65. Gezwungen-sein… im Zustand von etwas Schönem zu verweilen

Mari schreibt in ihr Tagebuch – „Faszinierendes Gezwungen-Sein…“

Warum nur bin ich so wie ich bin?!!!Aufzeichungen-

Immer wieder fühle ich doppelt – zwei verschiedene Pole gleichzeitig. Das ist so schwer auszuhalten… Es zerreißt mich manchmal regelrecht.

Ich lag in seinen Armen, er hielt mich ganz fest… und das fühlte sich soooo gut an.
Plötzlich dachte ich: zu gut! Und schon war das gute Gefühl wieder weg.
Mari, du fühlst dich bestimmt schon einige Minuten gut – das ist zu viel – zu lange! sagte eine Stimme in mir.
Ich versuchte mich langsam aus seinen Armen zurück zu ziehen…
Er ließ es nicht zu, hielt mich so fest, dass ich nicht weg konnte, aber nicht zu fest –  erdrückt fühlte ich mich dabei nicht. Und dann wurde aus dem Gefühl der Geborgenheit, des Wohlbefindens, von dem ich meinte, es nicht zu lange haben zu dürfen, plötzlich ein Gefühl der Erregung. Ja, es erregte mich, dass ich gezwungen war, in seiner Umarmung zu verweilen, dass ich nicht weg konnte, obwohl ein anderer Teil von mir meinte, weg zu müssen, weil das Schöne nicht zu lange schön sein dürfte. Dieser Teil wollte vernünftig sein… Maß halten… nicht zu viel Schönes haben wollen…
Und dass dieser vernünftige Teil mein Wohlbehagen nicht bremsen konnte, und ich gezwungen war, das Schöne weiter „auszuhalten“ – was für ein seltsames Wort für etwas Schönes – das erregte mich, das machte meinen Körper lebendig, ließ kleine Wellen durch ihn hindurch zucken. Und jetzt kam das Gefühl, etwas ganz Verbotenes zu erleben… 
Stärker wurde der Impuls, dass diese Wellen nicht in Ordnung waren. Wieder versuchte ich mich, aus seiner Umarmung heraus zu lösen… Es gelang mir nicht. Und dieses Nicht-Gelingen war so wundervoll…!

Da zwang mich jemand, im Zustand von etwas Schönem zu bleiben, es nicht nach einem kleinen Koste-Häppchen zu stoppen, mich den Gefühlen, die es auslöste, nicht zu entziehen, so wie es diese Vernunft-Stimme so oft von mir verlangt hatte. Es war mir inzwischen schon lange, viel zu lange selbstverständlich geworden war – niemals zu lange und zu viel Genuss auszukosten.

Wenn ich aber nicht weg konnte aus diesen wunderbaren starken Armen, dann war ich auch nicht dafür verantwortlich, dann war ich nicht daran „schuld“, wenn ich es zu lange genießen würde.  Dann konnte die Stimme so lange sagen, wie sie wollte: „Mari, Übermut tut selten gut! Immer schön vernünftig sein und Maß halten. Das Gute nicht überstrapazieren…“ Es würde ihr nichts nützen…!  Ich wurde ja festgehalten und blieb nicht freiwillig (obwohl ich es natürlich eigentlich wollte… Aber das kann ich nicht zugeben – das schreibe ich nur hier ins Tagebuch). 

Was bedeutet diese schlimm-schöne Erfahrung, nicht weg zu können von etwas, das mir gut tut, für mich?
Darf ich die Verantwortung tatsächlich mal für ein Weilchen abgeben? 
Darf ich mich davon sogar erregen lassen, wenn er mich entgegen meinen Flucht-Impuls fest hält?
Es ist ja nicht wirklich gegen meinen Willen, aber fühlt sich doch irgendwie faszinierend gezwungen an. Wenn es sich nicht so gut anfühlen würde, in seinen Armen zu liegen, dann… ja dann wäre das Festhalten ein unangenehmer Akt gewesen. 

Aber so… so war es schlimm-schön… und mehr schön als schlimm… 
Ist DAS okay???
Und wer kann mich „glauben machen“, dass es okay ist???
Oder besser… wie kann ich mich „glauben machen“, dass es okay ist???

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

9. „Leben – bitte, sei sanft mit mir!“

Mari und Joel im 2. Rollenspiel: Im Leben ist eigentlich alles ungewiss“

Mari saß mit geschlossenen Augen auf dem kleinen Schemel, den Joel in seiner Rolle als Meister ihr zugewiesen hatte. Es fiel ihr schwer, die Augen nicht wenigstens ein wenig zu öffnen.
Angespannt lauschte sie auf die Geräusche im Zimmer.
Von hinten kam seine Stimme: „Wie fühlst du dich, Mari?“

„Etwas unbehaglich…“

„Was bereitet dir gerade am meisten Unbehagen?“

„Die Augen geschlossen zu halten – und nicht zu wissen, was du mit mir vorhast.“

„Ja, es ist wie im Leben, eigentlich ist es immer irgendwie ungewiss, wir wissen nie sicher was kommt. Und doch kommt oft etwas Gutes oder zumindest nichts Schlimmes.“

Noch immer war er etwas entfernt hinter ihr.
Jetzt hörte sie ihn näher kommen.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als er seine Hände auf ihre Schultern legte.

„Ganz ruhig, Mari, meine Hände kennst du doch bereits von der Schultermassage neulich auf der Parkbank. Und  ja… ich weiß… die Berührung kam überraschend – das ließ dich zusammen zucken. Spüre einfach mal hin… alles okay? Was sagt die Gefühls-Ampel?“

„Körperlich grün – emotional gelb!“ antwortete Mari nach kurzem Zögern.

„Okay, dann richte mal deine Aufmerksamkeit ganz auf den Körper, besonders auf deine Schultern und die Berührungen meine Hände. Wie fühlt sich das an?“ Sanft massierte er Maris angespannte Schultern.

„Das tut gut…“ seufzte sie

Nach 5 Minuten Wohlfühlzeit löste er seine Hände und ging um Mari herum.

„Du kannst jetzt deine Augen öffnen, Mari.“

Meister_in_Schwazem_Gewand-.Joel stand ca. 2 Meter entfernt von ihr. Er hatte über sein T-Shirt ein schwarzes, weites, bis auf die Erde reichendes Gewand angezogen.

„Ich stehe jetzt als Symbolgestalt für das ganze Leben vor dir, Mari. Und ich frage dich:  Wie fühlst du dich? Was willst du mir, dem Leben, sagen?“

„Leben, ich habe Angst vor dem, was kommt!!!
Ich fühle mich oft so schwach, so verletzbar, so wund…
Ich danke dir für all das Gute, was du mir schon gebracht hast. 
Und das war wirklich viel.
Aber manches war auch ziemlich schwer!
Oh ich bitte dich, sei sanft zu mir! Tu mir nicht noch einmal so weh!“ 
Bei diesen Worten kamen Mari die Tränen.  Sie barg den Kopf in ihren Händen und schluchzte.

Joel trat auf sie zu, griff ihr vorsichtig unter die Achseln, zog sie sanft empor und führte sie zum Sofa. Er setzte sich in die Couchecke, legte ein Kissen in seinen Schoß und sagte zu ihr: „Mari, ich bin noch immer das Leben, und als solches lade ich dich ein, deinen Kopf in meinen Schoß zu legen, und dich ins Leben hinein zu entspannen. Leg dich hin und gib mir deinen Kopf.“
Noch immer weinend legte sich Mari auf die Couch und legte ihren heißen Kopf in seinen Schoß.

„Ich habe solche Angst!“ brach es aus ihr hervor. „Du kannst mir alles nehmen, alles mit mir machen, mich rütteln und schütteln, mich aufbauen und wieder zusammen falten. Oh Leben, du bist so mächtig, und ich bin so hilflos und klein. Ich möchte nie wieder so schlimme Schmerzen haben… Bitte, bitte! Geh ab jetzt sanfter mit mir um!“

Joel stellvertretend für „das Leben“ strich sanft über ihr Haar, in langsamen, beruhigenden Bewegungen – immer und immer wieder… Ließ sie weinen bis die Tränen versiegten und sie aufhörte zu schluchzen. Unablässig strich er über ihr Haar und ihre Schultern. 
Mari ließ es geschehen und spürte, wie sie sich langsam entspannte. Ab und zu schluchzte sie noch einmal auf… 

„Fühl mal, Mari:
Ich, das Leben, bin stark und groß,
und du bist in meinem Schoß.
Ich, das Leben, bin sanft zu dir –
jetzt und hier. 
Und denk mal zurück,
gab es in all dem Schweren nicht auch Beistand und Glück?
Gab es auch nur eine Situation, die gänzlich ohne Hilfe war?
Gab es auch nur einen Tag, an dem absolut gar nichts Gutes geschah?“

Mari ließ ihre Gedanken zu den verschiedenen schmerzhaften Erlebnissen wandern – und tatsächlich… in allem wurde ihr auch Hilfe zuteil. Oft floss sogar immens viel Liebe – unerwartet, gerade in den besonders schweren Momenten.  Immer waren Menschen da, manchmal Freunde, manchmal auch völlig Fremde, die ihr zur Seite gestanden hatten. Es gab seltsame Zufälle, mit denen gar nicht zu rechnen war, die gute Wendungen mit sich brachten.
Die Intensität der Liebe – war gerade in harten Tagen besonders stark spürbar gewesen. 
Ob das vielleicht der Sinn von allem schmerzlichen Erleben ist, dass die Liebe besonders deutlich zutage tritt…, überlegte Mari im stillen.

„War häufig nicht die Angst ein Verstärker deines Schmerzes?“ fragte Joel als „das Leben“.

„Ja, das stimmt, bekannte Mari, „ich habe so viel Angst in mir, aber ich kann sie nicht wegdenken! Das hab ich schon so oft versucht. Mit allen möglichen positiven Gedanken, Affirmationen, Kraftsätzen und weiß der Geier was – es funktioniert nicht!“

„Stimmt! Du kannst all deine Gefühle nur da sein lassen, atmen und sie fühlen. Und wenn du dich nicht so wehren würdest gegen sie – und vor allem nicht gegen mich, also gegen die Ungewissheit, die ich als „das Leben“ dir bringe, wäre vieles leichter…“

„Das fällt mir so schwer…“ gab Mari zu.

„Genau deswegen tun wir das, was wir hier miteinander tun! Wir üben miteinander…
Du übst, Mari – und ich bin dein Lehrer, der dich immer wieder hinein schickt ins Ungewisse – und dann deine Hand nimmt, um dich da durch zu führen – und sie ganz sicher hält, um es dir leichter zu machen,“ flüsterte Joel. „Das Leben will nicht, dass du es dir so schwer machst. Es will, dass du lernst, ihm zu vertrauen, dich von ihm halten und durch alles hindurch führen  zu lassen…“

Mari setzte sich auf und sah sich das Leben, verkörpert durch Joel an. Der öffnete seine Arme – und Mari ließ sich von ihm halten… Das fühlte sich so gut an,  sooo gut…

„Je mehr du dich in mich hinein entspannst, umso weniger Schmerz wirst du erleben…“ 

„Das will ich lernen – bitte hilf mir dabei!“ 

„Dafür bin ich da.
Dafür hat mich das Leben zu dir geführt, Mari.
Und das tue ich sooo gern!“

–> zum nächsten Kapitel: 10. Leuchtend bunte Lebendigkeit auf dem dunklen Grund der Ungewissheit

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