Frieden tief innen (nicht nur) zum zweiten Advent…

(Nicht nur) zum zweiten Advent
wünsche ich uns den tiefen Frieden,
den nur die Stille kennt…

der nur innen zu finden ist,
unabhängig von allem, was im Außen ist,
von toller Freude bis hin zum größten Mist…

den Frieden zwischen den Worten,
und zwischen allen Orten,
den Frieden zwischen den Gedanken,
die so schnell hin und her doch schwanken
den Frieden zwischen den Gefühlen,
die ja oft auch einen Streich uns spielen…



den Frieden zwischen zwei Kerzen,
den Frieden in und zwischen Herzen,
den Frieden, der in allen Zwischenräumen zu hause ist,
der keinen von uns jemals vergisst,
der darauf wartet, von uns eingeladen zu werden
dann verbreitet er sich ganz von allein auf Erden…

DEN Frieden, der uns findet,
wenn es uns gelingt, ganz ruhig zu werden,
und unabhängig von allen Beschwerden
das Rennen und Suchen sein lassen,
um uns von ihm finden und umarmen zu lassen….

Lassen wir uns von ihm erfüllen
und von ihm unsere Sehnsucht stillen.

Und während wir die Kerzen betrachten wie ein Kind,
und von ihrem Zauber ergriffen sind,
er zwischen den Lichtern der Kerzen schwebt
und uns eine Brücke zu ihm nach Hause webt…

Einen zauberhaften zweiten Advent,
in dem wir uns geborgen fühlen
in einem Frieden, der uns
für einen magisch ausgedehnten zeitlosen Moment
berührt und still werden lässt,
wünscht dir, und uns allen

Miriam

01f Eine utopische Heilungsreise: Wärme und Geborgenheit

Bei Mari – der Meister erzählt Mari innerhalb ihres Rollenspiels ein utopisches Märchen, eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“

Joel (der die Meisterrolle inne hatte innerhalb des gemeinsamen Rollenspiels mit Mari) hatte sich für die bald beginnende Vorweihnachtszeit eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern beinhaltete. Nachdem die beiden es sich auf der Couch gemütlich gemacht hatten, erzählte er das in den letzten Tagen bereits begonnene Märchen weiter:

„Als sich Carina am zweiten Tag in ihrem Gästezimmer im Hause ihres Ausbilders für eine kleine Mittagsruhe auf ihrem Bett nieder lässt, findet sie auf ihrem Kopfkissen wieder ein kleines Briefchen von ihrem Meister vor. Mit gemischten Gefühlen beginnt sie zu lesen:

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Liebe Carina,


nun verlebst Du einige Tage allein mit einem Mann,
fühlst dich unsicher und voller “Geschichten” im Kopf.


Wenn du magst, sprich über deine “Geschichten” mit mir.
Ich höre dir gern zu.


Dein Meister Ramon

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Schwer kann Carina sich vorstellen, mit Ramon über ihre “Angst-Geschichten” in ihrem Kopf zu reden, da ihre Ängste ihr selbst peinlich und unangenehm sind. Er könnte entweder beleidigt sein, dass sie nach all der Freundlichkeit so negative Gedanken äußert, oder aber er könnte sie auch einfach auslachen und verspotten.
Tief in ihrem Innern vernimmt sie eine leise Stimme: ‘Vielleicht tut er keines von beiden und akzeptiert dich so wie du bist…`
Ich werde es nur herausfinden, ob ich ihm vertrauen kann, wenn ich es versuche, denkt Carina. Aber wie soll ich da nur einen Anfang finden?`

Abends sitzen sie gemütlich zusammen am Kaminfeuer bei Gebäck und Glühwein.

In dieser behaglichen Atmosphäre versucht Ramon, Carina eine Brücke zu bauen: “Na, Carina, hast du meine Nachricht an dich gefunden?”

Beklommen nickt Carina. “Möchtest du mit mir über deine Angst-Geschichten sprechen?” fragt Ramon sie ruhig und freundlich.

Carina weiß nicht, was sie antworten könnte, wie und womit sie beginnen soll. Fieberhaft arbeitet es in ihrem Kopf, und je krampfhafter sie einen möglichen Anfang sucht, um so unmöglicher erscheint es ihr, überhaupt etwas zu sagen. Gleichzeitig fürchtet Carina, dass Ramon ihr Schweigen als Ablehnung deuten könnte und in gleicher Weise reagieren könnte. Sie fühlt sich ausweglos überfordert. Tränen treten ihr in die Augen.

Da nimmt Ramon ihre Hand ganz sacht in seine Hände. “Carina, quäle dich nicht! Wenn du jetzt nicht über deine Gedanken und Gefühle reden kannst, ist das völlig okay. Wir haben viel Zeit. Irgendwann wird der richtige Zeitpunkt kommen, und dann kannst du auch mit mir über das reden, was dich bedrückt. Ich will nicht in dich dringen, jetzt nicht und später ebenso nicht! Ich werde dir immer wieder Gelegenheiten anbieten, dich mir mitzuteilen. Mit der Zeit wirst du die Erfahrung machen, dass es dich erleichtert, wenn du deine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringst. Aber den Zeitpunkt und den Inhalt bestimmst du selbst. Bitte, Carina, schließe jetzt einmal deine Augen.”

Zögernd folgt sie seiner Bitte. Was hat er jetzt mit ihr vor? Ihre Gedanken wirbeln herum. Sie hört seine ruhige, freundliche Stimme: ”Spüre jetzt einfach mal nur deine Hand, Carina. Sei ganz sicher, es geschieht dir nichts. Deine Hand liegt zwischen meinen Händen, sicher, geborgen und warm. Ich halte sie ganz behutsam, ohne Druck. Ich manipuliere nicht an ihr herum, ich quetsche sie nicht, ich biege sie nicht. Ganz behutsam halte ich sie in meinen warmen Händen. Du kannst deine Hand jederzeit bewegen, sie auch heraus ziehen aus meinen Händen. Mache dir das einfach nur bewusst. Ich lade dich morgen wieder ein, deine Hand in meine Hände zu legen, ohne jeden Zwang.”

Carina spürt tief in sich die Botschaft seiner Worte: So behutsam wie er ihre Hand hält, so sicher und sanft hält er zur Zeit die ganze ängstliche Frau in seiner Obhut. Sie versteht diese Geste als eine Ermutigung, ihm zu vertrauen. Schließlich öffnet sie ihre Augen und begegnet seinem verständnisvollen Blick. “Danke”, flüstert sie, “es tut mir leid…”

“Nichts muss dir leid tun, Carina”, antwortet Ramon. “Alles ist in Ordnung, so wie es ist. Deine Zartheit, deine Angst, der scheue Blick deiner Augen – all das bist auch du – ein liebenswertes Wesen in einer herausfordernden Welt, das nach und nach die Erfahrung machen will, dass man auch Männern vertrauen kann. Ich werde dabei dein Lehrer sein, Carina.
Vertrauen… das wird eins deiner Hauptthemen sein in unserem Miteinander in der Ausbildung. Du wirst viel Zeit dafür haben. Aber jetzt ist erst einmal genug geredet! Was hältst du davon, wenn wir etwas zusammen singen?”

Mit diesen Worten setzt er sich ans Klavier und spielt das Lied    “Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud”. Gemeinsam singen sie noch einige Advents- und Weihnachtslieder, die Carina so mag, dass sie  sich nach und nach etwas entspannen kann.

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Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

Einen frohen und schönen ersten Advent wünscht euch, liebe Gäste,
eure Miriam

52. Reicht das Vertrauen zum Fesselspiel? (2)

Bei Joel – eine Herausforderung und Chance für Maris Vertrauen

Mari hatte sich durchgerungen, sich von Joel im Rahmen ihrer Vertrauensspiele die Hände fesseln zu lassen, aber in dem Moment, wo sie auf dem Rücken liegend die Hände nach hinten ausgestreckt hatte und er sich mit dem Seil näherte, bekam sie ein so heftiges Angstgefühl, dass sie sich schnell wieder aufsetzte.  „Entschuldige bitte – bitte entschuldige! Ich kann nicht!“ rief sie aufgeregt.

„Was würde dir helfen, Mari?“ fragte er ruhig.
„Ich habe solch eine Angst“, antwortete sie, „ich weiß auch nicht! Ich war ja schon froh, dass ich bis hierhin gekommen bin, aber als ich dann das Seil in deiner Hand sah, ist mein Körper einfach zusammengezuckt.“
Er hielt ihr seine linke Hand hin. „Das macht gar nichts, Mari.“ sagt er ganz sanft. „Leg dich einfach wieder hin, und gib mir deine Hände.“ Seine warme Stimme verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie schaute ihn an, legte sich wieder hin, und reichte ihm ihre Hände.
Er ergriff sie mit einer Hand und drückt sie, um ihr Halt zu geben und ihr zu zeigen, dass er verstand, was in ihr vorging.
Dieser Händedruck fühlte sich tröstlich an und trug dazu bei, den angstvollen Druck, unter dem sie stand, ein wenig zu mildern. Als sie langsam ausatmete griff er ihre Hände fester und sie sah, das Seil in seiner anderen Hand. Wie im Zeitlupentempo lief diese ganze Situation in ihrer Wahrnehmung ab.
So, jetzt ist es soweit, ich will jetzt nicht noch mal zurück zucken, sagte sie sich mit aller Entschlossenheit, die sie aufbieten konnte.

In dem Moment führte er die Hände über ihren Kopf. Sie atmete ganz schnell und nahm ihre ganze Kraft zusammen, um nicht aufzugeben.
„Ganz ruhig, Mari“, hörte sie seine Stimme wie aus weiter Ferne, „das machst du gut!“
Ihre Hände lagen nun fast über ihrem Kopf, was ein so intensives Gefühl von Wehrlosigkeit auslöste, dass sie wie automatisch die Arme doch wieder zurück zu ziehen versuchte. 
Ihr Meister hielt leicht dagegen.
„Vertrau mir, Mari“, sagte er leise. 
Und wieder war es sein Zuspruch, der ihr half, den Widerstand aufzugeben ihm ihre Arme zu überlassen.
„Ja“, sagte sie, ich will dir ja auch vertrauen…“
„Sehr gut Mari“, bekräftigte er und versicherte ihr nochmals: „Ich werde dir nichts tun! Du kannst mir ganz sicher vertrauen.“ Und sie spürte nun auch seine rechte Hand an ihren Händen. 
Mehrmals atmete sie schnell ein und aus und konzentrierte sich darauf, ihre Hände hinten zu lassen, obwohl etwas in ihr es anders wollte.“
„Tief und langsam atmen, Mari, ganz ruhig, du machst das toll!“ 
Sie atmete etwas langsamer und tiefer und schloss die Augen.
„Sehr gut Mari,“ sagte er wieder und wickelt das Seil um ihr linkes Handgelenk. 
Sie begann, etwas zu zittern, ließ die Hände aber nach hinten gestreckt. Dann wickelte er das Seil auch um das rechte Handgelenk. Jetzt war das Gefühl, gefesselt zu sein deutlich spürbar.

Mari redete sich in Gedanken gut zu: Er hat gesagt, er macht keinen Knoten. Er hat gesagt, wenn ich Stopp sage, löst er das Seil…
Sie nahm wahr, wie Joel es  ein zweites Mal um die Handgelenke wickelte, und tatsächlich keinen Knoten machte. Durch das zweimalige Umwickeln fühlt es sich allerdings schon ziemlich deutlich fixiert an.

„Ganz ruhig weiter atmen, Mari“, sagte er und zog seine Hände weg. „Da ist kein Knoten, wie versprochen!“
Es gelang Mari jetzt jedoch nicht, ruhig zu atmen. Sie fragte sich, ob sie sich wirklich daraus lösen könnte, denn es fühlt sich gar nicht so an, obwohl kein Knoten da war. Heftig kämpfte sie mit ihrer Angst. Aber sie wollte nicht aufgeben und von ihrem „Stopp“ Gebrauch machen.
Joel, der ihre innere Anspannung wahrnahm erklärte ihr mit ruhiger Stimme: 
„Das Seil ist nicht verknotet, es soll sich nur so wie gefesselt anfühlen, aber Mari, du hast die ganze Zeit die Kontrolle, und auf dein Zeichen hin könnte ich dich in einer Sekunde befreien.“
„Würdest du das auch tun?“
„Aber sicher“, entgegnete er gelassen, „jederzeit!“
„Gut! Das hilft ein bisschen, danke, dass du das so deutlich sagst.“ antwortete sie noch immer angespannt sehr nervös.

Entspannt lag ihr Meister ganz dicht neben ihr. Eine Hand hatte er ihr auf den Bauch gelegt.
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf diese Hand.. Sie lag ganz ruhig dort, direkt auf der Mitte ihres Bauches. Das löste ein beunruhigendes Gefühl in ihr aus.
Warum er wohl seine Hand dorthin legt? fragte sie sich. Hoffentlich lässt er sie dort liegen…
Nun begann er auch noch, ihr T-Shirt leicht nach oben zu schieben.
„Nein! Bitte nicht! Ich will das nicht!“ rief sie laut.

Sofort zog er das Shirt wieder herunter und nahm die Hand weg.
Erleicht holte sie wieder Luft, und ein bisschen unangenehm war es ihr, dass sie fast ausgeflippt wäre.“
„Alles gut, Mari, wenn du Stopp sagst, ist sofort Stopp! Das hast du richtig gemacht, Mari!“ bestätigte er ganz ruhig und deutlich.
„Was wolltest du denn mit mir machen? fragte sie noch immer sehr aufgeregt. Sie fühlte sich halb wie in einem Film gefangen.
„Ich wollte nur deinen nackten Bauch streicheln, mehr nicht. Ich dachte, etwas Berührung, während du gefesselt bist, könnte vielleicht angenehm sein.“
„Ich dachte, du wolltest das T-Shirt ausziehen, entschuldige bitte“, erklärte Mari.
„Nein, so weit wollte ich nicht gehen“, antwortete Joel.

Er lächelte sie an und streichelte ganz sanft ihr Gesicht, fuhr zart über ihre Wange und legte dann seine Hand sanft darauf und ließ sie dort liegen.
Das fühlte sich gut an. Jetzt konnte sich Mari etwas beruhigen und ein paar tiefe Atemzüge nehmen
„Ja, so ist es gut, tief atmen, Mari.“ bestätigte er sie.
Sie gab ihre Wange ganz bewusst in seine Hand hinein, und es fühlte sich an, als würde sie darin Halt und ein Stück… Geborgenheit finden. Sie konzentrierte sich ganz auf diese Empfindung und blendete den Rest ihres Körpers fast aus dabei. Ganz ruhig hielt Joel seine Hand wie beschützend an ihre heiße Wange. 

Und wieder sagte er wie in einer sanften Hypnose zu ihr: „Das machst du sehr gut Mari, alles ist gut.“
„Jetzt bin ich bereit dafür, dass du meinen Bauch streichelst, aber bitte wirklich nur den Bauch, sagte sie mit neuem Mut.“
„Das verspreche ich dir“, sagte er und legte seine Hand wieder auf den Bauch – erstmal noch auf dem T-Shirt. 
Sie spürte, wie ihre Anspannung unwillkürlich wieder stieg und sie die Luft anhielt.
„Ruhig weiter atmen“, sagte er. Dabei hob und senkte er die auf dem Bauch liegende Hand im Rhythmus ihres Atems und wurde dann ganz allmählich, fast unmerklich, nach und nach langsamer.
Maris Atmung passte sich seiner Hand an und wurde dadurch ruhiger und langsamer.
„Sehr gut Mari“, sagte er leise.
Als sie sich mehr und mehr entspannte, begann er, ihr das T-Shirt ein wenig nach oben zu schieben.
Dabei wurde ihr bewusst, wie viel Widerstand diese kleine Handlung auslöste. Aber sie entschied  jetzt bewusst, sich diesem an getriggerten Abwehr-Automatismus nicht unterwerfen zu wollen
Ganz behutsam schob ihr Meister, der ihren inneren Kampf wohl bemerkte, das Shirt nur ein klein wenig höher… bis über den Bauchnabel.
Sie hielt die Luft an, und als sie merkte, dass er es nicht weiter zog, atmete sie langsam wieder aus.

Sanft legte er seine Hand auf ihren nackten Bauch. Ihre gesamte Aufmerksamkeit war nun auf dieser Gegend gerichtet und sie beobachtete gebannt, was geschah, um gegebenenfalls schnell reagieren zu können.
Aber… bisher ist alles in Ordnung, stellte sie fest.
Seine Hand blieb ganz ruhig und sanft auf ihrem nackten Bauch liegen.
Und wieder sprach er ihr beruhigend zu: „Sehr gut Mari, tief atmen…“
Langsam entspannte sie sich wieder.
„Das hast du gut gemacht, Mari“, flüsterte er, nahm die Hand weg und zog ihr das T-Shirt wieder herunter.

Mari, die noch darauf gewartet hatte, dass er sie auf dem Bauch streicheln würde, war erleichtert, dass diese angespannte Situation sich nun auflöste.
In diesem Moment begann ihr Meister, das Seil zu lösen und es ganz zu entfernen. Als es weg war, legte er sich wieder neben sie und sagte er lächelnd: „Das hast du sehr, sehr gut gemacht Mari. Ich freue mich über dein Vertrauen, das dich so viel Kraft gekostet hat. Das Spiel ist vorbei.“

Erleichtert atmete sie tief auf, setzte sich hin, und würde Joel jetzt am liebsten umarmen.
Dieser lag noch und fragte: „Hey, bekomme ich jetzt eine Umarmung?“
Sie rutschte wieder ein bisschen tiefer und erwiderte: „So gerne, die hatte ich mir jetzt auch gewünscht!“
„Na dann…“ lachte er und breitete seine starken Arme aus.
Sie ließ sich hinein fallen in seine Arme, und er drückt sie fest an sich.

„Na das war doch sehr aufregend!“ begann er einen Austausch über das Erlebte.
Und wie das aufregend war“, bestätigte sie, und empfand es als sehr wohltuend,  jetzt von ihm so festgehalten zu werden, auch wenn sie beide auf dem Sofa lagen, was ihr bis vor kurzem noch ein wenig  unheimlich war.
„Ich bin ehrlich gesagt froh, dass es jetzt vorbei ist“, gab sie zu.
Joel hielt sie fest an sich gedrückt. „Du warst sehr mutig Mari. Wirklich, alle Achtung! Und dass du nun erstmal froh bist, dass es überstanden ist, das ist doch nur zu verständlich!“
„Na ja, mutig… findest du? Auch wenn ich zwischendurch wieder zusammengezuckt bin? Ich fand mich gar nicht mutig, ich musste manchmal richtig gegen meinen Körperangst-Automatismus kämpfen. Es war schon ziemlich herausfordernd und manchmal auch ein bisschen schlimm, z.B. als der Meister das T-Shirt begonnen hat hoch zu schieben.“
„Naja, es war ja schon auch eine sehr besondere Situation“, meinte Joel verständnisvoll, „so gefühlt hilflos zu sein… Da ist es schon auch ganz normal, dass man unsicher ist. Aber du hast dich darauf eingelassen, und du hast es zulassen können, dass er dein Shirt hochschieben konnte, etwas, das gerade dann, wenn man gefesselt ist, sich schon irgendwie gefährlich anfühlen kann.
Aber es war nicht gefährlich nicht wahr? Er hat genau das gemacht, was er angekündigt hatte. Er ist an keiner Stelle weiter gegangen, als er es dir zugesagt hatte, und er hat sofort gestoppt als du Nein! gesagt hast, richtig?“
Erleichtert antwortete Mari: „Danke, dass du mich so gut verstehst, Joel, und das nicht bagatellisierst. Es tut so gut, sich verstanden zu fühlen!“
„Ich verstehe dich. Er hat dich ganz bewusst gefordert in dieser Situation.“
„Ja, es stimmt, er hat sich an alles gehalten, nur dass er mein T-Shirt hoch geschoben hat, das war nicht ausgemacht, das hat mich einen Moment lang richtig in Panik versetzt, aber ich war froh, dass er auf mein Nein gleich reagiert hat.“
Nachdenklich antwortete Joel: „Nun, etwas musste er machen, damit du die Erfahrung machen konntest, dass dein „Nein“ sofort berücksichtigt wird. Und dazu musste er dir einen Anlass geben, damit du die Gelegenheit hattest, Nein zu sagen. Dabei hast du die Wehlosigkeit besonders deutlich gespürt und dass er es auch sofort berücksichtigt, wenn du etwas nicht willst. „
„Ach so, deshalb… Naja, und er hat ja auch nicht gesagt, dass er alles, was er tut, vorher ankündigen wird…“ fiel Mari ein, „aber ich habe mich in dem Moment wirklich sehr hilflos gefühlt!“
„Ja, die Wehrlosigkeit zeigt sich ja erst wirklich, wenn etwas passieren könnte. Also musste er zumindest etwas andeuten, wenn auch etwas eher Harmloses, welches durch die Situation aber deutlich ernster wirkte.“
„Stimmt“, bestätigte Mari, „in dieser Situation fühlt man sich gleich doppelt und dreifach verletzlich! Na ja es war ja auch nicht ausgemacht, das alles vorher angekündigt werden würde, aber das hochschieben des Tops hat in mir Alarmglocken schrillen lassen!“
„Du solltest die Wehrlosigkeit spüren – allerdings kombiniert mit dem Wissen und der Erfahrung, dass dir nichts passieren wird.“
„Dieses Wissen ist in solchen Momenten, wenn plötzlich so eine Angst losgeht, wie nicht mehr verfügbar“, erklärte Mari.
„Ja“, bestätigte Joel, „das sollte ja auch einen inneren Alarm auslösen. Du solltest für dich prüfen, wie sehr du ihm vertrauen kannst.“
„Und jetzt bin ich wohl durchgefallen? Weil ich gleich stopp gesagt habe…“

„Aber nein, du hast ihm ja sogar eine zweite Chance eingeräumt, dass er etwas nackte Haut auf deinem Bauch berühren konnte. Das war sehr mutig! Das wichtigste ist, dass du die Erfahrung gemacht hast, dass dir nichts Schlimmes passiert, selbst wenn du gefesselt bist.“
„Ja, das stimmt, ich habe es bewusst geschehen lassen, und in allem, was war, konnte ich die Erfahrung machen, dass er sich an die Absprachen hält. Er hat dann sogar die Situation mit der Hand auf dem Bauch nur sehr kurz gehalten, da war ich froh!“

„Ja“, lächelte Joel, „du sollst ja Vertrauen gewinnen, daher wollte er dich schon auch ziemlich herausfordern , aber dir gleichzeitig eben auch zeigen, dass er stets deine Gefühle berücksichtigt und dass dir nichts Schlimmes geschieht.“
„Das war schon eine ziemlich intensive Lektion!“
„Ja, und du hast sie gut gemeistert“, sagte er und drückte sie noch einmal fest an sich.

„Danke, Joel, dass ich mit dir darüber noch sprechen kann – jetzt hinterher – das hilft mir, das alles noch besser zu verarbeiten und einzuordnen… Hmm… Wollen wir jetzt unsere Sekt austrinken? Jetzt kann ich ihn, glaube ich, besser genießen als vorhin…“

„Ja gern“, sagte er, holte die Gläser und sie stießen noch einmal gemeinsam an.
„Auf diese ganz besondere Erfahrung“, sagt Mari.
„Auf deinen Mut!“ lächelte Joel.

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

51. Reicht das Vertrauen zum Fesselspiel? (1)

Bei Joel – eine Herausforderung und Chance für Maris Vertrauen

Das muss wohl irgendwie ein  besonderer Abend werden, dachte Mari, als Joel mit zwei Gläsern Sekt aus der Küche kam. 
„Oh, gibt es etwas zum Feiern?“ fragte sie.
„Nein, aber es könnte heute prickelnd werden“, sagte Joel – und dann: „Das Spiel beginnt.“
„Prost Mari,“ sagte er, nun bereits in seiner Meisterrolle, und stieß mit ihr vorsichtig an.
Auf dem Tisch stand eine Schachtel, die er nun an sich nahm. Mari hatte sich schon gefragt, was es damit wohl auf sich hatte, und was er damit gemeint hatte, dass es prickelnd werden könne.
Gespannt schaute sie ihn…
Er öffnete die Schachtel und zog langsam ein rotes Seil heraus.

Vertrauen1Mari bekam einen Verdacht…
Mit großen Augen schaute das Seil, als hätte er eine giftige Schlange hervor gezogen.
Ihr Meister nickte: „Ja heute wird es um dein ganzes Vertrauen zu mir gehen, Mari.“

Unruhig geworden erwiderte sie: „Sag mir bitte, dass ich jetzt eine falsche Assoziationen habe…“
Er schüttelte den Kopf: „Nein, dieses+ Mal hast du die richtige Assoziation, ich möchte dich fesseln, nur ein wenig, aber so, dass du deutlich spürst, dass du die Verantwortung abgeben musst.“
Mari stand auf und ging im Zimmer umher. „Was meinst du mit nur ein wenig?“
„Ich werde dir nur die Hände fesseln“, erklärte er, „und das auch nur leicht. Es geht mir heute mehr um das Gefühl des Gefesselt-seins, als darum, dich wirklich fest und unlöslich zu fesseln. Ich werde nicht einmal einen Knoten verwenden.“
„Ehrlich gesagt das macht mir Angst, ziemliche Angst sogar!“ gab sie zu.
„Mari, es wird dir nichts Schlimmes geschehen dabei, versicherte er ihr, als sah, wie ihr Gesicht hektische rote Flecken bekam. “ Was hältst du jetzt erst einmal von einer Umarmung, damit du dich ein wenig beruhigen kannst?“
Als sie seinen Vorschlag mit einem „Oh ja, bitte!“ annahm, ging er zu ihr und nahm sie fest in seine Arme. Dabei spürte er, wie sie am ganzen Körper bebte.
Lange und fest hielt er sie in seinen Armen, um ihr Halt und Sicherheit zu vermitteln.
Er wusste, dass allein schon das Wort Fesseln Angst in ihr auslöste, und wollte ihr durch die Umarmung Kraft geben. Ganz fest hielt sie sich an ihm.
„Alles gut“, versicherte er ihr. „Mari, du vertraust mir doch, oder? Du weißt, dass ich nichts tun würde, was du nicht willst, oder?“
„Ja, grundsätzlich glaube ich schon, dass ich dir vertraue, aber die Situation… Ich bin mit dir hier ganz alleine, und ach ich weiß auch nicht… Mensch, das fühlt sich einfach schlimm an!“
„Was fühlt sich denn so schlimm an, Mari?“ fragte er vorsichtig.
„Na, dann bin ich ja wirklich wehrlos!“
„Ja“, bestätigte er, „aber sowie du „Stopp“ sagst, würde ich sofort das Seil lösen. Das könnte dir sogar selbst gelingen, denn ich werde, wie gesagt, nicht mal einen Knoten machen.“
„Theoretisch könntest du aber dann plötzlich doch einen Knoten machen… Entschuldige bitte, ich weiß auch nicht warum ich das jetzt gesagt habe.“
„Ja, du müsstest dich auf mich verlassen… Zweifelst du an mir Mari?“ fragte er und schaute sie aufmerksam an.
„Der größte Teil von mir zweifelt nicht, aber einen kleinen Teil, einen kleinen Rest gibt es wohl schon, der zweifelt, sonst wäre mir wohl der Gedanke gerade nicht gekommen.“
Joel nickte. „Hm, ja, das kann ich mir gut vorstellen. Und ja – ich könnte dann durchaus einen Knoten machen, aber… glaubst du, dass ich das würde? Na all dem, was wir beide bereits miteinander erlebt haben?“
„Nein, das will ich nicht glauben!“
„Dann vertrau mir Mari, und ich werde dir zeigen, dass du mir zu Recht vertraust. Dies wäre eine Erfahrung, die dich in deinem Vertrauen sehr stärken würde. Möchtest du dich darauf einlassen? Ich tue es nur, wenn du dazu  bereit bist.“

Maris Herz klopfte heftig, Sie kämpfte einen inneren Kampf mit sich.
Joel ließ ihr Zeit. Es war wichtig, dass sie diese Entscheidung in Ruhe und ohne Druck treffen konnte. Schließlich hatte sie sich durchgerungen: „Okay, ich versuche es!“

„Prima Mari! Lass uns uns gemeinsam auf das Sofa setzen.“
Als sie sich gesetzt hatten, sagte er: Zieh bitte deine Strickjacke aus, es ist warm hier, und ich werde dicht bei dir liegen , damit du meine Nähe immer spürst.“
Beunruhigt frage Mari: „Bist du sauer auf mich oder enttäuscht, dass es diesen Restzweifel in mir gab? Entschuldige bitte die Frage, aber das muss ich wissen, bevor wir so etwas machen.“
„Aber nein“, beruhigte er sie, „ich möchte dir nur eine Gelegenheit geben, die dir hilft, dass dieser Restzweifel sich auch auflösen kann.“
„Gut okay“, antwortete Mari, „ich habe zwar noch Angst aber ich will mich darauf einlassen.“
Während sie ihre Jacke auszog sagte er: „Das freut mich, Mari, und ich hoffe sehr, dass ich dir zeigen kann, dass das Vertrauen, das du mir allein schon mit dieser Bereitschaft entgegenbringst, gerechtfertigt ist.“
Sie nickte und schluckte nervös. „Ich hoffe, es geht…“

„Nun leg dich auf den Rücken Mari“, sagt er mit ganz sanfter und ruhiger Stimme.
Oh je, das fühlte sich so schwer an… Sie sagte sich in Gedanken: Ich will jetzt vertrauen, ich will jetzt vertrauen…
Ganz dicht saß er  bei ihr, um ihr Geborgenheit zu vermitteln.
Sie nahm aufgeregt die Beine auf die Couch, streckte sie der Länge nach aus, und saß nun schon mal in der richtigen Richtung auf der Couch aber noch in aufrechter Position.
Joel setzt sich in der gleichen Position direkt neben sie, was sie irgendwie als hilfreich empfand.
Nach einem kleinen Weilchen ging sie tiefer und stützte sich auf die Unterarme. 
Interessiert nahm sie wahr, dass er es ihr gleich tat, als würde er sie spiegeln.
Nun fehlte bis zur Liegeposition nur noch ein kleines Stückchen, sie lag ja schon halb, aber die Überwindung, ihre Unterarme nun auszustrecken und sich ganz hinzulegen, fiel ihr jetzt ganz schwer.

Da legt Joel sich selbst komplett hin. Ganz dicht neben ihr lag er nun auf dem Rücken.
Sie nahm einen tiefen Atemzug und machte es ihm schließlich nach. In der Nähe lag ein Kissen, das sie sich unter den Kopf zog. Soweit – so gut… dachte sie und hielt die Luft an. Wie würde es jetzt weiter gehen?

„Tief atmen,“ sagte ihr Meister, der immer noch neben ihr lag und atmete selbst ganz tief ein und aus. Nach und nach fiel sie in seinen Atemrhythmus mit ein, und langsam beruhigte sie sich etwas. Wie gut es doch tut, dass er neben mir liegt, dachte sie.
„Sehr gut, Mari,“ sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich weiß, das ist eine Herausforderung für dich, aber du machst das sehr gut.“
„Danke, dass du mich so gut verstehst“, antwortete sie und fühlte sich etwas leichter.

Nun hob er seine Arme und streckte sie nach hinten über den Kopf aus.
Mari überlegte, ob das wohl eine unausgesprochene Aufforderung sei, das gleiche zu tun, wartete allerdings erstmal ab, ohne es zu nachzumachen. Aber sie hatte richtig vermutet…

„Mach es genau so wie ich, Mari“, wies er sie an, „streck deine Arme über deinen Kopf nach hinten aus.“
Sie zögerte… Und hob dann schließlich auch die Arme über den Kopf, obwohl ihr diese Position gar nicht behagte. Wie sie schon vermutet hatte, drehte sich Joel nun zu ihr, nahm das Seil, und gerade als er ihre Handgelenke berühren wollte, ging ein Zucken durch ihren Körper hindurch. Alles in ihr zog sich zusammen, und sie setzte sich wieder auf.
„Entschuldige bitte – bitte entschuldige! Ich kann nicht!“ rief sie aufgeregt.

Ob es ihr wohl doch noch gelingen wird, Joel so weit zu vertrauen, dass sie ihm die Hände zum Fesseln überlässt?

Geschrieben von Rafael und Miriam
Übermorgen wird das Kapitel fortgesetzt. 

 

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21. Ein Ritual für´s innere Kind

Bei Mari – Eine Erfahrung von Geborgenheit

„Ich möchte heute etwas für dein inneres Kind tun, Mari,“ sagte Joel, der für Mari wieder die Rolle des Meisters eingenommen hatte nach seiner Begrüßung zu Mari, die er zuvor angewiesen hatte, heute ihr liebstes Stofftier auszuwählen und im Wohnzimmer bereit zu halten. Sie hatte sich darüber gewundert und sich für ihren alten Stoffaffen entschieden, der schon als Kind ihr Gefährte war. Nun saß dieser auf  ihrem Regal. Joel nahm mit ihr auf der Couch Platz. Gespannt sah Mari ihn an. Was würde nun kommen?

„Nimm bitte dein Äffchen und setze es zwischen uns – hier auf das gelbe Kissen, Mari.“
Sie folgte wortlos der Anweisung ihres Meisters. Joel lächelte.

„Lass uns zur Einstimmung ein paar Töne summen.“ Leise begann er zu summen und Mari verlor ihre anfängliche Scheu und summte mit. ALs die Töne verklungen waren, sagte Joel: „Stell dir jetzt vor: dieses Tierchen bist du, noch genauer: Es sitzt hier stellvertretend für dein inneres Kind. Erinnere dich daran, wie du früher genannt wurdest, vielleicht gab es ja einen Kosenamen, eine Abkürzung oder Abwandlung deines Namens und sprich ihn damit an. Sag: „Du bist jetzt…“

„Linchen,“ flüsterte Mari bewegt.

Joel berührte das Äffchen mit einer liebevollen Geste. Der Zauber dieses Abends begann. Mari setzte ihren Gefährten aus der Kinderzeit auf das Kissen vor sich und sagte zu ihm: Du bist jetzt ich als das kleine Linchen.

Dann bat Joel Mari, zu dem alten Stofftier, das sie nun als „Linchen“ begrüßt hatte, in der Weise zu sprechen, wie sie es sich gewünscht hätte, dass man als Kind zu ihr gesprochen hätte. Sie sollte ihm alles sagen, was sich das kleine Mädchen von damals, das noch heute mit all den alten Gefühlen in ihr lebte, gewünschte hätte zu hören.

Mari überlegte einige Augenblicke lang. Dann begann sie leise zu dem Affen zu reden: „Liebes kleines Linchen, du bist ein so wertvolles Wesen, alles an dir ist richtig. Ich habe dich lieb genauso wie du bist. Du brauchst dich um niemanden zu kümmern, außer um dich selbst. Trau dich, all‘ deine Wünsche zu äußern. Das darfst du!  Wenn ich sie auch nicht alle erfüllen kann, so dürfen sie aber doch da sein. Du kannst mir alles sagen, aber du musst es nicht. So wie du es machst, so ist es in Ordnung – immer! Ich sorge für dich! Du bist in mir ganz sicher… ganz geborgen und behütet…. Du bist ein so liebenswertes Mädchen, so zart – und manchmal auch so wild. Du darfst dich fühle, wie auch immer du dich fühlst. Du darfst auch wild sein… und neugierig! Auch das ist in Ordnung! Und du musst nicht bescheiden sein. Greif ruhig nach den Sternen. Du darfst alles wollen – und dein Wollen und Nicht-Wollen zum Ausdruck bringen. Ich habe dich so sooo lieb mit all‘ dem…“

Nachdem Mari alles gesagt hatte, was für sie wichtig war, vergingen einige Minuten liebevollen Schweigens, in denen die Worte im Raum ihres Herzens nachklangen. Sie spürte die Kraft, die von ihrem Herzen ausging, das das, was gerade geschah, in Liebe annehmen konnte. Joel begleitete sie in den Ritual still mit geschlossenen Augen und seinem offenen Herzen. Nach einigen Minuten bat er sie leise, nun in die Rolle ihres inneren Kindes zu schlüpfen und das kleine Mädchen von damals, das noch heute in ihr wohnte, zu Worte kommen zu lassen.

Und Mari wurde zu Linchen. Mit leiser, dünner Stimme sagte sie: „Ich habe immer so große Angst etwas falsch zu machen. Ich fühle mich oft so klein, so unzulänglich und unsicher. Dabei sehne ich mich danach, irgendwo ganz sicher zu sein, gehalten zu werden, ganz lange in liebenden Armen. Und dass jemand zu mir sagt: `Du musst überhaupt keine Angst haben… auch nicht fürchten, dass du was falsch machst. Du kannst sein wie du bist – wie auch immer.` Und ich möchte irgendwo bei einem  liebevollen Menschen geborgen und gut aufgehoben sein, der so stark ist, und so lieb, dass ich nie wieder Angst haben muss… Ich will nicht mehr dauernd überlegen müssen, was richtig ist was falsch, was ich sagen darf und was nicht, und ob ich vielleicht irgendetwas Wichtiges versäumt habe oder was gemacht habe, was jemanden nicht gefällt oder traurig macht. Ich will endlich die Angst los sein, immer irgend etwas falsch zu machen… Dieses Hin- und Her-denken, ob alles, was ich gesagt und getan habe in Ordnung war, ist so quälend. Jeden Tag überlege ich, ob alles okay war, ob ich nichts falsch gemacht habe. Und ich bekomme so schnell ein schlechtes Gewissen, was mich plagt. Ich wünsche mir, dass jemand, dem ich glauben und vertrauen kann, zu mir sagt: „Es ist alles in Ordnung. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, nie, nie mehr…“

Tränen rannen über ihr Gesicht, und heftiges Schluchzen ließ ihren Körper erbeben. Joel rückte  nahe an sie heran, schaute sie kurz fragend an – und auf ihr Nicken hin nahm er sie in den Arm während sie weinte. All den angestauten Druck konnte sie an seiner Schulter herausbringen. Und sie dachte in diesem Moment nicht darüber nach, ob das so in Ordnung wäre oder nicht… Sie war das kleine Mädchen, das das zum Ausdruck brachte, was es fühlte – hemmungslos – unkontrolliert…

Er streichelte dabei sanft ihren Kopf und ließ sie spüren, dass er annahm, was sie ihm offenbarte. Eine lange Weile saßen sie so beieinander. Als ihr Weinen langsam nachließ, sprach er zu ihr wie zu einem Kind:

„Du Liebes, es ist gut – alles ist gut.
Auch deine Tränen sind willkommen.
Hier mit mir, in diesem geschütztem Raum, darfst du einfach so sein wie du bist.
Du musst nicht mehr darüber nachdenken, was richtig und was falsch ist, denn es gibt gar kein falsch.
Du darfst alles sagen und zeigen, was du fühlst.
Ich mag dich so wie du bist! Immer – ganz egal, was du tust oder nicht tust!
Ich mag dich, auch wenn du einen Fehler machst!
Ich mag dich, auch wenn du eine Regel brichst…
Ich mag dich unabhängig von dem, was du sagst oder tust.
Ich mag dich immer – so wie du bist!“

Bei diesen Worten begannen ihre Tränen erneut zu fließen – sie drückten das aus, was ihrer tiefsten Sehnsucht entsprach – endlich angenommen zu sein – sogar von einem Mann. Diese Sicherheit hatte ihr ihr Vater niemals vermitteln können und auch kein anderer Mann bisher in ihrem Leben. Vorsichtig öffnete das innere kleine Mädchen von Mari ihr Herz.

Wieder sagte Joel: „Ich mag dich so wie du bist, darauf kannst du dich immer verlassen, kleines Linchen, immer!“

Nahezu fassungslos schaute sie ihn mit tränennassen Augen an. Er nickte und erwiderte ihren Blick offen und liebevoll.

Dann sagte er leise zu ihr: „Und jetzt gehe mit deinem Bewusstsein wieder in die erwachsene Mari hinein. Schließe deine Augen und stell dir vor, wie du das kleine Linchen in dich hinein nimmst und es mit deiner ganzen Liebe erfüllst. Vielleicht magst du das mit einer kleinen symbolischen Geste auch richtig tun. Und dann stell dir vor, wie du es in deine Liebe einhüllst wie mit einem wunderschönen Licht – bis es strahlt, bis es das glücklichste Kind ist, dass du dir nur vorstellen kannst. Dabei kannst du ihr noch einige liebe Worte sagen, die dir jetzt besonders am Herzen liegen.“

Mari schloss ihre Augen und stellte sich tief in ihrem Inneren sich selbst vor, wie sie als kleines Mädchen war, legte sich die Hände auf den Bauch und ließ ihre Liebe wie einen Lichtstrahl, den sie sich vorstellte, durch die Bauchdecke hindurch strahlen….

Nach einer kleinen Weile begann sie zu lächeln. Dabei sagte sie zu Linchen leise:
“Du bist in mir ganz sicher, du mein kleines Mädchen.
Ich behüte dich und schütze dich so gut ich kann, und was ich nicht allein vermag, das kann eine größere Kraft, die in unserem Herzen wohnt.
Wir sind nicht allein.
Und du kannst ganz sicher sein: Ich liebe dich so wie du bist – immer!
Du mein kleines inneres wunderbares Mädchen, ich hab dich so lieb!“

Ganz ruhig wurde Mari bei den Worten, und diese liebevolle Ansprache für ihr inneres Kind, sowie ihre Liebe, die sie sich als einen Lichtstrahl vorgestellt hatte,  verliehen ihr eine friedvolle Kraft, die sich sehr gut anfühle. Schließlich öffnete sie ihre Augen. Als sie sah, dass Joel seine Augen noch geschlossen hatte, fühlte sie sich irgendwie beruhigt. Es war ihr angenehm, dass er sie während ihrer inneren Zwiesprache nicht beobachtet hatte. Sie empfand es als einen Ausdruck von Diskretion und Respekt ihr gegenüber.

Schließlich beendeten sie das Ritual, indem sie gemeinsam wieder einige Töne summten. Als der letzte Ton verklungen war, öffnete Joel die Augen, lächelte Mari an und meinte: „Jetzt würde ich dich gern noch ein wenig in meinen Armen halten, aber zuvor sollten wir deinem Äffchen noch ein gutes warmes Plätzchen bereiten. Entlasse ihn bitte aus der Rolle von Linchen, das ja in dir wohnt.“
„Du bist jetzt wieder mein Äffchen,“ sagte Mari lächelnd. „Mein Linchen wohnt in mir.“
Joel nicke holte aus einer Schublade eine buntes weiches Tuch und reichte es Mari. „Wie wär’s, wenn du deinen Freund jetzt mit seinem Kissen in die Sofaecke legst, und ihn vielleicht noch in dieses Tuch hüllst, um ihn richtig schön einzukuscheln?“

Mari folgte seiner Idee, legte ihren Affen auf das Kissen und drapierte das flauschige Tuch so um ihn herum, dass er gut eingekuschelt in der Sofaecke lag. Das behütete Bild, das daraus entstand, berührte ihr Herz und sollte sich tief in ihr Unterbewusstsein einprägen.

Es mutete sie seltsam schön an, mit Joel als ihrem Meister eine solch verspielte kindliche Erfahrung geteilt zu haben – auf seine Anregung hin! Das war ein ganz besonderer, zauberhafter Moment, als sie beide – ganz nah beieinander – dieses berührende Bild des wohlig eingekuschelten Stofftiers in sich aufnahmen. Joel ließ ihr Zeit, es in sich wirken zu lassen. Behutsam legte er seinen Arm um Mari, die sich ohne nachzudenken an ihn anlehnte und die Magie dieser ganz besonderen Situation tief einatmete…
In diesem Moment war ihre Angst ganz still und sie fühlte sich auf wundersame Weise geborgen…

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18. Bereitschaft… reicht aus

Bei Mari – 2.Teil der Übung Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Mari bewegte sich vorsichtig Schrittchen für Schrittchen mit verbundenen Augen durch ihr Wohnzimmer, wobei Joel in der Rolle des Meisters nur noch ein kleines Stückchen entfernt von ihr stand.

Wieder einmal machte sie eine Vertrauensübung mit verbundenen Augen. Es war nicht mehr so leicht wie beim ersten Mal, in denen es nur darum gegangen war, sich überhaupt erst einmal sitzend an den schwarzen Seidenschal vor ihren Augen zu gewöhnen. Sie erinnerte sich, wie schwer ihr das gefallen war. Und heute bewegte sie sich schon langsam durch den Raum damit nach den Weisungen ihres Meisters, der wieder einmal symbolisch die Rolle des Lebens für sie eingenommen hatte.

Ach, wenn sie doch jemals dieses Vertrauen fühlen könnte, das sie sich so sehr wünschte.

„Jetzt knie vor dem Leben nieder.“

Unsicher ging sie in die Knie – und in dem Moment, in dem sie fast umgefallen wäre, weil nichts zum Festhalten da zu sein schien, ergriff er ihren Arm und half ihr dabei nieder zu knien.

„Ich werde dir immer helfen, spätestens dann, wenn du spürst, es allein nicht zu schaffen. Und du darfst mich jederzeit um Hilfe bitten. Meine Hilfe wird zwar nicht immer genauso aussehen, wie du sie dir vorstellst, aber sie wird dir gewährt. Darauf kannst du vertrauen!“

„Danke, Meister!“

Sie spürte, dass etwas Weiches an der Stelle lag, an der sie sich nun nieder kniete, eine Decke… ein Kissen… Genau wusste sie es nicht, aber sie nahm wahr, dass er dafür gesorgt hatte, dass es nicht zu hart für sie wurde auf dem Boden. War das ein Symbol dafür, dass auch das Leben für sie sorgte, und alles so gestaltete, dass es nie zu hart sein würde, wenn sie ihm nur vertraute?

„So, und nun sprich mir nach – Satz für Satz, langsam und deutlich:

  • Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    „Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    Dabei fühle Mari sich klein – und das war in diesem Zusammenhang ein  erstaunlich angenehmes Gefühl. Sie brauchte sich nicht zu sorgen, das Leben sorgte für sie.

  • „Du führst, ich folge.“
    „Du führst, ich folge.“
    Auch das fühlte sich seltsam gut an – geborgen in einer größeren Macht…

  • „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    Tief atmete Mari ein – ach wenn sie doch sicher sein könnte,
    immer und überall Hilfe zu bekommen!

  • „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    Na ja, das ist eine ziemliche Herausforderung… dachte sie –
    aber es genügt, wenn ich es will, auch wenn ich es noch nicht ganz fühlen kann.

  • „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    Ach könnte ich die Liebe doch immer fühlen oder wenigstens darauf vertrauen,
    dass sie da ist, auch wenn ich sie gerade nicht wahrnehme…

  • „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    Das fühlt sich gut an… mit Unterstützung belohnt…
    Aber ob ich das immer kann? überlegte Mari

  • „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    Sie sprach es nach und dachte: Als ob er weiß, was ich eben gedacht habe…
    Es ist so erlösend und nimmt Druck, wenn die Bereitschaft ausreicht!

  • „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    Das gibt Frieden und Kraft!
    „Ja, ich bin bereit dazu…“ flüsterte sie noch einmal


    In diesem Moment fühlte sie, wie das Leben ihre Hände in seine großen warmen Hände nahm und wie es ihr half, sich zu erheben. Dann wurde sie in die Arme genommen und gehalten. Fest und innig umarmt stand sie nun aufrecht, sicher gehalten in den Armen des Lebens und nahm diese so deutlich spürbare Liebe wahr.

    „Atme die Liebe ein, Mari“, hörte sie die Stimme ihres Meister leise an ihrem Ohr, der als „das Leben“ zu ihr sprach. „Ja, so ist es gut. Gaaanz tief… Mit jedem Atemzug atmest du Liebe ein – jetzt hier in meinen Armen und auch sonst kannst du das tun – wo immer du bist.
    Du brauchst nur daran zu denken, bewusst Liebe einzuatmen, und schon ist es so.“

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17. Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Bei Mari – Hilfe kommt dann, wenn sie gebraucht wird

„So Mari, das Spiel beginnt. Setze dich jetzt auf den kleinen Schemel, den du bereits kennst.“

Überraschend wie meistens begann Joel das Rollenspiel, als er aus dem Badezimmer kam und das schwarz-bunte „Gewand des Lebens“ trug.

„Ich komme heute wieder als „das Leben“ zu dir und werde dir gleich die Augen verbinden. Das kennst du ja schon vom letzten Mal. Du hast zunächst nichts weiter zu tun, als einfach nur sitzen zu bleiben und das geschehen zu lassen. Dann wirst du weitere Anweisungen bekommen.“

Sie hörte wie er wieder hinter sie trat und leise zu summen begann – keine bestimmte Melodie, einfach nur Töne. Konnte das sein?! Ein Mann, der so zart summen konnte und das für sie tat…
Ihr Meister fand mit den Tönen einen Zugang zu ihrem gerade wieder so verletzlichen Gemüt… Im ersten Moment, als er ihr das schwarze Seidentuch umgebunden hatte, war sie verängstigt, wie letztes Mal auch. Doch dieser Schreck begann sich nun langsam sich zu lösen. Sie spürte seine warmen Hände auf ihren Schultern Mit sicheren, wohltuenden Bewegungen lockerte er ihre angespannte Körperhaltung. Ach, tat das gut! Wohlig seufzte sie leise auf. In diesem Moment hörte er auf zu summen und sprach zu ihr:

„Du wirst heute das Leben als deinen persönlichen Meister fühlbar mit deinen Sinnen erleben, Mari. Du hast dir ja neulich gewünscht, dem Leben öfter zu begegnen und zu lernen, ihm tiefer vertrauen zu können. Dein Wunsch ist wahr geworden! Steh auf und verneige dich vor deinem Meister, dem Leben.“

Gehorsam erhob sie sich und drehte sich um, da sie ihn noch hinter sich vermutete. Doch seine Stimme kam nun von woanders.

„Nein, da wo du dich hinwendest, bin ich nicht mehr. Ich bin stets unberechenbar. Dreh dich um in die Richtung, aus der du meine Stimme vernimmst.“

Langsam drehte sie sich soweit wie sie meinte, dass nun die Richtung stimmte.

„Ja,“ hörte sie ihn, „das ist fast richtig, ein kleines Stück noch nach rechts!

Sie folgte seiner Anweisung.

„Gut machst du das, Mari.“

Wie wohl ihr dieses kleine Lob tat! Daran merkte sie, wie unsicher sie sich fühlte, und wie hilfreich für sie die kleinste Bestätigung war.

„Weißt du noch, was du tun solltest?“

„Ja, Meister, ich soll mich vor dem Leben verneigen.“

„Sehr gut!“

Wieder spürte sie diese seltsame Freude über das Lob.

„Also nun – ich warte.“

Mari erschrak! Ach ja, sie sollte sich ja verneigen. Langsam beugte sie sich vor.

„Tiefer.“

„Ja, Meister!“

„Sehr gut! Nun richte dich wieder auf und komm näher.“

„Ja, Meister!“ Langsam ging sie vorwärts in die Richtung, in der sie ihn vermutete. Wie weit sollte sie gehen? Vorsichtig tastete sie um sich, damit sie nirgendwo anstieß.

„Deine Arme lässt du bitte unten. Du wirst dich nirgendwo stoßen! Sollte ein Hindernis im Weg sein, werde ich dich warnen.“

„Ja, Meister.“ Noch unsicherer als zuvor setzte sie langsam ihre Schritte vorwärts und blieb schließlich stehen.

„Komm weiter – noch näher – du bist noch nicht dort angekommen, wo ich es will.“

„Ja, Meister,“ flüsterte sie und ging weiter. Wie schwer fiel es ihr doch, die Arme nicht tastend um sich zu bewegen.

„Es fällt dir nicht leicht, mir zu vertrauen, nicht wahr?“

Sie schwieg, ganz mit der Bewältigung ihres Weges beschäftigt. Wackelig ging sie Schrittchen für Schrittchen vorwärts. So lang war ihr Wohnzimmer doch nie gewesen…“

„Du wirst es lernen! Das wird immer wieder einmal eine unserer Übungen sein – blindes Vertrauen.“ Seine Stimme klang ruhig und sicher.
Und irgendwie übertrug sich diese Sicherheit für einen kostbaren Moment auf Mari und und ein leises Lächeln flog über ihr Gesicht…

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