70. Gedankenleere

Bei Joel – Einfach nur wahrnehmen

„Mari, setz dich doch schon mal, und mach es dir gemütlich“, Joel ging in die Küche, um etwas zu trinken zu holen.
Sie setzte sich auf den Sessel und versank in Erinnerungen… Was hatte sie hier bereits alles erlebt – und immer war es – auch in allen Herausforderungen – mit Annahme und Verständnis verbunden gewesen. Was würde sie wohl diesmal in ihrem Rollenspiel erwarten, in dem Joel die Rolle des Meisters und sie die der Schülerin einnahm?
Wie würde es ihr heute gelingen, ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft, sich ihm zu öffnen auszudrücken?
Was würde sie wohl heute hier mit ihm erleben?
Wie immer war sie aufgeregt.
Ohne dass sie es merkte – so versunken war sie in ihren Gedanken – betrat er den Raum, stellte sich hinter ihren Sessel, und legte ihr seine Hände auf die Schultern. Leicht zuckte sie zusammen.
„Ganz ruhig, Mari“, sagte er leise, und… „Das Spiel beginnt.“
Sie nickte zum Zeichen, dass sie bereit war.
„Trink noch etwas Wasser“, forderte er sie auf. „Danach wirst du erst einmal nicht dazu kommen.“
Bei diesen Worten begann ihr Magen unruhig zu flattern.
Schnell nahm sie das Glas und trank es zur Hälfte aus.
„Okay, Mari. Wie fühlst du dich?“
Seine Hände fuhren langsam an ihrem Nacken hoch und griffen von links und rechts in ihre Frisur. Es tat nicht weh, aber sie spürte einen leichten Zug an ihren Haaren.
Ein kribbelndes Gefühl floss aus ihrem Bauch aufwärts durch ihren Hals nach oben in den Kopf.
„Mari?“
Wie aus weiter Ferne klang seine Stimme an ihr Ohr.
„Ich habe dich etwas gefragt.“
Was hatte er gefragt… ? Sie hatte es vergessen. „Ich weiß es nicht mehr“, bekannte sie leise.
Der Druck seiner Hände, die ihre Haare fest zwischen seinen Fingern hielten, verstärkte sich etwas – nur wenig, aber spürbar.
„Ich wiederhole meine Frage: Wie fühlst du dich?“
„Da ist Unruhe, Nervosität, leichte Angst…“
„Tut dir der Griff in deine Haare weh?“ fragte er.
„Nein“, antwortete sie „noch nicht.“
„Warum noch?“
„Wenn du den Druck stärker erhöhen würdest, täte es weh.“
Er griff eine kleine Nuance fester zu.
„Und jetzt?“
Es war fest, ja. Sie konnte den Kopf nicht bewegen, ohne dass es Schmerz erzeugt hätte, aber wenn sie ihn ganz still hielt, tat nichts weh. Aber alles in ihr fühlte sich in Hochspannung.
„Es ist noch nicht schmerzhaft.“
„Hmm, sagte er leise… Du scheinst den Schmerz ja regelrecht zu erwarten, wenn du zum zweiten Mal das Wort „noch“ verwendest. Ist das so?“
Mari überlegte. Ja, irgendwie war es wohl so…
„Mari? Ist das so?“
„Ja, da du den Druck erhöht hast… befürchte ich das.“
„Traust du mir zu, dir bewusst Schmerz zuzufügen?“
Sie wollte den Kopf schütteln, aber das ging natürlich nicht mit seinem festen Griff im Haar. „Nein, eigentlich nicht.“
„Und uneigentlich?“
„Na ja, sicher weiß ich es ja nicht ganz genau..“
„Irgendwann wird die Zeit kommen, in der du es sicher weißt, Mari“, antwortete er . „Und bis es soweit ist, wird die Angst immer wieder einmal unser Gast sein.“
War das eine Kritik? War er jetzt verärgert?
„Und es dauert so lange, wie es dauert, bis es soweit ist.“ Bei diesen Worten, die sehr sanft von ihm gesprochen wurden, konnte sie ein leichtes Lächeln dabei sogar in seiner Stimme hören, ohne dass sie ihn sah.
Erleichtert atmete sie aus.

„Sehr gut, Mari. Entspann dich so gut es geht in deine Gefühle hinein. Und antworte mir so spontan wie möglich, sprich entweder von deinen körperlichen oder von den emotionalen Empfindungen. Was nimmst du jetzt wahr?“
„Den Zug in meinen Haarwurzeln spüre ich deutlich.“
„Wie genau fühlt sich das an?“
Es ist, als würde ich jedes einzelne Haar spüren und als würde mein Kopf, der durch diesen festen Zug der Haare an einer Position gehalten wird, fast nicht in der Lage sein zu denken, so absorbiert bin ich durch diese dicht an der Schmerzgrenze entlang wandernden Empfindungen.“
„Gut, Mari, dann lass dich ganz hinein fallen in diese Empfindungen. Spüre einfach nur…“
Ein wenig reduzierte er nun die Intensität, mit der er in ihre Haare griff. Für sie war diese Nuance sehr deutlich spürbar und löste einen unwillkürlichen Laut der Entspannung aus, wobei sie tief ausatmete. Ohhh, fühlte sich das gut an, weich… entspannend… ihre Augenlider sanken herab. Gedankenfreier Raum… nur fühlen…spüren… wohl fühlen… sich ausdehnen in dieses Wohlgefühl hinein.

Joel spürte anhand ihrer verlangsamten Atmung und der leisen Laute, die sie von sich gab, wie sie diesen Zustand genoss und hielt sie bewegungslos ein Weilchen in dieser Position.

Dann griff er plötzlich wieder etwas fester hinein. Ein schnelles Einatmen war bei Mari die Folge.
„Was empfindest du?“ frage er sofort. Denn er wollte keinesfalls, dass sie in den Bereich unangenehmer Empfindungen hinein geriet.
„Es ist wie eine Welle, die durch den plötzlichen kleinen Schreck durch mich hindurch gesaust ist“, erklärte Mari und fühlte sich wieder hellwach und völlig angstfrei.
„Atme ganz ruhig weiter, und nimm einfach nur wahr, was du fühlst. Sag mir sofort Bescheid, falls sich etwas unangenehm anfühlen sollte.“
„Okay!“ Aufmerksam spürte sie nach, wie es ihrem Kopf ging. Mittlerweile war sie schon über zehn Minuten in gedankenleerem Raum…
Wieder reduzierte er ganz langsam den Druck, mit dem er an ihren Haaren zog. Und wieder atmete sie aus und ließ sich fallen in dieses Gefühl, immer weicher zu werden… Und wieder hielt er sie ein Weilchen in genau diesem Druck und ließ es dann noch sanfter werden, was eine noch tiefere Entspannung zur Folge hatte. Er fragte nun auch nicht mehr, sondern ließ Mari Zeit, in ihrem gedankenlosen, herrlich entspannten, sich immer mehr weitenden Raum der Gedankenleere zu verweilen. Immer mehr lockerte er nach und nach, unendlich langsam seinen Griff, bis er seine Hände ganz von ihrem Kopf löste und ihr selbst das nicht mehr auffiel. Diese Erfahrung währte eine knappe halbe Stunde.
Und als Mari sich dann langsam dehnte, bewegte und schließlich die Augen öffnete, sah sie Joel lächelnd ihr gegenüber auf der Couch sitzen. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so herrlich entspannt, erfrischt und gelassen gefühlt zu haben. Erfreut nahm Joel wahr, wie ihre Augen leuchteten. Im Zustand der Gedankenleere war sie tief in sich selbst, in ihre innerste Kraftquelle, versunken gewesen.
Danke“, sagte sie leise, ging langsam auf ihn zu, setzte sich neben ihn auf die Couch und nahm seine Hand. „Es ist wie ein Zauber… so wohl fühle ich mich…“
Leise sagte er: „Das freut mich sehr, Mari. Und auch wenn das Spiel jetzt beendet ist, lass diesen Zustand noch so lange da sein, wie er da sein möchte…“
Sie saßen in ruhigem Einklang noch lange auf der Couch… in Stille.
Und zum ersten Mal empfand sie die Stille nicht als belastend, sondern eher so, als würde sie sich in einem heilenden Raum aufhalten.

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49. Wenn… – …dann (1)

Bei Mari – Eine Übung in Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz (1)

Mari und Joel saßen sich auf der ausgezogenen Couch gegenüber und Joel, der für Mari bereits die Meisterrolle in ihrem Spiel eingenommen hatte, wies sie an, etwas näher an ihn heran zu rücken und sich so hinzusetzen, dass sie ihre Hände bequem auf seine Hände legen konnte, die mit nach oben geöffneten Handflächen auf einem Kissen lagen, das in seinem Schoß lag.

Als sie eine gute Sitzposition für sich gefunden hatte, schaute er ihr ein Weilchen wie so oft zu Beginn eines Spieles in die Augen, ohne etwas zu sagen. Dies Momente empfand Mari meist als sehr lang, und sie spürte, wie Aufregung und Unruhe durch ihren Körper floss.

„Entspann dich, Mari“, sagte er ihr lächelnd. „und setz dich so bequem wie möglich hin. Du wirst gleich, wenn ich es sage, deine Augen schließen und von mir einige Satzanfänge hören. Deine Aufgabe ist es, sie zu beenden, und zwar so spontan wie möglich. Sprich das aus, was dir als erstes in den Sinn kommt, ohne nachzudenken. Sollte es passieren, dass dir gar nichts einfällt, dann schweigst du. Das ist dann auch in Ordnung. Kein Stress! Bei dem nächsten oder übernächsten Satzanfang, wird dir wieder etwas einfallen. Ich werde vielleicht manche Satzanfänge auch mehrmals sagen, damit du die Gelegenheit hast, mehreres dazu auszusprechen. Das bedeutet dann also nicht, dass ich mit dem, was du davor etwas gesagt hast, nicht einverstanden bin und etwas anderes erwarten würde.“

Mari nicke und lächelte… Wie gut ihr Meister sie doch kannte und sich jetzt schon vorstellen konnte, wo eventuelle Klippen bei ihr liegen könnten. Selbstzweifel und die Angst, nicht zu genügen, gehörten zu ihren häufigsten Schwierigkeiten, und sie empfand es als sehr fürsorglich, dass er ihr durch diese Erklärung, die er ihr gleich am Anfang etwas sagte, um möglicherweise entstehenden Druck gar nicht erst aufkommen zu lassen.
„Danke Meister!“ flüsterte sie und nickte.

„Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch, Mari. Alles was dir einfällt und was du aussprichst ist in Ordnung. Meine geöffneten Hände sollen dir das Gefühl vermitteln, dass alles von mir angenommen wird. Du lässt die Augen so lange geschlossen, bis ich dir erlaube, sie wieder zu öffnen. Hast du die Übung verstanden?“

„Ja, Meister“, antwortete sie.

„Gut, dann schließe jetzt deine Augen, und lasse sie so lange geschlossen bis ich dir gestatte, sie wieder zu öffnen.“

Sie folgte seiner Anweisung. Was wohl jetzt kommen würde…

„Gut Mari,“ hörte sie ihn sagen, „spüre deine Hände, wie sie auf meinen liegen und wie sie von ihnen getragen werden. Alles darf jetzt in sie hinein fließen und ist ganz sicher willkommen. Ich beginne jetzt mit den Satzanfängen und du beendest sie so spontan wie möglich.“

Sie nickte.

„Ich freue mich, dass…“ begann er – „…wir uns begegnet sind.“, sagte sie leise.
„Ich mag es, wenn…“ – „…du sanft mein Gesicht berührst und mir über´s Haar streichst.“
„Ich wünsche mir, dass…“ – „…es keine Schwierigkeiten geben wird.“
„In Situationen, wo es schwierig wird, würde ich am liebsten…“ – „…davon laufen.“
„Wenn es mir gelingt, nicht davon zu laufen, würde ich am liebsten…“ – „…ganz klein werden und mich verstecken.“
„Wenn ich gefunden werde, würde ich mir wünschen…“ – „…ganz fest in die Arme genommen zu werden und dass es dann irgendwie leichter wird.“
„Erleichterung könnte ich fühlen, indem…“ – „…mir eine Brücke gebaut wird, dass es mir gelingt über das Schwierige reden zu können, was gerade in mir ist.“
„Wenn es mir gelingt, über das Schwierige in mir reden zu können, dann wünsche ich mir…“ – „…dass ich Verständnis und Annahme erlebe und keine Kritik und keine Strafe.“ Bei diesen Worten zitterte Maris Stimme und sie kämpfte mit den Tränen.
Gut, dass sie die Augen geschlossen hatte und ihren Meister nicht anschauen musste…

Er strich sanft mit den Daumen über ihre Handrücken, zum Zeichen, dass er ihre Bewegtheit wahrnahm.
„Mari, lass deine Augen noch geschlossen, auch wenn wir jetzt eine kleine Pause machen,“ sagte er leise zu ihr und legte ihre Hände sanft in die Mitte ihrer Brust auf ihr Herzzentrum. „Spüre mal, wie dein Herz für dich selber schlägt. Richte deine Aufmerksamkeit mal auf deinen Herzschlag. Und nimm ein paar tiefe sanfte Atemzüge. Du hast das bisher wunderbar gemacht!“

Leise setzte er sich hinter Mari, die leicht erschrak, als er seine Hände auf ihre Schlüsselbeine legte. Mit sanftem Druck brachte er sie dazu, ihren Oberkörper an ihn anzulehnen. „Ja,“ bestätigte er, „lehn dich an mich an, gib alles an mich ab… Spüre den Halt, den ich dir gebe. Deine Muskeln können weich werden… Du musst jetzt nichts tun , nichts denken, nichts beantworten, nichts erfüllen, nichts in Frage stellen, nichts überlegen… einfach nur sein…“

Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht und halfen ihr, sich zu entspannen, loszulassen, weich zu werden… Oh wie gut das tat!…

Nachdem sie ein Weilchen einfach nur so gesessen hatten, wiegte er sie leicht hin und her. Das ließ sie tief aufatmen. Ein Gefühl von Geborgenheit breitete sich in ihr aus. Sie gab noch mehr Gewicht ab, lehnte sich gänzlich an und fühlte wie eine wärmende Gedankenlosigkeit sie einhüllte und schweben ließ…

Morgen oder übermorgen geht es weiter mit dem 2.Teil dieser Übung

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