64. Körper lügen nicht

Bei Joel – Erfahrungen auf der Spielwiese

Als Mari aus dem Bad ins Wohnzimmer kam, sah sie Joel auf der ausgeklappten Couch gemütlich an der Wand angelehnt sitzen.
„Das Spiel beginnt.“
Er öffnete einladend seine Arme mit den Worten: „Komm her zu mir, Mari.“

Langsam ging Mari auf Joel zu, der nun wieder seine Meisterrolle innerhalb dieses Rollenspiels eingenommen hatte, setzte sich auf die Couch, und… noch bevor sie lange nachdenken konnte, griff er um ihre Taille und zog sie neben sich in eine halb liegende, halb sitzende Position… Überrascht hielt sie kurz die Luft an.
Als sie sich neben ihm in seinem Arm wieder fand, schmunzelte er: „Du kannst in Ruhe weiter atmen, Mari, die kleine Schrecksekunde ist bereits vorbei. Und wie fühlst du dich hier?“
Er zog sie noch ein bisschen näher an sich.

Mari spürte nach und stellte erstaunt fest, dass es sich gut anfühlte, ihm so nah zu sein, so festgehalten zu werden, sich an ihn anlehnen zu können – und das obwohl sie noch nicht wusste, was sie heute hier erwartete… Es ist dieses Fest-gehalten-werden, das mir irgendwie Halt und Sicherheit gibt, nahm sie erstaunt wahr.

„Hast du meine Frage gehört?“

Ach ja, er wollte ja wissen, wie sie sich fühlte… „Es geht mir ganz gut, danke.“

„Wie fühlt sich dein Ganz-gut-gehen an, Mari? Was genau ist es, was dieses Gefühl hervor ruft?“

Warum muss er nur immer so genau nachfragen
, dachte sie. Was sag ich dazu?
„Ich glaube, es geht mir deshalb gut, weil ich mich in deinem Arm gerade so gut aufgehoben fühle“, gestand sie ihm leise.

„Das freut mich außerordentlich, Mari“, lächelte Joel. Dann wollen wir diesen Zustand so bald heute nicht verändern…“ Mit diesen Worten umschlang er sie mit beiden Armen und zog sie noch ein Stückchen tiefer auf die Couch, so dass sie nun ganz in seinen Armen lag. Wieder hielt sie vor Schreck die Luft an ob dieser plötzlichen Lageveränderung.
„Atmen, Mari, einfach weiter atmen“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Alles ist gut, wir umarmen uns heute eben mal liegend und nicht wie sonst im Stehen oder Sitzen…“ Und es wird länger dauern als sonst, dachte er, aber sprach es nicht aus.
„Wie fühlst du dich hier in meiner Umarmung? Was sagt dein Körper?“

Mari spürte wieder in sich hinein… Und wieder nahm sie wahr, dass es sich gut anfühlte, von ihm so fest in den Armen gehalten zu werden. Seine gerade so intensive Körpernähe tut mir gut… nahm sie zu ihrem Erstaunen wahr.
„Es tut mir gut, dass du mich so festhältst“, bekannte sie.

„Wie schön… Körper lügen nicht! In deinem Körper kannst du deutlich spüren, was gut für dich ist und was nicht, natürlich nur, wenn er nicht gerade im Alarm-Modus ist“, erklärte ihr Joej. „Und es freut mich sehr, dass dein Körper mir zunehmend mehr vertraut.“


Joel streichelte Maris Wangen, strich ihr sanft übers Haar und freute sich zu spüren, wie sie sich langsam ein wenig entspannte in dem Arm, in dem er sie hielt. Er ließ seine Hand weiter wandern über die Schulter und den Arm… bis zur Hand, mit der er etwas spielte, um dann wieder hinauf zur Schulter zu streichen.
In absoluter Aufmerksamkeit beobachtete Mari jede Bewegung seiner Hand…
Bisher fühlt es sich weiter gut an.
Von dort aus fuhr er mit sanftem Druck über ihren Rücken.
Ein genussvoller Laut kam über ihre Lippen.
Das tut so gut, dachte sie… so unerwartet gut…

Als er dann seinen Druck veränderte und nur federleicht über ihre untere Rückenpartie strich, zuckte ihr Körper mehrmals leicht zusammen. Dabei hielt Joel sie weiterhin fest, noch etwas fester als davor, und gab ihr Halt, während sie spürte, dass ihr Körper begann, ein Eigenleben zu führen in Joels Armen.
Was war das denn? Irgendwie peinlich, dass sie es nicht kontrollieren konnte, was sein besonders sanftes Streicheln da in ihr auslöste.
Dieser Gedanke löste eine kleine Fluchtreaktion in ihr aus, sie wollte sich aus seinem Arm etwas heraus winden, er hielt sie allerdings nach wie vor fest und ließ das nicht zu. „Alles gut, Mari, lass deinen Körper machen, was er will, du bist hier ganz sicher in meinen Armen. Und solltest du etwas nicht wollen, dann sag einfach „Ampel rot!“ und ich werde sofort aufhören, das verspreche ich dir“, flüsterte Joel ihr zu.

Mari holte tief Luft, spürte, wie Joel den Druck seiner Hand wieder etwas verstärkte und konnte sich wieder entspannen. Die Hand verschwand nach einem Weilchen langsam unter dem Bündchen ihres Rockes, wanderte tiefer… Ach, würde doch nicht dieses „verbotene“ Gefühl dabei sein… Weiter bewegte sich seine Hand. Sie hielt die Luft an…
„Welche Farbe hat unsere Ampel, Mari?“ fragte Joel leise. „rötliches Orange“, antwortete sie. „Okay“, flüsterte er, veränderte seine Position etwas, nahm seine Hand dort wieder weg und strich Mari beruhigend über den Rücken. Langsam entspannte sie sich wieder. Ihre kurzärmelige Bluse war inzwischen so verrutscht, dass er sie ihr leicht abstreifen konnte. Anschließend zog er sich sein T-Shirt aus. Nur noch mit einem dünnen Top bekleidet, fühlte sie seinen warmen kräftigen Oberkörper, an dem sie eng umschlungen von seinen Armen lag, sehr deutlich.

Gut, dass er mir wenigstens mein Top noch lässt, dachte sie aufgeregt. Er spürte ihre zunehmende Anspannung, strich ihr – sie weiterhin fest im Arm haltend – behutsam einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Schau mich an, Mari“, hörte sie seine Stimme wie von weit her. Sie öffnete die Augen, sah sein Gesicht über ihr und versuchte, sich etwas zur Seite zu bewegen. Er ließ das jedoch nicht zu. Seltsamerweise fühlte sich das irgendwie einerseits schwer auszuhalten und gleichzeitig gut an. Sie konnte nicht weg! Und eigentlich wollte sie auch gar nicht wirklich weg, erkannte sie blitzartig. Es war nur ein Teil von ihr, der sich aus der Situation lösen wollte, in der er sie jedoch festhielt.

Und sie, die ganze Mari, wollte so gehalten werden… Doch… wollte sie festgehalten werden ?
Sie spürte, sie wollte von seinen starken Armen umfangen sein… Doch wollte sie gefangen sein???
Gefangen(?) und festgehalten (?) in einer Kraft, die es gut mit ihr meinte… die sie verstand, wie sie sich selbst noch nicht verstanden hatte… die ihr das gab, von dem sie noch nicht wusste, dass sie es brauchte…

„Entspann dich, Mari, das Spiel ist beendet.“ hörte sie Joel wie aus weiter Ferne und doch so nah an ihrem Ohr…
Und zum ersten Mal reagierte sie auf diese Worte nicht erleichtert, sondern hörte sich denken: „Schade…“

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49. Wenn… – …dann (1)

Bei Mari – Eine Übung in Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz (1)

Mari und Joel saßen sich auf der ausgezogenen Couch gegenüber und Joel, der für Mari bereits die Meisterrolle in ihrem Spiel eingenommen hatte, wies sie an, etwas näher an ihn heran zu rücken und sich so hinzusetzen, dass sie ihre Hände bequem auf seine Hände legen konnte, die mit nach oben geöffneten Handflächen auf einem Kissen lagen, das in seinem Schoß lag.

Als sie eine gute Sitzposition für sich gefunden hatte, schaute er ihr ein Weilchen wie so oft zu Beginn eines Spieles in die Augen, ohne etwas zu sagen. Dies Momente empfand Mari meist als sehr lang, und sie spürte, wie Aufregung und Unruhe durch ihren Körper floss.

„Entspann dich, Mari“, sagte er ihr lächelnd. „und setz dich so bequem wie möglich hin. Du wirst gleich, wenn ich es sage, deine Augen schließen und von mir einige Satzanfänge hören. Deine Aufgabe ist es, sie zu beenden, und zwar so spontan wie möglich. Sprich das aus, was dir als erstes in den Sinn kommt, ohne nachzudenken. Sollte es passieren, dass dir gar nichts einfällt, dann schweigst du. Das ist dann auch in Ordnung. Kein Stress! Bei dem nächsten oder übernächsten Satzanfang, wird dir wieder etwas einfallen. Ich werde vielleicht manche Satzanfänge auch mehrmals sagen, damit du die Gelegenheit hast, mehreres dazu auszusprechen. Das bedeutet dann also nicht, dass ich mit dem, was du davor etwas gesagt hast, nicht einverstanden bin und etwas anderes erwarten würde.“

Mari nicke und lächelte… Wie gut ihr Meister sie doch kannte und sich jetzt schon vorstellen konnte, wo eventuelle Klippen bei ihr liegen könnten. Selbstzweifel und die Angst, nicht zu genügen, gehörten zu ihren häufigsten Schwierigkeiten, und sie empfand es als sehr fürsorglich, dass er ihr durch diese Erklärung, die er ihr gleich am Anfang etwas sagte, um möglicherweise entstehenden Druck gar nicht erst aufkommen zu lassen.
„Danke Meister!“ flüsterte sie und nickte.

„Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch, Mari. Alles was dir einfällt und was du aussprichst ist in Ordnung. Meine geöffneten Hände sollen dir das Gefühl vermitteln, dass alles von mir angenommen wird. Du lässt die Augen so lange geschlossen, bis ich dir erlaube, sie wieder zu öffnen. Hast du die Übung verstanden?“

„Ja, Meister“, antwortete sie.

„Gut, dann schließe jetzt deine Augen, und lasse sie so lange geschlossen bis ich dir gestatte, sie wieder zu öffnen.“

Sie folgte seiner Anweisung. Was wohl jetzt kommen würde…

„Gut Mari,“ hörte sie ihn sagen, „spüre deine Hände, wie sie auf meinen liegen und wie sie von ihnen getragen werden. Alles darf jetzt in sie hinein fließen und ist ganz sicher willkommen. Ich beginne jetzt mit den Satzanfängen und du beendest sie so spontan wie möglich.“

Sie nickte.

„Ich freue mich, dass…“ begann er – „…wir uns begegnet sind.“, sagte sie leise.
„Ich mag es, wenn…“ – „…du sanft mein Gesicht berührst und mir über´s Haar streichst.“
„Ich wünsche mir, dass…“ – „…es keine Schwierigkeiten geben wird.“
„In Situationen, wo es schwierig wird, würde ich am liebsten…“ – „…davon laufen.“
„Wenn es mir gelingt, nicht davon zu laufen, würde ich am liebsten…“ – „…ganz klein werden und mich verstecken.“
„Wenn ich gefunden werde, würde ich mir wünschen…“ – „…ganz fest in die Arme genommen zu werden und dass es dann irgendwie leichter wird.“
„Erleichterung könnte ich fühlen, indem…“ – „…mir eine Brücke gebaut wird, dass es mir gelingt über das Schwierige reden zu können, was gerade in mir ist.“
„Wenn es mir gelingt, über das Schwierige in mir reden zu können, dann wünsche ich mir…“ – „…dass ich Verständnis und Annahme erlebe und keine Kritik und keine Strafe.“ Bei diesen Worten zitterte Maris Stimme und sie kämpfte mit den Tränen.
Gut, dass sie die Augen geschlossen hatte und ihren Meister nicht anschauen musste…

Er strich sanft mit den Daumen über ihre Handrücken, zum Zeichen, dass er ihre Bewegtheit wahrnahm.
„Mari, lass deine Augen noch geschlossen, auch wenn wir jetzt eine kleine Pause machen,“ sagte er leise zu ihr und legte ihre Hände sanft in die Mitte ihrer Brust auf ihr Herzzentrum. „Spüre mal, wie dein Herz für dich selber schlägt. Richte deine Aufmerksamkeit mal auf deinen Herzschlag. Und nimm ein paar tiefe sanfte Atemzüge. Du hast das bisher wunderbar gemacht!“

Leise setzte er sich hinter Mari, die leicht erschrak, als er seine Hände auf ihre Schlüsselbeine legte. Mit sanftem Druck brachte er sie dazu, ihren Oberkörper an ihn anzulehnen. „Ja,“ bestätigte er, „lehn dich an mich an, gib alles an mich ab… Spüre den Halt, den ich dir gebe. Deine Muskeln können weich werden… Du musst jetzt nichts tun , nichts denken, nichts beantworten, nichts erfüllen, nichts in Frage stellen, nichts überlegen… einfach nur sein…“

Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht und halfen ihr, sich zu entspannen, loszulassen, weich zu werden… Oh wie gut das tat!…

Nachdem sie ein Weilchen einfach nur so gesessen hatten, wiegte er sie leicht hin und her. Das ließ sie tief aufatmen. Ein Gefühl von Geborgenheit breitete sich in ihr aus. Sie gab noch mehr Gewicht ab, lehnte sich gänzlich an und fühlte wie eine wärmende Gedankenlosigkeit sie einhüllte und schweben ließ…

Morgen oder übermorgen geht es weiter mit dem 2.Teil dieser Übung

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39 Heftige schmerzliche Wut – und nun? (Teil 2)

 Bei Joel – Ein klärendes Gespräch 

Nachdem Mari aufgrund einer Fehlinterpretation von Joels Worten in heftige, ungerechtfertigte Wut geraten war, und ihren Meister ungerecht angebrüllt hatte, ihm Dinge an den Kopf warf, die absolut unwahr waren, stand sie, nachdem sich das Missverständnis aufgeklärt hatte, beschämt und erschöpft vor ihm. Er war noch immer in der Rolle des Meisters, da er noch nicht dazu gekommen war, das Spiel zu beenden und es jetzt auch für besser hielt, in dieser Rolle, die auch ihm Halt gab, zu bleiben.

„Ich konnte einfach nicht mehr klar denken“, flüsterte sie.

„Setz dich bitte, Mari“, sagte er, setzte sich selbst direkt ihr gegenüber und schaute sie forschend an.

Sie fühlte sich erbärmlich, total verunsichert, was sie jetzt sagen oder tun könnte.
„Ich bitte dich um Verzeihung, Meister, es war wie ein Selbstläufer in mir! Ich konnte nicht mehr klar denken, es schien für mich alles so eindeutig…“ brachte sie endlich leise heraus.

„Mari, lass uns jetzt noch einmal über das Missverständnis reden, damit du dir ganz sicher sein kannst, dass es in dem Gespräch, was du von nebenan gehört hast, nicht um dich ging. Kannst du mir nun glauben, dass ich über das, was wir beide miteinander erleben, nichts erzählt habe und erzählen werde? Ist das jetzt ganz klar? Und vor allem ist mir wichtig, dass ich dich nicht rauswerfen würde! Was auch geschieht, das würde ich nie tun!“

Stumm saß Mari auf dem Sofa, unfähig, irgendetwas zu sagen.

„Darf ich deine Hand nehmen Mari?“

Maris Hände zitterten, sie nickte und schaute nach unten. Leise antwortete sie: „Ich glaube dir , dass du nicht über mich geredet hast, es tut mir so leid… Bei der Wut, die ich hatte, könnte ich verstehen dass du jetzt keinen Lust mehr hast, mit mir noch…“

„Mari, wie kannst du das denken? Wie kannst du denken, dass ich so nachtragend sein könnte? Ich möchte dich doch auch nicht verlieren – und ganz sicher nicht wegen eines Missverständnisses!“

Mari fühlte sich von seinen versöhnlichen Worten so berührt, dass sie nun gänzlich ihre Fassung verlor. Sie bebte am ganzen Körper. „Ich meine… nicht nur wegen des Missverständnisses, sondern weil ich so heftig geworden bin… könnte ich echt verstehen, wenn du…“

Er unterbrach sie: „Darf ich dich in den Arm nehmen, Mari?“

„Oh, so gerne“, antwortete sie.
Er setzte sich dicht neben sie und nahm sie fest in seine Arme, um ihr Halt und Sicherheit zu vermitteln.

Dadurch öffneten sich ihre Schleusen noch mehr und Tränen rollten über ihre Wangen. Wie überraschend und erleichternd war das denn?!!  Diese freundliche Annahme in ihrem Gefühlschaos tat so gut, und fühlte sich gleichzeitig so beschämend an. Sie versuchte vergeblich, ihre Fassung zu bewahren.

Er redete ihr leise zu: „Mari, lass sie raus… die ganze Wut und Anspannung von eben… Es ist alles gut! Ich werde unseren Kontakt nicht wegen irgendwelcher Konflikte plötzlich beenden – niemals! Auch mir ist unser ganz besonderes Miteinander sehr wichtig!“

Diese Worte berührten ihr Herz und ganz viel alten Schmerz. Sie konnte es nicht fassen, dass sie trotz ihrer starken Wut nicht aufs heftigste kritisiert und niedergemacht, sondern sogar liebevoll festgehalten wurde, dass ihr so warme Worte geschenkt wurden… ja, dass er ihr nichts nachtragen wollte, obwohl sie sich so unmöglich verhalten hatte… dass er gar nicht so geredet und nicht mal gedacht hatte über sie, wie es sich angehört hatte aus dem Nebenzimmer…
Das tat einerseits unendlich gut, und ließ sie andererseits spüren, wie klein sie sich fühlte, wie sehr es ihr an Selbstwertgefühl mangelte.

Joel drückte sie fest an sich. „Ich verstehe, dass du wütend geworden bist, wenn du gedacht hast, dass ich über dich geredet hätte, aber glaube mir, so war es nicht und so etwas wird nicht geschehen! Ich achte dich sehr, Mari, und du bist mir wichtig! Bitte glaube mir das!“ 

„Das fällt mir ein bisschen schwer, weil ich mich oft so unzulänglich fühle, und jetzt ganz besonders. Aber du sagst es, und ich will dir das so gerne glauben“, antwortete sie leise.

„Mari, jedem kann einmal etwas zu viel werden, jeder kann einmal die Beherrschung verlieren. Das ist für mich kein Grund, um mit jemandem zu brechen, erst recht nicht, ohne die Situation zu klären und zu schauen, ob es nicht doch gut weitergehen kann. Und ich würde gerne mit dir weitergehen. Wie steht es mit dir, Mari?“

„Ich würde gerne auch den Weg mit dir weiter gehen, wenn es mir doch nur gelingen würde, dass ich… wenn ich doch leichter vertrauen könnte…“

„Aber es gelingt dir doch zunehmend besser,“ sagte er lächelnd.

„Und dann falle ich immer mal wieder so zurück wie heute“, entgegnete sie unglücklich. „Ich scheitere doch beim kleinsten Anlass!“

„Der Anlass vorhin war aus deiner Perspektive nicht klein. Und scheitern würdest du nur, wenn du nach einem Ausrutscher nicht wieder aufstehen und es erneut versuchen würdest. Mari, was meinst du, magst du es weiter versuchen, nach jedem kleinen Absturz wieder aufzustehen und weiterzugehen? Ich bin an deiner Seite und reiche dir die Hand – jedes Mal auf´s Neue! Versprochen!“

„Ja“, antwortete sie entschlossen, „ich will es wieder versuchen, immer wieder!“

„Das ist das wichtigste! Das ist das aller wichtigste, Mari!“

„Ich habe nur Angst, dass es irgendwann wieder passiert, dass irgendetwas meine Verletztheit und die Wut, die daraus manchmal entsteht, so empfindlich berührt, dass ich eventuell wieder die Beherrschung verlieren könnte…“

„Ja, das könnte durchaus geschehen. Und dann werden wir damit umgehen. Du hast vorhin geschrien, weil du empört warst, weil du wütend warst und  auch Angst hattest. Das ist menschlich und darf passieren – erst recht in solch einem geschützten Raum, wie wir ihn uns hier erschaffen haben. Es ist auch gut, diese Gefühle raus zu lassen, aber bitte, brich den Kontakt nicht ab! Geh nie weg, ohne dass wir über das, was dich aus der Fassung gebracht hat, gesprochen haben.“

„Ich werde versuchen, es immer in Erinnerung zu behalten!“

„Und ja… Vielleicht wirst du erneut die Beherrschung verlieren. Das kann jedem passieren, wenn man an seine Grenzen kommt, aber ich hoffe, du wirst mir dann immer noch so zugewandt sein, dass wir darüber reden können.“

„Ja, das will ich. Ich möchte, dass es mir gelingt, dass ich immer noch mit dir reden kann, was auch passiert, Joel. Ich will es wirklich! Ich hätte jetzt den Kontakt fast abgebrochen, und das tut mir sehr, sehr leid – wirklich! Ich hoffe, dass das nie mehr passiert, aber sicher versprechen kann ich dir das nicht. Doch ich will meine ganze Kraft dafür aufwenden.“

„Dann werden wir das auch schaffen Mari! Sicher, es kann immer viel passieren, gerade bei dem doch für dich recht herausfordernden Weg, den wir gemeinsam gehen. Daher möchte ich als, quasi als Ausgleich für heute, dein Wort, dass du es versuchen wirst, mir zumindest immer die Chance zu geben, mit dir zu sprechen, bevor du dein endgültiges Urteil fällst. Zumindest wünsche ich mir, dass du es immer versuchen willst.“

„Ja, darauf gebe ich dir mein Wort, ich werde es mit aller Kraft versuchen, auch wenn etwas noch so sehr brennt und weh tut, will ich versuchen, mit dir zu sprechen und in Kontakt zu bleiben!“

„Das freut mich sehr, und ich verspreche dir, dass ich dich in allem unterstütze, so gut ich es kann, auch und gerade, wenn es wackelt in dir, damit wir noch sehr viele Schritte gemeinsam gehen könne, okay Mari?“

„Danke für dieses Versprechen! Und danke nochmal, dass du den Kontakt nicht abbrechen willst, obwohl ich so heftig gewesen bin.“

„Mari ich sichere die meine… Vertrauenswürdigkeit und meine Zugewandtheit zu – auch in heftigen Momenten. Ich möchte sehr gerne die begonnene Reise mit dir fortsetzen. Bist du auch dazu bereit?“
„Ja, ich möchte die begonnene Reise mit dir fortsetzen, und ich danke dir für diese Zusicherungen.“

„Dann freue ich mich auf unsere nächsten Treffen und bin gespannt, wie es weiter geht“, lächelte Joel. „Das Spiel ist für heute beendet“, fügte er leise hinzu.

Mari sah Joel an. „Ich danke auch dir, Joel.“

„Und nicht nur der Meister, auch ich möchte gerne, dass unsere gemeinsam begonnene Reise weitergeht“, sagte er und drückte sie sanft an sich.

Erleichtert kuschelte sie sich an ihn, erschöpft und froh, dass nun doch alles zu einem guten Abschluss gefunden hatte.

„Das war ziemlich heftig, und ich bin froh, dass wir das miteinander klären konnten, Mari“, sagte er leise.

„Ja, Joel, ich auch! Es tut mir so leid, dass ich so wütend geworden bin, es tut mir so unendlich leid…“

„Alles gut! Wichtig ist doch nur, dass wir das Missverständnis klären konnten. Und dass dich das wütend gemacht hatte, ist ja verständlich.“

„Ich habe richtig Angst vor morgen früh, wenn ich aufwache, und die Erinnerung dann da ist, was ich hier verzapft habe. Ich danke dir für dein Verständnis, Joel, und hoffe, dass du und der Meister… also dass ihr das morgen nicht bereuen werdet.“

„Nein, das werden wir sicher nicht, und wenn du morgen früh tatsächlich ein schwieriges Gefühl hast, dann ruf mich einfach an, damit wir uns beide versichern können, dass wir auch weiterhin diesen Weg weiter gehen wollen, okay?“

Zaghaft lächelte Mari ihn an. „Das ist eine schöne Idee, ein liebes Angebot! Ich will das auf jeden Fall! Das spüre ich jetzt noch deutlicher als vorher. Ich danke euch beiden, dir und dem Meister, der du ja auch bist.“  😉

„Das freut mich Mari! Weißt du, ich glaube, dass solche Momente eben auch dazu gehören, und ich bin froh, dass wir das heute gut bewältigt haben.“ 

„Ich bin auch so froh darüber! Gut, dass du die Nerven behalten konntest!“

„Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass etwas passiert sein könnte, dass uns so plötzlich auseinander bringt.“

„Na ja, du hast halt ein großes Stück mehr Vertrauen und Kraft als ich. Und das bewundere ich an dir, Joel!“ 

„Letztlich entscheidet immer die Summe an Kraft und Vertrauen, die wir beide gemeinsam aufbringen. Und ich glaube, zusammen haben wir genug davon, dass es uns gelingt, auch solche Situationen wie vorhin gemeinsam gut zu überstehen.“

Mari lächelte, und dachte dabei: Er findet immer wieder wunderbare und entlastende Worte.

„Ja, das möchte ich auch glauben,“ antwortete sie, „und heute war es ja so – wenn du auch wesentlich mehr davon eingebracht hattest als ich.“

„Nun, an anderen Tagen musstest du deutlich mehr Vertrauen einbringen, Mari. Das gleicht sich aus, denke ich“,  sagte er und drückte sie noch einmal an sich.

Ja, das stimmt eigentlich, dachte Mari erfreut und drückt ihn auch noch einmal. 

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

Zum nächsten Kapitel: –> 40. Nach der großen Wut – 4 Fragen

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 
 

36. Wie durch eine besondere Art des Strafens Vertrauen wachsen kann

Bei Mari – Mari entscheidet, sich fallen zu lassen

„Das Spiel beginnt.“ Wie immer kam der Start für Mari überraschend und sie zuckte etwas zusammen.

Joel, der in ihren Spielen die Rolle des Meisters für sie übernommen hatte, stellte sich vor sie, lächelte sie an und fragte: „Na, bereit?“

Mari stimmte zu: „Ja, Meister!“

Er stellte zwei Stühle gegenüber, setzte sich auf einen und wies Mari an, auf dem gegenüberstehenden Stuhl Platz zu nehmen. 
Zunächst sagte er nichts, saß einfach nur entspannt auf seinem Stuhl und sah Mari in die Augen.

Sie fühlte sich unbehaglich, nahm sich aber vor, jetzt keine Frage zu stellen. Ihr Meister nickte ihr leicht zu.

Deine Aufgabe heute: Du wirst deine Hände gleich in meine legen und die Augen schließen. Und du wirst sie so lange geschlossen halten, wie du es für richtig hältst.“  Joel legte seine Unterarme auf seine Beine, die Handflächen zeigten offen nach oben.

Marie musste dazu mit ihrem Stuhl ein bisschen näher heranrücken. Sie legte ihre Hände, die ein bisschen zitterten, in seine. O jeh, wie unsicher fühlte sie sich wieder… Joel sagte nichts.
Ob er noch etwas dazu sagen will, überlegte sie nervös. Ich weiß ja noch gar nicht, was der Indikator dafür sein soll, um die Augen dann wieder zu öffen…

„Soll ich die Augen jetzt gleich schließen?“ fragte sie unsicher

Seine Hände nahmen die ihren wortlos ganz sanft auf. Für einen Moment spürte sie, wie angenehm es war, als fände sie einen Halt in seinen Händen.

Leise war seine Stimme, als er bemerkte: „Mari, hast du mir gerade eine Frage gestellt?“

Während er dies sagte, wollte sie noch wissen: „Woher weiß ich denn, wann ich die Augen wieder aufmachen soll?“

„Und gleich noch eine Frage?“

Entschuldige bitte, Meister, ja es stimmt: Ich habe zwei Fragen gestellt, und es tut mir leid! Ich kann das nicht begreifen, ich nehme mir so oft vor, es nicht zu tun, und wenn ich unsicher bin, rutschen sie einfach raus…“

„Mari, du hast die Regel gebrochen. Das ist nicht schlimm, allerdings werde ich dir nun wie besprochen eine Strafe dafür geben.“

Maries Atem ging schneller, ihr Herz klopfte heftig, sie schluckte und sagte: „Ja, ich weiß, so hattest du es letztens angekündigt.“

„Erinnerst du dich noch, was ich dir dazu erklärt habe? Das könnte dir jetzt helfen.“

„Die Strafe, die du mir gibst, hat einen guten Sinn für mich, hast du gesagt. Und dass ich mich danach besser fühlen würde, weil sie als Ausgleich dienen würde und ich mich nicht nach Regelverstößen noch lange so unwohl fühlen müsste wie ich es in meiner Kindheit erlebt habe und noch immer mit mir rumtrage als Muster.“

„Das hast du dir ja gut gemerkt und wunderbar auf den Punkt gebracht“, lobte sie Joel als ihr Meister. Du kannst dir es so vorstellen, dass der Fehler damit regelrecht ausradiert ist, als hätte er nie stattgefunden. Dann brauchst du anschließend auch nicht mehr darüber nachdenken und dich damit belasten. Es wirkt wie eine Art „Reinigungsritual“, lächelte er.
Also, Mari, bist du bereit, deine Strafe anzunehmen?“

„Ja, Meister“ stimmte Mari leise zu.

„Das freut mich sehr! Komm steh auf, und tritt einen Schritt zu Seite.“

Mari brach der Schweiß aus, sie zitterte am ganzen Körper, stand aber dennoch entschlossen, es jetzt gut zu machen, auf und trat nach links neben den Stuhl. Joel ging um sie herum und stellte sich hinter sie.
„Mari, dein Drang, alles zu hinterfragen, zeigt, dass du unsicher bist, was ich tun könnte oder was geschehen könnte, wenn du etwas vermeintlich falsch machst… Als Ausgleich möchte ich, dass du mir durch eine kleine Handlung etwas Vertrauen schenkst. Ich weiß, du kannst Vertrauen nicht so leicht fühlen. Das lässt sich auch nicht erzwingen. Aber du kannst etwas tun, um deinen Körperzellen durch eine Erfahrung zu vermitteln, dass dir hier mit mir nichts Schlimmes geschieht.  Und damit machst du auch mir ein Vertrauensgeschenk. Bist du bereit das zu tun, Mari?“

Was sollte sie jetzt tun? Was würde er von ihr verlangen? Obwohl ihr mulmig zumute war, stellte sie diese Fragen nicht. Er würde sie ohnehin nicht beantworten.

„Nun, Mari, bist du bereit, den Ausgleich zu leisten?“

„Ja“, flüsterte sie.

„Formuliere das bitte in einem ganzen Satz. Was möchtest du, Mari?“

„Ich möchte meine beiden Fragen von vorhin, die ich nicht hätte stellen sollen, ausgleichen, Meister… Ich bin bereit dazu.“

Die zwei Sekunden bis sie eine Antwort von ihm bekam, zogen sich für sie zu einer langen Zeit hin. Heiße Wellen flossen durch ihren Körper aufwärts in ihren Kopf hinein.

„Das ist gut Mari! Jetzt stell dich gerade und aufrecht hin. Steh möglichst gerade.“

Oje, noch eine Kritik, dachte Marie. Diese zwei Worte „Steh gerade!“ hatte ihre Oma auch immer zu ihr gesagt – und gerade dann, wenn sie Angst hatte, war das unwillkürlich anders. Sie straffte die Schultern und versuchte, eine aufrechte Haltung einzunehmen und ihr Zittern zu verbergen.

Das machst du sehr gut Mari. Ich weiß du kannst das! Du schaffst das! Und danach wird es dir viel besser gehen – so als hätte es die Fehler nie gegeben.“

Seine freundlichen Worte taten ihr gut, sie milderten ihre Angst allerdings nur ein wenig – aber immerhin, es wurde erträglicher in ihr.

„Du wirst dich jetzt gleich nach hinten kippen lassen. Ich werde dich ganz sicher auffangen. Indem du dich fallen lässt, gerade auch mit aller Angst, die vielleicht jetzt da ist, schenkst du mir ein großes Stück Vertrauen, Mari. Du darfst ganz sicher sein, dass ich dich auffange. So, nun zeig mir, dass du mir vertraust. Lass dich nach hinten fallen. Hast du verstanden?“

„Ja, Meister ich habe das verstanden.“ Am liebsten würde sie sich jetzt umdrehen und schauen,  wie weit er von ihr entfernt steht, aber sie vermutete ganz richtig, dass sie das nicht sollte.

Mari brauchte noch etwas Zeit, um sich zu überwinden. Geduldig wartete Joel hinter ihr. 
Schließlich nahm sie ihren ganzen Mut zusammen. Okay, jetzt! sagte sie in Gedanken zu sich selbst und entschied, sich fallen zu lassen.

Ihr Körper beginnt ganz leicht zu kippen, doch fast noch bevor sie wirklich fallen konnte, waren bereits die Hände an ihren Schultern und stützen sie.

Sehr gut Mari. Das hast du sehr, sehr gut gemacht. Du hast dich fallen lassen, du HAST vertraut!“
Diese freundlichen, wertschätzenden Worte und die Erleichterung, es nun geschafft zu haben, berührten Mari so, dass ihr die Tränen kamen, als sich die Anspannung löste. Joel ging ohne sie loszulassen um sie herum, nahm sie sanft in seine Arme und gab ihr den Halt, den sie jetzt so dringend brauchte.

„Ich will dir doch so gern vertrauen, und dennoch fällt es mir so schwer. Jetzt habe ich es aber für diesmal geschafft!“ Da schwang nun auch eine kleine Freude mit in ihrer Stimme.

„Und wie du es geschafft hast! Ich bin stolz auf dich! Je größer die Angst, desto stärker der Mut! Und natürlich hattest du Angst, denn es war eine unsichere Situation, aber du hast dich entschieden, mir zu vertrauen – und das zählt!“

„Danke, dass du mich nicht so weit hast fallen lassen!“

„Es ging nicht darum, dass du tief fällst, sondern nur darum, ob du das Vertrauen zeigst, und das hast du getan. Du hast heute einen großen und wertvollen Schritt getan.“

Noch immer hielt er Mari in seinen Armen. Ihr Körper wurde weicher und begann sich in die Umarmung hinein zu entspannen.  Erleichtert atmete sie tiefer ein und aus. Sie hatte es geschafft! Es war überstanden! Und sie fühlte sich gut!
Wieder ging ein sehr tiefer Atemzug durch Mari, und sie spürte dankbar, dass sie sich gerade wirklich sicher bei ihm fühlte.

Als sie sich aus seinen Armen löste, fragte er sie: „Und… heute noch bereit, deine Aufgabe von vorhin zu auszuführen?“

„Ja, Meister, ich bin bereit.“

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

Diese Aufgabe folgt im nächsten Kapitel –> 37. Hände verschmelzen – Umarmung genießen

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