62. Wann wird das Kribbeln zur Angst? (1)

Bei Joel – Ein Gespräch über´s Prickeln

Nach einer Viertelstunde Verspätung stand Mari etwas atemlos vor Joels Tür und erklärte ihm mit einer Entschuldigung, dass ein Bus ausgefallen war.
„Das kann passieren,“ antwortete er gelassen, „es ist alles gut. Setz dich auf die Couch. Was magst du trinken?“
„Gerne ein Glas Wasser.“ Sie nahm auf der in letzter Zeit bereits immer ausgezogenen Couch Platz. 
Er holte ihr ein Glas Wasser und und setzte sich neben sie.
„Mir ist unser letztes Spiel noch ziemlich präsent, auch wenn es nur kurz war, aber das Gefühl, als du mir gesagt hattest ´Jetzt bist du meine Gefangene´ und mich dabei festgehalten hast, das hat mich noch weiter bewegt.“
Interessiert schaute er sie an. „Was hat dich daran bewegt? Wie hat es sich im Nachhinein angefühlt?“
Es in Worte zu fassen, war nicht so leicht… „Einerseits etwas unheimlich, andererseits auch irgendwie prickelnd, aber real würde ich das nicht erleben wollen!“
„Würdest du nicht? Obwohl es prickelt?“
„Na ja, wie so oft, sind beide Anteile ziemlich gleich stark vorhanden. Eben auch die Angst. Ich glaube ich habe auch davon geträumt, bin heute morgen ziemlich verkrampft in meinem Bett aufgewacht und hatte noch Fetzen davon in Erinnerung…“
„Wovor hattest du Angst? Wie könntest du sie beschreiben? Hattest du Angst vor mir?“
„Das fühlt sich so nicht richtig an. Nein, ich hatte nicht wirklich Angst vor dir, aber trotzdem so eine diffuse Angst, eher vor meinen Gefühlen in so einer Situation.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, manchmal wird dieses bestimmte Prickeln, von dem wir schon neulich sprachen, so heftig, dass es sich richtig schlimm anfühlt und schwer auszuhalten ist…“
„Schlimm? Ich würde mal sagen, das Spiel beginnt. Erzähl mir etwas mehr vom Prickeln.“
„Das Prickeln fühlt sich sehr lebendig an – manchmal aber wird es so heftig, dass es mir Angst macht. Das spüre ich sowohl gefühlsmäßig als auch körperlich, und wenn es eine gewisse Schwelle erreicht, also sehr intensiv wird, dann fühlt es sich schon manchmal richtig schlimm an.“
Joel versuchte Mari besser zu verstehen und fragte nach: „Was ist daran für dich schlimm? Die meisten Menschen suchen ganz bewusst das Kribbeln, weil es so herrlich aufregend ist.“
„Na so herrlich ist das für mich nicht immer, und nicht nur“, erklärte sie ihm, „weil ich eben auch gleichzeitig einiges an Angst in mir trage. Ich glaube das hängt ganz vom der Intensität ab. Eine gewisse Menge an Aufregung ist spannend und fühlt sich lebendig an, wenn sie aber zu intensiv wird, macht sie mir Angst.“
Er nickte. „Ja, das verstehe ich. Was befürchtet denn deine Angst in solchen Momenten. Was könnte passieren?“
Mari fiel es schwer darauf zu antworten… „Das kann ich gar nicht so genau sagen, diese Angst ist so… so unbestimmt…  Oft hat sie mit körperlicher Unterlegenheit zu tun.“
Joel lächelte verhalten. „Naja, dass eine gewisse Unsicherheit und ein Gefühl von Unterlegenheit entsteht, das ist ja gewollt in solchen Spielen…“
Er schaute sie aufmerksam. Also obwohl du mich inzwischen schon ganz gut kennst und ja einiges an Vertrauen gewachsen ist, führt das Kribbeln, wenn es sehr intensiv wird, immer noch zu Angst in dir?“
„Ja, tut mir leid, so ist es manchmal…“ bestätigte Mari verlegen. „Da gibt es in mir wohl Verknüpfungen in meinem Hirn, die nicht wirklich angemessen sind.“
Er schaute sie freundlich an. „Ja, das ist wohl so. Aber dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen, Mari. Manches sitzt eben sehr tief… Nun daran arbeiten wir ja auch ein wenig, nicht wahr?“
Sie nickte. „Ja, ich wünschte mir, ich könnte mit weniger Angst reagieren.“
 Er hielt ihr seine Hände hin: „Magst du mir deine Hände geben?“

Wie es in diesem gerade beginnenden Spiel weitergeht, erscheint übermorgen…

Geschrieben von Raffael und Miriam

 

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43. Du bist es wert, Mari!

Mari – sehr früh am Morgen bei sich zuhause

Wieder einmal erwachte Mari ungewöhnlich früh am Morgen und fand keinen Schlaf mehr.
Es begann langsam hell zu werden. Sie schaute nachdenklich aus dem Fenster…


Die Erlebnisse in ihrem gestrigen Spiel mit Joel, der wieder einmal die Rolle des Meisters für sie eingenommen hatte, beschäftigten sie sehr. Ihre Gedanken wanderten zurück, wie er sie in den nahe gelegenen Park geführt hatte, und die Übung darin bestanden hatte, dass sie sich von ihm mit verbundenen Augen führen lassen sollte.

Es war ihr peinlich, in der Öffentlichkeit solch eine Situation zu erleben, und als sie schließlich Kinder lachen gehört hatte , war es mit ihrer Fassung geschehen. Sie hatte sich das Tuch vom Kopf gerissen, weil sie diese Gefühle des vermeintlichen Ausgelacht-werdens nicht mehr ausgehalten hatte.

Wie erstaunt war sie, als sie sah, dass das Lachen der Kinder von einem Spielplatz stammte, der viel zu weit weg war, als dass irgendein Kind sie hätte sehen können. Und auch sonst waren an diesem abgelegenen Bereich des Parks, in den Joel sie geführt hatte, keine Spaziergänger unterwegs. Sie fühlte sich beschämt. Er hatte dafür gesorgt, dass sie in keine peinliche Situation gekommen war… Und es war ihr nicht gelungen, ihrem Meister zu vertrauen.

Selbst jetzt war er nicht sauer auf sie geworden. Er hatte ihr allerdings bewusst gemacht, dass sie die Regel gebrochen hatte, dass nur der Meister eine Übung oder das Spiel beendet und sie daher jetzt die Wahl habe, dass entweder die Sitzung an diesem Tag beendet wäre oder sie eine Strafe als Ausgleich anzunehmen hatte, um dann wieder einsteigen zu können in das Spiel mit ihm.

Sie hatte ihn um Entschuldigung gebeten und hatte erklärt, was in ihr vorging. Er hatte sich das verständnisvoll angehört, aber… er blieb dabei – nur wenn sie bereit war, ihren plötzlichen Abbruch auszugleichen, würden sie das Spiel an diesem Tag weiter führen. Sie rang mit sich und gelangte schließlich, weil sie nicht mit so einer „abgebrochenen, verunglückten“ Erfahrung nach Hause gehen wollte, zum Einverständnis mit der Sanktion. Dabei fühlte sie, wie wichtig ihr diese Erfahrungen der Meisterspiele waren – trotz aller Angst und all der anderen oft schwer auszuhaltenden Gefühle.

In ihrem warmen Bett jetzt früh am Morgen, als es fast noch dunkel war draußen, dachte sie daran zurück, wie sie dann kurze Zeit später – inzwischen wieder bei Joel zuhause – vor dem Sessel stand, in dem ihr Meister saß, und sie ihm als Ausgleich erklären sollte, was Strafe Gutes an sich hätte. Das war keine kleine Herausforderung! Ihr fiel glücklicherweise das Wort Ausgleich ein und sie sagte es in einem Satz, dass Strafen eine Balance nach einem Regelbruch herstellten. Allerdings fühlte sich das mehr wie auswendig gelernt an. Wirklich als Wahrheit konnte sie das für sich noch nicht empfinden, obwohl sie nun schon zwei Spiele mit seiner besonderen Art von Bestrafung hinter sich hatte, in denen sie das zumindest etwas hatte verinnerlichen können.

Sie durfte und sollte ehrlich sagen, wie sie sich damit fühlte. Und auch wenn es ihr schwer fiel, sie sprach von den ihren intensiven Gefühlen von Scham, Peinlichkeit und Angst und Versagen, das mit den Sanktionen einher ging. Ein langes, ehrliches und offenes Gespräch zu diesem Thema war entstanden, in dem sie auch Fragen stellen durfte. Sie wollte wissen: „Warum muss es denn eine Strafe sein, reicht es denn nicht, wenn ich mit Worten meine Einsicht zeige?“ 
Und der Meister hatte ihr erklärt, dass eine Handlung eine weitaus stärkere Wirkung hatte als Worte.  Das hatte Mari schließlich eingesehen, denn sie hatte selbst schon oft gespürt, dass Taten und Aktionen weitaus mehr in ihren Gefühlen bewirkten als Gedanken und Worte.

Schließlich hatte Joel in diesem lange währenden Gespräch Worte gefunden, die Maris Herz berührten und das bisher nur vom Verstand gespeicherte Wissen um den von ihr noch nicht wirklich erfassten guten Sinn von diesen Strafen auch in ihr Gefühl brachten:
Er erklärte ihr geduldig:
„Mari, ich wähle meine kleinen Sanktionen sehr sorgfältig und stimme sie auf dich und auf das, was dir möglich ist, ab. Ich will und werde dir mit meinen Strafen nicht weh tun! Ich will dich nicht demütigen, verängstigen oder beschämen  – im Gegenteil! Ich will dir damit etwas an die Hand geben, wodurch du dich nach deinen kleinen oder auch mal  größeren Regelbrüchen besser fühlen kannst und durch deine eigene Handlung oder Bereitschaft, etwas geschehen zu lassen, sofort lösen kannst aus Gefühlen von schlechtem Gewissen, Versagen, Schuld oder was auch immer du bisher immer mit Fehlern verbunden hast. Die Strafen sollen dazu dienen, dass du dich nach deinen ja öfter mal auftretenden unbeabsichtigten Regelbrüchen sofort, wenn sie erledigt ist, wieder richtig wohl fühlen kannst.“

Darüber dachte Mari jetzt nach. Wie geduldig hatte er ihr diesen Zusammenhang vermittelt, immer wieder hatte er es neu und anders formuliert… Sie durfte in dieser Situation Fragen stellen… Er hatte sich alle Zeit der Welt dafür genommen, dass sie dieses, ihm anscheinend so wichtige Procedere verstehen konnte und es nicht nur über sich ergehen ließ.
Er hatte sie in die Arme genommen, als ihr die Tränen kamen. Und danach weiter mit ihr darüber gesprochen – solange bis sie es wirklich fühlen konnte, dass er ihr mit seinen Ausgleichs-Sanktionen nur helfen wollte, ihre eingebrannte Angst vor Fehlern und den damit verbundenen Folgen zu verlieren. Ja, es würde Folgen geben – diese Maßnahmen eben, aber nichts Schlimmes würde geschehen und vor allem: Es würde nichts übrig bleiben. Wie hatte sie als Kind unter ihren kleinen Verfehlungen gelitten! Sie wurde beschimpft, sie wurde verantwortlich gemacht für die gestressten Gefühle der Erwachsenen, sie hatte Angst, dass ihre Oma an den Herzschmerzen sterben könnte, die sie durch ihre scheinbar so schlimmen Verfehlungen ausgelöst hatte. Sie litt tagelang unter Schuldgefühlen und Selbst-Verurteilungen, denn keine Gelegenheit zur Wiedergutmachung wurde ihr gegeben.  Und nach ihren kleinen Fehltritten sagte ihr hinterher niemand, dass alles wieder gut sei.  Wie hätte sie sich wohl entwickelt, wenn sie kleinen Ausgleichsmöglichkeiten bekommen hätte und die Zusage, dass danach alles vorbei und vergessen sei? Wie würde sie sich heute fühlen ohne  diese immens große Angst vor Fehlern…?

Sie erinnerte sich plötzlich an einen Satz, den sie mal gelesen hatte:
Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben – oder sich zu gestalten? Genau wusste sie den Wortlaut nicht mehr.

Hatte sie sich mit diesen Meister-Spielen mit jeder Übung, die dem Stärken ihres Vertrauen diente und von der Autoritätsperson des Meisters gestaltet wurde, eine Bühne geschaffen, in der sie alte Erfahrungen aus der Kindheit umschreiben konnte in einen neuen, wohltuenden Film?

Vermittelte ihr der Meister in seiner besonderen wohlwollenden Autorität Erfahrungen von liebevoller Führung, die sie als Kind nicht hatte machen können, weil ihr der Vater gefehlt hatte?

Wenn sie jetzt diese Ausgleichsmöglichkeit durch die Meisterspiele mit Joel erhielt, ob das nach und nach ihre Angst vor Fehlern und ihren Folgen vermindern könnte…?
Waren ihm deshalb diese Strafen so wichtig? 

Er hatte gestern trotz all ihrer schwierigen Gefühle nicht darauf verzichtet, aber er hatte unendlich viel Geduld gehabt, ihr die Zusammenhänge deutlich zu machen. 
Ein warmes, dankbares Gefühl stieg in ihr auf… 
Da machte sich jemand Gedanken um sie…
nahm sich so viel Zeit…
ging so geduldig auf sie ein…
War sie das wert?
„Ja“, flüsterte eine Stimme in ihr, „du bist es wert!“

Das wäre es, was der Meister jetzt von ihr hören wollen würde:

Ja! Ich bin es wert, ich darf es annehmen!

Und er würde es ihr bestätigen, da war sie sich ziemlich sicher:
Ja, Mari, du bist es wert! Du darfst es annehmen!

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

 

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Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam

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40. Nach der großen Wut – 4 Fragen

Bei Joel – Gedanken und Überzeugungen werden sortiert und neu geordnet

Nach einem großen Missverständnis, das eine riesige, leider auch sehr unangemessene Wut bei Mari erzeugt hatte, die sie ihrem Meister entgegen geschleudert hatte, fühlte sie sich heute morgen ziemlich unbehaglich, obwohl gestern bereits alles geklärt werden konnte und beide sich einvernehmlich geeinigt hatten, diesem Weg, den sie begonnen hatten, weiter zu folgen. Joel hatte ihr vorsorglich bereits gestern angeboten, dass sie ihn am Morgen gern anrufen könne, falls sie damit noch Unsicherheit empfinden sollte. Das Angebot hatte sie angenommen und war von ihm eingeladen worden, spontan vorbei zu kommen. Eine Stunde später war sie bei ihm. Er begrüßte sie mit einer Umarmung, begleitete sie ins Wohnzimmer und ging dann in die Küche, um einen Kräutertee zu holen.

Dann setzte er sich auf den Stuhl gegenüber von ihr und sagte, für Mari etwas überraschend, weil sie das nicht abgesprochen hatten: „Das Spiel beginnt.“

Mari holte tief Luft und sagte: „Es ist mir ein großes Bedürfnis, mich als erstes noch einmal bei dir zu entschuldigen, auch wenn ich das gestern schon getan habe, aber es liegt mir ziemlich auf der Seele, wie ungerecht ich dich behandelt habe, wie blind ich war, und wie maßlos in meiner Wut… Das tut mir wirklich sehr leid!“

Joel in seiner Rolle als Meister sah sie verständnisvoll an: „Wut ist eine sehr starke Emotion. Ich danke dir für deine Entschuldigung, und ich nehme sie gerne an. Dass du weiterhin unseren gemeinsamen Weg gehen magst, hat mich gestern sehr gefreut, Mari.“

„Danke, Meister, dass du meine Heftigkeit von gestern und meine Entschuldigung so annehmen kannst. Ja ich möchte gern diesen Weg mit dir weitergehen, auch wenn es nicht immer einfach ist, aber es ist mir sehr wertvoll.“

Er nickte: „Nun, dass es nicht einfach werden würde, war uns ja bereits klar, als wir uns auf den Weg gemacht haben. Wie geht es dir mit Blick auf gestern, Mari?“

„Ich glaube ich bin an alte Schmerzpunkte gekommen, sonst hätte ich nicht solche Kopfschmerzen entwickelt in dieser Nacht. Habe auch kaum geschlafen“, erzählte sie

„An welche Schmerzpunkte kannst du dich besonders erinnern?“

„Am Anfang, als ich dachte, dass du über mich redetest und ich noch nicht wusste, dass es um die ängstliche Hündin ging, war es furchtbar für mich, als ich dachte, du wärest so unzufrieden mit mir.“ Mir wurde heute Nacht klar, dass es mich wahrscheinlich gar nicht so getroffen hätte, wenn ich nicht auch selbst mit mir so unzufrieden wäre. Und als ich dann nachdem das Missverständnis klar wurde, merkte, wie sehr ich mich geirrt und dementsprechend wie ungerecht meine Wut gewesen war – das waren so schmerzhafte Gefühle des Versagens und der Reue: Ich habe mich so sehr geschämt und hatte dann das Gefühl, dir gar nicht mehr in die Augen schauen zu können und kaum glauben zu können, dass du noch weiter Kontakt mit mir haben möchtest. Ich habe immer große Angst, wenn ich irgendetwas falsch mache, das alles kaputt geht.“

„Woher kommt deine so große Angst vor Fehlern, Mari? Speziell für uns haben wir doch extra die Regel, dass Fehler erlaubt sind. Ok, die Reaktion gestern ging schon ein wenig über einen Fehler hinaus, aber du weißt ja auch, dass ich dir gegenüber sehr verständnisvoll bin.“

„Ich habe es oft erlebt in meinem Leben, dass ganz plötzlich Menschen, die mir wichtig waren, einfach weg waren. Dann habe ich viele Wochen darüber nachgedacht, was ich falsch gemacht haben könnte, dass das so gekommen ist. Einige Dinge fielen mir dann auch ein…“

Joel beugte sich etwas vor und sag Mari in die Augen. „Bist du dir sicher, dass das, was dir einfiel ursächlich dafür war?“

Mari dachte nach… „Eine Bestätigung habe ich dafür nicht erhalten. Das ist nacheinander bei zwei meiner engsten Freundinnen passiert und mit einer anderen Beziehung die ich mit einem Mann hatte.“

Joel nahm ihre Hand in seine, sah sie ernst an und fragte: „Stimmt es, dass dein Verhalten die Ursache für das plötzliche Ausbleiben dieser Menschen war? Ist das wahr?“

Mari antwortete unsicher: „Ich glaube schon. Ich muss doch was wichtiges unterlassen haben oder etwas Schlimmes gemacht haben, sonst wäre das doch nicht so geschehen…“

„Kannst du mit absoluter Sicherheit wirklich wissen, ob das wahr ist, dass es an dir lag, Mari?“

„Nein, sicher wissen kann ich das nicht.“

„Und wie geht es dir mit dem Gedanken, dass dein Verhalten ursächlich war für den Kontaktabbruch der anderen? Wie reagierst du, wenn du diesen Gedanken denkst?“

„Ich fühle mich unzulänglich und unsicher, ja ich habe diese Unsicherheit inzwischen sogar auf die Beziehungen mit anderen Menschen übertragen und habe immer wie einen Sucher in mir, der aufpassen will, ob ich vielleicht wieder irgendwas anrichte oder schon vermasselt habe. Das fühlt sich ziemlich belastend an.“

„Wie würde es dir gehen, wenn es diesen Gedanken in dir nicht geben würde? Wer wärest du ohne diesen Gedanken?“

„Ich würde mich freier fühlen. Ich könnte die Kontaktabbrüche als Mysterium betrachten, das ich bei aller Nachdenkerei gar nicht lösen und damit zu den Akten legen kann. Schließlich könnte es auch an etwas liegen, wofür ich gar nicht verantwortlich bin. Und wenn ich nicht glauben würde, dass ich daran schuld war, würde ich mich nicht unzulänglich fühlen, könnte anderen Menschen spontaner begegnen und würde mich entspannt und locker fühlen. Ich wäre ein freierer Mensch als jetzt.“

„Okay,“ lächelte Joel, „das lassen wir jetzt einfach mal so stehen. Es entfaltet seine Wirksamkeit von ganz allein… Übrigens diese vier Fragen stammen von einer Frau namens Byron Kati, und sind Bestandteil eines heilenden Prinzips, dem sie den Namen „The work“ gegeben hat.
Und nun schau mal rückwärts, hat dir das Leben, nachdem diese Menschen weg waren, neue Menschen geschickt?“

„Ja, nach allen drei Abschieden entwickelten sich wieder neue Freundschaften.“

„Und nach anderen Abschieden, an denen du dich nicht schuldig fühltest?“

Mari dachte an vier verstorbene, ihr sehr nahestehende Menschen, und daran, wie weh diese Abschiede getan hatten. Jede Lücke hatte sich auf andere Weise wieder neu gefüllt, auch wenn sie sich das erst gar nicht hätte vorstellen können…

„Ja, das Leben hat mir immer wieder neue Menschen geschickt, mit denen ich vieles teilen und erleben konnte.“

„Das heißt ja, dass du dich auch immer wieder neu einlassen konntest, Mari! Auch wenn es drei schmerzhafte Kontaktabbrüche gab, auch wenn es mehrere Trauerphasen gab in deinem Leben – du hast dir die Fähigkeit bewahrt, dich immer wieder neu zu öffnen und einzulassen, richtig?“

Mari nickte zustimmend: „Ja, das ist wahr. Ich habe mich auch mit all meiner Angst, wieder solch mysteriöse Abbrüche zu erleben, immer wieder neu eingelassen – jetzt ja zum Beispiel auch hier auf dich und unsere Meisterspiele.“

„Und das setzt schon eine gehörige Portion Mut voraus“, lächelte Joel. „Du gehst immer wieder das Risiko ein, dass es schmerzhaft enden könnte, wie du es ja mehrfach erlebt hattest. Das ist ein Risiko, das sich ja in keiner Freundschaft vermeiden lässt, und dennoch tust du es und öffnest dich immer wieder neu für bestimmte Menschen, die das Leben dir schickt! Und so offen im Austausch, wie ich dich hier erlebe, bleibt das wohl selten auf einer oberflächlichen Ebene stehen bei dir – oder irre ich mich da?“

Mari schaute auf ihre wichtigsten Freundschaftsbeziehungen und auf die ihr nahe stehenden Menschen, die schon von dieser Erde gegangen waren… „Nein, du irrst dich nicht. Ich hatte und habe mit allen eine ganz eigene persönliche Beziehung, in der wir uns manches, was uns tief berührt aus unserem Inneren erzählen und ich jeweils mit meinem ganzen Herzen da bin. Andere oberflächlichere Arten von Freundschaft interessieren mich ehrlich gesagt gar nicht. Da ist es ja natürlich kein Wunder, dass es weh tut, wenn es plötzlich vorbei ist. Und trotzdem lasse ich es immer wieder zu, neue Freundschaften einzugehen trotz all des Schmerzes, der dann wieder kommen kann. Ich hätte ja auch allein bleiben können oder nur so Wander- und Museumsfreunde haben.“ Sie lachte und schüttelte den Kopf.

„Mari, siehst du, wie stark, wie mutig du bist? Kannst du sehen, wie viel dir der tiefe Austausch und die daraus entstehende Verbundenheit mit Menschen wert ist?“

„Ja, ich lasse mich immer wieder neu ein, denn das Schöne und Lebendige in einem wahrhaftigen offenen Austausch ist es mir wert, auch immer wieder dieses Risiko einzugehen. Und jetzt hier und heute erkenne ich, dass ich es durch alles Aufpassen auf eventuelle Fehler von mir nie verhindern konnte, dass diese plötzlichen Abschiede geschehen sind. Dann kann ich es auch gleich sein lassen, immer wieder meine Antennen auszufahren!“

„Und wie fühlt sich dieser Gedanke an?“

„Irgendwie entlastend“, antwortete Mari und nahm einen tiefen Atemzug.

„Jepp! Das Spiel ist beendet!“ Joel zog sie ganz überraschend aus ihrem Sessel, tanzte lachend ein paar Schritte mit ihr und meinte: „Und DAS feiern wir jetzt!“

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P.S: Vielen Dank an Byron Katie für die wunderbaren Prinzipien von „The work“, aus der die 4 Fragen in diesem Gespräch stammen






26. Bitte um Variation einer Aufgabe

Bei Joel: Mari fühlt sich entblößt

„Ich sprach letztens ein Gedankenspiel an, Mari.
Erinnerst du dich noch daran?“

Ja, wie könnte ich das vergessen… dachte sie.
„Ja, Meister, ich erinnere mich,“ brachte sie leise hervor

Nocheinmal die Frage von letztem Mal:
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Wieder kroch die Angst in Mari hoch, aber sie sagte sich jetzt: Es ist nur eine Vorstellung, ich muss das jetzt nicht tun. Aber was würde ich sagen, wenn…

Ich könnte wohl nur ehrlich sagen: „Meister… ich weiß nicht weiter… Ich kann es einfach nicht…“

„Ja, genau so! Wenn du etwas nicht befolgen kannst, weil es dir gefühlsmäßig gar nicht möglich ist, dann ist Ehrlichkeit das einzig richtige, Mari! Es wird dir helfen, nicht zu verstummen und zu erstarren, wenn sich etwas gar so schwer anfühlt.
Du kannst mir das sagen, wenn es so ist – und dann bittest du um eine leichtere Variation der Anforderung.
Ich werde nicht gänzlich auf die Aufgabe verzichten, so lange wir auf der Spielebene bleiben, aber ich will sie immer für dich machbar gestalten.“

Mari nickte: „Okay! Danke, Meister!“

Joel schaute Mari einige Sekunden in die Augen…
„So, Mari, und jetzt ist es kein Gedankenspiel mehr.
Du, Mari, wirst nun das, was wir eben besprochen haben, gleich anwenden.
Halt dich einfach daran – es wird nichts Beängstigendes passieren. Das verspreche ich dir.
Die Anweisung lautet: Mari, ich möchte, dass du dich jetzt nackt ausziehst.“

Mari zuckte zusammen. Ich werde jetzt genau das tun, was er mir eben gesagt hat, dachte sie, mühsam um Beherrschung bemüht.
„Meister, ich schaffe das noch nicht. Ich bitte um eine Variation der Aufgabe.“

„Das hast du gut gemacht, Mari. Das war genau richtig. Du darfst und du sollst immer ehrlich sein zu mir“, bestätigte sie Joel.
In Ordnung, du bekommst nun eine leichtere Variante meiner Aufgabe:
Du ziehst jetzt deine Jacke aus und setzt dich auf den Schemel, den du schon kennst.“

Erleichtert zog Mari ihre Jacke aus und setzte sich auf das niedrige Höckerchen, das in geringem Abstand vor der Couch stand.

„Steh nochmal auf, Mari.“

Sie zuckte zusammen, stand auf und hätte fast gefragt: `Habe ich etwas falsch gemacht?` Konnte sich aber gerade noch rechtzeitig bremsen, die Frage auszusprechen.

Joel, der diese kleine Regung sofort wahrgenommen hatte, sagte freundlich zu ihr: „Alles ist gut, Mari, vertraue einfach auf meine Führung.“

„Ja, Meister.“

„Nun geh einen halben Kreis um den Hocker herum und setze dich mit dem Gesicht zur Couch wieder hin.“

Mari folgte seiner Anweisung und setzte sich in der beschriebenen Richtung wieder hin.

„Nun schließe deine Augen.“

Gehorsam, wenn auch nicht gerne, folgte sie seiner Anweisung. Es war plötzlich sehr still im Raum. Würde er ihr wieder die Augen verbinden?
Sie lauschte angespannt, wo er sich befand. Schon als sie glaubte, die Stille nicht mehr aushalten zu können, legte er seine Hände auf ihre Schultern und ließ sie einige Minuten dort liegen. Die Wärme, die sie ausströmten, floss durch ihren Körper und tat ihr gut.

Dann fragte er: „Trägst du noch ein anderes Kleidungsstück unter deinem T-Shirt?“

Die Entspannung war sofort wie weggeblasen. „Ja“, Meister. „antwortete sie leise.“

„Dann zieh jetzt auch das Shirt aus – lass die Augen dabei geschlossen. Lege das Shirt einfach neben dich.“

Sie zögerte… Er wartete…

„Du schaffst das, Mari! Was trägst du denn unter dem T-Shirt?

„Ein blaues ärmelloses Top.“

„Na damit könntest du ja sogar auf die Straße gehen,“ meinte er freundlich.

Okay, es war nicht allzu peinlich. Sie folgte seiner Anweisung.
Warum fühlte sie sich jetzt schon so entblößt, obwohl die wichtigsten Stellen ja angezogen waren? Sie spürte, wie sich ihr Rücken verkrampfte und ein Schmerz den Nacken hinauf zog in den Kopf hinein.

„Was sagt die Ampel, Mari?“

„Dunkel-Orange…“

„Okay, ich verstehe. Du kannst deine Augen öffnen. Jetzt leg mal deine Stirn an die Sitzfläche der Couch und konzentriere dich ganz auf meine Hände…“

Wieder einmal verzauberten seine wunderbaren Hände ihre Nacken-und Schultermuskulatur und die Verkrampfung löste sich langsam. Auch den Kopf massierte er mit sanftem wohltuenden Druck.
Diesmal dauerte seine Massage länger als die Male davor. Irgendwann konnte sie sich tiefer einlassen und vergaß, dass sie so spärlich bekleidet war.“

Schließlich sagte er zu ihr: „Mari, du kannst jetzt dein T-Shirt und deine Jacke wieder anziehen. Ich gehe in die Küche, und du setzt oder legst dich einfach auf die Couch und ruhst dich aus. Das Spiel ist jetzt beendet.“
Damit verließ er den Raum und ließ ihr Zeit, sich in Ruhe wieder anzuziehen und zu sammeln…

Zum nächsten Kapitel: –> 27. Fassungslos…

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26. Bitte um Variation einer Aufgabe

Bei Joel: Mari fühlt sich entblößt

„Ich sprach letztens ein Gedankenspiel an, Mari.
Erinnerst du dich noch daran?“

Ja, wie könnte ich das vergessen… dachte sie.
„Ja, Meister, ich erinnere mich,“ brachte sie leise hervor

Nocheinmal die Frage von letztem Mal:
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Wieder kroch die Angst in Mari hoch, aber sie sagte sich jetzt: Es ist nur eine Vorstellung, ich muss das jetzt nicht tun. Aber was würde ich sagen, wenn…

Ich könnte wohl nur ehrlich sagen: „Meister… ich weiß nicht weiter… Ich kann es einfach nicht…“

„Ja, genau so! Wenn du etwas nicht befolgen kannst, weil es dir gefühlsmäßig gar nicht möglich ist, dann ist Ehrlichkeit das einzig richtige, Mari! Es wird dir helfen, nicht zu verstummen und zu erstarren, wenn sich etwas gar so schwer anfühlt.
Du kannst mir das sagen, wenn es so ist – und dann bittest du um eine leichtere Variation der Anforderung.
Ich werde nicht gänzlich auf die Aufgabe verzichten, so lange wir auf der Spielebene bleiben, aber ich will sie immer für dich machbar gestalten.“

Mari nickte: „Okay! Danke, Meister!“

Joel schaute Mari einige Sekunden in die Augen…
„So, Mari, und jetzt ist es kein Gedankenspiel mehr.
Du, Mari, wirst nun das, was wir eben besprochen haben, gleich anwenden.
Halt dich einfach daran – es wird nichts Beängstigendes passieren. Das verspreche ich dir.
Die Anweisung lautet: Mari, ich möchte, dass du dich jetzt nackt ausziehst.“

Mari zuckte zusammen. Ich werde jetzt genau das tun, was er mir eben gesagt hat, dachte sie, mühsam um Beherrschung bemüht.
„Meister, ich schaffe das noch nicht. Ich bitte um eine Variation der Aufgabe.“

„Das hast du gut gemacht, Mari. Das war genau richtig. Du darfst und du sollst immer ehrlich sein zu mir“, bestätigte sie Joel.
In Ordnung, du bekommst nun eine leichtere Variante meiner Aufgabe:
Du ziehst jetzt deine Jacke aus und setzt dich auf den Schemel, den du schon kennst.“

Erleichtert zog Mari ihre Jacke aus und setzte sich auf das niedrige Höckerchen, das in geringem Abstand vor der Couch stand.

„Steh nochmal auf, Mari.“

Sie zuckte zusammen, stand auf und hätte fast gefragt: `Habe ich etwas falsch gemacht?` Konnte sich aber gerade noch rechtzeitig bremsen, die Frage auszusprechen.

Joel, der diese kleine Regung sofort wahrgenommen hatte, sagte freundlich zu ihr: „Alles ist gut, Mari, vertraue einfach auf meine Führung.“

„Ja, Meister.“

„Nun geh einen halben Kreis um den Hocker herum und setze dich mit dem Gesicht zur Couch wieder hin.“

Mari folgte seiner Anweisung und setzte sich in der beschriebenen Richtung wieder hin.

„Nun schließe deine Augen.“

Gehorsam, wenn auch nicht gerne, folgte sie seiner Anweisung. Es war plötzlich sehr still im Raum. Würde er ihr wieder die Augen verbinden?
Sie lauschte angespannt, wo er sich befand. Schon als sie glaubte, die Stille nicht mehr aushalten zu können, legte er seine Hände auf ihre Schultern und ließ sie einige Minuten dort liegen. Die Wärme, die sie ausströmten, floss durch ihren Körper und tat ihr gut.

Dann fragte er: „Trägst du noch ein anderes Kleidungsstück unter deinem T-Shirt?“

Die Entspannung war sofort wie weggeblasen. „Ja“, Meister. „antwortete sie leise.“

„Dann zieh jetzt auch das Shirt aus – lass die Augen dabei geschlossen. Lege das Shirt einfach neben dich.“

Sie zögerte… Er wartete…

„Du schaffst das, Mari! Was trägst du denn unter dem T-Shirt?

„Ein blaues ärmelloses Top.“

„Na damit könntest du ja sogar auf die Straße gehen,“ meinte er freundlich.

Okay, es war nicht allzu peinlich. Sie folgte seiner Anweisung.
Warum fühlte sie sich jetzt schon so entblößt, obwohl die wichtigsten Stellen ja angezogen waren? Sie spürte, wie sich ihr Rücken verkrampfte und ein Schmerz den Nacken hinauf zog in den Kopf hinein.

„Was sagt die Ampel, Mari?“

„Dunkel-Orange…“

„Okay, ich verstehe. Du kannst deine Augen öffnen. Jetzt leg mal deine Stirn an die Sitzfläche der Couch und konzentriere dich ganz auf meine Hände…“

Wieder einmal verzauberten seine wunderbaren Hände ihre Nacken-und Schultermuskulatur und die Verkrampfung löste sich langsam. Auch den Kopf massierte er mit sanftem wohltuenden Druck.
Diesmal dauerte seine Massage länger als die Male davor. Irgendwann konnte sie sich tiefer einlassen und vergaß, dass sie so spärlich bekleidet war.“

Schließlich sagte er zu ihr: „Mari, du kannst jetzt dein T-Shirt und deine Jacke wieder anziehen. Ich gehe in die Küche, und du setzt oder legst dich einfach auf die Couch und ruhst dich aus. Das Spiel ist jetzt beendet.“
Damit verließ er den Raum und ließ ihr Zeit, sich in Ruhe wieder anzuziehen und zu sammeln…

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15. Schau mir in die Augen, Kleines…

Bei Joel – Du kannst nicht versagen 

Mari und Joel, der für sie in den Zeiträumen ihrer Spiele und Rituale die Rolle des „Meisters“ angenommen hat, saßen sich gegenüber.

Seine Hände lagen entspannt mit geöffneten Handflächen nach oben auf einem kleinen Kissen.

„So Mari, jetzt legst du deine Hände in meine, und wir schauen uns für eine gewisse Zeit in die Augen.“

„Für wie lange?“

„Nicht fragen, Mari! Nur dem folgen, was ich sage.“

„Oh Entschuldigung!“ Warum nur musste sie immer wieder den gleichen Fehler machen und Fragen stellen. Sie errötete.

„Entschuldigung angenommen.
Die Übung geht so lange, bis ich sie beende.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam reichte sie ihm ihre Hände und versuchte, ihm in die Augen zu schauen. Es fiel ihr enorm schwer – so groß, so funkelnd, so machtvoll erschienen ihr seine Augen in diesem Moment.
Und es fiel ihr schwer, von diesen Augen so intensiv angeschaut zu werden.
Immer wieder musste sie den Blick senken und sich mit aller Willenskraft zwingen, ihn wieder anzuschauen.

Tränen traten ihr in die Augen und sie begann zu zittern.
Als er dies wahrnahm, beendete er die Übung und nahm sie in die Arme.
Erleichtert ließ sich Mari ein Weilchen von ihm halten.

Dann sagte sie verzweifelt: „Wenn ich schon bei einer so einfachen Anforderung versage, wie soll ich das andere, was noch vor mir liegt und sicher immer schwieriger wird, schaffen? Ich glaube, das mit unseren Vertrauens- und Macht-Spielen war ´ne Schnapsidee! Ich bringe das nicht!“

Ruhig antwortete Joel: „Erstens: Du hast nicht versagt, denn du hast mich immer wieder trotz aller Schwierigkeiten, die du hattest, angeschaut.
Zweitens: Unterschätze die Kraft und Intensität dieser Übung nicht. Es ist nicht ohne, sich wirklich darauf einzulassen, den Augenkontakt zu halten.
Und drittens ist die Annahme, dass du alles weitere nicht schaffen könntest, auch nicht wahr. Wenn wir ganz in Ruhe einen Schritt nach dem anderen tun, wird keine Anforderung so hoch sein, dass sie nicht zu bewältigen wäre. Und wenn etwas beim ersten Anlauf nicht klappt, dann gibt es einen zweiten oder dritten, vierten oder fünften Anlauf. Mach dir jetzt keine Sorgen, Mari, um etwas, das noch gar nicht dran ist.

Alles war und ist in Ordnung so wie es ist.
In Wahrheit gibt es gar nichts, was nicht in Ordnung sein könnte, denn jedes Gefühl darf gefühlt werden.

Du kannst also gar nicht versagen!

Und ich kann und werde dich immer unterstützen und wenn nötig auffangen, so lange du einfach nur da bleibst.
Und Mari… Du machst es dir und mir immer leichter, wenn du bereit bist, das auszusprechen, was in dir ist. Ich werde dich danach immer mal zwischendurch fragen.
Also: Was hast du vorhin beim Anschauen gefühlt, Mari?“

Sie dachte nach… Was war es eigentlich, was es ihr so schwer gemacht hatte, den Augenkontakt zu halten…
„Es war irgendwie unheimlich, dir so lange in die Augen zu schauen und von dir so gesehen zu werden…“
Sie stockte. Durfte sie das sagen? War er jetzt sauer?
Vorsichtig hob sie ihren Blick. Seine Augen schauten sie nach wie vor ruhig, gelassen und interessiert an und ermutigten sie, weiter zu reden.

„Ich hatte das Gefühl, du würdest mir bis in meine Seele blicken – und das war schwer für mich zuzulassen und auszuhalten. Ich fühlte mich so nackt und schutzlos. Und du weißt ja… Ich habe mit dem Nackt-sein Probleme.“

Joel nickte: „Ja, durch die Augen berühren wir unsere Seelen und sehen uns unverhüllt so, wie wir in der Tiefe unseres Wesens wirklich sind, das spürte ich auch.  Aber es wird nicht immer so bleiben, dass du es als unangenehm empfindest, von mir gesehen zu werden. Mit wachsendem Vertrauen wird es leichter werden. Noch hast du nicht genügend Vertrauen zu mir und auch zu dir selbst.
Ich sage dir: Es gibt nichts, aber auch gar nichts an deiner Seele und deinem Körper, was nicht liebenswert und schön ist. Ich möchte dich gern darin unterstützen, das glauben und fühlen zu können. Dein Vertrauen wird wachsen im Laufe der Zeit. Da bin ich ganz zuversichtlich! Deshalb sind wir ja auf diesem interessanten, und wie ich hoffe, auch für dich irgendwie guten Weg. Oder?“

„Ja,“  sie nickte.

Dankbar für seine ermutigenden, Worte drückte sie seine Hand.

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