59. Erstes Spiel im neuen Jahr (2)

Bei Joel – das Spiel geht weiter

Joel hielt Mari, die er dicht neben sich gezogen hatte, auf der Couch fest umschlungen und flüsterte – bereits in seiner Rolle als Meister: „Nun bist du meine Gefangene! Na, wie fühlt sich das an?“
Mari , die sich sehr plötzlich in dieser „gefangenen Sitzhaltung“ wiederfand und dadurch etwas erschrocken war, konnte nicht gleich antworten.
Er wartete und zog sie noch fühlbar enger an sich heran. In seinen beiden Händen hielt er ihre Hände: den einen Arm vor ihrem Oberkörper, den anderen Arm hinter dem Rücken. Dabei hielt er ihre Hände so fest, so dass sich ihre Arme in der Tat fast bewegungsunfähig anfühlten.
Ihn so nah bei sich zu fühlen in dieser Haltung fühlte sich tatsächlich wie gefangen an – und löste ein ambivalentes Gefühl aus – einerseits war es aufregend und unheimlich, so hilflos zu sein, andererseits fühlte es sich gut an, seine Nähe so deutlich zu spüren. Dazu die Worte „eine Gefangene sein“… löste ein Kribbeln aus.
„Nun, Mari… ich warte auf deine Antwort. Wie fühlt sich das an?“
„Schaurig – aufregend – spannend…“ antwortete sie leise.
„Nun, dann wollen wir doch mal sehen, wie es meiner Gefangenen weiter ergeht…“ Mit diesen Worten stand er, sie weiter in den Armen festhaltend auf, so dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als an seiner Seite mit aufzustehen. Einen Moment lang stand sie von ihrem eigenen Arm, dessen Hand er in seiner hielt, fest umschlungen fest an seine Seite gedrückt neben ihm.
„Körbchen-Position nennt man das im Tanz“, erklärte er ihr.
Plötzlich zog er an einem Arm, ließ den anderen los und gab ihr an der Schulter einen deutlichen Impuls, so dass sie sich schwungvoll aus der eben noch dicht neben ihm stehenden Haltung ausdrehte und sich ihm gegenüber wieder fand – jetzt, nun mit weitaus größerem Abstand nur noch an einer Hand gehalten.
Er hielt sie so lange an der Hand fest, bis sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatte und sicher auf ihren Füßen stand. Dann ließ er sie los, ging drei Schritte zurück und betrachtete sie von dort aus.
„Du bleibst jetzt genau an dieser Stelle stehen – so lange bis ich dir etwas anderes sage. Und deine Arme verschränkst du hinter dem Rücken.“
Angespannt folgte sie seiner Anweisung.
„Gut, Mari.“
Er lächelte verhalten, kam auf sie zu und trat hinter sie.
Aufgeregt wartete sie ab. Was würde jetzt kommen?
Sie fühlte einen kleinen Druck seiner Hände auf ihre beiden Ellbogen, der die verschränkte Armhaltung noch etwas verstärkte. Das fühlte sich zwar unbehaglich an, aber nicht wirklich unangenehm.
Stille…
Er war immer noch hinter ihr…
Was würde jetzt kommen?
Aufgeregt hielt sie die Luft an.
Schließlich spürte sie, wie er seine Hände sanft auf ihre Schultern legte. „Ganz ruhig weiter atmen, Mari“, hörte sie seine Stimme leise an ihrem Ohr. „Du hast nichts weiter zu tun, als einfach nur wahrzunehmen, was du fühlst.“
Die Wärme, die aus seinen Händen strömte, tat ihr gut. Hörbar atmete sie aus.
„Ja, so ist es gut, entspann dich, auch wenn diese Haltung sich vielleicht gerade etwas unbehaglich anfühlen mag. Alles ist gut…“ Dann begann er seine Daumen mit sanftem Druck auf ihren verspannten Schultern zu bewegen. Dankbar nahm sie wahr, wie sich ihre Schultern dabei etwas lockerten. Auch ihre gefühlsmäßige Anspannung konnte sich dabei ein wenig beruhigen…

