88. Das Leben schmeckt oft ganz unterschiedlich

Bei Joel – Erfahrungen für die Sinne

Mari klingelte, und Joel öffnete wie so oft lächelnd die Tür. Die vertrauten Worte „Schön, dass du da bist, Mari!“ und ein freundliches Lächeln empfingen sie. Und gleich nachdem er die Wohnungstür hinter ihr geschlossen hatte, breitete er seine Arme aus zu einer Geste des Willkommens.

Mari liebte es, von ihm umarmt zu werden, und er wusste das. Ganz fest hielt er sie in seinen langen Armen. Unwillkürlich wurde ihr Atem tiefer, die Atemzüge länger und ruhiger… ihr Körper weicher… Sie spürte seine  starken Arme, die sie hielten, sich in angenehmer Weise um sie legten und ihr mit sanftem Druck Halt gaben. Die Aufregung ließ etwas nach, aber nicht völlig – schließlich geschah mit Joel als Meister immer irgendetwas Herausforderndes, Spannendes, Aufregendes. Und das war gut so – das war es ja, was sie so anzog an der besonderen Art ihres  Miteinanders, dass es sich einerseits spannend und lebendig, andererseits auch geborgen und behütet anfühlte – eine ganz besondere Mischung…
Genau in dem Moment, in dem sie den Impuls spürte, sich langsam aus der diesmal so ausgiebigen Begrüßungsumarmung zu lösen, gab er ihr einen zarten Kuss auf ihr Haar, schaute ihr in die Augen und sagte: „Es ist schön, dass du da bist, Mari.“

Er legte ihr einen Arm um die Schulter und führte sie ins Wohnzimmer. 
Die Couch war ausgezogen und davor stand ein gedeckter Tisch.
„Wow! Schokoladentorte!!! Das sieht ja lecker aus!“ Überrascht von diesem nicht alltäglichen Anblick schaute Mari Joel an, und sein Schmunzeln vertiefte sich zu einem breiten Grinsen. 
„Hmm, du weißt ja, ich bin immer mal für eine Überraschung gut… aber bevor du dich setzt: Das Spiel beginnt!“ Mit diesen Worten zog er ein Tuch hervor und verband ihr die Augen. „Du überlässt dich jetzt in allem einfach nur meiner Führung, okay?“
„Okay“, sagte sie leise. 

Er trat hinter sie und legte mit sanftem Druck die Hände auf ihre Schultern, schob sie vorwärts, drehte sie etwas und sie spürte die Couch hinter sich. Der Druck auf ihre Schultern verstärkte sich, und sie sank etwas unkontrolliert nach unten, aber bevor sie ganz das Gleichgewicht verlor, waren seine Hände unter ihren Armen und dirigierten sie so, dass sie in eine sitzende Position kam. Sie saß vorn auf der Couch, und er setzte sich neben sie, legte ihr einen Arm um die Schulter, zog sie seitlich an sich.

Nun saß sie gespannt neben ihm auf dem Sofa. Auf ihre Frage, was sie trinken möchte, antwortete sie: „Am liebsten schwarzen Tee mit Honig und Zitrone.“
Überrascht hörte sie das Plätschern des Tees, denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass Tee schon fertig sein würde…

„Ich war mir ziemlich sicher, dass du zu Schokotorte gern Tee mit Honig und Zitrone trinkst“, antwortete er. Dann hörte sie den Löffel in der Tasse klimpern und war gespannt darauf, die Mischung zu kosten. Sanft und achtsam hielt er ihr die Tasse an die Lippen. „Perfekt! Danke! Die Menge an Zitronensaft und Honig ist genau richtig!“
Sie hielt ihm die Tasse wieder hin und er nahm sie ihr ab. „Und nun, meine Liebe, darfst du einfach nur genießen…“
Einen Moment später fühlte sie Schokoladencreme an ihrer Lippe, sie öffnete den Mund und fand erlesene Schokotorte zwischen ihren Gaumen. „Hmm…“ Sie kostete diesen Genuss aus, öffnete wieder den Mund und spürte eine runde feste Kugel zwischen den Lippen, gerade wollte sie ihre Hand zu Hilfe nehmen und die Kugel erstmal vom Mund nehmen, als Joel nach ihrer Hand griff und sie in der Bewegung zum Mund hin stoppte.
„Nein, Mari. Die Hände bleiben unten. Du ahnst es schon richtig, das was ich dir jetzt gerade an die Lippen halte , hat mit süßer Torte nichts zu tun, jetzt kommen ganz verschiedene Probierhäppchen. Vertraust du mir so weit, dass ich dir kein Leberwurstschnittchen in den Mund stecke?“

Mari nickte lächelnd. „Gut, dass du dich erinnerst, dass ich Leberwurst absolut nicht leiden kann! Und… ja, ich vertraue dir auch dahin gehend.“

Abwechselnd bekam sie Süßes, Saures, Salziges, Weiches, Knuspriges, Flüssiges, Festes, Saftiges und Trockenes zu kosten. Es war seltsam, auf nichts vorbereitet zu sein, aber jedes einzelne Stückchen schmeckte ihr gut nach einem kurzen Moment, in dem sie es auf der Zuge wälzte.

„So ist es auch im Leben“, hörte sie Joel sagen, „die Vielfalt ist es, die es reich und lebendig macht. Und darüber nicht zu denken, sondern sie zu erfahren, die einzelnen Erlebnisse zu kosten, ohne sie vorher in Kategorien einzuordnen wie schwer, leicht, süß, bitter, hart, weich, macht sie zu etwas Besonderen und lässt sie anders erscheinen… gibt ihnen einen viel höheren Wert an Intensität, als alles Nachdenken darüber es je tun könnte.“

Als Mari ein Sättigungsgefühl spürte, beendete Joel diese besondere kulinarische Erfahrung.
„Und jetzt, meine Liebe, dreh dich auf der Sitzfläche der Couch um eine Viertel Drehung und lass dich …

Wie es an diesem Abend weiter geht, erscheint im nächsten Beitrag…

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61. Immer einen Schritt nach dem nächsten – und die Gedanken werden leiser…

Bei Joel: Eine wettere Vertrauensübung

Als Mari heute das Wohnzimmer von Joel betrat, bemerkte sie das es ungewöhnlich warm war.
Auf dem Tisch lag der Seidenschal, den sie nun schon mehrmals vor ihren Augen hatte.
Joel ging noch einmal in die Küche, um etwas zu trinken zu holen, schenkte Mari ein Glas Wasser ein und sagte: „Ich denke, wir machen heute beim Thema Vertrauen weiter. Bist du bereit, Mari?“
Sie schluckte und antwortete: „Ja, ich bin bereit.“ Welche Übung würde wohl heute auf sie zu kommen? Sie spielte sie mit ihm ja diese Rollenspiele, um ihr Vertrauen zu stärken, dennoch hatte sie immer wieder etwas Angst vorher und oft auch innerhalb der Spiele.

„Das freut mich sehr“, lächelte Joel, „das Spiel beginnt.“ Mit diesen Worten nahm er den Schal in die Hand, stellte sich hinter sie, legte ihn ihr ganz sanft über die Augen und verknotete ihn schließlich.


Mari stand still und versuchte mit ihrer Aufregung klar zu kommen. Was würde nun wohl geschehen?

„Alles gut, Mari?“ fragte er leise.

„Ja, alles okay, ich bin nur ein bisschen aufgeregt“, antwortete sie ehrlich.

„Du weißt, ich passe auf dich auf, nicht wahr?“

Sie nickte.

„Es ist recht warum, magst du deine Strickjacke ausziehen?“ bot er ihr an.

Das tat sie gern, denn ihr war in der Aufregung ziemlich heiß geworden. Er half ihr dabei, und als die Jacke fast ausgezogen war, verdrehte er sie plötzlich so, dass ihre Arme in der Jacke gefangen waren.
Sie versuchte, sich da irgendwie heraus zu winden, doch er zog ein paar mal an der Jacke, so dass die Arme plötzlich darin eingebunden waren.

„Halt still Mari“, wies er sie an.

Mari erschrak. „Ach, das machst du mit Absicht…“

„Ganz ruhig Mari“, flüsterte er leise an ihrem Ohr. Ich bin und bleibe die ganze Zeit in deiner Nähe. Dir kann nichts geschehen.“

Nun konnte sie nichts sehen und ihre Arme kaum bewegen. Sie versuchte, ihre Aufregung durch ruhigeres Atmen in den Griff zu bekommen, aber das funktionierte kaum. Sie fühlte sich äußerst nervös.

„Setz dich“, sagte er und führte sie, so dass sie sicher zu dem Stuhl gelangte.
Sie nahm ihn von hinten an ihren Knien wahr und fühlt sich ziemlich hilflos.
Joel half ihr mit einem festen Griff an den Schultern, dass sie sich ganz vorsichtig und sicher setzen konnte. Sie spürte deutlich, wie ihr Herz schlug.

Als sie sicher saß, ließ er sie los, und es wurde still im Raum.
Dass sie nicht wusste, wo genau er war, konnte sie nur schwer aushalten.
Es gab keine Geräusche, die ihn verrieten. Sie lauschte angestrengt, spürte den Pulsschlag in den Ohren rauschen. Endlich durchbrach er die Stille: „Gut, Mari, jetzt steh auf. Sie konnte nicht genau zuordnen, wo er sich im Raum befand.
Langsam erhob sie sich und fühlte sich dabei sehr unsicher, da sie sich ja mit den Händen nicht abstützen konnte.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie, „und jetzt geh drei Schritte vor.“

Langsam setzt sie drei Schritte nach vorn.

„Ja, prima, nun dreh dich nach links und geh zwei Schritte vor. „
Sie folgte seiner Anweisung und fühlte sie sich langsam etwas sicherer.

So ging das noch ein ganzes Weilchen, mal nach links, mal nach rechts, mal mehr mal weniger Schritte, bis sie völlig die Orientierung im Raum verloren hatte.
Mit der Zeit wurde sie sicherer dabei, und fühlte sich irgendwie ganz seltsam ruhig in dieser Orientierungslosigkeit. Immer ruhiger wurde ihr Denken… Mit der Zeit war nichts mehr wichtig, nur immer der nächste Schritt. Seine Anweisungen gaben ihr irgendwie eine Struktur vor, an der sie sich innerlich festhalten konnte. Sie brauchte nur zu folgen, nichts selbst zu entscheiden. Das tat richtig gut.
Nach der gefühlten hundertsten Anweisung sagte Joel zu ihr: „Du machst das sehr, sehr gut Mari. Bleib einen Moment so stehen. “ Seine Stimme schien fast um sie herum zu klingen…
Sie freut sich über das Lob , stand still und erwartete, dass er ihr nun die Augenbinde abnehmen würde und die Übung beendet sei, aber nein…
Es kam eine weitere Anweisung: „Jetzt, lass dich nach hinten fallen, Mari.“

Boah… Das kostet Überwindung. Sie konnte nicht einschätzen, in welchem Abstand er sich von ihr befand. Gern würde sie seiner Anweisung folgen, aber noch gelang es ihr nicht.

Er nahm ihren inneren Kampf wahr und ermutigte sie: „Du warst beim Gehen so mutig und sicher, Mari, das hast du so phantastisch gemacht, nun lass dich noch rückwärts fallen.“

So gern würde sie wissen, wo er stand, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu fragen. Sie erinnerte sich an die vielen Male, in denen er eine Übung für sie leichter gestaltet hatte, als sie zuvor dachte. Auch daran, dass er sie schon einmal von hinten aufgefangen hatte, dachte sie. Das war nun schon viele Wochen her. Ganz nah hatte er hinter ihr gestanden… Sicher würde er darauf achten, sie auch dieses Mal nicht fallen zu lassen. Warum war es dennoch so schwer, los zu lassen und sich nach hinten fallen zu lassen.
Sie atmete tief ein und dachte: „Jetzt!“ Aber es gelang nicht, ihr Körper folgte einfach nicht ihrer gedanklichen Anweisung.“

„Komm Mari,“ lockte er sie freundlich, „du weißt, dir wird nichts passieren.“

Immer noch zögerte sie…

Und bei seinen Worten: „Ich weiß, du schaffst das Mari!“, holte sie tief Luft, dachte noch einmal „Jetzt!!!“ und…. ließ sich schließlich fallen.

Anders als bei dem Spiel, das sie vor einiger Zeit schon mal hatten, waren seine Hände allerdings nicht sofort da, und sie begann tatsächlich deutlich zu kippen. Doch nach einem kurzen Schreckmoment waren seine Hände da, fingen sie kräftig und fest auf, und ließen sie ganz sanft auf einen Stuhl sinken.
Ihr war heiß, in ihrem Kopf kribbelte es und sie atmete aufgeregt.

„Sehr gut Mari“, lobte er sie.
Froh, seine Stimme nun ganz in der Nähe zu hören, wünschte sie sich, jetzt eine Berührung von ihm zu spüren.
„Würdest du mich bitte einen Moment umarmen?“ fragte sie leise.

„Aber sehr gerne“, lächelte er und nahm sie fest in die Arme.

In diesem Moment spürte sie erst, wie ihr Körper zitterte, und war dankbar für die Umarmung.
Er hält sie ganz fest. „Ruhig und tief atmen, Mari, das hast du sehr, sehr gut gemacht! Du hast großen Mut bewiesen und großes Vertrauen. Es war heute ja auch deutlich schwieriger, dich fallen zu lassen, aber du hast es gemacht, Mari!“ Daraufhin zog er ihr die Strickjacke nun mit nur einem kleine Zug an der richtigen Stelle aus. Auch die Augenbinde nahm er ihr nun ab und lächelte sie an…

„Danke für deine Anerkennung, das tut gut dass die Strickjacke jetzt ab kommt!“

Sie genoss es, wieder sehen und sich frei bewegen zu können.

„Das war wirklich sehr, sehr gut Mari“, sagte er noch einmal, und dann: „Das Spiel ist vorbei!“

Mari schaute Joel an und ging einen Schritt auf ihn zu, und… er nahm sie in seine Arme.

„Da hat es mir der Meister heute aber ziemlich schwer gemacht“, erklärte sie leise, und genoß seine Umarmung.

„Ja“ gab er zurück, „das war wirklich eine starke Herausforderung an dein Vertrauen, aber du hast sie super gemeistert, hast großen Mut bewiesen und ihm vertraut.“

„Du glaubst gar nicht, wie schwer mir das gefallen ist, Joel!“

„Oh doch, das glaube ich“, sagte er und drückte sie enger an sich, „aber du konntest es, weil dein Vertrauen wächst.“

„Es war heute so unheimlich, schon am Anfang, als er so lange geschwiegen hat, als ich auf dem Stuhl saß… Dann das Laufen ging ganz okay mit der Zeit, aber das Fallen lassen – das war echt heftig! Puh…“

„Ja, zumal er vorher dafür gesorgt hast, dass du die Orientierung verlierst beim Gehen , aber du hast dich nicht irritieren lassen und hast ihm vertraut! Ich bin beeindruckt, Mari!“

„Na doch habe ich mich irritieren lassen, ich habe völlig die Orientierung verloren hier im Raum, ich habe nicht mal mehr die Richtung seiner Stimme zuordnen können, da war ich schon sehr irritiert. Und ich glaube das war Absicht, stimmt’s?!“

„Ja sicher, es sollte ja schon etwas herausfordernder sein, als beim letzte Mal, schließlich willst du ja in deinem Vertrauen wachsen – und du hast tatsächlich noch mehr Vertrauen gezeigt! Prima, Mari!“

„Hm… der Meister ist schon ziemlich kreativ in seinen Übungen, da bekomme ich jetzt schon Bammel vor dem nächsten Mal…“

„Aber du weißt doch, dass es gut ausgehen wird!“ lächelte Joel.

„Warum habe ich dann trotzdem immer wieder so dolle Angst? Ich weiß gar nicht, welche Angst heute größer war: die Angst vor dem Fallen lassen oder die Angst davor, es nicht zu schaffen.“

Joel überlegte: „Tja, warum ist das so mit der Angst… Ich denke, weil es etwas Neues, etwas Ungewohntes ist, und weil du immer noch die unangenehmen Erinnerungen in dir trägst, die in ungewissen Situationen immer wieder aktiviert werden.“

„Ja, so wird es sein. Die kommen wohl immer wieder, wenn es eine neue Steigerung der Herausforderung gibt.“

„Ja, aber mit jedem Schritt, gewinnst du mehr Vertrauen, Mari, sonst wäre es dir heute blind und mit gefesselten Händen nicht möglich gewesen, so sicher durch die Wohnung zu gehen.“

Mari schaute Joel dankbar an. „Es ist echt toll von dir, Joel, dass du mich immer wieder auf die Dinge aufmerksam machst, die mir gelingen. Hab vielen Dank dafür!“

„Ich danke dir, Mari, dass ich ein Teil davon sein kann“, sagte er und drückt sie noch einmal fest an sich.

„Was hätte der Meister eigentlich gemacht, wenn ich mir die Jacke nicht hätte ausziehen wollen?“

Dann hätte er einen anderen Weg gefunden“, sagt Joel wissend, aber rätselhaft.

„Hm okay…“, ich frage wohl besser nicht weiter nach, meinte Mari nachdenklich.

„Du würdest auch keine Antwort bekommen“, schmunzelte Joel, „ich freue mich schon auf das nächste Spiel mit dir!“

Geschrieben von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge