84. Darf ich bitten?

Bei Joel – Führen lassen

Mari hatte eine ziemlich anstrengende Woche hinter sich und freute sich darauf, zusammen mit Joel wahrscheinlich auf ganz andere Gedanken zu kommen

Als sie eintrat, nahm sie wahr, dass die Möbel alle an die Wand geschoben waren.

„Ups, hier sieht es ja heute so anders aus…“ wunderte sie sich
„Komm herein“, sagte er zu ihr, und dann dimmte er das Licht. Leise flüsterte er ihr ins Ohr: „Das Spiel beginnt.“
Mari stand etwas unschlüssig im Zimmer – eine sanfte Klaviermusik erklang. Sie hüllte Mari ein in eine angenehme, besondere Stimmung.
Er kam auf sie zu, lächelte. „Darf ich bitten?“ fragte er und hielt ihr beide Hände hin.
Überrascht ging auch sie einen Schritt auf ihn zu und ergriff seine Hände.

Sich an den Händen haltend schwangen sie etwas zur Musik. Ein leises Lächeln entstand auf Maris Zügen, sie fühlte sich ganz seltsam berührt von der Musik und diesem sanften hin und her Schwingen mit Joel.
Mit leichtem Druck begann er, sie durch das Zimmer zu führen. Es war ein ganz eigenartiges Gefühl, sich so durch den Raum zu bewegen, aber irgendwie schön… fand Mari. Er dreht sie sorgsam links und rechts herum, führte sie tanzend durch den Raum.
Erst noch ziemlich kontrolliert, möglichst nichts falsch zu machen, aber nach einem kleinen Weilchen schon sorgloser begann sie die Situation zu genießen. Bald wurden die Bewegungen etwas schwungvoller. Mari hatte Freude daran – das war deutlich zu spüren. Nach und nach fühlte sie sich immer leichter.

„Und jetzt, Mari, schließ bitte deine Augen“, kam freundlich die Aufforderung von Joel.
„Oh, okay…“ Mari folgte seiner Anweisung, fühlte sich sofort unsicher und stolperte etwas, doch er hielt sie fest, gab ihr Halt.
Es war ihr etwas peinlich, dass sie jetzt nicht den Rhythmus hatte halten können und gestolpert war.
„Sorry“, sagte sie zu ihm.
„Psst. Nichts passiert“, sagte er und führte sie nun vorsichtiger durch den Raum.

Sie ließ die Augen zu, obwohl sie ab und zu den Impuls widerstehen musste zu blinzeln.
Es war irgendwie ein schönes Gefühl, von ihm durch den Raum geführt zu werden, allerdings wollte sie nicht noch einmal stolpern, so setzte sie nächsten Schritte sehr vorsichtig. Es gelang, und sie gewann wieder an Sicherheit, atmete etwas langsamer und kam wieder zur Ruhe.

Als beide den Rhythmus wieder hatten, wurden die Schritte größer, die Bewegungen runder… und es fühlte sich in Mari lockerer an als davor. Sie vermochte wieder, die Freude an der Bewegung und der Musik gemeinsam mit Joel zu fühlen.

Es war eine ganz neue, unerwartete Erfahrung, spannend und sehr hingegeben an seine Führungsimpulse und an die Musik. Nichts anderes war mehr in ihrem Kopf, nur diese Erfahrung, die sich mit jedem Schritt ausdehnte.

Nun begann er den Abstand zwischen ihnen zu verringern. Mari kam ihm entgegen und mit jeder Drehung verringerte sich der Abstand.

Dadurch dass Mari die Augen geschlossen hatte, konnte sie das ja nicht sehen, aber sie fühlte deutlich die sich intensivierende körperliche Nähe. Sein rechter Arm griff nun direkt an ihre Hüfte.
Sie spürte es, und empfand es als angenehm. So führte er sie weiter. Dann berührte er mit dem anderen Arm ihre Hüfte.
Sie fühlte sich einerseits durch die geschlossenen Augen etwas unsicher, spürte aber andererseits auch den Halt, den er ihr gab – eine Gefühlsmischung, die sie berührte und von innen heraus bewegte.
Bald kam er noch etwas näher. Seine Hand glitt etwas mehr auf ihren Rücken. Sie fühlte seine Nähe nun sehr intensiv… Es war ein faszinierendes und irgendwie angenehmes Gefühl. Inzwischen war nur noch ein kleiner Spalt zwischen ihnen. So tanzten sie weiter. Das fühlt sich so gut an, dachte Mari.

Wieder einmal drehten sie sich sanft einige Male. Das mit geschlossenen Augen zu tun, war schon eine kleine Herausforderung, und wieder kam Mari in Versuchung, die Augen zu öffnen, aber sie achtete darauf, es nicht zu tun.
Wieder kam er näher, und schließlich berührten sie sich – dicht an dicht…
Eine leise Aufregung floss durch Mari, während er seine Arme um sie schlang und sie, auf diese Weise gehalten, sanft weiter tanzten – eng aneinander geschmiegt im Rhythmus der Musik.
Das fühlte sich gut und aufregend gleichzeitig an. Mari atmete etwas tiefer und fühlte sich immer weicher werdend in Körper und Seele. Sie genoss diese Nähe zu Joel und mit ihm die gemeinsame Bewegung zur Musik sehr. Schließlich nahm er sie nun richtig in den Arm und tanzte mit ihr durch das ganze Zimmer.

Das fühlt sich wunderbar an, und das Denken in ihrem Kopf hörte ganz und gar auf…
Seine Hand lag fest auf ihrem Rücken. Bald hatte sie das Gefühl, sich gar nicht wirklich selbst zu bewegen sondern dass Bewegung einfach geschah. Seine Hand begann, etwas über ihren Rücken zu streicheln, während er sie sanft an sich drückte. Welch schönes Gefühl… Sie gab diesem Druck nach und schmiegte sich an ihn. Die Bewegungen wurden kleiner, und ganz eng aneinander gekuschelt gaben sie sich den herrlichen Klängen der Musik hin.

Wie schön diese Nähe doch ist… dachte Mari und hatte den Eindruck, sich lange nicht so wohl gefühlt zu haben… so weich zu werden… so innig berührt zu sein… Dadurch, dass sie die Augen immer noch geschlossen hatte, wusste sie gar nicht, an welcher Stelle des Raumes sie sich jeweils befand – und sie hatte nicht mal mehr den Drang es zu wissen, so schön war es, sich einfach Joels Führung zu überlassen.
Sie bewegten sich noch ein ganzes Weilchen gemeinsam nach den herrlichen Tönen durch den Raum, und schließlich verklang die Musik.

„Das Spiel ist vorbei“, flüsterte er und löste sich etwas.
„Das war wunderschön, Joel“, antwortete Mari leise.
„Freut mich, dass dir die Session heute so gut gefallen hat“, lächelte er.
„Ja! Das tat so gut heute, so ohne irgendetwas, was Angst gemacht hat. Na ja, also Angst ist zu viel gesagt, aber du weißt schon, was ich meine… ohne große Herausforderung.“
„Na ja, aber du musstest dich schon drauf einlassen!“
„Ja, stimmt, war am Anfang nicht ganz leicht, als ich gestolpert war, aber ich habe mir Mühe gegeben… Und du hast mich ganz wunderbar geführt.“
„Und du hast dich führen lassen!“
„Das hat sich sooo gut angefühlt! Ich wünschte, so ein Gefühl hätte ich öfter!“
„Tja mal sehen, was sich machen lässt,“ sagte Joel lächelnd.
„In deinen Armen habe ich mich heute sehr sicher gefühlt. Ich danke dir für diese schöne, besondere Erfahrung!“
„Sehr gerne!“ antwortete er mit einem Lächeln.
Sie schaute ihn an und wünschte sich, dass er sie noch einmal ganz fest in die Arme nehmen würde. Nur allzu gern folgte er ihrem Wunsch, nahm sie noch einmal in seine Arme und hielt sie darin bis sie sich von selbst daraus löste.

„Das war ein ganz besonderer Abend…“ flüstert sie ihm dabei ins Ohr.

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87. Die eine und die andere Hand

Bei Joel – Erinnerung an die Regeln

„Schön, dass du da bist, Mari!“ Freundlich wie immer bat Joel sie herein. „Heute beginnt unser Spiel gleich hier an der Tür“, erklärte er ihr. „Bist du bereit?“
Etwas erstaunt nickte sie. „Ja…, okay. Was hast du denn vor?“
Ernst sah er sie an und schwieg.
„Oh, entschuldige!“
„Ich glaube, die Einhaltung der Regeln ist in letzter Zeit etwas in den Hintergrund getreten“, sagte er leise. „Welche hast du eben nicht berücksichtigt?“
„Ich soll keine vermeidbaren Fragen stellen. Tut mir wirklich leid.“
„Es liegt auch mit an mir, ich habe auf die Einhaltung der Regeln in all dem Neuen, was ich in letzter Zeit an dich heran getragen habe, nicht so stark geachtet. Das wird jetzt wieder anders werden. Sie haben ihren Sinn und ihre Kraft. Es ist eine Balance… mal rücke ich sie mehr in den Vordergrund, und mal sind sie etwas im Hintergrund. Doch sei sicher, jede von dir bisher gestellte Frage habe ich wahrgenommen und bewusst entschieden, darauf mal mehr und mal weniger zu reagieren.“
„Heißt das, du hast alle Fragen in deinem Kopf gesammelt und wirst jetzt…“
Durchdringend sah er sie an.
„Oh Mist! Schon wieder eine Frage!“
Mit einem kaum sichtbaren Lächeln antwortete er: „Ja… schon wieder eine Frage. Aber du hast dich selbst unterbrochen, und sie nicht zu Ende formuliert. Einigen wir uns darauf, sie nicht als solche zu betrachten.“ Er zwinkerte ihr zu. Und zu dem, was unausgesprochen  geblieben ist, will ich dir sogar eine Antwort geben. Jedoch zunächst bekommst du eine Augenbinde.“
Er band ihr ein schwarzes Tuch um die Augen und führte sie schweigend sie immer mal wieder in verschiedene Richtungen drehend  hin und her – quer durch die ganze Wohnung – bis sie die Orientierung verlor. Dann blieb er mit ihr stehen, ließ sie los und sagte für zwei Minuten gar nichts. Es waren sehr lange Minuten für Mari, aber es gelang ihr, schweigend abzuwarten, was kommen würde.
„Zu deinem Gedanken von vorhin…“ unterbrach er die Stille, „nein, ich werde keinen Katalog von deinen in der Vergangenheit gestellten Fragen öffnen und dazu Maßnahmen einleiten. Das wäre unfair und wenig nutzbringend.  Nur Regelbrüche, die am Tag selbst stattfinden, haben Konsequenzen. Nur so ist ja der Zusammenhang spürbar. Die einzige Ausnahme dabei ist, wenn ich an dem Tag beschließe, dir eine Sanktion anzukündigen, die dann an einem anderen Tag erfolgen soll. Da ich das aber bisher nicht getan habe, werden bisherige Regelbrüche, die ich nicht benannt habe, die mir aber dennoch bewusst waren, keine Konsequenzen haben. Das ist nur sinnvoll und fair finde ich! Du solltest nur wissen, dass mir nichts entgangen ist.“
Diese Art von bewusstem und fairem Umgang mit ihren vergangenen Unbedachtheiten löste in Mari ein bewegtes Gefühl aus, das sich vom Bauch über den Magen bis in den Hals hinein bemerkbar machte. Doch was würde aus der unbedachten Frage von vorhin resultieren…?
Joel ahnte ihre Gedanken und die unausgesprochene Frage.
„Du wartest auf die Konsequenz deiner Frage von vorhin?“
Mari nickte mit einem unbehaglichen Gefühl.
„Ich habe keine Antwort gehört, Mari.“
„Ja, Meister.“ sagte sie leise.
„Bist du bereit, meine Sanktion dafür anzunehmen?“
Wie gern hätte sie gefragt, um was es sich handeln würde, aber das war klar, das ließ sie besser bleiben.
Wieder nickte sie.
Und wieder wollte er es hören und sagte: „Ich möchte, dass du es aussprichst.“
„Ich bin bereit, die Folge meiner unbedachten Frage anzunehmen.“
„Gut…“ Er berührte sanft ihre Schulter. „Vertraust du mir?“
Mari spürte eine Mischung von Vertrauen und Angst zugleich. Diese Mischung löste eine seltsame Erregung in ihr aus.
„Ja…, grundsätzlich vertraue ich dir.“
„Ich spüre da ein leises Aber…?“
„Hm… ich habe dennoch auch etwas Angst vor dem, was jetzt kommt.“
„Das ist in Ordnung. Fühle dieses Gefühl… es ist durchaus verständlich…“
Mari schluckte… spürte, wie die Nervosität in ihr Fahrstuhl fuhr.
„Verständlich, weil es in der menschlichen Natur liegt, dass Ungewissheit Angst bereitet, mal mehr, mal weniger – und in dem Zusammenhang, wo es sich um die Konsequenz eines Regelbruchs handelt, also um es mal klar auszusprechen um eine Strafe, ist diese von dir benannte Ängstlichkeit wohl eher etwas stärker vorhanden.“
Mari nickte unbehaglich. Konnte er ihr nicht endlich sagen, was kommt, anstatt sie noch im Ungewissen zu lassen und über die Gefühle zu reden, die dadurch noch intensiver wurden…
„Du möchtest wissen, was kommt?“
„Ja!“ Etwas heftig entfuhr ihr die Antwort.
„Wir warten noch ein bisschen, Mari.“
Er schwieg für einen langen Moment.
„Was fühlst du?“
„Wenn ich ganz ehrlich sein soll….“
„Ja, das sollst du!“
„Ich fühle ein Gemisch aus Unbehagen, Angst und Wut.“
„Wo im Körper sitzt das?“
„Es bewegt sich zwischen Bauch und Hals von oben nach unten wie ein Fahrstuhl hin und her.“
„Okay, Zeig mir mit deiner rechten Hand, wie es sich bewegt.“
Mari fuhr mit ihrer Hand in einem kleine Abstand vom Körper von unten nach oben und wieder zurück.“
„Gut machst du das! Nun lass die Geschwindigkeit deiner Hand nach und nach langsamer werden und achte darauf, was in dir geschieht.“
Mari verlangsamte das Auf und Ab ihrer Hand. Automatisch wurde auch ihre Atmung langsamer und ruhiger, und das heftige Gefühl ließ an Intensität nach.
„Gut machst du das, nun werde noch langsamer, immer langsamer bis die Hand an irgendeiner Stelle stehen bleibt – und in der Höhe berühre deinen Körper und leg die Hand einfach auf.“
Sie folgte seiner Anweisung und legte die Hand schließlich auf ihren Solarplexus.
„Gut. Nun nimm die Berührung deiner Hand dort bewusst wahr. Wie fühlst du dich dabei?“
Sie spürte erstaunt, wie gut sich das anfühlte und in ihr  ein leises Gefühl von Ruhe eintrat.
„Es ist als würde ich mir selbst Ruhe schenken und etwas Gutes durch meine Hand in mich hinein strömen.“
„Finde ein Wort für das Gute.“
„Annahme… Frieden… Liebe…“
„Alles zusammen… in einem Wort.“
„…Liebe.“
„Gut, fühle die Liebe, die durch deine Hand fließt, und nun strecke deine andere Hand nach vorn und öffne sie für die kleine Strafe, die ich dir jetzt geben werde.“
Diese Worte verstärkten wieder die ängstlich bewegten Gefühle, aber gleichzeitig konnte sie ihre Aufmerksamkeit auf die ruhig aufgelegte Hand auf ihrem Solarplexus richten und die Liebe weiter spüren, die aus ihr floss.
„Bereit?“ fragte Joel leise.
„Ja“, flüsterte sie und fühlte einen leichten Schlag auf ihrer Hand – ja sie hörte das Klatschen seiner Hand auf ihrer mehr, als dass sie es als Schlag fühlte. Es war kein Schmerz – nur ein Schreck – nicht mehr…
„Nun nimm deine Hand wieder zurück zu dir und lege sie unter die andere Hand, die noch auf deinem Solaplexus liegt, und Liebe strömen lässt.“
Mari spürte nun beide Hände übereinander… einen erleichterten tiefen Atemzug… und dann die Umarmung von Joel, der ihr dabei das Tuch von den Augen nahm und ihr ins Ohr flüsterte „Das Spiel ist vorbei.“

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81. Gefühlsknoten…

Bei Joel – eine aufregende Ausgangssituation

„Liebe Mari,
wenn du heute zu mir kommst, bitte ich dich, ein Kleid zu tragen, das vorne durchgehend geknöpft ist – und nichts darunter.

Ich weiß, dass ist schon eine Herausforderung, aber für unsere weitere Reflexion über das Thema „Scham und Peinlichkeit“ wäre es sehr hilfreich.
Bis nachher dann – ich freu mich auf dich!“

Diese Nachricht kam am Vormittag, und seitdem tigerte Mari aufgeregt in ihrer Wohnung hin und her. Sie hatte zwei Kleider, die eine durchgehende Knopfleiste hatten. Nach langem Hin und Her entschied sich für ihr langes blaues Kleid. Die Tatsache, dass sie nichts darunter tragen sollte, machte ihr zu schaffen. Es war zwar schon frühlingshaft draußen, aber noch nicht allzu warm, insofern konnte sie auf jeden Fall draußen noch einen Mantel drüber ziehen. Aber was würde dann bei Joel geschehen? So aufgeregt wie heute war sie lange nicht mehr gewesen…
Joel wusste um die Intensität der Herausforderung und wartete gespannt, wie sie erscheinen und was sie sagen würde.
Die Gedanken, die sie auf dem Weg zu ihm hatte, kreisten nervös um diese Kleider-Frage. Nicht ohne Grund hatte er ja sicherlich die Vorgabe eines vorn gänzlich zu öffnenden Kleides gemacht. Und wenn es dann aufgeknöpft werden würde und sie gar nichts drunter hatte… Nein, das ginge einfach nicht! Am liebsten würde sie wieder umkehren, aber sie wollte diesem Vermeidungs-Impuls nicht folgen.

 Aufgeregt klingelte sie schließlich bei ihm. Freundlich wie immer begrüßte er sie, half ihr aus dem Mantel und lächelte als er das Kleid sah. „Ein hübsches Kleid hast du an! Das Blau steht dir gut.“
Im Wohnzimmer standen zwei Stühle einander gegenüber.
„Setz dich“, forderte er sie ruhig auf.
 Aufgeregt nahm sie Platz, und er setzte sich ihr entspannt gegenüber.
„Das Spiel beginnt.“
Sie nickte, hätte aber am liebsten wieder den Raum verlassen.
„Wie geht es dir, Mari?“ wollte er zunächst wissen.
Leise sagte sie: „So wie heute habe ich mich lange nicht gefühlt, ich würde am liebsten wieder gehen, wenn ich ehrlich bin. Deine Kleidungsvorgabe verunsichert mich sehr.“
„Verunsichert dich? Warum? Was befürchtest du?“
Mari spürte, wie eine Welle Wut in ihr hoch stieg. Als wenn er sich das nicht denken könnte… grummelte sie innerlich still vor sich hin. Und weiter dachte es in ihr: Jetzt bloß nicht pampig werden… Er muss ja nicht merken, wie mich das trifft. Aber was antworte ich darauf?
„Na die Knopfleiste wird ja nicht ohne Grund von dir gefordert worden sein!“ hörte sie sich schließlich sagen.
Er nickte. „Das stimmt. Aber du weißt auch, dass kein einziger Knopf ohne deine Zustimmung geöffnet wird – wenn überhaupt…“
„So? Weiß ich das?!“ entfuhr es ihr.
Ernsthaft blickte er sie an: „Ja. Das weißt du sehr genau!“
GefühlsknotenOh , Mari fühlte ein entsetzliches Gefühlsknäuel in sich, dass sie inzwischen kaum noch sortieren konnte.
„Du weißt, dass in unseren Sessions noch nie etwas passiert ist, was gegen deinen Willen war. Oder?“ erinnerte er sie.
„Stimmt irgendwie…“ musste sie zugeben.  Dennoch: Da war Wut in ihr, überhaupt in dieser Situation zu sein… Da war Scham… Da war Zweifel, ob sie sich im Ton vergriffen hatte… Da war Angst, dass er daraufhin sauer, genervt oder ärgerlich sein könnte… und das alles bildete einen unangenehmen Knoten in ihrem Solarlexus. Starr schaute sie aus dem Fenster.
„Bist du überhaupt bereit für eine gemeinsame Session, Mari?“ fragte er mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht deuten konnte.
„Joel, dieses Kleidungsthema hat so viel in mir ausgelöst… Beende unser Treffen bitte jetzt nicht, weil ich mich so daneben fühle.“
Er schüttelte den Kopf. „Wie kommst du auf sowas? Das habe ich absolut nicht vor! Aber ich habe das Gefühl, dass du zu blockiert bist, um dich auf eine gemeinsame Übung einlassen zu können. Und da ist es wichtig, erstmal hin zu schauen, was es ist, was sich da in dir bewegt.“ Freundlich schaute er sie an. „Was ist los, Mari?“
„Ja, es stimmt, ich fühle mich wirklich irgendwie blockiert! Da sind so viele schwierige Gefühle…“
Jetzt nachdem sie es ausgesprochen hatte, fühlte sie sich schon etwas leichter.
„Welche Gefühle sind das denn?“ fragte er, beugte sich etwas nach vorn und sah sie interessiert an.
Sie zögerte… „Sei dann aber bitte nicht sauer!“ 
„Ganz bestimmt nicht!“ versicherte er ihr.
„Okay“, sie gab sich einen Ruck, „als du vorhin gefragt hast `Was befürchtest du? Warum bist du verunsichert?´ ist Wut in mir entstanden, weil ich mir gedacht habe: `Das weißt du doch genau! Du ahnst doch sicher, dass deine Nachricht solche Gefühle in mir auslöst! Und wahrscheinlich hast du das auch bewusst getan! Und  nun stellst du dich verwundert und fragst nach, als ob das das Seltsamste von der Welt wäre!´  Gleichzeitig wollte ich aber nicht wütend sein und dir das vor allem nicht zeigen! Habe aber gespürt, dass ich es nicht ganz verbergen konnte, und dann habe ich mich geschämt, weil die Heftigkeit dafür sicher nicht angemessen war. Außerdem ist es mir peinlich, ohne irgendetwas unter meiner Kleidung zu sein.“
Joel nickte und fragte ruhig: „Was erzeugt in dir Wut, wenn ich unsere Vereinbarung umsetze?“
Verwirrt frage Mari: „Welche Vereinbarung? Was meinst du?“
„Wir haben vereinbart, dass wir uns innerhalb unserer Sessions unter anderem mit den Themen Sehnsucht, Angst,  Scham, Peinlichkeit beschäftigen – und das durchaus auch ganz praktisch. Dazu muss ich manchmal auch Situationen schaffen, die diese Gefühle auf den Plan rufen.“
Mari überlegte… schließlich erklärte sie: „Nicht über den Inhalt dieser Session war ich wütend, sondern über deine Frage, was mich verunsichert. Ich dachte, das ist doch eine rhetorische Frage, du weißt doch sicher, dass die Kleidung mich verunsichert. Außerdem ist diese Wut und die Verunsicherung einfach aufgestiegen, da hatte ich nicht das Gefühl irgendeine Entscheidung darüber treffen zu können, ob sie eine Daseinsberechtigung hat oder nicht, sie war einfach da!“
Er antwortete gelassen: „Ja, aber wir wollen doch genau dieser Verunsicherung und allen damit verbundenen Gefühlen auf den Grund gehen und sie soweit es möglich ist auflockern. Das ist doch unser Thema.“
Mari nickte: „Hast ja recht. Deshalb wollte ich ja auch nicht zeigen dass ich wütend war, weil ich es selbst nicht richtig finde.“
Freundlich schaute er Mari an. „Mari, alles, was du fühlst darf da sein. Verbergen ist nicht sinnvoll und gelingt meist auch nicht. Wenn wir offen drüber reden, können wir viel mehr erreichen. Doch um genau herauszufinden, was dich gerade bewegt, muss ich leider manchmal Fragen stellen, die dir nicht immer angenehm sind. Und manchmal frage ich noch tiefer nach, was es genau ist, was du mit einer Thematik wie jetzt die Verunsicherung verbindest, wie sie sich anfühlt, wodurch sie gerade entstanden ist, wo du sie im Körper fühlst, und so weiter. Dadurch wirst du dir selbst bewusster darüber, welche Gedanken es genau sind, die diese Gefühlsknäule in dir auslösen. Gedanken sind oft so flüchtig, passieren wie automatisch im Unbewussten, und erst wenn wir sie beobachten und untersuchen, entdecken wir, wodurch wir uns manchmal so blockiert, verunsichert oder wütend fühlen. Meist ist es so, dass unangenehme Gefühle durch Gedanken ausgelöst werden, von denen wir nicht mal im Ansatz wissen können, ob sie wahr sind. Und erst wenn wir diesen Gedanken auf die Spur kommen, und sie auf ihre Wahrheit und Nützlichkeit untersuchen, können sich die Gefühle verändern, die dadurch entstanden sind. Ich frage nicht, um dich zu nerven oder gar mich darüber zu erheben, was du fühlst, im Gegenteil, ich will erreichen, dass wir beide besser verstehen, was sich hinter deinen Gefühlen für Gedanken verbergen.“
Mari wurde rot – wie hatte sie sich wieder einmal geirrt in ihm! „Okay“, sagte sie leise.
Er beugte sich vor und nahm ihre Hand. „Mir ist klar, dass das nicht leicht ist, aber es gilt eben genau hinzuschauen.“
„In Ordnung – ich versuche es!“ antwortete sie leise.

„Prima! Also? Was bewegte sich in dir, seit du meine Nachricht erhalten hast? Was waren da für Gedanken und Gefühle?“
„Na ja… die Frage, warum ich nichts drunter ziehen und ein Kleid mit gänzlich durchgehender Knopfleiste anziehen sollte, legte für mich nahe, dass es eine mir peinliche Situationen geben wird, wenn es ums Öffnen der Knöpfe geht, und ich weiß nicht, ob und wie weit ich das tun oder zulassen kann. Und peinlich ist mir auch die Tatsache, dass unsere Session heute schon so verunglückt angefangen hat…“
„Verunglückt? Ach was! Schwierige Gefühle gehören zu dem, was wir hier tun, dazu. Das ist kein Unglück, im Gegenteil! Was sich zeigt, können wir beleuchten und klären.“ sagte er langsam. „Und was du zulassen kannst… nun, genau das gilt es herauszufinden – vielleicht nur ein Knopf, vielleicht drei, vielleicht keiner oder alle… Das ist ja gerade das Spannende, was wir beide bis jetzt noch nicht wissen. Und wie auch immer diese Herausforderung für dich sein wird, wie viele Knöpfe du öffnest oder auch nicht – es ist okay!“ 

Wie sie diese Herausforderung erleben wird, ist im folgenden Kapitel zu lesen.

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

34. Eine heilende Übung (4) – Das innere Kind erhält Hilfe

 

Bei Joel: Mari hilft ihrem inneren Kind

Nach einem langen Gespräch, das Mari in ihrer inneren Welt mit ihrer alten Sportlehrerin führte, das Vergebung und Veränderung zur Folge hatte,  nahm Joel, der für sie wieder einmal die Meisterrolle verkörperte, sie an die Hand, und beide gingen gemeinsam auf die andere Seite der alten Turnhalle ihrer Kindheit. Dort stand das kleine Linchen, das verschüchterte Kind, das Mari damals war.

Joel empfahl ihr: „Nun geh zu deiner Kleinen und sag ihr, dass sie ab sofort keine Angst mehr haben muss!“

Sie folgte seinem Impuls gern und sagte zu ihr: „Mein liebes kleines Mädchen, du brauchst jetzt keine Angst mehr haben! Frau Schmidt tut dir nichts mehr, und wenn du willst kannst du jetzt mit mir kommen, ich bin deine große Mari, die die du geworden bist viele Jahre später, und wenn du willst kannst du sofort aus dem Sportunterricht aussteigen und mit mir mitkommen in die Zeit, die für dich noch Zukunft ist. Dann machen wir es uns schön, willst du? 

Nachdenklich meinte Linchen:“Ja schon, aber… wir können doch die Mutti nicht alleine lassen in der alten Zeit.“
Einen Moment überlegte Mari, dann kam ihr eine Idee: „Weißt du was, mein Schatz, der Teil von dir, der jetzt ganz voller Kraft und Mut geworden ist, kann in der alten Zeit bleiben, und einen lebendigen schönen Sportunterricht bei der inzwischen gütigen Frau Schmidt miterleben, die nie mehr ihre Schüler quält, sondern ihnen hilft und ihnen Mut macht. Und ein anderer Teil von dir, der Gefühlsbereich, der noch ängstlich und schüchtern ist, kann mit mir kommen in meine Gegenwart, was hältst du davon?“

Das fand Linchen toll! Plötzlich stand ihre Mutti an der Tür von der Turnhalle und holte das nun stark gewordene, mutige Linchen ab, die ihr ganz happy von dem erzählte, was gerade geschehen war, während das  kleine ängstliche Linchen von Mari liebevoll umarmt wurde. Sie würde sich gut um ihren kleinen  ängstlichen Gefühlsteil kümmern, versprach sie sich selbst und Linchen.

Dann trug sie ihr inneres Kind zurück in die Zeit, in der sie jetzt lebte.  Linchen hatte ihren Kopf ganz fest an die Schulter ihrer großen Mari gedrückt und wurde von ihr sicher und liebevoll  gehalten. Joel beobachtete Mari dabei und bemerkte, wie ihre Augen ganz feucht wurden. 

„Wie geht es dir, Mari? fragte er leise:

„Ich bin so berührt, das fühlt sich so gut und so wahr an gerade…“, antwortete sie ihm mit geschlossenen Augen.

„Mari, atme noch einmal die Kraft der Wiese, der Sonne, des Waldes und des Wassers ein. Du warst sehr, sehr stark gerade! Nun wird sich das kleine ängstliche Linchen ganz geborgen bei dir fühlen, und dadurch wirst du dich auch insgesamt verändern. Du wirst dir mehr zutrauen und dich neuen Herausforderungen und Abenteuern leichter zuwenden können – und du wirst kraftvoller für dich eintreten können!“

Mari atmete tief und hatte einen Arm um ihren Oberkörper gelegt, worin sie in ihrer Vorstellung das kleine Linchen trug. So lief sie, begleitet von ihrem Meister, durch den Wald und über die Wiese ihrer inneren Landschaft.

„Nun stehen wir zu dritt auf der Wiese Mari, nimm noch einmal die Kraft die von ihr ausgeht tief in dich hinein.“ 

Mari nahm noch einige tiefe Atemzüge.

Joel sprach weiter: „Spüre das Gewicht des kleinen Linchen in deinem Arm und fühle die neu gewonnene Kraft, die deine alte Sportlehrerin dir hat zufließen lassen.“

Mari nickte. Ja, sie fühlte sich herrlich gestärkt nach dieser langen inneren Reise.

„Und bist du bereit, dich jetzt zurück zu bewegen in deine aktuelle Zeit?
Bereit, ins JETZT zu gehen Mari? Bereit diese Übung zu beenden?“

Mari nickte lächelnd

„Dann behalte dein Linchen  im Arm. Nimm ein paar tiefe Atemzüge und atme dich ins JETZT hinein. Du bist mit ihr zurück, wenn du deine Augen öffnest.“

Mari nahm noch einige tiefe Atemzüge und öffnete ihre Augen. Ihr Meister saß nahe bei ihr – ihr direkt gegenüber. Seine Hand lag noch immer entspannt auf ihrer Hand.  
Erstaunt sah sie ihn an.

„Ganz entspannt weiter atmen, Mari, willkommen zurück!“ sagte er leise.

Sie nickte, noch ganz bewegt von all dem, was sie eben erlebt hatte.  „Danke, vielen Dank, Meister!“

„Wo ist das kleine Linchen jetzt?“

„Sie sitzt noch auf meinem Schoß.“

„Dann nimm sie fest in deine Arme,“ sagt der Meister und nahm seine Hand langsam weg.

Mari drückt das fiktive Linchen mit beiden Armen liebevoll an ihr Herz.

„Nun stell dir vor, wie die Energie von Linchen in dich hinein fließt und ihr eins werdet. Wann immer du mit Linchen reden willst oder etwas mit ihr unternehmen, kommt sie wieder einzeln  als dein kindlicher Teil in dein Bewusstsein,“ erklärte ihr Joel.

Das gelang Mari leicht.

„Du hast dieses Übung mit einer unglaublichen Kraft ausgeführt und etwas ganz Wertvolles in das Hier und Jetzt zurück geholt,“ erklärte er ihr anerkennend. „Wie geht es dir jetzt, Mari?“

„Ich bin so sehr dankbar, dass du diese Reise mit mir gemacht hast. Ich fühle mich erschöpft, aber auch stark. Vielen vielen Dank, Meister, und entschuldige bitte, dass ich vorher diese Übung nicht machen wollte, weil ich nicht wusste, worum es ging. Da wäre mir echt was verloren gegangen, wenn ich sie nicht gemacht hätte. Ich hätte dir viel mehr vertrauen sollen!“

Es ist schön, dass du das nun so siehst, Mari, darüber freue ich mich.“ Joel lächelte.
„Erinnerst du dich, dass du noch einen Fehler von vorhin auszugleichen hast? Möchtest du das tun?“

„Ach ja, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht…“ Erschrocken zuckte Mari zusammen, sagte aber entschlossen: „Ja, Meister, ich bin bereit, den Fehler auszugleichen.“

„Gut Mari! Ich möchte, dass du in den nächsten Tagen für Linchen ein kleines Willkommensgeschenk besorgst oder es selbst machst. Wirst du das tun?“

Marie entspannte sich wieder: „Das will ich gerne tun, so gerne! Danke für diese wunderbare Strafe!“

„Das Spiel ist vorbei“, sagte der Meister lächelnd.

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zum nächsten Kapitel: –> 35. Annehmen, was ist – der Nährboden für neue zarte Vertrauenspflänzchen

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge