106. Ja – ich will! Gespräch mit IAM

Nachts: Mari schreibt in ihrem Tagebuch mit IAM, ihrem inneren Meister

Nachdem Joel sich vor einigen Tagen plötzlich und unerwartet von Mari verabschiedet hatte, weil er beruflich dringend für längere Zeit weg musste, konnte sie abends schwer einschlafen. Es fiel ihr schwer, diese unvorhergesehene Wendung in ihrem Leben zu verarbeiten. Szenen von vergangene Erlebnissen mit Joel und Gesprächsfetzen tanzten ungerufen immer mal wieder durch ihren Kopf. Die Frage, warum das mit so einem totalen Kontaktabbruch einher ging, schmerzte sie.
Sie wollte loslassen, aber die sehr persönlichen und besonderen Erfahrungen des vergangenen Jahres bewegten sie ungerufen immer wieder. Sie verstand nicht, warum dieser Abschied so plötzlich gekommen war, und in solch einer umfassenden Weise ohne jegliche Kontaktmöglichkeit…
Ja, auf der äußeren Ebene hatte es wie er erklärt hatte, unvorhersehbar schnell eine Notwendigkeit gegeben, dass er weg musste – aber was ihr Lebensdrehbuch, ihr Schicksal anbelangte… musste dieses schnelle plötzliche Ende ja einen Sinn haben. Vielleicht würde sie   wieder mehr Ruhe finden, wenn sie darüber etwas erfahren könnte.

Aufzeichungen-So nahm sie ihr Tagebuch hervor, schloss für einen Moment die Augen und wandte sich nach innen, ihrem inneren Licht zu…
Schließlich begann sie zu schreiben:

Hallo, DU – mein innerer Meister – mein inneres Licht – mein tiefstes ICH BIN… 

Yeah , yes – I AM ! Hallo, meine liebe Mari! Wie schön, dass du dich an mich wendest! 

Du weißt ja, dass Joel plötzlich abgesaust ist… Warum so plötzlich? Was hat das für einen Sinn?

Es ist an der Zeit ein neues Kapitel in deinem Lebensbuch zu beginnen. Aber bevor wir darüber weiter reden… komm, mein Schatz, setz dich erst einmal in meinen Lichtschoß und tanke auf. Schließ mal deine Augen und fühle meine Liebe, spüre das Licht, das du bist, das dich niemals verlässt und dich mit allem und allen verbindet – letztendlich auch mit Joel. Aber das ist jetzt zweitrangig. Jetzt geht´s erstmal einfach ums Wohlfühlen, darum dich und dein wahres SEIN wieder zu spüren.

Mari schloss ihre Augen wieder und ließ sich in ihrer Vorstellung hinunter sinken… ganz tief in sich hinein… dorthin, wo es warm und hell war.  Sie sank tiefer und tiefer und fand sich schließlich in einer Badewanne aus flüssigem warmen Licht wieder. Die Grenzen ihres Körpers verschwammen und sie war eins mit dem Licht um sie herum. Wärme. Geborgenheit. Frieden. Liebe… Wow ! War DAS schön!

Und das ist immer in dir, hier kannst du jederzeit eintauchen, hörte sie IAM lächelnd in sich reden. Und ICH BIN auch hier in dieser Badewanne. Wenn du magst, liegst du auf mir und ich halte dich mit meinen Lichtarmen liebevoll umarmt hier in diesem herrlichen Lichtbadewasser. 

Mari nickte und ließ sich ganz auf diese wunderschöne Vorstellung ein. Gehalten sein… baden in Wärme und Wohlgefühl… einfach sein… über nichts mehr nachdenken… 

Und das kannst du immer wieder tun, So oft und so lange wie du magst. Ich halte dich hier in einer absolut bedingungslosen, liebevollen Umarmung mitten im Licht.

Und wenn wir dann irgendwann noch einen Schritt weiter gehen wollen, bin ich auch gern bereit, dich zu führen und zu leiten in jeder Stunde deines Tages.
So bist du nie allein – bestenfalls ALL-EIN mit MIr, deinem ICH BIN , also I AM in dir.

Weißt du, IAM, ich wünsche mir schon so lange so sehr das Gefühl, in all den Höhen und Tiefen meines Lebens geführt zu sein, mit nichts wirklich allein da zu stehen 

Ja, Mari, mein lieber Schatz, das weiß Ich.  Deshalb hat dich deine innere Schöpferkraft ja auch für ein ganz besonderes Jahr deines Lebens diese Erfahrung immer mal in kleinen Portionen verkörpert in einem menschlichen Gegenüber – du weißt schon: ich meine Joel – real erleben lassen. 
Nun aber willst du das in einer Weise entwickeln, die dir niemand mehr nehmen kann, weil sie unabhängig ist von einem anderen Menschen. Es ist jetzt an der Zeit, dass du diese Erfahrung ausdehnen kannst auf das große Ganze, aufs Leben an sich in seiner gesamten Totalität. Und dabei werde Ich dir gerne helfen…sofern du das willst, Mari.
Willst du?

Ja, IAM, ich will!Ja_ich_will

Willst du Mich als deinen Meister anerkennen und mit Mir jeden Tag an meiner meist unsichtbaren, ab und zu aber auch in verschiedenen Menschen symbolisch verkörperten Hand, die dir gereicht wird, durch den Tag gehen?

Ja, ich will!

Willst du unter meiner Führung eine Denkweise entwickeln, die dich alles aus einer Perspektive sehen lässt, die Frieden, Liebe und Hingabe ans Leben über alles andere setzt?

Ja, ich will, so gut ich es immer kann…

Mari, deine Bereitschaft und dein Wille dazu ist völlig ausreichend.

Ja! Ja ich will das!

Okay, du bist also bereit, den inneren Frieden, der unabhängig ist von dem, was im Außen geschieht, über alles zu setzen und mit meiner Hilfe eine Art von Hingabe zu entwickeln, die dir ermöglicht, in diesem Frieden mehr und mehr verankert zu sein – und damit in eine Liebe hinein zu wachsen, die alles aus einer erweiterten Perspektiver sieht?

Ja, dazu bin ich bereit, IAM, mit deiner Hilfe…

Ja, Mari – mit Meiner Hilfe! DIE ist dir immer gewiss!

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist buch_0035.gif.

Zu allen Kapiteln von  –> Mari und ihr innerer Meister ://marismeisterdersanftendominanz.wordpress.com/category/mari-ihr-innerer-meister-dialoge-mit-iam/

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

Zitat: ein Zustand voller Liebe, Kraft und Zuversicht…

… Ihre rot geweinten Augen schweiften durch den Raum…
Tief atmete sie ein, doch mit einem Mal wurde ihr Kopf still, als erkenne er, dass er in dieser Situation absolut nichts tun könne.

ein Zustand voller Liebe, Kraft und Zuversicht Und in dieser Stille machte sich eine sanfte Instanz In ihr bemerkbar – eine Instanz, die in ihr war, außerhalb von ihr, überall. Sie war in ihrem Körper und doch frei. Verwundert registrierte sie, wie etwas in ihr erwachte, sich erhob, sich hinter sie stellte mit einer so starken, zuversichtlichen Präsenz, dass sie sich getröstet und gehalten fühlte…

Das Gefühl wurde stärker, hüllte sie tröstend ein und für Minuten verharrte sie in diesem Zustand – ein Zustand ohne jede Angst, ein Zustand voller Liebe, Kraft und Zuversicht.
Ja, der Kopf war keine Hilfe. Aber dieses Andere…

Aus dem Buch: „Sterne gibt es überall „von Subina Giuletti

82. Was könnte dir helfen?

Bei Joel – Verständnis, Annahme, Drucklosigkeit und ganz kleine Schritte

Mari saß Joel gegenüber in einem vorne durchgeknöpften Kleid, unter dem sie entsprechend seiner Vorgabe nichts darunter trug. Wieder einmal verkörperte er die Funktion des Meisters in einem Rollenspiel, in dem es um das Thema „Scham und Peinlichkeit“ ging.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das alles gerade ist!“ sagte sie leise.
„Wie genau fühlt sich die Peinlichkeit an?“
„Bedrückend, als ein heißes Gefühl im Kopf und Flattern in der Brust, in der Herzgegend.“
„Was löst diese Peinlichkeit denn aus?“
„Dass es wahrscheinlich darum gehen wird, das Kleid zu öffnen und da ich nichts drunter habe, wär mir das echt peinlich. Ich weiß ja nicht genau, was du vorhast, aber dass es um das Thema „Peinlichkeit“ gehen soll, hattest du mir ja schon geschrieben.“
„Schau, Mari, alle Impulse, die ich gebe, sind Angebote für neue Schritte, manchmal gedankliche und manchmal reale Schritte. Aber nur du kannst entscheiden, ob es jeweils ein passender Schritt ist für dich. Ich werde dich niemals zu etwas zwingen, das weißt du.“
„In Ordnung, um welchen Schritt soll es also heute gehen?“
„Nun, wir wollen herausfinden, wo die Grenze deiner Peinlichkeit liegt, und wie wir mit ihr liebevoll umgehen können, dass sie sich eventuell sogar etwas verschieben lässt. Bist du jetzt dazu bereit?“
Mari nickte angespannt. „Ja, ich versuche es.“
„Prima! Was würdest du dazu sagen, den obersten Knopf zu öffnen?“
„Okay, kann ich machen.“
„Und? Wie ist es?“
„Das fühlt sich okay an.“
„Wie wäre der unterste Knopf?“
Überrascht schaute sie nach unten, sie hätte jetzt den zweiten Knopf von oben erwartet. „Ja, der unterste Knopf geht auch.“
„Das sind schon zwei. Wie geht es dir damit?“
„Das ist auch noch okay,  nicht peinlich.“
„Okay, wie viele Knöpfe oben könntest du öffnen, bevor es peinlich wird?“
Mari überlegte… „Noch zwei.“
„Bitte öffne diese beiden.“
Mari öffnete nun den zweiten und dritten Knopf von oben.
Joel schaute sie fragend an: „Und? Alles okay?“
Mari nickte. „Ja, es geht.“
„Geht? Hört sich etwas eingeschränkt an?“
„Na, wenn der nächste käme, würde es schwierig werden, aber bis hierher ist alles in Ordnung.“ erklärte Mari.
Er nickte. „Wie viele Knöpfe von unten könntest du öffnen?
Noch drei
Und Marie öffnete die nächsten drei Köpfe von unten.
„Und wie ist es?“
„Fühlt sich noch okay an.“
„Prima! Schau mal, was du schon geschafft hast! Kannst du dir vorstellen noch einen Knopf zu öffnen? Egal wo?“
Jetzt fing es an schwierig zu werden, aber ein unterer Knopf wäre noch möglich, ohne dass das Kleid allzu weit auseinander fiel , entschied sich Mari, und öffnete diesen Knopf.
„Du wirst mutiger.“ Wie geht es dir damit?“
Mari musste wider Erwarten lächeln. Die drei Worte du wirst mutiger fühlten sich gut an.
Sie antwortete: „Da ist einerseits eine stärkere Annäherung an die Peinlichkeitsgrenze, aber andererseits die Freude, ein bisschen Mut schon gehabt zu haben.“
„Ja, das hattest du, Mari“, bestärkte er sie. „Und… was meinst du? Geht noch ein Knopf? Oder wird es jetzt zu schwierig?“
Mari zögerte und überlegte… Einen unteren Knopf könnte sie noch öffnen, ohne dass das Kleid gleich auseinander fiel. Und sie tat es.
„Sehr mutig“, meinte er daraufhin, „wie geht es dir damit, noch einen Schritt weiter gegangen zu sein?“
„Die Fragestellung allein schon lässt ein bisschen Freude aufkommen, dass ich mich noch einen Schritt getraut habe.“
„Und? Geht noch einer?“
„Wenn ich jetzt noch einen öffnen würde, würde ich mich sehr unbehaglich fühlen.“
„Was könnte dir helfen, noch einen zu öffnen?“
„Vielleicht, dass du nicht hinschaust?“ fragend schaute Mari Joel an.
Er lächelte. „Reicht es, die Augen zu schließen?“
„Ja.“
„Okay, mach ich!“ Er nickte und schloss deutlich sichtbar die Augen.“
Und Mari öffnete noch einen Knopf von oben und einen anderen von unten. „Jetzt habe ich sogar noch zwei Knöpfe geöffnet!“ erzählte sie ihm.
Das war aber sehr mutig! Wie geht es dir damit?“ fragte  er mit geschlossenen Augen
Einerseits freue ich mich über meinen Entschluss, andererseits sieht es ziemlich komisch aus, wenn ich an mir herab schaue, und es gibt schon ein peinliches Gefühl! Dass du das nicht sehen kannst, ist natürlich wiederum sehr entlastend, aber auch nicht sicher, denn ich weiß ja nicht, wann du die Augen wieder öffnen wirst.“
„Doch, das weißt du sehr genau.“
„Du meinst damit, dass ich sicher sein kann, dass du sie so lange geschlossen hast, bis ich die letzten beiden Knöpfe wieder geschlossen habe?“ fragte Mari.
„So lange du es möchtest, dass ich sie geschlossen halte! Du könntest gefahrlos alle öffnen. Ich würde es weder wissen noch sehen.“
„Ja, und dieses Vertrauen habe ich inzwischen auch, dass ich mich darauf verlassen kann, wenn du das sagst.“
„Na, das ist doch ein toller Fortschritt!“
BLAUE_KNOEPFEEntschlossen öffnete Mari nun fast alle Knöpfe bis auf einen in dem Bewusstsein, das Joel es ja nicht sehen konnte. Dieser saß ihr direkt gegenüber und hatte weiterhin die Augen fest und deutlich geschlossen.
Nun sagte sie ihm:  „Ich verrate dir jetzt, dass ich bis auf einen Knopf inzwischen alle geöffnet habe.“
„Oh, das ist beides sehr mutig: Es zu tun und es mir zu sagen!“
Mari freute sich über die Anerkennung, und schließlich fragte Joel weiter:
„Und wie steht es mit dem letzten Knopf?“
„Na der hält alles zusammen“, überlegte Mari laut.
„Vielleicht nur kurz?“ bot er ihr an, „bevor du alles wieder zuknöpfst?“
Und Mari nickte: „Okay, mach ich!“ Sie öffnete nun auch den letzten Knopf und sprach es aus: „So, nun ist auch der letzte Knopf geöffnet.“
Joel nickte: „Ich bin beeindruckt!“
„Ich auch“, brachte Mari heraus und wurde etwas rot dabei, aber Gott sei Dank konnte er das ja nicht sehen…
„Du hast dich quasi vor meinen Augen ausgezogen. Klasse!“
Darauf gab sie zu bedenken: „Nein, du hattest ja deine Augen geschlossen. Und hast sie immer noch zu.“
„Ja, aber dennoch bin ich ja genau vor dir. Jetzt magst du sicher die Knöpfe wieder schließen.“
„Hmm, ja stimmt.“
„Tu das, ganz in Ruhe. Ich halte die Augen so lange geschlossen bis du mir sagst, dass ich sie wieder öffnen kann.“
Als nur noch der oberste Knopf offen war, sagte sie: „So, nun kannst du deine Augen wieder öffnen.“
Er wartet einen kleinen Moment, dann öffnete er die Augen.
„So, das Spiel ist vorbei. Ich danke dir für dein Vertrauen und deinen Mut, Mari.“
Mari sah ihn direkt an.
„Der war am Ende nur möglich, weil du mich gefragt hast, was mir helfen könnte, und bereit warst, mir diese Hilfe zu geben, deine Augen bei den letzten Knöpfen zu schließen.“
„Und du hast sie angenommen – und hast dich getraut! Wir haben es beide zusammen möglich gemacht!“
„Das hätte ich nie gedacht, dass ich heute mein Kleid ganz aufknöpfe!“
„Schön, dass es geklappt hat! Und das, wo dir allein die Möglichkeit vorher so zu schaffen gemacht hatte. Manchmal ist in der Situation selbst einiges möglich, was sich der Kopf vorher nie hätte vorstellen können. Komm, lass dich umarmen!“
Mari schaute kurz prüfend an sich hinunter, ob ihr Kleid jetzt richtig saß, stand auf, und er schloss sie fest in seine ausgebreiteten Arme. Mari genoss diese Umarmung. Für einen Bruchteil eines Momentes kam ihr der Gedanke in den Kopf, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn sie dabei Hautkontakt hätten, aber dieser Gedanke wurde ganz schnell wieder in den Hintergrund verbannt…

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

73. Notwendig? Hilfreich? Der Situation angemessen?

Bei Joel – Fragen zum Einordnen alter Gefühle

Zu Beginn des heutigen Spiels hatte Joel zu Mari gesagt:
„Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen.
Es geht darum jedes Gefühl wahrzunehmen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Setz dich. Du wirst jetzt gleich nichts mehr sehen können. Das kennst du ja bereits, hatten wir ja schon mehrmals gemacht.“
Sorgsam darauf achtend, dass er ihr die Haare nicht in den Knoten des Tuches einklemmte, band er ihr ein Tuch um die Augen. „Wie fühlst du dich?“
„Etwas beklommen, unsicher.“ antwortete sie.
„Fühlt sich das schlimm an?“
„Nein, nicht wirklich schlimm.“
„Was macht das Schamgefühl wegen der aufgeknöpften Bluse?“
„Ist noch da“
„Stärker oder weniger stark?“
„Stärker“
„Du merkst, mit verbundenen Augen fühlt man intensiver.
Er trat hinter sie. Maris Unbehagen verstärkte sich in diesem Moment.
Dann legt er mit einem angenehmen Druck seine warmen Hände auf ihre Oberarme. „Das tut gut.“ sagte sie leise.
„Ja, ich weiß, mit dem Berühren und Halten deiner Arme vermittele ich dir Geborgenheit und Schutz. Dadurch wird das andere weniger heftig, stimmt´s?“ Sie nickte und fühlte sich verstanden.

Als sie sich etwas entspannt hatte, trat er wieder vor sie, nahm das Tuch ab und erklärte ihr: „Keine Angst, ich binde dir jetzt die Hände zusammen, aber so locker, dass du es jederzeit lösen kannst. Halte sie mal zusammen vor deinen Körper. Auf Maris Schoß wickelte er nun ein Tuch um die Hände, so dass sie es gut sehen konnte. Und noch bevor sie in Angst geraten konnte, sagte er: „So, und nun probiere es selbst aus, ob du sie leicht auseinander bekommst, wenn du es willst.“ Und sie machte die Erfahrung, dass die Hände sich leicht aus dem Tuch heraus lösen ließen.
„Es geht nur um ein spielerisches Herantasten an das Gefühl, was dadurch ausgelöst wird. Wie fühlst du dich?“
„Etwas unbehaglich, nicht wirklich Angst, aber so ein bisschen in die Richtung.“
„Erträglich?“
„Ja.“
„Keine Angst, jetzt kommen die Füße ans Stuhlbein. Auch mit einer Bindung, die du sofort lösen könntest.“ Ganz ruhig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, band er nun auch ihre Fußgelenke an die Stuhlbeine.
„Wie fühlst du dich? Hände und Beine sind bewegungsunfähig, aber du bist nicht hilflos, denn du könntest sie lösen.“
„Ich spüre das sehr deutlich, und ein etwas stärkeres Angstgefühl entsteht.“
„Okay, Mari, dein Körper nimmt wahr, dass da was ist, was sonst nicht so ist. Aber du weißt, du könntest dich sofort aus der Situation befreien. Du fühlst zwar die momentane Bewegungsunfähigkeit der Arme und Beine, aber du bist nicht hilflos. Ist ja alles spielerisch. Ist also ein realer Grund für Angst da?“
„Nein.“
„Wie geht´s dir jetzt, wo du dir das bewusst gemacht hast?“
„Besser.“

„Jetzt das Ganze mit verbundenen Augen. Du weißt, du könntest dich jederzeit lösen.“
Er trat hinter sie und band vorsichtig, dass es nicht ziepte, ein Tuch um ihre Augen.
„Wie ist es? Wie fühlst du dich?“
Mari begann leicht zu zittern. „Ich spüre das eben noch leichte Angstgefühl jetzt intensiver, spüre auch deutlicher die Bindungen.“
„Okay, alles ist in Ordnung, Das ist deshalb, weil du nichts siehst, da fühlst du intensiver. Du spürst sicher auch meine Hände jetzt deutlich.“ Mit einem wohltuenden Druck massierte er ihr die Schultern.
„Und jetzt? Wie fühlst du dich dabei?“
„Besser.“
„Du weißt und spürst an meinen Berührungen: Hier ist nichts wirklich gefährlich. Das sind alte Angstgefühle, die im Körper gespeichert sind. Es ist in Ordnung, dass sie da sind, aber du triffst die Entscheidung, Mari. Die Frage, die sich in solchen und ähnlichen Situationen immer wieder mal stellt, lautet:

Ist das, was du fühlst, also z.B. deine Angst oder deine Scham notwendig, um dich vor einer realen Gefahr zu schützen? Hilft es dir bei dem, was gerade ist? Und ist es angemessen, also passend zu deinen Wünschen, deiner Reife, deinem Wissen und deinen Entscheidungen in der aktuellen Situation?
Kurz: Ist dieses Gefühl, was gerade da ist, JETZT notwendig, hilfreich und angemessen?“

Mari schüttelte den Kopf und sagte leise: „Nein, eigentlich nicht, es gibt keine reale Gefahr und auch nichts wirklich Falsches.“
„Okay. Willst du dich nach dem Angstgefühl richten, oder willst du dieses Experiment, das wir beide hier machen, weiter machen?“
Sie zögerte einen Moment und entschied dann: „Ich will weiter machen.“
„Was macht das Schamgefühl?“
„Hab gerade nicht mehr so dran gedacht, eben waren die angenehmen Berührungen deiner Hände auf meinen Schultern im Vordergrund.“
„Und ich wette, dass die Füße angebunden sind, hast du auch schon vergessen.“
„Ja, stimmt“, sie lachte.
„So, nun machen wir mit den Händen noch was anderes: Ich löse die Bindung, und du nimmst sie mal hinter die Stuhllehne.“
Dort band er sie wieder mit dem Tuch zusammen.
„Wie fühlt sich das an?“
„Weitaus unangenehmer.“
„Ja, vor dem Körper könntest du noch irgendwas machen mit den Händen, sie vor dich nehmen, sie höher oder tiefer halten… So bist du noch mehr fixiert.“
„Und es verstärkt auch das Schamgefühl, weil ich vorher die Arme vorn vor meiner Brust hatte und sie jetzt so ungeschützt ist.“
„Nochmal die Frage:
Sind Angst- und Schamgefühle jetzt notwendig, hilfreich und der Situation angemessen?
„Nein, ich weiß, es ist hier keine reale Gefahr, und ich mache auch nichts falsch, wofür ich mich schämen müsste. Wir sind zu zweit, und ich hab mich zu diesem Weg mit dir bewusst entschieden. Da gibt´s eigentlich nichts, wofür ich mich schämen müsste, auch wenn es sich so anfühlt. Und hilfreich sind sie wahrlich nicht.“
„Es ist alles okay, sie sind da, und es ist wichtig, dass du sie wahrnimmst, aber du musst dich nicht nach ihnen richten. Das ist der wesentliche Faktor dabei.“

Nach diesen Worten löste er alle Tücher und sagte sanft: „Damit ist es dann auch genug für heute.“
„Wie geht es dir?“
Sie knöpfte ihre Bluse zu, dehnte und bewegte sich und spürte in ihre Arme und Beine hinein. „Eigentlich ganz okay“, meinte sie erstaunt. „Besser als ich anfangs vermutet hätte. Es tat mir gut, dass du mich darin unterstützt hast, meine Gefühle wahrzunehmen, mich zu fragen, ob sie hier und heute notwendig, helfend und angemessen sind. So konnte ich dann schließlich mit ihnen weiter machen, ohne sie abzulehnen und ohne mich von ihnen beeinflussen zu lassen.“
„Wie schön“, lächelte Joel, „wir sind auf einem guten Weg…“ Er reichte ihr die Hand, zog sie von ihrem Stuhl, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: „Das Spiel ist beendet.“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

4. Eine utopische Heilungsreise: Panik und Hilfe


Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

linie09

Mari freute sich, dass die Adventszeit dadurch einen so märchenhaften Zauber erhielt.
Morgens öffnete sie nun den vierten Umschlag, gespannt darauf, wie es mit Carinas Heilungsreise im Raumschiff der außerirdischer Meister weiter gehen wird. Sie liest…

Als Ramon am Nachmittag nach dem Gespräch, für das sie sich inzwischen schämt, noch einmal bei Carina hereinschaut, stellt sie sich schlafend – sie fühlt sich nicht in der Lage, ihm zu begegnen. Leise verlässt er den Raum wieder. Genauso verhält sie sich am Abend, als er ihr eine gute Nacht wünschen will. Sie versucht weiterhin den Kontakt mit ihm zu vermeiden, weil sie keine Möglichkeit sieht ihren Konflikt, den sie mit ihm hat, zu lösen.
Irgendwie spürt sie schon, dass alle es auf diesem Ausbildungsschiff mit ihr gut meinen, ganz besonders Ramon, und sie weiß auch, dass es so nicht weiter gehen kann. Aber sie fühlt sich wie in einem inneren Käfig und weiß nicht, wie sie ihn verlassen kann.

Obwohl sie sich schlafend stellt, setzt sich Ramon zu ihr ans Bett, streichelt ihr lange Zeit sanft über`s Haar, summt dabei eine angenehme ruhige Melodie vor sich hin und vermittelt ihr damit einen Hauch von Erleichterung und Geborgenheit, was ihr schließlich hilft, tatsächlich einzuschlafen.

Sie schläft tief die ganze Nacht hindurch. Am nächsten Morgen geht es ihr jedoch nur geringfügig besser. Sie liest heute folgende Worte von ihm:

Liebe Carina,
verstecke dich nicht vor mir,
wenn du verzweifelt oder traurig bist.
Lass dich von mir halten und trösten in deinem Kummer.
Deine Tränen wollen gesehen und getrocknet werden.
 In Liebe Ramon

Langsam wird ihr dieser Adventskalender unheimlich. Die Botschaften stecken für sie sichtbar schon seit einer Woche darin und passen immer haargenau zu ihrer Situation. Woher konnte er vorher schon gewusst haben, an welchem Tag welche Worte für sie wichtig sind?

Plötzlich wird ihr bewusst, dass er also gemerkt hatte, dass sie nicht wirklich geschlafen hatte, als er bei ihr war. Wieder verstärkt sich ihr Peinlichkeitsgefühl und damit ihre Übelkeit.

So kann das nicht weitergehen’, denkt Carina. ‘Ich verstehe das alles hier nicht so recht, aber ich spüre sein Wohlwollen. Ich will es schaffen, wieder mit ihm zu sprechen.’

Nach dem Mittagessen kommt sie in Kontakt mit der jungen Frau, die das Zimmer neben ihr bewohnt. Und – war in ihr nun schon eine leise Bereitschaft gewachsen – Ramon zu vertrauen, so wird diese sofort wieder restlos zerstört. Denn auch diese Frau ist in großer Verzweiflung. Sie kann über das, was sie bedrückt, nicht konkret sprechen, erklärt Carina aber, dass sich ihr Meister in den ersten Tagen auch sehr sanft und rücksichtsvoll ihr gegenüber gezeigt habe, aber daß er gestern diese “Maske” fallen ließ und sie nun glaube zu wissen, dass all die Freundlichkeit nur am Anfang gewesen sei, um die Frauen zu täuschen. Und so denke nicht nur sie. Auch von einer anderen Frau habe sie bereits das Gleiche gehört. Als Carina vorsichtig erklärt, dass sie ihren Meister bisher als verständnisvoll erlebt habe, lacht ihre Gesprächspartnerin spöttisch und hart und meint: “Du hast dich also genauso hereinlegen lassen wie ich. Warte nur, bis er dich das erste Mal in sein Zimmer bestellt und die Maske fallen lässt!”

Carina wird ganz unruhig, als sie diese Worte hört. “Ich weiß ja nicht, was er dir angetan hat, aber kannst du dich denn nicht an den Kommandanten wenden und ihn um Hilfe bitten? Er scheint mir bisher sehr fair und uns wohlgesonnen zu sein. Er hat zu mir gesagt, wenn es Probleme gibt, können wir uns auch an ihn wenden”, versucht Carina zu helfen. Fassungslos schaut die junge Frau Carina an. “Ja, weißt du denn nicht…? Das ist doch der Schlimmste von allen. Der ist doch ein Sadist! Ich habe von einer Frau gehört, die von einer anderen Frau gehört hat, dass er Jennifer geschlagen hat. Nein! Der hilft uns bestimmt nicht. Ich bin froh, solange ich mit dem nichts zu tun habe. Nein, nein, wir müssen uns damit abfinden, dass wir hier restlos verloren sind!”

Mit diesen Worten lässt sie die fassungslose Carina stehen. Am ganzen Körper zitternd geht Carina in ihr Zimmer. Kurze Zeit später erscheint Ramon bei ihr. “Nun bist du schon zwei Tage an Bord und kennst meinen Raum noch gar nicht. Komm, Carina, ich möchte dir mein Reich zeigen.” Carina erstarrt. In ihr klingen noch die Worte der jungen Frau “Warte nur, bis er dich das erste Mal in sein Zimmer bestellt”.  Eine Welle von Panik jagt durch ihren Körper. Ramon geht einen Schritt auf sie zu, um ihr seine Hand auf ihre Schulter zu legen. Diese Geste aber erscheint Carina wie eine Bedrohung. ‘Nur weg’, denkt sie, und wie von Furien gehetzt stürzt sie an ihm vorbei, rennt, so schnell sie kann, die Gänge hinunter, ohne nach links und rechts zu sehen – nur weg! Völlig außer Atem bleibt sie irgendwann stehen, blickt sich hastig um, kann aber niemanden hinter sich sehen. ‘Er ist nicht da’, denkt sie erleichtert. Dann schaut sich um. ‘Wo bin ich hier eigentlich? Ich bin einfach nur gerannt und habe dabei ganz die Orientierung verloren. Egal – ich bin hier erst einmal in Sicherheit. Nein, niemals werde ich seinen Raum betreten!’

Nachdem sie sich eine Weile ausgeruht hat und wieder zu Atem gekommen ist, beginnt sie nachzudenken. ‘Was soll ich nun tun? Ich kann ja nicht ewig hier im Gang hocken…’, als sie plötzlich Schritte hört. Erneut schießt die Panik durch ihren Körper, doch dann sieht sie, dass es nur eine Schülerin ist. Carina fragt die Vorbeikommende, wo sie sich hier eigentlich befände?

Die beiden Schülerinnen kommen ins Gespräch. Carina erzählt kurz, wie sie hier her gekommen ist. Voll Mitgefühl und Anteilnahme bietet die andere Carina an, erst einmal mit zu ihr zu kommen und sagt hilfsbereit: “Hier im Gang wirst du eher gefunden, als in meinem Zimmer.” Carina ist etwas erleichtert, erst einmal zu wissen, wohin sie jetzt gehen kann, und einen Menschen gefunden zu haben, in dessen Nähe sie keine Angst hat.

Erst viel später wird Carina erfahren, dass Ramon es war, der diese Schülerin zu Carina geschickt hatte, mit der Bitte sich um sie zu kümmern. Auch, dass es sich hierbei um die    angeblich so gepeinigte Jennifer handelt, weiß sie noch nicht.

Jennifer bietet der völlig verstörten Carina an, sich in ihrem Bett erst einmal auszuruhen. Später könnten sie dann gemeinsam versuchen, eine Lösung zu finden. Aber erst einmal musste Carina  zur Ruhe kommen und neue Kräfte sammeln.

Zum Abendessen geht Carina nicht mit. Jennifer bringt ihr einen liebevoll zusammengestllten Teller mit leichten leckeren Speisen mit und erzählt: „Bitte, sag Carina einen lieben Gruß von mir. Es ist in Ordnung, wenn sie erst einmal bei dir bleibt. Ich werde euch nicht stören. Carina soll sich bei dir von mir ungestört wissen – auf jeden Fall erst einmal für den heutigen Tag. Sag ihr, sie soll nicht verzweifeln, das alles ist kein Drama.”

Angstvoll hört Carina den Gruß ihres Meisters. Jennifer betrachtet nachdenklich und voll Mitgefühl ihre vor Angst bebende neue Freundin und bietet ihr schließlich an, bei ihr auf der Couch schlafen zu können, bis sie eine Lösung gefunden haben werden. Liebevoll nimmt sie Carina in die Arme und sagt leise in ihr Ohr: “Dann bist du in deiner Angst nicht so allein.” Carina nimmt das liebe Angebot dankbar an. Fast fühlt sie sich ein bisschen geborgen, als sie am Abend auf Jennifers Couch liegt. Endlich hat sie hier einen Menschen gefunden, zu dem sie ein Gefühl von Vertrauen hat. So schläft sie schließlich nach diesem anstrengenden Tag ein wenig erleichtert ein.

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

9. „Leben – bitte, sei sanft mit mir!“

Mari und Joel im 2. Rollenspiel: Im Leben ist eigentlich alles ungewiss“

Mari saß mit geschlossenen Augen auf dem kleinen Schemel, den Joel in seiner Rolle als Meister ihr zugewiesen hatte. Es fiel ihr schwer, die Augen nicht wenigstens ein wenig zu öffnen.
Angespannt lauschte sie auf die Geräusche im Zimmer.
Von hinten kam seine Stimme: „Wie fühlst du dich, Mari?“

„Etwas unbehaglich…“

„Was bereitet dir gerade am meisten Unbehagen?“

„Die Augen geschlossen zu halten – und nicht zu wissen, was du mit mir vorhast.“

„Ja, es ist wie im Leben, eigentlich ist es immer irgendwie ungewiss, wir wissen nie sicher was kommt. Und doch kommt oft etwas Gutes oder zumindest nichts Schlimmes.“

Noch immer war er etwas entfernt hinter ihr.
Jetzt hörte sie ihn näher kommen.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als er seine Hände auf ihre Schultern legte.

„Ganz ruhig, Mari, meine Hände kennst du doch bereits von der Schultermassage neulich auf der Parkbank. Und  ja… ich weiß… die Berührung kam überraschend – das ließ dich zusammen zucken. Spüre einfach mal hin… alles okay? Was sagt die Gefühls-Ampel?“

„Körperlich grün – emotional gelb!“ antwortete Mari nach kurzem Zögern.

„Okay, dann richte mal deine Aufmerksamkeit ganz auf den Körper, besonders auf deine Schultern und die Berührungen meine Hände. Wie fühlt sich das an?“ Sanft massierte er Maris angespannte Schultern.

„Das tut gut…“ seufzte sie

Nach 5 Minuten Wohlfühlzeit löste er seine Hände und ging um Mari herum.

„Du kannst jetzt deine Augen öffnen, Mari.“

Meister_in_Schwazem_Gewand-.Joel stand ca. 2 Meter entfernt von ihr. Er hatte über sein T-Shirt ein schwarzes, weites, bis auf die Erde reichendes Gewand angezogen.

„Ich stehe jetzt als Symbolgestalt für das ganze Leben vor dir, Mari. Und ich frage dich:  Wie fühlst du dich? Was willst du mir, dem Leben, sagen?“

„Leben, ich habe Angst vor dem, was kommt!!!
Ich fühle mich oft so schwach, so verletzbar, so wund…
Ich danke dir für all das Gute, was du mir schon gebracht hast. 
Und das war wirklich viel.
Aber manches war auch ziemlich schwer!
Oh ich bitte dich, sei sanft zu mir! Tu mir nicht noch einmal so weh!“ 
Bei diesen Worten kamen Mari die Tränen.  Sie barg den Kopf in ihren Händen und schluchzte.

Joel trat auf sie zu, griff ihr vorsichtig unter die Achseln, zog sie sanft empor und führte sie zum Sofa. Er setzte sich in die Couchecke, legte ein Kissen in seinen Schoß und sagte zu ihr: „Mari, ich bin noch immer das Leben, und als solches lade ich dich ein, deinen Kopf in meinen Schoß zu legen, und dich ins Leben hinein zu entspannen. Leg dich hin und gib mir deinen Kopf.“
Noch immer weinend legte sich Mari auf die Couch und legte ihren heißen Kopf in seinen Schoß.

„Ich habe solche Angst!“ brach es aus ihr hervor. „Du kannst mir alles nehmen, alles mit mir machen, mich rütteln und schütteln, mich aufbauen und wieder zusammen falten. Oh Leben, du bist so mächtig, und ich bin so hilflos und klein. Ich möchte nie wieder so schlimme Schmerzen haben… Bitte, bitte! Geh ab jetzt sanfter mit mir um!“

Joel stellvertretend für „das Leben“ strich sanft über ihr Haar, in langsamen, beruhigenden Bewegungen – immer und immer wieder… Ließ sie weinen bis die Tränen versiegten und sie aufhörte zu schluchzen. Unablässig strich er über ihr Haar und ihre Schultern. 
Mari ließ es geschehen und spürte, wie sie sich langsam entspannte. Ab und zu schluchzte sie noch einmal auf… 

„Fühl mal, Mari:
Ich, das Leben, bin stark und groß,
und du bist in meinem Schoß.
Ich, das Leben, bin sanft zu dir –
jetzt und hier. 
Und denk mal zurück,
gab es in all dem Schweren nicht auch Beistand und Glück?
Gab es auch nur eine Situation, die gänzlich ohne Hilfe war?
Gab es auch nur einen Tag, an dem absolut gar nichts Gutes geschah?“

Mari ließ ihre Gedanken zu den verschiedenen schmerzhaften Erlebnissen wandern – und tatsächlich… in allem wurde ihr auch Hilfe zuteil. Oft floss sogar immens viel Liebe – unerwartet, gerade in den besonders schweren Momenten.  Immer waren Menschen da, manchmal Freunde, manchmal auch völlig Fremde, die ihr zur Seite gestanden hatten. Es gab seltsame Zufälle, mit denen gar nicht zu rechnen war, die gute Wendungen mit sich brachten.
Die Intensität der Liebe – war gerade in harten Tagen besonders stark spürbar gewesen. 
Ob das vielleicht der Sinn von allem schmerzlichen Erleben ist, dass die Liebe besonders deutlich zutage tritt…, überlegte Mari im stillen.

„War häufig nicht die Angst ein Verstärker deines Schmerzes?“ fragte Joel als „das Leben“.

„Ja, das stimmt, bekannte Mari, „ich habe so viel Angst in mir, aber ich kann sie nicht wegdenken! Das hab ich schon so oft versucht. Mit allen möglichen positiven Gedanken, Affirmationen, Kraftsätzen und weiß der Geier was – es funktioniert nicht!“

„Stimmt! Du kannst all deine Gefühle nur da sein lassen, atmen und sie fühlen. Und wenn du dich nicht so wehren würdest gegen sie – und vor allem nicht gegen mich, also gegen die Ungewissheit, die ich als „das Leben“ dir bringe, wäre vieles leichter…“

„Das fällt mir so schwer…“ gab Mari zu.

„Genau deswegen tun wir das, was wir hier miteinander tun! Wir üben miteinander…
Du übst, Mari – und ich bin dein Lehrer, der dich immer wieder hinein schickt ins Ungewisse – und dann deine Hand nimmt, um dich da durch zu führen – und sie ganz sicher hält, um es dir leichter zu machen,“ flüsterte Joel. „Das Leben will nicht, dass du es dir so schwer machst. Es will, dass du lernst, ihm zu vertrauen, dich von ihm halten und durch alles hindurch führen  zu lassen…“

Mari setzte sich auf und sah sich das Leben, verkörpert durch Joel an. Der öffnete seine Arme – und Mari ließ sich von ihm halten… Das fühlte sich so gut an,  sooo gut…

„Je mehr du dich in mich hinein entspannst, umso weniger Schmerz wirst du erleben…“ 

„Das will ich lernen – bitte hilf mir dabei!“ 

„Dafür bin ich da.
Dafür hat mich das Leben zu dir geführt, Mari.
Und das tue ich sooo gern!“

–> zum nächsten Kapitel: 10. Leuchtend bunte Lebendigkeit auf dem dunklen Grund der Ungewissheit

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge