76. Eine fesselnde Herausforderung

Bei Joel
Mari und Joel saßen bei Kaffee , Tee und Gebäck noch etwas gemütlich zusammen, bevor das heutige Spiel begann, in dem Joel wieder die Meisterrolle für Mari einnahm. Anschließend ging Joel in die Küche und kam mit zwei Osternestern zurück, die er auf den Tisch stellte.
„Ach die sehen ja süß aus“, meinte Mari fröhlich.
„Ich dachte mir… eine kleine Osterüberraschung“, lächelte Joel verschmitzt.
„Süße Idee!“
„Aber da ist nicht nur Schokolade drin“, meinte er.
„Oh, was gibt es denn noch in den Eiern? Vielleicht Eierlikör?“ Mari schaute versonnen zu den Osternestern.
„Nein, sie sind mit etwas umwickelt, dass ich hinzu gefügt habe“, antwortete er mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte.
„Was hast du denn hinzu gefügt?“ fragte sie, worauf er ihr erklärte: „In dem linken Körbchen sind Geschenke, und im rechten stecken Herausforderungen.“
„Wie jetzt… Wie meinst du das?“ Langsam ahnte Mari, dass die Eier nicht nur süß waren.
Ernst schaute er sie an und antwortete: „Nun, in jedem Ei des linken Körbchens ist etwas, von dem ich hoffe, dass es dir Freude bereitet, und in jedem Ei des rechten Körbchens steckt eine Herausforderung für dich – etwas, dass du tun oder erfahren kannst.“
Mari wurde unruhig. „Ach so…? heute…? Jetzt…? Hier…?
Er nickte. „Ja, beide Sorten Eier sind für hier und jetzt bestimmt. Das Spiel beginnt!“
Fragend schaute Mari ihn an. Was würde jetzt kommen?
Er trank ganz in Ruhe einen Schluck Kaffee, und sie spürte, wie das wohlbekannte Kribbeln ihrer Aufregung langsam in ihr aufstieg.
Schließlich sagte er: „Mari, du darfst dir jetzt aus jedem Körbchen ein Ei nehmen. Wähle sie jetzt aus und
lege sie vor dich hin.“
Mari betrachtete die beiden Körbchen und versuchte, irgendwelche Ahnungen zu bekommen, welches Ei jeweils für sie das Beste sei. Ob die Farben etwas darüber verraten würden…? Schließlich entschied sie sich für ein gelbes Ei aus dem Geschenke-Körbchen und für ein rosafarbenes Ei aus dem Körbchen der OstereierHerausforderungen. Rosa ist eigentlich die zarteste Farbe, dachte sie dabei, möge es also auch die sanfteste der Herausforderungen sein.
Nachdem sie ihre Wahl getroffen hatte, fragte Joel: „Welches Ei würdest du gerne als erstes öffnen?“
Diese Entscheidung fiel ihr leicht: „Das rosafarbene Ei aus dem Körbchen der Herausforderungen, dann weiß ich wenigstens, woran ich bin.“
„Ja dann…“ meinte er und schob das gelbe Ei etwas zu Seite.
„Soll ich es jetzt auswickeln?“ fragte Mari.
„Ja bitte“, nickte er und beobachtete sie.
Vorsichtig wickelte sie das rosafarbene Papier ab, mit dem das Ei umwickelt war und strich es glatt. Es erwies sich als ein Zettel, auf dem etwas geschrieben stand.
„Ich möchte, dass du den Text laut vorliest“, sagte er.
„Da die Schrift ziemlich klein war, musste sie einen Moment lang genau hinschauen. Dann erkannte sie die Schrift, schaute ihn kurz an und las:
Übung macht den Meister:  Abgabe deiner Kontrolle in einer Weise, die du so ähnlich bereits kennst.
Er schaute sie fragend an: „Und? An was denkst du?“
Von den beiden Ideen, die ihr kamen, wählte sie die für sie angenehmere Variante: „Willst du mir die Augen verbinden?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein – nicht die Augen.“
Dann wurde ihre Befürchtung also wohl wahr. „Meinst du… meine Hände?“
Er nickte: „Ja – eine echte Osterüberraschung, oder? Und wie so oft wird es um die Stärkung deines Vertrauens gehen.“
„Ach Mensch, Joel… hätte ich doch ein anderes Ei genommen!“
„Was, wenn dies das harmloseste Ei war?“
Mari runzelte die Stirn. „Äh, was hast du dir denn noch ausgedacht???“
„Das wird nicht verraten und ein Umtauschrecht gibt es ohnehin nicht“, sagte er ernst, stand auf und holte ein Seil.
Mari spürte augenblicklich, wie ihr Adrenalinpegel stieg. Dabei versucht sie sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sie Joel ja nun schon ein Weilchen kannte und ihm vertraute. Aber dieser Gedanke hatte nicht die Kraft, sie wirklich zu beruhigen.
„Setz dich bitte hierher.“ Zögernd stand sie auf und setzte sich auf den Stuhl, den er nun in die Mitte des Zimmers gestellt hatte.
„Streck deine Hände nach hinten“, sagte er sanft.
Sie atmete tief durch und tat was er verlangte. Behutsam griff er ihre Hände und zog sie leicht nach hinten.
Sie spürte dabei, wie ungeschützt sie sich fühlte in dieser Körperhaltung mit den Händen hinter der Stuhllehne und atmete möglichst tief um sich zu beruhigen.
„Es wird dir nichts passieren“, flüsterte er ihr ins Ohr. Mari hatte so mit sich zu tun, dass sie nichts antworten konnte. Sie wollte gern möglichst ohne Widerstand diese Übung schaffen, aber es fiel ihr schwer, auch wenn sie wusste, dass er ihr nichts tun würde. Ihre Emotionen und ihren Körper erreichte dieses Wissen nicht.
Joel begann, das Seil vorsichtig um ein Handgelenk zu wickeln. Es kostete sie viel Überwindung, die Hände beide hinten zu lassen, aber sie erinnerte sich an das letzte Mal, in dem er es nicht wirklich fest geknotet hatte, und sie es hätte öffnen können, wenn sie gewollt hätte. Nun wickelte er das Seil um das zweite Handgelenk. Ihr Magen fuhr Fahrstuhl, und in ihren Händen und Füßen kribbelten Ameisen, aber sie behielt die Hände hinten. Er band das Seil um beide Gelenke und zog es etwas fester. Dieser Reiz brachte sie an den Rand ihrer Nervenkraft, und sie rief: „Joel, ich habe Angst! Das fühlt sich anders an als letztes Mal!!!“

Wie es in dieser Übung weiter geht, erscheint morgen

geschrieben von Raffael und Miriam

37. Hände verschmelzen – Umarmung genießen

Bei Mari – Fortsetzung von Wie durch eine besondere Art des Strafens Vertrauen wachsen kann

Mari und Joel, der für sie wieder die Rolle des Meisters angenommen hatte in ihrem jetzt gerade begonnenen Spiel saßen sich gegenüber.
„Bereit zu unserer Übung?“ frage Joel.

„Ja, Meister“, antwortete Mari entschlossen.

„Also, ich möchte, dass du gleich deine Hände in meine legst, deine Augen schließt und sie dann wieder öffnest, wenn du findest, dass es der geeignete Moment dafür ist. Okay, Mari?“

„Also irgendwann, wenn ich das so empfinde…“

„Du bestimmst den Moment, Mari.“

„Okay“, sie rutschte mit ihrem Stuhl noch etwas näher an Joel heran und legte ihre Hände in seine. Er nahm sie ganz sanft auf. Dadurch, dass sie die Augen geschlossen hatte, spürte sie seine Hände, die ihre behutsam und ohne Druck hielten, besonders deutlich. Das war ein angenehmes Gefühl… Fast war sie erstaunt über sich, wie gut sich das anfühlte. Und sie spürte auch, dass sie mit den geschlossenen Augen im Moment eine Art Unbefangenheit hatte, die es ihr leichter machte, die Wärme seiner Hände und das angenehme Gefühl, das sie dabei empfand, bewusst wahrzunehmen.
Diese ruhigen, Wärme ausstrahlenden Hände vermittelten ihr einen Eindruck von Sicherheit und Geborgenheit, von Schutz und Wärme…
Das Gefühl, das durch die Hände ausgelöst war, übertrug sich auf Maris gesamte Persönlichkeit. Es fühlt sich an, als würde er mich annehmen und halten – nicht nur meine Hände, sondern mich als ganze Mari, dachte sie.

Joels Atem ging ruhig und tief, sie konnte ihn hören und fühlen. Wie von selbst übernahm Mari seinen Atem-Rhythmus, und sie beide atmeten miteinander entspannt, langsam und in Ruhe. Als sie sich dessen gewahr wurde, sagte sie innerlich „Ja“ dazu und nahm ganz bewusst die Verbundenheit wahr, die durch die gehaltenen Hände und den gemeinsamen Atemrhythmus entstanden war. Ohne nachzudenken, gab sie sich ganz in diesem Moment hinein. Die Frage, wann sie die Augen wieder öffnen sollte, trat in den Hintergrund. Es war, als würden die Hände mteinander verschmelzen – sie spürte nicht mehr, wo ihre Hand aufhörte und seine anfing. Von Joel ging eine tiefe Ruhe aus, die sich auf sie übertrug.

Kurz drückte er ihre Hand ganz sanft etwas nur zusammen, nur um ihr mit diesem ganz minimalen Druck zu vermitteln, dass alles gut war, dass er sie ganz bewusst hielt und dies so lange andauern durfte, wie sie es entscheiden würden.

Diese besondere Art der Verbundenheit vermittelte Mari Geborgenheit und ein unendliches Wohlgefühl. Sie verlor jegliches Zeitgefühl und tauchte ein in ein Meer von Frieden, in dem sich ihr wundes Gemüt ausruhen konnte.

Wie lange verweilte sie bereits in diesem Meer von Frieden? Sie wusste es nicht…
Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit über diese wertvolle Erfahrung durchströmte sie jetzt spürte sie den Impuls von innen, die Augen wieder zu öffnen.

Sie blickte auf Joel, der mit geschlossenen Augen ganz ruhig ihr gegenüber saß.
So schloß sie ihre Augfen noch einmal – es war so schön… Einen Moment lang wollte sie dieses weiche friedvolle Gefühl noch auskosten.
Als sie die Augen dann wieder öffnete, waren auch Joels Augen offen und er schaute sie sanft an.
Ihr Blick versank in seinen Augen und ihr wurde bewusst, dass sie heute den Blickkontakt halten konnte, ohne dass es ihr unbehaglich war, von ihm angeschaut zu werden.

Er lächelte ganz sanft und milde und nickte ihr anerkennend zu.

Spontan lächelte sie zurück.

„Das war wirklich sehr besonders, Mari“, sagte er leise zu ihr.

„Darf ich etwas sagen, Meister?“

„Das Spiel ist beendet“, jetzt darfst du alles sagen, fragen und tun, was du möchtest“, lachte Joel

„Da war zum ersten Mal ein Gefühl von wirklichem Vertrauen in mir, das entstand aber erst jetzt während du meine Hände hieltest, das war einfach so stützend, wärmend und schön… danke!“

„Ja, das habe ich gemerkt. Darüber freue ich mich. Und du hast nicht einfach nur an irgendeinen Moment die Augen geöffnet, sondern es war ein für uns beide total stimmiger und sehr kostbarer Moment“, bemerkte Joel.

„Ja, so habe ich es auch empfunden – als eine sehr kostbare Erfahrung… so als würden unsere Hände ineinander schmelzen, ich finde nicht die richtigen Worte, aber so ähnlich.

„Ja, es war ein unglaublicher Moment der Verbundenheit, weil uns das Vertrauen verband.“

„Ich möchte dir von Herzen danken, Joel, dass du diesen Weg mit mir gehst durch alle die Unebenheiten und mir immer wieder andere Gelegenheiten gibst, mich neu zu erfahren,“meinte Mari bewegt.

„Es war auch für mich eine sehr schöne Erfahrung, eine solche Verbundenheit zu spüren, Mari, so etwas gibt es nicht so oft,. Es war ein sehr schönes Erlebnis , ich danke dir!“

„Könnten wir uns jetzt noch einmal umarmen?“ fragte sie vorsichtig.

„Aber ja, gerne!“ Joel stand auf und breitete seine Arme aus, von denen Mari sich umfangen und halten ließ. Und sie genoss es – fühlte seine Nähe auf eine so wohltuende Weise, in einem Gefühl von Frieden , wie sie es vorher noch nie gehabt hatte. Diesmal flossen keine Tränen. Er atmete tief ein und drückte sie sanft an sich. Und noch einmal atmeten beide in einem gleichen Rhythmus, und während sie vorsichtig ihren Kopf bei ihm angelehnte, nahm sie seinen Herzschlag wahr. Wie gut diese Nähe tut, dachte Mari erstaunt… Gans sacht legte er seinen Kopf auf ihren, nur mit einem Hauch von Berührung, so dass sie die Position ganz leicht hätte ändern können, wenn sie das gewollt hätte – aber sie wollte es nicht!
Es ist schön, dachte sie und drückte ihn erstmalig auch ein bisschen an sich.

„Joel,“ flüsterte sie, „das ist so schön…“

An diesem Tag war für Mari eine Tür aufgegangen…

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

20. Fehler und ihre Folgen

 Bei Joel – Schmerzliche Unzulänglichkeitsgefühle aus der Kindheit tauchen auf

Wieder einmal hatte Joel in seiner Funktion als Meister Marie die Augen verbunden. Jedes Mal wenn er das tat, stieg ihre ohnehin schon vorhandene Aufregung heftig an.

„Marie, du hast jetzt im Moment nichts weiter zu tun, als auf der Couch sitzen zu bleiben und wahrzunehmen, was du hörst und wie du dich fühlst,“ erklärte ihr Joel mit ruhiger Stimme.

Sie nahm wahr, wie er aufstand und im Zimmer umherging. Es raschelte an einer Stelle, es klapperte an einer anderen Stelle, dann war es einen Moment lang ruhiger, und wieder hörte sie aus den verschiedenen Stellen des Zimmers unterschiedliche leise Geräusche .

Was tat er da? Am liebsten hätte sie ihn gefragt, aber glücklicherweise konnte sie sich diesmal rechtzeitig zurückhalten und stellte keinerlei Fragen.
Das ist mir jetzt gelungen, freute sie sich im stillen und musste für einen kleinen Moment schmunzeln.

„Es freut mich, dich lächeln zu sehen Mari!“
In diesem Moment setzte sich Joel zu ihr auf die Couch. Erschrocken zuckte sie ein wenig zusammen.
„Wie fühlst du dich?“
Er hat es gespürt, dass ich schon wieder so aufgeregt bin, dachte Marie.
„Das Verbinden der Augen macht mir immer beklemmende Gefühle – jetzt auch gerade,“ erklärte sie ihm ehrlich.
„Ja, Marie, das weiß ich. Deshalb werden wir es ganz oft zu tun, bis ein Gewöhnungseffekt einsetzt und es dann für dich leichter wird. Für heute ist es erst einmal genug. Du kannst das Tuch wieder abnehmen. „
Erleichtert zog sie es herunter. Ja, was war das denn? im Wohnzimmer lagen bunt verstreut Gegenstände auf dem Teppich. Den Sessel hatte Joel zur Seite gestellt, sodass mehr Fläche entstanden war, auf der ein Durcheinander von Kissen, Büchern, einem Stoffhund und zwei größeren Blumenvasen entstanden war.
„Ja was soll das denn?“ fragte sie erstaunt. Joel schaute sie schweigend an. Da blitzte die Erkenntnis auf: Schon wieder hatte sie eine Frage gestellt, die vermeidbar gewesen wäre. Wann würde sie es endlich lernen, die Gegebenheiten ungefragt und unkommentiert zu nehmen wie sie sind?!
Beschämt sah sie ihn an: „Es tut mir leid Joel.“
Noch ein Fehler! Sie sollte ihn doch in ihrem gemeinsamen Spiel mit „Meister“ ansprechen!
„Entschuldigung, ich meine es tut mir leid, Meister.“
Ein unangenehmes Flattern in der Magengegend breitete sich aus, und ihre Hände begannen zu zittern.
Joel nahm ihre Hand und hielt sie in seinen beiden warmen Händen.
„Ganz ruhig Marie… Ja du hast zwei Fehler gemacht, zwei Regelübertretungen sind passiert.
Was meinst du, warum dein Unterbewusstsein das immer wieder so macht?“
Erstaunt schaute Mari ihn an. Diese Frage hatte sie nicht erwartet. Aber womit konnte man in diesen Spielen schon rechnen? Es gelang ihm immer wieder, sie zu verblüffen und zu überraschen…
„Das weiß ich nicht, Meister, und es tut mir sehr, sehr leid! Gerade hatte ich mich gefreut, dass ich davor bemerkt habe, dass ich fast eine Frage gestellt hätte und es dann nicht getan habe – und nun tappe ich kurz darauf doch wieder in die Falle!“
„Dafür gibt es bestimmt Gründe, Mari,“ entgegnete Joel ruhig, „das ist meistens so, wenn etwas immer wieder geschieht Vielleicht möchtest du dich ganz tief innen mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ beschäftigen. Ich merke ja, dass du immer sehr aufgeregt bist, wenn dir ein Fehler unterläuft. Was geschieht da in dir? Wovor hast du Angst?“
Ohne dass sie lange nach dachte sprudelte Sie heraus: Ich habe Angst dass du sauer auf mich  wirst… Ich habe Angst vor Beschimpfung und vor Bestrafung. Ich habe Angst, dass du sagst: Das hat doch alles keinen Sinn, so geht das nicht, und mich weg schickst.“
 Mit diesen Worten brach sie in Tränen aus.
Joel nahm sie in die Arme, hielt sie ganz vorsichtig fest, sodass sie seine Wärme und seine Sicherheit am ganzen Körper spürte. Es zuckte und bebte in ihr. Gehalten in seiner Umarmung brachen Erinnerungen aus der Tiefe ihrer Seele heraus.
Ich lebte als Kind bei meiner Oma, weil meine Mutter bis abends arbeiten musste und es mit der Krippen-Unterbringung nicht geklappt hat.
Meine Oma hatte mich lieb, aber sie war sehr ungeduldig und nervös. Ganz oft machte ich irgendetwas falsch. Dann wurde ich beschimpft oder bestraft, obwohl ich mir so viel Mühe gab, alles richtig zu machen.
Schlimmer noch als die Strafen war jedoch die Angst von mir, ins Kinderheim zu müssen, wenn ich nicht brav genug bin, weil sie oft zu anderen Nachbarn und Bekannten sagte: Wenn die Kleine nicht so still und brav wäre, würde das gar nicht gehen. Und ich hatte keine Vorstellung davon, was geschehen würde, wenn es nicht ginge bei Oma zu sein. Es ging ja auch nicht, bei Mutti zu sein…
 Wo sollte ich dann hin? So wollte ich mir immer ganz viel Mühe geben, alles gut zu machen, um nicht weggeschickt zu werden.“
Die Tränen wurden wieder heftiger und ihr Körper zitterte und bebte.
Joel hielt sie ganz fest.
Nach einem Weilchen, als sie sich etwas beruhigt hatte und sich aus seiner Umarmung löste, nahm er ihre Hand, was sie als sehr tröstlich empfand.
„Marie, Liebes, ich werde dich ganz sicher nicht wegschicken, und ich glaube in einer anderen Ecke deines Inneren weißt du das auch. Und du weißt auch, dass du inzwischen nicht mehr abhängig bist wie als Kind. Aber in diesen Momenten ist dieses Wissen im Hintergrund, da ist eine existenzielle Angst an getriggert.
Du bist ja inzwischen als erwachsener Mensch durchaus lebensfähig, selbst wenn ein wichtiger Kontakt, der dir viel gibt, abbrechen sollte. Aber in Momenten wie jetzt ist das innere Kind von dir lebendig und fühlt sich tief bedroht, wenn du Fehler machst, stimmt’s?“
Erschöpft nickte Mari.  „Ja, Fehler machen ist für mich immer ganz furchtbar – egal ob es kleine oder größere Unzulänglichkeiten sind. Ich kann in diesen Situationen gar nicht mehr unterscheiden, wie schlimm etwas wirklich ist. Alles ist dann ganz schlimm. Und ich habe eine riesengr0ße Angst vor dem, was dann kommt.“
„Ich werde mir etwas einfallen lassen, damit du mit dem Thema „Fehler und ihre Folgen“ völlig neue Erfahrungen und Gefühle verbinden kannst. Versuche daran zu denken, wenn es soweit ist, dass du mit mir niemals Grund zu Angst oder Besorgnis haben musst, und dass das, was ich für dich plane, immer einen Sinn hat, einen heilenden Sinn! Bitte denke daran, wenn es soweit ist.“

Und wenn es dir in dem Moment nicht gelingen sollte, daran zu denken, werde ich dich daran erinnern.“
Er sah ihr in die Augen…„Mari, du brauchst dich bei mir niemals zu fürchten.“ 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

19. Bewegt und gehalten von den Händen des Lebens – geborgen in der Umarmung von Joel

Bei Joel –  eine Sehnsucht erfüllt sich

Mari fiel auf, dass Joel sie in letzter Zeit vermehrt zu sich gebeten hatte, um den Raum für ihre Spiele, in denen er die Rolle des Meisters für sie verkörperte, nach seinen Plänen vorbereiten zu können. Auch heute ging sie wie bisher jedes Mal mit Aufregung zu ihm.

Obwohl sie bisher jedes Mal die Erfahrung gemacht hatte, dass er wohlwollend und achtsam mit ihr umging in den Spielen und Ritualen, in denen er sie wie verabredet ins Ungewisse schickte und sie nicht wissen ließ, was er mit ihr vorhatte, war sie jedes Mal zu Beginn nervös. Ja, es fiel ihr auf, dass sich ihr Stresspegel ein wenig gesenkt hatte inzwischen – das war allerdings keine wesentliche Veränderung, dachte sie gerade.
Was würde sie heute erwarten.

Nachdem Joel sie nach ihrem Befinden gefragt hatte und sie Gelegenheit hatte, ein wenig über ihre Befangenheit zu sprechen, erklärte er ihr bevor das Spiel begann – und das tat er sonst nie –  dass er an diesem Abend eine schöne, leichte Übung für sie vorgesehen habe.

Tief atmete sie aus. Ihre Aufregung legte sich. 
Das Spiel begann.

Er bat sie, sich bequem hinzusetzen und ihre linke Hand in seine Hände zu legen, und mit geschlossenen Augen ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese Hand zu richten. Die Hand sei jetzt ihre Persönlichkeit, und seine Hände, die ihre Hand hielten seien symbolisch das Leben.

„Nun fühle einfache, Mari, wie das Leben – verkörpert durch meine Hände – mit dir umgeht…“

Und sie stellte fest: Das Leben ging sehr sanft und behutsam mit ihr um. Es fühlte sich angenehm, warm und geborgen an in Joels Händen. Als die Übung dem Ende zuging hatte sie sich ganz entspannt und folgte mit wachem Interesse seinen streichelnden, sanft biegenden, behutsamen und sicheren Bewegungen. Froh stellte sie fest, dass diese Übung tatsächlich schön und vor allem leicht war.

Nachdem sie darüber geredet hatten, wie sie sich gefühlt hatte dabei, wollte Joel die gleiche Übung noch einmal machen. Wieder verkörperten seine Hände das Leben, während Mari dieses Mal ihre Aufmerksamkeit auf ihren Kopf richten sollte. Wie würden die Hände, die das Leben verkörperten, nun wohl mit ihrem Kopf umgehen?

Wieder waren sie sanft und sicher, mal mit etwas mehr Druck, mal ganz zart. Mari versuchte, ihren Kopf ganz weich, locker und biegsam zu halten und fragte sich, ob sie es wohl so richtig machte, aber sie stellte die Frage nicht laut.

Schließlich begann sie die Übung zu genießen. Es tat so gut, ihren heißen schweren Kopf mit all den Gedanken einfach abzulegen in die Hände des Lebens. Schließlich dachte sie auch nicht mehr darüber nach, ob sie es richtig machte oder nicht. Besonders genoss sie es, wenn die Hände an manchen Stellen etwas mehr Druck ausübten. Wenn die Hände für das Leben standen, war es dann nicht merkwürdig, dass sie einen gewissen Druck als angenehm empfand?

Als das Spiel beendet war, redete sie mit Joel darüber, wie seltsam sie es fand, dass eine gewisse Art von Druck ihr gut getan hatte.

Auf seine Frage, ob sie eine Idee hätte, was es war, was ihr an diesem Druck gut getan hatte,  gelangte sie zu der Antwort, dass der Druck der Hände, der absolut passend dosiert war, der ihre Hand auch manchmal nach links oder rechts, nach oben oder unten geführt hatte, irgendwie richtungsweisend und damit wohltuend war. Es war wie ein Tanz, in dem Joels Hand ihre Hand geführt hatte und sie sich führen ließ.

Dann kam ihr der Gedanke:
Zeigte nicht auch das Leben manchmal deutlich durch Zufälligkeiten und Zeichen, wo es sie hinhaben wollte, in welche Richtung sie sich bewegen sollte?
Ja oft gab es aus ihren Gefühlen und den vorhandenen Möglichkeiten heraus fast nur eine Richtung, in die es weiter führte…

Meistens empfand sie diese Phasen angenehmer als Zeiten, in denen sie sich orientierungslos und unklar fühlte.
Also war Druck gar nicht immer und grundsätzlich unangenehm!
Wow – diese neue Erkenntnis ließ ganz neue Gedanken- und Gefühlswege zu:

Fasziniert erzählte sie Joel von dieser neuen Erkenntnis.
Schließlich schloss sie dankbar:
„Heute habe ich mich richtig wohl gefühlt in unserem Spiel. Wenn du sonst den Meister verkörperst, ist immer eine gewisse Anspannung in mir… Danke, dass du es mir heute so leicht gemacht hast. Ich wünschte mir, du könntest diese Art der Energie und Stimmung öfter entstehen lassen. „

„Wenn ich das durchweg täte, würde ich nicht deinem ursprünglichen Wunsch folgen, Mari.
Du wolltest mit Macht und Ungewissheit konfrontiert werden, um daran Vertrauen zu üben.
Und du willst eine liebevolle Autorität spüren, in die du dich, wenn du schließlich mehr Vertrauen aufgebaut hast, regelrecht hinein fallen lassen kannst. Das bin ich gern für dich, doch ohne diese Ungewissheiten und die Eindeutigkeit und Klarheit in der Meisterrolle würdest du diese Haltung der Hingabe, nach der du dich sehnst, nicht in dir entwickeln können, jedenfalls dann nicht durch unsere Spiele und Rituale. Sicher würde das Leben dir dann andere Wege dafür zeigen. Möchtest du das?“

Ruhig und gelassen sah er sie an.

„Nein, Joel, ich möchte diesen Weg mit dir weiter gehen. Zu dir entwickle ich gerade Vertrauen.“
Ups – hatte sie das gerade gesagt?
Es sprach aus mir,
bemerkte sie erstaunt, eine Stimme, die ich bisher noch nicht so deutlich wahrgenommen habe…

„Das freut mich, Mari, dann gehen wir gemeinsam diesen Weg weiter. 
Auch ich möchte das gern!
Wenn die Ungewissheit und andere Gefühle mal wieder quälend heftig werden sollten, denke daran, dass sie das Tor bauen, durch das du gehen musst, um Vertrauen zu üben. Was auch kommt, es wird immer meine Absicht und mein Ziel sein, dass du dich gut aufgehoben fühlst – bei mir als Meister und als Joel, der dir schon ein Stück näher ist. Bestimmt kannst du mit der Zeit immer sicherer sein, dass es immer gut weiter geht – hier und im Leben überhaupt.“

Nach diesen Worten zog er das schwarz-bunte symbolische Gewand aus, das er immer trug, wenn er das Leben verkörperte und nahm Mari zum ersten Mal behutsam in die Arme… 
Wie leicht konnte sie diese Umarmung annehmen und sich in sie hinein fallen lassen… sie wunderte sich über sich selbst. Heute fühlte es sich so an, als wäre in ihr schon ein Stück Vertrauen gewachsen…
Vielleicht lag es auch daran, dass dieses Spiel so friedlich, so harmonisch gewesen war und sie sich dadurch leichter öffnen konnte…

Nach einigen wunderbaren Atemzügen wollte sie sich aus der Umarmung lösen, unabhängig von ihrem Bedürfnis, dass sie gern noch länger darin verweilt wäre. So tief verankert waren die alten Sätze ihrer Oma, niemals zu viel haben zu wollen, Maß halten zu müssen… 
Joel nahm jedoch ihr echtes Bedürfnis wahr und hielt sie weiterhin angenehm fest und sicher in seinen Armen.
Ein neues, entspanntes und wärmendes Glückgefühl durchströmte sie… 
Sie durfte… sie durfte verweilen in diesen Arme, die sie hielten…
Sie durfte ohne weiter nachzudenken einfach sein und diese Nähe spüren…

Sie fühlte sich in diesen kostbaren Minuten auf so wohltuende Weise gehalten und geborgen, wie sie es kaum für möglich gehalten hatte, aber sich tief innen wohl schon lange unbewusst danach gesehnt hatte.

Als sie anschließend anschließend bei Kaffee und Kuchen zusammen saßen, sagte Mari zu Joel: „So wie du mich vorhin umarmt und gehalten hast, das fand ich wunderschön – nicht nur so ganz kurz mal drücken, wie es sonst üblich ist, sondern so, dass ich mich da schließlich richtig reinfallen lassen konnte.“

„Na ja, lächelte Joel, „ich wollte dir vermitteln, dass du gehalten bist und die Möglichkeit hast, dich anzulehnen und fallen zu lassen. Ich fand es schön zu spüren, dass du die Umarmung angenommen und dich ganz hinein begeben hast.“

„Ich hatte in der Umarmung nach einem kleinen Weilchen Sorge, dass es zu viel werden könnte, und versuchte, mich ein bisschen zu lösen. Doch du hieltest mich einfach weiter fest…  und dann konnte ich mich noch tiefer da hinein fallen lassen.“

„Ich wollte nicht, dass du dich zurückziehst, weil du glaubst, es wäre zu viel für mich  – und ich war mir in diesem Fall sicher, dass du mir deutlich signalisieren würdest, wann du die Umarmung beenden wolltest. Und das hast du ja nach einem Weilchen auch getan.“

„Es ist schön, wie du mich ohne Worte verstanden hast… ich danke dir sehr, Joel!“

Zum nächsten Kapitel:  –>  20. Fehler und ihre Folgen

Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer (wenn auch leider umgekehrter Reihenfolge, also das aktuellste ist vorn. Um an den Anfang zu gelangen nach unten scollen und auf ältere Beiträge gehen, das ganze drei oder vier mal… so kannst du die Geschichte wie ein Buch von vorn nach hinten lesen 🙂

15. Schau mir in die Augen, Kleines…

Bei Joel – Du kannst nicht versagen 

Mari und Joel, der für sie in den Zeiträumen ihrer Spiele und Rituale die Rolle des „Meisters“ angenommen hat, saßen sich gegenüber.

Seine Hände lagen entspannt mit geöffneten Handflächen nach oben auf einem kleinen Kissen.

„So Mari, jetzt legst du deine Hände in meine, und wir schauen uns für eine gewisse Zeit in die Augen.“

„Für wie lange?“

„Nicht fragen, Mari! Nur dem folgen, was ich sage.“

„Oh Entschuldigung!“ Warum nur musste sie immer wieder den gleichen Fehler machen und Fragen stellen. Sie errötete.

„Entschuldigung angenommen.
Die Übung geht so lange, bis ich sie beende.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam reichte sie ihm ihre Hände und versuchte, ihm in die Augen zu schauen. Es fiel ihr enorm schwer – so groß, so funkelnd, so machtvoll erschienen ihr seine Augen in diesem Moment.
Und es fiel ihr schwer, von diesen Augen so intensiv angeschaut zu werden.
Immer wieder musste sie den Blick senken und sich mit aller Willenskraft zwingen, ihn wieder anzuschauen.

Tränen traten ihr in die Augen und sie begann zu zittern.
Als er dies wahrnahm, beendete er die Übung und nahm sie in die Arme.
Erleichtert ließ sich Mari ein Weilchen von ihm halten.

Dann sagte sie verzweifelt: „Wenn ich schon bei einer so einfachen Anforderung versage, wie soll ich das andere, was noch vor mir liegt und sicher immer schwieriger wird, schaffen? Ich glaube, das mit unseren Vertrauens- und Macht-Spielen war ´ne Schnapsidee! Ich bringe das nicht!“

Ruhig antwortete Joel: „Erstens: Du hast nicht versagt, denn du hast mich immer wieder trotz aller Schwierigkeiten, die du hattest, angeschaut.
Zweitens: Unterschätze die Kraft und Intensität dieser Übung nicht. Es ist nicht ohne, sich wirklich darauf einzulassen, den Augenkontakt zu halten.
Und drittens ist die Annahme, dass du alles weitere nicht schaffen könntest, auch nicht wahr. Wenn wir ganz in Ruhe einen Schritt nach dem anderen tun, wird keine Anforderung so hoch sein, dass sie nicht zu bewältigen wäre. Und wenn etwas beim ersten Anlauf nicht klappt, dann gibt es einen zweiten oder dritten, vierten oder fünften Anlauf. Mach dir jetzt keine Sorgen, Mari, um etwas, das noch gar nicht dran ist.

Alles war und ist in Ordnung so wie es ist.
In Wahrheit gibt es gar nichts, was nicht in Ordnung sein könnte, denn jedes Gefühl darf gefühlt werden.

Du kannst also gar nicht versagen!

Und ich kann und werde dich immer unterstützen und wenn nötig auffangen, so lange du einfach nur da bleibst.
Und Mari… Du machst es dir und mir immer leichter, wenn du bereit bist, das auszusprechen, was in dir ist. Ich werde dich danach immer mal zwischendurch fragen.
Also: Was hast du vorhin beim Anschauen gefühlt, Mari?“

Sie dachte nach… Was war es eigentlich, was es ihr so schwer gemacht hatte, den Augenkontakt zu halten…
„Es war irgendwie unheimlich, dir so lange in die Augen zu schauen und von dir so gesehen zu werden…“
Sie stockte. Durfte sie das sagen? War er jetzt sauer?
Vorsichtig hob sie ihren Blick. Seine Augen schauten sie nach wie vor ruhig, gelassen und interessiert an und ermutigten sie, weiter zu reden.

„Ich hatte das Gefühl, du würdest mir bis in meine Seele blicken – und das war schwer für mich zuzulassen und auszuhalten. Ich fühlte mich so nackt und schutzlos. Und du weißt ja… Ich habe mit dem Nackt-sein Probleme.“

Joel nickte: „Ja, durch die Augen berühren wir unsere Seelen und sehen uns unverhüllt so, wie wir in der Tiefe unseres Wesens wirklich sind, das spürte ich auch.  Aber es wird nicht immer so bleiben, dass du es als unangenehm empfindest, von mir gesehen zu werden. Mit wachsendem Vertrauen wird es leichter werden. Noch hast du nicht genügend Vertrauen zu mir und auch zu dir selbst.
Ich sage dir: Es gibt nichts, aber auch gar nichts an deiner Seele und deinem Körper, was nicht liebenswert und schön ist. Ich möchte dich gern darin unterstützen, das glauben und fühlen zu können. Dein Vertrauen wird wachsen im Laufe der Zeit. Da bin ich ganz zuversichtlich! Deshalb sind wir ja auf diesem interessanten, und wie ich hoffe, auch für dich irgendwie guten Weg. Oder?“

„Ja,“  sie nickte.

Dankbar für seine ermutigenden, Worte drückte sie seine Hand.

Zum nächsten Kapitel: –> 16.  Zeit im Dunkeln

buch_0035  Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer Reihenfolge

9. „Leben – bitte, sei sanft mit mir!“

Mari und Joel im 2. Rollenspiel: Im Leben ist eigentlich alles ungewiss“

Mari saß mit geschlossenen Augen auf dem kleinen Schemel, den Joel in seiner Rolle als Meister ihr zugewiesen hatte. Es fiel ihr schwer, die Augen nicht wenigstens ein wenig zu öffnen.
Angespannt lauschte sie auf die Geräusche im Zimmer.
Von hinten kam seine Stimme: „Wie fühlst du dich, Mari?“

„Etwas unbehaglich…“

„Was bereitet dir gerade am meisten Unbehagen?“

„Die Augen geschlossen zu halten – und nicht zu wissen, was du mit mir vorhast.“

„Ja, es ist wie im Leben, eigentlich ist es immer irgendwie ungewiss, wir wissen nie sicher was kommt. Und doch kommt oft etwas Gutes oder zumindest nichts Schlimmes.“

Noch immer war er etwas entfernt hinter ihr.
Jetzt hörte sie ihn näher kommen.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als er seine Hände auf ihre Schultern legte.

„Ganz ruhig, Mari, meine Hände kennst du doch bereits von der Schultermassage neulich auf der Parkbank. Und  ja… ich weiß… die Berührung kam überraschend – das ließ dich zusammen zucken. Spüre einfach mal hin… alles okay? Was sagt die Gefühls-Ampel?“

„Körperlich grün – emotional gelb!“ antwortete Mari nach kurzem Zögern.

„Okay, dann richte mal deine Aufmerksamkeit ganz auf den Körper, besonders auf deine Schultern und die Berührungen meine Hände. Wie fühlt sich das an?“ Sanft massierte er Maris angespannte Schultern.

„Das tut gut…“ seufzte sie

Nach 5 Minuten Wohlfühlzeit löste er seine Hände und ging um Mari herum.

„Du kannst jetzt deine Augen öffnen, Mari.“

Meister_in_Schwazem_Gewand-.Joel stand ca. 2 Meter entfernt von ihr. Er hatte über sein T-Shirt ein schwarzes, weites, bis auf die Erde reichendes Gewand angezogen.

„Ich stehe jetzt als Symbolgestalt für das ganze Leben vor dir, Mari. Und ich frage dich:  Wie fühlst du dich? Was willst du mir, dem Leben, sagen?“

„Leben, ich habe Angst vor dem, was kommt!!!
Ich fühle mich oft so schwach, so verletzbar, so wund…
Ich danke dir für all das Gute, was du mir schon gebracht hast. 
Und das war wirklich viel.
Aber manches war auch ziemlich schwer!
Oh ich bitte dich, sei sanft zu mir! Tu mir nicht noch einmal so weh!“ 
Bei diesen Worten kamen Mari die Tränen.  Sie barg den Kopf in ihren Händen und schluchzte.

Joel trat auf sie zu, griff ihr vorsichtig unter die Achseln, zog sie sanft empor und führte sie zum Sofa. Er setzte sich in die Couchecke, legte ein Kissen in seinen Schoß und sagte zu ihr: „Mari, ich bin noch immer das Leben, und als solches lade ich dich ein, deinen Kopf in meinen Schoß zu legen, und dich ins Leben hinein zu entspannen. Leg dich hin und gib mir deinen Kopf.“
Noch immer weinend legte sich Mari auf die Couch und legte ihren heißen Kopf in seinen Schoß.

„Ich habe solche Angst!“ brach es aus ihr hervor. „Du kannst mir alles nehmen, alles mit mir machen, mich rütteln und schütteln, mich aufbauen und wieder zusammen falten. Oh Leben, du bist so mächtig, und ich bin so hilflos und klein. Ich möchte nie wieder so schlimme Schmerzen haben… Bitte, bitte! Geh ab jetzt sanfter mit mir um!“

Joel stellvertretend für „das Leben“ strich sanft über ihr Haar, in langsamen, beruhigenden Bewegungen – immer und immer wieder… Ließ sie weinen bis die Tränen versiegten und sie aufhörte zu schluchzen. Unablässig strich er über ihr Haar und ihre Schultern. 
Mari ließ es geschehen und spürte, wie sie sich langsam entspannte. Ab und zu schluchzte sie noch einmal auf… 

„Fühl mal, Mari:
Ich, das Leben, bin stark und groß,
und du bist in meinem Schoß.
Ich, das Leben, bin sanft zu dir –
jetzt und hier. 
Und denk mal zurück,
gab es in all dem Schweren nicht auch Beistand und Glück?
Gab es auch nur eine Situation, die gänzlich ohne Hilfe war?
Gab es auch nur einen Tag, an dem absolut gar nichts Gutes geschah?“

Mari ließ ihre Gedanken zu den verschiedenen schmerzhaften Erlebnissen wandern – und tatsächlich… in allem wurde ihr auch Hilfe zuteil. Oft floss sogar immens viel Liebe – unerwartet, gerade in den besonders schweren Momenten.  Immer waren Menschen da, manchmal Freunde, manchmal auch völlig Fremde, die ihr zur Seite gestanden hatten. Es gab seltsame Zufälle, mit denen gar nicht zu rechnen war, die gute Wendungen mit sich brachten.
Die Intensität der Liebe – war gerade in harten Tagen besonders stark spürbar gewesen. 
Ob das vielleicht der Sinn von allem schmerzlichen Erleben ist, dass die Liebe besonders deutlich zutage tritt…, überlegte Mari im stillen.

„War häufig nicht die Angst ein Verstärker deines Schmerzes?“ fragte Joel als „das Leben“.

„Ja, das stimmt, bekannte Mari, „ich habe so viel Angst in mir, aber ich kann sie nicht wegdenken! Das hab ich schon so oft versucht. Mit allen möglichen positiven Gedanken, Affirmationen, Kraftsätzen und weiß der Geier was – es funktioniert nicht!“

„Stimmt! Du kannst all deine Gefühle nur da sein lassen, atmen und sie fühlen. Und wenn du dich nicht so wehren würdest gegen sie – und vor allem nicht gegen mich, also gegen die Ungewissheit, die ich als „das Leben“ dir bringe, wäre vieles leichter…“

„Das fällt mir so schwer…“ gab Mari zu.

„Genau deswegen tun wir das, was wir hier miteinander tun! Wir üben miteinander…
Du übst, Mari – und ich bin dein Lehrer, der dich immer wieder hinein schickt ins Ungewisse – und dann deine Hand nimmt, um dich da durch zu führen – und sie ganz sicher hält, um es dir leichter zu machen,“ flüsterte Joel. „Das Leben will nicht, dass du es dir so schwer machst. Es will, dass du lernst, ihm zu vertrauen, dich von ihm halten und durch alles hindurch führen  zu lassen…“

Mari setzte sich auf und sah sich das Leben, verkörpert durch Joel an. Der öffnete seine Arme – und Mari ließ sich von ihm halten… Das fühlte sich so gut an,  sooo gut…

„Je mehr du dich in mich hinein entspannst, umso weniger Schmerz wirst du erleben…“ 

„Das will ich lernen – bitte hilf mir dabei!“ 

„Dafür bin ich da.
Dafür hat mich das Leben zu dir geführt, Mari.
Und das tue ich sooo gern!“

–> zum nächsten Kapitel: 10. Leuchtend bunte Lebendigkeit auf dem dunklen Grund der Ungewissheit

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

3. Bei dir oder bei mir ?

Mari saß auf der Parkbank und genoss Joels Hände auf ihren Schultern. Sie massierten ihre verspannte Schulter- und Nackenmuskulatur und übten dabei jenen besonderen Druck aus, der deutlich spürbar war, die Muskeln weicher werden ließ, aber nicht weh tat.

„Deine Massage tut gut, Joel. Nicht zu fest und auch nicht zu zart – meine Anspannung wird weniger. Dank dir!“

„Ist es nicht ähnlich wie du es dir für die Spiele wünschst?“ fragte Joel
„Ein kleines bisschen wohl dosierten Druck, der zu Entspannung führt, aber nicht weh tut?“

„Ui… ja, so könnte man es formulieren. Und sollte es doch zu viel werden… würdest du den Druck reduzieren?“

„Anfangs würde ich sofort den Druck wegnehmen oder abmildern.
Irgendwann einmal, wenn wir uns besser kennen, würde ich dich fragen, ob du noch zwei bis drei Sekunden in der Situation bleiben könntest, um zu sehen, wie es sich in dir entwickelt. Denn so wie harte Muskeln nach einer kurzen Zeit des Druckes weicher werden, könnte auch dein Gefühl sich durch eine kleine Gewöhnungszeit verändern. Das würde ich aber nur mit deinem Einverständnis tun.“

Mari holte Luft, und er spürte, wie ihr Verspannung wieder zunahm.

„Soweit sind wir aber längst noch nicht. Und wie gesagt, wir können immer über alles reden.
Ich würde gern die Ampelfarben als Stimmungsindikator nutzen, dass du mir schnell und ohne lange nach Formulierungen suchen zu müssen, mitteilen kannst, wie es dir geht und was du brauchst.
Grün heißt: Alles paletti, weiter im Spiel.
Gelb  bedeutet: Es geht gerade noch so… Ich bin an meiner Grenze des Erträglichen, bitte keine Steigerung! Ich brauche Unterstützung, um in der Situation bleiben zu können.
Rot bedeutet: Sofort Stopp! Ohne Diskussion. Abbruch dieser Situation.
Solltest du „Rot!“ sagen, werde ich mich absolut danach richten, und wir steigen sofort aus der Situation oder aus dem gesamten Spiel aus.
Und scheue dich bitte niemals, „Rot!“ zu sagen, wenn du es so empfindest.“

„Joel, ich brauche nur daran zu denken, und ich habe Bammel.“

Er legte die Hände auf ihren Kopf und massierte in langsam kreisenden Bewegungen ihre Kopfhaut. „Wie fühlt sich das an?“

„Herrlich!“

„Mari, ich werde tun, was ich kann, dass solche herrlichen Momente wie jetzt dir über schwierige Gefühle wie Angst, Scham und Unsicherheit hinweg helfen.“

„Danke Joel… Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich schon ein wenig Vertrauen zu bekomme.“

„Das freut mich, Mari!“

„Hmm… ich überlege: Wir haben uns jetzt dreimal irgendwo draußen getroffen…. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir uns das nächste Mal bei dir oder mir zuhause treffen  würden?“

„Ja, das denke ich auch“, stimmte Joel zu, „aber ich hätte es nicht ausgesprochen. Diesen Schritt, ein erstes Treffen in der Wohnung vorzuschlagen, wollte ich dir überlassen, damit du dich nicht überrumpelt fühlst.“
Langsam kam er um die Bank herum und setzte sich neben sie.
„Wo wollen wir uns treffen, Mari? Möchtest du zu mir kommen, oder soll ich zu dir kommen? Wo würdest du dich sicherer fühlen?“

Mari dachte nach… „Ich glaube, bei mir zuhause würde ich mich etwas wohler fühlen. Möchtest du mich am nächsten Samstag besuchen kommen?“

„Gern, Mari! Und jetzt holen wir uns ein Eis!“

Zum nächsten Kapitel:  4. Fehler dürfen sein

 

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