63. Wann wird das Kribbeln zur Angst? (2)

Bei Joel – Eine intensive Erfahrung

Nach einem Gespräch über die feine Gradwanderung zwischen aufregendem, schön lebendigem Prickeln und Angst, fragte Joel, der das Spiel bereits begonnen hatte und in der Meisterrolle war: „Magst du mir deine Hände geben, Mari?“ und hielt ihr seine Hände hin.
Sie nickte und legte ihre Hände in seine. Es fühlte sich gut an zu spüren, wie seine warmen, großen Hände ihre umfangen hielten. Dann ließ er sie langsam und sanft über ihre gleiten – es war wie ein sanftes Streicheln, was ein wohliges Gefühl von Entspannung in ihr auslöste. Nach einem Weilchen begann er, ihre Hände etwas anzuheben. Sie ließ ihre ganz locker und folgte seinen Bewegungen. Immer höher hob er sie bis sie sich schließlich in Höhe ihres Gesichtes befanden. Gerade als sie begann, sich darüber zu wundern, veränderte er seinen Griff und umfasste ihre Handgelenke, drückte ihr die Hände über ihren Kopf, so weit, dass sie nach hinten überkippte und auf dem Rücken landete mit den Händen hinter dem Kopf liegend.
„Huh!“ Erschreckt stieß sie einen kleinen Schrei aus und wollte die Hände wegziehen. Doch er hielt sie fest, während er schnell einen langen schwarzen Schal unter einem hinter ihr liegenden Kissen hervor zog.
Noch nicht ahnend, was jetzt kommen würde, bat sie: „Bitte lass mich los!“
„Nein, jetzt nicht!“ antwortete er bestimmt, während er schon geschickt den Stoff um eine Hand wickelte.
Entsetzt rief Mari: „Du willst mich doch heute nicht fesseln?! Das war nicht abgesprochen! Bitte hör auf!“
Ruhig erwiderte er: „Doch war es! Erinnere dich! Du hast mir kurz nach Weihnachten erlaubt, dich überraschend zu überwältigen – jederzeit, um eine Vertrauenserfahrung zu machen. Jetzt ist es soweit!“
Oje, jetzt fiel es Mari wieder ein. Dass sich das so anfühlen würde, war ihr nicht klar.
Während er den Schal um das zweite Handgelenk wickelte, versuchte sie erfolglos ihre Hände zurückzuziehen – keine Chance! Er fasste fester zu, und knotete schließlich den Schal zusammen, so dass ihre Hände diesmal deutlich gefesselt waren.
Erschreckt japste sie nach Luft.
„Jetzt bist du ganz hilflos mein“, sagte er ganz ruhig und leise in ihr Ohr. 
Heftig ein und ausatmend lag sie in ihrer Wehrlosigkeit auf der Couch. Die Angst stieg wie eine heiß-kalte Welle ihre Wirbelsäule empor. „Was machst du jetzt mit mir?“ fragte sie entsetzt, während er aufstand, ihre Füße nahm und auch auf die Couch legte. Dabei drehte er sie so, dass sie nun längs auf dem Sofa lag.
„Bitte… Bitte rede mit mir… Das macht mir solche Angst!“ brachte sie heraus.
Er legte sich neben sie. „Ich werde dir nichts tun, keine Sorge, nichts, was du nicht schon kennst!  Du sollst die Wehrlosigkeit nur wahrnehmen… einfach spüren, dass du jetzt ganz meinem Willen unterworfen bist. Und du weißt, ich will dir gewiss nur Gutes!“ 
In der ganzen beunruhigenden Situation fühlte es sich irgendwie tröstlich an, dass er neben ihr lag. Entsetzt realisierte sie: „Ich bin jetzt wirklich hilflos! Ich glaube du hast sogar diesmal einen Knoten gemacht. So hat es sich jedenfalls angefühlt… Stimmt das?“
„Ja, diesmal bist du ganz echt gefesselt“, bestätigte er leise und legte seine Hand auf ihren Bauch.
„Ich will deinen Bauch spüren“. Er streichelte sie und öffnete einen Knopf ihrer Bluse über ihrem Bauch. 
Maris Aufregung stieg. Es kribbelte heiß und kalt durch Arme und Beine bis in den Kopf hinein, als würde Pfefferminzöl durch ihre Blutgefäße rauschen. In diesem Moment vergaß sie, dass es Joel war, der mit ihr ein Spiel spielte und dem sie mittlerweile zu vertrauen gelernt hatte. Sie war wie in einem Film gefangen in ihrer Angst. 
„Nein“, schrie sie. „Nein!!! Bitte nicht!!!“
„Mari, ist das rot?“ fragte er ernst.
„Wie jetzt rot…?“ Verwirrt schaute sie ihn an. Selbst die Bedeutung ihres gemeinsamen Ampel-Codes hatte sie vergessen.
Joel nahm die Hand von ihrem Bauch und legte sie ihr mit leichtem, beruhigendem Druck auf die Schulter. „Hey, Mari, schau mich an!“ 
Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihm und blickte in seine freundlichen Augen… Es war, als würde sie aus einem Traum aufwachen… „Joel!“
„Ja! Erinnere dich. Du wolltest die Erfahrung machen, überwältigt zu werden, eventuell auch zu kämpfen und zu spüren, dass jemand stärker ist als du und dir nichts Schlimmes dabei geschieht.“
Jetzt erinnerte sie sich wieder an dieses Gespräch. 
„Nun, ich darf dich zwar überwältigen, aber du kannst jederzeit die rote Karte ziehen. Dann brechen wir das Spiel sofort ab. Diese Vereinbarung gilt immer!“ Sanft strich er mit einem Finger über ihre Wange. „Nun? Sind wir bei Rot? Was meinst du? Oder kribbelt es noch in Gelb?“
„Kannst du mir bitte einen kleinen Moment Zeit lassen?“ fragte sie noch immer ziemlich außer Atem.
„Natürlich“, antwortete er ruhig und blieb dicht neben ihr liegen. Langsam senkte sich ihre Aufregung wieder auf einen erträglichen Level. Er schaute sie sanft an.
Okay dachte sie, und redete sich selbst gut zu: Ich habe die Möglichkeit jederzeit die rote Karte zu ziehen, ich muss es nicht jetzt gleich tun. Ich kann noch abwarten. Er reagiert ja gleich, wenn ich ROT sage, selbst jetzt, als mir die Ampel nicht mehr einfiel, hat er nachgefragt…
Und sie sagte: „Ich bin kurz vor rot aber noch in rötlichem Gelb, also sagen wir Orange.“
„Das freut mich sehr“. Bei diesen Worten legte er seine Hand wieder auf den Bauch. Als er spürte, dass sich ihr Atem wieder beruhigt hatte, öffnete er noch einen zweiten Knopf und schob einen Finger in die nun etwas offene Bluse. Ihre gesamten Aufmerksamkeit war auf seine Hand gerichtet, die er nun langsam unter die Bluse schob. Wieder ließ er sie einen Moment lang so liegen und streichelte dann ihren Bauch noch oberhalb des dünnen Tops. Sie atmete tief ein und aus. Als er dann schließlich begann, das Top langsam nach oben zu schieben, fragte sie sich: Wie weit würde er gehen?! Konnte sie ihm wirklich vertrauen? 
Er zog es so weit hoch, dass seine Hand auf ihrem nackten Bauch lag. Ihre Brust blieb bedeckt. Ganz starr wurde sie bei seiner Berührung und hielt die Luft an. Das Gefühl von Wehrlosigkeit wurde immer intensiver und beängstigender. Seine Finger strichen sanft über ihren Bauch, blieben aber in der Bauchmitte in der Nähe ihres Nabels.
Sie erinnerte sich an das Wunschritual zur Jahreswende, in dem er auch ihren Bauch berührt hatte und mit Lebensmittelfarbe ihr Kraftsymbol darauf gezeichnet hatte. Dabei hatte sie auch Angst gehabt, aber es war nichts Schlimmes geschehen… Sie hatte ihre ganze Kraft gebraucht, um ruhig liegen zu bleiben, so wie es auch jetzt war. 
Seine Finger strichen sanft um ihren Nabel herum und streichelten nur den Bauch, er wanderte nicht höher und nicht tiefer. Aber er KÖNNTE es! Wenn sie doch nur nicht gefesselt wäre und sich so hilflos fühlen würde…

„Wie fühlt es sich an, dass ich mit meiner Hand jetzt überall hingehen könnte?“ fragt er leise in ihr Ohr.
„Das fühlt sich ganz furchtbar an,“ erwiderte sie, „ich bin die ganze Zeit kurz vor Rot.
„Wie ist das Gefühl, ausgeliefert zu sein, sich hingeben zu dürfen?“ fragte er, „wie ist das mit dem Kribbeln jetzt?“
„Ich möchte nicht, dass du dir mehr nimmst, als ich dir freiwillig geben kann! Das Kribbeln ist sehr heftig – ziemlich schlimm!“ Schnell atmend stieß sie diese Worte hervor.
„Ich würde in einer solchen Situation nie weiter gehen, als du es schon kennst“, erklärte er ruhig, zog seine Hand weg und knöpfte die Bluse wieder zu.
In diesem Moment wurde ihr klar, wie unangemessen ihre Angst war. „Tut mir leid, jetzt habe ich dich sicher verärgert. Das wollte ich nicht! Ich kann gegen diese plötzlich auftauchenden Angst-Gefühle manchmal nichts tun“, versuchte sie zu erklären. „Bitte nimm es mir nicht übel.“
„Aber nein, ganz und gar nicht“, versicherte er ihr und löste die Fesseln. „Du warst sehr tapfer und mutig. Das Spiel ist vorbei.“ Mit diesen Worten löste er den Schal von ihren Handgelenken.

„Joel, es tut mir leid, dass ich in solch eine Angst abgerutscht bin.“ Sie setzte sich auf, und schaute ihn sehr unsicher an.
„Aber Mari, das braucht dir doch nicht leid zu tun. Wir wissen doch beide, dass die Angst bei dir immer mal wieder an getriggert werden kann. Ich finde, du bist tapfer durch die Situation durch gegangen – und das so ganz wehrlos! So etwas wäre, als wir miteinander begonnen hatten, noch völlig undenkbar gewesen!“
Erleichtert erklärte sie: „Ich habe gedacht, als du, also ich meine… als der Meister die Bluse zugeknöpft hatte: „Das war’s! Jetzt ist er verärgert, weil ich so etwas gesagt habe! Weil ich es in dem Moment für möglich hielt, dass du weit über meine Grenzen gehen könntest. Oh Mist! Dass ich dir das zugetraut habe!“ Beschämt senkte sie ihren Blick und fuhr sich unruhig mit der Hand durch die Haare.
Erstaunt und sehr aufmerksam schaute Joel sie an.
„Warum bist du so aufgeregt, Mari?“
„…Weil mir das mit dem Vertrauen nicht besser gelungen ist. Ich hätte mich besser im Griff haben sollen! Es fühlt sich so schlimm an, wenn ich versage!“
„Mari, merkst du, wie hart du zu dir bist? Du hast nicht versagt, denn du hast nicht aufgegeben! Du hast trotz deiner Angst das Spiel nicht abgebrochen!“
„Na ja…“ Mari überlegte, „es stimmt, dass ich nicht die rote Karte gezogen habe, hat mich viel Kraft gekostet.“
„Ja, das war sicher nicht leicht, an der Stelle noch die Kraft zu finden und zu sagen, es ist noch nicht rot. Das war bestimmt eine ziemliche Überwindung und daher eine große Leistung!“
„Danke, dass du das auch so siehst. Nimm es bitte nicht persönlich, wenn ich manchmal in Ängste gerate, die eigentlich gar nichts mit dir zu tun haben, so wie jetzt eben.“
„Mach dir darüber bitte keine Sorgen, Mari! In solch intensiven Spielen, in denen wir so nah an deinen Angstgrenzen entlang wandern, kann das immer wieder mal geschehen. Damit muss ich – gerade wenn ich in der Rolle des Meisters bin – immer rechnen. Und ich bin sicher, ich werde in solchen Momenten immer Wege finden, dich wieder zurück zu führen in das, was gerade da ist – und das wird nie etwas Schlimmes sein! Und wenn deine Angst manchmal der Situation nicht angemessen erscheinen mag – wer will das messen? Die Intensität der Angst hat immer mit den inneren Prägungen zu tun, das hast du gar nicht in der Hand. Darüber würde ich mir nie ein Urteil erlauben und erst recht nicht verärgert sein! Mari, du darfst immer fühlen, was du fühlst und es auch ausdrücken!“
Erleichtert schaute sie Joel an. 
„Ich finde, du bist wieder einen großen Schritt weiter gegangen,“ sagte er lächelnd, „was hältst du jetzt von einer Umarmung?“
Mari nickte. „O ja, so gerne!!!“ Und als er sie fest in seine Arme nahm, konnte sie fühlen, dass wirklich alles gut war. Jetzt löste sich ihre Anspannung ganz.
„Wow, war das heute heftig! Aber jetzt ist alles gut.“ Dankbar schmiegte sie sich an und genoss es, in seinen Armen gehalten zu werden.
„Ja, das war eine sehr intensive Übung“, bestätigte er. 
„Stimmt“, nickte sie, „ist alles gut, Joel?… Auch bei dir?“
„Ja, bei mir ist alle super“, antwortete er ganz entspannt. „Ich genieße unsere Umarmung jetzt auch.“
„Darüber bin ich froh! Danke für dieses Spiel, das mich sehr gefordert hat – und danke für… überhaupt!“
„Ich danke dir auch, Mari, für dein Mitspielen und für… überhaupt!“ lächelte Joel.

Geschrieben von Raffael und Miriam

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62. Wann wird das Kribbeln zur Angst? (1)

Bei Joel – Ein Gespräch über´s Prickeln

Nach einer Viertelstunde Verspätung stand Mari etwas atemlos vor Joels Tür und erklärte ihm mit einer Entschuldigung, dass ein Bus ausgefallen war.
„Das kann passieren,“ antwortete er gelassen, „es ist alles gut. Setz dich auf die Couch. Was magst du trinken?“
„Gerne ein Glas Wasser.“ Sie nahm auf der in letzter Zeit bereits immer ausgezogenen Couch Platz. 
Er holte ihr ein Glas Wasser und und setzte sich neben sie.
„Mir ist unser letztes Spiel noch ziemlich präsent, auch wenn es nur kurz war, aber das Gefühl, als du mir gesagt hattest ´Jetzt bist du meine Gefangene´ und mich dabei festgehalten hast, das hat mich noch weiter bewegt.“
Interessiert schaute er sie an. „Was hat dich daran bewegt? Wie hat es sich im Nachhinein angefühlt?“
Es in Worte zu fassen, war nicht so leicht… „Einerseits etwas unheimlich, andererseits auch irgendwie prickelnd, aber real würde ich das nicht erleben wollen!“
„Würdest du nicht? Obwohl es prickelt?“
„Na ja, wie so oft, sind beide Anteile ziemlich gleich stark vorhanden. Eben auch die Angst. Ich glaube ich habe auch davon geträumt, bin heute morgen ziemlich verkrampft in meinem Bett aufgewacht und hatte noch Fetzen davon in Erinnerung…“
„Wovor hattest du Angst? Wie könntest du sie beschreiben? Hattest du Angst vor mir?“
„Das fühlt sich so nicht richtig an. Nein, ich hatte nicht wirklich Angst vor dir, aber trotzdem so eine diffuse Angst, eher vor meinen Gefühlen in so einer Situation.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, manchmal wird dieses bestimmte Prickeln, von dem wir schon neulich sprachen, so heftig, dass es sich richtig schlimm anfühlt und schwer auszuhalten ist…“
„Schlimm? Ich würde mal sagen, das Spiel beginnt. Erzähl mir etwas mehr vom Prickeln.“
„Das Prickeln fühlt sich sehr lebendig an – manchmal aber wird es so heftig, dass es mir Angst macht. Das spüre ich sowohl gefühlsmäßig als auch körperlich, und wenn es eine gewisse Schwelle erreicht, also sehr intensiv wird, dann fühlt es sich schon manchmal richtig schlimm an.“
Joel versuchte Mari besser zu verstehen und fragte nach: „Was ist daran für dich schlimm? Die meisten Menschen suchen ganz bewusst das Kribbeln, weil es so herrlich aufregend ist.“
„Na so herrlich ist das für mich nicht immer, und nicht nur“, erklärte sie ihm, „weil ich eben auch gleichzeitig einiges an Angst in mir trage. Ich glaube das hängt ganz vom der Intensität ab. Eine gewisse Menge an Aufregung ist spannend und fühlt sich lebendig an, wenn sie aber zu intensiv wird, macht sie mir Angst.“
Er nickte. „Ja, das verstehe ich. Was befürchtet denn deine Angst in solchen Momenten. Was könnte passieren?“
Mari fiel es schwer darauf zu antworten… „Das kann ich gar nicht so genau sagen, diese Angst ist so… so unbestimmt…  Oft hat sie mit körperlicher Unterlegenheit zu tun.“
Joel lächelte verhalten. „Naja, dass eine gewisse Unsicherheit und ein Gefühl von Unterlegenheit entsteht, das ist ja gewollt in solchen Spielen…“
Er schaute sie aufmerksam. Also obwohl du mich inzwischen schon ganz gut kennst und ja einiges an Vertrauen gewachsen ist, führt das Kribbeln, wenn es sehr intensiv wird, immer noch zu Angst in dir?“
„Ja, tut mir leid, so ist es manchmal…“ bestätigte Mari verlegen. „Da gibt es in mir wohl Verknüpfungen in meinem Hirn, die nicht wirklich angemessen sind.“
Er schaute sie freundlich an. „Ja, das ist wohl so. Aber dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen, Mari. Manches sitzt eben sehr tief… Nun daran arbeiten wir ja auch ein wenig, nicht wahr?“
Sie nickte. „Ja, ich wünschte mir, ich könnte mit weniger Angst reagieren.“
 Er hielt ihr seine Hände hin: „Magst du mir deine Hände geben?“

Wie es in diesem gerade beginnenden Spiel weitergeht, erscheint übermorgen…

Geschrieben von Raffael und Miriam

 

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44. Eine Wanderung mit kleinen Schritten an der Grenze entlang

Mari geht spazieren

Gedankenversunken lief Mari durch den nahegelegenen Park, in dem sie inzwischen auch schon einige Male mit Joel spazieren gegangen war.

Ihre Gedanken wanderten zurück zum gestrigen Spiel mit dem Meister, den Joel wieder für sie dargestellt hatte. Diesmal fand sie einen Stuhl vor, der in der Mitte des Zimmers stand… Jedes Mal, wenn sie eine überraschende Anordnung der Möbel im Zimmer vor fand, rätselte sie, was das wohl für sie zu bedeuten haben möge. Bisher hatte sie es nie vorher rausfinden können.

Gestern sollte sie sich auf den Stuhl setzen, ihr wurden die Augen verbunden, und ihre Aufgabe bestand lediglich darin zu spüren. Na ja, klang erst mal nicht so schlimm… War eigentlich auch nicht wirklich „schlimm„, dachte sie jetzt im Nachhinein, schlimm nicht, aber ziemlich bewegend und herausfordernd…

Es war ein angenehmes Gefühl, als der Meister anfangs ihre Hand nahm und streichelte… Auch als er ganz langsam den Arm immer ein Stückchen aufwärts wanderte und wieder zurück kehrte zur Hand… Als er dann am Oberarm angelangt war und ein kleines Stückchen unter den Saum ihrer Ärmel wanderte, entstand ein spannendes Gefühlsgemisch, das sie in Aufregung versetzte. Mari dachte an diesen fortwährenden fast rhythmischen Wandel ihres Gefühlszustandes innerhalb der verschiedenen Berührungen… Irgendwann hatte sie die steigende Anspannung in diesen Wellen kaum noch aushalten können.
In solch einem Moment fragte Joel sie nach der Farbe ihrer Gefühlsampel.
Kann er Gedanken lesen? fragte sie sich gerade…“ rötliches Orange“, gab sie zur Antwort.

Eigentlich gut, dass er meine Körpersprache so gut wahrnehmen kann, aber irgendwie… auch seltsam, so durchschaubar zu seinDas ist, als würde es seine Macht verstärken, überlegte sie.
Er hatte freundlich geantwortet, er würde sich freuen, wenn er sie wieder auf „gelb“ zurück führen könnte, und hatte ihr erlaubt, einen Wunsch zu äußern.

Mari bewegte jetzt im Park beim Laufen unwillkürlich ihre Schultern, denn ihr Wunsch war eine Schulter- und Nackenmassage gewesen, denn sie hatte schon erlebt, wie gut es ihr tat, wenn Joel sie dort massiert hatte. Und so hatte die Erfüllung dieses Wunsches ihr auch gestern geholfen, wieder mehr entspannen zu können. Ihr war schließlich so warm geworden, dass sie ihn fragte, ob sie ihre kurzärmelige Jacke ausziehen könne.

Mari verzog ihren Mund zu einem verunglückten Grinsen in der Erinnerung daran, dass sie mit dieser Frage wieder die Regel verletzt hatte, nur absolut unvermeidbare Fragen zu stellen, um sich daran zu gewöhnen, auch Risiken einzugehen und zu vertrauen, dass nichts Schlimmes geschieht, wenn sie etwas anders machte, als er es gemeint hatte. Sie hätte die Jacke einfach ausziehen können, ohne zu fragen. Also ihr „Absichern wollen“ anhand von Fragen führte in diesen Spielen gerade dahin, wo sie nicht hin wollte, nämlich zur Verletzung dieser für sie so ungewohnten Nicht-Frage-Regel. Würde sie weniger Fragen stellen und sich einfach trauen, Dinge zu tun, wie sie ihr einfielen, würde sie die Regel weniger verletzen und sich damit nicht so oft auf Glatteis begeben. Wieder mal ein Paradoxon!

Ich frage, um nichts falsch zu machen und keine negative Sanktion zu bekommen und genau durch das Fragen erhalte ich sie.
Ich hätte gestern die Jacke einfach ausziehen sollen, ohne zu fragen, dann hätte ich auch keine Regel verletzt. So wollte ich vorher seine Zustimmung erhalten, um wie immer nichts falsch zu machen, und hab´s gerade damit wieder mal versemmelt.

Na ja, es war kein Verhängnis draus geworden – das war es ja eigentlich nie in den Sitzungen mit dem Meister! Aber es hatte sich durchaus unangenehm angefühlt, als er fragte: „Bereit für deine Strafe?“ Aber – und nun war Mari ein bisschen stolz auf sich – diesmal hatte sie gleich „Ja!“ gesagt, anders als in den Anlässen davor, in denen sie so starke Angst davor hatte, dass es ihr erstmal nicht so schnell möglich war, ihre Bereitschaft zu bekunden und sie mit allen Mitteln versucht hatte, das Blatt zu wenden, was ihr natürlich nie gelungen war. Doch wenn sie zurück dachte, war ihr Meister in der Auswahl seiner Sanktionen stets so achtsam gewesen, dass dadurch nie eine Angst verstärkt oder neu entstanden war – im Gegenteil, zurück blieb immer eine Erleichterung, erstens es geschafft zu haben und zweitens, dass es nie wirklich schlimm war.

So auch gestern: Nachdem sie diesmal, ohne lange zu zögern und zu diskutieren „Ja, ich bin bereit“ gesagt hatte, sollte sie ihm in die Augen schauen und ihm sagen: „Ich will meine Bereitschaft vertiefen, bei dir Risiken einzugehen.“ Allerdings nur dann, wenn sie dazu wirklich ja sagen könne, ansonsten würde er sich eine andere Sanktion einfallen lassen.
Und Mari bekundete diese Bereitschaft gerne. Sie wünschte es sich ja tatsächlich, mutiger, spontaner und risikobereiter zu sein.
Dankbar dachte Mari: Ich merke immer wieder, dass ich ihm vertrauen kann und er es mir so leicht macht, wie es im Rahmen dieser doch herausfordernden Machtspiel-Situationen möglich ist.

Nachdem diese Klippe umschifft war, wendete er sich wieder ihren Schultern zu und massierte sie bis in den Nacken hinein. War das gut… ! Sie fühlte jetzt noch das wunderbare Gefühl, wie sich ihre Anspannung wieder langsam gelöst hatte.

Doch als er sich dann langsam unter ihr Top vortastete und gar nicht mal unangenehm über die Schlüsselbeine strich, spürte Mari eine deutliche innere Grenze. Sie begann leicht zu zittern und wäre am liebsten aufgestanden, um die Situation sofort zu beenden. So schnell entstanden in ihr Verknüpfungen, die alte Übergriffs-Situationen an triggerten.
Ihr Meister spürte ihre Anspannung, hielt in diesem Moment mit seinen Berührungen inne und fragte: „Mari, welche Farbe hat unsere Ampel?“
Als sie „Hellrot“ flüsterte, nahm er ruhig seine Hände dort weg, legte ihr eine Hand an ihre Stirn und die andere an den unteren Hinterkopf. Ihren heißen Kopf auf diese Weise in Joels Hände abgeben zu können, tat ihr sehr gut und ihr Stresspegel sank überraschend schnell. Als würde meine ganze Anspannung durch seine Hände abgeflossen sein – erinnerte sie sich. Danach hatte er das Spiel beendet, so dass sie in diesem angenehm entspannte Zustand hatte bleiben können.



Warum nur vergesse ich in solchen Momenten immer wieder die Möglichkeit, anhand der Ampel zu kommunizieren, wie es mir geht? fragte sie sich. Und gestern hatte er mich zu Beginn des Spieles sogar noch dran erinnert. Ich will künftig versuchen, das mehr im Auge zu behalten! Wie gut, dass er mich ein paar Mal von sich aus nach der aktuellen Ampelfarbe gefragt hat – das hätte sonst fast wieder zu einem Abbruch führen können, so wie neulich, als ich das Tuch bei unserem Blind-durch-den-Park-geh-Spiel abrupt abgerissen hatte. Doch auch danach war es dann wieder gut weiter gegangen, erinnerte sie sich dankbar.

Und wie schön war es gestern am Ende, als er mich umarmte, mir sagte, dass er sich gefreut habe, wie viel ich zulassen konnte, und dann ziemlich bald das Spiel beendete, und mich in Joels Armen zurück ließ… Mit ihm selbst, außerhalb der Meisterrolle fühlt es sich viel leichter und angenehmer an für mich!

Seltsam…, überlegte sie schon zum wiederholten Male, dass ich diese Spiele trotzdem auch immer wieder will…

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

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