auszuprobieren.

Und als sie mit mir Ball werfen trainiert haben, und immer wieder gebrüllt haben, dass ich so kraftlos werfe wie ihre sechsjährige Tochter, obwohl ich ja schon 13 Jahre alt war, habe ich mich so geschämt. Vor der ganzen Klasse haben sie mich da bloßgestellt!“

„Sehr gut Mari, lass es raus, lass deine Scham aus dir heraus, gib sie ihr zurück, gib ihr die Pein zurück!“ ermutigte sie Joel wieder.

„Ich sollte es schaffen, bis über die Linie zu werfen, und ich habe es nicht geschafft. Ich habe es immer wieder nicht geschafft! Und dann habe ich mir vorgestellt, hinter der Linie stehen sie, und ich könnte es mit meinem Ball erreichen, dass sie still sind, dass sie mal umkippen und endlich still sind und Ruhe geben!  Mit dieser Vorstellung ist es mir einmal gelungen, den Ball über die Linie zu befördern, aber ich will mir eigentlich gar nicht schlimme Sachen vorstellen, damit ich ein Ziel erreichen kann. Damit habe ich Gedanken gehabt, die gegen meine Werte waren – schon damals. Sie waren für mich die Schreckensperson der ganzen Schule, immer wenn ich in die Sporthalle hinein gegangen bin, stieg schon das Angstgefühl in mir auf!“ 
Erschöpft hielt sie inne.

„Aber nun hast du keine Angst mehr vor ihr, Mari! Sag es ihr.

„Heute habe ich keine Angst mehr vor ihnen, heute weiß ich, dass sie aus irgendeinem inneren Grund auch nicht anders konnten, als sie es konnten… Und ich wünsche mir, dass sie Frieden finden, denn sie müssen voller Aggressionen gewesen sein, oder vielleicht voller Schmerz. Ich weiß es nicht, es hat sicher einen Grund gegeben, und dieser Grund war nicht wirklich ich, aber ich habe es abbekommen! Und all der Not, die ich damals gespürt habe, habe ich etwas gemacht! Ich habe viel Einfühlungsvermögen für Kinder, besonders für die, die gemobbt werden, denen es schlecht geht, die Angst haben… und ich habe es mir zum Beruf gemacht, ihnen zu helfen und bin Lehrerin geworden.“

„Du bist sehr stark Mari, du willst ja keine Rache, du willst nur einen Ausgleich, indem du ihr nun all das sagst, was du nie hast sagen können – und sie muss es sich anhören.“

„Ich habe diesen Beruf gewählt und liebe ihn, weil ich auch dieses Vergeblichkeitsgefühl kenne, das manche Kinder haben:  dieses Gefühl: man kann sich noch so viel Mühe geben, und es scheint nicht zu klappen, dass man besser wird in den Leistungen, in denen man so gerne besser werden würde. Ich will besonders Kindern helfen und sie ermutigen, dieses Vergeblichkeitsgefühl aufzulösen. 
Und ich habe daraus gelernt, dass ich nicht im Sport besser werden muss, sondern dass es andere Dinge gibt, in denen ich gut sein kann!“

„Ja, Mari, du bist gut, du bist groß, du bist stark! Fühlst du es? Sag es ihr.“

„Es ist wichtig, dass sie wissen, wie schlimm das für mich und wahrscheinlich auch viele andere Schülerinnen und Schüler gewesen ist, damit diese Kette nicht fortgesetzt wird. Aber ich möchte, dass sie sich selbst auch verzeihen, und die Ursache finden, weshalb das so gekommen ist bei Ihnen. Ich bin nicht gut im Sport, aber ich habe andere Dinge, in denen ich gut bin! Eins davon ist: Ich kann vergeben. Frau Schmidt, ich vergebe ihnen, und ich bitte sie, vergeben auch sie sich selbst.“

„Deine Barmherzigkeit ihr gegenüber ist wahre Größe, Mari. Spüre die Kraft in dir!“

„Ja, diese Kraft spüre ich, Und die ist mir wertvoller als jede Sportübung!“

„Das ist eine gute Kraft Mari, eine edle Kraft! Du hast andere Übungen gemacht, und sie haben dir eine andere wertvollere Größe und Stärke verliehen.“

Geschrieben von Rafael und Miriam 

Weiter geht´s im nächsten Kapitel: –> 33. Eine heilende Übung (3) – Vergebung und Ausgleich

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge