80. Druck – selbstgemacht

Bei Joel – Alles findet im Kopf statt

Als Mari auf dem Weg zu Joel war, dachte sie an das letzte Gespräch der beiden, indem sie ihm von ihren in letzter Zeit häufig auftretenden Träumen erzählt hatte, in denen es immer wieder um Prüfung und Versagensangst ging. Er hatte eine Andeutung gemacht dass er das im nächsten Treffen zum Thema machen würde.
Joel hat ein wenig umgeräumt und wartete auf sie.
„Hallo Mari, schön dich zu sehen, komm herein“, begrüßte er sie freundlich wie immer.
Und als sie eintrat, sagt er gleich: „Das Spiel beginnt.“
Ups, dachte Mari, das ging ja schnell heute, ohne Vorgespräch, ohne etwas zu trinken, da bin ich ja gespannt, was jetzt kommt…“
Im Raum stand ein Tisch und davor und dahinter ein Stuhl. Unschlüssig betrachtete sie dieses Setting und schaute ihn fragend an.
„Setz dich“, sagte er in seiner Meisterrolle sanft und brachte ihr ein Glas Wasser, ein paar weiße Blätter Papier und einen Kugelschreiber.
Das scheint tatsächlich mit dem Prüfungsthema zu tun zu haben, dachte Mari etwas beklommen.
Er setzte sich auf den anderen Stuhl ihr gegenüber hinter dem Tisch und fragte: „Bereit für heutige Lektion?“
„Ja, okay, ich bin bereit“, antwortet Mari.
„Ich werde Dir ein paar Fragen stellen“, erklärte er, „bitte schreibe die Antwort auf und lies sie mir dann vor, verstanden?“
Sie nickte: „Ja.“
„Ich werde dir auf jede Frage eine Punktanzahl sagen, und du schreibst sie dann auf das Papier unter die jeweilige Frage.“
„Hm, ja, in Ordnung. Wie viel sind denn die maximale Punktzahl?“
„Aufgabe 1“, sagte er und schaute sie an.
„Sie nickte.“
„Nenne drei Assoziationen zum Thema Vertrauen.“

Krampfhaft überlegte sie,. Warum fällt ihr nur so schnell gar nichts ein? Vertrauen… vertrauen… vertrauen… kann gelingen oder auch nicht… Dachte sie. Und dann schrieb sie auf:
– Selbstvertrauen
– Gottvertrauen
– Vertrauen ins Leben
Und dann las sie ihm die 3 Begriffe vor.
Er nickte nachdenklich. „Ok, 2 Punkte. Schreib sie dazu.“
So schrieb sie die Zahl 2 und fragte sich: Welcher der drei Begriffe war wohl falsch? Warum habe ich nicht die vollen 3 Punkte erhalten.
„Die nächste Aufgabe“, kündigte er an, „vervollständige den Satz: Wenn ich meinem Meister nicht vertraue, dann …
Und sie antwortete spontan: „… dann habe ich es schwer in dem, was wir hier tun.“ Auch das las sie laut vor.
„3 Punkte“, sagte er.
Das scheint so eine Art Zwischenprüfung zu sein, die sich auf unsere Thematik hier bezieht, dachte Mari beklommen. So gut fühlt sie sich mit ihrem Vertrauen noch nicht…
„Nenne drei Dinge, die es dir schwer machen zu vertrauen.“
„Angst zu versagen, Angst vor unangenehmen Erfahrungen, Angst vor peinlichen Momenten.“ „Hmmmm,“ sagte er, „notiere einen Punkt.“
Traurig schrieb sie einen Punkt auf und ein unangenehmes, heißes Gefühl kroch ihr den Rücken hinauf. Weiter ging es. „
„Nenne drei Dinge die dir peinlich sind.“
Oh jeh, dachte Mari, diese Fragen werden ja immer unangenehmer… Und sie schrieb nach einiger Überlegung auf und las dann vor:
Wenn mir nichts einfällt zu sagen auf eine Frage…
Wenn ich unangemessen oder spärlich angezogen bin…
Wenn ich Fehler mache…“
„Einen Punkt“, sagte Joel. Sie schrieb die Eins hin und überlegt, was wohl passieren würde, wenn das Gesamtergebnis dieser Prüfung ungenügend wäre. Was hätte das wohl zur Konsequenz? Wenn sie doch wenigstens wüsste, was für ein System dieser Bewertung zugrunde liegt.
Weiter fragte er: „Nenne drei Dinge, die dir Lust bereiten und gut tun.“
Für diese Frage brauchte sie nicht allzu lange nachzudenken: „Umarmen, Streicheln, Kopfmassage.“
„Zwei Punkte“, sagte er. Sie schrieb die Zahl zwei auf und überlegte, welcher von den drei Begriffen für ihn wohl nicht einen Punkt wert waren.
Weiter ging es: „Nenne drei Dinge die erregend sind für dich.“
Mari saß vor ihrem Papier… Was könnte sie nur aufschreiben? Es war nicht so, dass ihr nichts einfiel, aber alles in ihr sperrte sich dagegen, diese Gedanken aufzuschreiben und ihm anschließend vorzulesen. Die Frage war einfach zu peinlich… Der Widerstand zu groß…
Er schaute auf die Uhr.
Schließlich sagte sie: „Ich kann dazu nichts aufschreiben, entschuldige bitte.“
Er nickte und meinte: „Null Punkte.“
Ihr fällt zwar ein dass es sie erregt an der Brust berührt zu werden, aber sie bringt es nicht fertig das aufzuschreiben
Das war klar, sie schrieb die Null hin und kämpfte mit den Tränen.
„Dann schauen wir mal. Zähl mal alles zusammen. Wie viele Punkte hast du insgesamt?“
„15“ antwortete sie.
„Und? Was glaubst du, hat es gereicht?“
Was würde das denn jetzt bedeuten? Und welche Folgen würde es haben? überlegte sie in Gedanken und antwortete: „Ich weiß es doch nicht. Ich hoffe zumindest, dass ich nicht durchgefallen bin, auch wenn ich die letzte Frage gar nicht beantworten konnte.“
„Hm, du meinst du hast bestanden?“
So wie er das fragt, klingt es eigentlich nicht so. Drängte sich ein unangenehmer Verdacht auf. Aber tapfer vertrat sie sich: „Wenn ich selbst jetzt meine eigene Lehrerin wäre, dann würde ich schon meinen ich hätte bestanden, ich habe, so meine ich, jede Frage bis auf die letzte beantwortet.“ Und so bekräftigte sie noch einmal: „Ja, ich glaube ich habe bestanden.“
„Und wie fühlt sich das an?“ fragte er mit undurchdringlichem Blick.
„Im Moment noch sehr unsicher, weil ich ja nicht weiß ob es stimmt. Kannst du mir nicht bitte sagen, was du darüber denkst? Wie dein Urteil ist?“
Er redete weiter, ohne ihre Frage zu beantworten. „Und was könntest du wohl bestanden haben?“
Mari zuckte mit den Schultern. „Ja, wenn ich das wüsste… Diese ganze Situation ist irgendwie so undurchschaubar
Geht es vielleicht darum, wie zufrieden du mit mir hier bist?“
„Und? Wie wirke ich? Bin ich zufrieden?“ fragte er weiter.
Unschlüssig scheute sie ihn an. „Auch du wirkst ziemlich distanziert und undurchschauber, also ich neige dazu zu sagen, du wirkst nicht sehr zufrieden.“ Traurig schaute Mari an ihm vorbei aus dem Fenster.
„Das ist eine Interpretation – in einer Situation, die du, wie du sagst, nicht durchschaut hast. Eben warst du noch der Meinung bestanden zu haben. Warum sollte ich dann unzufrieden sein?“
„Du wirkst auf mich irgendwie so… Und meine Einschätzung, kann ja abweichend sein von dem sein, was du denkst.“
„Kann… aber muss nicht! Gerade warst du noch von dir überzeugt. Warum jetzt so unsicher?“
„Ich weiß nicht… Deine Fragen und dein Auftreten verunsichern mich.

Er begann, etwas zu lächeln. „Das war eine schwierige Prüfung, oder?“
Jetzt kamen Mari die Tränen tatsächlich, sie konnte sie nicht mehr zurückhalten. „Ja, das war wirklich eine schwere und unangenehme Prüfungssituation!“
Er ergriff sofort ihre Hand, drückte sie sanft und nickte. „Waren das so ähnliche Gefühle, wie du sie in deinen Träumen hast, die dich so belasten?“
„Ja stimmt, so ähnlich…, aber sag mir doch jetzt bitte mal, was du über mich denkst?“ brachte sie aufgeregt heraus.
Er lächelte: „Ich finde, du hast du gut behauptet in einer merkwürdigen Situation…, die… du viel zu ernst genommen hast.“
„Wie meinst du das?“ Fragend schaut Mari ihn an.
Er antwortete gelassen: „Na, was bringt mich denn im eine Position dich zu prüfen? Und was hätte es für einen Sinn, Vertrauen zu bewerten? Und was hätte es darin für eine Konsequenz oder für einen Abschluss geben sollen? Aber die Situation hat dich sofort gefangen genommen…“
„Ja, das stimmt, ich habe mich durch das Setting in einer ziemlich heftigen Drucksituation gefühlt. Ich dachte nach und nach immer mehr, dass es darum geht, wie zufrieden du mit mir bist hier in unserem Miteinander – grundsätzlich, und speziell heute in dieser Prüfungssituation ganz besonders.“
„Meinst du echt, über Vertrauen und ähnliches würde ich eine schriftliche Prüfung machen? Schon sehr unwahrscheinlich, oder?“
„Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Das hat mich gefühlsmäßig alles tatsächlich sehr an meine Träume erinnert…“
Joel nickte. „Ja, ich wollte dich diese Gefühle bewusst spüren lassen und sehen, wie du reagierst. Du hast nicht gezögert, nichts in Frage gestellt, warst sofort drin.“
Sie entgegnete: „Ganz am Anfang habe ich eine Frage nach dem Bewertungssystem gestellt, aber die hast du ignoriert, und dann traute ich mich nicht weiter zu fragen. Und stimmt… dann war ich in der Situation gefangen.“
„Wie geht es dir jetzt?“ fragte er.
„Naja, noch ziemlich durchgerüttelt. Das waren ja auch Fragen, die mich tief innen betroffen haben. Und ich wüsste immer noch gern, was du über meine Antworten gedacht hast.“
„Ich habe allem einfach nur interessiert zugehört ohne es wirklich zu bewerten. Das war nur Show, um es prüfungsähnlich zu machen. Ich habe bewusst einfach nur Zahlen genannt, die eigentlich gar keinen Sinn ergaben.“
Mari schüttelte verwundert den Kopf. „Es waren ja immer drei Dinge, nach denen du gefragt hast. Deshalb dachte ich, dass die Zahlen je nach deiner Zufriedenheit eine eins, zwei oder drei ergeben müssten, also drei wenn alles top war und eins ziemlich mangelhaft. Na ja und 0 war ja sowieso klar am Ende. War es nicht so?“
„Nein, das hast du dir nur so ausgedacht. Du kanntest die Kriterien nicht… weil… es keine gab!“
„Es gab absolut keine??? Und dabei hast du manchmal so ausgesehen, als würdest du genau nachdenken.“
Er lachte. „Ich wusste nicht einmal, wie die nächste Frage lauten würde, das ergab sich nach und nach aus dem, was du sagtest.“
„Das ist ja dann eine seltsame Prüfung… Was war deine Absicht dabei?“
„Ich wollte dich mit den Gefühlen deines Traumes konfrontieren und dir die Gelegenheit geben, sie bewusst in einer sicheren Situation wahrzunehmen, in der du zum Beispiel auch hättest aussteigen oder die Prüfung verweigern können, oder sie mit Humor nehmen… Wie auch immer – ich wollte kein Wissen, sondern Reaktionen wahrnehmen und heraus kitzeln. Die Situation war eigentlich ganz harmlos.“
„Aber angefühlt hat sie sich nicht so harmlos!!! Du hast sie so gestaltet dass sie schon ziemlich bedrückend für mich war.“
„Der Druck passierte aber nur in deinem Kopf. Ich habe dir keine negative Folge angedroht oder auch nur irgendwie angedeutet und in den Raum gestellt.“
„Ja das stimmt, gab Mari zu, „aber wenn du ehrlich bist, hast du schon einiges dazu getan, dass ich mich so verunsichert gefühlt habe, oder?“
„Ja, aber du hast dich sofort einfach darauf eingelassen.“
„Du hast mich, glaube ich, absichtlich in eine Drucksituation gebracht – und ja ich habe mich einfach darauf eingelassen das stimmt.“
„Ja, und den Druck hast du dir selbst gemacht, „ich habe keine Erwartung gestellt, keine Anforderung, keine mögliche Konsequenz genannt, ja, ich habe nicht mal das Wort Prüfung erwähnt.“
„Hast du nicht??? Das ist mir gar nicht mehr ganz präsent. Für mich war die Situation so eindeutig… Aber sag doch mal ehrlich, das hast du doch erwartet oder?“
„Ein Stück weit schon, aber ich habe ganz bewusst auf jede Formulierung verzichtet, die mit Prüfung zu tun hat, um dir zu zeigen, dass du dir den meisten Druck ganz alleine in dir selbst machst.“
„Na das ist dir gelungen!“
„Und was denkst du jetzt darüber?“
„Es passiert ziemlich von alleine, und das leider sehr oft, dass ich mir Druck mache, meine ich. Ich würde mir von mir selber wünschen, dass ich nicht so schnell in solche Fallen tappe.“
„Wichtig ist, dass du erkennst, dass du selbst dir den Druck machst!“
„Das hilft mir aber, glaube ich nicht, dass ich beim nächsten Mal nicht wieder in diesen Automatismus hinein gerate. Das passiert irgendwie ganz von alleine, ohne dass ich mir dessen bewusst bin.“
„Du wirst dich an diese Situation heute sicher öfter erinnern, wenn wieder solche Gefühle in dir entstehen, und dann ist der wichtigste Schritt zu prüfen, wer in der Situation die Erwartung hat.“
Mari wiederholte die Worte: „… wer in solchen Situationen die Erwartung hat. …Du meinst, das bin meistens ich selbst – und ich projiziere dann meine Erwartungshaltung in den anderen hinein…?“
Joel nickte. „Ja, vermutlich ist das oft so – auf jeden Fall zwischen uns beiden, aber wahrscheinlich auch öfter mal in deinem täglichen Leben. Du machst dir den meisten Druck selbst – und nur du kannst dann den Druck such verringern.“
Mari nickte nachdenklich – Ja, da ist was dran, aber im Außen können andere Menschen schon verstärkend auf den Druck einwirken oder entlastend. Allein schon ein Lächeln oder ein distanzierter Blick können ein subjektives Druckgefühl verstärken oder lindern, finde ich.“
„Ja sicher können andere dein Druckgefühl erhöhen oder lindern, aber frage dich immer, ob die anderen wirklich bestimmte Erwartungen an dich haben, oder ob du das nur vermutest. Und selbst wenn sie welche an dich haben, wäge für dich ab, ob du sie erfüllen willst, oder nicht. Es ist immer deine Wahl.“
„Ja das stimmt, das ist meine Verantwortung, da hast du recht. Und selbst wenn sie Erwartungen haben und sich so verhalten dass sie den Druck erhöhen, ist es ja meine Entscheidung, ob ich mich von ihnen abhängig machen will oder nicht…“
Joel nickte bestätigend. „Ja genau. Und welche Situation könnte es schon geben, wo du wirklich unter Druck kommen könntest? Wie viele Prüfungen willst du denn machen?“ Dabei lächelte er.
„Aber auch ohne reale Prüfungen erscheint mir das Leben oft wie eine grpße Prüfung. Ich habe Angst davor, dass andere von mir enttäuscht sind. Frage mich immer, ob ich mich angemessen verhalten habe, ob ich etwas vermasselt habe ohne es zu merken… Es geht glaube ich darum, mich von ihrer Erwartungshaltung unabhängig zu machen.“
„Ja, denn nur in echten Ptüfungssituationen ist ihr Urteil wirklich entscheidend.“
„Stimmt, der wichtigste Mensch in meinem Leben bin ich – und entscheidend ist was ich selber von mir denke.“
„Jeah! Das ist der Punkt! Damit ist das Spiel fast zu Ende… Eine Frage noch.“
„Ja ??? Mari nahm wahr, wie ihr Herz schon wieder unwillkürlich zu klopfen begann.“
„Gibt es wirklich nichts, dass dich erregt?“
Mari antwortete etwas verlegen: „Doch, natürlich gibt es Dinge, die mich erregen, aber ich war einfach nicht in der Lage sie aufzuschreiben.“
„Nun dann freue mich darauf, sie nach und nach zu erfahren.“ Er lächelte. „Das ist Spiel ist vorbei.“

„Kannst du mich jetzt bitte mal ganz fest in die Arme nehmen?“ fragte sie erschöpft.
„Aber gerne doch!“ Er kam zu ihr, und sie schmiegte sich in seine Arme. „Das tut jetzt sooo gut,“ flüsterte sie.
Er drückte sie sanft und eng an sich.
Sie atmete ganz tief. „Gott sei Dank ist diese Situation vorbei!“
„Du hast sie gut gemeistert!“ sagt er leise in ihr Ohr.
Erstaunt schaute sie ihm in die Augen: „Das meinst du nicht wirklich?! Ich habe mich ja richtig gefangen nehmen lassen. Habe das alles nicht durchschaut und einfach mitgespielt. Aber eins sage ich dir: Daraus will ich wirklich was mitnehmen!!!“
Er nickte: „Na, dann hat es doch einen Sinn gehabt! Und ich muss schon sagen: Du hast dich tapfer da durchgekämpft und warst sogar der Meinung dass du es geschafft hast. Das ist schon nicht so leicht gewesen!
Du hättest auch viel früher aufgeben und scheitern können.“
Mari lächelte: „So habe ich das noch gar nicht gesehen, da hast du auch wieder recht. Jetzt habe ich noch eine Bitte an dich.“
„Welche?“ fragte er interessiert.
„Könntest du bitte sagen: Mari, du hast die nicht stattgefundene Prüfung bestanden!“
Er lächelte und sagte laut und deutlich: „Mari, du hast die nicht stattgefundene Prüfung bestanden!“
„Danke!“ Jetzt lächelte auch Mari 😊 und fühlte sich richtig froh.

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64. Körper lügen nicht

Bei Joel – Erfahrungen auf der Spielwiese

Als Mari aus dem Bad ins Wohnzimmer kam, sah sie Joel auf der ausgeklappten Couch gemütlich an der Wand angelehnt sitzen.
„Das Spiel beginnt.“
Er öffnete einladend seine Arme mit den Worten: „Komm her zu mir, Mari.“

Langsam ging Mari auf Joel zu, der nun wieder seine Meisterrolle innerhalb dieses Rollenspiels eingenommen hatte, setzte sich auf die Couch, und… noch bevor sie lange nachdenken konnte, griff er um ihre Taille und zog sie neben sich in eine halb liegende, halb sitzende Position… Überrascht hielt sie kurz die Luft an.
Als sie sich neben ihm in seinem Arm wieder fand, schmunzelte er: „Du kannst in Ruhe weiter atmen, Mari, die kleine Schrecksekunde ist bereits vorbei. Und wie fühlst du dich hier?“
Er zog sie noch ein bisschen näher an sich.

Mari spürte nach und stellte erstaunt fest, dass es sich gut anfühlte, ihm so nah zu sein, so festgehalten zu werden, sich an ihn anlehnen zu können – und das obwohl sie noch nicht wusste, was sie heute hier erwartete… Es ist dieses Fest-gehalten-werden, das mir irgendwie Halt und Sicherheit gibt, nahm sie erstaunt wahr.

„Hast du meine Frage gehört?“

Ach ja, er wollte ja wissen, wie sie sich fühlte… „Es geht mir ganz gut, danke.“

„Wie fühlt sich dein Ganz-gut-gehen an, Mari? Was genau ist es, was dieses Gefühl hervor ruft?“

Warum muss er nur immer so genau nachfragen
, dachte sie. Was sag ich dazu?
„Ich glaube, es geht mir deshalb gut, weil ich mich in deinem Arm gerade so gut aufgehoben fühle“, gestand sie ihm leise.

„Das freut mich außerordentlich, Mari“, lächelte Joel. Dann wollen wir diesen Zustand so bald heute nicht verändern…“ Mit diesen Worten umschlang er sie mit beiden Armen und zog sie noch ein Stückchen tiefer auf die Couch, so dass sie nun ganz in seinen Armen lag. Wieder hielt sie vor Schreck die Luft an ob dieser plötzlichen Lageveränderung.
„Atmen, Mari, einfach weiter atmen“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Alles ist gut, wir umarmen uns heute eben mal liegend und nicht wie sonst im Stehen oder Sitzen…“ Und es wird länger dauern als sonst, dachte er, aber sprach es nicht aus.
„Wie fühlst du dich hier in meiner Umarmung? Was sagt dein Körper?“

Mari spürte wieder in sich hinein… Und wieder nahm sie wahr, dass es sich gut anfühlte, von ihm so fest in den Armen gehalten zu werden. Seine gerade so intensive Körpernähe tut mir gut… nahm sie zu ihrem Erstaunen wahr.
„Es tut mir gut, dass du mich so festhältst“, bekannte sie.

„Wie schön… Körper lügen nicht! In deinem Körper kannst du deutlich spüren, was gut für dich ist und was nicht, natürlich nur, wenn er nicht gerade im Alarm-Modus ist“, erklärte ihr Joej. „Und es freut mich sehr, dass dein Körper mir zunehmend mehr vertraut.“


Joel streichelte Maris Wangen, strich ihr sanft übers Haar und freute sich zu spüren, wie sie sich langsam ein wenig entspannte in dem Arm, in dem er sie hielt. Er ließ seine Hand weiter wandern über die Schulter und den Arm… bis zur Hand, mit der er etwas spielte, um dann wieder hinauf zur Schulter zu streichen.
In absoluter Aufmerksamkeit beobachtete Mari jede Bewegung seiner Hand…
Bisher fühlt es sich weiter gut an.
Von dort aus fuhr er mit sanftem Druck über ihren Rücken.
Ein genussvoller Laut kam über ihre Lippen.
Das tut so gut, dachte sie… so unerwartet gut…

Als er dann seinen Druck veränderte und nur federleicht über ihre untere Rückenpartie strich, zuckte ihr Körper mehrmals leicht zusammen. Dabei hielt Joel sie weiterhin fest, noch etwas fester als davor, und gab ihr Halt, während sie spürte, dass ihr Körper begann, ein Eigenleben zu führen in Joels Armen.
Was war das denn? Irgendwie peinlich, dass sie es nicht kontrollieren konnte, was sein besonders sanftes Streicheln da in ihr auslöste.
Dieser Gedanke löste eine kleine Fluchtreaktion in ihr aus, sie wollte sich aus seinem Arm etwas heraus winden, er hielt sie allerdings nach wie vor fest und ließ das nicht zu. „Alles gut, Mari, lass deinen Körper machen, was er will, du bist hier ganz sicher in meinen Armen. Und solltest du etwas nicht wollen, dann sag einfach „Ampel rot!“ und ich werde sofort aufhören, das verspreche ich dir“, flüsterte Joel ihr zu.

Mari holte tief Luft, spürte, wie Joel den Druck seiner Hand wieder etwas verstärkte und konnte sich wieder entspannen. Die Hand verschwand nach einem Weilchen langsam unter dem Bündchen ihres Rockes, wanderte tiefer… Ach, würde doch nicht dieses „verbotene“ Gefühl dabei sein… Weiter bewegte sich seine Hand. Sie hielt die Luft an…
„Welche Farbe hat unsere Ampel, Mari?“ fragte Joel leise. „rötliches Orange“, antwortete sie. „Okay“, flüsterte er, veränderte seine Position etwas, nahm seine Hand dort wieder weg und strich Mari beruhigend über den Rücken. Langsam entspannte sie sich wieder. Ihre kurzärmelige Bluse war inzwischen so verrutscht, dass er sie ihr leicht abstreifen konnte. Anschließend zog er sich sein T-Shirt aus. Nur noch mit einem dünnen Top bekleidet, fühlte sie seinen warmen kräftigen Oberkörper, an dem sie eng umschlungen von seinen Armen lag, sehr deutlich.

Gut, dass er mir wenigstens mein Top noch lässt, dachte sie aufgeregt. Er spürte ihre zunehmende Anspannung, strich ihr – sie weiterhin fest im Arm haltend – behutsam einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Schau mich an, Mari“, hörte sie seine Stimme wie von weit her. Sie öffnete die Augen, sah sein Gesicht über ihr und versuchte, sich etwas zur Seite zu bewegen. Er ließ das jedoch nicht zu. Seltsamerweise fühlte sich das irgendwie einerseits schwer auszuhalten und gleichzeitig gut an. Sie konnte nicht weg! Und eigentlich wollte sie auch gar nicht wirklich weg, erkannte sie blitzartig. Es war nur ein Teil von ihr, der sich aus der Situation lösen wollte, in der er sie jedoch festhielt.

Und sie, die ganze Mari, wollte so gehalten werden… Doch… wollte sie festgehalten werden ?
Sie spürte, sie wollte von seinen starken Armen umfangen sein… Doch wollte sie gefangen sein???
Gefangen(?) und festgehalten (?) in einer Kraft, die es gut mit ihr meinte… die sie verstand, wie sie sich selbst noch nicht verstanden hatte… die ihr das gab, von dem sie noch nicht wusste, dass sie es brauchte…

„Entspann dich, Mari, das Spiel ist beendet.“ hörte sie Joel wie aus weiter Ferne und doch so nah an ihrem Ohr…
Und zum ersten Mal reagierte sie auf diese Worte nicht erleichtert, sondern hörte sich denken: „Schade…“

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63. Wann wird das Kribbeln zur Angst? (2)

Bei Joel – Eine intensive Erfahrung

Nach einem Gespräch über die feine Gradwanderung zwischen aufregendem, schön lebendigem Prickeln und Angst, fragte Joel, der das Spiel bereits begonnen hatte und in der Meisterrolle war: „Magst du mir deine Hände geben, Mari?“ und hielt ihr seine Hände hin.
Sie nickte und legte ihre Hände in seine. Es fühlte sich gut an zu spüren, wie seine warmen, großen Hände ihre umfangen hielten. Dann ließ er sie langsam und sanft über ihre gleiten – es war wie ein sanftes Streicheln, was ein wohliges Gefühl von Entspannung in ihr auslöste. Nach einem Weilchen begann er, ihre Hände etwas anzuheben. Sie ließ ihre ganz locker und folgte seinen Bewegungen. Immer höher hob er sie bis sie sich schließlich in Höhe ihres Gesichtes befanden. Gerade als sie begann, sich darüber zu wundern, veränderte er seinen Griff und umfasste ihre Handgelenke, drückte ihr die Hände über ihren Kopf, so weit, dass sie nach hinten überkippte und auf dem Rücken landete mit den Händen hinter dem Kopf liegend.
„Huh!“ Erschreckt stieß sie einen kleinen Schrei aus und wollte die Hände wegziehen. Doch er hielt sie fest, während er schnell einen langen schwarzen Schal unter einem hinter ihr liegenden Kissen hervor zog.
Noch nicht ahnend, was jetzt kommen würde, bat sie: „Bitte lass mich los!“
„Nein, jetzt nicht!“ antwortete er bestimmt, während er schon geschickt den Stoff um eine Hand wickelte.
Entsetzt rief Mari: „Du willst mich doch heute nicht fesseln?! Das war nicht abgesprochen! Bitte hör auf!“
Ruhig erwiderte er: „Doch war es! Erinnere dich! Du hast mir kurz nach Weihnachten erlaubt, dich überraschend zu überwältigen – jederzeit, um eine Vertrauenserfahrung zu machen. Jetzt ist es soweit!“
Oje, jetzt fiel es Mari wieder ein. Dass sich das so anfühlen würde, war ihr nicht klar.
Während er den Schal um das zweite Handgelenk wickelte, versuchte sie erfolglos ihre Hände zurückzuziehen – keine Chance! Er fasste fester zu, und knotete schließlich den Schal zusammen, so dass ihre Hände diesmal deutlich gefesselt waren.
Erschreckt japste sie nach Luft.
„Jetzt bist du ganz hilflos mein“, sagte er ganz ruhig und leise in ihr Ohr. 
Heftig ein und ausatmend lag sie in ihrer Wehrlosigkeit auf der Couch. Die Angst stieg wie eine heiß-kalte Welle ihre Wirbelsäule empor. „Was machst du jetzt mit mir?“ fragte sie entsetzt, während er aufstand, ihre Füße nahm und auch auf die Couch legte. Dabei drehte er sie so, dass sie nun längs auf dem Sofa lag.
„Bitte… Bitte rede mit mir… Das macht mir solche Angst!“ brachte sie heraus.
Er legte sich neben sie. „Ich werde dir nichts tun, keine Sorge, nichts, was du nicht schon kennst!  Du sollst die Wehrlosigkeit nur wahrnehmen… einfach spüren, dass du jetzt ganz meinem Willen unterworfen bist. Und du weißt, ich will dir gewiss nur Gutes!“ 
In der ganzen beunruhigenden Situation fühlte es sich irgendwie tröstlich an, dass er neben ihr lag. Entsetzt realisierte sie: „Ich bin jetzt wirklich hilflos! Ich glaube du hast sogar diesmal einen Knoten gemacht. So hat es sich jedenfalls angefühlt… Stimmt das?“
„Ja, diesmal bist du ganz echt gefesselt“, bestätigte er leise und legte seine Hand auf ihren Bauch.
„Ich will deinen Bauch spüren“. Er streichelte sie und öffnete einen Knopf ihrer Bluse über ihrem Bauch. 
Maris Aufregung stieg. Es kribbelte heiß und kalt durch Arme und Beine bis in den Kopf hinein, als würde Pfefferminzöl durch ihre Blutgefäße rauschen. In diesem Moment vergaß sie, dass es Joel war, der mit ihr ein Spiel spielte und dem sie mittlerweile zu vertrauen gelernt hatte. Sie war wie in einem Film gefangen in ihrer Angst. 
„Nein“, schrie sie. „Nein!!! Bitte nicht!!!“
„Mari, ist das rot?“ fragte er ernst.
„Wie jetzt rot…?“ Verwirrt schaute sie ihn an. Selbst die Bedeutung ihres gemeinsamen Ampel-Codes hatte sie vergessen.
Joel nahm die Hand von ihrem Bauch und legte sie ihr mit leichtem, beruhigendem Druck auf die Schulter. „Hey, Mari, schau mich an!“ 
Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihm und blickte in seine freundlichen Augen… Es war, als würde sie aus einem Traum aufwachen… „Joel!“
„Ja! Erinnere dich. Du wolltest die Erfahrung machen, überwältigt zu werden, eventuell auch zu kämpfen und zu spüren, dass jemand stärker ist als du und dir nichts Schlimmes dabei geschieht.“
Jetzt erinnerte sie sich wieder an dieses Gespräch. 
„Nun, ich darf dich zwar überwältigen, aber du kannst jederzeit die rote Karte ziehen. Dann brechen wir das Spiel sofort ab. Diese Vereinbarung gilt immer!“ Sanft strich er mit einem Finger über ihre Wange. „Nun? Sind wir bei Rot? Was meinst du? Oder kribbelt es noch in Gelb?“
„Kannst du mir bitte einen kleinen Moment Zeit lassen?“ fragte sie noch immer ziemlich außer Atem.
„Natürlich“, antwortete er ruhig und blieb dicht neben ihr liegen. Langsam senkte sich ihre Aufregung wieder auf einen erträglichen Level. Er schaute sie sanft an.
Okay dachte sie, und redete sich selbst gut zu: Ich habe die Möglichkeit jederzeit die rote Karte zu ziehen, ich muss es nicht jetzt gleich tun. Ich kann noch abwarten. Er reagiert ja gleich, wenn ich ROT sage, selbst jetzt, als mir die Ampel nicht mehr einfiel, hat er nachgefragt…
Und sie sagte: „Ich bin kurz vor rot aber noch in rötlichem Gelb, also sagen wir Orange.“
„Das freut mich sehr“. Bei diesen Worten legte er seine Hand wieder auf den Bauch. Als er spürte, dass sich ihr Atem wieder beruhigt hatte, öffnete er noch einen zweiten Knopf und schob einen Finger in die nun etwas offene Bluse. Ihre gesamten Aufmerksamkeit war auf seine Hand gerichtet, die er nun langsam unter die Bluse schob. Wieder ließ er sie einen Moment lang so liegen und streichelte dann ihren Bauch noch oberhalb des dünnen Tops. Sie atmete tief ein und aus. Als er dann schließlich begann, das Top langsam nach oben zu schieben, fragte sie sich: Wie weit würde er gehen?! Konnte sie ihm wirklich vertrauen? 
Er zog es so weit hoch, dass seine Hand auf ihrem nackten Bauch lag. Ihre Brust blieb bedeckt. Ganz starr wurde sie bei seiner Berührung und hielt die Luft an. Das Gefühl von Wehrlosigkeit wurde immer intensiver und beängstigender. Seine Finger strichen sanft über ihren Bauch, blieben aber in der Bauchmitte in der Nähe ihres Nabels.
Sie erinnerte sich an das Wunschritual zur Jahreswende, in dem er auch ihren Bauch berührt hatte und mit Lebensmittelfarbe ihr Kraftsymbol darauf gezeichnet hatte. Dabei hatte sie auch Angst gehabt, aber es war nichts Schlimmes geschehen… Sie hatte ihre ganze Kraft gebraucht, um ruhig liegen zu bleiben, so wie es auch jetzt war. 
Seine Finger strichen sanft um ihren Nabel herum und streichelten nur den Bauch, er wanderte nicht höher und nicht tiefer. Aber er KÖNNTE es! Wenn sie doch nur nicht gefesselt wäre und sich so hilflos fühlen würde…

„Wie fühlt es sich an, dass ich mit meiner Hand jetzt überall hingehen könnte?“ fragt er leise in ihr Ohr.
„Das fühlt sich ganz furchtbar an,“ erwiderte sie, „ich bin die ganze Zeit kurz vor Rot.
„Wie ist das Gefühl, ausgeliefert zu sein, sich hingeben zu dürfen?“ fragte er, „wie ist das mit dem Kribbeln jetzt?“
„Ich möchte nicht, dass du dir mehr nimmst, als ich dir freiwillig geben kann! Das Kribbeln ist sehr heftig – ziemlich schlimm!“ Schnell atmend stieß sie diese Worte hervor.
„Ich würde in einer solchen Situation nie weiter gehen, als du es schon kennst“, erklärte er ruhig, zog seine Hand weg und knöpfte die Bluse wieder zu.
In diesem Moment wurde ihr klar, wie unangemessen ihre Angst war. „Tut mir leid, jetzt habe ich dich sicher verärgert. Das wollte ich nicht! Ich kann gegen diese plötzlich auftauchenden Angst-Gefühle manchmal nichts tun“, versuchte sie zu erklären. „Bitte nimm es mir nicht übel.“
„Aber nein, ganz und gar nicht“, versicherte er ihr und löste die Fesseln. „Du warst sehr tapfer und mutig. Das Spiel ist vorbei.“ Mit diesen Worten löste er den Schal von ihren Handgelenken.

„Joel, es tut mir leid, dass ich in solch eine Angst abgerutscht bin.“ Sie setzte sich auf, und schaute ihn sehr unsicher an.
„Aber Mari, das braucht dir doch nicht leid zu tun. Wir wissen doch beide, dass die Angst bei dir immer mal wieder an getriggert werden kann. Ich finde, du bist tapfer durch die Situation durch gegangen – und das so ganz wehrlos! So etwas wäre, als wir miteinander begonnen hatten, noch völlig undenkbar gewesen!“
Erleichtert erklärte sie: „Ich habe gedacht, als du, also ich meine… als der Meister die Bluse zugeknöpft hatte: „Das war’s! Jetzt ist er verärgert, weil ich so etwas gesagt habe! Weil ich es in dem Moment für möglich hielt, dass du weit über meine Grenzen gehen könntest. Oh Mist! Dass ich dir das zugetraut habe!“ Beschämt senkte sie ihren Blick und fuhr sich unruhig mit der Hand durch die Haare.
Erstaunt und sehr aufmerksam schaute Joel sie an.
„Warum bist du so aufgeregt, Mari?“
„…Weil mir das mit dem Vertrauen nicht besser gelungen ist. Ich hätte mich besser im Griff haben sollen! Es fühlt sich so schlimm an, wenn ich versage!“
„Mari, merkst du, wie hart du zu dir bist? Du hast nicht versagt, denn du hast nicht aufgegeben! Du hast trotz deiner Angst das Spiel nicht abgebrochen!“
„Na ja…“ Mari überlegte, „es stimmt, dass ich nicht die rote Karte gezogen habe, hat mich viel Kraft gekostet.“
„Ja, das war sicher nicht leicht, an der Stelle noch die Kraft zu finden und zu sagen, es ist noch nicht rot. Das war bestimmt eine ziemliche Überwindung und daher eine große Leistung!“
„Danke, dass du das auch so siehst. Nimm es bitte nicht persönlich, wenn ich manchmal in Ängste gerate, die eigentlich gar nichts mit dir zu tun haben, so wie jetzt eben.“
„Mach dir darüber bitte keine Sorgen, Mari! In solch intensiven Spielen, in denen wir so nah an deinen Angstgrenzen entlang wandern, kann das immer wieder mal geschehen. Damit muss ich – gerade wenn ich in der Rolle des Meisters bin – immer rechnen. Und ich bin sicher, ich werde in solchen Momenten immer Wege finden, dich wieder zurück zu führen in das, was gerade da ist – und das wird nie etwas Schlimmes sein! Und wenn deine Angst manchmal der Situation nicht angemessen erscheinen mag – wer will das messen? Die Intensität der Angst hat immer mit den inneren Prägungen zu tun, das hast du gar nicht in der Hand. Darüber würde ich mir nie ein Urteil erlauben und erst recht nicht verärgert sein! Mari, du darfst immer fühlen, was du fühlst und es auch ausdrücken!“
Erleichtert schaute sie Joel an. 
„Ich finde, du bist wieder einen großen Schritt weiter gegangen,“ sagte er lächelnd, „was hältst du jetzt von einer Umarmung?“
Mari nickte. „O ja, so gerne!!!“ Und als er sie fest in seine Arme nahm, konnte sie fühlen, dass wirklich alles gut war. Jetzt löste sich ihre Anspannung ganz.
„Wow, war das heute heftig! Aber jetzt ist alles gut.“ Dankbar schmiegte sie sich an und genoss es, in seinen Armen gehalten zu werden.
„Ja, das war eine sehr intensive Übung“, bestätigte er. 
„Stimmt“, nickte sie, „ist alles gut, Joel?… Auch bei dir?“
„Ja, bei mir ist alle super“, antwortete er ganz entspannt. „Ich genieße unsere Umarmung jetzt auch.“
„Darüber bin ich froh! Danke für dieses Spiel, das mich sehr gefordert hat – und danke für… überhaupt!“
„Ich danke dir auch, Mari, für dein Mitspielen und für… überhaupt!“ lächelte Joel.

Geschrieben von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

59. Erstes Spiel im neuen Jahr (2)

Bei Joel – das Spiel geht weiter

Joel hielt Mari, die er dicht neben sich gezogen hatte, auf der Couch fest umschlungen und flüsterte – bereits in seiner Rolle als Meister: „Nun bist du meine Gefangene! Na, wie fühlt sich das an?“
Mari , die sich sehr plötzlich in dieser „gefangenen Sitzhaltung“ wiederfand und dadurch etwas erschrocken war, konnte nicht gleich antworten.
Er wartete und zog sie noch fühlbar enger an sich heran. In seinen beiden Händen hielt er ihre Hände: den einen Arm vor ihrem Oberkörper, den anderen Arm hinter dem Rücken. Dabei hielt er ihre Hände so fest, so dass sich ihre Arme in der Tat fast bewegungsunfähig anfühlten.
Ihn so nah bei sich zu fühlen in dieser Haltung fühlte sich tatsächlich wie gefangen an – und löste ein ambivalentes Gefühl aus – einerseits war es aufregend und unheimlich, so hilflos zu sein, andererseits fühlte es sich gut an, seine Nähe so deutlich zu spüren. Dazu die Worte „eine Gefangene sein“… löste ein Kribbeln aus.
„Nun, Mari… ich warte auf deine Antwort. Wie fühlt sich das an?“
„Schaurig – aufregend – spannend…“ antwortete sie leise.
„Nun, dann wollen wir doch mal sehen, wie es meiner Gefangenen weiter ergeht…“ Mit diesen Worten stand er, sie weiter in den Armen festhaltend auf, so dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als an seiner Seite mit aufzustehen. Einen Moment lang stand sie von ihrem eigenen Arm, dessen Hand er in seiner hielt, fest umschlungen fest an seine Seite gedrückt neben ihm.
„Körbchen-Position nennt man das im Tanz“, erklärte er ihr.
Plötzlich zog er an einem Arm, ließ den anderen los und gab ihr an der Schulter einen deutlichen Impuls, so dass sie sich schwungvoll aus der eben noch dicht neben ihm stehenden Haltung ausdrehte und sich ihm gegenüber wieder fand – jetzt, nun mit weitaus größerem Abstand nur noch an einer Hand gehalten.
Er hielt sie so lange an der Hand fest, bis sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatte und sicher auf ihren Füßen stand. Dann ließ er sie los, ging drei Schritte zurück und betrachtete sie von dort aus.
„Du bleibst jetzt genau an dieser Stelle stehen – so lange bis ich dir etwas anderes sage. Und deine Arme verschränkst du hinter dem Rücken.“
Angespannt folgte sie seiner Anweisung.
„Gut, Mari.“
Er lächelte verhalten, kam auf sie zu und trat hinter sie.
Aufgeregt wartete sie ab. Was würde jetzt kommen?
Sie fühlte einen kleinen Druck seiner Hände auf ihre beiden Ellbogen, der die verschränkte Armhaltung noch etwas verstärkte. Das fühlte sich zwar unbehaglich an, aber nicht wirklich unangenehm.
Stille…
Er war immer noch hinter ihr…
Was würde jetzt kommen?
Aufgeregt hielt sie die Luft an.
Schließlich spürte sie, wie er seine Hände sanft auf ihre Schultern legte. „Ganz ruhig weiter atmen, Mari“, hörte sie seine Stimme leise an ihrem Ohr. „Du hast nichts weiter zu tun, als einfach nur wahrzunehmen, was du fühlst.“
Die Wärme, die aus seinen Händen strömte, tat ihr gut. Hörbar atmete sie aus.
„Ja, so ist es gut, entspann dich, auch wenn diese Haltung sich vielleicht gerade etwas unbehaglich anfühlen mag. Alles ist gut…“ Dann begann er seine Daumen mit sanftem Druck auf ihren verspannten Schultern zu bewegen. Dankbar nahm sie wahr, wie sich ihre Schultern dabei etwas lockerten. Auch ihre gefühlsmäßige Anspannung konnte sich dabei ein wenig beruhigen…

Schließlich trat er wieder vor sie, schaute ihr in die Augen und erklärte: „Du wirst weiterhin so stehen bleiben. Halte den Blickkontakt mit mir und nimm bewusst wahr, was in dir geschieht.“
Daraufhin ging er zwei Schritte rückwärts und sah sie von dort aus schweigend an.
Dieses Schweigen war schwierig für sie auszuhalten. Dabei fühlte sie die Anspannung der verschränkten Arme deutlicher als vorher.
Er wusste das und dehnte die Situation nicht allzu lange aus. Dennoch erschien es ihr sehr lang.
„Wie fühlst du dich?“ fragte er schließlich.
„Unbehaglich.“ Ihr Blick ging unruhig hin und her.
„Schau mich an, Mari.“
Sie erschrak. Stimmt ja! Sie sollte ja den Augenkontakt halten! Es fiel ihr jedoch schwer. Die Situation verursachte in ihr eine seltsame, unheimliche Stimmung.


Er trat wieder einen kleinen Schritt auf sie zu, legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es an, bis sie ihm wieder in die Augen sehen musste.
„Was wünschst du dir jetzt?“
„Dass ich meine Arme lösen darf“, antwortete sie.
„Du darfst deine Arme wieder lösen und dich ganz bequem hinstellen.“ Er lächelte. „Mari, du bist jetzt wieder frei!“
Erleichtert nahm sie eine angenehmere Körperhaltung ein.
„Das hast du sehr gut gemacht!“ Er breitete seine Arme aus. „Und nun komm her! Lass dich umarmen!“

Erleichtert ließ sie sich von ihm halten. Das tat sooo gut… fest und innig umschlungen hielt er sie lange in seinen Armen. Dann setzte er sich mit ihr auf die Couch, legte einen Arm um sie und flüsterte: „Das Spiel ist vorbei, Mari. Der Meister hat sich aufgelöst, und du sitzt jetzt hier mit Joel.“
Aufatmend schmiegte sie sich an ihn. So viel war ja eigentlich gar nicht geschehen, dennoch hatte sie das Gefühl, von einem anstrengenden Weg nach hause gekommen zu sein.
„Auch wenn wir rein äußerlich betrachtet gar nicht so viel getan haben, hat es wohl einiges in dir bewegt… Spüre ich das richtig?“ fragte er.
„Ja“, bestätigte sie. „Deine Worte am Anfang, dass ich nun deine Gefangene bin, und diese seltsame Armhaltung haben ziemlich intensive Gefühle in mir ausgelöst.“
„Ich sag es auch gern nochmal als Joel, damit es ganz deutlich in dir ankommt: Mari, du bist jetzt frei! Am besten sagst du es dir selbst auch noch mal.
Mari nickte zustimmend: „Ja, ich bin frei!“
„Und eigentlich warst du das die ganze Zeit! Denn dieses Spiel, wie alle unsere Spiele, spielst du freiwillig, aus deinem freien Willen heraus. Nur während des Spielens tritt dieses Bewusstsein in den Hintergrund. Und es ist die Aufgabe des Meisters“, er zwinkerte ihr zu, „genau dafür zu sorgen, dass du es für diese Zeit vergisst. Aber jetzt… denkst du noch an deinen Satz am Anfang des Spieles?“
Mari lächelte „Ja, ich will die Aufregung und die kleine Angst, die mit unseren Spielen verbunden ist, spüren, und ich will auch spüren, wie sie sich wieder löst. Ich glaube, deshalb spiele ich gern diese Spiele, weil diese liebevolle Führung des Meisters in herausfordernden Situationen und hinterher die Erlösung aus der Angst ein so intensives Gefühl auslöst.“
Joel nickte. Er verstand sie.
„Und warum spielst du diese Spiele?“ fragte Mari interessiert.
„Ich mag es, die Macht zu fühlen, die du mir als Meister gibst – und die Handlungen in dieser Machtrolle in all ihren Herausforderungen sowohl aufregend als auch liebevoll zu gestalten! Diese Balance auszuloten ist für mich die Herausforderung…“ antwortete er lächelnd.
„Ich wünsche mir, dass in dieser Weise das ganze Leben mit uns umgeht!“
„Ja, möge uns das Leben solche Herausforderungen bringen, die sich herrlich lebendig anfühlen und gut zu bewältigen sind, auf dass sich alle Ängste immer wieder liebevoll auflösen und auch in ungewissen Situationen immer mehr Vertrauen wachsen kann…“

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58. Erstes Spiel im neuen Jahr (1)

Bei Joel – erstes Treffen im Januar 

Heute besuchte Mari ihren Spielpartner Joel zum ersten Rollenspiel im neuen Jahr. Aufgeregt stand sie vor seiner Tür und klingelte.
Fröhlich öffnete er die Tür, nahm ihr die Jacke ab und meinte dann im Wohnzimmer zu ihr: champagner_0011„Weißt du was, bevor wir mit dem Spiel beginnen, lass uns nochmal auf das neue Jahr anstoßen.“
„Gerne“, lächelte Mari und nahm das gefüllte Sektglas entgegen.
„Auf viele spannende und… schöne Erlebnisse, Mari!“
Vorsichtig stieß sie an das Glas, das er ihr entgegen hielt und nickte.
„Was wünschst du dir für unsere Spiele im neuen Jahr?“ fragte er sie.
Mari überlegte… Schließlich antwortete sie: „Dass es uns beiden gut geht damit.“
Aufmerksam schaute er sie an. „Was brauchst du, damit es dir gut geht, wenn wir spielen?“
Was sollte sie dazu sagen…
Er half ihr: „Wann fühlt es sich richtig gut an für dich, Mari?“
„Wenn es mir gelingt, so viel Vertrauen zu fühlen, dass die Angst nur klein ist.“
„Wie wäre es, wenn du dir wünschtest, gar keine Angst zu haben?“ wollte er wissen, zwinkerte und sagte: „Übrigens: das Spiel beginnt.“
„Das kann ich mir kaum vorstellen“, bekannte sie.
„Kannst du nicht, oder willst du nicht?“ fragte er und sah sie prüfend an.
„Warum fragst du das?!“ mit einem leisen Klirren stellte sie das Sektglas auf den Tisch.
„Meine Frage ist durchaus ernst gemeint“, erklärte er ihr, nahm ihr Hand und setzte sich mit ihr auf die Couch. „Gehört eine Spur von Angst nicht zu unseren Spielen dazu?“ Er machte eine beschwichtigende Geste… „Keine wirkliche, keine belastende Angst meine ich, sondern eine, die  leicht auszuhalten ist, die die Spannung steigert und die Entspannung danach, wenn das Spiel sich dem Ende zuneigt,  deutlicher fühlbar macht – nennen wir sie „Aufregung“ oder „Kribbel“, ist das besser annehmbar?“
Mari fühlte sich ein bisschen wie ertappt. „Ja, ich glaube, da ist schon was dran“, gab sie zu.
„Siehst du, Mari, das wollte ich hören! Es ist gut, wenn dir bewusst ist, dass du es bist, die das so will, damit es spannend und aufregend wird. Deshalb würdest du mich in der Rolle des „Meisters“ in unseren Spielen doch gar nicht immer nur butterweich und gähnend berechenbar haben wollen, richtig?“ Er wartete auf ihre Antwort.
Sie nickte.
„Ich will eine Antwort von dir hören, Mari.“
„Ja…“
„Wozu sagst du ja?“
Es fiel ihr schwer, es auszusprechen, sie suchte nach Worten… „Ja, ich bin bereit für etwas Aufregung in unseren Spielen.“
„Mari, es geht darum, dass du vor dir selbst und vor mir dazu stehst, dass du das willst.“
„Okay! Ja, ich will ein gewisses Maß an Aufregung, und ich will mich mit meiner Angst konfrontieren in unseren Spielen! Aber ich will auch immer wieder dabei erleben, dass meine Angst sich auflöst!!!“
„So soll es sein!“ bestätigte Joel. „Und daran, dass du das so willst, denke auch dann, wenn du die Angst oder sagen wir die Aufregung etwas intensiver spüren solltest.“

Mit einem Ruck zog er ihre Hand, die er bis eben ruhig in seiner gehalten hatte, um ihren Körper herum, so dass sie sich nach einer viertel Drehung ihres Oberkörpers plötzlich mit ihrem eigenen Arm, der um sie selbst herum lag, fast bewegungsunfähig, dicht an ihn gelehnt, wieder fand.  Und sie vernahm dicht an ihrem Ohr die Worte: „Nun bist du meine Gefangene! Na, wie fühlt sich das an?“

Was Mari darauf antwortet, und wie das Spiel weitergeht, erscheint übermorgen.

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01c Eine utopische Heilungsreise: Unerwartetes Verständnis

Bei Mari – der Meister erzählt Mari innerhalb ihres Rollenspiels ein utopisches Märchen, eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“

Joel (der die Meisterrolle inne hatte innerhalb des gemeinsamen Rollenspiels mit Mari) hatte sich für die bald beginnende Vorweihnachtszeit eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und von einer Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern handelte. Nachdem Mari sich auf ihrer behaglichen Couch in seinen einladend geöffneten Arm gelehnt hatte, erzählte er das bereits in den letzten Tagen begonnene Märchen weiter:

„Nach Carinas missglückter Flucht vor den außerirdischen Meistern, bei denen sie – wie alle Menschen in dieser Phase der Machtübernahme – eine Ausbildungsreise antreten sollte, wurde sie an Bord des für sie zuständigen Raumschiffes gebracht, auf dem ihre Ausbildungsreise stattfinden sollte. Als sie an Bord des Meisterschiffes war, zitterte sie am ganzen Körper und die Gedanken an die Gerüchte über die Außerirdischen, die zwar Menschengestalt angenommen hatten, aber ungeahnte Fähigkeiten und dadurch große Macht über die Menschen hatten, schnürten ihr die Kehle zu. In ihrer Panik konnte sie kein Wort herausbringen. Immerhin hatte sie ihre Lage durch diese ganze Fluchtaktion verschlimmert und rechnete nun mit harter Strafe und gnadenlosem Vorgehen dieser Meister.

Sie ließ in angstvoller Starre den Dingen ihren Lauf. Was würden diese Männer nun mit ihr machen?

Bald kam ihr Ausbilder, der sich als „Meister Ramon“ vorstellte, in Begleitung des Kommandanten ihres zuständigen Ausbildungsraumschiffes, „Meister René“, zu ihr. Die beiden spürten schnell, dass Carina zu diesem Zeitpunkt unfähig war zu einem Gespräch. Verständnisvoll und mitfühlend schauten sie Carina an, die die Wärme ihrer Augen jedoch – gefangen in ihrer Angst – nicht wahrnehmen konnte. Im Gegenteil, in ihr zog sich alles noch mehr zusammen in diesen bangen Schweigeminuten, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen.
Endlich brach Meister René das Schweigen: ”Du hast große Angst, nicht wahr, Carina?”
Sie konnte nichts sagen.
“Du musst jetzt nichts antworten. Ich glaube…”, und damit wandte er sich seinem Kollegen zu, “deine Schülerin braucht noch eine Zeit der Vorbereitung, Ramon, was meinst du?”
Ramon nickte zustimmend. Wieder zu Carina gewandt sagte René: “Du wirst jetzt einige Tage Vorbereitungszeit noch auf der Erde haben, zusammen mit deinem Meister. Und dann sehen wir uns wieder hier in meinem Raumschiff. Nur Mut, Carina! Bis bald.”

Ohne zu verstehen, was nun geschehen sollte, stand Carina wie ein kleines Häufchen Unglück ihrem Ausbilder gegenüber und wagte nicht, ihn anzuschauen. Der kam langsam näher, legte ihr sehr sanft eine Hand auf die Schultern und erklärte ihr: “Wir werden jetzt zur Erde zurückkehren und dort ein paar Tage in meinem Haus zusammen verbringen. Da haben wir Zeit, uns in Ruhe kennenzulernen, und du kannst dich ein bisschen an mich gewöhnen. Ich nehme an, auf deinem Heimatplaneten wirst du dich zunächst etwas sicherer mit mir fühlen, als auf unserem Raumschiff, vor dem du ja anscheinend große Angst hast.”

Völlig verwirrt und überrascht von dem unerwarteten Verständnis schaute Carina ihren Ausbilder kurz an. Der fing ihren Blick auf und nickte ihr lächelnd zu. “Pass auf, Carina, es wird alles ganz anders, als du jetzt noch glaubst.”

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

31. Eine heilende Übung (1) – Es ist ganz anders als befürchtet…

Bei Joel – Widerstände vor einer Übung

Zwei Sessel standen sich gegenüber, als Mari Joels Wohnzimmer betrat. 
„Setz dich doch bitte in einen der beiden Sessel“,  bat Joel Mari, und als sie Platz nahm, trat er nahe an sie heran und sagte leise: „Das Spiel beginnt.“

Wie so oft ließ er sich Zeit und schaute Mari erst einmal nur freundlich an. 
Schließlich erklärte er ihr, dass er gleich eine Übung mit ihr machen wolle.
Schon als er das ankündigte, scheute sie in ihren Gefühlen wie ein Pferd vor einem unüberwindlichen Hindernis zurück und fragte spontan: „Muss das sein?“

„Habe ich da eine Frage gehört?“ 

„O jeh, entschuldige bitte, in meinem inneren Dilemma ist mir das gar nicht aufgefallen!“ Mari war erschrocken und erzählte ihrem Meister auf seine Frage nach dem Dilemma, in dem sie sich befand, dass schon der Begriff „Übung“ für sie mit einem unangenehmen Beigeschmack verbunden sei, da sie dabei an das vor kurzem aufgetauchte Thema, das Joel noch mit ihr bearbeiten wollte, dachte: „Demütigungen im Schulsport“.

Der Meister nickte langsam: „Aber ich hab noch gar nicht gesagt, was für eine Übung es sein könnte…“

„Stimmt, entschuldige bitte, ich war in meinen Gedanken darin gefangen. Ich dachte, jetzt käme irgendetwas, was mit Bewegung und Körper und Sport und so zu tun hat wegen unseres Gespräches von neulich und deiner Ankündigung, dass dieses Thema, das mir so zu schaffen macht, demnächst von dir aufgegriffen werden würde.“

„Mari, könntest du dir vorstellen, dass ich… jetzt und hier… eine Sportübung mit dir machen wollen würde? Eine die dich überfordern und beschämen könnte?“

„Ich glaube nicht dass du mich bewusst überfordern oder beschämen wollen würdest, aber da du ja meintest, du würdest dir demnächst zu diesem Thema noch etwas einfallen lassen, habe ich jetzt befürchtet, dass dir nun etwas dazu eingefallene ist.“

„Und du glaubst, dass mir etwas eingefallen ist, was für dich schlimm und beschämend sein könnte?“

„Alles, was dazu gehört, fühlt sich so an! Das kann sich ein anderer gar nicht vorstellen, wie schlimm sich das für mich anfühlt, und da ist schon das Geringste mit Scham verbunden!“ entgegnete Mari verzweifelt.“

„Aber was gehört denn dazu? Deine Sportlehrerin ist Lichtjahre entfernt, es gibt keine Klasse, nur uns beide, Mari, was könnte passieren?“

„Wahrscheinlich würdest du nichts tun oder verlangen, von dem du glaubst, dass es schlimm für mich wäre, aber schon das Wort „Übungen“ hat in mir die Gefühle von damals losgehen lassen, ohne dass ich darüber nachgedacht habe.“

„Ich weiß, dass das ein Reizwort für dich ist. Könntest du dir vorstellen, dass es Übungen gibt, die für dich nicht beschämend sind, die dich in keine peinliche Situation bringen? Traust du mir zu, dass ich so etwas für dich finden könnte?“

Mari überlegte… Ihr Meister hatte sie schon oft überrascht mit seinen verblüffenden wundersamen Wendungen einer von ihr ganz anders befürchteten Situation.

Joel fragte nach: „Konntest du im Laufe der Zeit wahrnehmen, dass meine Anforderungen immer  berücksichtigt haben, was für dich machbar ist Mari? Ich achte darauf, so weit es mir bewusst ist, immer nur so weit zu gehen, wie ich es dir zutraue. Und wenn ich mich darin mal geirrt habe, hattest du die Möglichkeit um eine leichtere Abwandlung der Aufgabe zu bitten.
Warum sollte das heute anders sein, nur weil ich das Wort „Übung“ verwendet habe?“

„Okay, das war nicht folgerichtig, aber darüber habe ich in dem Moment nicht nachgedacht“, erklärte Mari, und ein kleiner Anflug von Wut war in ihrem Gesicht.

Joel nahm die kleine Regung wahr, ging aber an dieser Stelle bewusst nicht darauf ein.
„Ja, da war deine Angst größer als dein Vertrauen in mich. Traust du mir nun zu, eine Übung zu finden , die dir dient und für dich machbar ist?“

„Ja Meister, ich will es versuchen.“

„Ich möchte, dass du auch die Erfahrung machst, dass eine „Übung“ harmlos sein kann – „Übungen“ – er zeichnete Anführungszeichen in die Luft-  können sogar schön sein. Bist du bereit, mir so sehr zu vertrauen, um dich heute darauf einzulassen?“

„Hmmmm…“

„Das klingt noch nicht bereit, Mari.“

„Okay, ja ich bin bereit.“

„Das freut mich“, Joel lächelte Mari freundlich zu.  
Ich möchte dass du dich hinten an die Lehne lehnst, so dass sie dich gut stützt und du dich leicht entspannen kannst“, wies er sie an. „Und dann möchte ich dich auf eine Reise in deine innere Welt hinein führen. Atme dabei ruhig und tief, und folge mir mit deiner Vorstellungskraft. Sollte für dich etwas nicht stimmig sein, sag mir bitte Bescheid.“
 

Nun führte er Mari in eine innere Landschaft, in der sie die Kräfte der Natur einatmen konnte. 
Es begann auf eine schönen bunten Sommerwiese, ging weiter durch einen herrlich duftenden Wald, hin zu einem See, in den sie ihre Füße eintauchen lassen konnte. Ein angenehm lauer warmer Sommerwind streichelte ihr Gesicht und wehte die Sorgen aus ihrem Kopf . Und schließlich ließ sie sich von herrlichem Sonnenschein durchfluten. Immer größer und stärker fühlte sie sich bei der Erfahrung eines jeden Elementes: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Welch herrliche „Übung“ dachte sie überrascht.

Wieder war es ihrem Meister gelungen, etwas völlig anderes… eine positive Erfahrung aus einem von ihr als „furchtbar unangenehm“ vermuteten Ereignis entstehen zu lassen.

Und die „Übung“ sollte noch weiter gehen… 

Geschrieben von Rafael und Miriam 

–>  Zum nächsten Kapitel: 32. Eine heilende Übung (2) – Verletzung und Größe

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

13. Ein Hauch von Geborgenheit

In Joels Wohnung kurz nachdem Mari einen Panikanfall hatte…

Nachdem Mari vor einer halben Stunde fluchtartig auf die verregnete Straße gelaufen war, glätteten sich langsam die Wogen.  Joel hatte sie in ihrer plötzlich auftretenden Panik begleitet bis sie sich etwas beruhigen konnte und wieder in der Lage war, mit ihm nach oben zu gehen.

Als beide – durchnässt von ihrem Aufenthalt auf der verregneten Straße – wieder in Joels Wohnung angekommen waren, schlug er Mari vor, ihre nasse Kleidung gegen trockene Sachen von ihm auszutauschen. So kam sie nun mit einem zu großen T-Shirt und einer Jogging-Hose von ihm aus dem Badezimmer und setzte sich in die Couchecke, während ihre Sachen auf der Heizung trockneten.

Jetzt erst spürte Mari, wieviel Kraft sie der plötzlich ausgebrochene Panikanfall gekostet hatte. 
Sie fror und zitterte.

Fürsorglich legte ihr Joel eine Decke um die Schultern, in die sie sich gern einkuschelte – ein Hauch von Geborgenheit…

„Magst du Tee, Mari?“

„Gern“, antwortete sie befangen. Was war nur wieder mit ihr los gewesen…?!

„Mach dir keine Sorgen, Mari, das wird schon wieder…“ 

 Der heiße Tee tat gut.

Von dem Gebäck und dem Obst konnte sie im Moment nichts anrühren, ihr Magen war zu. 

„Joel, das ist mir furchtbar peinlich. Du hast mir ja gar nichts getan…“

„Nein, das habe ich wirklich nicht. Aber in deinem Inneren muss es irgendeinen Auslöser gegeben haben, der deine Angst an getriggert hat. Was war das Mari? Womit ging es los?“

Mari überlegte… 
„Eigentlich bin ich schon mit einer kleinen Angst im Bauch hierher gekommen.
Ich wollte es mir selbst nicht so recht eingestehen, aber ich glaube, ich war noch nicht so weit, hatte noch nicht genügend Sicherheit und Vertrauen… So lange kennen wir uns ja noch nicht. Aber andererseits kam ich mir wegen meiner Bedenken auch so blöd vor…“

Joel schaute sie ruhig an: „Mari, du Liebe! Es ist doch ganz verständlich, dass du diese Bedenken hattest. Deshalb hatte ich dich ja gefragt, ob du bereit wärest, zu mir zu kommen. Du hättest auch nein sagen können, das hätte ich ganz sicher akzeptiert und wir hätten uns noch weiter bei dir getroffen, wo du dich ja etwas sicherer fühlst.“

„Erst dachte ich wirklich, es ist okay. Aber je näher unser Treffen rückte, umso mehr Zweifel bekam ich, umso mulmiger wurde es in mir.“

„Es wäre gut gewesen, wenn du mich angerufen hättest. Wir hätten in Ruhe drüber geredet und gemeinsam überlegt, wie wir es machen.“

„Stimmt, ich wollte aber nicht schon wieder so schwächelnd da stehen.“

„Du, Mari, das wird sicher immer mal wieder vorkommen, dass die Angst in Wellen hin und her schwappt, dass manchmal was geht, was sich ein paar Tage später wieder anders anfühlen mag. Wenn das so ist, bitte: Rede mit mir darüber! Schon indem es da sein darf, und von uns beiden freundlich angeschaut wird, verliert es möglicherweise an Schrecken. Und ich kann besser darauf eingehen. 
Gerade in den Spielen, die wir miteinander planen, ist es so wichtig, dass ich einschätzen kann, was dir gerade Angst macht. Und wenn schon im Vorfeld etwas da ist, lass es mich künftig wissen! Deine Angst ist wie ein Kind, und wir beide wollen doch als Erwachsene fürsorglich mit ihr umgehen, zumal sie unser gemeinsames Spiel-Projekt ja bestimmt ohnehin schon als heftige Herausforderung erlebt.
Also nochmal: Du kannst mir immer sagen, wenn sich etwas für dich schwierig anfühlt oder nicht geht, auch wenn du vorher „Ja“ gesagt hast und sich dann in der Zwischenzeit bis es soweit ist, ein „Nein“ daraus entwickeln sollte. Wenn deine Angst immer und immer wieder erlebt, dass wir auf sie eingehen, wird sie nach und nach leiser werden. Sie soll, wenn sie schon durch unsere Spiele auf den Plan gerufen wird, einen geschützten Raum bekommen – und das geht nur, wenn sie offen da sein darf. „

„Das ist eine so tolle Einstellung, Joel. Ich danke dir sehr!!!

„Gab es denn dann, als du bei mir warst, noch einen ganz konkreten Auslöser?“

Mari überlegte… „Ja, die Panik kam mir voller Wucht in dem Moment, als du die Tür zugemacht hattest. Ich fühlte mich plötzlich wie gefangen… Dann kamen Bilder und Szenen aus Filmen, die ich mal gesehen habe, wie ein Mann plötzlich, als die Tür zuschnappte, plötzlich wie verwandelt war, ein hämisches Gesicht zeigte und einer Frau, die zu seinem Opfer geworden war, etwas antat…
Männern kann man nicht vertrauen, hatte meine Oma mir beigebracht. In jedem Mann würde ein wildes Tier leben, das über einen herfällt, wenn es die Gelegenheit bekäme…
Entschuldige bitte, Joel, du bist damit nicht gemeint. Du hast dich bisher so prima mir gegenüber benommen – und ich verlier hier die Fassung!“

„Mari, du brauchst dich nicht zu entschuldigen, ich nehme das nicht persönlich. Ich spürte, dass du mich, den Joel, gar nicht mehr gesehen hast. Da war nur noch ein riesiges Angstgebäude und ich stand für das, was dich scheinbar bedrohte.
Hat dir deine Oma das mit der Gefährlichkeit der Männer öfter gesagt?“

„Ja, schon als ich klein war – und als ich zu einem Teeni heran wuchs, immer und immer wieder. Sie war als junge Frau vergewaltigt und später auch von ihrem Ehemann hintergangen worden und hatte daher einen Hass auf alle Männer.
Na ja, und mein Vater bestätigte in seinem Verhalten auch mir gegenüber dieses Männerbild. Er war Alkoholiker und in seinen Rauschzuständen unberechenbar. Nüchtern war er ganz lieb, aber dann, wenn er trank…  Ich hatte Angst vor ihm, jedoch nicht immer… aber oft… Er hatte…
Ich will darüber jetzt nicht weiter reden, okay?“

„Das brauchst du auch nicht, Mari. Ich dachte mir schon länger, dass du eine ganze Menge Gepäck mit dir rum schleppst. Aber keine Sorge, davon lassen wir uns nicht unterkriegen! Wir sind jetzt zwei, die sich um deine Angst kümmern… 
Und jetzt geht es erst einmal darum, dass du wieder warm wirst und dich besser fühlst.
Weißt du was?
Wir tanzen!“

Er legte eine CD ein, zog sie von der Couch und die rhythmische Musik tat ihre Wirkung…
Sie brachte beide in Bewegung, und durch das Tanzen konnte die Anspannung in Maris Körper sich nach und nach lösen.

Als dann schließlich der Hunger kam, kochten sie sich Spaghetti mit Tomatensauce, schnipselten gemeinsam Salat und spielten danach Mikado.
Joel beobachtete lächelnd, welch ruhige Hand Mari dabei hatte. Das Zittern hatte sich gelegt… 

Es wurde auf ganz einfache Weise ein schöner, gemütlicher Abend und Joel war froh, dass Mari bei dem ersten Besuch in seiner Wohnung – gerade nach diesem heftigen Beginn – doch noch angenehme Erfahrungen mitnehmen konnte…

Zum nächsten Kapitel:  –> 14. Joel als Stellvertreter für die „Die Männer“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge