113. Eine leicht kitzelige Situation (Frank + Maria)

Im Park

Frank hatte Maria abgeholt zu einem kleinen Spaziergang, denn es war ein milder Herbsttag, der regelrecht dazu einlug
Sie liefen durch einen kleinen Park und plauderten über dies und jenes, Maria genoss die entspannte Stimmung. Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und sagte zu ihr: Jetzt schließ mal deine Augen und lass dich von mir durch den Park führen, ich werde meinen Arm an deinen Schultern lassen. rote_ParkbankSie konnte sich gut auf seine sanften Druck-Impulse nach links oder rechts einlassen. Schließlich blieb er an einer Bank stehen und dirigierte sie mit verstärktem Druck nun von beiden Hände auf ihren Schultern auf die Sitzfläche der Bank.“
„Und wie geht´s dir?“ fragte er interessiert.
„Gut, Frank, das war ein schönes und spannendes Gefühl.“
„Na prima, das freut mich“, antwortete er, „machen wir noch etwas anderes.“
Et rückte ein wenig von ihr ab, so dass sie sich fast gegenüber saßen, Dann nahm er ihre Hand und hielt sie ein Weilchen einfach nur fest, auf angenehme Weise. Sie mochte seine Hand und das Gefühl von Sicherheit, Wärme und Halt, das entstand, indem er ihre Hand in seiner Hand hielt, Nach einem kleinen Weilchen öffnete er den Knopf unten am Ärmel ihrer Bluse, schob ihn hoch und nahm wieder ihre Hand in seine Linke, während er mit der rechten Hand langsam über den ganzen Arm strich – hoch und wieder runter. Das fühlte sich angenehm an. Mit der Zeit wurde der Druck immer sanfter – und schließlich so zart, dass es fast kitzelte. Es wurde schließlich zu einem gerade noch aushaltbaren elektrisierenden Gefühl. Als er sich mit einem Finger der Ellenbeuge näherte, wollte sie den Arm unwillkürlich wegziehen, weil es so kribbelte, aber er hielt ihn fest. „Schön hier bleiben,“ sagte er leise aber deutlich.    Das gereizte Gefühl besänftigend strich er wieder mit der ganzen Hand und etwas mehr Druck über den Arm. Erleichtert atmete sie aus. Dieses Spiel mit der Veränderung des Druckes auf ihrer Haut setzte er noch einige Male fort, und sie spürte, dass sie immer empfindsamer wurde dabei und mehrmals ihren Arm unwillkürlich weggezogen hätte, wenn er ihn nicht an der Hand festgehalten hätte. Doch er ging jedes Mal darauf ein und verstärkte den Druck seiner Wanderung über ihren Arm in solch sensiblen Momenten , so dass es wieder angenehmer wurde und sie bei seiner Berührung erneut entspannen konnte. Dabei sagte er lächelnd: „Schön liegen lassen – du kannst ihn sowieso nicht wegziehen.“
Schließlich ließ er das Streicheln ihres Armes ausklingen, behielt ihre Hand noch in seiner und sagte zu ihr:: „Und wie fühlte sich das an, Maria? Wie ging es dir dabei?“

„Ich habe es anfangs sehr genossen, als du meine Hand in deiner hieltest, es vermittelte so Gefühle wie…. Halt und… Geborgenheit. Als es dann allerdings immer mehr in Richtung Kitzeln ging, wurde es für kurze Momente richtig schwer auszuhalten. Du hast ja gemerkt, dass ich ihn manchmal weggezogen hätte, wenn du ihn nicht fest gehalten hättest. Das war… hm… ziemlich aufregend, wenn ich das mal so sagen darf.“

„Aber gern darfst du das so ausdrücken, Maria! Was hat dieses aufgeregte Gefühl denn ausgelöst – kannst du mir das sagen?“

„Ich glaube, es entstand  dadurch, dass deine Berührungen immer zarter und damit für mich schwieriger geworden sind, und dann dabei zu spüren, nicht ausweichen zu können, weil du den Arm an der Hand festgehalten hast. Richtig gut tat mir, dass du in den kitzligen Momenten auf mein unwillkürliches Wegzucken eingegangen bist, indem du den Druck deiner Hand jeweils wieder verstärkt hast, kurz bevor ich „Stopp!“ gesagt hätte, so dass es wieder aushaltbar und  angenehmer wurde. Das alles zusammen war eine aufregende und gute Erfahrung.“

„Das freut mich, Maria! Du hast dich auch voll drauf eingelassen, bewusst hin gespürt, was es mit dir macht, stimmt´s?“

„Stimmt, ich nehme so etwas recht intensiv wahr.“

„Super, da können wir noch viel zusammen erfahren. Da hattest du nun mit deinem Arm die erste Erfahrung, nicht weg zu können. Wie war das für dich?“

„Nun… gemischte Gefühle waren es. Als ich merkte, dass da eine kleine kitzelige Herausforderung kam und ich nicht wegziehen konnte, wurde es erregend, und ich muss zugeben… es war auch ein klein wenig Abwehr dabei. Die legte sich aber, als ich merkte, dass du auf meinen Level des Erträglichen bei dem Kitzelgefühl jeweils sehr aufmerksam eingegangen bist. Es war fast so, als würde ich mich nach und nach sicherer fühlen, bei steigender Intensität des Kitzelns gar nicht mehr wegzucken zu müssen, selbst wenn du die Hand dann nicht mehr festgehalten hättest.“

„Ja, so entwickelt sich schon dein Vertrauen… schön! Genauso wird es in den verschiedensten Erfahrungen sein, die ich an dich heran tragen werde. Dein Vertrauen wird mit jedem Mal wachsen, wo du spürst, dass ich auf dich eingehe, auch wenn du selbst nichts tun oder verändern kannst. Und ist das nicht genau die Erfahrung, die du machen willst? Etwas nicht kontrollieren zu können, also irgendwie wehrlos zu sein und in dieser Situation gut aufgehoben zu sein? So wie es jetzt dein Arm war?“

Maria nickte… „Hmm , ja.,. „

„Und jetzt gehen wir ins Café dort drüben und lassen uns Kaffee und Kuchen schmecken!“ lachte Frank.

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85. Mari äußert eine Bitte

Eine Mail an Joel

Lieber Joel, 
da für mich manches leichter ist, schriftlich auszudrücken, möchte ich dich auf diesem Weg etwas fragen:

Unser Kennenlernen stand ja unter dem Stern des gegenseitigen Austausches, in dem ich die Funktion der Englischlehrerin für dich verkörpere und du für mich die Rolle des Meisters in den Spielen zum Thema Macht und Vertrauen.

Ich spüre, dass der „Meister“, den du für mich verkörperst, in unseren Spielen durch seine Machtrolle für mich stets mit mehr Distanz verbunden ist, als ich sie fühle, wenn wir uns davor  und danach als Joel und Mari begegnen, also so wie wir sind – ohne die vereinbarten Rollen als „Meister“ und „Schülerin“.

Einfach_mal_so

Manchmal frage ich mich, wie es wäre, mit dir ab und zu auch mal jenseits der Spiele zusammen zu sein und vielleicht auch manches zu erleben, was ich mit dir als „Meister“ bereits erlebt habe, (wie zum Beispiel das Zusammen-auf-der-Couch-liegen bei dem schönen Filmabend) oder vielleicht auch noch erleben werde… einfach mit dir als Joel, ganz ohne Regeln, ohne das leicht beängstigende Gefüge, das diese Machtrolle mit sich bringt, die du – und das möchte ich an dieser Stelle mal sagen – wirklich brillant verkörperst.

Also versteh mich richtig: Ich würde gern auch weiterhin dem Meister begegnen, der mir in seiner Machtposition viele Dinge verdeutlicht, die mir bisher nicht oder nur halb bewusst waren, und mich durch seine ganz besondere Art der Autorität an und manchmal auch über Grenzen und in Räume führt, die ich sonst nicht betreten hätte.
Aber zwischendurch würde ich mich gern auch mal mit dir ganz persönlich treffen mit der Frage, die mich bewegt, ob ich mit dir als ganzem Joe vielleicht mehr Nähe empfinden und zulassen könntel als innerhalb der Spiele.
Vielleicht mal so und mal so – wäre meine Idee…

Ich hoffe, diese Frage ist okay für dich? Sag mir  bitte ganz offen, was du dazu denkst – deine Antwort darauf, ob ja oder nein, wie du es auch immer siehst, respektiere ich selbstverständlich in jedem Falle, und ich hoffe, dass ich dir mit dieser Idee nicht zu nahe getreten bin, keine Grenze überschreite oder irgendwie befremdlich auf dich wirke. Ich habe ein Weilchen überlegt, ob ich die Mail so abschicke, fällt mir nicht so leicht, aber jetzt klicke ich auf 

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73. Notwendig? Hilfreich? Der Situation angemessen?

Bei Joel – Fragen zum Einordnen alter Gefühle

Zu Beginn des heutigen Spiels hatte Joel zu Mari gesagt:
„Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen.
Es geht darum jedes Gefühl wahrzunehmen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Setz dich. Du wirst jetzt gleich nichts mehr sehen können. Das kennst du ja bereits, hatten wir ja schon mehrmals gemacht.“
Sorgsam darauf achtend, dass er ihr die Haare nicht in den Knoten des Tuches einklemmte, band er ihr ein Tuch um die Augen. „Wie fühlst du dich?“
„Etwas beklommen, unsicher.“ antwortete sie.
„Fühlt sich das schlimm an?“
„Nein, nicht wirklich schlimm.“
„Was macht das Schamgefühl wegen der aufgeknöpften Bluse?“
„Ist noch da“
„Stärker oder weniger stark?“
„Stärker“
„Du merkst, mit verbundenen Augen fühlt man intensiver.
Er trat hinter sie. Maris Unbehagen verstärkte sich in diesem Moment.
Dann legt er mit einem angenehmen Druck seine warmen Hände auf ihre Oberarme. „Das tut gut.“ sagte sie leise.
„Ja, ich weiß, mit dem Berühren und Halten deiner Arme vermittele ich dir Geborgenheit und Schutz. Dadurch wird das andere weniger heftig, stimmt´s?“ Sie nickte und fühlte sich verstanden.

Als sie sich etwas entspannt hatte, trat er wieder vor sie, nahm das Tuch ab und erklärte ihr: „Keine Angst, ich binde dir jetzt die Hände zusammen, aber so locker, dass du es jederzeit lösen kannst. Halte sie mal zusammen vor deinen Körper. Auf Maris Schoß wickelte er nun ein Tuch um die Hände, so dass sie es gut sehen konnte. Und noch bevor sie in Angst geraten konnte, sagte er: „So, und nun probiere es selbst aus, ob du sie leicht auseinander bekommst, wenn du es willst.“ Und sie machte die Erfahrung, dass die Hände sich leicht aus dem Tuch heraus lösen ließen.
„Es geht nur um ein spielerisches Herantasten an das Gefühl, was dadurch ausgelöst wird. Wie fühlst du dich?“
„Etwas unbehaglich, nicht wirklich Angst, aber so ein bisschen in die Richtung.“
„Erträglich?“
„Ja.“
„Keine Angst, jetzt kommen die Füße ans Stuhlbein. Auch mit einer Bindung, die du sofort lösen könntest.“ Ganz ruhig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, band er nun auch ihre Fußgelenke an die Stuhlbeine.
„Wie fühlst du dich? Hände und Beine sind bewegungsunfähig, aber du bist nicht hilflos, denn du könntest sie lösen.“
„Ich spüre das sehr deutlich, und ein etwas stärkeres Angstgefühl entsteht.“
„Okay, Mari, dein Körper nimmt wahr, dass da was ist, was sonst nicht so ist. Aber du weißt, du könntest dich sofort aus der Situation befreien. Du fühlst zwar die momentane Bewegungsunfähigkeit der Arme und Beine, aber du bist nicht hilflos. Ist ja alles spielerisch. Ist also ein realer Grund für Angst da?“
„Nein.“
„Wie geht´s dir jetzt, wo du dir das bewusst gemacht hast?“
„Besser.“

„Jetzt das Ganze mit verbundenen Augen. Du weißt, du könntest dich jederzeit lösen.“
Er trat hinter sie und band vorsichtig, dass es nicht ziepte, ein Tuch um ihre Augen.
„Wie ist es? Wie fühlst du dich?“
Mari begann leicht zu zittern. „Ich spüre das eben noch leichte Angstgefühl jetzt intensiver, spüre auch deutlicher die Bindungen.“
„Okay, alles ist in Ordnung, Das ist deshalb, weil du nichts siehst, da fühlst du intensiver. Du spürst sicher auch meine Hände jetzt deutlich.“ Mit einem wohltuenden Druck massierte er ihr die Schultern.
„Und jetzt? Wie fühlst du dich dabei?“
„Besser.“
„Du weißt und spürst an meinen Berührungen: Hier ist nichts wirklich gefährlich. Das sind alte Angstgefühle, die im Körper gespeichert sind. Es ist in Ordnung, dass sie da sind, aber du triffst die Entscheidung, Mari. Die Frage, die sich in solchen und ähnlichen Situationen immer wieder mal stellt, lautet:

Ist das, was du fühlst, also z.B. deine Angst oder deine Scham notwendig, um dich vor einer realen Gefahr zu schützen? Hilft es dir bei dem, was gerade ist? Und ist es angemessen, also passend zu deinen Wünschen, deiner Reife, deinem Wissen und deinen Entscheidungen in der aktuellen Situation?
Kurz: Ist dieses Gefühl, was gerade da ist, JETZT notwendig, hilfreich und angemessen?“

Mari schüttelte den Kopf und sagte leise: „Nein, eigentlich nicht, es gibt keine reale Gefahr und auch nichts wirklich Falsches.“
„Okay. Willst du dich nach dem Angstgefühl richten, oder willst du dieses Experiment, das wir beide hier machen, weiter machen?“
Sie zögerte einen Moment und entschied dann: „Ich will weiter machen.“
„Was macht das Schamgefühl?“
„Hab gerade nicht mehr so dran gedacht, eben waren die angenehmen Berührungen deiner Hände auf meinen Schultern im Vordergrund.“
„Und ich wette, dass die Füße angebunden sind, hast du auch schon vergessen.“
„Ja, stimmt“, sie lachte.
„So, nun machen wir mit den Händen noch was anderes: Ich löse die Bindung, und du nimmst sie mal hinter die Stuhllehne.“
Dort band er sie wieder mit dem Tuch zusammen.
„Wie fühlt sich das an?“
„Weitaus unangenehmer.“
„Ja, vor dem Körper könntest du noch irgendwas machen mit den Händen, sie vor dich nehmen, sie höher oder tiefer halten… So bist du noch mehr fixiert.“
„Und es verstärkt auch das Schamgefühl, weil ich vorher die Arme vorn vor meiner Brust hatte und sie jetzt so ungeschützt ist.“
„Nochmal die Frage:
Sind Angst- und Schamgefühle jetzt notwendig, hilfreich und der Situation angemessen?
„Nein, ich weiß, es ist hier keine reale Gefahr, und ich mache auch nichts falsch, wofür ich mich schämen müsste. Wir sind zu zweit, und ich hab mich zu diesem Weg mit dir bewusst entschieden. Da gibt´s eigentlich nichts, wofür ich mich schämen müsste, auch wenn es sich so anfühlt. Und hilfreich sind sie wahrlich nicht.“
„Es ist alles okay, sie sind da, und es ist wichtig, dass du sie wahrnimmst, aber du musst dich nicht nach ihnen richten. Das ist der wesentliche Faktor dabei.“

Nach diesen Worten löste er alle Tücher und sagte sanft: „Damit ist es dann auch genug für heute.“
„Wie geht es dir?“
Sie knöpfte ihre Bluse zu, dehnte und bewegte sich und spürte in ihre Arme und Beine hinein. „Eigentlich ganz okay“, meinte sie erstaunt. „Besser als ich anfangs vermutet hätte. Es tat mir gut, dass du mich darin unterstützt hast, meine Gefühle wahrzunehmen, mich zu fragen, ob sie hier und heute notwendig, helfend und angemessen sind. So konnte ich dann schließlich mit ihnen weiter machen, ohne sie abzulehnen und ohne mich von ihnen beeinflussen zu lassen.“
„Wie schön“, lächelte Joel, „wir sind auf einem guten Weg…“ Er reichte ihr die Hand, zog sie von ihrem Stuhl, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: „Das Spiel ist beendet.“

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72. Ist hier und heute etwas gefährlich?

Bei Joel – Den Gefühlen eine bewusst gewählte Bedeutung geben

Mari betrat Joels Wohnung und wie immer gab es bei der Begrüßung erst einmal eine feste und innige Umarmung. „Das tut gut, Joel!“ meinte Mari, die sich heute besonders beklommen fühlte, da sie vorher von ihm eine Nachricht bekam, in der er schrieb, dass er sie zum heutigen Rollenspiel mit einen Rock und einer durchgeknöpften Bluse erwartete, unter der sie nichts drunter tragen möge. Was sollte heute geschehen?
Als sie auf seine Frage nach ihrem Befinden: „Ziemlich aufgeregt“ antwortete, lächelte er sie an und meinte: „Wie gut! Stell dir vor, du wärest gleichgültig, da ist doch Aufgeregtheit viel besser! Ist lebendig und zeigt intensives Fühlen. Gefühle sind Kräfte. Wichtig ist nur, dass wir dahin kommen, dass nicht die Gefühle uns leiten, sondern dass wir die Gefühle leiten!“

Mari nickte, ja das klang erstrebenswert. So manches Mal fühlte sie sich von ihren Gefühlen gebremst. Nachdem sie Kaffee getrunken hatten, begann er das heutige Spiel mit der Ankündigung: „Heute werden uns mal ganz bewusst mit der Vielfalt der Gefühle beschäftigen. Es geht darum, sie bewusst wahrzunehmen, auszusprechen, anzuerkennen, dass sie da sind und sie so einzuordnen, wie es gut tut . Ich werde Gefühle anregen und du sagst mir, was du fühlst. Jedes Gefühl ist wertvoll, alles darf da sein. Die angenehmen und auch die unangenehmen.

Gefühle von Angst, Scham und Peinlichkeit fühlst du ja oft. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir uns mit ihnen in der nächsten Zeit ganz bewusst beschäftigen, lernen und üben, sie richtig einzuordnen. Sie zeigen ja eine Art Warnung, die im Körper durch alte Vorerfahrungen gespeichert ist. Diese Warnung sollte ernst genommen werden und nicht abgewertet werden. Und dann kommt das Deuten hinzu, also ihnen eine von dir jetzt gewählte bewusste Bedeutung zu geben. Du kannst dich bei jedem Gefühl fragen:
Ist das hier und jetzt eine ähnliche schlimme oder gar gefährliche Situation wie damals?
Und wenn du dadurch, dass du dir diese Frage nach dem, was jetzt ist, in die Gegenwart kommst, und vielleicht erkennst: Hier ist nichts gefährlich oder verboten oder schlimm, kannst du dir sagen: „Heute ist es okay, was gerade geschieht, was ich tue oder was ich zulasse“ – vorausgesetzt du siehst es so. Es geht darum, jedes Gefühl wahrzunehmen, dir diese Frage zu stellen, eine Entscheidung darüber zu treffen, welche Bedeutung du ihm heute geben willst, und bewusst mit ihm durch die Situation gehen.“ Ich werde dazu einige Gefühle auslösen, damit du das erfahren kannst. Steh mal auf und stell dich mir gegenüber dazu.“

Beide standen auf und stellten sie gegenüber.

Joel sagte ruhig, wohl wissend, welche Gefühle er bei Mari gleich auslösen würde: „Knöpfe dir die Bluse auf, ganz langsam und bewusst.“
Sie zögerte und begann schließlich langsam mit den ersten beiden Knöpfen. Von ihm dabei so deutlich betrachtet zu werden, machte es ihr besonders schwer.
Nach einem kleinen Moment fragte er:
„Wie geht es dir dabei, was fühlst du dabei?“
Verlegen schaute sie ihn an. Es war heftig, was sich in ihr bemerkbar machte.
„Peinlichkeit? Scham?“ half er ihr weiter.
Sie nickte wortlos und wartete ab.
„Ja, ich habe das vermutet. Das ist okay. Nun die Frage: Meinst du, dass es einen aktuellen Grund gibt, dich zu schämen? Wir kennen uns nun schon länger, und du hast dich entschieden, mit mir diesen Weg zu gehen. Du bist erwachsen und darfst diese Entscheidung treffen. Gibt es jetzt und hier einen Grund, dich zu schämen? Machst du etwas Falsches?“
Mari schüttelte den Kopf.
„Es ist also ein altes Gefühl, das wie von selbst abläuft. Nimm es wahr, und mach einfach weiter, auch wenn das Schamgefühl noch da ist – Knopf für Knopf mit dem Gedanken: „Ich erlaube es mir! Ich darf das.“ Zieh die Bluse ganz aus dem Rock und mach alle Knöpfe auf.“
Es kostete Mari viel Überwindung und Joel wusste das.
„Das machst du gut, Mari“, bestärkte er sie. „Ich weiß, es fällt dir nicht leicht.“

Als sie beim vorletzten Knopf angekommen war, fragte er sie: „War der letzte Knopf genauso schlimm wie der erste?“ Sie spürte nach und schüttelte den Kopf „Nicht ganz so.“
„Gewöhnung macht ne Menge!“
Schließlich stand sie mit offener Bluse vor ihm. Erleichtert nahm sie wahr, dass die rechte und linke Seite der Bluse so über ihrem Oberkörper hing, dass nicht allzu viel von ihrer nackten Haut hervor schaute.

Joel brachte einen Stuhl und wies sie an: „Nun setz dich auf den Stuhl.

Wie dieses Spiel weiter geht, ist im nächsten Kapitel zu lesen, das übermorgen erscheint.

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20. Eine utopische Heilungsreise: HEILENDE ENTWICKLUNGEN in GEBORGENHEIT

Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Bevor Mari ihren heutigen Umschlag öffnete, sah sie träumend aus dem Fenster und versuchte sich vorzustellen, wie sich Carina fühlte, der es zunehmend gelang, immer mehr vertrauen zu können. Dann las sie:

Nach und nach fühlt sich Carina in dem Raumschiff immer wohler. Sie hat gelernt, sich auch in der Gruppe in dem ihr möglichen Maß zu öffnen. Zu René, dessen Funktion als Kommandant und Gruppenleiter in ihr immer mal wieder ambivalente Gefühle hervorruft, hat sie auch ein gewisses Maß an Vertrauen entwickelt, und sie weiß es inzwischen, dass auch er es mit jeder Frau an Bord wirklich gut meint – auch mit ihr. Dennoch berührt er mit seiner originellen, total unberechenbaren Art und Weise, die Dinge auf den Punkt zu bringen, immer wieder ihre alten Autoritätsängste. Im Geheimen ist sie froh, dass er nicht ihr persönlicher Meister ist. René schmunzelt, wenn er zuweilen einen ihrer fragenden nachdenklichen Blicke auffängt, denn er denkt: So soll es ja auch sein! Die absolute Vertrauensperson ist der eigene Meister. Er darf ruhig ab und zu mal einen kleinen Gegensatz spiegeln, und eine etwas unbeliebte Rolle einnehmen, um manche Schattenseite ans Licht zu bringen. Aber es ist für alle Frauen erkennbar, dass René seine Aufgabe mit großer Liebe erfüllt. Er schafft durch den ihm eigenen freundlichen Humor und durch seine originellen spielerischen Ideen eine freundliche Atmosphäre, einen Schutzraum für die verletzten inneren Kinder der Frauen hier an Bord. Mit liebevollen, versöhnenden Gesten und kleinen Überraschungen gestaltet er das Leben der Gemeinschaft an Bord lebendig und behaglich, so dass sich alle grundsätzlich wohl und geborgen fühlen.

Neben der “Gefühlsgruppe”, wie die Frauen die Gruppe nennen, die er anfangs mit etwas Widerstand seitens mancher Teilnehmerinnen ins Leben gerufen hat, organisiert er viele Nachmittage und Abende mit kreativen, gestalterischen Schwerpunkten, was den meisten Frauen, und auch Carina, viel Freude macht. Auch regelmäßige Treffen, wo gemeinsam gesungen und musiziert wird, tragen zu der inzwischen fast familiär gewordenen Gemeinschaftsatmosphäre bei.

Carina liebt das gemeinsame Singen. Die Meister haben so wohlklingende Stimmen, dass die Luft vibriert und die Herzen sich weit öffnen. Zuweilen singen sie auch spät abends, wenn die Frauen schon im Bett liegen, für sie Lieder, die die Gemüter beruhigen und tiefen Frieden für die Nacht verbreiten. Immer wieder ist Carina beeindruckt von der Liebe, die sie inzwischen von jedem Meister hier spürt. Manchmal findet sie es seltsam, dass es Verhaltensweisen der Meister gibt, von denen sie bisher dachte, so würden sich Männer nur Kindern gegenüber verhalten. Hier aber steht die Äußerung von zärtlichen, liebevollen Gefühlen überhaupt nicht im Widerspruch zu der männlichen Stärke – entdeckt Carina. Tief in ihren Herzen sind alle Frauen davon so berührt und beglückt, dass Stärke und Sanftmut, Kraft und Zärtlichkeit, Männlichkeit und Behutsamkeit sich so wunderbar verbinden  können.

Nie hätte sich Carina vorher träumen lassen, dass sie in dieser von ihr zuvor so gefürchteten Ausbildungsreise so viele tiefe, liebevolle Gefühle in sich selbst und in den anderen erfahren würde. Ihr Herz ist inzwischen voll Dankbarkeit. Und etwas schüchtern bringt sie diese Gefühle sowohl ihrem Meister als auch René gegenüber zum Ausdruck. Sie hat das Bedürfnis, den beiden Männern, vor denen sie anfangs eine so gewaltige Angst hatte, von der Veränderung ihrer Sichtweise zu erzählen. Natürlich wissen sie das längst, das ist auch Carina bewusst, aber es ist für sie selbst wichtig, auch diese schwer errungenen positiven Gefühle zu äußern. Und die beiden Meister teilen die Freude gern mit Carina.

Ein angenehmes, friedvolles Gefühl erfüllt sie. Über das, was später kommt, will sie jetzt nicht nachdenken. Sie schmust und kuschelt inzwischen gern mit Ramon und erfährt von ihm viel Neues, Interessantes aus anderen Welten und Dimensionen.

Voll Freude liest sie das aktuelle Röllchen:

Geliebte Carina, lass dich fallen 
in die Geborgenheit meiner Liebe.
Mehr brauchst du nicht zu tun.
In Liebe Ramon

Das fühlt sich so gut an! Sie spürt ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und wie gut es tut, einfach mal ohne viel Nachzudenken sich dem zu überlassen, was kommt…

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

46. Die Schöne und das Biest

Bei Joel – Eine schöne Überraschung

Mari war auf dem Weg zu Joel an diesem Tag leider etwas spät dran. Das steigerte ihre ohnehin schon immer vorhandene Aufregung, wenn sie ihm begegnete.
Eigentlich neigt er ja nicht dazu, schnell verärgert zu sein, versuchte sie sich zu beruhigen.

Es dauerte einen Moment bis der Summer erklang, und Mari eilte die Treppe hinauf. Joel empfing sie schon vor der Tür. Er trug eine legere schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Warum er wohl heute ganz in Schwarz gekleidet war?

Er bat sie, voraus zu gehen – und noch während sie an ihm vorbei ging und ihm daher zwangsläufig nahe war, flüsterte er ihr ins Ohr: „Das Spiel beginnt.“ 

„Nanu,“ entgegnete sie spontan, „heute so ganz ohne Vorgespräch?“ Kaum war die Frage ausgesprochen, wurde ihr bewusst, dass sie es ja nun schon mit dem Meister zu tun hatte, und nun schon ihre Regel galt, keine vermeidbaren Fragen zu stellen, eine Regel, die ihr schon manches Mal schwer gefallen war, einzuhalten. Und in letzter Zeit gab es für Regelverletzungen auch Sanktionen.
Mist, dachte sie – gleich zu Anfang reingerasselt
Ihr Blick fiel durch die offene Tür ins Wohnzimmer. Das Sofa war aufgeklappt… In dieser Form erinnerte es sie an ein früheres Spiel. An dem Tag war er ja auch schwarz gekleidet. Und dann war die unangenehme Aufforderung gekommen, sie solle sich entkleiden und auf das aufgeklappte Sofa legen. Die Erinnerung an diese Situation und die damit verbundenen Gefühle taten ihr in der jetzigen Situation, in der sie ja auch noch eine Strafte aufgrund der vermeidbaren Frage zu erwarten hatte, gar nicht gut.

Am liebsten wäre Mari gegangen, aber als sie sich umdrehte, stand Joel zwischen ihr und der Tür, so dass es in diesem Moment nicht möglich war zu gehen. Ihr Angst-Muster war aktiviert.  Joel, der das spürte, ging einen Schritt zurück.

Er sah ihr sanft in die Augen. Hatte er die Frage vielleicht gar nicht als solche bemerkt? Doch dann kam der gefürchtete Satz von ihm: „Mari, ich glaube, das war eine Frage.“

Maris Herz klopfte… „Entschuldigung, das kam einfach zu plötzlich“, stammelte sie. 

„Bist du bereit, deinen Fehler auszugleichen?“ fragte er ruhig.

In Mari tobte es hin und her… Warum nur fiel es ihr mal leichter und mal schwerer, im Vertrauen zu bleiben? Es war ihr beim letzten Mal ja schon leichter gefallen, seine kleinen Sanktionen annehmen zu können… Unglücklich schaute sie auf den Boden. Sie wäre ja sowieso schon bei dem Anblick der ausgezogenen Couch  gerade am liebsten gegangen, und nun auch das noch! Sollte sie einfach gehen und die ganzen heiklen Situationen, die mit diesen Machtspielen entstanden waren, hinter sich lassen? Er würde sie bestimmt nicht daran hindern. Andererseits  hatte es auch wunderschöne Situationen gegeben und sie hatte sich lange nicht so lebendig gefühlt wie in letzter Zeit… Und sie hatte sich ja eigentlich vorgenommen, künftig Strafen als Ausgleichmöglichkeit anzunehmen… Das alles ging ihr durch den Kopf.

Joel, der ihre Zerrissenheit bemerkte, erklärte ihr freundlich:  „Weißt du, ich hatte einen netten gemütlichen Abend geplant, aber es braucht jetzt ein ganz kleines Entgegenkommen von dir, dass wir damit beginnen können – bist du damit einverstanden?“

Sie redete sich selbst gut zu… und schließlich traf sie eine Entscheidung, nahm allen Mut zusammen und sagte: „Ja, ich bin bereit.“

„Ich freue mich sehr, Mari! Ich habe in der Küche etwas vorbereitet, das zu unserem Abend gehört, und ich bitte dich, es zu holen und ins Wohnzimmer zu bringen. Würdest du das tun?“

„Ja natürlich! Ist das bereits der Ausgleich? Oder kommt der noch?“

„Ist das noch eine Frage?“
 
„O Mist! Entschuldigung! ich bin irgendwie so… durcheinander… Tut mir echt leid!“
 
„Würdest du nun in die Küche gehen?“
 
„Ja, selbstverständlich!“ Mari ging in die Küche und kämpfte mit den Tränen. Musste heute aber auch von Anfang an alles schief gehen?!

Sie hörte Joel von draußen sagen: „Ok, du wirst schon sehen, was ich meine… In der Küche sind zwei kleine Tellerchen mit Schokolade und Keksen vorbereitet.

In der Küche nahm sie erst einmal ein paar tiefe Atemzüge, wischte sich die Tränen aus den Augen und trug dann die Tellerchen ins Wohnzimmer. Was würde jetzt geschehen… War das schon die Sanktion oder würde sie noch kommen? Würde sie nun doppelt bestraft werden? War er ungehalten, weil sie gleich noch eine Frage gestellt hatte?  Sie erinnerte sich daran, dass Joels „Strafen“ bisher nicht schlimm oder gar schmerzhaft waren. Wirklich schwer auszuhalten war für sie nur das peinliche Gefühl, das damit einher ging. Konnte sie es sich nicht endlich abgewöhnen, in den Spielen Fragen zu stellen und sich damit in schwierige Situationen zu bringen… 

Schließlich ging sie zögerlich mit den beiden Tellerchen ins Wohnzimmer.

Joel saß auf einer Seite der ausgezogenen Couch, aufrecht, mit dem Rücken an der Wand, ganz entspannt und deutet auf die beiden Schemel links und rechts vom Sofa. Aha, dort sollte sie die Nasch-Tellerchen wohl hin stellen. Und wenn sie falsch lag?

Dann würde er es sagen und nichts würde geschehen, flüsterte ihre innere Stimme ihr zu. 

Langsam verstand sie sich selbst. Sie stellte immer wieder Fragen, um zu vermeiden, korrigiert zu werden, was eigentlich gar kein Problem war. Nur gegen bekannte Regeln zu verstoßen wurde von ihm sanktioniert. Es war noch niemals zum Problem geworden, wenn sie etwas falsch verstanden hatte… 

Mach es dir gemütlich Mari, ich habe eine Überraschung für uns“, Joel riss sie aus ihren Gedanken.

Soll ich mich jetzt neben ihn auf die Couch setzen oder auf den Sessel, fragte sie sich und ärgerte sich gleichzeitig über sich selbst, dass jede noch so kleine Unsicherheit sie derart belastete.

Joel ging zum Fernseher und legte eine DVD ein, während er lächelnd an Mari vorbei ging und in ihr Ohr flüsterte: „Die zweite Frage vorhin habe ich schon wieder vergessen. Und alles andere ist nun erledigt.“ Dabei zwinkerte er freundlich mit den Augen, nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich auf die Couch. Mari nickte erleichtert und setzte sich neben ihn.

Zu ihrer Freude erklang eine beschwingte Walt-Disney-Melodie aus dem Film Die Schöne und das Biest. Wie jetzt… einfach nur miteinander einen Film schauen – wie schön war DAS denn?!

Mari lehnte sich neben Joel an die Wand, an die er aufrecht zwei dicke Kissen gelehnt hatte. 

„Lass uns heute einfach einen gemütlichen Abend machen, Mari, okay?“

Erleichtert nickte Mari: „Oh ja, sehr gerne!“

Tatsächlich entspannte sie sich mit der Zeit mehr und mehr, und beide folgten der Filmhandlung. Zuweilen summten sie bei den Liedern mit, und Mari lehnte sich ohne darüber nachzudenken an den geöffneten Arm von Joel. So entspannt hatte sie sich innerhalb der Spiele noch nie gefühlt.

Als dann allerdings die DVD zu Ende war, und ihr bewusst wurde, wie nahe sie an den Meister angekuschelt war in einer halb sitzenden, halb liegenden Position, rückte sie vorsichtig wieder ein Stück ab von ihm.
„Danke, dass du mich mit einem so schönen Film überrascht hast,“ sagte sie leise.

Joel – noch immer in der Meisterrolle – lächelte: „Freut mich, dass es dir gefallen hat, Mari. Was meinst du, weshalb ich genau diesen Film gewählt habe? Hast du eine Idee?“

„Vielleicht, weil die Angst der Schönen vor dem Biest sich als unbegründet heraus stellte?“ vermutete sie.

„ich freu mich, dass du meine Botschaft, die in dem Film versteckt war, erkannt hast! Du hast dich vorhin so schön bei mir angelehnt und entspannt in meinem Arm gesessen, ja fast haben wir ja gelegen… Hast du jetzt, ohne den Film, auch den Mut, noch einmal näher zu kommen?“

Mari zögerte… Ja, es war eigentlich schön gewesen, in seinem Arm zu sein, selbst wenn es eine fast liegende Haltung war. Sie rückte auf ihn zu, und er legte ganz zart wieder einen Arm um ihre Schulter. „Das ist schön…“ flüsterte er. „Ich weiß, dass dieser – im Gegensatz zu vorhin – bewusste Schritt, mir von dir aus näher zu kommen, nicht ganz leicht war. Danke für dein Vertrauen. Weißt du Mari, ich versuche mein Möglichstes, um es dir leichter zu machen in deiner Angst, die dich manchmal noch so belastet. Und wenn dabei ein Märchen hilft – dann bette ich eben auch schon mal einen kleinen neuen Schritt  in ein Märchen ein. Und selbst ohne Märchen bist du eben gerade ganz mutig gewesen!“ Dann drückte er sie nochmal ganz kurz und das Spiel war beendet.

Joel meinte zu ihr: „Jetzt kannst du noch ein bisschen bleiben oder auch nach hause gehen, wie du möchtest, Mari.“

„Ich würde gern noch ein wenig in deinem Arm bleiben, wenn das okay ist…?“

„Und WIE das okay ist!“ lachte er.  

„Das war richtig schön heute, bekannte sie leise. „Wenn ich nur vorher den Anfang nicht so vermasselt hätte!“ 

„Was hast du vermasselt, Mari? Gar nichts! Ist es nicht ein richtig schöner Abend geworden? Denk an unsere wichtigste Regel: Fehler dürfen sein! Und auch die kleinen liebenswerten Regelverstöße sind doch dazu da, dir immer wieder neu die Gelegenheit zu geben, dass du die Erfahrung machen kannst, dass es nicht schlimm ist, Fehler zu machen, dass dir keiner böse ist deshalb und du sie leicht wieder ausgleichen kannst – im Gegensatz zu dem, was du als Kind erlebt hast. Dazu dienen meine kleinen Strafen: Dein Unterbewusstsein wird nach und nach lernen, dass nach einem kleinen „Schreckmoment“ des Erkennens und durch deine Bereitschaft, die vom Meister gegebene Ausgleichshandlung anzunehmen, alles ganz schnell wieder vorbei sein kann. Du selbst hast es damit in der Hand, dass direkt danach alles schon wieder losgelassen wird, als wäre es gar nicht geschehen. Na und heute war doch dein Meister sogar so großzügig und hat deine zweite kleine Frage gleich wieder vergessen…“ Er schmunzelte, zog Mari ein wenig fester in seinen Arm – und sie ließ es dankbar geschehen. Mit ihm fiel es ihr doch wesentlich leichter, die Körpernähe zuzulassen und sogar schon etwas zu genießen… 

„Danke für den schönen Abend“, flüsterte sie, „und danke, dass du dir so viele Gedanken um mich machst…“

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

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33. Eine heilende Übung (3) – Vergebung und Ausgleich

Bei Joel – Mari erlebt sich als stark

Mari befand sich auf einer inneren Reise, in der sie mit Hilfe von Joel, der wieder einmal die Meisterrolle für sie einnahm, ihre beschämenden und demütigenden Erfahrungen aufarbeitete, die sie durch ihre Sportlehrerin erlebt hatte. Nachdem sie all ihre daraus resultierenden Gefühle und Belastungen ausgesprochen hatte und sich in Gegenwart ihrer Lehrerin ruhig und sicher fühlte, war ein großer Schritt getan.
Diese saß inzwischen ganz zusammengesunken auf der Bank in der alten Turnhalle ihrer Kindheit. Nun gab Mari ihr Gelegenheit, jetzt wo sie sich alles angehört hatte, darauf zu antworten. Sie setzte sich auf den Boden gegenüber ihrer Lehrerin und war immer noch größer als die auf der Bank sitzende Frau, die sie nun zitternd ansah und sagte: „Es tut mir so leid, dass ich das alles getan habe, Mari, ich hab nicht gemerkt, was ich dir antue!“

„Ich glaube sie haben mich verachtet, weil sie nur meine körperliche Schwäche gesehen haben, und körperliche Schwäche für Sie das schlimmste war!“

„Ich hatte so viel Wut und Hass in mir, und ich habe es leider an dir ausgelassen, dabei konntest du gar nichts dafür, aber du warst schwächer als ich, so dass ich das ohne nachzudenken leicht tun konnte. Das hätte ich nicht tun dürfen! Das war so unfair! Ich habe dich gepeinigt und beschämt, anstatt dich zu stärken und zu ermutigen und damit aufzubauen, wie es meine Aufgabe als Lehrerin gewesen wäre. Das hatte ich bewusst eigentlich nie wirklich gewollt…“

„Stimmt, das war unfair, und ich glaube ihnen auch, dass ihnen nicht bewusst gewesen ist, wie schlimm das für mich war“, antwortete Mari ruhig.

„Aber es war für mich einfacher als die Wut und den Hass zurück zu halten. Es tut mir so leid, Ich habe nicht gewusst, wie schlimm es für dich war, ich hatte mir nicht vorstellen wollen, was es mit ihr machte… Ich schäme mich, schäme mich, für das, was ich dir angetan habe, um mit meiner eigenen Wut und meinem Hass klar zu kommen. Es tut mir sehr leid, Mari! Ich weiß, dass ich es nicht wieder gut machen kann, aber ich wünsche dir so sehr, dass du die Erinnerungen an damals irgendwie abschütteln kannst…“

„Danke, dass Sie das jetzt erkennen, und für ihre Worte.  Dass ihnen das Leid tut, nehme ich an. Ich bin ihnen nicht böse. Ich weiß, sie konnten es nicht anders und wussten es nicht besser, aber jetzt wissen sie es, und jetzt ist es das Beste, was Sie tun können, um das wieder gut zu machen, dass sie hinschauen, wo ihre Aggressionen herkommen, und sich jemanden suchen, der das mit ihnen bewältigt, so dass sie nie wieder einen Schüler quälen.“

Die Sportlehrerin nickte beschämt. „Ich werde nie wieder einen Schüler quälen,“ sagte sie brav, wie eine Schülerin.

Mari fühlte inzwischen Mitgefühl mit der Frau, deren Herz wohl schon lange verhärtet gewesen war – denn auch das hatte ja Gründe…
„Auch sie haben Qual erlitten, da bin ich ganz sicher, sonst wären sie nicht so hart gewesen. Ihr Herz ist sicherlich zu gegangen, und ihr eigenes Gefühl traute sich nicht mehr, weich zu sein, weil sie sicherlich selbst viel einstecken mussten. Es ist gut, dass sie sagen, sie werden nie wieder einen Schüler quälen. Und bitte quälen sie auch sich selbst nicht mehr!
Darf ich sie berühren?“ fragte Mari und schaute sie freundlich an.

Der Meister drückte Maris Hand. Ihre ehemalige Lehrerin nickte verwundert und verunsichert. Was würde jetzt kommen?

Mari legte eine Hand auf das Herz-Zentrum ihrer Sportlehrerin. ließ Wärme hineinfließen und sagte ihr dazu: „Frau Schmidt (Name geändert aus Datenschutzgründen), es darf jetzt gut sein. Es darf jetzt alles gut sein! Sie konnten es nicht besser. Jede von uns beiden konnte es nicht besser. Aber jetzt können wir voneinander lernen.“

Die Lehrerin zuckte leicht zusammen, als sie erstaunt spürte, wie intensiv ein Strom von Wärme durch Maris Hand in ihre Brust hineinfloss.

„Das ist nur Wärme, Verständnis und Mitgefühl, das durch meine Hand fließt. Wirklich, es darf jetzt alles gut sein! Ich möchte, dass es ihnen gut geht, denn nur dann, wenn es ihnen gut geht, können sie auch ihre Schüler gut behandeln, und vielleicht komme ich sie irgendwann einmal, wenn ich soweit bin und mich das traue, in einer anderen Variation von mir als Kind im Sportunterricht besuchen, denn ich bin sicher, ab jetzt werden sie eine gütige Sportlehrerin sein, die ihre Schüler ermutigt und stärkt. Frau Schmidt, sie haben so viel Erfahrung, Energie, Mut, Ausdauer und Kraft für alles, was Sport und Körperliche Fähigkeiten anbelangt. Wollen sie mir davon etwas abgeben?“

Die Lehrerin schaute Mari erstaunt an. Dann nickte sie. „Wenn ich so auch nur ein kleines Bisschen von dem wieder gut machen kann, dann will ich das gern tun!“ antwortete sie – froh, eine Chance zum Ausgleich bekommen zu haben und schaute ihre ehemalige Schülerin, die inzwischen innerlich so stark geworden war, dankbar an.

Mari öffnete ihre Hand, und Frau Schmidt ließ einen Strom von Kraft, Mut, Körper-Bewusstsein, Know-how, Ausdauer und Kondition in sie hineinfließen und Mari atmete diese Energie tief ein. „Danke, Frau Schmidt, nun ist Ausgleich geschaffen.“

„Nimm so viel Kraft, wie du brauchst“, sagte sie

„Danke, ich nehme gerne noch,“ antwortete Mari, „ich weiß, ich nehme ihnen ja nichts weg. Die Kraft fließt ja durch sie durch und macht sie nicht leer, genauso wenig wie mich vorhin…“
Mari atmete tief die Energie ein, die die Lehrerin ihr zufließen ließ. und spürte eine neue Kraft von Entschlossenheit, Mut und Stärke und dachte: Mal sehen wo das mich hinführt.
„Danke Frau Schmidt! Und jetzt darf es wirklich gut sein, bei mir und bei ihnen.“ Beide standen auf und reichten sich sportlich die Hände.

„Danke , dass du mir vergeben hast, Mari“ sagte sie, „du hast meine ganze Anerkennung! Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!“

„Und ich wünsche dir alles Gute, Frau Schmidt!  Alles ist gut jetzt!“

Mari atmete nun tief und erleichtert. Nun konnte sie sich deutlich fühlbar entspannen.

„Mari, das hast du wunderbar gemacht!“ hörte sie die Stimme von Joel. „Bist du bereit für noch einen wichtigen Schritt?“

Mari nickte und sagte entschlossen: Ja! Ich bin bereit!“

Geschrieben von Rafael und Miriam

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23 Der „innere Meister“ bringt Klärung

Bei Mari zuhause – eine entscheidende Antwort

Still und gedankenverloren saß Mari Joel gegenüber. Es war ein entscheidender Schritt, den sie nun tun musste… Dabei konnte er ihr nicht helfen. Er konnte einfach nur da sein und warten – ihr in seiner Präsenz zeigen, dass alles okay ist.
Okay wäre es, wenn sie nein sagte.
Okay wäre es, wenn sie ja sagte.
Und okay war es, wie lange sie auch immer zu ihrer Entscheidung brauchen würde.

Auf dem Spaziergang, von dem sie gerade zurück gekommen waren, hatte Joel sie gefragt, ob sie diesen Weg der Machtspiele und Vertrauensübungen mit ihm weitergehen wolle, und ob sie noch immer das Anliegen hatte, dabei auch den Bereich der Erotik einzubeziehen, wohl wissend, wie stark ihre Ängste in diesem Bereich waren.
Ja, genau aus diesem Grund brauchte er und brauchte vor allem sie selbst es, dass sie sich noch einmal bewusst und deutlich dazu bekannte und ihren Wunsch diesbezüglich bekräftigte.

Joel würde mit ihr weitergehen, das hatte er ihr deutlich gesagt.
Aber er wollte, dass sie sich ihrer eigenen Entscheidung ganz bewusst war, dass sie noch einmal ganz klar die Verantwortung dafür übernahm, um dann einen Teil dieser Verantwortung in seine Hände legen zu können.
„Nur von dem, was du bewusst in der Hand hältst, kannst du etwas abgeben,“ hatte er ihr erklärt.

Jetzt war es an ihr, JA oder NEIN dazu zu sagen.
Sie spürte nach innen… War diese Stimme, die sie ab und zu mal in ihren Gedanken vernahm, jetzt auch da?
Sie hatte ihn ihren „inneren Meister“ genannt.

Meister in mir, was sagst du zu dieser Frage?
Kurz nachdem sie die Frage nach innen gerichtet hatte, „hörte“ sie diese Stimme, die sie fragte:
Wie würde es sich anfühlen, wenn du den Weg abbrichst an dieser Stelle?
Sie hatte ein trauriges, leeres, graues Empfinden.
Wie würde es sich anfühlen, jetzt JA zu sagen?
Etwas in Mari kribbelte aufgeregt lebendig.
Sie war schon so lange in ihrem Leben vernünftig und vorsichtig gewesen.
Jetzt wollte sie etwas anderes. Sie wollte das Lebendige, das Abenteuer, die Herausforderung – mit allen Ängsten, die auch dabei waren. Das spürte sie jetzt ganz deutlich.

Ja, du mein innerer Meister, mein Ratgeber, ich bin bereit!  hörte sie sich denken.
Und:
„Ja, Joel,“ hörte sie sich sagen, „ja, ich stehe zu dem, was ich anfangs vor einigen Wochen sagte: ja ich bin bereit!“

Joel nickte lächelnd, reichte Mari die Hand und antwortete ihr: „Ja, Mari, und ich bin an deiner Seite!“

Als sie seine angebotene Hand nahm, gab er ihr einen hauchzarten Kuss darauf, ließ sie wieder los und sagte: „Das Spiel beginnt.“

Nun war es der Meister, der ihr gegenüber saß, und sie fragte: „Gilt dein Ja auch für mich?“

Mari schaute ihn an, sah in seine klaren, kraftvollen Augen, spürte das ihr nun schon bekannte Gefühl der Aufregung, das sich in ihr ausdehnte und nahm allen Mut zusammen: „Ja, Meister, mein Wunsch gilt auch für dich.“

Ihr Meister nickte lächelnd: „Was ist dein Wunsch, Mari? Was genau möchtest du mit mir erleben?“

Uff, dachte Mari, warum muss er es mir immer so schwer machen???
Was sollte, was wollte sie dazu sagen? Wie diese Frage beantworten?
„Ich möchte mit dir lernen, meine Ängste vor Männern und vor Körpernähe zu verlieren.“

„Und wenn du auf diesem Weg bist, und die Ängste wären weg oder – sagen wir weitaus weniger einschränkend – was wäre dann? Was wäre, wenn du keine Angst mehr hättest? Was würdest du dann wollen?“

„Ich würde gern Erotik ohne Angst erfahren wollen.“

„Und wenn du das „würde“ und „wenn“ wegließest und es positiv formulierst?
Was willst du Mari?“

„Ich will, dass es mir gelingt, Erotik voller Vertrauen genießen zu können.“

„Das war klar,“ lächelte er zufrieden.

„Und was ist mit der Erfahrung von Macht und Hingabe? Willst du durch mich weiterhin die Erfahrung machen, von einer wohlwollenden Autorität geführt zu werden?“

„Ja, Meister, das will ich. Ich möchte weiterhin von dir geführt werden und will dir folgen so gut ich kann – du weißt ja… nach meinen Möglichkeiten.“

Joel lächelte :
„Ja, Mari, ich weiß!
Alles nach deinen Möglichkeiten und in deiner Zeit!

Und das ist völlig in Ordnung!
So sei es!“

Zum nächsten Kapitel: –> 24. Ambivalenz gehört zum Menschsein

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22. Mari entdeckt ihren „inneren Meister“

Spaziergang mit einer zentralen Frage

„Guten Abend, Mari“, Joel trat lächelnd ein, blieb aber anders als bisher im Flur stehen.

„Grüß dich, Joel, komm doch rein!“  Mari spürte wieder dieses Gefühlsgemisch aus Freude und Aufregung, so wie es meistens  war, wenn die beiden sich trafen.

„Heute würde ich gern einen kleinen Spaziergang mit dir machen, okay?“

„Ja, klar, können wir machen…“ antwortete Mari verwundert. 
„Äh – gehe ich mit dir als Joel oder als dem Meister spazieren?“ fragte sie etwas verunsichert.

Joel lachte und gab die Frage zurück. „Mit wem würdest du denn gern spazieren gehen?“

„Mit dir, Joel!“ kam prompt die Antwort, während Mari sich Jacke und Handtasche schnappte.

Unten angelegt, nahm er ihre Hand und führte sie in Richtung des nahegelegenen Parks.

„Hier ist es schön ruhig,“ meinte er, und sie freute sich über diesen besonderen Auftakt ihrer heutigen Begegnung. 

„Weißt du noch, Joel, hier sind wir vor etlichen Wochen auch spazieren gegangen, als wir uns kennengelernt haben…“

„Ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut, Mari“, antwortete er nachdenklich. „Ich habe nicht ganz ohne Grund diesen Weg eingeschlagen für unseren kleinen Spaziergang…“

Gespannt und nun etwas unruhig geworden schaute Mari ihn von der Seite an und wartete darauf, dass er weiter sprach.

„Es war ja ein ganz besonderer Deal, den wir miteinander besprochen hatten…“

Mari wurde nervös… Was würde jetzt kommen? Der Deal war Englisch-Unterricht gegen Lektionen in Selbsterfahrung und Vertrauen… So fasste sie es kurz für sich zusammen.

Dear teacher, do you think that I am a good student by learning the English language?“ brachte Joel+ langsam heraus.

„O yes, Joel, you are a very good and hardworking student in learning the english language“ bestätigte sie, lächelnd den kleinen Fehler korrigierend.

„Ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder etwas mehr bei dir gelernt habe,“ erklärte Joel. „Hab vielen Dank, dass du mir das möglich gemacht hast, denn wie du ja weißt, hatte ich in den Jahren davor schon mehrere Anläufe gemacht, die Sprache zu lernen und es hat nie geklappt. Du bist echt eine super Lehrerin! Nur deiner Geduld und deiner speziellen Lehrmethoden habe ich es zu verdanken, dass ich nun den Einstieg ins Englische geschafft habe.“

Mari schaute ihn nachdenklich an. Er hatte in der kurzen Zeit viel gelernt – und konnte sich auf die Schulter klopfen. Dass er mit ihr als Lehrerin zufrieden war, freute sie.
Aber was war umgekehrt…? Dass sie als Lehrerin einiges in Gang bringen kann – ja, das wurde ihr schon oft signalisiert und dessen war sie sich inzwischen dankbar bewusst. Aber in der Rolle der Schülerin? Da empfand sie sich mit Abstand als nicht so gut wie Joel als Schüler…
Sie wurde traurig…. Ja, es war ihr gelungen, etwas Vertrauen zu fassen zu Joel und sogar auch zu dem „Meister“, dessen Rolle er für sie in ihren besonderen Spielen verkörperte… Aber das war noch sehr wackelig und sie stürzte immer wieder einmal in heftige Ängste. Dabei war das, was hinter ihr lag noch vergleichsweise harmlos im Vergleich zu dem, was sie noch vor sich hatte. 

Ich hätte inzwischen mehr schaffen sollen… mich mehr zusammen nehmen müssen… lockerer werden… mir mehr Mühe geben…  Ich hätte ihm meine vielen Ängste vielleicht nicht so deutlich zeigen sollen… Aber – anders geht es doch gar nicht – gerade nicht auf diesem Weg, in dieser Thematik… jedenfalls nicht für mich… Deshalb habe ich mich ja auf diesen Weg begeben…

„Mari, was geht in dir vor? Du wirkst plötzlich weit weg – und… irgendwie niedergeschlagen.“ fragte Joel. Ich dachte, es wäre gut, dir zwischendurch mal ein Feedback zu geben und habe heute morgen sogar Tante Google gefragt, wie ich das in Englisch hervor bringen könnte!“
Etwas schelmisch lächelten seine Augen, doch war auch die Betroffenheit über ihr Befinden deutlich spürbar.

„Na ja…“, druckste Mari herum, „ach, Joel… Du bist ein wunderbarer Schüler! Trotz deiner anfänglichen Hemmungen im Lernen dieser Sprache bist du schon so weit gekommen in der kurzen Zeit! Und ich… ich bin ja in unseren Spielen auch eine Art Schülerin…“

„Ja,“ bestätigte Joel, „ich würde sagen, du bist eine Schülerin im Fach „Vertrauen“ – was meinst du dazu?“

„Hmm, das trifft es wohl genau. Und ich habe längst nicht so viele Fortschritte gemacht wie du. Ich schäme mich meiner Ängste, die immer wieder so häufig und so heftig aufflackern und es dir und mir oft so schwer machen. Eben dachte ich darüber nach, wie unangenehm sich das wohl für dich anfühlen mag… Ich könnte verstehen, wenn du keine Lust mehr hast, mit mir diesen Deal weiter zu verfolgen… Vielleicht ist es ja das, was du mir sagen willst auf diesem Spaziergang?!“

Joel blieb stehen, drehte sich so zu Mari, dass sich beide gegenüber standen, und sah ihr in die Augen.
„Nein, Mari, das ist es keinesfalls, weshalb ich dieses Gespräch mit dir begonnen habe. 
Und es ist keinesfalls wahr, dass du so wenig Fortschritte gemacht hast!
Und selbst wenn es stimmen würde, wäre es für mich überhaupt kein Grund, abzubrechen. Im Gegenteil, ich würde nach neuen Möglichkeiten und Chancen suchen… aber…
und Jetzt kommt das große „Aber“…

Mari senkte den Kopf.

„Schau mich bitte an, Mari,“ bat er sie freundlich, „aber es funktioniert nur, wenn du es weiterhin willst – und dir dessen bewusst bist, dass du es bist, die letztendlich all das selbst möchte, was dir so oft wie eine große Hürde erscheint. Und diese Frage ist es, die ich dir heute stellen wollte. Sei sicher, ich möchte dich weiter auf diesem Weg führen, begleiten, unterstützen, annehmen und wenn nötig auch trösten, wenn die Gefühle mal wieder aus dem Ruder laufen. Es ist mir jedoch wichtig, dass dir immer bewusst bleibt, oder – wenn du es zwischenzeitlich vergisst, dass dir immer wieder bewusst wird, dass ich die Dinge – besonders wenn ich in der Meisterrolle bin – tue, weil du mir den Auftrag dazu gegeben hast.“

Mari schaute ihm forschend in die Augen… Ja, es ist wahr, was er sagt, dachte sie. Er meint wirklich, was er sagt. Er will es! Und ich? Wie sieht es in mir aus unter all diesen schwierigen Gefühlen? Was will ich? Was will ich wirklich?

Trau dich!  hörte und fühlte sie eine klare Stimme in sich. War das eine Ratgeber-Stimme? So etwas wie ihr „innerer Meister“?
Ja, ein guter Begriff, flüsterte es in ihr. Du kannst mich alles fragen! Gern kannst du mich als deinen „inneren Meister“ bezeichnen. Das passt!

Joel zog sie auf eine Bank und sagte zu ihr: „Wir haben inzwischen einiges miteinander erlebt . Mein Eindruck ist, dass dein Vertrauen sowohl zu mir als auch zu der Meisterrolle, die ich verkörpere, ein schönes Stück gewachsen ist. Wir haben dazu Rituale und Vertrauensübungen gemacht, und du kannst inzwischen einiges mehr annehmen als am Anfang. Weißt du noch, wie du bei unserem ersten Treffen bei mir aus der Wohnung gerannt bist…?“

Beide lachten. Es stimmte, sie hatten schon einiges miteinander erlebt und durchgestanden.

„Und nun ist die Frage, Mari, willst du weiter gehen? Du hattest mir anfangs gesagt, dass du mit  einem Mann auch auf der erotischen Ebene angstfreier als bisher umgehen würdest. Wenn wir uns künftig auch an dieses Thema, das ja bisher von mir kaum berührt wurde, heran tasten wollen, muss dir bewusst sein, dass du es willst, damit die Voraussetzung gegeben ist, dass du dich von mir weder als Joel noch als Meister bedrängt oder gar benutzt fühlst. 
Und diese Frage ist es, die ich dir heute stellen möchte und stellen muss. 

Gilt dein Auftrag an mich immer noch? Willst du mit mir in welcher Rolle und in welcher Weise auch immer diesen Weg der Vertrauensübungen und Machtspiele weiter gehen, der ja irgendwann dann, so wie du es dir gewünscht hast, auch ins Land der Erotik führen wird?

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