60. Die Bühne des Miteinanders erweitert sich

Bei Joel – Mari bekommt den Auftrag, ein „Nest“ zu bauen

Nach einer freundlichen Begrüßung begann Joel, der für Mari die Rolle des Meisters einnahm, das heutige Spiel – unerwartet wie meist – mit dem Satz: „Das Spiel beginnt“ – und gleich danach kam die Aufforderung: „Mari, ich möchte jetzt, dass du dir heute hier auf der ausgezogenen Couch ein richtig kuschliges Nest baust.“

Mari schaute auf die ausgezogene Couch mit der breiten Liegefläche. Sie hatte ja nun schon einige Male darauf gelegen, aber jetzt… Die Anweisung, ein „kuschliges Nest“ zu bauen, weckte nebulöse Vorstellungen in ihr von dem, was sie wohl heute hier erleben würde. War sie dazu bereit?

Nervös schaute sie Joel an, der ihr freundlich, aber bestimmt, zunickte. Er öffnete eine Schranktür, hinter der Decken, Laken, Kissen, und ähnliches Material zu finden war. „Bediene dich, und gestalte daraus ein Lager, auf dem du dich so richtig wohl fühlen könntest. Lass dir ruhig Zeit dabei.“

Was sollte in diesem „Nest“ wohl geschehen? fragte wieder ihre Angst-Stimme.
„Ja, mach ich,“ antwortete sie, sprach aber die Frage nicht aus, wozu dieses Nest wohl dienen sollte – und machte sich an ihre Aufgabe. Er hätte ihr ohnehin keine Antwort gegeben – das wusste sie inzwischen und war froh, dass sie daran gedacht hatte, dem Impuls nicht gefolgt war und ihre Frage für sich behielt.

Auch Joel hatte das bemerkt und lächelte verhalten. Seine Schülerin kam weiter auf ihrem Weg… Dass sich in ihr Fragen bewegten, war ihm klar. Doch sie folgte seiner Anweisung ohne zu fragen, was ja eine ihrer Regeln innerhalb der Spiele war, in der sie die Rolle der Schülerin und er die des Meisters inne hatte. Der Inhalt dessen, was sie lernen wollte, war vor allem eins: Vertrauen.

Erst einmal holte Mari hervor, was sie in dem Schrank fand.

Dann wählte sie aus, was ihr gefiel und räumte den Rest wieder ein.
Joel lobte sie. „Das hast du sehr schön und kuschlig gemacht! Ich muss doch gleich einmal ausprobieren, wie es sich darin liegt.“

Mari schaute zu, wie er sein Hemd auszog, sich hinlegte und sich wohlig dehnte und streckte. Schließlich öffnete er seine Arme und lud sie ein, sich bei ihm nieder zu lassen.

Etwas zögernd stand sie im Raum. Immerhin, er hatte nicht verlangt, dass sie sich ausziehen sollte… Dennoch gab es eine Schranke in ihr, sich mit ihm sozusagen in ein gemachtes Bett zu legen, denn nichts anderes war ja dieses „Nest“, das sie gebaut hatte, nun eigentlich geworden…

„Mari, zieh bitte deine Bluse aus, die wirst du hier nicht brauchen. Wir haben ja eine Decke.“

Okay! Wenigstens hatte sie ein buntes Top unter der Bluse… Sie überlegte… wie weiter?
Sie fühlte sich so unbehaglich wie lange nicht mehr, doch konnte sie ja nicht die ganze Zeit hier stehen bleibe. Für solche schwierigen Momente gab es die Möglichkeit, dass sie um eine Umarmung bitten durfte… Er hatte ihr am Anfang ihres gemeinsamen Weges gesagt, dies sei immer möglich, um nicht in ein Gefühl der Starre hinein zu fallen, was ihr anfangs öfter passiert war.

„Ähm, es fühlt sich gerade ziemlich schwierig an in mir… Darf ich… um eine Umarmung bitten?“

„Gut, dass dir diese Möglichkeit eingefallen ist,“ bestätigte sie Joel. „Ja, das darfst du immer, Mari, und auch jetzt! Komm her zu mir, ich umarme dich gern.“

Damit hatte sie sich ein Eigentor geschossen… Genau das war ja ihr Problem gerade, dass sie sich nicht rühren konnte… dass sie Schwierigkeiten hatte, sich zu ihm in das von ihr eben bereitete Bett zu legen… mit wenig Kleidung…

Joel schaute sie aufmerksam an. Er ahnte, was sie bewegte und sagte sanft: „Meine Umarmung wird dir im Liegen genauso Halt geben wie im Sitzen oder Stehen. Probiere es einfach aus. Es ist nur ein kleiner Schritt, der geringfügig anders ist als sonst. Meine Umarmung wird genauso achtsam und liebevoll sein, wie du es schon oft erlebt hast.“
Geduldig und einladend lag sein geöffneter Arm auf der Matratze… Es lag nun an ihr, diesen Schritt zu tun und sich in seinen Arm hinein zu begeben.

Ich kenne und ich mag seine Umarmungen, sie tun mir gut… so redete sie sich in Gedanken gut zu, warum soll das im Liegen anders sein als im Sitzen oder im Stehen… auch wenn das jetzt ein Miteinander-im-Bett-sein ist… Und der Schritt gelang! Sie ließ sich nieder und kuschelte sich in seinen Arm, atmete tief und schloss die Augen. Ich liege mit ihm im Bett – uff!

Er zog die Decke über beide. „Wie schön, Mari, dass du diesen Schritt zu mir getan hast. Ich weiß wohl, dass dir das gerade nicht leicht fiel. Aber spür mal hin, ist es außer der Tatsache, dass wir uns liegend noch besser entspannen können, irgendwie schlimm?“

Etwas verlegen schüttelte sie den Kopf, der an seiner Schulter lag. „Nein, eigentlich nicht.“

„Und un-eigentlich?“

Sie öffnete die Augen. „Na ja, wir liegen mit nur wenig Klamotten miteinander im Bett! Die Couch ist nun zum Bett geworden… Und genau davor hatte ich ja so große Angst, mit einem Mann ins Bett zu gehen…“

„Keine Sorge, Mari, auch wenn wir hier mehr Fläche zur Verfügung haben und die „Bühne unseres Miteinanders“ sich erweitert hat und kuschliger wird, werde ich niemals etwas tun, was dir unangenehm oder für dich nicht möglich ist. Darauf kannst du dich immer verlassen!“

Er stützte sich leicht auf den Unterarm, so dass sie ihm in die Augen schauen konnte. „Willst du mir das glauben?“

„Ja, das möchte ich dir glauben.“

Sanft strich er ihr übers Haar. „Ich danke dir für dein Vertrauen – und dafür, dass du dir ein Herz gefasst hast.“

Ein vorsichtiges Lächeln stahl sich über ihr Gesicht.

„So, meine Liebe, und jetzt gibt es nur eine Aufgabe – und die heißt: Schließ deine Augen und fühle!“

Sie atmete tief ein, machte gehorsam die Augen zu und wartete mit Herzklopfen auf das, was nun geschah.

Joel hielt sie zunächst einfach nur weiterhin in seinem Arm und begann leise zu summen. Inzwischen wusste er um die beruhigende Wirkung auf sie, wenn er mit leisen Tönen ihre Seele streichelte. Nach einem Weilchen bemerkte er erfreut, wie sie etwas näher an ihn heran rückte und sich anschmiegte. Mit der anderen Hand strich er ihr übers Haar. Wohlig seufzte sie und begann sich zu entspannen. Das tat so gut…

Ihre Gedanken kamen zur Ruhe. Er strich wieder und wieder mit gleichmäßigem sanftem Druck über ihr Haar, lockerte von der Seite vorsichtig knetend ihre verkrampfte Schulter, und berührte dann behutsam ihr Gesicht, strich ganz sacht über ihre Wange. Sie merkte zu ihrem eigenen Erstaunen, dass sie sich tatsächlich wohlfühlte so nah neben ihm – und das im Bett…

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

13. Eine utopische Heilungsreise: ABWEHR    und    ACHTSAMKEIT

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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An diesem Tag trafen sich Joel und Mari sich bei Joel. Er hatte Kerzen angezündet und einen Früchtekuchen auf den Tisch gestellt. Nachdem sie sich mit Kaffee und Kuchen gestärkt und ein wenig über ihre Erlebnisse während der letzten Tage geplaudert hatten, schlug Joel vor, dass sie es sich wieder gemeinsam auf der Couch gemütlich machten. Er legte seinen Arm um Mari, zog sie hinab, dass sie bei ihm lag und drehte sie so, dass sie die Kerzen auf dem Tisch sehen konnte. Sie lag vor ihm, so dass sie sich mit dem Rücken an ihn anlehnen konnte. Das löste ein angenehmes, geborgenes Gefühl in ihr aus. In dieser Position erzählte er die Geschichte weiter:

Viele Stunden der Nähe und der Entspannung erlebt Carina in der nächsten Zeit, ohne dass sie von Ramon in einer Weise berührt wird, die ihre Grenzen übersteigen würde.

Heute fragt er sie: „Wie wäre es heute mit einer kleinen neuen Herausforderung?“
Fragend schaut Carina ihn an. Er schaut sie offen und liebevoll an, sagt aber nichts weiter. Schließlich sagt sie: „Ja, ich will dir vertrauen.“

Er hält sie in seinem linken Arm und streicht einige Male entspannend mit der rechten Hand über ihre Arme und ihren Rücken, wandert dann über ihren Bauch, geht etwas tiefer und legt schließlich seine Hand ganz sanft auf ihre intimste Stelle. Bewegungslos lässt er sie dort liegen und betrachtet Carina freundlich und aufmerksam. Sie hält die Luft an, starr vor Schreck, ihre Gedanken wirbeln herum: ‘Jetzt ist es soweit, jetzt… jetzt… jetzt wird er sich nehmen, worauf er so lange gewartet hat! Das ist jetzt der Anfang, gleich… gleich… gleich wird er über mich herfallen…

Sie will schreien: ‘Nein!’, aber es ist nur ein Krächzen. Dennoch nimmt er es wahr und nimmt seine Hand sofort weg. Er kuschelt die zitternde Carina in die Decke ein, hält sie ganz fest in seinen Armen und streicht ihr mit einem sanften Druck über den Rücken. “Ganz ruhig, Carina. Es ist alles gut”, redet er ihr beruhigend zu. “Du hast ‘nein’ signalisiert, und ich habe mich danach gerichtet. Ganz ruhig, nichts geschieht dir.”

Lange Zeit redet er sanft und liebevoll mit ihr, und schließlich findet sie ihre Sprache wieder und redet sich ihre Angst von der Seele. 
Und wieder versichert er ihr verständnisvoll und geduldig, dass er nichts mit ihr tun wird, was für sie nicht stimmig ist, und nichts, rein gar nichts von ihr fordern würde. 

Als sie wieder in ihr Zimmer kommt, leuchtet ein Röllchen ihres Kalenders auf und sie liest:

Geliebte Carina,
nicht du bist für mich hier,
um meine Bedürfnisse zu befriedigen,
sondern ich bin für dich da,
um dir zu helfen,
deine tiefsten Bedürfnisse und Wünsche 
zu erkennen und sie leben zu lassen.
In Liebe Ramon

Wieder fühlt sie das neue, seltsame Gefühl, wirklich gut aufgehoben zu sein.

Mari drehte sich um zu Joel, schaute ihn an und meinte: „Die befinden sich ja auf einer ähnlichen Reise wie wir…“

„Ja, nur dass Carina nicht die Möglichkeit hat, einfach weg zu gehen, so wie du“, lächelte Joel, „sie ist wirklich ganz darauf angewiesen zu vertrauen, dass ihr Meister nichts mit ihr macht, was ihr widerstrebt.“

„Und ich glaube, das wird er auch nicht tun. Er war ja auch jetzt bei dieser neuen Herausforderung sehr achtsam und hat auf ihr Signal sofort reagiert“, antwortete Mari.

„Und…  was meinst du, Mari, wenn ich dich einmal in dieser Weise berühre wie es Ramon heute bei Carina tat, was meinst du… wie würdest du reagieren?“

Mari rückte ein kleines Stückchen ab von Joel.

„Keine Sorge, ich rede nicht von heute, und auch nicht von diesem Jahr“, beruhigte er sie.

„Na ja…“ Mari entspannte sich wieder, „Ich glaube, ich hätte nicht diese Panik, dass du über mich herfallen würdest und dir gewaltsam etwas nehmen würdest, was ich nicht wöllte, aber…“

Joel zog sie wieder in seine Arme. „Das ist doch schon mal wunderbar,“ flüsterte er ihr ins Ohr. „Aber…?“

„Es gibt da eine Blockade in mir, ganz nackt zu sein, und mich wirklich an allen Stellen berühren zu lassen“, erklärte Mari verlegen, „ich weiß nicht, wie…“

„Das musst du jetzt auch gar nicht wissen, Mari“, unterbrach er sie, „lass uns einfach in der Adventszeit ganz gemütlich und ohne weitere Herausforderungen für dich im Zauber der Geschichte bleiben. Was dann irgendwann kommt, das sehen wir, wenn es soweit ist, okay?“

Mari nickte. „Danke, Joel! Irgendwie… ist das ist eine ganz besondere Adventszeit in diesem Jahr…“

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)