77. Manchmal geht es einfach darum, nichts zu tun

Bei Joel – mit aller Angst durch die Erfahrung hindurch gehen

Joel hatte Mari mit zwei Osterkörbchen voller bunter Eier überrascht. In einem Körbchen gab es Eier, die mit einer Herausforderung verbunden waren, und im anderen waren Eier, die ein Geschenk für sie beinhalteten. Mari hatte sich zuerst das Ei mit der Herausforderung ausgesucht. Diese bestand darin, ihre Kontrolle dadurch einschränken zu lassen, dass Joel, der innerhalb des heutigen Spiels wieder einmal die Meisterrolle für sie einnahm, ihr auf einem Stuhl die Hände hinter der Rückenlehne fesselte.

Als er das Seil um beide Gelenke band und es dann deutlich fester zog, rief sie: „Joel, ich habe Angst! Das fühlt sich anders an als letztes Mal!!!“

Geduldig abwartend hielt Joel sanft ihre Hände, drückte sie leicht und fragte sanft: „Geht es noch?“

Mari zögerte einen Moment. „Ich möchte es gern schaffen“, sagte sie schließlich mit zittriger Stimme.“
„Gut, Mari! Tief atmen,“ erinnerte er sie daraufhin mit ruhiger Stimme.

„Machst du es wieder so, dass ich mich zur Not selbst heraus lösen könnte?“ wollte sie wissen.
Er lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Atmung: „Ein und ausatmen, Mari. Immer wieder ganz in Ruhe: ein und aus, ein und aus… Ja, gut so, und dehne die Ausatmung etwas aus, dass du länger aus als einatmest. Das entspannt.“

Okay, Mari versuchte langsamer zu atmen, in dem Rhythmus, den er ihr mit seinen Worten vorgab: ein und aus – ein und aus…
Er zog noch etwas fester an dem Seil und machte einen Knoten.  
Obwohl sie sich immer noch darauf konzentrierte, langsam und bewusst zu atmen, verstärkte das ihre Angst.
„Ich werde darauf achten, dass dir nichts passiert“, sagte Joel.
Sowohl seine Worte, als auch seine besänftigende Stimme taten ihr gut, und sie spürte, wie der Druck in ihrem Kopf und das Zittern daraufhin ein wenig nachließ.

Schließlich trat er einen Schritt zurück. „So, die Fesselung ist fertig.“

Mari versuchte, ihre Hände auseinander zu ziehen und stellte entsetzt fest, dass es diesmal nicht funktionierte. Wie ein heißer Strom schoss eine weitere Angstwelle durch sie hindurch.
„Einfach nur sitzen bleiben“, sagte Joel sanft und stellt sich an ihre Seite dicht neben sie.
„Ich kann jetzt gar nichts machen“, rief Marie panisch, „das ist anders als beim letzten Mal! Ich könnte so nicht mal aufstehen vom Stuhl!“
Ruhig antwortete er: „Ja, stimmt. So ist es in diesem Moment. Ich sagte doch:
Bleib einfach still sitzen. Du sollst nichts machen, und ich werde nichts machen. Es geht jetzt nur darum, den Moment auszuhalten.“

Ihr Körper fühlte sich heiß und kalt gleichzeitig an. Sie hielt die Luft an und versuchte zu tun, was er sagte, einfach nur still sitzen… In Gedanken sagte sie sich den Satz noch einmal: Einfach nur still sitzen… Nichts machen…. und er wird nichts machen…
Er stand ganz still und ruhig direkt neben ihr. Sie drehte den Kopf zur Seite, sah ihn an und fragte mit wackeliger Stimme: „Würdest du bitte eine Hand auf meine Schulter legen?“
Er nickte lächelnd und legte seine warme Hand ganz behutsam auf ihre angespannte Schulter.

Diese Berührung war für sie wie ein Halt in der Heftigkeit ihrer Angst-Gefühle. Sie konzentriert sich auf ihre Schulter und spürte, wie ein warmer Strom von dort aus durch ihren Körper floss. Dabei atmete er deutlich hörbar dicht neben ihr, um ihr einen sanften Rhythmus vorzugeben – in der Absicht, auf diese Weise, ihren Atem zu synchronisieren und ihn dadurch allmählich zu beruhigen. Diese ruhigen Atemzüge, die er so hörbar machte, dass sie ihnen leicht folgen konnte, helfen ihr, sich langsam etwas zu entspannen. Er atmete sehr deutlich, und sie setzt ihre ganze Willenskraft und Konzentration ein , um sich mit ihrer Atmung anzupassen. Nur ab und zu zuckte in ihrem Körper eine Angstwelle durch, die sie wieder aus dem Rhythmus brachte.

„Das machst du sehr gut Mari“, sagte er sanft.
Seine Worte ließen sie unwillkürlich einen besonders tiefen Atemzug nehmen, der ihre Anspannung milderte und ihr half, den angestauten Druck mit dem Ausatmen aus sich heraus fließen zu lassen.

Nach einem kleinen Weilchen trat er wieder hinter sie und sagte: „Gut, Mari, gleich hast du es geschafft. Ich werde dich jetzt losbinden, aber vorher versuch noch einmal die Hände voneinander zu lösen und spüre, dass du diesmal wirklich gefesselt bist und dich nicht selbst befreien kannst.“

In dem Moment, in dem er seine Hand wieder von ihrer Schulter nahm, sich von ihr einen Schritt entfernte und sie erfolglos versucht ihre Hände aus den Seilen zu befreien, fühlte es sich noch mal wieder ziemlich schlimm in ihr an. „Es geht wirklich nicht!“ brachte sie hervor.

„Ja das stimmt“, bestätigte er, „und jetzt bitte still halten. Ich werde jetzt den Knoten öffnen.“
So bewegungslos wie möglich hielt sie ihre Hände und wartete auf den Moment, in dem sie sie wieder bewegen konnte. Es dauerte etwas. Dieser Knoten war nicht ganz leicht zu lösen. Sie versuchte, sich weiterhin mit Ein- und Ausatmen in der Situation ruhig zu halten. Schließlich konnte er das Seil ganz sanft wegziehen. Sofort nahm sie die Hände vor sich auf den Schoß und bewegte sie etwas. „Puh, bin ich froh, dass das jetzt vorbei ist!“

Er ging um sie herum, stand schließlich vor ihr, breitete seine Arme aus, um sie zu einer Umarmung einzuladen. Nur allzu gern nahm sie dieses Angebot an. Fest nahm er sie in die Arme. Oh, tat das gut!
Das Gehalten-werden und die Wärme, die von ihm ausging, war ein solcher Gegensatz zu den Gefühlen, die sie davor hatte, dass ihr die Tränen kamen. „Diese Erleichterung jetzt zu spüren, ist so wunderbar! Das ist ein fantastisches Gefühl!“, brachte sie hervor.

„Ja, jetzt ist alles gut“, lächelte er, „dir ist nichts passiert! Und um dieses intensiver Erleichterungsgefühl zu spüren, lohnt sich doch das Aushalten der Herausforderung davor, oder?“

 „Stimmt, mir ist wirklich nichts passiert! Und die Angst dabei hat sich sehr heftig angefühlt, aber jetzt hinterher… das ist ein richtiges Glücksgefühl!“ bestätigte sie. 

Dann sagte sie nachdenklich: „Dabei weiß ich doch inzwischen, dass ich vor dir keine Angst haben muss, aber trotzdem war in diesem Moment das Gefühl der Angst ganz schlimm, als ich merkte, dass ich die Hände nicht auseinander bekam.“

„Die Angst ist eben ein altes Gefühl, das in den Körperzellen gespeichert ist. Und dieses Mal warst du wirklich gefesselt! Das hätten wir so bisher nicht machen können, und du hast es geschafft, es gut auszuhalten.“

„Ja, das stimmt, diesmal war es wirklich fest. Und du hast es mir vorher nicht gesagt!“

Er nickte. „Du sollst mir ja vertrauen, egal was ich mache.“

„Das versuche ich auch immer – so gut es geht…“ antwortete sie leise.
„Ja, das merke ich, Mari.“ bestätigte er. „Und du hast die Situation gut bewältigt.“
„Naja, ich habe schon ziemlich Angst gehabt, aber ich wollte gerne schaffen, mit all der Angst, durch die Situation hindurch zu gehen.“
„Und das ist dir gut gelungen! Du warst sehr mutig und tapfer Mari“, lobte er sie.

„Danke schön, lieber Meister, das freut mich, dass du das so siehst!“ freute sie sich und löste sich langsam aus seinen Armen.

„So, wir haben noch eine zweite Runde!“ sagte er daraufhin.

„Ach so??? Noch mal ???“ fragte sie erstaunt.  Dabei war sie doch gerade so erleichtert, dass sie die Fessel-Erfahrung, die diesmal deutlich fester war, als beim Mal davor, überstanden hatte…

Und wie es in der nächsten Runde weitergeht, gibt es am Ostersonntag zu lesen

geschrieben von Raffael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

39 Heftige schmerzliche Wut – und nun? (Teil 2)

 Bei Joel – Ein klärendes Gespräch 

Nachdem Mari aufgrund einer Fehlinterpretation von Joels Worten in heftige, ungerechtfertigte Wut geraten war, und ihren Meister ungerecht angebrüllt hatte, ihm Dinge an den Kopf warf, die absolut unwahr waren, stand sie, nachdem sich das Missverständnis aufgeklärt hatte, beschämt und erschöpft vor ihm. Er war noch immer in der Rolle des Meisters, da er noch nicht dazu gekommen war, das Spiel zu beenden und es jetzt auch für besser hielt, in dieser Rolle, die auch ihm Halt gab, zu bleiben.

„Ich konnte einfach nicht mehr klar denken“, flüsterte sie.

„Setz dich bitte, Mari“, sagte er, setzte sich selbst direkt ihr gegenüber und schaute sie forschend an.

Sie fühlte sich erbärmlich, total verunsichert, was sie jetzt sagen oder tun könnte.
„Ich bitte dich um Verzeihung, Meister, es war wie ein Selbstläufer in mir! Ich konnte nicht mehr klar denken, es schien für mich alles so eindeutig…“ brachte sie endlich leise heraus.

„Mari, lass uns jetzt noch einmal über das Missverständnis reden, damit du dir ganz sicher sein kannst, dass es in dem Gespräch, was du von nebenan gehört hast, nicht um dich ging. Kannst du mir nun glauben, dass ich über das, was wir beide miteinander erleben, nichts erzählt habe und erzählen werde? Ist das jetzt ganz klar? Und vor allem ist mir wichtig, dass ich dich nicht rauswerfen würde! Was auch geschieht, das würde ich nie tun!“

Stumm saß Mari auf dem Sofa, unfähig, irgendetwas zu sagen.

„Darf ich deine Hand nehmen Mari?“

Maris Hände zitterten, sie nickte und schaute nach unten. Leise antwortete sie: „Ich glaube dir , dass du nicht über mich geredet hast, es tut mir so leid… Bei der Wut, die ich hatte, könnte ich verstehen dass du jetzt keinen Lust mehr hast, mit mir noch…“

„Mari, wie kannst du das denken? Wie kannst du denken, dass ich so nachtragend sein könnte? Ich möchte dich doch auch nicht verlieren – und ganz sicher nicht wegen eines Missverständnisses!“

Mari fühlte sich von seinen versöhnlichen Worten so berührt, dass sie nun gänzlich ihre Fassung verlor. Sie bebte am ganzen Körper. „Ich meine… nicht nur wegen des Missverständnisses, sondern weil ich so heftig geworden bin… könnte ich echt verstehen, wenn du…“

Er unterbrach sie: „Darf ich dich in den Arm nehmen, Mari?“

„Oh, so gerne“, antwortete sie.
Er setzte sich dicht neben sie und nahm sie fest in seine Arme, um ihr Halt und Sicherheit zu vermitteln.

Dadurch öffneten sich ihre Schleusen noch mehr und Tränen rollten über ihre Wangen. Wie überraschend und erleichternd war das denn?!!  Diese freundliche Annahme in ihrem Gefühlschaos tat so gut, und fühlte sich gleichzeitig so beschämend an. Sie versuchte vergeblich, ihre Fassung zu bewahren.

Er redete ihr leise zu: „Mari, lass sie raus… die ganze Wut und Anspannung von eben… Es ist alles gut! Ich werde unseren Kontakt nicht wegen irgendwelcher Konflikte plötzlich beenden – niemals! Auch mir ist unser ganz besonderes Miteinander sehr wichtig!“

Diese Worte berührten ihr Herz und ganz viel alten Schmerz. Sie konnte es nicht fassen, dass sie trotz ihrer starken Wut nicht aufs heftigste kritisiert und niedergemacht, sondern sogar liebevoll festgehalten wurde, dass ihr so warme Worte geschenkt wurden… ja, dass er ihr nichts nachtragen wollte, obwohl sie sich so unmöglich verhalten hatte… dass er gar nicht so geredet und nicht mal gedacht hatte über sie, wie es sich angehört hatte aus dem Nebenzimmer…
Das tat einerseits unendlich gut, und ließ sie andererseits spüren, wie klein sie sich fühlte, wie sehr es ihr an Selbstwertgefühl mangelte.

Joel drückte sie fest an sich. „Ich verstehe, dass du wütend geworden bist, wenn du gedacht hast, dass ich über dich geredet hätte, aber glaube mir, so war es nicht und so etwas wird nicht geschehen! Ich achte dich sehr, Mari, und du bist mir wichtig! Bitte glaube mir das!“ 

„Das fällt mir ein bisschen schwer, weil ich mich oft so unzulänglich fühle, und jetzt ganz besonders. Aber du sagst es, und ich will dir das so gerne glauben“, antwortete sie leise.

„Mari, jedem kann einmal etwas zu viel werden, jeder kann einmal die Beherrschung verlieren. Das ist für mich kein Grund, um mit jemandem zu brechen, erst recht nicht, ohne die Situation zu klären und zu schauen, ob es nicht doch gut weitergehen kann. Und ich würde gerne mit dir weitergehen. Wie steht es mit dir, Mari?“

„Ich würde gerne auch den Weg mit dir weiter gehen, wenn es mir doch nur gelingen würde, dass ich… wenn ich doch leichter vertrauen könnte…“

„Aber es gelingt dir doch zunehmend besser,“ sagte er lächelnd.

„Und dann falle ich immer mal wieder so zurück wie heute“, entgegnete sie unglücklich. „Ich scheitere doch beim kleinsten Anlass!“

„Der Anlass vorhin war aus deiner Perspektive nicht klein. Und scheitern würdest du nur, wenn du nach einem Ausrutscher nicht wieder aufstehen und es erneut versuchen würdest. Mari, was meinst du, magst du es weiter versuchen, nach jedem kleinen Absturz wieder aufzustehen und weiterzugehen? Ich bin an deiner Seite und reiche dir die Hand – jedes Mal auf´s Neue! Versprochen!“

„Ja“, antwortete sie entschlossen, „ich will es wieder versuchen, immer wieder!“

„Das ist das wichtigste! Das ist das aller wichtigste, Mari!“

„Ich habe nur Angst, dass es irgendwann wieder passiert, dass irgendetwas meine Verletztheit und die Wut, die daraus manchmal entsteht, so empfindlich berührt, dass ich eventuell wieder die Beherrschung verlieren könnte…“

„Ja, das könnte durchaus geschehen. Und dann werden wir damit umgehen. Du hast vorhin geschrien, weil du empört warst, weil du wütend warst und  auch Angst hattest. Das ist menschlich und darf passieren – erst recht in solch einem geschützten Raum, wie wir ihn uns hier erschaffen haben. Es ist auch gut, diese Gefühle raus zu lassen, aber bitte, brich den Kontakt nicht ab! Geh nie weg, ohne dass wir über das, was dich aus der Fassung gebracht hat, gesprochen haben.“

„Ich werde versuchen, es immer in Erinnerung zu behalten!“

„Und ja… Vielleicht wirst du erneut die Beherrschung verlieren. Das kann jedem passieren, wenn man an seine Grenzen kommt, aber ich hoffe, du wirst mir dann immer noch so zugewandt sein, dass wir darüber reden können.“

„Ja, das will ich. Ich möchte, dass es mir gelingt, dass ich immer noch mit dir reden kann, was auch passiert, Joel. Ich will es wirklich! Ich hätte jetzt den Kontakt fast abgebrochen, und das tut mir sehr, sehr leid – wirklich! Ich hoffe, dass das nie mehr passiert, aber sicher versprechen kann ich dir das nicht. Doch ich will meine ganze Kraft dafür aufwenden.“

„Dann werden wir das auch schaffen Mari! Sicher, es kann immer viel passieren, gerade bei dem doch für dich recht herausfordernden Weg, den wir gemeinsam gehen. Daher möchte ich als, quasi als Ausgleich für heute, dein Wort, dass du es versuchen wirst, mir zumindest immer die Chance zu geben, mit dir zu sprechen, bevor du dein endgültiges Urteil fällst. Zumindest wünsche ich mir, dass du es immer versuchen willst.“

„Ja, darauf gebe ich dir mein Wort, ich werde es mit aller Kraft versuchen, auch wenn etwas noch so sehr brennt und weh tut, will ich versuchen, mit dir zu sprechen und in Kontakt zu bleiben!“

„Das freut mich sehr, und ich verspreche dir, dass ich dich in allem unterstütze, so gut ich es kann, auch und gerade, wenn es wackelt in dir, damit wir noch sehr viele Schritte gemeinsam gehen könne, okay Mari?“

„Danke für dieses Versprechen! Und danke nochmal, dass du den Kontakt nicht abbrechen willst, obwohl ich so heftig gewesen bin.“

„Mari ich sichere die meine… Vertrauenswürdigkeit und meine Zugewandtheit zu – auch in heftigen Momenten. Ich möchte sehr gerne die begonnene Reise mit dir fortsetzen. Bist du auch dazu bereit?“
„Ja, ich möchte die begonnene Reise mit dir fortsetzen, und ich danke dir für diese Zusicherungen.“

„Dann freue ich mich auf unsere nächsten Treffen und bin gespannt, wie es weiter geht“, lächelte Joel. „Das Spiel ist für heute beendet“, fügte er leise hinzu.

Mari sah Joel an. „Ich danke auch dir, Joel.“

„Und nicht nur der Meister, auch ich möchte gerne, dass unsere gemeinsam begonnene Reise weitergeht“, sagte er und drückte sie sanft an sich.

Erleichtert kuschelte sie sich an ihn, erschöpft und froh, dass nun doch alles zu einem guten Abschluss gefunden hatte.

„Das war ziemlich heftig, und ich bin froh, dass wir das miteinander klären konnten, Mari“, sagte er leise.

„Ja, Joel, ich auch! Es tut mir so leid, dass ich so wütend geworden bin, es tut mir so unendlich leid…“

„Alles gut! Wichtig ist doch nur, dass wir das Missverständnis klären konnten. Und dass dich das wütend gemacht hatte, ist ja verständlich.“

„Ich habe richtig Angst vor morgen früh, wenn ich aufwache, und die Erinnerung dann da ist, was ich hier verzapft habe. Ich danke dir für dein Verständnis, Joel, und hoffe, dass du und der Meister… also dass ihr das morgen nicht bereuen werdet.“

„Nein, das werden wir sicher nicht, und wenn du morgen früh tatsächlich ein schwieriges Gefühl hast, dann ruf mich einfach an, damit wir uns beide versichern können, dass wir auch weiterhin diesen Weg weiter gehen wollen, okay?“

Zaghaft lächelte Mari ihn an. „Das ist eine schöne Idee, ein liebes Angebot! Ich will das auf jeden Fall! Das spüre ich jetzt noch deutlicher als vorher. Ich danke euch beiden, dir und dem Meister, der du ja auch bist.“  😉

„Das freut mich Mari! Weißt du, ich glaube, dass solche Momente eben auch dazu gehören, und ich bin froh, dass wir das heute gut bewältigt haben.“ 

„Ich bin auch so froh darüber! Gut, dass du die Nerven behalten konntest!“

„Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass etwas passiert sein könnte, dass uns so plötzlich auseinander bringt.“

„Na ja, du hast halt ein großes Stück mehr Vertrauen und Kraft als ich. Und das bewundere ich an dir, Joel!“ 

„Letztlich entscheidet immer die Summe an Kraft und Vertrauen, die wir beide gemeinsam aufbringen. Und ich glaube, zusammen haben wir genug davon, dass es uns gelingt, auch solche Situationen wie vorhin gemeinsam gut zu überstehen.“

Mari lächelte, und dachte dabei: Er findet immer wieder wunderbare und entlastende Worte.

„Ja, das möchte ich auch glauben,“ antwortete sie, „und heute war es ja so – wenn du auch wesentlich mehr davon eingebracht hattest als ich.“

„Nun, an anderen Tagen musstest du deutlich mehr Vertrauen einbringen, Mari. Das gleicht sich aus, denke ich“,  sagte er und drückte sie noch einmal an sich.

Ja, das stimmt eigentlich, dachte Mari erfreut und drückt ihn auch noch einmal. 

Dieses Kapitel wurde gemeinsam geschrieben von Rafael und Miriam.

Zum nächsten Kapitel: –> 40. Nach der großen Wut – 4 Fragen

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 
 

30. Ein altes Schmerzpaket öffnet sich

Bei Mari – nach einem abgeklungenen Migräneanfall

Mari hatte sich mit Hilfe einer wunderbar entspannenden Massage, die Joel ihr gegeben hatte, von Migräne erholt und saß innerhalb des nun doch stattfindenden Rollenspiels mit ihm als „Meister“ zusammen bei Kaffee und Croissants, die er als zur Stärkung und als süßes Trostpflaster mit gebracht hatte.

„Wie geht es dir jetzt, Mari?“ fragte er und goss beiden Kaffee ein.

„Es fühlt sich ehrlich gesagt seltsam gut an, mit dir einfach mal Kaffee zu trinken, wenn ich das so sagen darf. Mein Kopf tut kaum noch weh, und ich habe jetzt einen Riesen-Appetit! Hab Dank für deine hilfreiche Kopf-Massage!“

„Warum darf es sich nicht auch mal einfach nur gut anfühlen mit mir?“ Er zwinkerte ihr zu.
Wir wollen doch die Migräne heute nicht noch einmal herauf beschwören, oder? Da lassen wir es uns gut gehen und du erzählst mir ganz nebenbei, was dich so stark belastet hat, dass dein Inneres nur noch die Qual der Migräne als Ausweg gefunden hat, okay?“

Beklommen nickte Mari. 
„Es war die Angst vor den „Übungen„, die du mir angekündigt hattest.“

Erstaunt schaute er sie an. „Ach sooo?“ Er nahm ihre Hand in seine und streichelte kleine Kreise auf den Handrücken… „Erzähl mir mehr darüber, Mari!“

„Deine Nachricht, dass ich leichte Kleidung anziehen sollte für „Übungen“ , die du mit mir vor hattest, haben mich an all die Demütigungen und das furchtbare, immer wieder zwei mal pro Woche ausgelöste Gefühl von Scham und Unzulänglichkeit meiner Schulzeit im Sport-Unterricht erinnert. Und die Vorstellung mit dir oder unter deinen Augen Übungen machen zu müssen, war schier unerträglich. Absagen wollte ich aber auch nicht. Dann rollte die Migräne wie ein nicht zu stoppender Zug in meinen Kopf, und ich beschloss, mich ein Weilchen hinzulegen. Dass ich derartig lange schlafen würde, hatte ich nicht gedacht. Normalerweise kann ich mit diesen Schmerzen kaum ein wenig dösen am Tag. Ich hatte nicht damit gerechnet, so fest einzuschlafen. Es tut mir echt leid, dass ich nicht rechtzeitig angerufen habe.“

„Das ist doch schon Schnee von gestern, Mari!“ Joel in seiner Meisterrolle lächelte ihr zu. „Oder brauchen wir eine kleine Strafe, damit du das loslassen kannst?“

Etwas unsicher schaute Mari ihn an, aber als sie sein überdeutliches Zwinkern bemerkte, konnte sie sich wieder entspannen. 

„Wenn es mal wieder im Vorfeld etwas gibt, was dich derartig belastet, dann rufst du mich an, okay? Joel wird den Anruf bestimmt gern an mich weiterleiten“, scherzte er weiter, sah sie dann aber ernsthaft an… „Weißt du, Mari, unsere Spiele sind nicht nur Spiele, sie gehen oft ganz tief und berühren alte Wunden. Ja, sie können sie regelrecht an die Oberfläche bringen. Deshalb ist es wichtig, dass du mir mitteilst, wenn so etwas geschieht. Dann kann ich darauf eingehen und du musst dich nicht allein damit herum quälen bis wir uns sehen.“

Dankbar nickte Mari, während ihr die Tränen kamen, die sie verstohlen wegwischte. So viel Freundlichkeit und Annahme… Und das in diesem peinlichen Thema… 

„Nun erzähl mir mal von deinem Sportunterricht, was war darin so furchtbar schlimm für dich?“

Mari öffnete ihr Schmerzpaket von damals, das sich über viele Jahre ihrer Schulzeit prall gefüllt hatte mit demütigenden und beschämenden Erfahrungen, die ihr von der Sportlehrerin und den Mitschülerinnen zugefügt worden waren. So oft wurde sie von dieser Frau im Kasernenhof-Ton vor der ganzen Klasse nieder gemacht, bloß gestellt, beschämt, angebrüllt und fertig gemacht, dass sie schon mit innerem Zittern und Bangen in jede Sport-Stunde ging. 

Joel dachte voll Mitgefühl: Kein Wunder, dass sie so voller Scham ist, was ihren Körper anbelangt. Hatte sie ihn doch über viele Jahre voller Verunglimpfungen als etwas erlebt, das als kritikwürdig, schwach, instabil und unwürdig dargestellt wurde und sie auch in der Gemeinschaft der Gleichaltrigen ins Aus katapultiert hatte und ihr Spott und Ablehnung einbrachte.

Ihm wurde noch klarer, wie vorsichtig er mit den von ihm angedachten „Übungen“ sein müsste, dass er sie modifizieren müsste und sie gut in leicht annehmbare Situationen „einbetten“ würde. Er wollte Mari jede Hilfe geben, um dieses Thema zu bewältigen. Aber auslassen würde er es nun ganz sicher nicht.

„…als der Schulsport endlich für mich vorbei war, machte ich drei Kreuze! Seit dem mache ich einen großen Bogen um alles, was mit Sport zu tun hat!“ schloss Mari ihre Erzählungen.

„Das kann ich gut verstehen,  Mari! Du hast über so viele Jahre schmerzhafte Erfahrungen der Ablehnung im Sport und dadurch deines ganzen Körpers erlebt – und das in einer Zeit, wo Heranwachsende es mit ihrem Körper ohnehin schon nicht so leicht haben. Das hat sich tief eingebrannt in dein Denken und Fühlen, und in deine Körperzellen.“

Gott sei Dank! Er versteht mich, dachte Mari. Da wird er dieses Thema nun wohl fallen lassen.

„Ich werde mir etwas einfallen lassen, wie wir uns um dieses für dich so schwierige Thema kümmern können.“

Er bemerkte sofort, wie sich ihr Gesicht verdunkelte und ihr Körper leicht in sich zusammen sackte.

„Bitte, erspar mir das! Das ist so schlimm für mich!“

Joel nahm beide Hände und schaute ihr in die Augen. „Bitte schau mich an, Mari. Vertrau mir.“

Als sie ihren Blick hob und in seine freundlichen warmen Augen sah, sprach er weiter: „Du hast mich bisher als jemand erlebt, der auf deine Gefühle eingegangen ist – oder habe ich bisher irgendetwas übersehen oder übergangen?“

Mari schüttelte den Kopf und flüsterte „Nein, Meister!“

„Wir werden uns auch an dieses Thema gemeinsam ganz behutsam heran tasten, denn es hat so viel mit deinen quälenden und belastenden Schamgefühlen zu tun, dass wir nicht drum herum kommen, wenn wir weiterhin darin etwas auflösen wollen. Und du hast mein Versprechen, dass ich dich zu nichts zwingen werde, zu gar nichts!  Sollte es zu Schamgefühlen oder anderen schmerzhaften Gefühlen kommen, dann sind das alte Dinge, die ans Licht kommen und von dir gesund geliebt werden wollen, weil sie dich sehr, sehr einschränkt haben – nicht nur, dass sie keine sportlichen Aktivitäten zulassen… Ich glaube damit hast du bisher gut leben können, sondern, was viel mehr wiegt… Sie sind wahrscheinlich auch eine große Quelle belastender und unnötiger Scham- und Peinlichkeitsgefühle.“

Unglücklich schaute Mari ihn an. Hätte sie ihm nur nicht davon erzählt…

„Liebes, das gehen wir mit viel Zeit und Ruhe an. Wann wir damit beginnen, weiß ich noch nicht. Und…,“ er lächelte, „was die von mir angedachten Übungen anbelangt – ich hatte die Idee, dass wir ab und zu gemeinsam einige leichte Lockerungs- und Entspannungsübungen ausprobieren. Mach dir bitte keine Sorgen, wir bekommen das hin! Bring beim nächsten Mal, wenn du zu mir kommst, ein paar leichte Sachen zum Umziehen mit zu mir, die wir bei mir aufbewahren für die Situationen, in denen wir sie vielleicht (!) – vielleicht auch nicht – brauchen werden.“
Und wenn ich es vorhabe, einige leichte Übungen zu machen, werde ich es diesmal sicher nicht vorher ankündigen, dachte er, sprach es jedoch nicht aus.

Erleichtert schaute Mari ihren Meister an, nickte und schöpfte wieder etwas Vertrauen. Sie würde es wie immer an sich heran kommen lassen müssen, und er würde nichts erzwingen! Das hatte er ihr versprochen. Wieder einmal hatten seine Worte einen Weg in ihr Herz gefunden…

–> Zum  nächsten  Kapitel:  31. Eine heilende Übung (1)  

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10. Leuchtend bunte Lebendigkeit auf dem dunklen Grund der Ungewissheit

Gegen Ende des 2. Rollenspiels – Ein Gespräch mit dem „Leben“ auf der Couch 

Mari saß mit Joel, der in diesem Spiel für sie „das Leben“ verkörperte, auf ihrem gemütlichen Sofa.

„Was geht dir gerade durch den Kopf, Mari?“

„Der Rückblick vorhin auf mein Leben… dass in allem Schweren, was ich bisher erlebte, stets auch Beistand, Hilfe und ja… auch Liebe da gewesen war, bewegt mich.
Und ich finde meine Idee spannend, ob nicht gerade das, was sich schwer anfühlt, die Liebe besonders intensiv fühlbar macht. Ich müsste meinen Fokus in solchen Momenten allerdings darauf richten und mich fragen:
Wo finde ich gerade jetzt, wenn es vielleicht heftig wackelt, oder gar weh tut – auch die Liebe?“

„Ich, das Leben, stimme dir zu:
Liebe ist immer da! Immer!
Liebe ist meine tiefste Essenz, auch wenn es oft nicht danach aussieht.
Ich bringe zu allem Schweren immer auch die Kraft, das zu bewältigen, hilfreiche Wendungen, die du selbst gar nicht planen oder dir vorstellen kannst, helfende Hände von Freunden oder Fremden, Trost und Ermutigung in Büchern, Liedern, Texten… freundliche, hilfsbereite Menschen…“

„Das stimmt. Das habe ich alles schon erlebt…“ überlegte Mari.

„Und nun sitze ich als „das Leben“ hier bei dir, um dich genau das erkennen zu lassen. Das ist heute meine Art, dir meine Liebe zu zeigen: Ich möchte dir helfen, mehr Gleichmut und Annahme dafür zu entwickeln, dass nicht immer alles rund läuft, nicht immer alles rund laufen kann! Denn sonst gäbe es keine Spannung mehr – und glaub mir, auch Langeweile kann als sehr schmerzlich empfunden werden.
Du wolltest tief in deinem Inneren schon immer intensiv fühlen, damit du auch meine Essenz, die Liebe, ganz stark wahrnehmen kannst. Deshalb hast du solch einen feinfühligen und damit wohl auch schmerzempfindlichen Körper und so ein sensibles Gefühlsleben.  Und deshalb musste ich dir auch die Herausforderungen bringen, die dich erschreckten, dich ängstigten und die du nun so stark spürst im Zusammensein mit dem Mann Joel. Hättest du früher die schlimmen Dinge nicht erlebt, könntest du jetzt die Liebe nicht erfahren, die danach strebt, die alten Verletzungen mit heilenden Worten, Gesten und Berührungen heilen zu lassen.
Alles dient letztendlich der Liebe – wenn auch in einem viel umfassenderen Sinne, als es in den jeweiligen Situationen erfassbar ist.“

„Warum hast du eigentlich so ein schwarzes Gewand an? Ist das Leben nicht in der Vielfalt seiner Erscheinungen eigentlich bunt?
Ach, Entschuldigung, ich habe schon wieder vergessen, dass ich den Meister nicht nach einem Warum fragen sollte. “

Lächelnd antwortete er: „Gut, dass es dir wieder eingefallen ist! In diesem Fall mache ich allerdings eine Ausnahme und gebe dir eine Antwort auf diese Frage. Denn darauf wollte ich selbst ohnehin gleich zu sprechen kommen.
Ja, du hast es gut erkannt, das Leben ist bunt, also vielfältig – und so gehört natürlich auch schwarz dazu.
Das schwarze Gewand sollte heute die Ungewissheit symbolisieren, das Undurchschaubare, das Mysterium, das das Leben oft in sich birgt, die Unkontrollierbarkeit, die bei vielen Menschen – nicht nur bei dir – Angst auslöst. Unbekanntes ist oft mit Angst verbunden. Und letztlich ist jeder Tag ein eigenes Kapitel, das immer auch Unbekanntes mit sich bringt.
Du hast dich vorhin ja gerade auch wegen des Ungewissen, was ich dir bringe und mit dir machen könnte, gefürchtet, nicht wahr?
Und… Mari… wie war denn nun heute deine Begegnung mit mir, als „das Leben“ für dich?“

„Nicht so schlimm, wie ich erst befürchtet hatte… nein – eigentlich gar nicht schlimm! Und ich hatte ganz wichtige Erkenntnisse – mit der Liebe in allem und so…
Ja, irgendwie ist es richtig schön, sich mit dem Leben mal auf der Couch sitzend unterhalten zu können,“ lachte Mari.

„Mari, du kannst immer mit mir, also mit dem Leben als Ganzes reden, auch wenn ich nicht verkörpert neben dir auf der Couch sitze. Ich höre und sehe alles von dir und nehme es in mich auf. Erzähl mir von dem, was dich bewegt, so oft du möchtest. Sag mir deine Wünsche, deinen Dank, deine Freuden, und du wirst nach und nach merken, dass ich für dich zu einem fühlbaren Partner werde, denn ich antworte auf alles in meiner Weise: durch Zufälle, durch Sätze, die du irgendwo hörst oder liest, durch Lieder, Geschichten, Begebenheiten, und auch durch deine innere Stimme, deine Inspiration. Rede mit mir, ich antworte dir!“

„Wow, dass du mir das heute sagst, finde ich magisch. Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, da habe ich das schon mal gemacht, allerdings schriftlich. Das war, als ich Joel noch gar nicht kannte… Da habe ich einen Brief ans Leben, also an dich in mein Tagebuch geschrieben. Und du hast darauf in der Weise reagiert, dass der Mailwechsel mit Joel entstanden ist. Und nun sitzt er als das Leben hier neben mir und wir erleben etwas von dem, was ich dir geschrieben habe… Hui…!
Ja, liebes Leben, ich will gern noch öfter mit dir ins Gespräch gehen – sei es in gesprochener oder in schriftlicher Form. Vielleicht wird sich meine Angst vor dem Ungewissen, was du ja immer mitbringst, langsam verringern…“

„Diese Angst ist ganz menschlich, Mari, und es wird noch oft so sein, dass du dich erst einmal aufgrund der Ungewissheit fürchtest und dann am Ende feststellst, dass es eigentlich nicht schlimm war. Und so manches Mal wirst du dich – so wie jetzt – später freuen und sogar lachen können. Das gilt für unsere Spiele hier und für viele Erfahrungen auch im realen  Leben“, meinte Joel als ihr Meister.
„Vielleicht kann ja das, was wir hier miteinander erleben, auch zu einem tieferen Vertrauen ins Leben überhaupt beitragen. Das würde mich freuen – als dein Meister und als Joel.“

„Das wäre schön…“

„So und nun gebe ich dir zum Abschluss unseres heutigen Spiels noch eine Hausaufgabe:
Ich möchte, dass du dir Stickgarn besorgst.“

„Wie jetzt…?! Soll ich etwa sticken???
Stickgarn hab ich sogar – aber ich kann nicht gut sticken oder nähen…
Das ist nicht so mein Ding, da fehlt mir die Geduld.“

„Ich möchte dennoch, dass du jedes Mal, nachdem du eine sich positiv gestaltende Erfahrung von Ungewissheit gemacht hast, also fast nach jedem Spiel, aber auch sonst, wenn du etwas erlebst, was erst ungewiss ist und sich dann auflöst, etwas Buntes in diesen schwarzen Umhang, den „das Leben“ immer wieder einmal tragen wird, hinein stickst. Es muss nicht viel sein, und es muss nicht perfekt sein! Du kannst zum Beispiel auch mal eine einzige kleine bunte Paillette aufnähen oder fünf Kreuzchen sticken, oder einfach eine kleine Schlangenlinie… was immer dir einfällt und dir leicht fällt!
Mit der Zeit wird dieses Gewand immer bunter und schöner werden. Und du wirst sehen, wie zauberhaft die farbigen kleinen Stickereien sich auf dem schwarzen Untergrund abheben – so wie Sterne im Nachhimmel – so herrlich leuchten die bunten Fäden der Lebendigkeit auf dem dunklen Boden der Ungewissheit… Und du wirst nach und nach sehen und erleben: Das Gewand des Leben wird durch deine Gestaltung immer bunter und schöner!
Wirst du diese Aufgabe annehmen, Mari, auch wenn du bisher nicht gern gestickt oder genäht hast?“

„Ja, Meister, ich nehme deine Aufgabe an.“

–>  Zum nächsten Kapitel: 11. Ein Brief ans Leben – Auftakt zu etwas Neuem… 

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge