73. Notwendig? Hilfreich? Der Situation angemessen?

Bei Joel – Fragen zum Einordnen alter Gefühle

Zu Beginn des heutigen Spiels hatte Joel zu Mari gesagt:
„Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen.
Es geht darum jedes Gefühl wahrzunehmen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Setz dich. Du wirst jetzt gleich nichts mehr sehen können. Das kennst du ja bereits, hatten wir ja schon mehrmals gemacht.“
Sorgsam darauf achtend, dass er ihr die Haare nicht in den Knoten des Tuches einklemmte, band er ihr ein Tuch um die Augen. „Wie fühlst du dich?“
„Etwas beklommen, unsicher.“ antwortete sie.
„Fühlt sich das schlimm an?“
„Nein, nicht wirklich schlimm.“
„Was macht das Schamgefühl wegen der aufgeknöpften Bluse?“
„Ist noch da“
„Stärker oder weniger stark?“
„Stärker“
„Du merkst, mit verbundenen Augen fühlt man intensiver.
Er trat hinter sie. Maris Unbehagen verstärkte sich in diesem Moment.
Dann legt er mit einem angenehmen Druck seine warmen Hände auf ihre Oberarme. „Das tut gut.“ sagte sie leise.
„Ja, ich weiß, mit dem Berühren und Halten deiner Arme vermittele ich dir Geborgenheit und Schutz. Dadurch wird das andere weniger heftig, stimmt´s?“ Sie nickte und fühlte sich verstanden.

Als sie sich etwas entspannt hatte, trat er wieder vor sie, nahm das Tuch ab und erklärte ihr: „Keine Angst, ich binde dir jetzt die Hände zusammen, aber so locker, dass du es jederzeit lösen kannst. Halte sie mal zusammen vor deinen Körper. Auf Maris Schoß wickelte er nun ein Tuch um die Hände, so dass sie es gut sehen konnte. Und noch bevor sie in Angst geraten konnte, sagte er: „So, und nun probiere es selbst aus, ob du sie leicht auseinander bekommst, wenn du es willst.“ Und sie machte die Erfahrung, dass die Hände sich leicht aus dem Tuch heraus lösen ließen.
„Es geht nur um ein spielerisches Herantasten an das Gefühl, was dadurch ausgelöst wird. Wie fühlst du dich?“
„Etwas unbehaglich, nicht wirklich Angst, aber so ein bisschen in die Richtung.“
„Erträglich?“
„Ja.“
„Keine Angst, jetzt kommen die Füße ans Stuhlbein. Auch mit einer Bindung, die du sofort lösen könntest.“ Ganz ruhig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, band er nun auch ihre Fußgelenke an die Stuhlbeine.
„Wie fühlst du dich? Hände und Beine sind bewegungsunfähig, aber du bist nicht hilflos, denn du könntest sie lösen.“
„Ich spüre das sehr deutlich, und ein etwas stärkeres Angstgefühl entsteht.“
„Okay, Mari, dein Körper nimmt wahr, dass da was ist, was sonst nicht so ist. Aber du weißt, du könntest dich sofort aus der Situation befreien. Du fühlst zwar die momentane Bewegungsunfähigkeit der Arme und Beine, aber du bist nicht hilflos. Ist ja alles spielerisch. Ist also ein realer Grund für Angst da?“
„Nein.“
„Wie geht´s dir jetzt, wo du dir das bewusst gemacht hast?“
„Besser.“

„Jetzt das Ganze mit verbundenen Augen. Du weißt, du könntest dich jederzeit lösen.“
Er trat hinter sie und band vorsichtig, dass es nicht ziepte, ein Tuch um ihre Augen.
„Wie ist es? Wie fühlst du dich?“
Mari begann leicht zu zittern. „Ich spüre das eben noch leichte Angstgefühl jetzt intensiver, spüre auch deutlicher die Bindungen.“
„Okay, alles ist in Ordnung, Das ist deshalb, weil du nichts siehst, da fühlst du intensiver. Du spürst sicher auch meine Hände jetzt deutlich.“ Mit einem wohltuenden Druck massierte er ihr die Schultern.
„Und jetzt? Wie fühlst du dich dabei?“
„Besser.“
„Du weißt und spürst an meinen Berührungen: Hier ist nichts wirklich gefährlich. Das sind alte Angstgefühle, die im Körper gespeichert sind. Es ist in Ordnung, dass sie da sind, aber du triffst die Entscheidung, Mari. Die Frage, die sich in solchen und ähnlichen Situationen immer wieder mal stellt, lautet:

Ist das, was du fühlst, also z.B. deine Angst oder deine Scham notwendig, um dich vor einer realen Gefahr zu schützen? Hilft es dir bei dem, was gerade ist? Und ist es angemessen, also passend zu deinen Wünschen, deiner Reife, deinem Wissen und deinen Entscheidungen in der aktuellen Situation?
Kurz: Ist dieses Gefühl, was gerade da ist, JETZT notwendig, hilfreich und angemessen?“

Mari schüttelte den Kopf und sagte leise: „Nein, eigentlich nicht, es gibt keine reale Gefahr und auch nichts wirklich Falsches.“
„Okay. Willst du dich nach dem Angstgefühl richten, oder willst du dieses Experiment, das wir beide hier machen, weiter machen?“
Sie zögerte einen Moment und entschied dann: „Ich will weiter machen.“
„Was macht das Schamgefühl?“
„Hab gerade nicht mehr so dran gedacht, eben waren die angenehmen Berührungen deiner Hände auf meinen Schultern im Vordergrund.“
„Und ich wette, dass die Füße angebunden sind, hast du auch schon vergessen.“
„Ja, stimmt“, sie lachte.
„So, nun machen wir mit den Händen noch was anderes: Ich löse die Bindung, und du nimmst sie mal hinter die Stuhllehne.“
Dort band er sie wieder mit dem Tuch zusammen.
„Wie fühlt sich das an?“
„Weitaus unangenehmer.“
„Ja, vor dem Körper könntest du noch irgendwas machen mit den Händen, sie vor dich nehmen, sie höher oder tiefer halten… So bist du noch mehr fixiert.“
„Und es verstärkt auch das Schamgefühl, weil ich vorher die Arme vorn vor meiner Brust hatte und sie jetzt so ungeschützt ist.“
„Nochmal die Frage:
Sind Angst- und Schamgefühle jetzt notwendig, hilfreich und der Situation angemessen?
„Nein, ich weiß, es ist hier keine reale Gefahr, und ich mache auch nichts falsch, wofür ich mich schämen müsste. Wir sind zu zweit, und ich hab mich zu diesem Weg mit dir bewusst entschieden. Da gibt´s eigentlich nichts, wofür ich mich schämen müsste, auch wenn es sich so anfühlt. Und hilfreich sind sie wahrlich nicht.“
„Es ist alles okay, sie sind da, und es ist wichtig, dass du sie wahrnimmst, aber du musst dich nicht nach ihnen richten. Das ist der wesentliche Faktor dabei.“

Nach diesen Worten löste er alle Tücher und sagte sanft: „Damit ist es dann auch genug für heute.“
„Wie geht es dir?“
Sie knöpfte ihre Bluse zu, dehnte und bewegte sich und spürte in ihre Arme und Beine hinein. „Eigentlich ganz okay“, meinte sie erstaunt. „Besser als ich anfangs vermutet hätte. Es tat mir gut, dass du mich darin unterstützt hast, meine Gefühle wahrzunehmen, mich zu fragen, ob sie hier und heute notwendig, helfend und angemessen sind. So konnte ich dann schließlich mit ihnen weiter machen, ohne sie abzulehnen und ohne mich von ihnen beeinflussen zu lassen.“
„Wie schön“, lächelte Joel, „wir sind auf einem guten Weg…“ Er reichte ihr die Hand, zog sie von ihrem Stuhl, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: „Das Spiel ist beendet.“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

56. Ein Ritual zum Jahreswechsel mit den vier Elementen

Mit Joel unterwegs zu einem Jahreswechsel-Vertrauensritual

Mari saß mit Joel, im Auto – unterwegs zu einem ihr unbekannten Ziel. Sie wusste nur, dass sie zum Haus eines Freundes fahren würden und er sie dort durch ein Ritual führen wollte, in dem sie 4 Wünsche stärken und 4 Ängste mit heilenden Kräften verbinden lassen konnte, um damit gut ausgerüstet auf diese besondere Weise gestärkt ins neue Jahr zu gehen. Ihr größter Wunsch und die Kraft, die alles miteinander verband – ja eigentlich das Thema ihres gemeinsamen Weges: VERTRAUEN sollte hierbei eine wesentliche Rolle spielen. Deshalb sollte sie sich auf dieser Fahrt ganz auf ihn verlassen und bekam eine Augenbinde, um das noch tiefer fühlen zu können.

Nachdem sie sich etwas an die Tatsache gewöhnt hatte, nichts sehen zu können, war sie im Auto eingeschlafen. Es war gegen Mittag, als sie am Zielort ankamen. Just als das Auto zum Stehen kam, erwachte sie, bewegte ihre etwas steif gewordenen Arme und Beine und fragte: „Sind wir angekommen?“
„Ja“, bestätigte Joel und half ihr mit den noch immer verbundenen Augen auszusteigen.
Er stellte sich hinter sie, nahm ihr vorsichtig die Maske ab und sagte fürsorglich zu ihr: „So, vielleicht lässt du die Augen erst noch zu, und öffnest sie ganz langsam, damit es dich nicht blendet.“
Sie standen vor einem schönen Landhäuschen inmitten eines großen Gartens.
Und obwohl sie die Augen langsam öffnete, spürte sie das gar nicht mal so helle Licht als starken Reiz.
„Ganz in Ruhe“, empfahl Joel, „und viel blinzeln, damit sich die Augen langsam an das Licht gewöhnen.“
„Ja, es blendet tatsächlich etwas, aber wird schon besser“, stellte sie fest.

Joel nahm das Gepäck, und sie gingen hinein. Während er sie im Haus herum führte, fragte er: „Gefällt es dir?“
„Ja, es ist schön hier“, antwortet sie beeindruckt von dem ansprechenden Stil der Einrichtung.

Ihr Magen knurrte unüberhörbar. Joel lachte und meinte: „Das war eine deutliche Botschaft! Ich gehe jetzt in die Küche und zaubere uns etwas zu essen, und du kannst dir in der Zeit den Garten anschauen.“
„Ich kann dir auch gerne in der Küche zur Hand gehen“, bot Mari an.
„Nein“, lehnte er ab, „entspann dich etwas… und während du durch den Garten gehst, möchte dir noch eine Aufgabe geben. Hast du wie besprochen vier Zettel beschrieben mit je einem Wunsch und einer Angst?“
„Ja, ich habe meine Hausaufgaben gemacht“, antwortete sie lächelnd, schon gespannt, was damit geschehen sollte.
„Du wird nachher jeden Zettel einem Element übergeben“ erklärte er ihr, „und ich möchte, dass du dich jetzt schon im Garten entscheidest, welchem Element du welchen Wunsch zuordnen magst.“

Mit dieser Aufgabe zog Mari in den Garten und sah sich dort um, während Joel zu kochen begann. Er hatte schon viel vorbereitet, so dass es nicht lange dauerte. Als alles bereit war und er auch den Tisch schön gedeckt hatte, war er zufrieden und setzte sich ruhig hin, um auf Mari zu warten und sich auch etwas zu entspannen.

Mari war erstaunt über die Größe des Gartens, den sie erkundete, während sie über die Fragestellung nachdachte, welchen Zettel sie welchem Element zuordnen wollte. Als sie ihre Entscheidungen getroffen hatte, kam sie zurück in die Küche. Er lächelte sie an und führt sie direkt an den Tisch. „Na, bereit zum Essen?“
„Ja, gerne“, freute sie sich.
Und dann tischte er auf: Es gab gebackenen Kürbis, mit Aubergine und frischen gemischten Salat.
„Guten Appetit, Mari“, wünschte er, „lass es dir schmecken!“
Anschließend räumt er ab. Sie wollte dabei helfen, doch er winkte ab und sagte: „Während ich abräume , lass du dir jetzt bitte ein Symbol einfallen, das für dich alle vier Wünsche miteinander verbindet und zeichne es auf diese weiße Blatt hier.“
Das fiel Mari nicht schwer, und eifrig machte sie sich ans Werk.
Als sie fertig war, meinte er: „So, dann wäre jetzt die Zeit für das Ritual, bist du bereit?
„Ja, okay,“ erwiderte sie aufgeregt, „ich bin bereit.“

Das Ritual besteht aus fünf Schritten, erklärte er ihr. „Schritt Eins: Du wirst jetzt einen deiner Zettel einem Natur-Element übergeben. Mit welchem Element möchtest du anfangen?“
„Mit der Erde“, antworte sie.
„Okay, gib mir deine Hand“, sagte er und stand auf. Sie legte ihre Hand in seine, und er nahm sie mit hinaus in den Garten. An einer Stelle war ein Loch gegraben, und daneben stand ein kleiner, noch nicht gepflanzter Baum. Gespannt ging sie neben ihm her.
„Ich möchte, dass du deinen ersten Wunsch hier der Erde übergibst und den kleinen Baum darauf pflanzt. Genauso wie dieser Baum wachsen und stärker werden wird und so wird es auch dein Wunsch. “
Sie nahm den roten Zettel und fragte: „Soll ich das Blatt als ganzes jetzt in dieses Loch legen oder soll ich ihn vorher ein Schnipsel zerreißen?“
Er lächelte: „Mach es so wie du es möchtest. Die Erde wird ihn sich so oder so nehmen.“
Sie ging zu dem Loch, riss den Zettel langsam in kleine Schnipsel, dachte dabei noch einmal an ihren Wunsch, für den sie sich mehr Kraft erbat und an die Angst, die sie lösen wollte. Dabei streute sie die Schnipsel in das Loch. Dann gab er ihr den Baum in die Hände. Sie stellte ihn in das Loch auf die roten Schnipsel und schob mit ihren Händen andächtig die darum liegende Erde in das Loch und klopfte sie fest. Ganz berührt war sie von dieser Tätigkeit. Noch nie in ihrem Leben hat sie selbst einen Baum gepflanzt. Joel half noch etwas mit, warf noch mehr Erde an den Rand und drückte alles noch einmal fest.
„So hat dein erster Wunsch doch eine gute Ausgangsposition“, sagte er.
„Oh danke!“ rief Mari ganz bewegt. „Das ist etwas ganz besonderes für mich!“
„Das freut mich“, lächelte Joel. „Vertraue darauf, Mari, dass die Kräfte der Erde deine Angst zu sich nehmen und sie im Schoß von Mutter Erde Trost und Mut erhält, und dein  Wunsch wird dort Energie bekommen!“ bekräftigte Joel.

„Nun, welches Element, magst du als nächstes auswählen?“
„Die Luft.“
„Okay!“ Er nahm ihre Hand und führte sie zu einem kleinen Schuppen, der etwas weiter hinten im Garten stand. Sie wartete draußen, während er hinein ging, wohl um etwas zu holen… Gespannt sah sie ihm entgegen, als er mit einer kleinen Gasflasche und einer Schnur wieder hinaus kam.
„Falte bitte deinen Wunsch und befestige das Band daran“, wies er sie an. Mari tat das,
wickelte die Schnur fest herum und verknotete sie.
Joel zog einen Luftballon heraus und füllt diesen mit Helium aus der kleinen Gasflasche.
Erstaunt und erfreut über diese wunderbare Idee, lächelte Mari. Der Luftballon erinnert sie an ihre Kindheit, und diese hatte durchaus mit der Angst und dem Wunsch zu tun, den sie für das Element Luft ausgewählt hatte.
„So, Mari, und jetzt befestigst du die Schnur mit dem Wunsch an dem Ballon.“ Er hielt den Ballon so lange sicher fest, bis ihr Wunsch daran baumelte und gab ihn ihr dann in die Hand.
„Gut, und nun kannst du deinen Wunsch und die Angst, die damit zusammenhängt, der Luft überlassen.“
Sie hielt den Luftballon mit dem Zettel noch einen Moment in ihrer Hand, ließ ihn dann fliegen und schaute ihm hinterher, wie er in den Himmel aufsteigt. „Himmlische Kräfte werden sich darum kümmern“, flüsterte sie leise.
„Wunsch Nummer zwei“, sagte Joel und schaute mit ihr noch ein Weilchen dem Ballon nach.
Es war ein schönes Gefühl für Mari, mit Joel gemeinsam dem immer höher steigenden Ballon zuzusehen.
„Vertraue darauf, Mari, dass die Kräfte der Luft deine Angst mit sich in den Himmel tragen und dass sie deinen Wunsch der Erfüllung zu tragen werden!“ sagte Joel.

Schließlich ging es weiter. „Was ist das nächste Element?“ fragte er.
„Wasser.“
„Okay!“ Wieder nahm er ihre Hand und sie gingen an den Rand des Gartens, wo ein kleiner Bach floss.
„Weißt du, wie man ein Boot aus dem Blatt faltet?“ fragte Joel.
„Oh ja“, antwortete sie, „das weiß ich! Soll ich das gleich tun?“
„Ja, bitte“, nickte er.
Geschickt faltete sie aus dem grünen Zettel ein Boot.
„Das ist dir gut gelungen, ein schönes Boot…“, meinte er, „und jetzt setze es auf das Wasser und lass es fahren. Ich halte dich an der Hand fest dabei.“
Da der Boden ziemlich uneben und ein wenig abschüssig war, fühlte es sich gut an, dass er ihr auf diese Weise Halt gab. Mit der anderen Hand setze sie ihr Boot ganz andächtig ins Wasser. Der Bach plätscherte sanft und nahm das Boot, das den Wunsch und die ihn bremsende Angst trug, ruhig mit sich.
Mari kamen ein wenig die Tränen, als sie das kleine Bötchen davon gleiten sah. Es war so ein sanftes Wegtreiben des kleinen Bootes mit dem Wunsch und der Angst an Bord… „Das ist wunderschön, sie so sacht wegfließen zu sehen“, sagte sie leise.
„Ja, vertraue darauf, dass die Kräfte des Wassers deine Angst weg schwemmen und deinem Wunsch Energie zufließen lassen, Mari!“ bekräftigte Joel.

„Fehlt noch das Feuer“, meinte er schließlich und führte sie zurück ins Haus an den brennenden Kamin im Wohnzimmer.
„Du kannst nun den vierten Zettel zusammen knüllen und ihn den Flammen übergeben.“
Mari dachte an den auf dem Blatt notierten Wunsch und die Angst, die seine Erfüllung noch ein Stück weit blockierte, und warf den Zettel schließlich ins Feuer.
Dort schien er sich fast zu entfalten, bevor er sich in den Flammen auflöste.

Gebannt beobachtete Mari dieses Schauspiel. „Es sieht so aus, als hätte das Blatt Papier ein Eigenleben und will sich noch einmal aufbäumen ehe es verbrennt“, meinte sie nachdenklich. Auf diesem Papier steht eine sehr alte Angst, die sich immer mal wieder aufbäumte und heftig bemerkbar machte bisher“, erzählte sie Joel.
Und er sagte dazu: „Vertraue darauf, Mari, dass die Kräfte des Feuers deine Angst in Licht verwandeln und deinen Wunsch stärken werden!

Die Kräfte von Feuer, Erde, Luft und Wasser sind nun deine Helfer und Verbündeten auf dem Weg zur Erfüllung

…Tja – und ein Schritt kommt noch.“Elemente

Mari schaute ihn fragend an.

„Wir werden jetzt erst einmal eine Pause machen und uns Tee und Kuchen gönnen, bevor ich dich durch den letzten Schritt dieses Rituals führe“, lächelte er, legte Mari den Arm um die Schulter und ging mit ihr in die Küche.

Der letzte Schritt des Rituals folgt 

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

54. Ungewissheit ist der Lehrpfad des Vertrauens

Bei Mari – Die Idee zu einem Vertrauensritual zum Jahreswechsel

Noch immer lagen die bunten Briefumschläge mit der Raumschiff-Geschichte bei Mari auf ihrem Regal neben dem Adventskranz. Joel richtete seinen Blick darauf und sagte: „Das Spiel beginnt.“

Mari saß neben ihm auf der Couch, und er nahm ihre Hand in seine. „Mari, jetzt kommt ja bald das neue Jahr… Was wünschst du dir besonders für dich in diesem kommenden Jahr?“

Ohne lange nachzudenken antwortete sie: „Ich wünsche mir, dass mein Vertrauen stärker wird! Ich glaube, dass sich dann vieles leichter anfühlen würde für mich – sowohl in unserer speziellen Thematik als auch im Leben überhaupt.“

Joel nickte: „Das ist ein großer, ein weitreichender und wie ich glaube auch sehr wertvoller Wunsch. Den würde ich gern unterstützen! Wärst du bereit, etwas dafür zu tun, um diesem Wunsch noch mehr Kraft zu verleihen?“

Fragend schaute Mari ihn an… „Was meinst du damit? Was denn tun?“

„Es gibt einen Satz der heißt: Ungewissheit ist der Lehrpfad des Vertrauens.“
Joel hielt weiterhin ihre Hand und erklärte: „Indem du durch Unbekanntes, Unkontrollierbares, Ungewisses hindurch gehst, und die Erfahrung machst, dass du es gut bewältigen kannst, wird dein Vertrauen sowohl in dich selbst als auch ins Leben stärker.“

Mari, der dieser Gedanke ja nicht neu war, antwortete: „Das habe ich mit dir ja gerade in unseren Spielen hier schon mehrmals erlebt.“

„Ja“, bestätigte er, „und was würdest du jetzt davon halten, wenn ich dich stellvertretend für das Leben durch ein Ritual führe, das diesen Wunsch stärkt?“

„Und was wäre das für ein Ritual?“ fragte Mari mit einem etwas unbehaglichen Flattern im Bauch.

„Ein guter Freund von mir ist mehrere Wochen verreist, und ich habe ein Auge auf sein Haus. Er hat mir angeboten, dass ich es – gern auch mit Begleitung – jederzeit nutzen darf. Es liegt etwas außerhalb und hat auch einen großen Garten. Hättest du Lust, über Sylvester dort mit mir hinzufahren?“ fragte Joel.
„Wo ist denn das Haus?“ wollte Mari wissen.

Joel schaute sie ernst an…“Ja, und an dieser Frage würde die Anforderung an dein Vertrauen bereits beginnen. Du würdest mit mir fahren, ohne zu wissen, wohin. Du müsstest dich mir anvertrauen.“

„Na, liegt es in der Nähe – oder einige Stunden entfernt? Ist es eine Reise oder nur ein Katzensprung?“ versuchte es Mari weiter…

„Nix da!“ antwortete Joel konsequent. „Die einzige Frage, die du dir selbst stellen musst ist die, ob du dich mir anvertrauen willst. Wie lange und wohin wir fahren, wirst du vorher nicht erfahren.“

„Und was machen wir dort?“

„Auch das werde ich dir vorher nicht verraten. Du müsstest dich ganz auf das einlassen, was ich mit dir vorhabe. Unsere bisherigen Regeln und Absprachen würden natürlich weiterhin gelten. Darauf kannst du dich immer verlassen. Dazu gehört auch unsere Gefühls-Ampel. Sollte etwas für dich nicht gehen, und du würdest „Rot“ sagen, würde ich es sofort beenden. Nur ganz aus der Situation, also aus dem Haus und der Umgebung dort, könntest du dich natürlich nicht entfernen.“

„Dann würde es mir ja ähnlich gehen wie Carina im Haus ihres Meisters und wie im Raumschiff – ich könnte nicht weg!“

„Ja“, bestätigte Joel, „so wäre es. Du sagtest mir ja, dass dir diese Situation unter anderem besonders unter die Haut gegangen ist. Und damit es dem tatsächlich ähnelt, gibt es noch eine zweite Bedingung: Du wirst kein Geld mitnehmen!“

„Wie jetzt…“ Mari wurde es zunehmend unbehaglicher zumute.

„Damit wir eine ähnliche Situation herstellen, wie sie Carina hatte, wirst du ohne Geld mit mir kommen und darauf vertrauen, dass ich dich sicher und wohlbehalten hin und wieder zurück bringen werde. Du hättest also keine Möglichkeit, selbst wieder zurück zu fahren, falls du solch einen Impuls verspüren würdest. Ich glaube allerdings nicht, dass das passieren wird,“ lächelte er und drückte ihre Hand ein wenig, „aber es macht für dich etwas aus, zu wissen, dass es nicht möglich wäre…“

„Und wenn ich plötzlich Panik bekäme und nach Hause wollen würde?“

„Dann müsstest du dich darauf verlassen, dass ich mit deiner Angst fürsorglich und liebevoll umgehen würde – so wie ich es ja bisher auch getan habe“, antwortete Joel. „Ich bin sicher, wir würden Panik, falls welche aufkommen würde, gemeinsam gut bewältigen. Aber ich gehe davon aus, dass es soweit gar nicht erst kommt.“

Mari spürte, wie dieses Angebot von Joel sie einerseits anzog und andererseits auch beunruhigte. Wieder diese ihr schon bekannte Mischung von Angst vor Kontrollverlust und gleichzeitiger Anziehung…
„Und wie wäre es dort mit dem Essen?“ wollte sie wissen.

„Auch in der Versorgungsfrage müsstest du dich ganz auf mich verlassen. Du nimmst nichts mit! Ich sorge für alles.“

„Aber eine Wasserflasche in der Handtasche und ein paar Süßigkeiten und Snacks werden doch wohl erlaubt sein oder?“ versuchte sie zu handeln.

„Wasserflasche ja“, nickte Joel, „alles andere nicht!“

Er stand auf, zog sie von der Couch, stellte sich ihr gegenüber, sah ihr in die Augen und fragte: „Was meinst du, willst du diese Anforderung an dein Vertrauen annehmen? Möchtest du diese Fahrt ins Vertrauen mit mir machen?“

Und zu ihrer eigenen Überraschung hörte sie sich sagen: „Ja, ich nehme die Anforderung an. Ich mache dieses Vertrauensritual mit dir.“

„Und du bist bereit, die genannten Bedingungen anzunehmen? Kein Geld. Keine Info über den Ort. Keine eigene Verpflegung. Und es werden noch andere Dinge hinzu kommen, die du jetzt noch nicht weißt und über die ich jetzt auch noch nichts sagen werde. Bist du bereit dazu?“

Sie schluckte… sah ihn an… erinnerte sich an vieles, was sie bereits mit ihn erlebt hatte, und sagte: „Ja ich nehme diese Chance an. Ich bin bereit.“

„Wunderbar“, lächelte er, zog sie an sich heran und umarmte sie fest. „Ich freue mich, Mari!“

Innerhalb seiner Umarmung spürte Mari, dass diese Entscheidung für sie richtig war, auch wenn sich das nicht einfach anfühlte.

Etwas später gab er ihr noch eine Hausaufgabe: „Ich möchte, dass du zuhause für dieses Ritual vier verschieden farbige Blätter auswählst. Auf jedes schreibst du einen Wunsch, den du gern verwirklichen möchtest, und eine Angst, die der Wunsch-Erfüllung möglicherweise im Wege steht. Aber so lange bis sie sich noch nicht gelöst hat, hab dich lieb damit, denn: Du kannst sie nicht durch deinen Willen allein „wegmachen“. Wenn die Zeit reif ist, wird sie sich wandeln. Wichtig ist nur, dass du dich für die Lösung bereit erklärst…  Dann rollst du sie zusammen und machst ein kleines Bändchen drum. Ich werde das, was darauf geschrieben steht, nicht lesen.“

Fragen_auf_Zettelt

„Okay“, nickte sie, „das sollte mir nicht so schwer fallen…

Er schaute sie ernst an. „Frag dein Herz, welche vier Wünsche und Ängste du in dieses Ritual mitnimmst.“
Dann drückte er sie noch einmal an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Das Spiel ist für heute beendet.“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

17. Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Bei Mari – Hilfe kommt dann, wenn sie gebraucht wird

„So Mari, das Spiel beginnt. Setze dich jetzt auf den kleinen Schemel, den du bereits kennst.“

Überraschend wie meistens begann Joel das Rollenspiel, als er aus dem Badezimmer kam und das schwarz-bunte „Gewand des Lebens“ trug.

„Ich komme heute wieder als „das Leben“ zu dir und werde dir gleich die Augen verbinden. Das kennst du ja schon vom letzten Mal. Du hast zunächst nichts weiter zu tun, als einfach nur sitzen zu bleiben und das geschehen zu lassen. Dann wirst du weitere Anweisungen bekommen.“

Sie hörte wie er wieder hinter sie trat und leise zu summen begann – keine bestimmte Melodie, einfach nur Töne. Konnte das sein?! Ein Mann, der so zart summen konnte und das für sie tat…
Ihr Meister fand mit den Tönen einen Zugang zu ihrem gerade wieder so verletzlichen Gemüt… Im ersten Moment, als er ihr das schwarze Seidentuch umgebunden hatte, war sie verängstigt, wie letztes Mal auch. Doch dieser Schreck begann sich nun langsam sich zu lösen. Sie spürte seine warmen Hände auf ihren Schultern Mit sicheren, wohltuenden Bewegungen lockerte er ihre angespannte Körperhaltung. Ach, tat das gut! Wohlig seufzte sie leise auf. In diesem Moment hörte er auf zu summen und sprach zu ihr:

„Du wirst heute das Leben als deinen persönlichen Meister fühlbar mit deinen Sinnen erleben, Mari. Du hast dir ja neulich gewünscht, dem Leben öfter zu begegnen und zu lernen, ihm tiefer vertrauen zu können. Dein Wunsch ist wahr geworden! Steh auf und verneige dich vor deinem Meister, dem Leben.“

Gehorsam erhob sie sich und drehte sich um, da sie ihn noch hinter sich vermutete. Doch seine Stimme kam nun von woanders.

„Nein, da wo du dich hinwendest, bin ich nicht mehr. Ich bin stets unberechenbar. Dreh dich um in die Richtung, aus der du meine Stimme vernimmst.“

Langsam drehte sie sich soweit wie sie meinte, dass nun die Richtung stimmte.

„Ja,“ hörte sie ihn, „das ist fast richtig, ein kleines Stück noch nach rechts!

Sie folgte seiner Anweisung.

„Gut machst du das, Mari.“

Wie wohl ihr dieses kleine Lob tat! Daran merkte sie, wie unsicher sie sich fühlte, und wie hilfreich für sie die kleinste Bestätigung war.

„Weißt du noch, was du tun solltest?“

„Ja, Meister, ich soll mich vor dem Leben verneigen.“

„Sehr gut!“

Wieder spürte sie diese seltsame Freude über das Lob.

„Also nun – ich warte.“

Mari erschrak! Ach ja, sie sollte sich ja verneigen. Langsam beugte sie sich vor.

„Tiefer.“

„Ja, Meister!“

„Sehr gut! Nun richte dich wieder auf und komm näher.“

„Ja, Meister!“ Langsam ging sie vorwärts in die Richtung, in der sie ihn vermutete. Wie weit sollte sie gehen? Vorsichtig tastete sie um sich, damit sie nirgendwo anstieß.

„Deine Arme lässt du bitte unten. Du wirst dich nirgendwo stoßen! Sollte ein Hindernis im Weg sein, werde ich dich warnen.“

„Ja, Meister.“ Noch unsicherer als zuvor setzte sie langsam ihre Schritte vorwärts und blieb schließlich stehen.

„Komm weiter – noch näher – du bist noch nicht dort angekommen, wo ich es will.“

„Ja, Meister,“ flüsterte sie und ging weiter. Wie schwer fiel es ihr doch, die Arme nicht tastend um sich zu bewegen.

„Es fällt dir nicht leicht, mir zu vertrauen, nicht wahr?“

Sie schwieg, ganz mit der Bewältigung ihres Weges beschäftigt. Wackelig ging sie Schrittchen für Schrittchen vorwärts. So lang war ihr Wohnzimmer doch nie gewesen…“

„Du wirst es lernen! Das wird immer wieder einmal eine unserer Übungen sein – blindes Vertrauen.“ Seine Stimme klang ruhig und sicher.
Und irgendwie übertrug sich diese Sicherheit für einen kostbaren Moment auf Mari und und ein leises Lächeln flog über ihr Gesicht…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge