2. Ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand…

Mehr von Mari´s Fantasien:
Hilflos
sein und dabei getröstet, ermutigt und liebevoll berührt werden…

Hand in Hand gingen Mari und Joel durch den Park, während sie über das sprachen, was sie gemeinsam vorhatten.

„Bitte beschreib doch mal, was du dir von mir in meiner Rolle wünschst, Mari. Je mehr ich davon weiß, umso leichter wird es für uns beide, das zu verwirklichen, was dir gut tut in diesem sensiblen Thema.“

Mari überlege… wie sollte sie beginnen?
„Es sind ja immer nur Fragmente, Ausschnitte, kleine Szenen, kurze Sätze, die in mir aufploppen…“

„Na ja, ich will auch nicht, dass du mir ein ausgearbeitetes Drehbuch auftischst,“ lachte er. „Dann wäre ja auch keine Spannung mehr da. Die Gestaltung des Ablaufs unserer Sessions überlässt du ruhig mir. Regie ist schließlich meine Aufgabe in dem Spiel.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir ja gerade darum, die Erfahrung zu machen, dich gut aufgehoben zu fühlen, wenn du NICHT weißt, was kommt, wenn eine anfängliche Ungewissheit dein Adrenalin ins Fließen bringt und du dann erlebst, dass dir nichts Schlimmes geschieht. Habe ich dich so richtig verstanden?“

„Besser hätte ich es nicht formulieren können,“ bestätigte Mari. „Du hast gut zugehört.“

„Zuhören ist die Voraussetzung für Verständnis,“ gab Joel zurück, und es ist mein Anliegen, dich so gut wie möglich verstehen zu können, damit ich dich da abholen kann, wo du dich aufhältst in deiner inneren Landschaft.“
Seine Worte berührten Mari, und sie schaute ihm kurz in die Augen.
Joel hatte eine Idee: Also pass auf, wir machen jetzt ein Interview. Du antwortest möglichst spontan und sagst das, was dir gerade einfällt, ohne lange nachzudenken, okay?“

„Okay!“

„Wonach sehnst du dich?“

„Nach innigen Umarmungen, nach dem Gefühl, gehalten zu sein in allen Gefühlen, die gerade da sind, und mich sicher zu fühlen… Und dass meine Ups and Downs okay sind, auch dann, wenn ich weinen muss.“

„Deine Tränen sind mir jederzeit willkommen – ich werde für genügend Taschentücher sorgen, okay? Ernsthaft Mari: Es ist für mich vollkommen in Ordnung, wenn du weinst. Alles was aus dir kommt, darf da sein. Anders ginge solch ein Weg, den wir vorhaben, gar nicht. Und ich möchte dich darin auffangen können, dir Trost und Sicherheit geben, wenn es soweit ist. Deshalb meine nächste Frage: Was tut dir gut, was tröstet dich, wenn du dich aufgewühlt und ängstlich fühlst. Was hilft dir, wenn du weinst?“

„Wenn jemand meine Hand nimmt und sagt: Alles okay. Alles darf sein. Mach dir keine Sorgen – alles ist gut.
Berührungen, die besonders in solchen Situationen eindeutig
nicht erotisch sind, die einfach nur gut tun und in meiner Seele ankommen…“

„Verstehe – wie wenn ein Vogel verletzt ist… das zitternde, flatternde Vögelchen braucht dann eine sanfte Hand, in der es sich gewärmt, gehalten und gut aufgehoben, aber nicht festgehalten fühlt…“

Mari konnte nur nicken, so berührt war sie von dem Gedankenbild, das er eben entworfen hatte.

„Auf welche Weise hast du in deinen Fantasien schon Machtlosigkeit und Kontrollabgabe erlebt?“

„Na ja… zum Beispiel durch Augen-Verbinden. Viel Macht hat auch die Stimme, die ich dann immer in mir höre. Sie ist bestimmend, wirkt manchmal unnachgiebig, ist es aber nicht wirklich. Dadurch, dass mir jemand sagt: Du tust jetzt gar nichts, außer das, was ich dir sage!
Wenn ich mich dann darauf einlasse, macht es mir auch ein ganz warmes Gefühl, wenn diese Stimme mir so etwas sagt wie: Das machst du gut, Mari. Ja, so ist es prima. Und wenn etwas nicht geht, zu hören: Das macht überhaupt nichts – alles gut!
Manchmal stelle ich mir auch vor… gefesselt zu werden. Dies aber in wohlwollender, achtsamer Weise, ohne dass es weh tut – immer begleitet von dieser Stimme, die freundlich, aber bestimmt und in solchen Situationen auch ermutigend mit mir spricht. Stille könnte ich dabei nicht aushalten.“

„Hmm, verstehe… Das Fesseln…zum Beispiel mit Seidentüchern?“

„Ja… und nicht zu fest, aber so, dass ich es spüre und mich eingeschränkt fühle in meiner Beweglichkeit. Dabei geschieht dann aber immer irgendetwas Angenehmes, um die Angst, die dabei unweigerlich hochkommt, leichter erträglich zu machen. Und seltsamerweise entsteht durch diese dann gemilderte Angst eine Art Erregung in mir. Die wird durch bestimmende, aber freundliche Worte verstärkt. Das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, aber keine Möglichkeit zu haben, selbst auf das Geschehen Einfluss zu nehmen – das macht ganz viel mit mir. Aber ob das auch real geht, weiß ich nicht, das findet bisher nur in meiner Fantasiewelt statt.“

„Ich glaub, ich verstehe dich. Du willst wehrlos gemacht werden und dabei gleichzeitig getröstet, ermutigt, gelobt und in jeglicher Weise gut behandelt werden, ja?“

„Ja, so ungefähr, und ich weiß gar nicht warum ich so seltsam ticke…“

„Das ist jetzt auch vollkommen egal. Wichtig ist, was du fühlst dabei… was dich bewegt… was immer wieder auftaucht in dir… und wie wir das in für dich gute Erlebnisse umsetzen können. Warum… Wieso… fragt der Kopf. Das bringt nichts. Es ist so, und hat sicher Ursachen. Die sind jetzt nebensächlich, lass uns auf das konzentrieren, was du erleben willst, und besonders auf das, was du brauchst, um dich darin aufhalten zu können, damit du mir nicht gleich weg rennst oder alles abbrichst, wenn die ersten Gefühle von Angst und Hilflosigkeit entstehen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht viel braucht bei dir, um das auszulösen – die stehen ja schon lange Schlange in deinem Inneren und warten darauf, dass die Tür sich öffnet und sie ins Leben kommen dürfen. Und dann ist es wichtig, dass ich dich halten kann, Mari. Denn wir wollen ja beide nicht, dass die Angst gleich so mächtig wird, dass sie die zaghaft geöffnete Tür gleich wieder zuschlägt.“

„Mir ist jetzt schon ganz flau im Magen,“ bekannte Mari.

„Komm, hier ist ne Bank, setzen wir uns hin,“ schlug Joel vor. „Darf ich dir ein bisschen die Schultern massieren?“

„Ui – das ist ja ein tolles Angebot, das nehme ich gern an.“

„Und hier im Park bist du ziemlich sicher, wenn ich dich das erste Mal berühre. Hier laufen immer mal Leute entlang und könnten dich retten, wenn ich dir was antun würde,“ scherzte Joel. „Aber, Flachs beiseite, spür einfach mal hin, wie sich meine Hände für dich anfühlen.“

So bekam Mari ihre erste Massage auf einer Parkbank – und konnte sie genießen.
Ihre Schulter- und Nackenmuskeln waren hoch erfreut – und sie konnte sich tatsächlich entspannen. „Hier kann ja kaum was Schlimmes geschehen“ meinten ihre kleinen Angststimmen, wurden ganz ruhig und legten sich für ein Weilchen schlafen.

Zum nächsten Kapitel: 3 – Bei dir oder bei mir?

 

Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer Reihenfolge

1. Erste Schritte miteinander

 

Ein erstes Treffen im Gartenlokal

Mari und Joel, die sich aufgrund einer Kontaktanzeige kennengelernt hatten und bisher einige Mails miteinander ausgetauscht hatten, waren zu einem Treffen in einem Gartenrestaurant verabredet, um sich  persönlich kennen zu lernen. Sie saßen an einem Tisch unter einer großen Buche. Joel fragte Mari: „Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du diese Anzeige geschaltet hast, auf die ich geschrieben habe?“

Ach weißt du, ich trage schon lange Fantasien von Spielen mit Rollen von Überlegenheit und Unterlegenheit in mir,“ antwortete Mari etwas verlegen. „Die fühlen sich so lebendig an, so kribbelnd und bewegen mich so, dass ich die Idee nun endlich umgesetzt habe, einen Menschen zu suchen, mit dem ich darüber reden kann – erst mal nur reden… und vielleicht irgendwann… in kleinen Nuancen auch mal etwas davon erleben, wenn es sich für beide stimmig anfühlt – und anfangs am besten erst einmal Spiele, die mit Erotik nur wenig zu tun haben, um zunächst ein Gefühl für Nähe wachsen zu lassen…“ Mari klaubte einen nicht vorhandenen Fussel von ihrer Jeans.

Joel schaute sie nachdenklich an… „Fängt Erotik da nicht schon an? Bei dieser wunderbaren Offenheit, über Gefühle, Fantasien und Sehnsüchte zu reden? Bei dem Wunsch, Nähe zu spüren?“ fragte er vorsichtig. „Was fühlst du denn, wenn du daran denkst und darüber sprichst?“

„Ich empfinde gleichzeitig Faszination und auch Angst bei diesen Fantasien. Und trotz schwieriger Gefühle wie Furcht und Scham zieht es mich an, vielleicht etwas davon zu erleben. Ich glaube, ich sehne mich danach, in meiner Angst, die Kontrolle abzugeben, ganz fest umarmt zu werden und zu erleben, dass ich sie nicht zu haben bräuchte, dass ich vertrauen könnte…  Na ja und ich bin ja nun auch schon in einem Alter… – da liegt es nahe, darüber nachzudenken, was man im Leben noch verwirklichen will – was es wirklich wert ist, Zeit und Energie dafür zu verwenden.“

Ja, es ist gut, Träume, die immer wiederkehren, Schritt für Schritt wahr werden zu lassen, auch wenn sich das anfangs fast unmöglich anfühlt…  ganz egal, wie alt wir sind,“ bestätigte Joel. „Magst du mir noch etwas mehr von deinen Wünschen und Visionen erzählen?“ 

Ich träume schon lange von echter, tiefer Begegnung, wo die ganze Bandbreite von Gefühlen wirklich da sein kann, und ich mich mit meiner alten Angst, die ich leider noch immer habe durch das, was mir als Kind geschehen ist, äußern kann und darin angenommen werde. Körperliche und emotionale Nähe, in der ich männliche Stärke als wohlwollend und freundlich erleben kann. Etwas in mir will spüren, wie es ist, die Kontrolle für eine bestimmte Zeit abzugeben und dabei gute Erfahrungen zu machen… vertrauen zu lernen…,wahrzunehmen, dass auch meine Grenzen respektiert und angenommen werden. Ich glaube, das ist der Hintergrund für meine Sehnsucht nach Erfahrungen von Macht… ich möchte die heilende Erfahrung machen, dass sie mit Liebe ausgeübt wird, und ich darin nicht abgelehnt werde, und auch nicht überredet werde, etwas zu tun, was ich nicht möchte. Ich habe so viele Ängste, weißt du…“

Joel nickte. „Ja, von deiner Angst und auch den peinlichkeitsgefühlen hattest du schon geschrieben. Und… sie schreckt mich überhaupt nicht ab! Im Gegenteil, es wäre spannend, dich darin unterstützen zu können, deine Angststimmen nach und nach leiser werden zu lassen und mit all deiner Unsicherheit neue, und wie ich hoffe, gute Erfahrungen zu machen. Du brauchst dich deiner Ängste nicht zu schämen, Mari! Sie haben ja ihre Ursachen… Außerdem bin ich froh, dir in dieser Weise einen Ausgleich geben zu können für deine Hilfe beim  Lernen der englischen Sprache. Glaub mir, in dieser Welt kein Englisch zu können, ist mir auch oft peinlich, und ich musste schon etwas über meinen Schatten springen, dir davon zu erzählen. Aber du hast es mir leicht gemacht mit deiner warmherzigen Art. Danke, dass du mich darin unterstützen willst.“

Das mach ich so gerne, Joel! Ich glaube dir, dass es schwierig sein muss, kein Englisch zu können, wo es ja vor englischen Ausdrücken nur so wimmelt, z.B. auch im Internet…
Dich im Englischen zu unterstützen, wird mir sicher Freude machen und fällt mir leicht.
Aber weißt du, über meine ambivalenten Sehnsüchte und Ängste zu sprechen und dieses spezielle Thema anzugehen, fällt mir schwer. Da ist bei mir so viel Unsicherheit und angelernte alte Schamgefühle. Diese Fantasien von Dominanz, wo einer mir sagt, was ich zu tun habe – das fühlt sich irgendwie so seltsam an… Ich habe bisher noch keinem davon erzählt!“

Na, da haben wir beide ja spannende Herausforderungen, die wir bewältigen möchten. Wie gut, dass wir einander gefunden haben.“ Joel lächelte. „Wenn ich dich in den Mails richtig verstanden habe, soll das Macht-Thema ja auch nur in abgegrenzten Zeiten da sein, in Rollenspielen, wo ich die Machtrolle hätte und du dich von mir führen lassen willst, um zu spüren wie es ist, zu vertrauen und darin gute Erfahrungen zu machen. Du möchtest dir deiner Ängste und Sehsüchte immer tiefer bewusst werden, um sie  annehmen und bewältigen zu können. Richtig?“

Hm… ja… per Mail, als alles noch so anonym war, fiel es mir relativ leicht, dir von meinen Fantasien und den Ängsten zu schreiben, die mich bisher darin blockieren, meine Träume wahr werden zu lassen. Durch unseren intensiven Mailwechsel wissen wir ja nun schon einiges über uns…  Am Telefon wurde es jedoch schon schwieriger…“

Und jetzt, wo wir uns hier gegenüber sitzen, willst du am liebsten Reißaus nehmen – stimmt´s?“ fragte Joel und sah Mari aufmerksam an. Seine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis ließen ihn leicht erkennen, wie unbehaglich sie sich gerade fühlte.

Mari nickte und griff nach ihrer Tasse, nur um irgendetwas zu tun.

Ja, es hilft schon etwas, wenn man sich an einer Tasse festhalten kann…“ Joel legte seine Hand in die Mitte des Tisches, „aber… vielleicht ist eine Hand zum Festhalten auch ne schöne Idee?“

Mari nickte, stellte die Tasse wieder auf den Tisch und legte ihre Hand in seine.
Eine ganze Weile sagten sie nichts… Und irgendwie… fühlte sich das gut an.

Seine Hand vermittelte Wärme… Ruhe… Sicherheit… Geborgenheit…

Joel sagte leise: „Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Den hast du getan, indem du mir schon etwas von dir erzählt hast….Was meinst du, wollen wir ein paar Schritte miteinander gehen?“
Sie überlegte… Konnte sie jetzt schon „JA“ sagen, erste Schritte auf diesem angedachten Weg mit ihm zu gehen?

Hier ist ein schöner Park gegenüber.“

Ach so,“ sie schmunzelte, „spazieren gehen… Ja, okay, das ist eine schöne Idee!“

Und beide standen auf und machten sich auf den Weg – ein paar Schritte miteinander, Hand in Hand…

Zum nächsten Kapitel:  2 – ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand

Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer (wenn auch leider umgekehrter Reihenfolge, also das aktuellste ist vorn. Um an den Anfang zu gelangen nach unten scollen und auf ältere Beiträge gehen, das ganze drei oder vier mal… so kannst du die Geschichte wie ein Buch von vorn nach hinten lesen 🙂