Und genau „das Eine“ – diesmal anders…

Und gerade, wenn du denkst:
„Nie mehr dieses Eine,
weil ich dabei verzage und weine“,
könnt es sein, dass du es selbst so lenkst,
dass du dir gerade dieses Eine schenkst.

Nicht um daran zu zerbrechen und zu leiden,
sondern um es aus andrer Sicht zu sehn,
und diesmal leichter durch das Eine zu gehn,
weil du lernst, genau zu unterscheiden:
Welch Denken hilft, und welches will ich meiden…

Wenn du sagen kannst: „Jetzt, in dieser Zeit,
will ich das aus andrer Sicht betrachten
und mich darin so lieben und achten,
dass ich spür: mein Herz ist stark genug und weit!
Dann kann ich sagen: Ich bin bereit…

…dieses Eine diesmal anders zu erleben.
Ich bin bereit, meine tiefste Kraft zu fühlen,
und das Spiel aus erweiterter Sicht zu spielen:
ich will mir diesmal alles geben!
Die Schleier zu heben sei mein ganzes Streben!








36. Wie durch eine besondere Art des Strafens Vertrauen wachsen kann

Bei Mari – Mari entscheidet, sich fallen zu lassen

„Das Spiel beginnt.“ Wie immer kam der Start für Mari überraschend und sie zuckte etwas zusammen.

Joel, der in ihren Spielen die Rolle des Meisters für sie übernommen hatte, stellte sich vor sie, lächelte sie an und fragte: „Na, bereit?“

Mari stimmte zu: „Ja, Meister!“

Er stellte zwei Stühle gegenüber, setzte sich auf einen und wies Mari an, auf dem gegenüberstehenden Stuhl Platz zu nehmen. 
Zunächst sagte er nichts, saß einfach nur entspannt auf seinem Stuhl und sah Mari in die Augen.

Sie fühlte sich unbehaglich, nahm sich aber vor, jetzt keine Frage zu stellen. Ihr Meister nickte ihr leicht zu.

Deine Aufgabe heute: Du wirst deine Hände gleich in meine legen und die Augen schließen. Und du wirst sie so lange geschlossen halten, wie du es für richtig hältst.“  Joel legte seine Unterarme auf seine Beine, die Handflächen zeigten offen nach oben.

Marie musste dazu mit ihrem Stuhl ein bisschen näher heranrücken. Sie legte ihre Hände, die ein bisschen zitterten, in seine. O jeh, wie unsicher fühlte sie sich wieder… Joel sagte nichts.
Ob er noch etwas dazu sagen will, überlegte sie nervös. Ich weiß ja noch gar nicht, was der Indikator dafür sein soll, um die Augen dann wieder zu öffen…

„Soll ich die Augen jetzt gleich schließen?“ fragte sie unsicher

Seine Hände nahmen die ihren wortlos ganz sanft auf. Für einen Moment spürte sie, wie angenehm es war, als fände sie einen Halt in seinen Händen.

Leise war seine Stimme, als er bemerkte: „Mari, hast du mir gerade eine Frage gestellt?“

Während er dies sagte, wollte sie noch wissen: „Woher weiß ich denn, wann ich die Augen wieder aufmachen soll?“

„Und gleich noch eine Frage?“

Entschuldige bitte, Meister, ja es stimmt: Ich habe zwei Fragen gestellt, und es tut mir leid! Ich kann das nicht begreifen, ich nehme mir so oft vor, es nicht zu tun, und wenn ich unsicher bin, rutschen sie einfach raus…“

„Mari, du hast die Regel gebrochen. Das ist nicht schlimm, allerdings werde ich dir nun wie besprochen eine Strafe dafür geben.“

Maries Atem ging schneller, ihr Herz klopfte heftig, sie schluckte und sagte: „Ja, ich weiß, so hattest du es letztens angekündigt.“

„Erinnerst du dich noch, was ich dir dazu erklärt habe? Das könnte dir jetzt helfen.“

„Die Strafe, die du mir gibst, hat einen guten Sinn für mich, hast du gesagt. Und dass ich mich danach besser fühlen würde, weil sie als Ausgleich dienen würde und ich mich nicht nach Regelverstößen noch lange so unwohl fühlen müsste wie ich es in meiner Kindheit erlebt habe und noch immer mit mir rumtrage als Muster.“

„Das hast du dir ja gut gemerkt und wunderbar auf den Punkt gebracht“, lobte sie Joel als ihr Meister. Du kannst dir es so vorstellen, dass der Fehler damit regelrecht ausradiert ist, als hätte er nie stattgefunden. Dann brauchst du anschließend auch nicht mehr darüber nachdenken und dich damit belasten. Es wirkt wie eine Art „Reinigungsritual“, lächelte er.
Also, Mari, bist du bereit, deine Strafe anzunehmen?“

„Ja, Meister“ stimmte Mari leise zu.

„Das freut mich sehr! Komm steh auf, und tritt einen Schritt zu Seite.“

Mari brach der Schweiß aus, sie zitterte am ganzen Körper, stand aber dennoch entschlossen, es jetzt gut zu machen, auf und trat nach links neben den Stuhl. Joel ging um sie herum und stellte sich hinter sie.
„Mari, dein Drang, alles zu hinterfragen, zeigt, dass du unsicher bist, was ich tun könnte oder was geschehen könnte, wenn du etwas vermeintlich falsch machst… Als Ausgleich möchte ich, dass du mir durch eine kleine Handlung etwas Vertrauen schenkst. Ich weiß, du kannst Vertrauen nicht so leicht fühlen. Das lässt sich auch nicht erzwingen. Aber du kannst etwas tun, um deinen Körperzellen durch eine Erfahrung zu vermitteln, dass dir hier mit mir nichts Schlimmes geschieht.  Und damit machst du auch mir ein Vertrauensgeschenk. Bist du bereit das zu tun, Mari?“

Was sollte sie jetzt tun? Was würde er von ihr verlangen? Obwohl ihr mulmig zumute war, stellte sie diese Fragen nicht. Er würde sie ohnehin nicht beantworten.

„Nun, Mari, bist du bereit, den Ausgleich zu leisten?“

„Ja“, flüsterte sie.

„Formuliere das bitte in einem ganzen Satz. Was möchtest du, Mari?“

„Ich möchte meine beiden Fragen von vorhin, die ich nicht hätte stellen sollen, ausgleichen, Meister… Ich bin bereit dazu.“

Die zwei Sekunden bis sie eine Antwort von ihm bekam, zogen sich für sie zu einer langen Zeit hin. Heiße Wellen flossen durch ihren Körper aufwärts in ihren Kopf hinein.

„Das ist gut Mari! Jetzt stell dich gerade und aufrecht hin. Steh möglichst gerade.“

Oje, noch eine Kritik, dachte Marie. Diese zwei Worte „Steh gerade!“ hatte ihre Oma auch immer zu ihr gesagt – und gerade dann, wenn sie Angst hatte, war das unwillkürlich anders. Sie straffte die Schultern und versuchte, eine aufrechte Haltung einzunehmen und ihr Zittern zu verbergen.

Das machst du sehr gut Mari. Ich weiß du kannst das! Du schaffst das! Und danach wird es dir viel besser gehen – so als hätte es die Fehler nie gegeben.“

Seine freundlichen Worte taten ihr gut, sie milderten ihre Angst allerdings nur ein wenig – aber immerhin, es wurde erträglicher in ihr.

„Du wirst dich jetzt gleich nach hinten kippen lassen. Ich werde dich ganz sicher auffangen. Indem du dich fallen lässt, gerade auch mit aller Angst, die vielleicht jetzt da ist, schenkst du mir ein großes Stück Vertrauen, Mari. Du darfst ganz sicher sein, dass ich dich auffange. So, nun zeig mir, dass du mir vertraust. Lass dich nach hinten fallen. Hast du verstanden?“

„Ja, Meister ich habe das verstanden.“ Am liebsten würde sie sich jetzt umdrehen und schauen,  wie weit er von ihr entfernt steht, aber sie vermutete ganz richtig, dass sie das nicht sollte.

Mari brauchte noch etwas Zeit, um sich zu überwinden. Geduldig wartete Joel hinter ihr. 
Schließlich nahm sie ihren ganzen Mut zusammen. Okay, jetzt! sagte sie in Gedanken zu sich selbst und entschied, sich fallen zu lassen.

Ihr Körper beginnt ganz leicht zu kippen, doch fast noch bevor sie wirklich fallen konnte, waren bereits die Hände an ihren Schultern und stützen sie.

Sehr gut Mari. Das hast du sehr, sehr gut gemacht. Du hast dich fallen lassen, du HAST vertraut!“
Diese freundlichen, wertschätzenden Worte und die Erleichterung, es nun geschafft zu haben, berührten Mari so, dass ihr die Tränen kamen, als sich die Anspannung löste. Joel ging ohne sie loszulassen um sie herum, nahm sie sanft in seine Arme und gab ihr den Halt, den sie jetzt so dringend brauchte.

„Ich will dir doch so gern vertrauen, und dennoch fällt es mir so schwer. Jetzt habe ich es aber für diesmal geschafft!“ Da schwang nun auch eine kleine Freude mit in ihrer Stimme.

„Und wie du es geschafft hast! Ich bin stolz auf dich! Je größer die Angst, desto stärker der Mut! Und natürlich hattest du Angst, denn es war eine unsichere Situation, aber du hast dich entschieden, mir zu vertrauen – und das zählt!“

„Danke, dass du mich nicht so weit hast fallen lassen!“

„Es ging nicht darum, dass du tief fällst, sondern nur darum, ob du das Vertrauen zeigst, und das hast du getan. Du hast heute einen großen und wertvollen Schritt getan.“

Noch immer hielt er Mari in seinen Armen. Ihr Körper wurde weicher und begann sich in die Umarmung hinein zu entspannen.  Erleichtert atmete sie tiefer ein und aus. Sie hatte es geschafft! Es war überstanden! Und sie fühlte sich gut!
Wieder ging ein sehr tiefer Atemzug durch Mari, und sie spürte dankbar, dass sie sich gerade wirklich sicher bei ihm fühlte.

Als sie sich aus seinen Armen löste, fragte er sie: „Und… heute noch bereit, deine Aufgabe von vorhin zu auszuführen?“

„Ja, Meister, ich bin bereit.“

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

Diese Aufgabe folgt im nächsten Kapitel –> 37. Hände verschmelzen – Umarmung genießen

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 
 

 

 

31. Eine heilende Übung (1) – Es ist ganz anders als befürchtet…

Bei Joel – Widerstände vor einer Übung

Zwei Sessel standen sich gegenüber, als Mari Joels Wohnzimmer betrat. 
„Setz dich doch bitte in einen der beiden Sessel“,  bat Joel Mari, und als sie Platz nahm, trat er nahe an sie heran und sagte leise: „Das Spiel beginnt.“

Wie so oft ließ er sich Zeit und schaute Mari erst einmal nur freundlich an. 
Schließlich erklärte er ihr, dass er gleich eine Übung mit ihr machen wolle.
Schon als er das ankündigte, scheute sie in ihren Gefühlen wie ein Pferd vor einem unüberwindlichen Hindernis zurück und fragte spontan: „Muss das sein?“

„Habe ich da eine Frage gehört?“ 

„O jeh, entschuldige bitte, in meinem inneren Dilemma ist mir das gar nicht aufgefallen!“ Mari war erschrocken und erzählte ihrem Meister auf seine Frage nach dem Dilemma, in dem sie sich befand, dass schon der Begriff „Übung“ für sie mit einem unangenehmen Beigeschmack verbunden sei, da sie dabei an das vor kurzem aufgetauchte Thema, das Joel noch mit ihr bearbeiten wollte, dachte: „Demütigungen im Schulsport“.

Der Meister nickte langsam: „Aber ich hab noch gar nicht gesagt, was für eine Übung es sein könnte…“

„Stimmt, entschuldige bitte, ich war in meinen Gedanken darin gefangen. Ich dachte, jetzt käme irgendetwas, was mit Bewegung und Körper und Sport und so zu tun hat wegen unseres Gespräches von neulich und deiner Ankündigung, dass dieses Thema, das mir so zu schaffen macht, demnächst von dir aufgegriffen werden würde.“

„Mari, könntest du dir vorstellen, dass ich… jetzt und hier… eine Sportübung mit dir machen wollen würde? Eine die dich überfordern und beschämen könnte?“

„Ich glaube nicht dass du mich bewusst überfordern oder beschämen wollen würdest, aber da du ja meintest, du würdest dir demnächst zu diesem Thema noch etwas einfallen lassen, habe ich jetzt befürchtet, dass dir nun etwas dazu eingefallene ist.“

„Und du glaubst, dass mir etwas eingefallen ist, was für dich schlimm und beschämend sein könnte?“

„Alles, was dazu gehört, fühlt sich so an! Das kann sich ein anderer gar nicht vorstellen, wie schlimm sich das für mich anfühlt, und da ist schon das Geringste mit Scham verbunden!“ entgegnete Mari verzweifelt.“

„Aber was gehört denn dazu? Deine Sportlehrerin ist Lichtjahre entfernt, es gibt keine Klasse, nur uns beide, Mari, was könnte passieren?“

„Wahrscheinlich würdest du nichts tun oder verlangen, von dem du glaubst, dass es schlimm für mich wäre, aber schon das Wort „Übungen“ hat in mir die Gefühle von damals losgehen lassen, ohne dass ich darüber nachgedacht habe.“

„Ich weiß, dass das ein Reizwort für dich ist. Könntest du dir vorstellen, dass es Übungen gibt, die für dich nicht beschämend sind, die dich in keine peinliche Situation bringen? Traust du mir zu, dass ich so etwas für dich finden könnte?“

Mari überlegte… Ihr Meister hatte sie schon oft überrascht mit seinen verblüffenden wundersamen Wendungen einer von ihr ganz anders befürchteten Situation.

Joel fragte nach: „Konntest du im Laufe der Zeit wahrnehmen, dass meine Anforderungen immer  berücksichtigt haben, was für dich machbar ist Mari? Ich achte darauf, so weit es mir bewusst ist, immer nur so weit zu gehen, wie ich es dir zutraue. Und wenn ich mich darin mal geirrt habe, hattest du die Möglichkeit um eine leichtere Abwandlung der Aufgabe zu bitten.
Warum sollte das heute anders sein, nur weil ich das Wort „Übung“ verwendet habe?“

„Okay, das war nicht folgerichtig, aber darüber habe ich in dem Moment nicht nachgedacht“, erklärte Mari, und ein kleiner Anflug von Wut war in ihrem Gesicht.

Joel nahm die kleine Regung wahr, ging aber an dieser Stelle bewusst nicht darauf ein.
„Ja, da war deine Angst größer als dein Vertrauen in mich. Traust du mir nun zu, eine Übung zu finden , die dir dient und für dich machbar ist?“

„Ja Meister, ich will es versuchen.“

„Ich möchte, dass du auch die Erfahrung machst, dass eine „Übung“ harmlos sein kann – „Übungen“ – er zeichnete Anführungszeichen in die Luft-  können sogar schön sein. Bist du bereit, mir so sehr zu vertrauen, um dich heute darauf einzulassen?“

„Hmmmm…“

„Das klingt noch nicht bereit, Mari.“

„Okay, ja ich bin bereit.“

„Das freut mich“, Joel lächelte Mari freundlich zu.  
Ich möchte dass du dich hinten an die Lehne lehnst, so dass sie dich gut stützt und du dich leicht entspannen kannst“, wies er sie an. „Und dann möchte ich dich auf eine Reise in deine innere Welt hinein führen. Atme dabei ruhig und tief, und folge mir mit deiner Vorstellungskraft. Sollte für dich etwas nicht stimmig sein, sag mir bitte Bescheid.“
 

Nun führte er Mari in eine innere Landschaft, in der sie die Kräfte der Natur einatmen konnte. 
Es begann auf eine schönen bunten Sommerwiese, ging weiter durch einen herrlich duftenden Wald, hin zu einem See, in den sie ihre Füße eintauchen lassen konnte. Ein angenehm lauer warmer Sommerwind streichelte ihr Gesicht und wehte die Sorgen aus ihrem Kopf . Und schließlich ließ sie sich von herrlichem Sonnenschein durchfluten. Immer größer und stärker fühlte sie sich bei der Erfahrung eines jeden Elementes: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Welch herrliche „Übung“ dachte sie überrascht.

Wieder war es ihrem Meister gelungen, etwas völlig anderes… eine positive Erfahrung aus einem von ihr als „furchtbar unangenehm“ vermuteten Ereignis entstehen zu lassen.

Und die „Übung“ sollte noch weiter gehen… 

Geschrieben von Rafael und Miriam 

–>  Zum nächsten Kapitel: 32. Eine heilende Übung (2) – Verletzung und Größe

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge