68. Die „Fehler“-Falle

Bei Joel – Eine beängstigende Assoziation

Mari wurde vom Regen überrascht und und klingelte durchgefroren bei Joel, mit dem sie wieder einmal zu einem Rollenspiel verabredet war, in dem er die Rolle des Meisters übernahm.
„Oh Mari, du bist ja ganz durchnässt, komm rein“, sagte er und ging sofort ins Bad, um etwas zum Abtrocknen für sie zu holen.
Sie blieb abwartend im Flur stehen. Er kam mit einem großen Handtuch zurück und legte es ihr um die Schultern. Diese fürsorgliche Geste fühlte sich gut an, und sie rubbelte sich ihre Bluse ab so gut es eben ging. Er half ihr und rieb ihr mit dem Handtuch über den Rücken.
Als sie jedoch niesen musste und er sah, dass sie vor Kälte zitterte, meinte er: „Ich glaub du solltest deine nassen Sachen ausziehen, Mari.“
Etwas unschlüssig schaute sie ihn an. „Hm… könntest du mir vielleicht ein T-Shirt von dir borgen?“ fragt sie vorsichtig.
Er nickte: „Ja, sicher“, und holte eines seiner Shirts und gab es ihr, worauf sie damit im Bad verschwand. Es war ein relativ langes T-Shirt, in dem sie sich einigermaßen wohl fühlte, auch als sie ihre lange, total durchnässte Hose ausgezogen hatte. Als sie aus dem Bad kam, wurde ihm anhand ihrer nackten Beine erst deutlich, dass sie auch eine Hose brauchen könnte und fragte: „Magst du noch eine Hose haben?“
„Oh ja, sehr gerne Joel, das wäre prima!“ Daraufhin brachte er ihr eine enge Sporthose, in die sie schnell hinein schlüpfte. Zu ihrer Erleichterung passte sie einigermaßen.
Er lächelte: „Jetzt besser?“
„Prima, ich danke dir. Ja jetzt fühle ich mich wohler.“
Er schaute sie einen Moment lang an… „Dann beginnt das Spiel?…Jetzt!“

Maris Herz begann zu klopfen. Er ging auf sie zu und unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück.
„Oh? Was ist denn?“ fragte er.
Da es ja auch keinen für sie selbst plausiblen Grund dafür gab, antwortete sie: „Nichts…“
„Gib mir deine Hand, Mari“, forderte er sie auf.
Sie gab ihm ihre rechte Hand.
„Wirst du mir folgen?“
Sie spürte ihren Herzschlag deutlich. Wohin und wie würde er sie führen, dass er so explizit fragte? Das tat er ja sonst nicht. Sie nickte und sagte: „Ja.“
Er ging drei Schritte zurück und zog sie leicht an der Hand. Sie folgte ihm und wurde von ihm in einem kleinen Kreis durch das Wohnzimmer geführt – fast wie in einem Tanz.
Froh, dass sie von ihm trockene Sachen bekommen hatte und sich darin einigermaßen wohl fühlte, hatte Mari inzwischen richtig gute Laune, während sie mit ihm an seiner Hand durch das Wohnzimmer ging. Er zog sie nach einem Weilchen in Richtung des kleinen Flurs
Verwundert ließ sich Mari durch den Flur führen.
„Was machen wir hier?“ fragte sie unbedacht.
Ernst sah er sie an. Wieder einmal hatte sie nicht an die Regel gedacht, innerhalb des Spiels keine vermeidbaren Fragen zu stellen. Er sagte noch nichts dazu und führte sie an den Türen vorbei bis zur Tür am Ende des Flurs, aber aufgrund seines Blickes wurde ihr das jetzt bewusst. Mit unguten Gefühlen ging sie mit ihm ein paar Schritte weiter. Schließlich standen sie direkt vor der Schlafzimmertür.
Sie schaute ihn von der Seite an und dachte: „Um Gottes Willen bloß nicht noch eine Frage stellen!“
Er öffnete die Tür und sie sah direkt das große Bett.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und sie versteifte sich, als er mit ihr das Zimmer betreten wollte.

„Nein, das möchte ich nicht!“ Fast wie ein Schrei kamen die Worte aus ihrem Mund.
Er sah sie einen Moment stumm an. Dann fragte er: „Hast du nicht gesagt du folgst mir?“
„Aber doch nicht in dein Schlafzimmer! Wir sind doch sonst immer im Wohnzimmer, was soll denn hier geschehen?!“
Mari war jetzt so verschreckt, dass ihr die Frage-Regel des Spiels und alles sonstige Prozedere nicht mehr präsent waren.
Joel entgegnete in einer für ihn auch in der Meisterrolle untypischen Härte: „Das ist schon die zweite Frage und eine Verweigerung.“
Siedend heiß stand sie da und erstarrte.

Als er ihren Zustand wahr nahm, schloss er die Tür und führte sie zurück ins Wohnzimmer zu einem Sessel, in dem sie regelrecht in sich zusammen sank und zu zittern begann.
Er setzte sich vor sie, nahm ihre Hände und hielt sie fest. Diese Geste tat ihr gut und gab ihr ein bisschen Halt. Sie hob ihren Blick und schaute ihn kurz an.
„Wie geht es dir Mari?“ Es fühlte sich an, als würde er ihr mit seinen Augen eine Brücke bauen wollen. Dadurch dass er sie so wärmend anschaute und ihre Hände hielt, tauchte sie aus ihrer Erstarrung wieder auf und war in der Lage mit ihm zu reden.
„Es tut mir leid, ich bin noch nicht soweit – wirklich es tut mir leid! Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich fühle mich furchbar!“
„Warum?“ Immer noch hielt er sie mit seinem Blick.
„Du hast doch bereits gesagt: zwei Fragen und eine Verweigerung. Außerdem habe ich Angst…“
„Angst? Wovor?“
„Na du wirst mich ja nicht ohne Grund ins Schlafzimmer geführt haben! Ich kann das noch nicht!“
„Was kannst du denn noch nicht? Was hast du erwartet?“
„Mari bekam einen roten Kopf… Na – mit dir Sex haben…“
„Wow?! Das wäre aber ziemlich plötzlich gekommen, oder? Nach all den vielen kleinen Schritten, die wir miteinander gegangen sind…“
Verlegen stammelte sie: „Na, warum hast du dann… Warum wolltest du… Wir waren doch immer im Wohnzimmer… Ich dachte…“
„Was dachtest du?“ fragte er unbeirrt weiter.
Jetzt wurde Mari heftig: „Das weißt du doch nun ganz genau! Warum muss ich es jetzt noch mal aussprechen?!“
Ruhig antwortete er: „Ich frage mich, wie du darauf kommst. Wie kommt es, dass du diese Vermutung hast?“
„Na, was sollte ich denn bei dem plötzlichen Schlafzimmer-Besuch ansonsten denken?!“
„Vielleicht wollte ich dir nur etwas zeigen… Vielleicht wollte ich eine Decke oder etwas anderes holen… Wie kommt es, dass du nach all unseren Spielen und Vertrauensübungen denkst, dass ich dir plötzlich solch einen für dich großen Schritt zumuten würde?“
„Ich konnte nicht mehr klar denken! Die Assoziation, als ich das Bett gesehen habe, war einfach da. Bitte entschuldige! Ich war verschreckt und verunsichert in dem Moment, es tut mir wirklich leid – auch dass ich diese Assoziation gehabt habe, weshalb ich dir ja nicht mehr weiter folgen konnte…“
Weiter fragte er: „Wie fühlt es sich für dich an Mari – Drei Fehler in so kurzer Zeit… zwei Fragen und eine Verweigerung.“
„Es fühlt sich schrecklich an! Ich würde am liebsten davonlaufen, aber damit kann ich es auch nicht ungeschehen machen. Bei diesen Worten kamen ihr die Tränen…

Er hielt noch immer ihre Hand und fragte sie mit sehr sanfter Stimme: „Mari, glaubst du, du hättest die Fehler vermeiden können?“
Sie schüttelt weinend den Kopf. „Ach nein, es war ja gar keine Kontrolle mehr in mir… !“
Er drückte behutsam ihre Hand. „Mari, Irrtümer, Fehleinschätzungen und Fehler passieren! Es wird nie möglich sein, alle Fehler zu vermeiden.“
„Das ist ja das Schlimme. Ich kann mir Mühe geben soviel ich will… Irgendetwas geht immer daneben. Das ist nicht nur jetzt so, das ist schon mein ganzes Leben lang so: Immer wieder vermassele ich irgendetwas! Nie reicht meine Mühe aus! Ich wollte dir wirklich folgen, als du mir die Frage gestellt hast und ich dir meine Hand gab. Und plötzlich war ich out of order.“
Er strich ihr mit einer zarten Bewegung über die heiße Wange. „Du solltest gar nicht erst versuchen, alles perfekt zu machen. Jeder Mensch macht Fehler. Es ist einfach menschlich!“
Sie sagte leise: „Ich habe dich enttäuscht und habe nicht angemessen gehandelt oder gedacht! Mensch das tut mir so leid und tut so weh in mir.“
„Su sagst ja selbst, du konntest gar nicht anders.“
Sie nickte: „Ja, das stimmt. ich konnte in dem Moment nicht anders.“

„Mari, schau mich bitte an. Ich sage dir jetzt etwas wichtiges: Ich habe deine Reaktion bewusst provoziert. Ich wusste, dass ich damit viel zu weit gehen würde.“
Verwundert hob Mari jetzt ihren Kopf und sah ihn an. „Wie jetzt? Warum das? Wolltest du mich fertig machen?“
Er schüttelte den Kopf. „Auch wenn das jetzt erstmal so scheint, aber nein! Ich erschuf diese Situation, die dich in unkontrollierbares Verhalten brachte, um dir zu zeigen, dass es unmöglich ist, immer alles in optimaler Weise zu tun und um einen Anlass zu schaffen, das Fehler-Thema, das dich schon so lange blockiert, gemeinsam zu durchleuchten. Das waren so intensive Gefühle, dass du dich daran wohl immer erinnern wirst. Und damit auch an die Erkenntnis, die daraus resultiert: Es ist unmöglich, manche Verhaltensweisen zu unterlassen, die zu „Fehlern“ führen – und damit zeichnete er zwei Anführungszeichen in die Luft.
Ihre Gedanken wurden immer verworrener, wer hatte denn nun eigentlich den Fehler gemacht…
„Du wolltest also, dass ich Fehler mache?!“
Er nickte. „Ja, ich wollte es. Insofern bin ich mindestens zur Hälfte mitverantwortlich dafür. Auch wenn du manchmal die Regeln vergisst, auch wenn du etwas verweigerst – übrigens welch schlimmes Wort! Du darfst schließlich auch etwas ablehnen und dafür die rote Ampel anwenden. Das ist alles nicht schlimm, Mari! Selbst wenn ich eine kleine Show abziehe und mit erhobenem Zeigefinger daher komme. In Wahrheit ist das niemals ein Problem. Na, und dann gibt es gibt ja auch noch unsere kleinen Ausgleichsrituale, genannt Strafe. Er zwinkerte mit den Augen. Na und??! Du brauchst keine Angst vor Fehlern haben, denn Fehler passieren und sind unvermeidlich.“ Er legte seine Hände sanft auf ihre Schultern und schüttelte sie ganz sacht. „Mari, du kannst immer nur alles so gut machen, wie du es kannst – der Rest liegt nicht in deiner Macht. Denn könntest du es anders tun, hättest du es ja anders gemacht. Und für das, was du selbst bei allem Wollen nicht anders tun kannst, brauchst du dich auch nicht schlecht zu fühlen.“

Irgendetwas wurde bei diesen Worten in ihr leichter. Sie verstand es nicht genau, was da in ihr passierte, aber es war, als wenn eine zentnerschwere Last von ihr abfiel…
Wir reden nächstes Mal weiter darüber“, sagte er leise, aber bestimmt. „Jetzt möchte ich dir nur noch gut tun. Wie wäre es mit einer schönen entspannenden Kopf-Massage hier auf der Couch, in der sich deine Gefühle und Gedanken beruhigen können?“
So nahm dieses so heftig begonnene Spiel ein sehr sanftes, wohltuendes Ende.

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

01f Eine utopische Heilungsreise: Wärme und Geborgenheit

Bei Mari – der Meister erzählt Mari innerhalb ihres Rollenspiels ein utopisches Märchen, eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“

Joel (der die Meisterrolle inne hatte innerhalb des gemeinsamen Rollenspiels mit Mari) hatte sich für die bald beginnende Vorweihnachtszeit eine Märchengeschichte ausgedacht, die in einer fiktiven Zukunft angesiedelt war und eine Heilungsreise in einem Raumschiff mit außerirdischen Meistern beinhaltete. Nachdem die beiden es sich auf der Couch gemütlich gemacht hatten, erzählte er das in den letzten Tagen bereits begonnene Märchen weiter:

„Als sich Carina am zweiten Tag in ihrem Gästezimmer im Hause ihres Ausbilders für eine kleine Mittagsruhe auf ihrem Bett nieder lässt, findet sie auf ihrem Kopfkissen wieder ein kleines Briefchen von ihrem Meister vor. Mit gemischten Gefühlen beginnt sie zu lesen:

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Liebe Carina,


nun verlebst Du einige Tage allein mit einem Mann,
fühlst dich unsicher und voller “Geschichten” im Kopf.


Wenn du magst, sprich über deine “Geschichten” mit mir.
Ich höre dir gern zu.


Dein Meister Ramon

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Schwer kann Carina sich vorstellen, mit Ramon über ihre “Angst-Geschichten” in ihrem Kopf zu reden, da ihre Ängste ihr selbst peinlich und unangenehm sind. Er könnte entweder beleidigt sein, dass sie nach all der Freundlichkeit so negative Gedanken äußert, oder aber er könnte sie auch einfach auslachen und verspotten.
Tief in ihrem Innern vernimmt sie eine leise Stimme: ‘Vielleicht tut er keines von beiden und akzeptiert dich so wie du bist…`
Ich werde es nur herausfinden, ob ich ihm vertrauen kann, wenn ich es versuche, denkt Carina. Aber wie soll ich da nur einen Anfang finden?`

Abends sitzen sie gemütlich zusammen am Kaminfeuer bei Gebäck und Glühwein.

In dieser behaglichen Atmosphäre versucht Ramon, Carina eine Brücke zu bauen: “Na, Carina, hast du meine Nachricht an dich gefunden?”

Beklommen nickt Carina. “Möchtest du mit mir über deine Angst-Geschichten sprechen?” fragt Ramon sie ruhig und freundlich.

Carina weiß nicht, was sie antworten könnte, wie und womit sie beginnen soll. Fieberhaft arbeitet es in ihrem Kopf, und je krampfhafter sie einen möglichen Anfang sucht, um so unmöglicher erscheint es ihr, überhaupt etwas zu sagen. Gleichzeitig fürchtet Carina, dass Ramon ihr Schweigen als Ablehnung deuten könnte und in gleicher Weise reagieren könnte. Sie fühlt sich ausweglos überfordert. Tränen treten ihr in die Augen.

Da nimmt Ramon ihre Hand ganz sacht in seine Hände. “Carina, quäle dich nicht! Wenn du jetzt nicht über deine Gedanken und Gefühle reden kannst, ist das völlig okay. Wir haben viel Zeit. Irgendwann wird der richtige Zeitpunkt kommen, und dann kannst du auch mit mir über das reden, was dich bedrückt. Ich will nicht in dich dringen, jetzt nicht und später ebenso nicht! Ich werde dir immer wieder Gelegenheiten anbieten, dich mir mitzuteilen. Mit der Zeit wirst du die Erfahrung machen, dass es dich erleichtert, wenn du deine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringst. Aber den Zeitpunkt und den Inhalt bestimmst du selbst. Bitte, Carina, schließe jetzt einmal deine Augen.”

Zögernd folgt sie seiner Bitte. Was hat er jetzt mit ihr vor? Ihre Gedanken wirbeln herum. Sie hört seine ruhige, freundliche Stimme: ”Spüre jetzt einfach mal nur deine Hand, Carina. Sei ganz sicher, es geschieht dir nichts. Deine Hand liegt zwischen meinen Händen, sicher, geborgen und warm. Ich halte sie ganz behutsam, ohne Druck. Ich manipuliere nicht an ihr herum, ich quetsche sie nicht, ich biege sie nicht. Ganz behutsam halte ich sie in meinen warmen Händen. Du kannst deine Hand jederzeit bewegen, sie auch heraus ziehen aus meinen Händen. Mache dir das einfach nur bewusst. Ich lade dich morgen wieder ein, deine Hand in meine Hände zu legen, ohne jeden Zwang.”

Carina spürt tief in sich die Botschaft seiner Worte: So behutsam wie er ihre Hand hält, so sicher und sanft hält er zur Zeit die ganze ängstliche Frau in seiner Obhut. Sie versteht diese Geste als eine Ermutigung, ihm zu vertrauen. Schließlich öffnet sie ihre Augen und begegnet seinem verständnisvollen Blick. “Danke”, flüstert sie, “es tut mir leid…”

“Nichts muss dir leid tun, Carina”, antwortet Ramon. “Alles ist in Ordnung, so wie es ist. Deine Zartheit, deine Angst, der scheue Blick deiner Augen – all das bist auch du – ein liebenswertes Wesen in einer herausfordernden Welt, das nach und nach die Erfahrung machen will, dass man auch Männern vertrauen kann. Ich werde dabei dein Lehrer sein, Carina.
Vertrauen… das wird eins deiner Hauptthemen sein in unserem Miteinander in der Ausbildung. Du wirst viel Zeit dafür haben. Aber jetzt ist erst einmal genug geredet! Was hältst du davon, wenn wir etwas zusammen singen?”

Mit diesen Worten setzt er sich ans Klavier und spielt das Lied    “Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud”. Gemeinsam singen sie noch einige Advents- und Weihnachtslieder, die Carina so mag, dass sie  sich nach und nach etwas entspannen kann.

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Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen)

Einen frohen und schönen ersten Advent wünscht euch, liebe Gäste,
eure Miriam

25. Bei Angst um eine Umarmung bitten

Bei Mari – Angst kommt und Angst geht

„Bevor wir mit dem beginnen, was ich heute vor habe, möchte ich deine Hausaufgaben sehen, Mari. Es sind ja nun schon einige Wochen vergangen, seit ich sie dir gegeben hatte.“

„Ja, Meister.“ Aufgeregt verließ Mari das Zimmer, um das schwarze Gewand, in das sie bunte Ornamente sticken sollte, zu holen. Würde es ihm gefallen? Hatte sie genügend gestickt? Hatte sie es gut genug gemacht? Plötzlich fühlte sie sich wie ein kleines Schulmädchen…
Nervös hielt sie es ihm hin, und er betrachtete es in Ruhe.

„Das hast du gut gemacht, Mari. Dafür dass du meintest, nicht sticken zu können, ist es doch schon sehr schön geworden. Ich sehe, dass du dir Mühe gegeben hast. Weiter so!
Und was ist mit deiner anderen Hausaufgabe?

„Oh, daran habe ich nicht gleich gedacht. Entschuldigung. Ich hole es sofort!“

„Ganz in Ruhe, Mari.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam verließ sie den Raum, um das Gewünschte zu holen, und Joel lächelte…
Immer mehr fand seine Schülerin in ihre Rolle hinein, ohne anfangs vor Angst zu erstarren.
Mari kam wieder mit einem schön verzierten Blatt Papier, auf dem die Worte der für sie wertvollsten Regel stand, die er ihr in ihrem ersten gemeinsamen Spiel gegeben hatte:

F E H L E R   D Ü R F E N   S E I N !

„Hast du täglich etwas hinzu gefügt von diesen schönen Verzierungen, die ich da sehe?“

„Ja, Meister, ich habe an jedem Tag etwas gemalt und etwas gestickt.“

„Und wie ging es dir damit?“

„Es hat mir Spaß gemacht. Selbst das Sticken, das bisher gar nicht so mein Ding war, machte mir irgendwie Freude.“

„Das freut mich zu hören, Mari!
Auf das Blatt mit der Fehler-Regel passt ja inzwischen kaum noch etwas drauf. Das hast du schön gestaltet in all den Wochen – damit darf es nun genug sein. Es gefällt mir gut. Und vielleicht ist ja dadurch, dass du dich jeden Tag mit diesen drei so wichtigen Worten beschäftigt hast, deine Angst, Fehler zu machen, schon etwas gesunken? Wir werden sehen…
Wo hängst du es auf?“

„Ich habe einen Rahmen besorgt und in meinem Schlafzimmer einen Nagel in die Wand gehauen dafür.“

„Schön, Mari!
An dem Gewand wirst du weiter sticken, immer wenn du etwas erlebst, was unerwartet kam und gut geworden ist, oder wenn du irgendetwas erlebst, wofür du dankbar bist, was auch immer es sein mag, sticke etwas kleines Buntes hinein – so wie du es bisher ja schon gemacht hast. Wenn du zu mir kommst, möchte ich, dass du es immer dabei hast. Und wenn ich zu dir komme, sollte es schon immer unaufgefordert hier in deinem Wohnzimmer liegen, damit ich es mir anschauen kann. „

„Ja, Meister.“

„So weit so gut.
Jetzt wiederhole mal die Regeln, die ich dir bisher gegeben habe.“

„Fehler dürfen sein.
Ich rede dich mit Meister an.
Wenn du zu mir kommst, soll ich vorher nicht aufräumen und putzen.
Den Beginn und das Ende einer Übung und des gesamten Spiels bestimmst du.“

„Diese Regeln hast du dir gut gemerkt, Mari…“

Mari lächelte.

„… es gibt aber noch eine.“

Mari überlegte… Mist! Es wollte ihr nicht einfallen, welche Regel es noch gab…

Nervös sah sie Joel an. Er wartete, schaute sie einfach nur an.

„Entschuldige bitte, Meister, ich weiß jetzt nicht, welche du meinst.“

Joel malte lächelnd ein Fragezeichen in die Luft.

„Ach ja! Ich soll keine vermeidbaren Fragen stellen.“

„Ja Mari, na da hast du doch noch gut die Kurve gekriegt!
Ich möchte dir zu dieser Regel noch etwas mit auf den Weg geben. Ich beschreibe meine Anordnungen stets so klar wie möglich. Dennoch kann es sein, dass zwischendurch mal eine Situation entsteht, wo es dir unvermeidbar erscheint, mich etwas zu fragen. Wenn du nicht weiter weißt, und unbedingt eine Frage stellen musst, dann bitte darum mit dem Satz: `Meister, ich bitte darum, eine Frage stellen zu dürfen´. Bedenke dabei: Prüfe vorher genau, ob die Frage unvermeidbar war – denn ich werde das auch tun. Lege deinen Fokus darauf, möglichst gar keine Fragen zu stellen. Auch wenn du nicht sicher bist, ob du eine Aufgabe richtig verstanden hast, ist das kein Grund nach zu fragen. Dann erfülle sie so, wie du es meinst verstanden zu haben und wie du es kannst. Sollte daran etwas nicht so sein, wie ich es meinte, dann werde ich dich korrigieren, daran ist nichts Schlimmes! Ich möchte, dass du dich daran gewöhnst, nicht perfekt sein zu können, und dass das kein Problem darstellt.“

Mari nickte beklommen. Gerade mit dieser Regel hatte sie am meisten Probleme.

„Nun beginnen wir mit einem Gedankenspiel,“ fuhr Joel fort.
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Mari erstarrte.
Jetzt geht es los! Dachte sie. Jetzt muss ich… O Gott, ich kann das nicht… Dabei habe ich es doch irgendwie selbst gewollt, aber jetzt… es geht einfach nicht! Was soll ich bloß tun…?!

„Mari, schau mich an.“

Sie konnte sich nicht bewegen, nicht mal den Kopf heben…

Ihr Meister machte einen Schritt auf sie zu, legte behutsam eine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf etwas hoch, so dass sie ihn anschauen musste.
„Mari, ich verlange das doch jetzt gar nicht von dir.
Soweit sind wir noch nicht – das ist mir doch klar.
Ich habe dich lediglich gefragt, was wäre wenn…
Was würdest du dann sagen?
Und so wie es jetzt aussieht, würde es dir schwer fallen, überhaupt etwas zu sagen, stimmt´s?“

Mari nickte. Er öffnete einladend seine Arme für sie. „Möchtest du?“
Sie atmete erleichtert aus. Tatsächlich konnte sie sich in seiner Umarmung etwas entspannen…
Wie gut es tat, wenn er sie in seinen Armen hielt. Ihr Stress wurde weniger, die Angst beruhigte sich…

„So ist es gut,“ flüsterte er. „Du brauchst keine Angst zu haben, alles ist gut. Du musst niemals etwas tun, was dir absolut widerstrebt, Mari – niemals! Das verspreche ich dir!“
Mit diesen Worten setzte er sich mit ihr auf die Couch und legte seinen Arm um sie.
Ich wollte dich nicht so sehr erschrecken.
Es sollte lediglich ein Gedankenspiel sein: „Was wäre wenn…“

„Ich dachte, ich sollte jetzt gleich…“

„Beschreibe mir jetzt mal, was bei diesen Worten in dir passiert ist.“

„Alles in mir verkrampfte sich. Ich konnte mich nicht bewegen und auch nichts sagen. Es ging nicht. Und es dachte in mir immer nur: Ich kann nicht! Jetzt geht´s los! Was mach ich bloß?!!!

„Mari, du hast jederzeit die Möglichkeit zu sagen: „Die Ampel ist rötlich orange oder gar rot, dann brechen wir das Spiel ab oder unterbrechen es, bis es dir wieder besser geht und wir einen Konsens gefunden haben, ob und wie es weiter gehen könnte. Insofern behältst du in Wahrheit immer die Kontrolle über das, was du zulassen möchtest und was nicht. Gerade in deiner tiefen Verletzlichkeit musst du immer eine Tür zum kurzfristigen Ausstieg oder Abbruch haben.“

Marie nickte erleichtert: „Danke, dass du mich daran erinnerst, manchmal vergesse ich diese Möglichkeit in all der Aufregung.“

„Das war eben kurz vor einer Panikattacke, stimmt´s?“

„Ja, aber durch deine Umarmung und das Gespräch jetzt ist sie wieder abgeflaut.“

„Das freut mich sehr, Mari! Wie geht es dir jetzt körperlich?“

„Mir ist kühl und ich zittere.“

Fürsorglich legte er eine Decke um sie.

„Lass es ruhig zittern, Mari, das hört von allein wieder auf. Die Angst zittert sich aus…
Das darf sie.“

Sie lehnte sich an seine Schulter und ließ ihren Körper machen, was er machen musste…
Obwohl das Zittern und das damit verbundenen Schwächegefühl nicht angenehm war, fühlte sie sich seltsam geborgen. Es tat gut, sich anzulehnen. Sie musste ihren Körper einfach nur machen lassen… Es war nicht schlimm… Sie durfte so sein, wie sie sich fühlte…
Ihr Meister nahm sie an so wie sie war.
Und diese Angstattacke ging schneller vorüber als beim letzten Mal.

„Schau mal, Mari, es wird schon langsam dunkel draußen. Hast du eigentlich Kerzen im Haus?“ fragte ihr Meister und holte sie damit in die Gegenwart zurück.“

„Ja, hab ich.“

„Das ist schön,“ nickte Joel, „hol uns mal eine Kerze hierher, stell zwei andere dort drüben auf das Regal und zünde sie an. Sofort stand Mari von der Couch auf, um die Kerzen aus dem Schrank zu holen.“

„Bitte hole uns doch auch eine neue Wasserflasche, diese ist schon fast leer.“

„Ja, gern.“ Sie holte die gewünschte Flasche.
Als sie sie auf den Tisch stellte, fiel ihr auf, dass das Zittern sich gelegt hatte.
„Es geht mir wieder besser, Meister.“

„Das freut mich, Mari. Du siehst, die Angst kommt und geht auch wieder.
Ich glaube fest, dass sie nach und nach weniger schlimm werden wird und du dich mit der Zeit mehr entspannen kannst. Und weißt du, was mich freut?“

Mari schüttelte den Kopf.

„Dass meine Arme dir anscheinend Wärme und Sicherheit vermitteln können und du dich in unserer Umarmung inzwischen so geborgen fühlst, dass dein Bedrohungsgefühl darin nach lässt.
Das ist etwas, das wir ganz leicht tun können – und immer zur Verfügung haben.“

Mari nickte… „Ja, irgendwie stimmt es. Wenn du mich in deinen Armen hältst, wird mein Körper ruhiger und der Stresspegel sinkt.“

„Wunderbar! Daraus wird jetzt die nächste Regel, Mari:

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.


„Ich hoffe bloß, das gelingt mir in dieser Starre, in der ich mich dann, wenn die Angst mich derartig überfällt, meist befinde. Ich kann es dir nicht versprechen, dass ich das immer schaffe, auch wenn ich es grundsätzlich gerne will, aber ich will mein Bestes tun, es umzusetzen.“

„Gut, Mari, deine Bereitschaft ist da. Und ich bin ja auch präsent und erkenne meistens schnell, wenn du in Angstzustände kommst. Wenn ich sehe, dass du nicht um eine Umarmung bitten kannst, dann umarme ich dich, ohne dass du darum bittest, so wie bisher ja auch. Aber wenn du es kannst, dann sprich es aus. Hast du das verstanden?“

„Ja, Meister!“

„Diese Regel wird zu deiner nächsten Hausaufgabe: Ich möchte, dass du sie auch auf ein großes Blatt Papier schreibst und sie täglich anschaust und farbig gestaltest.“

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.

„Ja, gern Meister!“

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

24. Ambivalenz gehört zum Menschsein

Bei Joel – Achterbahn-Gefühle

An diesem Abend war Mari besonders aufgeregt. Was würde heute geschehen? Sie war bei dem voran gegangenen Treffen gefragt worden, ob ihr vor etlichen Wochen geäußerter Wunsch, ihre Angst  und vor Männern und vor erotischer Nähe abzubauen immer noch gültig sei. Sie hatte in sich hinein gespürt und wahrgenommen, dass sie diesen Weg sogar mit all der Angst, die damit verbunden war, weitergehen wollte – diesen Weg, der mit Spielen von liebevoll ausgeüber Macht gepflastert war – in denen Joel eine charismatische Meistergestalt einnahm.

Heute fand sie beim Eintreten ins Wohnzimmer zwei sich gegenüber stehende Stühle vor, und Joel erklärte ihr: „Ich dachte mir, heute redest du einmal nur mit dem Meister – ganz ohne irgendeine Aktion oder Aufgabe“ , sagte er und legt die Hände auf die Lehne des einen Stuhls. Mari war erleichtert. Also heute würde die Herausforderung noch nicht allzu groß werden… Sie war Joel dankbar, dass er ihr das schon vor dem Spiel sagte, so konnte sie jetzt etwas entspannter an dieses Gespräch mit dem Meister heran gehen.

Joel lächelte Mari an: „Setz dich auf einen der beiden Stühle, Mari, das Spiel beginnt.“

Mari nahm ihrem Meister gegenüber Platz. Dieser lehnte sich entspannt zurück, schlug die Beine übereinander und schaute Mari freundlich an. 

Wie meistens fiel es Mari schwer, das Schweigen auszuhalten. Würde er doch zu reden anfangen, das Schweigen ist so unbehaglich, dachte sie…

Sie musste nicht lange warten. Er eröffnete das Gespräch rückblickend auf das letzte Treffen mit den Worten: „Ich habe mich sehr über dein Ja in unserer letzten Sitzung gefreut!“

„Danke, dass du das sagst, allerdings ist es mir nicht ganz leicht gefallen“, bekannte sie leise.

Das glaube ich! Deshalb hat es mich um so mehr gefreut, weil ich weiß, dass es ein großer Schritt war.“

Mari freute sich über sein Verständnis und die Anerkennung. „Danke für dein Verständnis, Meister!“

Mit welchem Gedanken, bist du heute gekommen?“ fragte er sie, beugte sich etwas vor und lächelte sie ermutigend an.

Sie erzählte ihm von ihrer Angst, dass die Herausforderungen nach dem letzten Gespräch nun intensiver werden würden und sie die vor ihr liegenden Schritte, die sie näher an den Bereich der Erotik führen würden, fürchtete, obwohl sie sich das ja auch wünschte…

„Bisher sind wir doch mit kleinen, behutsamen Schritten vorwärts gegangen, oder?“

Mari nickte, ja das stimmte, und dennoch waren ihr selbst diese manchmal schwer gefallen.

„Warum sollte sich das künftig ändern?“ fragte er freundlich.

„Na, ich dachte, wenn jetzt diese Frage ausgesprochen wird , dann ist das wie…wie… als wenn jetzt die Hürden größer werden sollen, als würden ab jetzt Anforderungen kommen, die dadurch dass sie noch viel stärker in diese erotische Richtung gehen, für mich noch schwieriger werden, und es war bisher schon nicht leicht!“

„Nein, ich weiß, dass es nicht leicht war für dich, und ich möchte dir sagen, dass ich beeindruckt bin, wie du bisher deine Schritte gegangen bist! Ich werde darauf achten, dass – gerade auch wenn es in Richtung Erotik geht – die Schrittchen schön klein bleiben und möglichst immer machbar sind. Und wenn etwas nicht so geht, dann sagst du es mir und ich finde eine Alternative – so lange bis es geht. Na, wie klingt das?“

„Ich danke dir, für deine Zusage, und dass du das gemerkt hast, dass vieles nicht leicht war… Ich komme mir immer so dämlich dabei vor, wenn ich wieder Angst bekomme, obwohl ich es besser wissen müsste, aber das verselbstständigt sich dann immer irgendwie, da habe ich kaum Einfluss drauf“, erklärte Mari
 
„Du solltest nicht so streng mit dir sein Mari, ich finde es völlig ausreichend, wenn ich „streng“ mit dir bin“, sagt er mit einem lächelnden Augenzwinkern und malte zwei Gänsefüßchen in die Luft.
 
„Ich wollte dir ja nur erklären, was in mir vorgeht, eigentlich bin ich nicht streng zu mir, sondern eher manchmal verzweifelt“, erklärte sie traurig.
 
„Du hast dich gerade dämlich genannt“, machte er ihr bewusst, „das ist kein liebevoller Umgang mit dir selbst. Das wichtigste ist, dass du einen liebevollen Umgang mit dir findest, nur dann kannst du auch gut den liebevollen Umgang anderer annehmen.“
 
Betroffen schaute Marie auf den Teppich. Ja, damit hatte der Meister recht. Das war ihr gar nicht aufgefallen, und sie sagte: „Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst.“
 
„Ich finde, du solltest dich bei dir selbst entschuldigen, Mari. Sei sanft mit dir und nimm dich mit allem, was du fühlst, liebevoll an.“

 

Obwohl sich das seltsam anfühlte, sprach Mari mit sich selbst: „Entschuldige Mari, es tut mir leid, dass ich dich gerade dämlich genannt habe. Ich meinte das eigentlich gar nicht so und will künftig besser darauf aufpassen, wie ich mit spreche.“

Bestätigend nickte Joel ihr zu. „Das war gut und wichtig!  Du hast dich gerade selbst verletzt, und auch wenn es sich etwas seltsam anfühlt, sich bei sich selbst zu entschuldigen, hilft dann. Denn so kannst du es gleich wieder ausgleichen. 
Du solltest stolz auf dich sein, Mari, auf deinen Mut, und deine Entschlossenheit! Kannst du mir sagen, dass du mutig bist?“

Obwohl es ihr etwas schwer fiel, sprach sie es aus: „Ja, Meister ich bin mutig“

„Das ist viel hilfreicher, als wenn du dich herab würdigst. Da ist doch Energie drin!“ lobte er sie.

„Danke, Meister, ich weiß, Mut ist nötig, wenn man eine Angst auflösen will, und da ich jedoch nicht fühlen kann, dass ich mutig bin, muss ich es mir eben immer wieder einmal sagen.
 
Fühlst du es nicht? Fühlst du nicht die Kraft in dir? Die Kraft die dich neulich hat Ja sagen lassen, die Kraft die dich heute hier her geführt hat?“
 
Mari überlegte und suchte nach Kraftmomenten… Schließlich meinte sie: „Neulich konnte ich die Kraft für einen Moment spüren, kurz bevor ich ja gesagt habe, heute habe ich wieder mehr die Angst gespürt auf dem Weg hierher…“
 
„Aber du bist den Weg gegangen!“ Also war die Kraft größer als die Angst! Und auch der Mut war größer als die Angst! Das verdient Anerkennung – auch von dir!“
 
Mari überlegte… „Das ist seltsam, klingt logisch, und dennoch fühle ich diese Kraft eigentlich gar nicht so bewusst. Aber sie mussja da sein, sonst wäre ich nicht hergekommen… Da hast du recht!  Was könnte ich nur tun um sie stärker spüren zu können?“
 
„Nun, zunächst solltest du dir bewusst machen, wie viele Entscheidungen du triffst und bereits getroffen hast, zu denen Mut gebraucht wird, und sie auf diese Weise aufmerksam wahrnehmen.
In dir steckt ein großer Wunsch, eine tiefe Sehnsucht, ein zentrales Bedürfnis, und das verleiht eine sehr große Kraft. Daran solltest du denken, wenn du dich schwach fühlst… und an all die Dinge, die du schon getan hast, von denen du gedacht hast, du könntest es nicht. Auch hier steckt so viel Kraft drin, so viel Entschlossenheit!“
 
„Okay, ich werde versuchen daran zu denken, wenn ich wieder Angst bekomme.“
 
Also, mutige Mari, was ist eine positive Erinnerung, wenn du an Erotik denkst?“

 

Uff! Mari überlegte… das war ja gerade das Problem, dass sie bisher kaum positiven Erfahrungen damit gemacht hatte… aber… 
„Hmm, ich kann es als schön empfinden wenn ich mich selbst berühre“, bekannte sie. „Ich glaube das ist auch was, was zum Thema Erotik dazu gehört, obwohl es mir sehr peinlich ist, das auszusprechen.“

Oh ja, das gehört dazu,“ bestätige ihr Meister, „und das ist nichts Peinliches! Du sagtest, du kannst es als schön empfinden, Was meinst du damit genau, Mari“

Na, das sind angenehme Gefühle – Gefühle, die sich lebendig anfühlen – und ich bin dabei frei , und keinem Mann ausgeliefert!“ Marie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und fühlte sich  unbehaglich.

„Und doch möchtest du diese Gefühle auch mit einem Mann erleben, einem Mann, der dominant ist“, stellte ihr Meister lächelnd in den Raum.
 
„Ich weiß, das ist ein Widerspruch, und dennoch ist es so. Das ist ja das Verrückte, das ich selbst nicht verstehe: Vielleicht möchte ich das auch nicht, vielleicht möchte ich diese Führung nur in anderen Themen erleben – so wie bisher. Manchmal ist ja in der Fantasie etwas ganz anders als in Wirklichkeit…
 
Wenn du diesen Widerspruch benennst – wie fühlt sich das für dich an?“
 
„Als sei etwas mit mir nicht in Ordnung. Wie kann ich etwas wollen und gleichzeitig nicht wollen?!“
 
„Nun, wann immer du feststellst, dass du es nicht möchtest, bitte ich dich, es mir zu sagen.“
 
Da bin ich erstaunt, das sagst du mir??? Das darf ich? Innerhalb dieser Spiele?“
 
Ja, Mari., das darfst du! Ich möchte dich führen und dich nicht zu etwas zwingen. Und was deinen inneren Widerspruch anbelangt…“
 
Marie kamen die Tränen vor Erleichterung. Diese Worte berührten sie tief.
 
Ich erwarte von dir zwar eine Form von Unterwerfung, sonst hätte unser Miteinander hier im Aspekt der von dir gewünschten Machtspiele ja keinen Sinn, aber nur bis dorthin, wie weit du gehen willst und kannst.“ 
 
„Danke Meister, ich werde mein Bestes tun!“
 
„Das weiß ich, und das spüre ich, Mari.“ Joel lächelte, „Und was nun diesen von dir angesprochenen Widerspruch anbelangt – ach weißt du, Mari… schon der alte Goethe wusste um die zwei Herzen in der Brust. Ambivalenz ist etwas ganz Menschliches. Hilfreich ist es, wenn man sich der verschiedenen Stimmen in sich selbst bewusst ist und beide Seiten annimmt, sie im besten Fall als die gegensätzlichen Pole eines gemeinsamen Themas ansieht.“
 
Maris Augen wurden heller. „Das tut ja vielleicht gerade gut!!! Wenn es mir so geht wie Goethe kann ich ja gar nicht so verkehrt sein. Dieser Widerspruch in mir zwischen Angst vor Autorität und gleichzeitiger Affinität dorthin begleitet mich tatsächlich schon seit meiner Kindheit, und ich habe oft gedacht mit mir stimmt irgendetwas nicht… Dieses Macht-Thema hat mich nie losgelassen.“
 
„Viele sehen in der Macht auch eine besondere Form von Erotik. Es ist folglich verständlich, dass auch für dich hier eine Verbindung besteht. Wie die aussieht, das werden wir gemeinsam herausfinden.“
 
Bei diesen Worten spürte Mari wieder deutlich, wie sich die Seite der angstvollen Aufregung meldete und ihr fiel nichts ein, was sie darauf sagen konnte.
 
„Ich freue mich drauf! Und das Spiel ist jetzt beendet“, sagte Joel lächelnd.

Mari atmete auf. „Ich fühle mich wie in der Achterbahn, Joel!“

Wie viel leichter es sich doch für sie anfühlte, mit Joel außerhalb der Meisterrolle zu sprechen. Und dennoch… sie hätte es vermisst, dem Meister, der er für sie verkörperte, nicht mehr zu begegnen.

„Und fühlt sich das eher angenehm oder eher unangenehm für dich an?“
 
„Weder noch, irgendwo dazwischen… ziemlich lebendig einerseits und beängstigend andererseits“, antwortete sie. „Ach, Joel, könntest du mich vielleicht, wenn du das auch magst, mal in den Arm nehmen?“
 
Joel lächelte: „Das mache ich liebend gern!“ Er stand auf und umarmte sie.
„Hmm, Mari, gönne dir ruhig das Lebendig-sein. Das ist doch etwas sehr Wertvolles!“
 
Marie hielt sich einen Moment ganz fest an Joel, so als wenn sie gerade in dieser Achterbahn saß, und etwas zum festhalten brauchte. Und er hielt sie ganz fest, um ihr den Halt zu geben, den sie jetzt brauchte…
 
Geschrieben von Rafael und Miriam – vielen Dank für die gute Zusammenarbeit! 
 
 

 Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge

 
 
 

19. Bewegt und gehalten von den Händen des Lebens – geborgen in der Umarmung von Joel

Bei Joel –  eine Sehnsucht erfüllt sich

Mari fiel auf, dass Joel sie in letzter Zeit vermehrt zu sich gebeten hatte, um den Raum für ihre Spiele, in denen er die Rolle des Meisters für sie verkörperte, nach seinen Plänen vorbereiten zu können. Auch heute ging sie wie bisher jedes Mal mit Aufregung zu ihm.

Obwohl sie bisher jedes Mal die Erfahrung gemacht hatte, dass er wohlwollend und achtsam mit ihr umging in den Spielen und Ritualen, in denen er sie wie verabredet ins Ungewisse schickte und sie nicht wissen ließ, was er mit ihr vorhatte, war sie jedes Mal zu Beginn nervös. Ja, es fiel ihr auf, dass sich ihr Stresspegel ein wenig gesenkt hatte inzwischen – das war allerdings keine wesentliche Veränderung, dachte sie gerade.
Was würde sie heute erwarten.

Nachdem Joel sie nach ihrem Befinden gefragt hatte und sie Gelegenheit hatte, ein wenig über ihre Befangenheit zu sprechen, erklärte er ihr bevor das Spiel begann – und das tat er sonst nie –  dass er an diesem Abend eine schöne, leichte Übung für sie vorgesehen habe.

Tief atmete sie aus. Ihre Aufregung legte sich. 
Das Spiel begann.

Er bat sie, sich bequem hinzusetzen und ihre linke Hand in seine Hände zu legen, und mit geschlossenen Augen ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese Hand zu richten. Die Hand sei jetzt ihre Persönlichkeit, und seine Hände, die ihre Hand hielten seien symbolisch das Leben.

„Nun fühle einfache, Mari, wie das Leben – verkörpert durch meine Hände – mit dir umgeht…“

Und sie stellte fest: Das Leben ging sehr sanft und behutsam mit ihr um. Es fühlte sich angenehm, warm und geborgen an in Joels Händen. Als die Übung dem Ende zuging hatte sie sich ganz entspannt und folgte mit wachem Interesse seinen streichelnden, sanft biegenden, behutsamen und sicheren Bewegungen. Froh stellte sie fest, dass diese Übung tatsächlich schön und vor allem leicht war.

Nachdem sie darüber geredet hatten, wie sie sich gefühlt hatte dabei, wollte Joel die gleiche Übung noch einmal machen. Wieder verkörperten seine Hände das Leben, während Mari dieses Mal ihre Aufmerksamkeit auf ihren Kopf richten sollte. Wie würden die Hände, die das Leben verkörperten, nun wohl mit ihrem Kopf umgehen?

Wieder waren sie sanft und sicher, mal mit etwas mehr Druck, mal ganz zart. Mari versuchte, ihren Kopf ganz weich, locker und biegsam zu halten und fragte sich, ob sie es wohl so richtig machte, aber sie stellte die Frage nicht laut.

Schließlich begann sie die Übung zu genießen. Es tat so gut, ihren heißen schweren Kopf mit all den Gedanken einfach abzulegen in die Hände des Lebens. Schließlich dachte sie auch nicht mehr darüber nach, ob sie es richtig machte oder nicht. Besonders genoss sie es, wenn die Hände an manchen Stellen etwas mehr Druck ausübten. Wenn die Hände für das Leben standen, war es dann nicht merkwürdig, dass sie einen gewissen Druck als angenehm empfand?

Als das Spiel beendet war, redete sie mit Joel darüber, wie seltsam sie es fand, dass eine gewisse Art von Druck ihr gut getan hatte.

Auf seine Frage, ob sie eine Idee hätte, was es war, was ihr an diesem Druck gut getan hatte,  gelangte sie zu der Antwort, dass der Druck der Hände, der absolut passend dosiert war, der ihre Hand auch manchmal nach links oder rechts, nach oben oder unten geführt hatte, irgendwie richtungsweisend und damit wohltuend war. Es war wie ein Tanz, in dem Joels Hand ihre Hand geführt hatte und sie sich führen ließ.

Dann kam ihr der Gedanke:
Zeigte nicht auch das Leben manchmal deutlich durch Zufälligkeiten und Zeichen, wo es sie hinhaben wollte, in welche Richtung sie sich bewegen sollte?
Ja oft gab es aus ihren Gefühlen und den vorhandenen Möglichkeiten heraus fast nur eine Richtung, in die es weiter führte…

Meistens empfand sie diese Phasen angenehmer als Zeiten, in denen sie sich orientierungslos und unklar fühlte.
Also war Druck gar nicht immer und grundsätzlich unangenehm!
Wow – diese neue Erkenntnis ließ ganz neue Gedanken- und Gefühlswege zu:

Fasziniert erzählte sie Joel von dieser neuen Erkenntnis.
Schließlich schloss sie dankbar:
„Heute habe ich mich richtig wohl gefühlt in unserem Spiel. Wenn du sonst den Meister verkörperst, ist immer eine gewisse Anspannung in mir… Danke, dass du es mir heute so leicht gemacht hast. Ich wünschte mir, du könntest diese Art der Energie und Stimmung öfter entstehen lassen. „

„Wenn ich das durchweg täte, würde ich nicht deinem ursprünglichen Wunsch folgen, Mari.
Du wolltest mit Macht und Ungewissheit konfrontiert werden, um daran Vertrauen zu üben.
Und du willst eine liebevolle Autorität spüren, in die du dich, wenn du schließlich mehr Vertrauen aufgebaut hast, regelrecht hinein fallen lassen kannst. Das bin ich gern für dich, doch ohne diese Ungewissheiten und die Eindeutigkeit und Klarheit in der Meisterrolle würdest du diese Haltung der Hingabe, nach der du dich sehnst, nicht in dir entwickeln können, jedenfalls dann nicht durch unsere Spiele und Rituale. Sicher würde das Leben dir dann andere Wege dafür zeigen. Möchtest du das?“

Ruhig und gelassen sah er sie an.

„Nein, Joel, ich möchte diesen Weg mit dir weiter gehen. Zu dir entwickle ich gerade Vertrauen.“
Ups – hatte sie das gerade gesagt?
Es sprach aus mir,
bemerkte sie erstaunt, eine Stimme, die ich bisher noch nicht so deutlich wahrgenommen habe…

„Das freut mich, Mari, dann gehen wir gemeinsam diesen Weg weiter. 
Auch ich möchte das gern!
Wenn die Ungewissheit und andere Gefühle mal wieder quälend heftig werden sollten, denke daran, dass sie das Tor bauen, durch das du gehen musst, um Vertrauen zu üben. Was auch kommt, es wird immer meine Absicht und mein Ziel sein, dass du dich gut aufgehoben fühlst – bei mir als Meister und als Joel, der dir schon ein Stück näher ist. Bestimmt kannst du mit der Zeit immer sicherer sein, dass es immer gut weiter geht – hier und im Leben überhaupt.“

Nach diesen Worten zog er das schwarz-bunte symbolische Gewand aus, das er immer trug, wenn er das Leben verkörperte und nahm Mari zum ersten Mal behutsam in die Arme… 
Wie leicht konnte sie diese Umarmung annehmen und sich in sie hinein fallen lassen… sie wunderte sich über sich selbst. Heute fühlte es sich so an, als wäre in ihr schon ein Stück Vertrauen gewachsen…
Vielleicht lag es auch daran, dass dieses Spiel so friedlich, so harmonisch gewesen war und sie sich dadurch leichter öffnen konnte…

Nach einigen wunderbaren Atemzügen wollte sie sich aus der Umarmung lösen, unabhängig von ihrem Bedürfnis, dass sie gern noch länger darin verweilt wäre. So tief verankert waren die alten Sätze ihrer Oma, niemals zu viel haben zu wollen, Maß halten zu müssen… 
Joel nahm jedoch ihr echtes Bedürfnis wahr und hielt sie weiterhin angenehm fest und sicher in seinen Armen.
Ein neues, entspanntes und wärmendes Glückgefühl durchströmte sie… 
Sie durfte… sie durfte verweilen in diesen Arme, die sie hielten…
Sie durfte ohne weiter nachzudenken einfach sein und diese Nähe spüren…

Sie fühlte sich in diesen kostbaren Minuten auf so wohltuende Weise gehalten und geborgen, wie sie es kaum für möglich gehalten hatte, aber sich tief innen wohl schon lange unbewusst danach gesehnt hatte.

Als sie anschließend anschließend bei Kaffee und Kuchen zusammen saßen, sagte Mari zu Joel: „So wie du mich vorhin umarmt und gehalten hast, das fand ich wunderschön – nicht nur so ganz kurz mal drücken, wie es sonst üblich ist, sondern so, dass ich mich da schließlich richtig reinfallen lassen konnte.“

„Na ja, lächelte Joel, „ich wollte dir vermitteln, dass du gehalten bist und die Möglichkeit hast, dich anzulehnen und fallen zu lassen. Ich fand es schön zu spüren, dass du die Umarmung angenommen und dich ganz hinein begeben hast.“

„Ich hatte in der Umarmung nach einem kleinen Weilchen Sorge, dass es zu viel werden könnte, und versuchte, mich ein bisschen zu lösen. Doch du hieltest mich einfach weiter fest…  und dann konnte ich mich noch tiefer da hinein fallen lassen.“

„Ich wollte nicht, dass du dich zurückziehst, weil du glaubst, es wäre zu viel für mich  – und ich war mir in diesem Fall sicher, dass du mir deutlich signalisieren würdest, wann du die Umarmung beenden wolltest. Und das hast du ja nach einem Weilchen auch getan.“

„Es ist schön, wie du mich ohne Worte verstanden hast… ich danke dir sehr, Joel!“

25. Bei Angst um eine Umarmung bitten

Bei Mari – Angst kommt und Angst geht

„Bevor wir mit dem beginnen, was ich heute vor habe, möchte ich deine Hausaufgaben sehen, Mari. Es sind ja nun schon einige Wochen vergangen, seit ich sie dir gegeben hatte.“

„Ja, Meister.“ Aufgeregt verließ Mari das Zimmer, um das schwarze Gewand, in das sie bunte Ornamente sticken sollte, zu holen. Würde es ihm gefallen? Hatte sie genügend gestickt? Hatte sie es gut genug gemacht? Plötzlich fühlte sie sich wie ein kleines Schulmädchen…
Nervös hielt sie es ihm hin, und er betrachtete es in Ruhe.

„Das hast du gut gemacht, Mari. Dafür dass du meintest, nicht sticken zu können, ist es doch schon sehr schön geworden. Ich sehe, dass du dir Mühe gegeben hast. Weiter so!
Und was ist mit deiner anderen Hausaufgabe?

„Oh, daran habe ich nicht gleich gedacht. Entschuldigung. Ich hole es sofort!“

„Ganz in Ruhe, Mari.“

„Ja, Meister.“

Gehorsam verließ sie den Raum, um das Gewünschte zu holen, und Joel lächelte…
Immer mehr fand seine Schülerin in ihre Rolle hinein, ohne anfangs vor Angst zu erstarren.
Mari kam wieder mit einem schön verzierten Blatt Papier, auf dem die Worte der für sie wertvollsten Regel stand, die er ihr in ihrem ersten gemeinsamen Spiel gegeben hatte:

F E H L E R   D Ü R F E N   S E I N !

„Hast du täglich etwas hinzu gefügt von diesen schönen Verzierungen, die ich da sehe?“

„Ja, Meister, ich habe an jedem Tag etwas gemalt und etwas gestickt.“

„Und wie ging es dir damit?“

„Es hat mir Spaß gemacht. Selbst das Sticken, das bisher gar nicht so mein Ding war, machte mir irgendwie Freude.“

„Das freut mich zu hören, Mari!
Auf das Blatt mit der Fehler-Regel passt ja inzwischen kaum noch etwas drauf. Das hast du schön gestaltet in all den Wochen – damit darf es nun genug sein. Es gefällt mir gut. Und vielleicht ist ja dadurch, dass du dich jeden Tag mit diesen drei so wichtigen Worten beschäftigt hast, deine Angst, Fehler zu machen, schon etwas gesunken? Wir werden sehen…
Wo hängst du es auf?“

„Ich habe einen Rahmen besorgt und in meinem Schlafzimmer einen Nagel in die Wand gehauen dafür.“

„Schön, Mari!
An dem Gewand wirst du weiter sticken, immer wenn du etwas erlebst, was unerwartet kam und gut geworden ist, oder wenn du irgendetwas erlebst, wofür du dankbar bist, was auch immer es sein mag, sticke etwas kleines Buntes hinein – so wie du es bisher ja schon gemacht hast. Wenn du zu mir kommst, möchte ich, dass du es immer dabei hast. Und wenn ich zu dir komme, sollte es schon immer unaufgefordert hier in deinem Wohnzimmer liegen, damit ich es mir anschauen kann. „

„Ja, Meister.“

„So weit so gut.
Jetzt wiederhole mal die Regeln, die ich dir bisher gegeben habe.“

„Fehler dürfen sein.
Ich rede dich mit Meister an.
Wenn du zu mir kommst, soll ich vorher nicht aufräumen und putzen.
Den Beginn und das Ende einer Übung und des gesamten Spiels bestimmst du.“

„Diese Regeln hast du dir gut gemerkt, Mari…“

Mari lächelte.

„… es gibt aber noch eine.“

Mari überlegte… Mist! Es wollte ihr nicht einfallen, welche Regel es noch gab…

Nervös sah sie Joel an. Er wartete, schaute sie einfach nur an.

„Entschuldige bitte, Meister, ich weiß jetzt nicht, welche du meinst.“

Joel malte lächelnd ein Fragezeichen in die Luft.

„Ach ja! Ich soll keine vermeidbaren Fragen stellen.“

„Ja Mari, na da hast du doch noch gut die Kurve gekriegt!
Ich möchte dir zu dieser Regel noch etwas mit auf den Weg geben. Ich beschreibe meine Anordnungen stets so klar wie möglich. Dennoch kann es sein, dass zwischendurch mal eine Situation entsteht, wo es dir unvermeidbar erscheint, mich etwas zu fragen. Wenn du nicht weiter weißt, und unbedingt eine Frage stellen musst, dann bitte darum mit dem Satz: `Meister, ich bitte darum, eine Frage stellen zu dürfen´. Bedenke dabei: Prüfe vorher genau, ob die Frage unvermeidbar war – denn ich werde das auch tun. Lege deinen Fokus darauf, möglichst gar keine Fragen zu stellen. Auch wenn du nicht sicher bist, ob du eine Aufgabe richtig verstanden hast, ist das kein Grund nach zu fragen. Dann erfülle sie so, wie du es meinst verstanden zu haben und wie du es kannst. Sollte daran etwas nicht so sein, wie ich es meinte, dann werde ich dich korrigieren, daran ist nichts Schlimmes! Ich möchte, dass du dich daran gewöhnst, nicht perfekt sein zu können, und dass das kein Problem darstellt.“

Mari nickte beklommen. Gerade mit dieser Regel hatte sie am meisten Probleme.

„Nun beginnen wir mit einem Gedankenspiel,“ fuhr Joel fort.
„Was würdest du sagen, wenn ich jetzt von dir verlangen würde, dich nackt auszuziehen?“

Mari erstarrte.
Jetzt geht es los! Dachte sie. Jetzt muss ich… O Gott, ich kann das nicht… Dabei habe ich es doch irgendwie selbst gewollt, aber jetzt… es geht einfach nicht! Was soll ich bloß tun…?!

„Mari, schau mich an.“

Sie konnte sich nicht bewegen, nicht mal den Kopf heben…

Ihr Meister machte einen Schritt auf sie zu, legte behutsam eine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf etwas hoch, so dass sie ihn anschauen musste.
„Mari, ich verlange das doch jetzt gar nicht von dir.
Soweit sind wir noch nicht – das ist mir doch klar.
Ich habe dich lediglich gefragt, was wäre wenn…
Was würdest du dann sagen?
Und so wie es jetzt aussieht, würde es dir schwer fallen, überhaupt etwas zu sagen, stimmt´s?“

Mari nickte. Er öffnete einladend seine Arme für sie. „Möchtest du?“
Sie atmete erleichtert aus. Tatsächlich konnte sie sich in seiner Umarmung etwas entspannen…
Wie gut es tat, wenn er sie in seinen Armen hielt. Ihr Stress wurde weniger, die Angst beruhigte sich…

„So ist es gut,“ flüsterte er. „Du brauchst keine Angst zu haben, alles ist gut. Du musst niemals etwas tun, was dir absolut widerstrebt, Mari – niemals! Das verspreche ich dir!“
Mit diesen Worten setzte er sich mit ihr auf die Couch und legte seinen Arm um sie.
Ich wollte dich nicht so sehr erschrecken.
Es sollte lediglich ein Gedankenspiel sein: „Was wäre wenn…“

„Ich dachte, ich sollte jetzt gleich…“

„Beschreibe mir jetzt mal, was bei diesen Worten in dir passiert ist.“

„Alles in mir verkrampfte sich. Ich konnte mich nicht bewegen und auch nichts sagen. Es ging nicht. Und es dachte in mir immer nur: Ich kann nicht! Jetzt geht´s los! Was mach ich bloß?!!!

„Mari, du hast jederzeit die Möglichkeit zu sagen: „Die Ampel ist rötlich orange oder gar rot, dann brechen wir das Spiel ab oder unterbrechen es, bis es dir wieder besser geht und wir einen Konsens gefunden haben, ob und wie es weiter gehen könnte. Insofern behältst du in Wahrheit immer die Kontrolle über das, was du zulassen möchtest und was nicht. Gerade in deiner tiefen Verletzlichkeit musst du immer eine Tür zum kurzfristigen Ausstieg oder Abbruch haben.“

Marie nickte erleichtert: „Danke, dass du mich daran erinnerst, manchmal vergesse ich diese Möglichkeit in all der Aufregung.“

„Das war eben kurz vor einer Panikattacke, stimmt´s?“

„Ja, aber durch deine Umarmung und das Gespräch jetzt ist sie wieder abgeflaut.“

„Das freut mich sehr, Mari! Wie geht es dir jetzt körperlich?“

„Mir ist kühl und ich zittere.“

Fürsorglich legte er eine Decke um sie.

„Lass es ruhig zittern, Mari, das hört von allein wieder auf. Die Angst zittert sich aus…
Das darf sie.“

Sie lehnte sich an seine Schulter und ließ ihren Körper machen, was er machen musste…
Obwohl das Zittern und das damit verbundenen Schwächegefühl nicht angenehm war, fühlte sie sich seltsam geborgen. Es tat gut, sich anzulehnen. Sie musste ihren Körper einfach nur machen lassen… Es war nicht schlimm… Sie durfte so sein, wie sie sich fühlte…
Ihr Meister nahm sie an so wie sie war.
Und diese Angstattacke ging schneller vorüber als beim letzten Mal.

„Schau mal, Mari, es wird schon langsam dunkel draußen. Hast du eigentlich Kerzen im Haus?“ fragte ihr Meister und holte sie damit in die Gegenwart zurück.“

„Ja, hab ich.“

„Das ist schön,“ nickte Joel, „hol uns mal eine Kerze hierher, stell zwei andere dort drüben auf das Regal und zünde sie an. Sofort stand Mari von der Couch auf, um die Kerzen aus dem Schrank zu holen.“

„Bitte hole uns doch auch eine neue Wasserflasche, diese ist schon fast leer.“

„Ja, gern.“ Sie holte die gewünschte Flasche.
Als sie sie auf den Tisch stellte, fiel ihr auf, dass das Zittern sich gelegt hatte.
„Es geht mir wieder besser, Meister.“

„Das freut mich, Mari. Du siehst, die Angst kommt und geht auch wieder.
Ich glaube fest, dass sie nach und nach weniger schlimm werden wird und du dich mit der Zeit mehr entspannen kannst. Und weißt du, was mich freut?“

Mari schüttelte den Kopf.

„Dass meine Arme dir anscheinend Wärme und Sicherheit vermitteln können und du dich in unserer Umarmung inzwischen so geborgen fühlst, dass dein Bedrohungsgefühl darin nach lässt.
Das ist etwas, das wir ganz leicht tun können – und immer zur Verfügung haben.“

Mari nickte… „Ja, irgendwie stimmt es. Wenn du mich in deinen Armen hältst, wird mein Körper ruhiger und der Stresspegel sinkt.“

„Wunderbar! Daraus wird jetzt die nächste Regel, Mari:

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.


„Ich hoffe bloß, das gelingt mir in dieser Starre, in der ich mich dann, wenn die Angst mich derartig überfällt, meist befinde. Ich kann es dir nicht versprechen, dass ich das immer schaffe, auch wenn ich es grundsätzlich gerne will, aber ich will mein Bestes tun, es umzusetzen.“

„Gut, Mari, deine Bereitschaft ist da. Und ich bin ja auch präsent und erkenne meistens schnell, wenn du in Angstzustände kommst. Wenn ich sehe, dass du nicht um eine Umarmung bitten kannst, dann umarme ich dich, ohne dass du darum bittest, so wie bisher ja auch. Aber wenn du es kannst, dann sprich es aus. Hast du das verstanden?“

„Ja, Meister!“

„Diese Regel wird zu deiner nächsten Hausaufgabe: Ich möchte, dass du sie auch auf ein großes Blatt Papier schreibst und sie täglich anschaust und farbig gestaltest.“

BEI ANGST UM EINE UMARMUNG BITTEN.

„Ja, gern Meister!“

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12. Kopfkino

Das erste Treffen bei Joel

Mari und Joel hatten sich bisher zweimal bei Mari getroffen. Beim letzten Mal hatte Joel sie fürs nächste Treffen zu sich nach hause eingeladen.

„Bist du bereit, das nächste Mal zu mir zu kommen, Mari?“ hatte er gefragt.

Sie hätte nein sagen können, aber das wollte sie nicht. Heute wäre es ihr allerdings lieber gewesen, sie hätten sich weiter bei ihr, in ihrer vertrauten Umgebung getroffen. Doch wie hieß es so schön: Man sollte seine Komfortzone immer mal wieder verlassen.

Am Nachmittag nahm ihre Aufregung zu. Was würde sie wohl heute erwarten? Was hatte er in seiner Rolle als „Meister“ diesmal mit ihr vor?

Pünktlich um 18 Uhr erschien sie bei Joel, der sie lächelnd begrüßte und ins Wohnzimmer führte, wo Tee, Wasser und Gebäck auf dem Tisch standen.

„Ich möchte heute gleich mit unserer Session beginnen, den Englisch-Unterricht machen wir diesmal hinterher,“ erklärte er und schloss die Tür.

Dieser Moment, dieser winzige Moment des Tür-Schließens ließ in Mari Alarmglocken schrillen. Was, wenn sie gehen wollte, und er sie nicht raus ließ?
Was, wenn er die Wohnungstür von innen zu geschlossen hatte?
Was, wenn er sich  bisher nur so freundlich und entgegenkommend gezeigt hatte und heute, wo sie beim ihm war, in seiner Wohnung, in der er schalten und walten konnte, wie er wollte, sein wahres Gesicht erst zeigte?
Was, wenn er über sie herfiel und sie nicht weg konnte?

Immer tiefer verrannte sie sich in furchterregende Fantasien.

War es nicht leichtsinnig von ihr, einfach herzukommen, zu einem Mann, den sie noch gar nicht so lange kannte?
Nicht einmal ein Sicherheits-Telefonat mit einer Freundin hatte sie organisiert. Aber mit wem auch? Es gab keine Freundin, der sie von diesen speziellen Treffen erzählen konnte.
Wo war überhaupt ihr Handy? Ach ja, es steckte noch in der Jackentasche, die draußen an der Garderobe hing… Da konnte sie jetzt auch nicht ran!
Sie erinnerte sich an Filme, in denen sich anfänglich sehr freundliche Männer schlagartig in übler Weise verwandelt hatten, nachdem sie ihr Opfer erst mal auf heimischen Boden hatten…

„Ich möchte raus hier! Ich möchte sofort gehen!“

Joel hörte die Panik in ihrer Stimme, sah wie blass sie plötzlich geworden war, und öffnete sofort die Tür.  „Na klar, Mari, komm, lass uns an die frische Luft gehen,“ schlug er vor.

Wie auf der Flucht verließ sie die Wohnung. Joel hatte noch schnell ihre Jacke von der Garderobe genommen und ging hinter ihr die Treppe hinunter, sorgsam darauf bedacht, ihr in diesem Moment nicht zu nahe zu kommen.

Draußen regnete es leicht. Mari nahm das gar nicht wahr.
„Warte doch bitte mal einen kleinen Moment,“ bat er sie von hinten.
Sie drehte sich um, sah ihn an, wie er ihr die Jacke hinterher trug und in einem kleinen Abstand von ihr stehen blieb.
„Wenn es dir recht ist, begleite ich dich,“ bot er ihr an. Seine Stimme klang freundlich und warm wie immer.
Müsste er jetzt nicht sauer sein???
Statt dessen fragte er mitfühlend: „Es geht dir gerade gar nicht gut, stimmt´s? Wo möchtest du denn hin?“

In diesem Moment sah sie ihn wieder – ihn, Joel, wie er wirklich war – nicht die Schreckensgestalt, die ihre Panik in der Wohnung aus ihm gemacht hatte.

Jetzt wurde die Angst von Scham abgelöst. Sie schaute nach unten, nahm wahr, wie sich kleine Pfützen bildeten, spürte nun die Nässe auch durch ihre Kleidung hindurch und fröstelte. Ganz starr stand sie – und murmelte: „Ich weiß auch nicht…“
Wollte sie jetzt wirklich nach hause fahren?

„Zieh doch erstmal deine Jacke an…“  Immer noch etwas von ihr entfernt stehend hielt er ihr die Jacke hin, und sie schlüpfte hinein, legte die Arme schützend um ihren frierenden Oberkörper.

„Oh, Joel, es tut mir leid…“ brach es aus ihr hervor.

„Es braucht dir nicht leid zu tun, Mari, Du hattest einen Panikanfall. Dafür kannst du nichts. Was meinst du, würde es dir gut tun, wenn ich dich jetzt in die Arme nehme?“ fragte er sie vorsichtig.

„Ja, wenn du das noch willst…?“

Langsam und ganz behutsam legte er die Arme um sie, und der Rest von Angst und Widerstand schmolz in seiner Umarmung.
Eine ganze Weile standen sie in dieser Umarmung versunken auf der verregneten Straße.
„Nimmst du mich wieder mit zu dir?“ fragte sie schließlich leise.

„Gern, Mari. Und ich verspreche dir, es wird dir nichts geschehen. Heute werden wir auch kein Spiel mehr machen! Jetzt möchte ich nur, dass du dich von deinem Schrecken erholst und wieder auftaust, mein Schatz!“
Und später können wir vielleicht über alles reden, wenn du möchtest…“

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11. Ein Brief ans Leben – Auftakt zu etwas Neuem…

Am Abend nach dem 2. Spiel – Mari denkt nach über das Spiel und das Leben

Obwohl es schon spät war, fand Mari noch immer keine Ruhe.
Sie holte ihr Stickgarn hervor und stickte eine kleine gelbe Blüte in den schwarzen Stoff des Gewandes, das ihr Joel vorhin im Rollenspiel als ihr „Meister“, gegeben hatte. Obwohl sie normalerweise überhaupt keine Lust zu Handarbeiten hatte, erfüllte sie jetzt gern seine Hausaufgabe, diesen besonderen Stoff nach und nach mit kleinen bunten Ornamenten zu besticken. 
Dass ich mal mit Freude sticken würde, hätte ich ja nie für möglich gehalten, dachte sie und grinste in sich hinein. Es ist aber schon was ganz anderes, es als Aufgabe vom Meister zu erhalten.
Das ist schon ein besonderer Mann… 

Eine tolle Idee von ihm, sich hinzustellen und „das Leben“ zu verkörpern.
Das war echt ein interessantes Gespräch! 

Spannend… da hatte ich doch vor kurzem selber auch schon die Idee, mit dem Leben zu kommunizieren… und hab ihm diesen Brief über meine Sehnsucht und Angst geschrieben. Was hatte ich eigentlich genau in diesen Brief ans Leben geschrieben…?

Mari holte ihr Tagebuch.

Da will ich doch gleich mal zurück blättern und nachschauen:

Aus Mari´s Tagebuch:

Du mein liebes Leben,
du kennst meine Fantasien, dass jemand, an den ich ganz bewusst für eine begrenzte Zeit meine Macht abgegeben habe, mir zum Beispiel sagt: „Du gibst jetzt mal für eine Weile alles in meine Hände. Du tust entweder gar nichts oder genau das, was ich dir sage! “

Leben, Du weißt ja, dass ich im täglichen Leben in meinem Beruf als Lehrerin viel Verantwortung übernehme. Es wäre vielleicht – wenn ich mich das trauen würde – ein guter Ausgleich für mich, wenn ich für gewisse Zeiten in Spiele eintauche, in denen ich mal die Verantwortung abgeben darf .

Du weißt auch, dass mir das sicher gar nicht leicht fallen würde, und dass ich mich dennoch danach sehne, mich in die Hände eines Menschen zu geben, der es gut mit mir meint, und diese von mir gewollte Führungsrolle mit Liebe und Einfühlungsvermögen gestaltet.

Natürlich müssten wir vorher viel abgesprochen haben, freundlich und klar miteinander kommunizieren können und uns grundsätzlich auf Augenhöhe begegnen. Das ist mir wichtig!


Aber vielleicht ist das auch eine absolute Schnapsidee, denn eigentlich weiß ich gar nicht so recht, wie und ob das überhaupt gehen kann…
Einerseits ist da so eine Sehnsucht danach, mich an so eine liebevolle Macht hingeben zu können, andererseits hab ich wiederum große Angst… und es fällt mir so schwer, die Kontrolle abzugeben – Sehnsucht und Angst zu dem gleichen Phänomen…


Leben, meinst Du, es könnte solch einen Menschen überhaupt geben, der tatsächlich Lust hat, diese zarten Nuancen einer Führungsenergie für mich zu verkörpern und der meine Ängste, die ja auch dabei sind, annehmen und dem entsprechend flexibel und behutsam mit mir umgehen könnte?
Jemand, der seine Anweisungen, die er mir in seiner Führungsrolle erteilt, wenn nötig auch variieren oder gar zurücknehmen kann, ohne es als „Gesichsverlust“ in seiner Meisterrolle zu werten, falls ich es nicht packe, und mir dabei die Wärme gibt, die ich bräuchte, um mich überhaupt weiter auf dieses Spiel einlassen zu können…?

Wenn es solch einen „Jemand“ gibt, der es auch selbst spannend fände und Freude an dieser Gradwanderung hätte, mich auf freundliche, wohlwollende Weise zu führen und im Rahmen von Rollenspielen über mich bestimmen zu dürfen, dann führe diesen Menschen bitte in meinen Weg. Ich weiß nicht wie, aber du weißt es in deiner allumfassenden Intelligenz.

Es wäre schön, wenn ich endlich Vertrauen fassen könnte und vielleicht durch diese Art liebevoller Führung mit der Zeit die Angst vor der Nähe zu Männern – und die Angst vor meinen eigenen Gefühlen – verringern oder gar verlieren könnte.
Derjenige müsste allerdings viel Geduld haben, nicht sauer sein, wenn es manchmal nicht so klappt… und selbst Lust dazu haben, solch eine Führungsrolle zu verkörpern.

Mensch, irgendwie wär das KLASSE?!!
Hey DU, mein Schicksal, du Schreiberin meines Lebensbuches, wie wäre es mit der Verwirklichung einer solchen Geschichte in meinem Leben?! Aber nur, wenn das gut geht!
Ich öffne mal symbolisch eine neue Seite in meinem Tagebuch dafür…

Hm… das hab ich vor gut drei Wochen geschrieben – und…wow, nun ist dieser Mensch schon da!
Und er hat gesagt, dass er behutsam sein will…
Liebes Leben, danke! Du hast ja echt schnell geantwortet. Ich bitte dich inständig darum, lass es nicht so sein, dass ich mich in Joel täusche! Ich habe immer wieder einmal Angst, dass es eine Seite in ihm gibt, die gefährlich sein könnte, die er bisher verborgen hat.
Mein Vater war auch manchmal ziemlich lieb und dann so ganz… na du weißt schon! So, dass es mir Angst gemacht hat.
Bitte lass Joel anders sein – so dass ich mit ihm wirklich sicher bin.
Lass das bloß alles gut gehen!!!
Nächstes Mal gehe ich zum ersten Mal zu ihm nach hause…
Bitte lass mich beschützt sein, liebes Leben!!!

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7. Machtabgabe – ein kostbares Geschenk

Bei einem Spaziergang am Sonntag nach dem ersten Treffen

„Warum soll ich eigentlich die Wohnung nicht aufräumen und putzen bevor wir uns bei mir treffen?“ fragte Mari, als beide sich spontan zu einem kleinen Spaziergang am Sonntag nach dem ersten Spiel verabredet hatten und mal wieder gemeinsam auf der Parkbank saßen.

„Das beschäftigt dich also immer noch…“ schmunzelte Joel, der ihr zum Spielpartner geworden war und in dem für sie kniffligen Thema „Angst vor der Nähe mit Männern“ für sie eine Meisterrolle verkörperte. Im Gegenzug gab sie ihm Englisch-Unterricht.

„Okay, von mir bekommst du jetzt die Antwort darauf, nachdem ich sie dir gestern als dein Meister verschwiegen habe. Das tat ich übrigens nicht, weil ich nicht will, dass du den Grund verstehst, sondern weil es im Spiel nicht zu deiner Rolle passt, den Meister nach Gründen seiner Anordnungen zu fragen.“

„Ja , das habe ich inzwischen kapiert,“ entgegnete Mari.

„Es geht mir darum, dass du nichts vor mir verbergen musst. Ich will dich und deine Wohnung sehen so wie du bist, so wie du lebst – genau so wie es ist, wenn ich nicht bei dir zu Besuch bin und du dich ganz unbefangen zuhause aufhältst.
Diese Natürlichkeit darf mit der Zeit wachsen und damit die Sicherheit, dass du dich niemals schämen musst, auch dann nicht, wenn etwas unperfekt, unordentlich, oder sonst wie ist, wie du glaubst, es sei nicht komplett in Ordnung.
Ich möchte, dass die Nervosität, das Überlegen, was du tun müsstest, damit ich zufrieden mit dir bin, immer mehr verfliegt, dass deine alte eingebrannte Angst, stets etwas falsch machen zu können, langsam zur Ruhe kommt.

Denn weißt du Mari… ich, der Joel, und ich als dein Meister, wir mögen dich beide sehr – nicht wegen bestimmter Eigenschaften, sondern einfach weil du du bist! Ich mag die Seite an dir, die klug, stark und freundlich ist, z.B. wenn du in der Rolle der Englisch-Lehrerin bist und mir die Scheu vor dieser Sprache nimmst, und genauso mag ich die Seite an dir, die nervös, ängstlich und angespannt ist, wenn sie in Gegenwart ihres Meisters in der Schüler-Rolle ist.
Und ich mag die Mari, die jenseits aller Rollen mit mir zusammen sitzt, und ihren ganzen Mut auffährt, um mir so offen von sich zu erzählen. Du bist in all deiner Zartheit so stark, Mari!
Ich achte dich sehr – in all deinen Facetten und Farbtönen – wenn du errötest, wenn du blass wirst, wenn du entspannt und locker aussiehst, in bunter Kleidung oder in Jogginghose und weitem Schlabber-T-Shirt – in allem… und sicher auch nackt!“

„Ui,.. kein leichtes Thema!“ Mari blickte verlegen auf die Wiese vor der Bank.

„Ich weiß, antwortete Joel, schau, wir haben Zeit… so viel Zeit wie du brauchst, Mari.“

„Ich fühle mich oft so unsicher dir gegenüber,“ bekannte sie verlegen.

„Und allein diese Offenheit, mir das zu erzählen,“ zeigt deine innere Stärke, die hinter den anderen Gefühlen steht, die dich zum Teil so belasten,“ antwortete Joel darauf mit warmer Stimme.

„Du hattest mir vor drei Wochen von deiner Idee erzählt, verschiedene Rollen füreinander einzunehmen, jetzt sind wir schon dabei, die zu verwirklichen – und das finde ich einen spannenden, interessanten Weg! Ich schätze deine Kreativität und deinen Mut sehr, diesen Stein ins Rollen gebracht zu haben. Mal sehen, wo er mit uns hin rollt…
Es bereitet mir jedenfalls ein wunderbares Gefühl, für dich diese machtvolle Rolle verkörpern zu dürfen, denn in dieser Weise habe ich mich noch nie in meiner Macht und gleichzeitig in der Liebe gefühlt.
Nur weil du mir in diesen Spielen die Macht gibst, Mari, kann ich sie so deutlich verkörpern und dadurch selbst fühlen. Damit machst du mir ein großes Geschenk. Ich glaube, du weißt gar nicht, wie viel du mir damit auch gibst. Und ich will mit dieser kostbaren Gabe sehr achtsam umgehen, Mari, das verspreche ich dir!“

Ganz behutsam nahm er ihre Hand in seine, drückte sie kurz und bekräftigte das eben Gesagte mit diesem Händedruck.

Und Mari erwiderte den Händedruck.

„Joel…“

„Ja?“

„Ich mag dich auch.“

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4. Fehler dürfen sein!

Samstag Nachmittag – das erste Treffen bei Mari zuhause:

Mari lief aufgeregt durch ihre Wohnung, die sie am Vormittag gründlich aufgeräumt und geputzt hatte.
War alles soweit okay? Was sollte sie anziehen? Nicht zu leger – nicht zu besonders – nicht zu brav – nicht zu bunt… Uff – inzwischen hatte sie sich zum dritten Mal umgezogen und stand wieder mit ihrem Outfit unzufrieden vor dem Kleiderschrank.
Da klingelte es.

Ui jeh, war sie aufgeregt! War es richtig, dass sie ihn, den sie noch gar nicht so lange kannte, heute in ihre Wohnung eingeladen hatte? Sie hatten gar nicht besprochen, ob sie heute schon mit dem Spiel beginnen würden und mit dem Englisch-Unterricht. Vor ein paar Tagen hatte sich das alles noch ganz stimmig angefühlt. Aber jetzt…

Joel trat ein und drückte ihr eine Tüte mit Brötchen und einem Glas Orangenkonfitüre in die Hände. 
„Oh, das hast du dir gemerkt, dass ich das gern esse… Dankeschön!“ meinte die überraschte Mari.
Er ging nach ihr ins Wohnzimmer, sah sich um und bemerkte: „Wow, du hast dir ja hier ein wunderschönes Reich eingerichtet. Eine tolle Energie strahlen die Bilder und Lichter aus… Und sogar Kaffee und Kuchen hast du für uns vorbereitet. Mensch, danke Mari!“

Sie setzten sich und plauderten über dies und das. 
Joel war ein guter Beobachter und bemerkte Maris Nervosität sofort.
„Was hältst du davon, wenn wir jetzt mit einer kleinen Lektion in Englisch beginnen?“ fragte er. „Aber bitte nicht gleich zu viel am Anfang, ja? Ich hab nämlich schon mehrmals einen Anlauf mit Englisch-Lernen gemacht, das ist aber immer gleich am Anfang gescheitert.“

Mari war sofort einverstanden und holte etwas aus dem Nebenzimmer. Als sie wiederkam, wirkte sie weitaus lockerer. 
Joel lächelte. Er hatte erreicht, was er wollte: Sie fühlte sich jetzt erst einmal sicher in ihrer Rolle als Lehrerin.  
Die Führungsrolle würde er für sie nachher verkörpern – heute nur eine kleine Nuance davon zum Angewöhnen… 

Mari zauberte einige bunte Wortkärtchen hervor.
„Lass uns mit den ersten Buchstaben des englischen A B C beginnen… 
A wie acceptance.
I accept you.“ Sie deutete mit dem Finger auf sich und auf ihn… 
You accept me.“
Er sprach ihr nach und lächelte – ja so sollte es sein! Das wollte er sie immer fühlen lassen:
I accept you, Mari.“

Weiter ging es mit B wie beauty .
You are beautyfull.“ 

Und C wie charisma und courage.
You have charisma, Joel.
You have courage, Mari.

Nach einer knappen Stunde fanden beide, dass es für heute genug war mit dem Englisch-Unterricht.
„Danke, Mari. Das hat richtig Spaß gemacht! Ohne Buch… ohne Schreiben… einfach gleich so reden… Danke! Das hast du toll gemacht!“

Mari freute sich. „Du warst aber auch ein sehr unkomplizierter und williger Schüler, Joel! Und wenn wir irgendwann auch schriftlich beginnen – hab keine Angst davor, Fehler zu machen. Fehler sind wunderbar, daraus kann man lernen. Fehler dürfen sein!“

Nun holten sie beide die mitgebrachten Brötchen, Butter und Marmelade auf den Tisch, sowie noch etwas Käse und Oliven und ließen es sich schmecken.

Als Mari den letzten Bissen aufgegessen hatte, stand Joel auf, lehnte sich an die Wand und sagte in einem ganz anderen Tonfall zu ihr:
„So, Mari, du räumst jetzt ganz in Ruhe den Tisch ab, beseitigst die Krümel und Wasserflecken, und dann gebe ich dir für unsere nächsten Treffen und die angedachten Spiele ein paar Regeln.“

Von wegen „ganz in Ruhe“ – mit ihrer Ruhe war es dahin! Das entspannte Gefühl, das sie eben beim Schmausen gehabt hatte, war weg.
Mari schluckte und spürte, wie ihre anfängliche Beklommenheit schlagartig zurück kam. Es fühlte sich seltsam an, so von ihm beobachtet zu werden, während sie das Geschirr in die Küche trug. Nicht nur unangenehm… – aber auch nicht gut, wahrlich nicht! Aber irgendein Teil in ihr schien diesen Tonfall, in dem er jetzt sprach, zu genießen… seltsam…
Er klang ja nicht unfreundlich, aber schon sehr bestimmend.

Der Tisch war abgeräumt und Joel meinte: „Du hast noch etwas vergessen, Mari.“
Unschlüssig schaute sie sich um. Der Tisch war doch leer…“
Joel schmunzelte verhalten: „Hol mal gleich noch einen Lappen und beseitige die letzten Krümelspuren.“
Mari fühlte sich wie ein kleines Mädchen, das einen Fehler gemacht hatte. Musste das sein???!!!
Als sie fertig war, deutete er mit einem Kopfnicken auf die Stühle und sie setzten sich wieder. 

„Also Regel Nummer eins – eine der wichtigsten: Es macht nichts, wenn du etwas vergisst oder es versehentlich anders machst, als ich es gesagt habe. Fehler dürfen sein!“

Regel Nummer zwei: Wenn ich die nächsten Male hierher komme, möchte ich nicht, dass du vorher die Wohnung putzt und besonders aufräumst. Lass alles so, wie es immer ist. 

Regel Nummer drei: Du wählst dir für die Zeit, in der ich die Führungsrolle übernehme, eine Anrede für mich, in der die Rollenverteilung deutlich wird. Wenn sie mir gefällt, werden wir sie künftig verwenden, und du wirst mich in diesen Zeiten damit grundsätzlich so ansprechen.
Hast du jetzt bereits eine Idee dafür?“

Mari überlegte… „Wie wäre es mit Meister?“

Er schloss für einen Moment die Augen und nickte: „Ja, das passt!“

„Okay, Mari, dann bin ich für diese Zeiten dein Meister. Und zum Meister gehört eine Schülerin. Das bist also dann du! Bist du bereit, diese Rolle zu übernehmen?
„Ja, das bin ich.“

„Gut, meine kleine Schülerin. Nun wiederhole mir bitte kurz zusammengefasst die drei Regeln, die ich dir eben gab.“

„Also ich soll nicht vorher aufräumen und nicht die Wohnung putzen.
Ich soll dich mit Meister anreden.
Ähm… soll ich „du“ oder „sie“ sagen?
„Wir bleiben ruhig beim „du“. Es wird Situationen geben, da würde das „Sie“ eine zu starke Distanz erzeugen. Das wäre dann eher hinderlich für dich.“

Joel ging um den Tisch herum, an dem sie beide saßen, nahm Maris Hand und fragte: „Und welche Regel fehlt noch?“

Mari überlegte… was war es nur? Mist! Konnte sie sich nicht mal drei Dinge merken…?!!

Joel lächelte sie an: „Es ist nicht schlimm, wenn du etwas vergisst, meine Kleine, Fehler dürfen sein!“

Als er sie dann ganz behutsam in die Arme nahm, fühlte sie sich seltsam geborgen…

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2. Ein verletztes Vögelchen braucht eine sichere und behutsame Hand…

Mehr von Mari´s Fantasien:
Hilflos
sein und dabei getröstet, ermutigt und liebevoll berührt werden…

Hand in Hand gingen Mari und Joel durch den Park, während sie über das sprachen, was sie gemeinsam vorhatten. 

„Bitte beschreib doch mal, was du dir  von mir im Spiel der dominanten Rolle wünschst, Mari. Je mehr ich davon weiß, umso leichter wird es für uns beide, das zu verwirklichen, was dir gut tut in diesem sensiblen Thema.“

Mari überlege… wie sollte sie beginnen?
„Es sind ja immer nur Fragmente, Ausschnitte, kleine Szenen, kurze Sätze, die in mir aufploppen…“

„Na ja, ich will auch nicht, dass du mir ein ausgearbeitetes Drehbuch auftischst,“ lachte er. „Dann wäre ja auch keine Spannung mehr da. Die Gestaltung des Ablaufs unserer Sessions überlässt du ruhig mir. Regie ist schließlich meine Aufgabe in dem Spiel.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir ja gerade darum, die Erfahrung zu machen, dich gut aufgehoben zu fühlen, wenn du NICHT weißt, was kommt, wenn eine anfängliche Ungewissheit dein Adrenalin ins Fließen bringt und du dann erlebst, dass dir nichts Schlimmes geschieht. Habe ich dich so richtig verstanden?“

„Besser hätte ich es nicht formulieren können,“ bestätigte Mari. „Du hast gut zugehört.“

„Ja, ich glaube, zuhören kann ich ganz gut,“ gab Joel zurück.
„Also pass auf, wir machen jetzt ein Interview. Du antwortest möglichst spontan und sagst das, was dir gerade einfällt, ohne lange nachzudenken, okay?“

„Okay!“

„Wonach sehnst du dich?“

„Nach innigen Umarmungen, nach dem Gefühl, gehalten zu sein in allen Gefühlen, die gerade da sind, und mich sicher zu fühlen… Und dass meine Ups and Downs okay sind, auch dann, wenn ich weinen muss.“

„Deine Tränen sind mir jederzeit willkommen – ich werde für genügend Taschentücher sorgen, okay? Ernsthaft Mari: Es ist für mich vollkommen okay, wenn du weinst. Alles was aus dir kommt, darf da sein. Anders ginge solch ein Weg, den wir vorhaben, gar nicht. Und ich möchte dich darin auffangen können, dir Trost und Sicherheit geben, wenn es soweit ist. Deshalb meine nächste  Frage: Was tut dir gut? Was tröstet dich, wenn du dich aufgewühlt und ängstlich fühlst? Was hilft dir, wenn du weinst?“

„Wenn jemand meine Hand nimmt und sagt:  Alles okay. Alles darf sein. Mach dir keine Sorgen – alles ist gut.
Berührungen, die besonders in solchen Situationen eindeutig nicht erotisch sind, die einfach nur gut tun und in meiner Seele ankommen…“

„Verstehe – wie wenn ein Vogel verletzt ist… das zitternde, flatternde Vögelchen braucht dann eine sanfte Hand, in der es sich gut aufgehoben, aber nicht festgehalten fühlt…“

Mari konnte nur nicken, so berührt war sie von dem Gedankenbild, das er eben entworfen hatte.

„Auf welche Weise hast du in deinen Fantasien schon Machtlosigkeit und Kontrollabgabe erlebt?“

„Na ja… zum Beispiel durch Augen-Verbinden. Viel Macht hat auch die Stimme, die ich dann immer in mir höre. Sie ist bestimmend, aber immer auf freundliche Weise und nie laut. Manchmal stelle ich mir vor, dass jemand sagt: Du tust jetzt gar nichts, außer das, was ich dir sage!
Wenn ich mich dann darauf einlasse, macht es mir auch ein ganz warmes Gefühl, wenn diese Stimme mir sowas sagt wie: Das machst du gut, Mari. Ja, so ist es prima. Genauso wollte ich es. Gut gemacht!  
Manchmal stelle ich mir auch vor… gefesselt zu werden. Dies aber in wohlwollender, achtsamer Weise, ohne dass es weh tut – immer begleitet von dieser Stimme, die freundlich, aber bestimmt und in solchen Situationen auch ermutigend mit mir spricht. Stille könnte ich dabei nicht aushalten.“

„Hmm, verstehe… Das Fesseln… zum Beispiel mit Seidentüchern?“

„Ja… und nicht zu fest, aber so, dass ich es spüre und mich eingeschränkt fühle in meiner Beweglichkeit. Dabei geschieht dann aber immer irgendetwas Angenehmes, um die Angst, die dabei unweigerlich hochkommt, leichter erträglich zu machen. Und seltsamerweise entsteht durch diese dann gemilderte Angst eine Art von sexueller Erregung in mir. Die wird durch bestimmende, aber freundliche Worte verstärkt. Das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, aber keine Möglichkeit zu haben, selbst auf das Geschehen Einfluss zu nehmen – das macht ganz viel mit mir.“

„Ich glaub, ich verstehe dich. Du willst wehrlos gemacht werden und dabei gleichzeitig getröstet, ermutigt, gelobt und in jeglicher Weise gut behandelt werden, ja?“

„Ja, so ungefähr, und ich weiß gar nicht warum ich so seltsam ticke…“
„Das ist jetzt auch vollkommen egal. Wichtig ist, was du fühlst dabei… was dich bewegt… was immer wieder auftaucht in dir… und wie wir das in für dich gute Erlebnisse umsetzen können. Warum… Wieso… fragt der Kopf. Das bringt nichts. Es ist so, und hat sicher Ursachen. Die sind jetzt nebensächlich, lass uns auf das konzentrieren, was du erleben willst, und besonders auf das, was du brauchst, um dich darin aufhalten zu können, damit du mir nicht gleich wegrennst oder alles abbrichst, wenn die ersten Gefühle von Angst und Hilflosigkeit entstehen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht viel braucht bei dir, um das auszulösen – die stehen ja schon lange Schlange in deinem Inneren und warten darauf, dass die Tür sich öffnet und sie ins Leben kommen dürfen. Und dann ist es wichtig, dass ich dich halten kann, Mari. Denn wir wollen ja beide nicht, dass die Angst gleich so mächtig wird, dass sie die zaghaft geöffnete Tür gleich wieder zuschlägt.“

„Mir ist jetzt schon ganz flau im Magen,“ bekannte Mari.

„Komm, hier ist ne Bank, setzen wir uns hin,“ schlug Joel vor. „Darf ich dir ein bisschen die Schultern massieren?“ 

„Ui – das ist ja ein tolles Angebot, das nehme ich gern an.“

„Und hier im Park bist du ziemlich sicher, wenn ich dich das erste Mal berühre. Hier laufen immer mal Leute entlang und könnten dich retten, wenn ich dir was antun würde,“ scherzte Joel. „Aber Flachs beiseite, spür einfach mal hin, wie sich meine Hände für dich anfühlen.“

So bekam Mari ihre erste Massage auf der Parkbank – und konnte sie genießen.
Ihre Schultern- und Nackenmuskeln waren hoch erfreut – und sie konnte sich tatsächlich entspannen. „Hier kann ja kaum was Schlimmes geschehen“ meinten  ihre kleinen Angststimmen, wurden ganz ruhig und legten sich für ein Weilchen schlafen. 
Zum nächsten Kapitel: 3 – Bei dir oder bei mir?

 

Zu allen Kapiteln der –> „Geschichte von Mari und ihrem Meister“ in chronologischer Reihenfolge