77. Manchmal geht es einfach darum, nichts zu tun

Bei Joel – mit aller Angst durch die Erfahrung hindurch gehen

Joel hatte Mari mit zwei Osterkörbchen voller bunter Eier überrascht. In einem Körbchen gab es Eier, die mit einer Herausforderung verbunden waren, und im anderen waren Eier, die ein Geschenk für sie beinhalteten. Mari hatte sich zuerst das Ei mit der Herausforderung ausgesucht. Diese bestand darin, ihre Kontrolle dadurch einschränken zu lassen, dass Joel, der innerhalb des heutigen Spiels wieder einmal die Meisterrolle für sie einnahm, ihr auf einem Stuhl die Hände hinter der Rückenlehne fesselte.

Als er das Seil um beide Gelenke band und es dann deutlich fester zog, rief sie: „Joel, ich habe Angst! Das fühlt sich anders an als letztes Mal!!!“

Geduldig abwartend hielt Joel sanft ihre Hände, drückte sie leicht und fragte sanft: „Geht es noch?“

Mari zögerte einen Moment. „Ich möchte es gern schaffen“, sagte sie schließlich mit zittriger Stimme.“
„Gut, Mari! Tief atmen,“ erinnerte er sie daraufhin mit ruhiger Stimme.

„Machst du es wieder so, dass ich mich zur Not selbst heraus lösen könnte?“ wollte sie wissen.
Er lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Atmung: „Ein und ausatmen, Mari. Immer wieder ganz in Ruhe: ein und aus, ein und aus… Ja, gut so, und dehne die Ausatmung etwas aus, dass du länger aus als einatmest. Das entspannt.“

Okay, Mari versuchte langsamer zu atmen, in dem Rhythmus, den er ihr mit seinen Worten vorgab: ein und aus – ein und aus…
Er zog noch etwas fester an dem Seil und machte einen Knoten.  
Obwohl sie sich immer noch darauf konzentrierte, langsam und bewusst zu atmen, verstärkte das ihre Angst.
„Ich werde darauf achten, dass dir nichts passiert“, sagte Joel.
Sowohl seine Worte, als auch seine besänftigende Stimme taten ihr gut, und sie spürte, wie der Druck in ihrem Kopf und das Zittern daraufhin ein wenig nachließ.

Schließlich trat er einen Schritt zurück. „So, die Fesselung ist fertig.“

Mari versuchte, ihre Hände auseinander zu ziehen und stellte entsetzt fest, dass es diesmal nicht funktionierte. Wie ein heißer Strom schoss eine weitere Angstwelle durch sie hindurch.
„Einfach nur sitzen bleiben“, sagte Joel sanft und stellt sich an ihre Seite dicht neben sie.
„Ich kann jetzt gar nichts machen“, rief Marie panisch, „das ist anders als beim letzten Mal! Ich könnte so nicht mal aufstehen vom Stuhl!“
Ruhig antwortete er: „Ja, stimmt. So ist es in diesem Moment. Ich sagte doch:
Bleib einfach still sitzen. Du sollst nichts machen, und ich werde nichts machen. Es geht jetzt nur darum, den Moment auszuhalten.“

Ihr Körper fühlte sich heiß und kalt gleichzeitig an. Sie hielt die Luft an und versuchte zu tun, was er sagte, einfach nur still sitzen… In Gedanken sagte sie sich den Satz noch einmal: Einfach nur still sitzen… Nichts machen…. und er wird nichts machen…
Er stand ganz still und ruhig direkt neben ihr. Sie drehte den Kopf zur Seite, sah ihn an und fragte mit wackeliger Stimme: „Würdest du bitte eine Hand auf meine Schulter legen?“
Er nickte lächelnd und legte seine warme Hand ganz behutsam auf ihre angespannte Schulter.

Diese Berührung war für sie wie ein Halt in der Heftigkeit ihrer Angst-Gefühle. Sie konzentriert sich auf ihre Schulter und spürte, wie ein warmer Strom von dort aus durch ihren Körper floss. Dabei atmete er deutlich hörbar dicht neben ihr, um ihr einen sanften Rhythmus vorzugeben – in der Absicht, auf diese Weise, ihren Atem zu synchronisieren und ihn dadurch allmählich zu beruhigen. Diese ruhigen Atemzüge, die er so hörbar machte, dass sie ihnen leicht folgen konnte, helfen ihr, sich langsam etwas zu entspannen. Er atmete sehr deutlich, und sie setzt ihre ganze Willenskraft und Konzentration ein , um sich mit ihrer Atmung anzupassen. Nur ab und zu zuckte in ihrem Körper eine Angstwelle durch, die sie wieder aus dem Rhythmus brachte.

„Das machst du sehr gut Mari“, sagte er sanft.
Seine Worte ließen sie unwillkürlich einen besonders tiefen Atemzug nehmen, der ihre Anspannung milderte und ihr half, den angestauten Druck mit dem Ausatmen aus sich heraus fließen zu lassen.

Nach einem kleinen Weilchen trat er wieder hinter sie und sagte: „Gut, Mari, gleich hast du es geschafft. Ich werde dich jetzt losbinden, aber vorher versuch noch einmal die Hände voneinander zu lösen und spüre, dass du diesmal wirklich gefesselt bist und dich nicht selbst befreien kannst.“

In dem Moment, in dem er seine Hand wieder von ihrer Schulter nahm, sich von ihr einen Schritt entfernte und sie erfolglos versucht ihre Hände aus den Seilen zu befreien, fühlte es sich noch mal wieder ziemlich schlimm in ihr an. „Es geht wirklich nicht!“ brachte sie hervor.

„Ja das stimmt“, bestätigte er, „und jetzt bitte still halten. Ich werde jetzt den Knoten öffnen.“
So bewegungslos wie möglich hielt sie ihre Hände und wartete auf den Moment, in dem sie sie wieder bewegen konnte. Es dauerte etwas. Dieser Knoten war nicht ganz leicht zu lösen. Sie versuchte, sich weiterhin mit Ein- und Ausatmen in der Situation ruhig zu halten. Schließlich konnte er das Seil ganz sanft wegziehen. Sofort nahm sie die Hände vor sich auf den Schoß und bewegte sie etwas. „Puh, bin ich froh, dass das jetzt vorbei ist!“

Er ging um sie herum, stand schließlich vor ihr, breitete seine Arme aus, um sie zu einer Umarmung einzuladen. Nur allzu gern nahm sie dieses Angebot an. Fest nahm er sie in die Arme. Oh, tat das gut!
Das Gehalten-werden und die Wärme, die von ihm ausging, war ein solcher Gegensatz zu den Gefühlen, die sie davor hatte, dass ihr die Tränen kamen. „Diese Erleichterung jetzt zu spüren, ist so wunderbar! Das ist ein fantastisches Gefühl!“, brachte sie hervor.

„Ja, jetzt ist alles gut“, lächelte er, „dir ist nichts passiert! Und um dieses intensiver Erleichterungsgefühl zu spüren, lohnt sich doch das Aushalten der Herausforderung davor, oder?“

 „Stimmt, mir ist wirklich nichts passiert! Und die Angst dabei hat sich sehr heftig angefühlt, aber jetzt hinterher… das ist ein richtiges Glücksgefühl!“ bestätigte sie. 

Dann sagte sie nachdenklich: „Dabei weiß ich doch inzwischen, dass ich vor dir keine Angst haben muss, aber trotzdem war in diesem Moment das Gefühl der Angst ganz schlimm, als ich merkte, dass ich die Hände nicht auseinander bekam.“

„Die Angst ist eben ein altes Gefühl, das in den Körperzellen gespeichert ist. Und dieses Mal warst du wirklich gefesselt! Das hätten wir so bisher nicht machen können, und du hast es geschafft, es gut auszuhalten.“

„Ja, das stimmt, diesmal war es wirklich fest. Und du hast es mir vorher nicht gesagt!“

Er nickte. „Du sollst mir ja vertrauen, egal was ich mache.“

„Das versuche ich auch immer – so gut es geht…“ antwortete sie leise.
„Ja, das merke ich, Mari.“ bestätigte er. „Und du hast die Situation gut bewältigt.“
„Naja, ich habe schon ziemlich Angst gehabt, aber ich wollte gerne schaffen, mit all der Angst, durch die Situation hindurch zu gehen.“
„Und das ist dir gut gelungen! Du warst sehr mutig und tapfer Mari“, lobte er sie.

„Danke schön, lieber Meister, das freut mich, dass du das so siehst!“ freute sie sich und löste sich langsam aus seinen Armen.

„So, wir haben noch eine zweite Runde!“ sagte er daraufhin.

„Ach so??? Noch mal ???“ fragte sie erstaunt.  Dabei war sie doch gerade so erleichtert, dass sie die Fessel-Erfahrung, die diesmal deutlich fester war, als beim Mal davor, überstanden hatte…

Und wie es in der nächsten Runde weitergeht, gibt es am Ostersonntag zu lesen

geschrieben von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

7. Eine utopische Heilungsreise: FURCHT UND Erleichterung

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Mari freute sich morgens schon immer darauf, ihren nächsten Umschlag zu öffnen. Sie steckte sich das heutige Schokoladentäfelchen in den Mund, trank Tee dazu und las gespannt wie es Carina weiter erging im Raumschiff mit ihrem Meister…

Am Morgen nach dem überraschend schönen Nikolaustag wird Carina zu René, dem Kommandanten, bestellt. Nervös läuft sie in ihrem Zimmer auf und ab. Um 11 Uhr soll sie sich bei ihm melden, sie hat noch eine halbe Stunde Zeit. Bisher ist sie ihm möglichst aus dem Weg gegangen, nachdem sie von ihrer Zimmernachbarin schlimme Gerüchte über ihn gehört hatte. Natürlich dämmert es ihr   inzwischen, dass dieser Wahrheitsgehalt sehr fraglich ist, aber der Schreck, den ihr dieses Gespräch versetzt hatte, sitzt noch immer in ihr. Meister René ist ihr irgendwie unheimlich. Dazu kommt seine Autoritätsfunktion als Kommandant. Sie hatte schon immer Angst vor Autoritäten. Was wird er nur von ihr wollen? Hatte sie sich etwas zu Schulden kommen lassen? Ob es um ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft in den ersten Tagen geht? Oder ob doch noch ihre Fluchtgeschichte geahndet werden soll? Ihr Gedankenkarussel dreht sich immer heftiger… Dann fällt ihr Blick auf ihren Adventskalender, und sie befördert folgende Botschaft zu Tage:

Liebe Carina,
Du brauchst dich vor nichts und niemanden zu fürchten.

Du bist hier ganz sicher und gut aufgehoben.
Und wenn du Sorgen hast: Ich bin immer für dich da.
In Liebe Ramon

Ramon würde es nicht zulassen, dass ihr etwas Schlimmes geschieht. Etwas getröstet macht sie sich auf den Weg zu René. Der empfängt sie mit den Worten: “Na, da kommt ja unsere kleine Ausreißerin.” Angstvoll schaut Carina ihn an. Also geht es doch noch einmal um ihren Fluchtversuch. Aber wie ist dann das Lächeln in seinen Augen zu verstehen?

“Carina, du bist nun eine Woche hier, und ich freue mich, dass ich gestern zum ersten Mal ein Lächeln in deinem Gesicht gesehen habe. Ich weiß, du hast es in den ersten Tagen recht schwer gehabt. Die erste Woche war dazu da, dass jede Schülerin erst einmal mit ihrem persönlichen Ausbilder etwas vertraut wird. Ich weiß, dass es unter den Frauen einige sehr beängstigende Gerüchte gibt, was die Meister und besonders mich anbelangt. Nachdem ihr nun alle Gelegenheit hattet, eure Meister etwas kennenzulernen, ist es an der Zeit, dass ihr auch mich, euren Kommandanten und Gruppenleiter ein wenig kennenlernt, um euch selbst ein Bild zu machen, ob ihr hier bei mir im Raumschiff gut aufgehoben seid oder nicht. Dazu werde ich jede einzelne Schülerin nach und nach zu einigen Gesprächen zu mir bitten, damit wir miteinander vertrauter werden. Wenn ich dich also bitte, zu mir zu kommen, Carina, hast du keinerlei Grund, irgend etwas Negatives zu befürchten.”

Verlegen schaut Carina ihn an. Steht ihr ihre Angst so deutlich im Gesicht geschrieben?

René bietet Carina einen Tee an und bittet sie, ihm etwas über sich, vielleicht auch über ihr bisheriges Leben auf der Erde, zu erzählen. Egal was… das, was ihr gerade einfällt.

Nach der ersten Beklommenheit und Unsicherheit erzählt Carina zögernd von ihrer Familie, ihrem Beruf, der ihr viel Freude gemacht hat, und von ihrer kleinen Wohnung, die sie allein bewohnt. Während sie erzählt, erwacht das Heimweh wieder in ihr.

René legt seine Hand auf ihre Schulter und sagt tröstend: “Du wirst das alles wieder bekommen, Carina, und dann wirst du es noch viel mehr genießen können. Wie gut, dass deine Flucht nicht geglückt ist, denn dann hättest du dich wohl für eine längere Zeit nicht nach hause zurück getraut. Die Zeit hier wird schnell vergehen und angefüllt sein mit vielen interessanten, erfüllenden Erfahrungen. Du wirst zunehmend mehr Sicherheit bekommen und diese dann in dir tragen, wenn du nach Hause zurückkommst. Ganz sicher bringe ich euch wieder heim zur Erde – darauf gebe ich dir mein Wort!”

Nach diesem Gespräch fühlt sich Carina etwas erleichtert. Sie spürt, an den Gerüchten ist keinerlei Wahrheit. Eine leise Stimme in ihr flüstert: ‘Jemand, der so liebevolle Nikolausbilder verschenkt und der jeder Frau eine Gelegenheit einräumt, ihn kennenzulernen und sein Interesse und Mitgefühl zeigt, kann wohl kaum ein Sadist sein.’
Die andere Stimme der Angst mahnt jedoch: ‘Sei auf der Hut, du hast gehört, erst tun sie freundlich, und dann lassen sie ihre Maske fallen.’
Welcher Stimme soll sie Glauben schenken?
Wieder erinnert sie sich an die Worte Ramons: ‘Du kannst nur glauben, was mit deinen Erfahrungen übereinstimmt. Die mit der Zeit gemachten Erfahrungen werden dir helfen, dich nach und nach sicherer zu fühlen.’

Hatte nicht René so etwas ähnliches gesagt?

Auch an diesem Tag macht Carina nur noch angenehme Erfahrungen. Das Schönste ist eine von Ramon angeleitete Meditation, in der sie sich im Licht und Schutz ihres eigenen Herzens wiederfindet und tiefen Frieden und Geborgenheit spürt.

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)