63. Wann wird das Kribbeln zur Angst? (2)

Bei Joel – Eine intensive Erfahrung

Nach einem Gespräch über die feine Gradwanderung zwischen aufregendem, schön lebendigem Prickeln und Angst, fragte Joel, der das Spiel bereits begonnen hatte und in der Meisterrolle war: „Magst du mir deine Hände geben, Mari?“ und hielt ihr seine Hände hin.
Sie nickte und legte ihre Hände in seine. Es fühlte sich gut an zu spüren, wie seine warmen, großen Hände ihre umfangen hielten. Dann ließ er sie langsam und sanft über ihre gleiten – es war wie ein sanftes Streicheln, was ein wohliges Gefühl von Entspannung in ihr auslöste. Nach einem Weilchen begann er, ihre Hände etwas anzuheben. Sie ließ ihre ganz locker und folgte seinen Bewegungen. Immer höher hob er sie bis sie sich schließlich in Höhe ihres Gesichtes befanden. Gerade als sie begann, sich darüber zu wundern, veränderte er seinen Griff und umfasste ihre Handgelenke, drückte ihr die Hände über ihren Kopf, so weit, dass sie nach hinten überkippte und auf dem Rücken landete mit den Händen hinter dem Kopf liegend.
„Huh!“ Erschreckt stieß sie einen kleinen Schrei aus und wollte die Hände wegziehen. Doch er hielt sie fest, während er schnell einen langen schwarzen Schal unter einem hinter ihr liegenden Kissen hervor zog.
Noch nicht ahnend, was jetzt kommen würde, bat sie: „Bitte lass mich los!“
„Nein, jetzt nicht!“ antwortete er bestimmt, während er schon geschickt den Stoff um eine Hand wickelte.
Entsetzt rief Mari: „Du willst mich doch heute nicht fesseln?! Das war nicht abgesprochen! Bitte hör auf!“
Ruhig erwiderte er: „Doch war es! Erinnere dich! Du hast mir kurz nach Weihnachten erlaubt, dich überraschend zu überwältigen – jederzeit, um eine Vertrauenserfahrung zu machen. Jetzt ist es soweit!“
Oje, jetzt fiel es Mari wieder ein. Dass sich das so anfühlen würde, war ihr nicht klar.
Während er den Schal um das zweite Handgelenk wickelte, versuchte sie erfolglos ihre Hände zurückzuziehen – keine Chance! Er fasste fester zu, und knotete schließlich den Schal zusammen, so dass ihre Hände diesmal deutlich gefesselt waren.
Erschreckt japste sie nach Luft.
„Jetzt bist du ganz hilflos mein“, sagte er ganz ruhig und leise in ihr Ohr. 
Heftig ein und ausatmend lag sie in ihrer Wehrlosigkeit auf der Couch. Die Angst stieg wie eine heiß-kalte Welle ihre Wirbelsäule empor. „Was machst du jetzt mit mir?“ fragte sie entsetzt, während er aufstand, ihre Füße nahm und auch auf die Couch legte. Dabei drehte er sie so, dass sie nun längs auf dem Sofa lag.
„Bitte… Bitte rede mit mir… Das macht mir solche Angst!“ brachte sie heraus.
Er legte sich neben sie. „Ich werde dir nichts tun, keine Sorge, nichts, was du nicht schon kennst!  Du sollst die Wehrlosigkeit nur wahrnehmen… einfach spüren, dass du jetzt ganz meinem Willen unterworfen bist. Und du weißt, ich will dir gewiss nur Gutes!“ 
In der ganzen beunruhigenden Situation fühlte es sich irgendwie tröstlich an, dass er neben ihr lag. Entsetzt realisierte sie: „Ich bin jetzt wirklich hilflos! Ich glaube du hast sogar diesmal einen Knoten gemacht. So hat es sich jedenfalls angefühlt… Stimmt das?“
„Ja, diesmal bist du ganz echt gefesselt“, bestätigte er leise und legte seine Hand auf ihren Bauch.
„Ich will deinen Bauch spüren“. Er streichelte sie und öffnete einen Knopf ihrer Bluse über ihrem Bauch. 
Maris Aufregung stieg. Es kribbelte heiß und kalt durch Arme und Beine bis in den Kopf hinein, als würde Pfefferminzöl durch ihre Blutgefäße rauschen. In diesem Moment vergaß sie, dass es Joel war, der mit ihr ein Spiel spielte und dem sie mittlerweile zu vertrauen gelernt hatte. Sie war wie in einem Film gefangen in ihrer Angst. 
„Nein“, schrie sie. „Nein!!! Bitte nicht!!!“
„Mari, ist das rot?“ fragte er ernst.
„Wie jetzt rot…?“ Verwirrt schaute sie ihn an. Selbst die Bedeutung ihres gemeinsamen Ampel-Codes hatte sie vergessen.
Joel nahm die Hand von ihrem Bauch und legte sie ihr mit leichtem, beruhigendem Druck auf die Schulter. „Hey, Mari, schau mich an!“ 
Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihm und blickte in seine freundlichen Augen… Es war, als würde sie aus einem Traum aufwachen… „Joel!“
„Ja! Erinnere dich. Du wolltest die Erfahrung machen, überwältigt zu werden, eventuell auch zu kämpfen und zu spüren, dass jemand stärker ist als du und dir nichts Schlimmes dabei geschieht.“
Jetzt erinnerte sie sich wieder an dieses Gespräch. 
„Nun, ich darf dich zwar überwältigen, aber du kannst jederzeit die rote Karte ziehen. Dann brechen wir das Spiel sofort ab. Diese Vereinbarung gilt immer!“ Sanft strich er mit einem Finger über ihre Wange. „Nun? Sind wir bei Rot? Was meinst du? Oder kribbelt es noch in Gelb?“
„Kannst du mir bitte einen kleinen Moment Zeit lassen?“ fragte sie noch immer ziemlich außer Atem.
„Natürlich“, antwortete er ruhig und blieb dicht neben ihr liegen. Langsam senkte sich ihre Aufregung wieder auf einen erträglichen Level. Er schaute sie sanft an.
Okay dachte sie, und redete sich selbst gut zu: Ich habe die Möglichkeit jederzeit die rote Karte zu ziehen, ich muss es nicht jetzt gleich tun. Ich kann noch abwarten. Er reagiert ja gleich, wenn ich ROT sage, selbst jetzt, als mir die Ampel nicht mehr einfiel, hat er nachgefragt…
Und sie sagte: „Ich bin kurz vor rot aber noch in rötlichem Gelb, also sagen wir Orange.“
„Das freut mich sehr“. Bei diesen Worten legte er seine Hand wieder auf den Bauch. Als er spürte, dass sich ihr Atem wieder beruhigt hatte, öffnete er noch einen zweiten Knopf und schob einen Finger in die nun etwas offene Bluse. Ihre gesamten Aufmerksamkeit war auf seine Hand gerichtet, die er nun langsam unter die Bluse schob. Wieder ließ er sie einen Moment lang so liegen und streichelte dann ihren Bauch noch oberhalb des dünnen Tops. Sie atmete tief ein und aus. Als er dann schließlich begann, das Top langsam nach oben zu schieben, fragte sie sich: Wie weit würde er gehen?! Konnte sie ihm wirklich vertrauen? 
Er zog es so weit hoch, dass seine Hand auf ihrem nackten Bauch lag. Ihre Brust blieb bedeckt. Ganz starr wurde sie bei seiner Berührung und hielt die Luft an. Das Gefühl von Wehrlosigkeit wurde immer intensiver und beängstigender. Seine Finger strichen sanft über ihren Bauch, blieben aber in der Bauchmitte in der Nähe ihres Nabels.
Sie erinnerte sich an das Wunschritual zur Jahreswende, in dem er auch ihren Bauch berührt hatte und mit Lebensmittelfarbe ihr Kraftsymbol darauf gezeichnet hatte. Dabei hatte sie auch Angst gehabt, aber es war nichts Schlimmes geschehen… Sie hatte ihre ganze Kraft gebraucht, um ruhig liegen zu bleiben, so wie es auch jetzt war. 
Seine Finger strichen sanft um ihren Nabel herum und streichelten nur den Bauch, er wanderte nicht höher und nicht tiefer. Aber er KÖNNTE es! Wenn sie doch nur nicht gefesselt wäre und sich so hilflos fühlen würde…

„Wie fühlt es sich an, dass ich mit meiner Hand jetzt überall hingehen könnte?“ fragt er leise in ihr Ohr.
„Das fühlt sich ganz furchtbar an,“ erwiderte sie, „ich bin die ganze Zeit kurz vor Rot.
„Wie ist das Gefühl, ausgeliefert zu sein, sich hingeben zu dürfen?“ fragte er, „wie ist das mit dem Kribbeln jetzt?“
„Ich möchte nicht, dass du dir mehr nimmst, als ich dir freiwillig geben kann! Das Kribbeln ist sehr heftig – ziemlich schlimm!“ Schnell atmend stieß sie diese Worte hervor.
„Ich würde in einer solchen Situation nie weiter gehen, als du es schon kennst“, erklärte er ruhig, zog seine Hand weg und knöpfte die Bluse wieder zu.
In diesem Moment wurde ihr klar, wie unangemessen ihre Angst war. „Tut mir leid, jetzt habe ich dich sicher verärgert. Das wollte ich nicht! Ich kann gegen diese plötzlich auftauchenden Angst-Gefühle manchmal nichts tun“, versuchte sie zu erklären. „Bitte nimm es mir nicht übel.“
„Aber nein, ganz und gar nicht“, versicherte er ihr und löste die Fesseln. „Du warst sehr tapfer und mutig. Das Spiel ist vorbei.“ Mit diesen Worten löste er den Schal von ihren Handgelenken.

„Joel, es tut mir leid, dass ich in solch eine Angst abgerutscht bin.“ Sie setzte sich auf, und schaute ihn sehr unsicher an.
„Aber Mari, das braucht dir doch nicht leid zu tun. Wir wissen doch beide, dass die Angst bei dir immer mal wieder an getriggert werden kann. Ich finde, du bist tapfer durch die Situation durch gegangen – und das so ganz wehrlos! So etwas wäre, als wir miteinander begonnen hatten, noch völlig undenkbar gewesen!“
Erleichtert erklärte sie: „Ich habe gedacht, als du, also ich meine… als der Meister die Bluse zugeknöpft hatte: „Das war’s! Jetzt ist er verärgert, weil ich so etwas gesagt habe! Weil ich es in dem Moment für möglich hielt, dass du weit über meine Grenzen gehen könntest. Oh Mist! Dass ich dir das zugetraut habe!“ Beschämt senkte sie ihren Blick und fuhr sich unruhig mit der Hand durch die Haare.
Erstaunt und sehr aufmerksam schaute Joel sie an.
„Warum bist du so aufgeregt, Mari?“
„…Weil mir das mit dem Vertrauen nicht besser gelungen ist. Ich hätte mich besser im Griff haben sollen! Es fühlt sich so schlimm an, wenn ich versage!“
„Mari, merkst du, wie hart du zu dir bist? Du hast nicht versagt, denn du hast nicht aufgegeben! Du hast trotz deiner Angst das Spiel nicht abgebrochen!“
„Na ja…“ Mari überlegte, „es stimmt, dass ich nicht die rote Karte gezogen habe, hat mich viel Kraft gekostet.“
„Ja, das war sicher nicht leicht, an der Stelle noch die Kraft zu finden und zu sagen, es ist noch nicht rot. Das war bestimmt eine ziemliche Überwindung und daher eine große Leistung!“
„Danke, dass du das auch so siehst. Nimm es bitte nicht persönlich, wenn ich manchmal in Ängste gerate, die eigentlich gar nichts mit dir zu tun haben, so wie jetzt eben.“
„Mach dir darüber bitte keine Sorgen, Mari! In solch intensiven Spielen, in denen wir so nah an deinen Angstgrenzen entlang wandern, kann das immer wieder mal geschehen. Damit muss ich – gerade wenn ich in der Rolle des Meisters bin – immer rechnen. Und ich bin sicher, ich werde in solchen Momenten immer Wege finden, dich wieder zurück zu führen in das, was gerade da ist – und das wird nie etwas Schlimmes sein! Und wenn deine Angst manchmal der Situation nicht angemessen erscheinen mag – wer will das messen? Die Intensität der Angst hat immer mit den inneren Prägungen zu tun, das hast du gar nicht in der Hand. Darüber würde ich mir nie ein Urteil erlauben und erst recht nicht verärgert sein! Mari, du darfst immer fühlen, was du fühlst und es auch ausdrücken!“
Erleichtert schaute sie Joel an. 
„Ich finde, du bist wieder einen großen Schritt weiter gegangen,“ sagte er lächelnd, „was hältst du jetzt von einer Umarmung?“
Mari nickte. „O ja, so gerne!!!“ Und als er sie fest in seine Arme nahm, konnte sie fühlen, dass wirklich alles gut war. Jetzt löste sich ihre Anspannung ganz.
„Wow, war das heute heftig! Aber jetzt ist alles gut.“ Dankbar schmiegte sie sich an und genoss es, in seinen Armen gehalten zu werden.
„Ja, das war eine sehr intensive Übung“, bestätigte er. 
„Stimmt“, nickte sie, „ist alles gut, Joel?… Auch bei dir?“
„Ja, bei mir ist alle super“, antwortete er ganz entspannt. „Ich genieße unsere Umarmung jetzt auch.“
„Darüber bin ich froh! Danke für dieses Spiel, das mich sehr gefordert hat – und danke für… überhaupt!“
„Ich danke dir auch, Mari, für dein Mitspielen und für… überhaupt!“ lächelte Joel.

Geschrieben von Raffael und Miriam

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61. Immer einen Schritt nach dem nächsten – und die Gedanken werden leiser…

Bei Joel: Eine wettere Vertrauensübung

Als Mari heute das Wohnzimmer von Joel betrat, bemerkte sie das es ungewöhnlich warm war.
Auf dem Tisch lag der Seidenschal, den sie nun schon mehrmals vor ihren Augen hatte.
Joel ging noch einmal in die Küche, um etwas zu trinken zu holen, schenkte Mari ein Glas Wasser ein und sagte: „Ich denke, wir machen heute beim Thema Vertrauen weiter. Bist du bereit, Mari?“
Sie schluckte und antwortete: „Ja, ich bin bereit.“ Welche Übung würde wohl heute auf sie zu kommen? Sie spielte sie mit ihm ja diese Rollenspiele, um ihr Vertrauen zu stärken, dennoch hatte sie immer wieder etwas Angst vorher und oft auch innerhalb der Spiele.

„Das freut mich sehr“, lächelte Joel, „das Spiel beginnt.“ Mit diesen Worten nahm er den Schal in die Hand, stellte sich hinter sie, legte ihn ihr ganz sanft über die Augen und verknotete ihn schließlich.


Mari stand still und versuchte mit ihrer Aufregung klar zu kommen. Was würde nun wohl geschehen?

„Alles gut, Mari?“ fragte er leise.

„Ja, alles okay, ich bin nur ein bisschen aufgeregt“, antwortete sie ehrlich.

„Du weißt, ich passe auf dich auf, nicht wahr?“

Sie nickte.

„Es ist recht warum, magst du deine Strickjacke ausziehen?“ bot er ihr an.

Das tat sie gern, denn ihr war in der Aufregung ziemlich heiß geworden. Er half ihr dabei, und als die Jacke fast ausgezogen war, verdrehte er sie plötzlich so, dass ihre Arme in der Jacke gefangen waren.
Sie versuchte, sich da irgendwie heraus zu winden, doch er zog ein paar mal an der Jacke, so dass die Arme plötzlich darin eingebunden waren.

„Halt still Mari“, wies er sie an.

Mari erschrak. „Ach, das machst du mit Absicht…“

„Ganz ruhig Mari“, flüsterte er leise an ihrem Ohr. Ich bin und bleibe die ganze Zeit in deiner Nähe. Dir kann nichts geschehen.“

Nun konnte sie nichts sehen und ihre Arme kaum bewegen. Sie versuchte, ihre Aufregung durch ruhigeres Atmen in den Griff zu bekommen, aber das funktionierte kaum. Sie fühlte sich äußerst nervös.

„Setz dich“, sagte er und führte sie, so dass sie sicher zu dem Stuhl gelangte.
Sie nahm ihn von hinten an ihren Knien wahr und fühlt sich ziemlich hilflos.
Joel half ihr mit einem festen Griff an den Schultern, dass sie sich ganz vorsichtig und sicher setzen konnte. Sie spürte deutlich, wie ihr Herz schlug.

Als sie sicher saß, ließ er sie los, und es wurde still im Raum.
Dass sie nicht wusste, wo genau er war, konnte sie nur schwer aushalten.
Es gab keine Geräusche, die ihn verrieten. Sie lauschte angestrengt, spürte den Pulsschlag in den Ohren rauschen. Endlich durchbrach er die Stille: „Gut, Mari, jetzt steh auf. Sie konnte nicht genau zuordnen, wo er sich im Raum befand.
Langsam erhob sie sich und fühlte sich dabei sehr unsicher, da sie sich ja mit den Händen nicht abstützen konnte.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie, „und jetzt geh drei Schritte vor.“

Langsam setzt sie drei Schritte nach vorn.

„Ja, prima, nun dreh dich nach links und geh zwei Schritte vor. „
Sie folgte seiner Anweisung und fühlte sie sich langsam etwas sicherer.

So ging das noch ein ganzes Weilchen, mal nach links, mal nach rechts, mal mehr mal weniger Schritte, bis sie völlig die Orientierung im Raum verloren hatte.
Mit der Zeit wurde sie sicherer dabei, und fühlte sich irgendwie ganz seltsam ruhig in dieser Orientierungslosigkeit. Immer ruhiger wurde ihr Denken… Mit der Zeit war nichts mehr wichtig, nur immer der nächste Schritt. Seine Anweisungen gaben ihr irgendwie eine Struktur vor, an der sie sich innerlich festhalten konnte. Sie brauchte nur zu folgen, nichts selbst zu entscheiden. Das tat richtig gut.
Nach der gefühlten hundertsten Anweisung sagte Joel zu ihr: „Du machst das sehr, sehr gut Mari. Bleib einen Moment so stehen. “ Seine Stimme schien fast um sie herum zu klingen…
Sie freut sich über das Lob , stand still und erwartete, dass er ihr nun die Augenbinde abnehmen würde und die Übung beendet sei, aber nein…
Es kam eine weitere Anweisung: „Jetzt, lass dich nach hinten fallen, Mari.“

Boah… Das kostet Überwindung. Sie konnte nicht einschätzen, in welchem Abstand er sich von ihr befand. Gern würde sie seiner Anweisung folgen, aber noch gelang es ihr nicht.

Er nahm ihren inneren Kampf wahr und ermutigte sie: „Du warst beim Gehen so mutig und sicher, Mari, das hast du so phantastisch gemacht, nun lass dich noch rückwärts fallen.“

So gern würde sie wissen, wo er stand, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu fragen. Sie erinnerte sich an die vielen Male, in denen er eine Übung für sie leichter gestaltet hatte, als sie zuvor dachte. Auch daran, dass er sie schon einmal von hinten aufgefangen hatte, dachte sie. Das war nun schon viele Wochen her. Ganz nah hatte er hinter ihr gestanden… Sicher würde er darauf achten, sie auch dieses Mal nicht fallen zu lassen. Warum war es dennoch so schwer, los zu lassen und sich nach hinten fallen zu lassen.
Sie atmete tief ein und dachte: „Jetzt!“ Aber es gelang nicht, ihr Körper folgte einfach nicht ihrer gedanklichen Anweisung.“

„Komm Mari,“ lockte er sie freundlich, „du weißt, dir wird nichts passieren.“

Immer noch zögerte sie…

Und bei seinen Worten: „Ich weiß, du schaffst das Mari!“, holte sie tief Luft, dachte noch einmal „Jetzt!!!“ und…. ließ sich schließlich fallen.

Anders als bei dem Spiel, das sie vor einiger Zeit schon mal hatten, waren seine Hände allerdings nicht sofort da, und sie begann tatsächlich deutlich zu kippen. Doch nach einem kurzen Schreckmoment waren seine Hände da, fingen sie kräftig und fest auf, und ließen sie ganz sanft auf einen Stuhl sinken.
Ihr war heiß, in ihrem Kopf kribbelte es und sie atmete aufgeregt.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie.
Froh, seine Stimme nun ganz in der Nähe zu hören, wünschte sie sich, jetzt eine Berührung von ihm zu spüren.
„Würdest du mich bitte einen Moment umarmen?“ fragte sie leise.

„Aber sehr gerne“, lächelte er und nahm sie fest in die Arme.

In diesem Moment spürte sie erst, wie ihr Körper zitterte, und war dankbar für die Umarmung.
Er hält sie ganz fest. „Ruhig und tief atmen, Mari, das hast du sehr, sehr gut gemacht! Du hast großen Mut bewiesen und großes Vertrauen. Es war heute ja auch deutlich schwieriger, dich fallen zu lassen, aber du hast es gemacht, Mari!“ Daraufhin zog er ihr die Strickjacke nun mit nur einem kleine Zug an der richtigen Stelle aus. Auch die Augenbinde nahm er ihr nun ab und lächelte sie an…

„Danke für deine Anerkennung, das tut gut dass die Strickjacke jetzt ab kommt!“

Sie genoss es, wieder sehen und sich frei bewegen zu können.

„Das war wirklich sehr, sehr gut Mari“, sagte er noch einmal, und dann: „Das Spiel ist vorbei!“

Mari schaute Joel an und ging einen Schritt auf ihn zu, und… er nahm sie in seine Arme.

„Da hat es mir der Meister heute aber ziemlich schwer gemacht“, erklärte sie leise, und genoß seine Umarmung.

„Ja“ gab er zurück, „das war wirklich eine starke Herausforderung an dein Vertrauen, aber du hast sie super gemeistert, hast großen Mut bewiesen und ihm vertraut.“

„Du glaubst gar nicht, wie schwer mir das gefallen ist, Joel!“

„Oh doch, das glaube ich“, sagte er und drückte sie enger an sich, „aber du konntest es, weil dein Vertrauen wächst.“

„Es war heute so unheimlich, schon am Anfang, als er so lange geschwiegen hat, als ich auf dem Stuhl saß… Dann das Laufen ging ganz okay mit der Zeit, aber das Fallen lassen – das war echt heftig! Puh…“

„Ja, zumal er vorher dafür gesorgt hast, dass du die Orientierung verlierst beim Gehen , aber du hast dich nicht irritieren lassen und hast ihm vertraut! Ich bin beeindruckt, Mari!“

„Na doch habe ich mich irritieren lassen, ich habe völlig die Orientierung verloren hier im Raum, ich habe nicht mal mehr die Richtung seiner Stimme zuordnen können, da war ich schon sehr irritiert. Und ich glaube das war Absicht, stimmt’s?!“

„Ja sicher, es sollte ja schon etwas herausfordernder sein, als beim letzte Mal, schließlich willst du ja in deinem Vertrauen wachsen – und du hast tatsächlich noch mehr Vertrauen gezeigt! Prima, Mari!“

„Hm… der Meister ist schon ziemlich kreativ in seinen Übungen, da bekomme ich jetzt schon Bammel vor dem nächsten Mal…“

„Aber du weißt doch, dass es gut ausgehen wird!“ lächelte Joel.

„Warum habe ich dann trotzdem immer wieder so dolle Angst? Ich weiß gar nicht, welche Angst heute größer war: die Angst vor dem Fallen lassen oder die Angst davor, es nicht zu schaffen.“

Joel überlegte: „Tja, warum ist das so mit der Angst… Ich denke, weil es etwas Neues, etwas Ungewohntes ist, und weil du immer noch die unangenehmen Erinnerungen in dir trägst, die in ungewissen Situationen immer wieder aktiviert werden.“

„Ja, so wird es sein. Die kommen wohl immer wieder, wenn es eine neue Steigerung der Herausforderung gibt.“

„Ja, aber mit jedem Schritt, gewinnst du mehr Vertrauen, Mari, sonst wäre es dir heute blind und mit gefesselten Händen nicht möglich gewesen, so sicher durch die Wohnung zu gehen.“

Mari schaute Joel dankbar an. „Es ist echt toll von dir, Joel, dass du mich immer wieder auf die Dinge aufmerksam machst, die mir gelingen. Hab vielen Dank dafür!“

„Ich danke dir, Mari, dass ich ein Teil davon sein kann“, sagte er und drückt sie noch einmal fest an sich.

„Was hätte der Meister eigentlich gemacht, wenn ich mir die Jacke nicht hätte ausziehen wollen?“

Dann hätte er einen anderen Weg gefunden“, sagt Joel wissend, aber rätselhaft.

„Hm okay…“, ich frage wohl besser nicht weiter nach, meinte Mari nachdenklich.

„Du würdest auch keine Antwort bekommen“, schmunzelte Joel, „ich freue mich schon auf das nächste Spiel mit dir!“

Geschrieben von Raffael und Miriam

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2. Ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand…

Mehr von Mari´s Fantasien:
Hilflos
sein und dabei getröstet, ermutigt und liebevoll berührt werden…

Hand in Hand gingen Mari und Joel durch den Park, während sie über das sprachen, was sie gemeinsam vorhatten.

„Bitte beschreib doch mal, was du dir von mir in meiner Rolle wünschst, Mari. Je mehr ich davon weiß, umso leichter wird es für uns beide, das zu verwirklichen, was dir gut tut in diesem sensiblen Thema.“

Mari überlege… wie sollte sie beginnen?
„Es sind ja immer nur Fragmente, Ausschnitte, kleine Szenen, kurze Sätze, die in mir aufploppen…“

„Na ja, ich will auch nicht, dass du mir ein ausgearbeitetes Drehbuch auftischst,“ lachte er. „Dann wäre ja auch keine Spannung mehr da. Die Gestaltung des Ablaufs unserer Sessions überlässt du ruhig mir. Regie ist schließlich meine Aufgabe in dem Spiel.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir ja gerade darum, die Erfahrung zu machen, dich gut aufgehoben zu fühlen, wenn du NICHT weißt, was kommt, wenn eine anfängliche Ungewissheit dein Adrenalin ins Fließen bringt und du dann erlebst, dass dir nichts Schlimmes geschieht. Habe ich dich so richtig verstanden?“

„Besser hätte ich es nicht formulieren können,“ bestätigte Mari. „Du hast gut zugehört.“

„Zuhören ist die Voraussetzung für Verständnis,“ gab Joel zurück, und es ist mein Anliegen, dich so gut wie möglich verstehen zu können, damit ich dich da abholen kann, wo du dich aufhältst in deiner inneren Landschaft.“
Seine Worte berührten Mari, und sie schaute ihm kurz in die Augen.
Joel hatte eine Idee: Also pass auf, wir machen jetzt ein Interview. Du antwortest möglichst spontan und sagst das, was dir gerade einfällt, ohne lange nachzudenken, okay?“

„Okay!“

„Wonach sehnst du dich?“

„Nach innigen Umarmungen, nach dem Gefühl, gehalten zu sein in allen Gefühlen, die gerade da sind, und mich sicher zu fühlen… Und dass meine Ups and Downs okay sind, auch dann, wenn ich weinen muss.“

„Deine Tränen sind mir jederzeit willkommen – ich werde für genügend Taschentücher sorgen, okay? Ernsthaft Mari: Es ist für mich vollkommen in Ordnung, wenn du weinst. Alles was aus dir kommt, darf da sein. Anders ginge solch ein Weg, den wir vorhaben, gar nicht. Und ich möchte dich darin auffangen können, dir Trost und Sicherheit geben, wenn es soweit ist. Deshalb meine nächste Frage: Was tut dir gut, was tröstet dich, wenn du dich aufgewühlt und ängstlich fühlst. Was hilft dir, wenn du weinst?“

„Wenn jemand meine Hand nimmt und sagt: Alles okay. Alles darf sein. Mach dir keine Sorgen – alles ist gut.
Berührungen, die besonders in solchen Situationen eindeutig
nicht erotisch sind, die einfach nur gut tun und in meiner Seele ankommen…“

„Verstehe – wie wenn ein Vogel verletzt ist… das zitternde, flatternde Vögelchen braucht dann eine sanfte Hand, in der es sich gewärmt, gehalten und gut aufgehoben, aber nicht festgehalten fühlt…“

Mari konnte nur nicken, so berührt war sie von dem Gedankenbild, das er eben entworfen hatte.

„Auf welche Weise hast du in deinen Fantasien schon Machtlosigkeit und Kontrollabgabe erlebt?“

„Na ja… zum Beispiel durch Augen-Verbinden. Viel Macht hat auch die Stimme, die ich dann immer in mir höre. Sie ist bestimmend, wirkt manchmal unnachgiebig, ist es aber nicht wirklich. Dadurch, dass mir jemand sagt: Du tust jetzt gar nichts, außer das, was ich dir sage!
Wenn ich mich dann darauf einlasse, macht es mir auch ein ganz warmes Gefühl, wenn diese Stimme mir so etwas sagt wie: Das machst du gut, Mari. Ja, so ist es prima. Und wenn etwas nicht geht, zu hören: Das macht überhaupt nichts – alles gut!
Manchmal stelle ich mir auch vor… gefesselt zu werden. Dies aber in wohlwollender, achtsamer Weise, ohne dass es weh tut – immer begleitet von dieser Stimme, die freundlich, aber bestimmt und in solchen Situationen auch ermutigend mit mir spricht. Stille könnte ich dabei nicht aushalten.“

„Hmm, verstehe… Das Fesseln…zum Beispiel mit Seidentüchern?“

„Ja… und nicht zu fest, aber so, dass ich es spüre und mich eingeschränkt fühle in meiner Beweglichkeit. Dabei geschieht dann aber immer irgendetwas Angenehmes, um die Angst, die dabei unweigerlich hochkommt, leichter erträglich zu machen. Und seltsamerweise entsteht durch diese dann gemilderte Angst eine Art Erregung in mir. Die wird durch bestimmende, aber freundliche Worte verstärkt. Das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, aber keine Möglichkeit zu haben, selbst auf das Geschehen Einfluss zu nehmen – das macht ganz viel mit mir. Aber ob das auch real geht, weiß ich nicht, das findet bisher nur in meiner Fantasiewelt statt.“

„Ich glaub, ich verstehe dich. Du willst wehrlos gemacht werden und dabei gleichzeitig getröstet, ermutigt, gelobt und in jeglicher Weise gut behandelt werden, ja?“

„Ja, so ungefähr, und ich weiß gar nicht warum ich so seltsam ticke…“

„Das ist jetzt auch vollkommen egal. Wichtig ist, was du fühlst dabei… was dich bewegt… was immer wieder auftaucht in dir… und wie wir das in für dich gute Erlebnisse umsetzen können. Warum… Wieso… fragt der Kopf. Das bringt nichts. Es ist so, und hat sicher Ursachen. Die sind jetzt nebensächlich, lass uns auf das konzentrieren, was du erleben willst, und besonders auf das, was du brauchst, um dich darin aufhalten zu können, damit du mir nicht gleich weg rennst oder alles abbrichst, wenn die ersten Gefühle von Angst und Hilflosigkeit entstehen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht viel braucht bei dir, um das auszulösen – die stehen ja schon lange Schlange in deinem Inneren und warten darauf, dass die Tür sich öffnet und sie ins Leben kommen dürfen. Und dann ist es wichtig, dass ich dich halten kann, Mari. Denn wir wollen ja beide nicht, dass die Angst gleich so mächtig wird, dass sie die zaghaft geöffnete Tür gleich wieder zuschlägt.“

„Mir ist jetzt schon ganz flau im Magen,“ bekannte Mari.

„Komm, hier ist ne Bank, setzen wir uns hin,“ schlug Joel vor. „Darf ich dir ein bisschen die Schultern massieren?“

„Ui – das ist ja ein tolles Angebot, das nehme ich gern an.“

„Und hier im Park bist du ziemlich sicher, wenn ich dich das erste Mal berühre. Hier laufen immer mal Leute entlang und könnten dich retten, wenn ich dir was antun würde,“ scherzte Joel. „Aber, Flachs beiseite, spür einfach mal hin, wie sich meine Hände für dich anfühlen.“

So bekam Mari ihre erste Massage auf einer Parkbank – und konnte sie genießen.
Ihre Schulter- und Nackenmuskeln waren hoch erfreut – und sie konnte sich tatsächlich entspannen. „Hier kann ja kaum was Schlimmes geschehen“ meinten ihre kleinen Angststimmen, wurden ganz ruhig und legten sich für ein Weilchen schlafen.

Zum nächsten Kapitel: 3 – Bei dir oder bei mir?

 

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