Schließlich trat er wieder vor sie, schaute ihr in die Augen und erklärte: „Du wirst weiterhin so stehen bleiben. Halte den Blickkontakt mit mir und nimm bewusst wahr, was in dir geschieht.“
Daraufhin ging er zwei Schritte rückwärts und sah sie von dort aus schweigend an.
Dieses Schweigen war schwierig für sie auszuhalten. Dabei fühlte sie die Anspannung der verschränkten Arme deutlicher als vorher.
Er wusste das und dehnte die Situation nicht allzu lange aus. Dennoch erschien es ihr sehr lang.
„Wie fühlst du dich?“ fragte er schließlich.
„Unbehaglich.“ Ihr Blick ging unruhig hin und her.
„Schau mich an, Mari.“
Sie erschrak. Stimmt ja! Sie sollte ja den Augenkontakt halten! Es fiel ihr jedoch schwer. Die Situation verursachte in ihr eine seltsame, unheimliche Stimmung.


Er trat wieder einen kleinen Schritt auf sie zu, legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es an, bis sie ihm wieder in die Augen sehen musste.
„Was wünschst du dir jetzt?“
„Dass ich meine Arme lösen darf“, antwortete sie.
„Du darfst deine Arme wieder lösen und dich ganz bequem hinstellen.“ Er lächelte. „Mari, du bist jetzt wieder frei!“
Erleichtert nahm sie eine angenehmere Körperhaltung ein.
„Das hast du sehr gut gemacht!“ Er breitete seine Arme aus. „Und nun komm her! Lass dich umarmen!“

Erleichtert ließ sie sich von ihm halten. Das tat sooo gut… fest und innig umschlungen hielt er sie lange in seinen Armen. Dann setzte er sich mit ihr auf die Couch, legte einen Arm um sie und flüsterte: „Das Spiel ist vorbei, Mari. Der Meister hat sich aufgelöst, und du sitzt jetzt hier mit Joel.“
Aufatmend schmiegte sie sich an ihn. So viel war ja eigentlich gar nicht geschehen, dennoch hatte sie das Gefühl, von einem anstrengenden Weg nach hause gekommen zu sein.
„Auch wenn wir rein äußerlich betrachtet gar nicht so viel getan haben, hat es wohl einiges in dir bewegt… Spüre ich das richtig?“ fragte er.
„Ja“, bestätigte sie. „Deine Worte am Anfang, dass ich nun deine Gefangene bin, und diese seltsame Armhaltung haben ziemlich intensive Gefühle in mir ausgelöst.“
„Ich sag es auch gern nochmal als Joel, damit es ganz deutlich in dir ankommt: Mari, du bist jetzt frei! Am besten sagst du es dir selbst auch noch mal.
Mari nickte zustimmend: „Ja, ich bin frei!“
„Und eigentlich warst du das die ganze Zeit! Denn dieses Spiel, wie alle unsere Spiele, spielst du freiwillig, aus deinem freien Willen heraus. Nur während des Spielens tritt dieses Bewusstsein in den Hintergrund. Und es ist die Aufgabe des Meisters“, er zwinkerte ihr zu, „genau dafür zu sorgen, dass du es für diese Zeit vergisst. Aber jetzt… denkst du noch an deinen Satz am Anfang des Spieles?“
Mari lächelte „Ja, ich will die Aufregung und die kleine Angst, die mit unseren Spielen verbunden ist, spüren, und ich will auch spüren, wie sie sich wieder löst. Ich glaube, deshalb spiele ich gern diese Spiele, weil diese liebevolle Führung des Meisters in herausfordernden Situationen und hinterher die Erlösung aus der Angst ein so intensives Gefühl auslöst.“
Joel nickte. Er verstand sie.
„Und warum spielst du diese Spiele?“ fragte Mari interessiert.
„Ich mag es, die Macht zu fühlen, die du mir als Meister gibst – und die Handlungen in dieser Machtrolle in all ihren Herausforderungen sowohl aufregend als auch liebevoll zu gestalten! Diese Balance auszuloten ist für mich die Herausforderung…“ antwortete er lächelnd.
„Ich wünsche mir, dass in dieser Weise das ganze Leben mit uns umgeht!“
„Ja, möge uns das Leben solche Herausforderungen bringen, die sich herrlich lebendig anfühlen und gut zu bewältigen sind, auf dass sich alle Ängste immer wieder liebevoll auflösen und auch in ungewissen Situationen immer mehr Vertrauen wachsen kann…“

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge



20. Eine utopische Heilungsreise: HEILENDE ENTWICKLUNGEN in GEBORGENHEIT

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Bevor Mari ihren heutigen Umschlag öffnete, sah sie träumend aus dem Fenster und versuchte sich vorzustellen, wie sich Carina fühlte, der es zunehmend gelang, immer mehr vertrauen zu können. Dann las sie:

Nach und nach fühlt sich Carina in dem Raumschiff immer wohler. Sie hat gelernt, sich auch in der Gruppe in dem ihr möglichen Maß zu öffnen. Zu René, dessen Funktion als Kommandant und Gruppenleiter in ihr immer mal wieder ambivalente Gefühle hervorruft, hat sie auch ein gewisses Maß an Vertrauen entwickelt, und sie weiß es inzwischen, dass auch er es mit jeder Frau an Bord wirklich gut meint – auch mit ihr. Dennoch berührt er mit seiner originellen, total unberechenbaren Art und Weise, die Dinge auf den Punkt zu bringen, immer wieder ihre alten Autoritätsängste. Im Geheimen ist sie froh, dass er nicht ihr persönlicher Meister ist. René schmunzelt, wenn er zuweilen einen ihrer fragenden nachdenklichen Blicke auffängt, denn er denkt: So soll es ja auch sein! Die absolute Vertrauensperson ist der eigene Meister. Er darf ruhig ab und zu mal einen kleinen Gegensatz spiegeln, und eine etwas unbeliebte Rolle einnehmen, um manche Schattenseite ans Licht zu bringen. Aber es ist für alle Frauen erkennbar, dass René seine Aufgabe mit großer Liebe erfüllt. Er schafft durch den ihm eigenen freundlichen Humor und durch seine originellen spielerischen Ideen eine freundliche Atmosphäre, einen Schutzraum für die verletzten inneren Kinder der Frauen hier an Bord. Mit liebevollen, versöhnenden Gesten und kleinen Überraschungen gestaltet er das Leben der Gemeinschaft an Bord lebendig und behaglich, so dass sich alle grundsätzlich wohl und geborgen fühlen.

Neben der “Gefühlsgruppe”, wie die Frauen die Gruppe nennen, die er anfangs mit etwas Widerstand seitens mancher Teilnehmerinnen ins Leben gerufen hat, organisiert er viele Nachmittage und Abende mit kreativen, gestalterischen Schwerpunkten, was den meisten Frauen, und auch Carina, viel Freude macht. Auch regelmäßige Treffen, wo gemeinsam gesungen und musiziert wird, tragen zu der inzwischen fast familiär gewordenen Gemeinschaftsatmosphäre bei.

Carina liebt das gemeinsame Singen. Die Meister haben so wohlklingende Stimmen, dass die Luft vibriert und die Herzen sich weit öffnen. Zuweilen singen sie auch spät abends, wenn die Frauen schon im Bett liegen, für sie Lieder, die die Gemüter beruhigen und tiefen Frieden für die Nacht verbreiten. Immer wieder ist Carina beeindruckt von der Liebe, die sie inzwischen von jedem Meister hier spürt. Manchmal findet sie es seltsam, dass es Verhaltensweisen der Meister gibt, von denen sie bisher dachte, so würden sich Männer nur Kindern gegenüber verhalten. Hier aber steht die Äußerung von zärtlichen, liebevollen Gefühlen überhaupt nicht im Widerspruch zu der männlichen Stärke – entdeckt Carina. Tief in ihren Herzen sind alle Frauen davon so berührt und beglückt, dass Stärke und Sanftmut, Kraft und Zärtlichkeit, Männlichkeit und Behutsamkeit sich so wunderbar verbinden  können.

Nie hätte sich Carina vorher träumen lassen, dass sie in dieser von ihr zuvor so gefürchteten Ausbildungsreise so viele tiefe, liebevolle Gefühle in sich selbst und in den anderen erfahren würde. Ihr Herz ist inzwischen voll Dankbarkeit. Und etwas schüchtern bringt sie diese Gefühle sowohl ihrem Meister als auch René gegenüber zum Ausdruck. Sie hat das Bedürfnis, den beiden Männern, vor denen sie anfangs eine so gewaltige Angst hatte, von der Veränderung ihrer Sichtweise zu erzählen. Natürlich wissen sie das längst, das ist auch Carina bewusst, aber es ist für sie selbst wichtig, auch diese schwer errungenen positiven Gefühle zu äußern. Und die beiden Meister teilen die Freude gern mit Carina.

Ein angenehmes, friedvolles Gefühl erfüllt sie. Über das, was später kommt, will sie jetzt nicht nachdenken. Sie schmust und kuschelt inzwischen gern mit Ramon und erfährt von ihm viel Neues, Interessantes aus anderen Welten und Dimensionen.

Voll Freude liest sie das aktuelle Röllchen:

Geliebte Carina, lass dich fallen 
in die Geborgenheit meiner Liebe.
Mehr brauchst du nicht zu tun.
In Liebe Ramon

Das fühlt sich so gut an! Sie spürt ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und wie gut es tut, einfach mal ohne viel Nachzudenken sich dem zu überlassen, was kommt…

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

24. Ambivalenz gehört zum Menschsein

Bei Joel – Achterbahn-Gefühle

An diesem Abend war Mari besonders aufgeregt. Was würde heute geschehen? Sie war bei dem voran gegangenen Treffen gefragt worden, ob ihr vor etlichen Wochen geäußerter Wunsch, ihre Angst  und vor Männern und vor erotischer Nähe abzubauen immer noch gültig sei. Sie hatte in sich hinein gespürt und wahrgenommen, dass sie diesen Weg sogar mit all der Angst, die damit verbunden war, weitergehen wollte – diesen Weg, der mit Spielen von liebevoll ausgeüber Macht gepflastert war – in denen Joel eine charismatische Meistergestalt einnahm.

Heute fand sie beim Eintreten ins Wohnzimmer zwei sich gegenüber stehende Stühle vor, und Joel erklärte ihr: „Ich dachte mir, heute redest du einmal nur mit dem Meister – ganz ohne irgendeine Aktion oder Aufgabe“ , sagte er und legt die Hände auf die Lehne des einen Stuhls. Mari war erleichtert. Also heute würde die Herausforderung noch nicht allzu groß werden… Sie war Joel dankbar, dass er ihr das schon vor dem Spiel sagte, so konnte sie jetzt etwas entspannter an dieses Gespräch mit dem Meister heran gehen.

Joel lächelte Mari an: „Setz dich auf einen der beiden Stühle, Mari, das Spiel beginnt.“

Mari nahm ihrem Meister gegenüber Platz. Dieser lehnte sich entspannt zurück, schlug die Beine übereinander und schaute Mari freundlich an. 

Wie meistens fiel es Mari schwer, das Schweigen auszuhalten. Würde er doch zu reden anfangen, das Schweigen ist so unbehaglich, dachte sie…

Sie musste nicht lange warten. Er eröffnete das Gespräch rückblickend auf das letzte Treffen mit den Worten: „Ich habe mich sehr über dein Ja in unserer letzten Sitzung gefreut!“

„Danke, dass du das sagst, allerdings ist es mir nicht ganz leicht gefallen“, bekannte sie leise.

Das glaube ich! Deshalb hat es mich um so mehr gefreut, weil ich weiß, dass es ein großer Schritt war.“

Mari freute sich über sein Verständnis und die Anerkennung. „Danke für dein Verständnis, Meister!“

Mit welchem Gedanken, bist du heute gekommen?“ fragte er sie, beugte sich etwas vor und lächelte sie ermutigend an.

Sie erzählte ihm von ihrer Angst, dass die Herausforderungen nach dem letzten Gespräch nun intensiver werden würden und sie die vor ihr liegenden Schritte, die sie näher an den Bereich der Erotik führen würden, fürchtete, obwohl sie sich das ja auch wünschte…

„Bisher sind wir doch mit kleinen, behutsamen Schritten vorwärts gegangen, oder?“

Mari nickte, ja das stimmte, und dennoch waren ihr selbst diese manchmal schwer gefallen.

„Warum sollte sich das künftig ändern?“ fragte er freundlich.

„Na, ich dachte, wenn jetzt diese Frage ausgesprochen wird , dann ist das wie…wie… als wenn jetzt die Hürden größer werden sollen, als würden ab jetzt Anforderungen kommen, die dadurch dass sie noch viel stärker in diese erotische Richtung gehen, für mich noch schwieriger werden, und es war bisher schon nicht leicht!“

„Nein, ich weiß, dass es nicht leicht war für dich, und ich möchte dir sagen, dass ich beeindruckt bin, wie du bisher deine Schritte gegangen bist! Ich werde darauf achten, dass – gerade auch wenn es in Richtung Erotik geht – die Schrittchen schön klein bleiben und möglichst immer machbar sind. Und wenn etwas nicht so geht, dann sagst du es mir und ich finde eine Alternative – so lange bis es geht. Na, wie klingt das?“

„Ich danke dir, für deine Zusage, und dass du das gemerkt hast, dass vieles nicht leicht war… Ich komme mir immer so dämlich dabei vor, wenn ich wieder Angst bekomme, obwohl ich es besser wissen müsste, aber das verselbstständigt sich dann immer irgendwie, da habe ich kaum Einfluss drauf“, erklärte Mari
 
„Du solltest nicht so streng mit dir sein Mari, ich finde es völlig ausreichend, wenn ich „streng“ mit dir bin“, sagt er mit einem lächelnden Augenzwinkern und malte zwei Gänsefüßchen in die Luft.
 
„Ich wollte dir ja nur erklären, was in mir vorgeht, eigentlich bin ich nicht streng zu mir, sondern eher manchmal verzweifelt“, erklärte sie traurig.
 
„Du hast dich gerade dämlich genannt“, machte er ihr bewusst, „das ist kein liebevoller Umgang mit dir selbst. Das wichtigste ist, dass du einen liebevollen Umgang mit dir findest, nur dann kannst du auch gut den liebevollen Umgang anderer annehmen.“
 
Betroffen schaute Marie auf den Teppich. Ja, damit hatte der Meister recht. Das war ihr gar nicht aufgefallen, und sie sagte: „Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst.“
 
„Ich finde, du solltest dich bei dir selbst entschuldigen, Mari. Sei sanft mit dir und nimm dich mit allem, was du fühlst, liebevoll an.“

Obwohl sich das seltsam anfühlte, sprach Mari mit sich selbst: „Entschuldige Mari, es tut mir leid, dass ich dich gerade dämlich genannt habe. Ich meinte das eigentlich gar nicht so und will künftig besser darauf aufpassen, wie ich mit spreche.“

Bestätigend nickte Joel ihr zu. „Das war gut und wichtig!  Du hast dich gerade selbst verletzt, und auch wenn es sich etwas seltsam anfühlt, sich bei sich selbst zu entschuldigen, hilft dann. Denn so kannst du es gleich wieder ausgleichen. 
Du solltest stolz auf dich sein, Mari, auf deinen Mut, und deine Entschlossenheit! Kannst du mir sagen, dass du mutig bist?“

Obwohl es ihr etwas schwer fiel, sprach sie es aus: „Ja, Meister ich bin mutig“

„Das ist viel hilfreicher, als wenn du dich herab würdigst. Da ist doch Energie drin!“ lobte er sie.

„Danke, Meister, ich weiß, Mut ist nötig, wenn man eine Angst auflösen will, und da ich jedoch nicht fühlen kann, dass ich mutig bin, muss ich es mir eben immer wieder einmal sagen.
 
Fühlst du es nicht? Fühlst du nicht die Kraft in dir? Die Kraft die dich neulich hat Ja sagen lassen, die Kraft die dich heute hier her geführt hat?“
 
Mari überlegte und suchte nach Kraftmomenten… Schließlich meinte sie: „Neulich konnte ich die Kraft für einen Moment spüren, kurz bevor ich ja gesagt habe, heute habe ich wieder mehr die Angst gespürt auf dem Weg hierher…“
 
„Aber du bist den Weg gegangen!“ Also war die Kraft größer als die Angst! Und auch der Mut war größer als die Angst! Das verdient Anerkennung – auch von dir!“
 
Mari überlegte… „Das ist seltsam, klingt logisch, und dennoch fühle ich diese Kraft eigentlich gar nicht so bewusst. Aber sie mussja da sein, sonst wäre ich nicht hergekommen… Da hast du recht!  Was könnte ich nur tun um sie stärker spüren zu können?“
 
„Nun, zunächst solltest du dir bewusst machen, wie viele Entscheidungen du triffst und bereits getroffen hast, zu denen Mut gebraucht wird, und sie auf diese Weise aufmerksam wahrnehmen.
In dir steckt ein großer Wunsch, eine tiefe Sehnsucht, ein zentrales Bedürfnis, und das verleiht eine sehr große Kraft. Daran solltest du denken, wenn du dich schwach fühlst… und an all die Dinge, die du schon getan hast, von denen du gedacht hast, du könntest es nicht. Auch hier steckt so viel Kraft drin, so viel Entschlossenheit!“
 
„Okay, ich werde versuchen daran zu denken, wenn ich wieder Angst bekomme.“
 
Also, mutige Mari, was ist eine positive Erinnerung, wenn du an Erotik denkst?“

Uff! Mari überlegte… das war ja gerade das Problem, dass sie bisher kaum positiven Erfahrungen damit gemacht hatte… aber… 
„Hmm, ich kann es als schön empfinden wenn ich mich selbst berühre“, bekannte sie. „Ich glaube das ist auch was, was zum Thema Erotik dazu gehört, obwohl es mir sehr peinlich ist, das auszusprechen.“
Oh ja, das gehört dazu,“ bestätige ihr Meister, „und das ist nichts Peinliches! Du sagtest, du kannst es als schön empfinden, Was meinst du damit genau, Mari“

Na, das sind angenehme Gefühle – Gefühle, die sich lebendig anfühlen – und ich bin dabei frei , und keinem Mann ausgeliefert!“ Marie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und fühlte sich  unbehaglich.

„Und doch möchtest du diese Gefühle auch mit einem Mann erleben, einem Mann, der dominant ist“, stellte ihr Meister lächelnd in den Raum.
 
„Ich weiß, das ist ein Widerspruch, und dennoch ist es so. Das ist ja das Verrückte, das ich selbst nicht verstehe: Vielleicht möchte ich das auch nicht, vielleicht möchte ich diese Führung nur in anderen Themen erleben – so wie bisher. Manchmal ist ja in der Fantasie etwas ganz anders als in Wirklichkeit…
 
Wenn du diesen Widerspruch benennst – wie fühlt sich das für dich an?“
 
„Als sei etwas mit mir nicht in Ordnung. Wie kann ich etwas wollen und gleichzeitig nicht wollen?!“
 
„Nun, wann immer du feststellst, dass du es nicht möchtest, bitte ich dich, es mir zu sagen.“
 
Da bin ich erstaunt, das sagst du mir??? Das darf ich? Innerhalb dieser Spiele?“
 
Ja, Mari., das darfst du! Ich möchte dich führen und dich nicht zu etwas zwingen. Und was deinen inneren Widerspruch anbelangt…“
 
Marie kamen die Tränen vor Erleichterung. Diese Worte berührten sie tief.
 
Ich erwarte von dir zwar eine Form von Unterwerfung, sonst hätte unser Miteinander hier im Aspekt der von dir gewünschten Machtspiele ja keinen Sinn, aber nur bis dorthin, wie weit du gehen willst und kannst.“ 
 
„Danke Meister, ich werde mein Bestes tun!“
 
„Das weiß ich, und das spüre ich, Mari.“ Joel lächelte, „Und was nun diesen von dir angesprochenen Widerspruch anbelangt – ach weißt du, Mari… schon der alte Goethe wusste um die zwei Herzen in der Brust. Ambivalenz ist etwas ganz Menschliches. Hilfreich ist es, wenn man sich der verschiedenen Stimmen in sich selbst bewusst ist und beide Seiten annimmt, sie im besten Fall als die gegensätzlichen Pole eines gemeinsamen Themas ansieht.“
 
Maris Augen wurden heller. „Das tut ja vielleicht gerade gut!!! Wenn es mir so geht wie Goethe kann ich ja gar nicht so verkehrt sein. Dieser Widerspruch in mir zwischen Angst vor Autorität und gleichzeitiger Affinität dorthin begleitet mich tatsächlich schon seit meiner Kindheit, und ich habe oft gedacht mit mir stimmt irgendetwas nicht… Dieses Macht-Thema hat mich nie losgelassen.“
 
„Viele sehen in der Macht auch eine besondere Form von Erotik. Es ist folglich verständlich, dass auch für dich hier eine Verbindung besteht. Wie die aussieht, das werden wir gemeinsam herausfinden.“
 
Bei diesen Worten spürte Mari wieder deutlich, wie sich die Seite der angstvollen Aufregung meldete und ihr fiel nichts ein, was sie darauf sagen konnte.
 
„Ich freue mich drauf! Und das Spiel ist jetzt beendet“, sagte Joel lächelnd.

Mari atmete auf. „Ich fühle mich wie in der Achterbahn, Joel!“

Wie viel leichter es sich doch für sie anfühlte, mit Joel außerhalb der Meisterrolle zu sprechen. Und dennoch… sie hätte es vermisst, dem Meister, der er für sie verkörperte, nicht mehr zu begegnen.

„Und fühlt sich das eher angenehm oder eher unangenehm für dich an?“
 
„Weder noch, irgendwo dazwischen… ziemlich lebendig einerseits und beängstigend andererseits“, antwortete sie. „Ach, Joel, könntest du mich vielleicht, wenn du das auch magst, mal in den Arm nehmen?“
 
Joel lächelte: „Das mache ich liebend gern!“ Er stand auf und umarmte sie.
„Hmm, Mari, gönne dir ruhig das Lebendig-sein. Das ist doch etwas sehr Wertvolles!“
 
Marie hielt sich einen Moment ganz fest an Joel, so als wenn sie gerade in dieser Achterbahn saß, und etwas zum festhalten brauchte. Und er hielt sie ganz fest, um ihr den Halt zu geben, den sie jetzt brauchte…
 
Geschrieben von Rafael und Miriam – vielen Dank für die gute Zusammenarbeit! 

–>  Zum nächsten Kapitel:   25. Bei Angst um eine Umarmung bitten

 
 

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