Auf den Flügeln des Unbegreiflichen

Wo Sehnsucht ist, existiert auch die Kraft zur Erfüllung.
Liebe ist hinter der Sehnsucht – immer –
und SIE findet ihren Weg –
wodurch auch immer
und wann auch immer.

Schmerz ist der Preis, den die Angst vor der Liebe kostet,
aber SIE breitet immer wieder ihre Flügel aus
zur stillen Einladung, dass wir uns von IHR tragen lassen
in den inneren Frieden jenseits aller äußeren Geschehnisse,
der wie ein Sprungtuch ausgebreitet ist
und uns auffängt,
wenn wir uns aus den Gebäuden und Mauern des Verstandes
FALLEN LASSEN
hinein in das ZULASSEN des UnbegreifLICH(T)en
.

Liebe

7. Eine utopische Heilungsreise: FURCHT UND Erleichterung

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Mari freute sich morgens schon immer darauf, ihren nächsten Umschlag zu öffnen. Sie steckte sich das heutige Schokoladentäfelchen in den Mund, trank Tee dazu und las gespannt wie es Carina weiter erging im Raumschiff mit ihrem Meister…

Am Morgen nach dem überraschend schönen Nikolaustag wird Carina zu René, dem Kommandanten, bestellt. Nervös läuft sie in ihrem Zimmer auf und ab. Um 11 Uhr soll sie sich bei ihm melden, sie hat noch eine halbe Stunde Zeit. Bisher ist sie ihm möglichst aus dem Weg gegangen, nachdem sie von ihrer Zimmernachbarin schlimme Gerüchte über ihn gehört hatte. Natürlich dämmert es ihr   inzwischen, dass dieser Wahrheitsgehalt sehr fraglich ist, aber der Schreck, den ihr dieses Gespräch versetzt hatte, sitzt noch immer in ihr. Meister René ist ihr irgendwie unheimlich. Dazu kommt seine Autoritätsfunktion als Kommandant. Sie hatte schon immer Angst vor Autoritäten. Was wird er nur von ihr wollen? Hatte sie sich etwas zu Schulden kommen lassen? Ob es um ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft in den ersten Tagen geht? Oder ob doch noch ihre Fluchtgeschichte geahndet werden soll? Ihr Gedankenkarussel dreht sich immer heftiger… Dann fällt ihr Blick auf ihren Adventskalender, und sie befördert folgende Botschaft zu Tage:

Liebe Carina,
Du brauchst dich vor nichts und niemanden zu fürchten.

Du bist hier ganz sicher und gut aufgehoben.
Und wenn du Sorgen hast: Ich bin immer für dich da.
In Liebe Ramon

Ramon würde es nicht zulassen, dass ihr etwas Schlimmes geschieht. Etwas getröstet macht sie sich auf den Weg zu René. Der empfängt sie mit den Worten: “Na, da kommt ja unsere kleine Ausreißerin.” Angstvoll schaut Carina ihn an. Also geht es doch noch einmal um ihren Fluchtversuch. Aber wie ist dann das Lächeln in seinen Augen zu verstehen?

“Carina, du bist nun eine Woche hier, und ich freue mich, dass ich gestern zum ersten Mal ein Lächeln in deinem Gesicht gesehen habe. Ich weiß, du hast es in den ersten Tagen recht schwer gehabt. Die erste Woche war dazu da, dass jede Schülerin erst einmal mit ihrem persönlichen Ausbilder etwas vertraut wird. Ich weiß, dass es unter den Frauen einige sehr beängstigende Gerüchte gibt, was die Meister und besonders mich anbelangt. Nachdem ihr nun alle Gelegenheit hattet, eure Meister etwas kennenzulernen, ist es an der Zeit, dass ihr auch mich, euren Kommandanten und Gruppenleiter ein wenig kennenlernt, um euch selbst ein Bild zu machen, ob ihr hier bei mir im Raumschiff gut aufgehoben seid oder nicht. Dazu werde ich jede einzelne Schülerin nach und nach zu einigen Gesprächen zu mir bitten, damit wir miteinander vertrauter werden. Wenn ich dich also bitte, zu mir zu kommen, Carina, hast du keinerlei Grund, irgend etwas Negatives zu befürchten.”

Verlegen schaut Carina ihn an. Steht ihr ihre Angst so deutlich im Gesicht geschrieben?

René bietet Carina einen Tee an und bittet sie, ihm etwas über sich, vielleicht auch über ihr bisheriges Leben auf der Erde, zu erzählen. Egal was… das, was ihr gerade einfällt.

Nach der ersten Beklommenheit und Unsicherheit erzählt Carina zögernd von ihrer Familie, ihrem Beruf, der ihr viel Freude gemacht hat, und von ihrer kleinen Wohnung, die sie allein bewohnt. Während sie erzählt, erwacht das Heimweh wieder in ihr.

René legt seine Hand auf ihre Schulter und sagt tröstend: “Du wirst das alles wieder bekommen, Carina, und dann wirst du es noch viel mehr genießen können. Wie gut, dass deine Flucht nicht geglückt ist, denn dann hättest du dich wohl für eine längere Zeit nicht nach hause zurück getraut. Die Zeit hier wird schnell vergehen und angefüllt sein mit vielen interessanten, erfüllenden Erfahrungen. Du wirst zunehmend mehr Sicherheit bekommen und diese dann in dir tragen, wenn du nach Hause zurückkommst. Ganz sicher bringe ich euch wieder heim zur Erde – darauf gebe ich dir mein Wort!”

Nach diesem Gespräch fühlt sich Carina etwas erleichtert. Sie spürt, an den Gerüchten ist keinerlei Wahrheit. Eine leise Stimme in ihr flüstert: ‘Jemand, der so liebevolle Nikolausbilder verschenkt und der jeder Frau eine Gelegenheit einräumt, ihn kennenzulernen und sein Interesse und Mitgefühl zeigt, kann wohl kaum ein Sadist sein.’
Die andere Stimme der Angst mahnt jedoch: ‘Sei auf der Hut, du hast gehört, erst tun sie freundlich, und dann lassen sie ihre Maske fallen.’
Welcher Stimme soll sie Glauben schenken?
Wieder erinnert sie sich an die Worte Ramons: ‘Du kannst nur glauben, was mit deinen Erfahrungen übereinstimmt. Die mit der Zeit gemachten Erfahrungen werden dir helfen, dich nach und nach sicherer zu fühlen.’

Hatte nicht René so etwas ähnliches gesagt?

Auch an diesem Tag macht Carina nur noch angenehme Erfahrungen. Das Schönste ist eine von Ramon angeleitete Meditation, in der sie sich im Licht und Schutz ihres eigenen Herzens wiederfindet und tiefen Frieden und Geborgenheit spürt.

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

Frieden tief innen (nicht nur) zum zweiten Advent…

(Nicht nur) zum zweiten Advent
wünsche ich uns den tiefen Frieden,
den nur die Stille kennt…

der nur innen zu finden ist,
unabhängig von allem, was im Außen ist,
von toller Freude bis hin zum größten Mist…

den Frieden zwischen den Worten,
und zwischen allen Orten,
den Frieden zwischen den Gedanken,
die so schnell hin und her doch schwanken
den Frieden zwischen den Gefühlen,
die ja oft auch einen Streich uns spielen…



den Frieden zwischen zwei Kerzen,
den Frieden in und zwischen Herzen,
den Frieden, der in allen Zwischenräumen zu hause ist,
der keinen von uns jemals vergisst,
der darauf wartet, von uns eingeladen zu werden
dann verbreitet er sich ganz von allein auf Erden…

DEN Frieden, der uns findet,
wenn es uns gelingt, ganz ruhig zu werden,
und unabhängig von allen Beschwerden
das Rennen und Suchen sein lassen,
um uns von ihm finden und umarmen zu lassen….

Lassen wir uns von ihm erfüllen
und von ihm unsere Sehnsucht stillen.

Und während wir die Kerzen betrachten wie ein Kind,
und von ihrem Zauber ergriffen sind,
er zwischen den Lichtern der Kerzen schwebt
und uns eine Brücke zu ihm nach Hause webt…

Einen zauberhaften zweiten Advent,
in dem wir uns geborgen fühlen
in einem Frieden, der uns
für einen magisch ausgedehnten zeitlosen Moment
berührt und still werden lässt,
wünscht dir, und uns allen

Miriam

37. Hände verschmelzen – Umarmung genießen

Bei Mari – Fortsetzung von Wie durch eine besondere Art des Strafens Vertrauen wachsen kann

Mari und Joel, der für sie wieder die Rolle des Meisters angenommen hatte in ihrem jetzt gerade begonnenen Spiel saßen sich gegenüber.
„Bereit zu unserer Übung?“ frage Joel.

„Ja, Meister“, antwortete Mari entschlossen.

„Also, ich möchte, dass du gleich deine Hände in meine legst, deine Augen schließt und sie dann wieder öffnest, wenn du findest, dass es der geeignete Moment dafür ist. Okay, Mari?“

„Also irgendwann, wenn ich das so empfinde…“

„Du bestimmst den Moment, Mari.“

„Okay“, sie rutschte mit ihrem Stuhl noch etwas näher an Joel heran und legte ihre Hände in seine. Er nahm sie ganz sanft auf. Dadurch, dass sie die Augen geschlossen hatte, spürte sie seine Hände, die ihre behutsam und ohne Druck hielten, besonders deutlich. Das war ein angenehmes Gefühl… Fast war sie erstaunt über sich, wie gut sich das anfühlte. Und sie spürte auch, dass sie mit den geschlossenen Augen im Moment eine Art Unbefangenheit hatte, die es ihr leichter machte, die Wärme seiner Hände und das angenehme Gefühl, das sie dabei empfand, bewusst wahrzunehmen.
Diese ruhigen, Wärme ausstrahlenden Hände vermittelten ihr einen Eindruck von Sicherheit und Geborgenheit, von Schutz und Wärme…
Das Gefühl, das durch die Hände ausgelöst war, übertrug sich auf Maris gesamte Persönlichkeit. Es fühlt sich an, als würde er mich annehmen und halten – nicht nur meine Hände, sondern mich als ganze Mari, dachte sie.

Joels Atem ging ruhig und tief, sie konnte ihn hören und fühlen. Wie von selbst übernahm Mari seinen Atem-Rhythmus, und sie beide atmeten miteinander entspannt, langsam und in Ruhe. Als sie sich dessen gewahr wurde, sagte sie innerlich „Ja“ dazu und nahm ganz bewusst die Verbundenheit wahr, die durch die gehaltenen Hände und den gemeinsamen Atemrhythmus entstanden war. Ohne nachzudenken, gab sie sich ganz in diesem Moment hinein. Die Frage, wann sie die Augen wieder öffnen sollte, trat in den Hintergrund. Es war, als würden die Hände mteinander verschmelzen – sie spürte nicht mehr, wo ihre Hand aufhörte und seine anfing. Von Joel ging eine tiefe Ruhe aus, die sich auf sie übertrug.

Kurz drückte er ihre Hand ganz sanft etwas nur zusammen, nur um ihr mit diesem ganz minimalen Druck zu vermitteln, dass alles gut war, dass er sie ganz bewusst hielt und dies so lange andauern durfte, wie sie es entscheiden würden.

Diese besondere Art der Verbundenheit vermittelte Mari Geborgenheit und ein unendliches Wohlgefühl. Sie verlor jegliches Zeitgefühl und tauchte ein in ein Meer von Frieden, in dem sich ihr wundes Gemüt ausruhen konnte.

Wie lange verweilte sie bereits in diesem Meer von Frieden? Sie wusste es nicht…
Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit über diese wertvolle Erfahrung durchströmte sie jetzt spürte sie den Impuls von innen, die Augen wieder zu öffnen.

Sie blickte auf Joel, der mit geschlossenen Augen ganz ruhig ihr gegenüber saß.
So schloß sie ihre Augfen noch einmal – es war so schön… Einen Moment lang wollte sie dieses weiche friedvolle Gefühl noch auskosten.
Als sie die Augen dann wieder öffnete, waren auch Joels Augen offen und er schaute sie sanft an.
Ihr Blick versank in seinen Augen und ihr wurde bewusst, dass sie heute den Blickkontakt halten konnte, ohne dass es ihr unbehaglich war, von ihm angeschaut zu werden.

Er lächelte ganz sanft und milde und nickte ihr anerkennend zu.

Spontan lächelte sie zurück.

„Das war wirklich sehr besonders, Mari“, sagte er leise zu ihr.

„Darf ich etwas sagen, Meister?“

„Das Spiel ist beendet“, jetzt darfst du alles sagen, fragen und tun, was du möchtest“, lachte Joel

„Da war zum ersten Mal ein Gefühl von wirklichem Vertrauen in mir, das entstand aber erst jetzt während du meine Hände hieltest, das war einfach so stützend, wärmend und schön… danke!“

„Ja, das habe ich gemerkt. Darüber freue ich mich. Und du hast nicht einfach nur an irgendeinen Moment die Augen geöffnet, sondern es war ein für uns beide total stimmiger und sehr kostbarer Moment“, bemerkte Joel.

„Ja, so habe ich es auch empfunden – als eine sehr kostbare Erfahrung… so als würden unsere Hände ineinander schmelzen, ich finde nicht die richtigen Worte, aber so ähnlich.

„Ja, es war ein unglaublicher Moment der Verbundenheit, weil uns das Vertrauen verband.“

„Ich möchte dir von Herzen danken, Joel, dass du diesen Weg mit mir gehst durch alle die Unebenheiten und mir immer wieder andere Gelegenheiten gibst, mich neu zu erfahren,“meinte Mari bewegt.

„Es war auch für mich eine sehr schöne Erfahrung, eine solche Verbundenheit zu spüren, Mari, so etwas gibt es nicht so oft,. Es war ein sehr schönes Erlebnis , ich danke dir!“

„Könnten wir uns jetzt noch einmal umarmen?“ fragte sie vorsichtig.

„Aber ja, gerne!“ Joel stand auf und breitete seine Arme aus, von denen Mari sich umfangen und halten ließ. Und sie genoss es – fühlte seine Nähe auf eine so wohltuende Weise, in einem Gefühl von Frieden , wie sie es vorher noch nie gehabt hatte. Diesmal flossen keine Tränen. Er atmete tief ein und drückte sie sanft an sich. Und noch einmal atmeten beide in einem gleichen Rhythmus, und während sie vorsichtig ihren Kopf bei ihm angelehnte, nahm sie seinen Herzschlag wahr. Wie gut diese Nähe tut, dachte Mari erstaunt… Gans sacht legte er seinen Kopf auf ihren, nur mit einem Hauch von Berührung, so dass sie die Position ganz leicht hätte ändern können, wenn sie das gewollt hätte – aber sie wollte es nicht!
Es ist schön, dachte sie und drückte ihn erstmalig auch ein bisschen an sich.

„Joel,“ flüsterte sie, „das ist so schön…“

An diesem Tag war für Mari eine Tür aufgegangen…

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

32. Eine heilende Übung (2) – Verletzung und Größe

Bei Joel: Mari spricht mit ihrer Sportlehrerin in ihrer inneren Welt

Maris Körper saß mit geschlossenen Augen entspannt, sicher und gemütlich in einem bequemen Sessel, während ihr Geist sich mit Joel, der wieder die Rolle des Meisters einnahm,  auf einer inneren Reise befand…
Nachdem sie sich mit der Kraft der Natur-Elemente gestärkt hatte und dadurch immens gewachsen war, begleitete ihr Meister sie durch eine Tür, die in eine Sporthalle hinein führte.
„Ich bleibe die ganze Zeit dicht an deiner Seite, versicherte er ihr. Du bist nicht allein bei allem, was du jetzt erlebst!“ Sanft legte er eine Hand auf ihre Hände, die beim Anblick der Turnhalle zu zittern begannen, damit sie seine Präsenz auch körperlich deutlich spüren konnte.

„Mari, du bist immer noch sehr groß – gestärkt durch die Natur-Elemente so groß, dass du fast an die Turnhallendecke stößt. Alles unter dir ist ganz klein, so wie aus Lego-Steinen erbaut.“

Marie roch diesen typischen Turnhallen Geruch, der sie sofort an all die schwierigen Situationen in der Turnhalle ihrer Vergangenheit erinnerte.

„Atme tief Mari. Atme die Kraft  der Sonne, des Waldes, des Windes und des Wassers“, flüsterte Joel ihr zu.

Mari versuchte den Turnhallen-Geruch durch den Duft des Waldes zu ersetzen und spürte ein Gefühl der Stärke aufgrund ihrer magischen Größe. Ihr Kopf befand sich unterhalb der Turnhallen-Decke. Sie schaute von dort oben hinab und alles sah wie eine Spielzeug-Landschaft aus – weit weniger bedrohlich als früher…

Plötzlich sah sie sich selbst , die Sportlehrerin und die Klasse von oben, wie sie da unten herumliefen:
„Heute hier in dieser Größe bist du ganz sicher“, erklärte ihr Joel. „Alles in dieser Halle sieht wie Spielzeug aus, weil du längst darüber hinausgewachsen bist. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast, und gebe dir Schutz und Sicherheit.“
Ihr Meister war in ihrer Vorstellung noch größer als sie selbst und sie nahm in Gedanken seine Hand, die er sofort sowohl im Geist als auch real fest umschloss.

Es fiel Mari nicht leicht, bei dieser Vorstellung ihrer Größe zu bleiben – ihre Gefühle sprangen hin und her.

„Atme in deinen Bauch hinein – tief und tiefer. Hier kann dir nichts und niemand mehr etwas tun. Ich stehe direkt neben dir, damit du noch mehr Kraft hast. Schau, wie klein sie sind… Die Lehrerin scheint irgend etwas zu rufen, doch du kannst nichts hören, sie ist einfach zu klein.“ Ganz sanft, aber deutlich fühlbar drückte der Meister Maris Hand.

Die Sportlehrerin saß mit ihrer Trillerpfeife auf der Bank in ihrem blauen Trainingsanzug und pfiff. Das konnte Marie allerdings nur sehen und nicht hören.

„Ganz ruhig und tief atmen, Mari. Schau dir deine Lehrerin an, wie klein sie ist, wie winzig…“

„Wie sie da auf der Bank sitzt, wirkt sie richtig ein bisschen in sich zusammengesunken“, stellte Marie erstaunt fest.

Jetzt stand Frau Schmidt (Name wurde geändert aus Datenschutzgründen) von der Bank auf und reckte sich… Marie erschrak und drückte fest die Hand des Meisters.

Er drückte sie auch etwas stärker als davor, um ihr Halt und Kraft zu geben. „Komm, wir beugen uns ein bisschen zu ihr herunter“, schlug er vor. „Schau sie dir genau an. Sie kann dir nichts mehr tun, gar nichts!“

Der Schreck, den sie eben bekam, als Frau Schmidt aufstand, legte sich wieder etwas.

„Siehst du wie harmlos sie ist, du könntest sie geradezu aus der Halle pusten. Aber vorher… möchtest du ihr etwas sagen?“

„Ja, ich habe ihr etwas zu sagen,“ antwortete Mari. „Hallo Frau Schmidt, hier bin ich, Mari, und hier können Sie mir nichts tun! Und hier bin ich nicht allein, mein Meister ist bei mir… Ich habe ihnen viel zu sagen. Jetzt setzen Sie sich mal auf die Bank und hören mir zu!“

„Du siehst, wie sie erschrickt. Sie zuckt zusammen, und setzt sich zögerlich auf die Bank.“ Joel drückte wieder Maris Hand, und Mari ließ nun ihren Gefühlen freien Lauf:

„Es war so schlimm, es war so schlimm, es war so schlimm – der Sportunterricht bei ihnen in all den Jahren! Er hat mir die Freude am Sport genommen. Nein, Quatsch, er hat erst gar keine Freude aufkommen lassen! Sie haben mir jegliche Lust an Bewegung, an Neugier, an Spiel und sportlicher Gemeinschaft genommen. Sie haben mir mit ihren Beschimpfungen und mit ihrer lauten Trillerpfeife so oft furchtbar viel Schrecken verursacht! Sie haben mich beschämt und vor allen anderen lächerlich gemacht – nicht nur mich auch andere, aber mich ganz besonders, weil ich so zart und klein war… Ich habe ihre Verachtung gespürt mit ihren furchtbaren Bemerkungen. Und sie haben mir nicht nur die Lust am Sport unmöglich gemacht, sondern haben mit ihren Beschämungen meinen Körper und meine Gefühle übelst verletzt!“

„Das machst du gut Mari, lass es raus, lass raus, was du schon immer sagen wolltest“, ermutigte sie Joel.

„So sehr verletzt, so sehr gedemütigt haben sie mich immer, immer wieder… so sehr beschämt und immer wieder rauf auf´s Schlimme! Ich habe mich gefühlt wie ein Wurm, den sie zertreten wollten!“

„Frau Schmitt sieht dich zitternd und beschämt an, siehst du das Mari? Sag ihr alles, was du sagen möchtest.“

 

Mit Tränen in den Augen sprach Mari weiter: „Und was das Schlimmste ist, ich habe mir immer wieder Mühe gegeben. Ich habe mein Bestes getan, was ich tun konnte. Ich habe auch in meiner Freizeit geübt, aber es hatte gar keinen Sinn! Es war vergeblich! Sie haben mich immer wieder niedergemacht, und daraus entstand das Gefühl, ich kann mich anstrengen, soviel ich will, ich bin einfach nicht veränderungsfähig – ein Gefühl, was sich auch auf anderes übertragen hat und mich auch in anderen Zusammenhängen gebremst hatte.“

Marie sah auf die Sportlehrerin herab. Inzwischen tat sie ihr ein bisschen leid, aber es war noch nicht alles, was sie zu sagen hatte.

Ihr Meister ermunterte sie, weiter zu sprechen: „Mari, es ist wichtig, dass du alles ausdrückst, was dich belastet! Sag ihr alles, was noch in dir ist.“

„Vermutlich haben sie nicht gewusst, wie schlimm das alles ist, wie schlimm es war, und wie schlimm es immer noch ist, über so viele Jahre bis jetzt! Ich hatte dadurch so viel Scham und habe sie immer noch! Alles, was meinen Körper anbelangt, hat immer mit Peinlichkeit zu tun. Die natürlichsten Sachen fallen mir schwer, weil von ihnen so oft, wenn sie mich angesehen haben, ironische oder laute Beschimpfungen gekommen sind… Ich habe fast immer peinliche Gefühle, wenn mich jemand bei was auch immer beobachtet, weil… wenn wir Sport gemacht haben, haben wir ja nicht immer gesehen, wen sie wann beobachtet haben, und ganz plötzlich und oft unerwartet kamen dann die Verunglimpfungen. Da ist eine so riesige Angst und Scham in mir über all die Jahre in meinem Körper und in meinen Gefühlen gespeichert, dass ich mich so vieles nicht traue, es gar nicht erst wage, etwas auszuprobieren.

Und als sie mit mir Ball werfen trainiert haben, und immer wieder gebrüllt haben, dass ich so kraftlos werfe wie ihre sechsjährige Tochter, obwohl ich ja schon 13 Jahre alt war, habe ich mich so geschämt. Vor der ganzen Klasse haben sie mich da bloßgestellt!“

„Sehr gut Mari, lass es raus, lass deine Scham aus dir heraus, gib sie ihr zurück, gib ihr die Pein zurück!“ ermutigte sie Joel wieder.

„Ich sollte es schaffen, bis über die Linie zu werfen, und ich habe es nicht geschafft. Ich habe es immer wieder nicht geschafft! Und dann habe ich mir vorgestellt, hinter der Linie stehen sie, und ich könnte es mit meinem Ball erreichen, dass sie still sind, dass sie mal umkippen und endlich still sind und Ruhe geben!  Mit dieser Vorstellung ist es mir einmal gelungen, den Ball über die Linie zu befördern, aber ich will mir eigentlich gar nicht schlimme Sachen vorstellen, damit ich ein Ziel erreichen kann. Damit habe ich Gedanken gehabt, die gegen meine Werte waren – schon damals. Sie waren für mich die Schreckensperson der ganzen Schule, immer wenn ich in die Sporthalle hinein gegangen bin, stieg schon das Angstgefühl in mir auf!“ 
Erschöpft hielt sie inne.

„Aber nun hast du keine Angst mehr vor ihr, Mari! Sag es ihr.

„Heute habe ich keine Angst mehr vor ihnen, heute weiß ich, dass sie aus irgendeinem inneren Grund auch nicht anders konnten, als sie es konnten… Und ich wünsche mir, dass sie Frieden finden, denn sie müssen voller Aggressionen gewesen sein, oder vielleicht voller Schmerz. Ich weiß es nicht, es hat sicher einen Grund gegeben, und dieser Grund war nicht wirklich ich, aber ich habe es abbekommen! Und all der Not, die ich damals gespürt habe, habe ich etwas gemacht! Ich habe viel Einfühlungsvermögen für Kinder, besonders für die, die gemobbt werden, denen es schlecht geht, die Angst haben… und ich habe es mir zum Beruf gemacht, ihnen zu helfen und bin Lehrerin geworden.“

„Du bist sehr stark Mari, du willst ja keine Rache, du willst nur einen Ausgleich, indem du ihr nun all das sagst, was du nie hast sagen können – und sie muss es sich anhören.“

„Ich habe diesen Beruf gewählt und liebe ihn, weil ich auch dieses Vergeblichkeitsgefühl kenne, das manche Kinder haben:  dieses Gefühl: man kann sich noch so viel Mühe geben, und es scheint nicht zu klappen, dass man besser wird in den Leistungen, in denen man so gerne besser werden würde. Ich will besonders Kindern helfen und sie ermutigen, dieses Vergeblichkeitsgefühl aufzulösen. 
Und ich habe daraus gelernt, dass ich nicht im Sport besser werden muss, sondern dass es andere Dinge gibt, in denen ich gut sein kann!“

„Ja, Mari, du bist gut, du bist groß, du bist stark! Fühlst du es? Sag es ihr.“

„Es ist wichtig, dass sie wissen, wie schlimm das für mich und wahrscheinlich auch viele andere Schülerinnen und Schüler gewesen ist, damit diese Kette nicht fortgesetzt wird. Aber ich möchte, dass sie sich selbst auch verzeihen, und die Ursache finden, weshalb das so gekommen ist bei Ihnen. Ich bin nicht gut im Sport, aber ich habe andere Dinge, in denen ich gut bin! Eins davon ist: Ich kann vergeben. Frau Schmidt, ich vergebe ihnen, und ich bitte sie, vergeben auch sie sich selbst.“

„Deine Barmherzigkeit ihr gegenüber ist wahre Größe, Mari. Spüre die Kraft in dir!“

„Ja, diese Kraft spüre ich, Und die ist mir wertvoller als jede Sportübung!“

„Das ist eine gute Kraft Mari, eine edle Kraft! Du hast andere Übungen gemacht, und sie haben dir eine andere wertvollere Größe und Stärke verliehen.“

Weiter geht´s morgen oder übermorgen im nächsten Kapitel

Geschrieben von Rafael und Miriam 

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 

18. Bereitschaft… reicht aus

Bei Mari – 2.Teil der Übung Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Mari bewegte sich vorsichtig Schrittchen für Schrittchen mit verbundenen Augen durch ihr Wohnzimmer, wobei Joel in der Rolle des Meisters nur noch ein kleines Stückchen entfernt von ihr stand.

Wieder einmal machte sie eine Vertrauensübung mit verbundenen Augen. Es war nicht mehr so leicht wie beim ersten Mal, in denen es nur darum gegangen war, sich überhaupt erst einmal sitzend an den schwarzen Seidenschal vor ihren Augen zu gewöhnen. Sie erinnerte sich, wie schwer ihr das gefallen war. Und heute bewegte sie sich schon langsam durch den Raum damit nach den Weisungen ihres Meisters, der wieder einmal symbolisch die Rolle des Lebens für sie eingenommen hatte.

Ach, wenn sie doch jemals dieses Vertrauen fühlen könnte, das sie sich so sehr wünschte.

„Jetzt knie vor dem Leben nieder.“

Unsicher ging sie in die Knie – und in dem Moment, in dem sie fast umgefallen wäre, weil nichts zum Festhalten da zu sein schien, ergriff er ihren Arm und half ihr dabei nieder zu knien.

„Ich werde dir immer helfen, spätestens dann, wenn du spürst, es allein nicht zu schaffen. Und du darfst mich jederzeit um Hilfe bitten. Meine Hilfe wird zwar nicht immer genauso aussehen, wie du sie dir vorstellst, aber sie wird dir gewährt. Darauf kannst du vertrauen!“

„Danke, Meister!“

Sie spürte, dass etwas Weiches an der Stelle lag, an der sie sich nun nieder kniete, eine Decke… ein Kissen… Genau wusste sie es nicht, aber sie nahm wahr, dass er dafür gesorgt hatte, dass es nicht zu hart für sie wurde auf dem Boden. War das ein Symbol dafür, dass auch das Leben für sie sorgte, und alles so gestaltete, dass es nie zu hart sein würde, wenn sie ihm nur vertraute?

„So, und nun sprich mir nach – Satz für Satz, langsam und deutlich:

  • Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    „Leben, du bist unendlich groß – und ich bin klein.“
    Dabei fühle Mari sich klein – und das war in diesem Zusammenhang ein  erstaunlich angenehmes Gefühl. Sie brauchte sich nicht zu sorgen, das Leben sorgte für sie.

  • „Du führst, ich folge.“
    „Du führst, ich folge.“
    Auch das fühlte sich seltsam gut an – geborgen in einer größeren Macht…

  • „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    „Du hilfst, ich nehme deine Hilfe an.“
    Tief atmete Mari ein – ach wenn sie doch sicher sein könnte,
    immer und überall Hilfe zu bekommen!

  • „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    „Du, Leben, bist mein Meister, dir will ich mich blind ergeben.“
    Na ja, das ist eine ziemliche Herausforderung… dachte sie –
    aber es genügt, wenn ich es will, auch wenn ich es noch nicht ganz fühlen kann.

  • „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    „Unberechenbar, unkontrollierbar und ungewiss ist jeder Schritt, und in allem ist Liebe – auch in dem, was sich manchmal schwer anfühlt.“
    Ach könnte ich die Liebe doch immer fühlen oder wenigstens darauf vertrauen,
    dass sie da ist, auch wenn ich sie gerade nicht wahrnehme…

  • „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    „Ich bin bereit, deine Liebe in allem zu finden – und meine Bereitschaft wird mit Unterstützung belohnt.“
    Das fühlt sich gut an… mit Unterstützung belohnt…
    Aber ob ich das immer kann? überlegte Mari

  • „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    „Ich muss es nicht können – es genügt, dass ich bereit bin.“
    Sie sprach es nach und dachte: Als ob er weiß, was ich eben gedacht habe…
    Es ist so erlösend und nimmt Druck, wenn die Bereitschaft ausreicht!

  • „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    „Ich bin bereit, in allem die Liebe zu finden.“
    Das gibt Frieden und Kraft!
    „Ja, ich bin bereit dazu…“ flüsterte sie noch einmal


    In diesem Moment fühlte sie, wie das Leben ihre Hände in seine großen warmen Hände nahm und wie es ihr half, sich zu erheben. Dann wurde sie in die Arme genommen und gehalten. Fest und innig umarmt stand sie nun aufrecht, sicher gehalten in den Armen des Lebens und nahm diese so deutlich spürbare Liebe wahr.

    „Atme die Liebe ein, Mari“, hörte sie die Stimme ihres Meister leise an ihrem Ohr, der als „das Leben“ zu ihr sprach. „Ja, so ist es gut. Gaaanz tief… Mit jedem Atemzug atmest du Liebe ein – jetzt hier in meinen Armen und auch sonst kannst du das tun – wo immer du bist.
    Du brauchst nur daran zu denken, bewusst Liebe einzuatmen, und schon ist es so.“

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

17. Vertrauen ins Leben wächst in vorsichtigen kleinen Schritten

Bei Mari – Hilfe kommt dann, wenn sie gebraucht wird

„So Mari, das Spiel beginnt. Setze dich jetzt auf den kleinen Schemel, den du bereits kennst.“

Überraschend wie meistens begann Joel das Rollenspiel, als er aus dem Badezimmer kam und das schwarz-bunte „Gewand des Lebens“ trug.

„Ich komme heute wieder als „das Leben“ zu dir und werde dir gleich die Augen verbinden. Das kennst du ja schon vom letzten Mal. Du hast zunächst nichts weiter zu tun, als einfach nur sitzen zu bleiben und das geschehen zu lassen. Dann wirst du weitere Anweisungen bekommen.“

Sie hörte wie er wieder hinter sie trat und leise zu summen begann – keine bestimmte Melodie, einfach nur Töne. Konnte das sein?! Ein Mann, der so zart summen konnte und das für sie tat…
Ihr Meister fand mit den Tönen einen Zugang zu ihrem gerade wieder so verletzlichen Gemüt… Im ersten Moment, als er ihr das schwarze Seidentuch umgebunden hatte, war sie verängstigt, wie letztes Mal auch. Doch dieser Schreck begann sich nun langsam sich zu lösen. Sie spürte seine warmen Hände auf ihren Schultern Mit sicheren, wohltuenden Bewegungen lockerte er ihre angespannte Körperhaltung. Ach, tat das gut! Wohlig seufzte sie leise auf. In diesem Moment hörte er auf zu summen und sprach zu ihr:

„Du wirst heute das Leben als deinen persönlichen Meister fühlbar mit deinen Sinnen erleben, Mari. Du hast dir ja neulich gewünscht, dem Leben öfter zu begegnen und zu lernen, ihm tiefer vertrauen zu können. Dein Wunsch ist wahr geworden! Steh auf und verneige dich vor deinem Meister, dem Leben.“

Gehorsam erhob sie sich und drehte sich um, da sie ihn noch hinter sich vermutete. Doch seine Stimme kam nun von woanders.

„Nein, da wo du dich hinwendest, bin ich nicht mehr. Ich bin stets unberechenbar. Dreh dich um in die Richtung, aus der du meine Stimme vernimmst.“

Langsam drehte sie sich soweit wie sie meinte, dass nun die Richtung stimmte.

„Ja,“ hörte sie ihn, „das ist fast richtig, ein kleines Stück noch nach rechts!

Sie folgte seiner Anweisung.

„Gut machst du das, Mari.“

Wie wohl ihr dieses kleine Lob tat! Daran merkte sie, wie unsicher sie sich fühlte, und wie hilfreich für sie die kleinste Bestätigung war.

„Weißt du noch, was du tun solltest?“

„Ja, Meister, ich soll mich vor dem Leben verneigen.“

„Sehr gut!“

Wieder spürte sie diese seltsame Freude über das Lob.

„Also nun – ich warte.“

Mari erschrak! Ach ja, sie sollte sich ja verneigen. Langsam beugte sie sich vor.

„Tiefer.“

„Ja, Meister!“

„Sehr gut! Nun richte dich wieder auf und komm näher.“

„Ja, Meister!“ Langsam ging sie vorwärts in die Richtung, in der sie ihn vermutete. Wie weit sollte sie gehen? Vorsichtig tastete sie um sich, damit sie nirgendwo anstieß.

„Deine Arme lässt du bitte unten. Du wirst dich nirgendwo stoßen! Sollte ein Hindernis im Weg sein, werde ich dich warnen.“

„Ja, Meister.“ Noch unsicherer als zuvor setzte sie langsam ihre Schritte vorwärts und blieb schließlich stehen.

„Komm weiter – noch näher – du bist noch nicht dort angekommen, wo ich es will.“

„Ja, Meister,“ flüsterte sie und ging weiter. Wie schwer fiel es ihr doch, die Arme nicht tastend um sich zu bewegen.

„Es fällt dir nicht leicht, mir zu vertrauen, nicht wahr?“

Sie schwieg, ganz mit der Bewältigung ihres Weges beschäftigt. Wackelig ging sie Schrittchen für Schrittchen vorwärts. So lang war ihr Wohnzimmer doch nie gewesen…“

„Du wirst es lernen! Das wird immer wieder einmal eine unserer Übungen sein – blindes Vertrauen.“ Seine Stimme klang ruhig und sicher.
Und irgendwie übertrug sich diese Sicherheit für einen kostbaren Moment auf Mari und und ein leises Lächeln flog über ihr Gesicht…

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14. Joel als Stellvertreter für die „Die Männer“

Zweites Treffen bei Joel – Ein Vergebungs-Ritual 

„Schön dass du da bist, Mari!“
Joel empfing Mari mit einem herzlichen Lächeln und ging ihr voran ins Wohnzimmer.
Diesmal achtete er darauf, die Wohnzimmertür offen zu lassen.
Sie bemerkte es und war froh. Er hatte sich diesen Auslöser ihrer Angst von letztem Mal gemerkt und ihn heute sorgsam umgangen. Sie freute sich über seine Achtsamkeit. 
Dabei wäre die Tür heute wahrscheinlich gar kein Problem mehr… – erfreut nahm sie diesen auftauchenden Gedanken in sich wahr.

„Setz dich doch. Ich finde es mutig von dir, dass du dich entschieden hast, heute wieder zu mir zu kommen, nachdem du letzten Samstag bei deinem ersten Besuch diesen Panikanfall hattest.“

„Danke,“ sagte Mari knapp. Mehr fiel ihr gerade nicht ein.

Nachdem Joel ihr etwas zu trinken angeboten und beiden etwas eingegossen hatte, setzte er sich ihr gegenüber.
„Zu Beginn unserer Spiele hat dich bisher immer die Angst gepackt, dass irgend etwas Furchtbares geschehen könnte. Und ich hatte den Eindruck, dass das besonders mit mir als Mann zu tun hatte. Ich möchte das heute als dein Meister zum Thema machen. Lass uns ohne lange Vorrede gleich beginnen, denn die Angst liegt ja ohnehin ganz oben auf dem Tisch.“

„Okay, Meister.“ Unbehaglich schaute ihn Mari an.

Joel holte zwei Stühle, stellte sie in einem gewissen Abstand gegenüber, wies Mari an, sich auf einen davon zu setzen und setzte sich auf den anderen.

„Ich sitze jetzt hier als Symbolfigur für „die Männer“ und lade deine Angst ein, sich alles von der Seele zu reden:
Liebe Angst von Mari, du kannst mir alles sagen, was du über „Männer“ denkst, was du von ihnen befürchtest, was du mit ihnen verbindest, was du vielleicht schon erlebt hast…
Ich sitze hier stellvertretend für die Gattung „Mann“ und höre dir mit offenem Herzen zu.
Du darfst frei und ungeschminkt, auch total unsortiert alles sagen, was dir einfällt.
Ich nehme nichts persönlich. Okay?“

„Hmm… ich habe Angst, darüber zu reden.“

Liebe Angst von Mari, was befürchtest du?“

„Dass es zu viel ist, dass du doch irgendwann sauer wirst, dass ich mich lächerlich mache, dass ich in einen Gefühlsstrudel versinke, der sich fürchterlich anfühlt…“

„Ich verspreche dir, dass ich ganz sicher nicht sauer werde.
Lächerlich kannst du dich gar nicht machen, denn wir beide, die Mari und ich, wir achten dich sehr, liebe Angst. Jedes Wort, jede Träne, jedes Gefühl ist wertvoll und soll seinen Platz haben. Da gibt es nichts, wessen du dich schämen müsstest, denn es hat ja alles seine Ursachen.
Ja, und die Angst vor dem Gefühlsstrudel – die kann ich dir nicht nehmen. Das kann passieren. Doch sollst du sicher sein, dass ich dich, in welchem Strudel du auch immer sein magst, nicht allein lasse und dir beistehe, bis eventuelle heftige Wellen wieder abflauen. Denn das tun sie immer. Gefühle sind wie Wellen, sie kommen und gehen. Nur wenn sie abgelehnt und verdrängt werden, bleiben sie hartnäckig vor der Tür stehen und klopfen bei jeder Gelegenheit an. Deshalb möchte ich sie heute einladen, ganz bewusst da zu sein, weil sie ja eigentlich sowieso schon immer da waren und da sind.“

„Okay. Ich lasse mich drauf ein. Probieren wir´s.“

„Prima, Mari, du bist sehr mutig.
Also, liebe Angst von Mari, was denkst du über „die Männer“?

„Männer sind gefährlich…“ flüsterte Mari.

Joel nickte und sagte: „Ich spüre deine Angst und achte sie. Was noch?“

„Männer haben laute Stimmen, die mir Angst machen, sie könnten mich plötzlich anbrüllen und furchtbar nieder machen…“

Wieder nickte Joel und sagte: „Ich höre deine Angst und achte sie. Was noch?“

Männer sind mir körperlich überlegen… Sie können mir weh tun… Sie können über mich herfallen… Sie können… mich festhalten… Sie können mich umwerfen… Sie können mich fallen lassen… Sie können mich so sehr verletzen!“ Tränen traten ihr in die Augen.

Mitfühlend nickte Joel und sagte: „Ich sehe deine Tränen, ich höre deine Angst, und ich achte dich. Was noch?

„Männer mögen mich nicht, weil ich so empfindsam und ängstlich bin. Sie lachen mich aus und machen mich nieder, weil ich so vieles nicht kann.“

„Ich mag dich! Ich mag dich in deiner Zartheit. Ich mag dich in deiner Empfindsamkeit. Ich mag dich mit aller Angst! Ich mag dich mit dem, was du kannst und mit dem, was du noch nicht kannst. Und ich mag dich, weil du so mutig bist, dich deiner Angst zu stellen!“

Bei diesen wertschätzenden Worten kamen Mari die Tränen. Joel stand auf, ging auf sie zu und kniete sich vor ihr nieder. 

„Mari, ich verneige mich vor deinem Mut und deiner Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen.
Und ich bitte dich von Herzen im Namen all der Männer, die dir weh getan haben und dich in deinem wahren Wert nicht gesehen, geachtet und anerkannt haben, um Verzeihung.
Mach mit mir was du willst – zum Ausgleich dessen, was geschah.
Ich nehme es an – stellvertretend für alle Männer, die dir weh taten. „

Ganz tief verneigte er sich vor ihr bis sein Kopf den Boden berührte und blieb in dieser Position.

Mari schaute verwundert auf diesen Mann, der auf dem Boden kniete und dessen Stirn die Erde berührte. Er bewegte sich kaum. Sie bemerkte minimale Bewegungen, als würde er Balance suchen, um in dieser Position verharren zu können.

Ein für beide nicht messbarer Zeitraum verging… 
Er wartet! Dachte sie.
Er bleibt dort auf dem Boden…
Er sagt nichts mehr, er wartet…
Etwas in ihr schmolz…
Auch dazu gehört Mut…
Irgendetwas bewegte sich in ihr und verströmte Wärme.
Mitgefühl entstand…
Sie ging nah an ihn heran und um ihn herum.

Sie könnte ihn jetzt stellvertretend für ihren Vater und die anderen Männer, die ihr so weh getan hatten, anschreien, auf den Rücken schlagen, mit dem Fuß auf seine vorgestreckten Hände treten – doch sie spürte: Das alles wollte sie nicht.
Statt dessen legte sie ihre Hand auf seinen Kopf und sagte: „Ihr wart wie ferngesteuert. Etwas hat sich vor euer Herz gelegt. Ich vergebe euch – und ich bitte euch: öffnet alle euer Herz.“

Joel blieb noch immer in dieser Position auf der Erde, wartete ab, was noch gesagt oder getan werden wollte.

Nun ließ sich auch Mari auf den Boden nieder, kniete sich vor ihn und flüsterte: „Ich weiß auch,  wie es ist, wenn man plötzlich die Beherrschung verliert, wenn das Herz sich verschließt und man wie ferngesteuert Dinge sagt oder tut, die hinterher nur Reue und Schmerz hinterlassen. Das habe ich auch getan.“
Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie bat: „Bitte erhebe dich, wir sind gleich – es geht uns beiden so.“
Langsam hob Joel seinen Kopf, und sie sah in seinem Gesicht auch Tränen.

So knieten sie voreinander…

Und Mari öffnete ihre Arme zu einer stillen Einladung. Beide hielten sich bewegt in den Armen und ließen eine Welle von Heilung und Sehnsucht nach Frieden und Liebe durch ihre Augen, Herzen und Arme fließen…

 

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