62. Wann wird das Kribbeln zur Angst? (1)

Bei Joel – Ein Gespräch über´s Prickeln

Nach einer Viertelstunde Verspätung stand Mari etwas atemlos vor Joels Tür und erklärte ihm mit einer Entschuldigung, dass ein Bus ausgefallen war.
„Das kann passieren,“ antwortete er gelassen, „es ist alles gut. Setz dich auf die Couch. Was magst du trinken?“
„Gerne ein Glas Wasser.“ Sie nahm auf der in letzter Zeit bereits immer ausgezogenen Couch Platz. 
Er holte ihr ein Glas Wasser und und setzte sich neben sie.
„Mir ist unser letztes Spiel noch ziemlich präsent, auch wenn es nur kurz war, aber das Gefühl, als du mir gesagt hattest ´Jetzt bist du meine Gefangene´ und mich dabei festgehalten hast, das hat mich noch weiter bewegt.“
Interessiert schaute er sie an. „Was hat dich daran bewegt? Wie hat es sich im Nachhinein angefühlt?“
Es in Worte zu fassen, war nicht so leicht… „Einerseits etwas unheimlich, andererseits auch irgendwie prickelnd, aber real würde ich das nicht erleben wollen!“
„Würdest du nicht? Obwohl es prickelt?“
„Na ja, wie so oft, sind beide Anteile ziemlich gleich stark vorhanden. Eben auch die Angst. Ich glaube ich habe auch davon geträumt, bin heute morgen ziemlich verkrampft in meinem Bett aufgewacht und hatte noch Fetzen davon in Erinnerung…“
„Wovor hattest du Angst? Wie könntest du sie beschreiben? Hattest du Angst vor mir?“
„Das fühlt sich so nicht richtig an. Nein, ich hatte nicht wirklich Angst vor dir, aber trotzdem so eine diffuse Angst, eher vor meinen Gefühlen in so einer Situation.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, manchmal wird dieses bestimmte Prickeln, von dem wir schon neulich sprachen, so heftig, dass es sich richtig schlimm anfühlt und schwer auszuhalten ist…“
„Schlimm? Ich würde mal sagen, das Spiel beginnt. Erzähl mir etwas mehr vom Prickeln.“
„Das Prickeln fühlt sich sehr lebendig an – manchmal aber wird es so heftig, dass es mir Angst macht. Das spüre ich sowohl gefühlsmäßig als auch körperlich, und wenn es eine gewisse Schwelle erreicht, also sehr intensiv wird, dann fühlt es sich schon manchmal richtig schlimm an.“
Joel versuchte Mari besser zu verstehen und fragte nach: „Was ist daran für dich schlimm? Die meisten Menschen suchen ganz bewusst das Kribbeln, weil es so herrlich aufregend ist.“
„Na so herrlich ist das für mich nicht immer, und nicht nur“, erklärte sie ihm, „weil ich eben auch gleichzeitig einiges an Angst in mir trage. Ich glaube das hängt ganz vom der Intensität ab. Eine gewisse Menge an Aufregung ist spannend und fühlt sich lebendig an, wenn sie aber zu intensiv wird, macht sie mir Angst.“
Er nickte. „Ja, das verstehe ich. Was befürchtet denn deine Angst in solchen Momenten. Was könnte passieren?“
Mari fiel es schwer darauf zu antworten… „Das kann ich gar nicht so genau sagen, diese Angst ist so… so unbestimmt…  Oft hat sie mit körperlicher Unterlegenheit zu tun.“
Joel lächelte verhalten. „Naja, dass eine gewisse Unsicherheit und ein Gefühl von Unterlegenheit entsteht, das ist ja gewollt in solchen Spielen…“
Er schaute sie aufmerksam. Also obwohl du mich inzwischen schon ganz gut kennst und ja einiges an Vertrauen gewachsen ist, führt das Kribbeln, wenn es sehr intensiv wird, immer noch zu Angst in dir?“
„Ja, tut mir leid, so ist es manchmal…“ bestätigte Mari verlegen. „Da gibt es in mir wohl Verknüpfungen in meinem Hirn, die nicht wirklich angemessen sind.“
Er schaute sie freundlich an. „Ja, das ist wohl so. Aber dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen, Mari. Manches sitzt eben sehr tief… Nun daran arbeiten wir ja auch ein wenig, nicht wahr?“
Sie nickte. „Ja, ich wünschte mir, ich könnte mit weniger Angst reagieren.“
 Er hielt ihr seine Hände hin: „Magst du mir deine Hände geben?“

Wie es in diesem gerade beginnenden Spiel weitergeht, erscheint übermorgen…

Geschrieben von Raffael und Miriam

 

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59. Erstes Spiel im neuen Jahr (2)

Bei Joel – das Spiel geht weiter

Joel hielt Mari, die er dicht neben sich gezogen hatte, auf der Couch fest umschlungen und flüsterte – bereits in seiner Rolle als Meister: „Nun bist du meine Gefangene! Na, wie fühlt sich das an?“
Mari , die sich sehr plötzlich in dieser „gefangenen Sitzhaltung“ wiederfand und dadurch etwas erschrocken war, konnte nicht gleich antworten.
Er wartete und zog sie noch fühlbar enger an sich heran. In seinen beiden Händen hielt er ihre Hände: den einen Arm vor ihrem Oberkörper, den anderen Arm hinter dem Rücken. Dabei hielt er ihre Hände so fest, so dass sich ihre Arme in der Tat fast bewegungsunfähig anfühlten.
Ihn so nah bei sich zu fühlen in dieser Haltung fühlte sich tatsächlich wie gefangen an – und löste ein ambivalentes Gefühl aus – einerseits war es aufregend und unheimlich, so hilflos zu sein, andererseits fühlte es sich gut an, seine Nähe so deutlich zu spüren. Dazu die Worte „eine Gefangene sein“… löste ein Kribbeln aus.
„Nun, Mari… ich warte auf deine Antwort. Wie fühlt sich das an?“
„Schaurig – aufregend – spannend…“ antwortete sie leise.
„Nun, dann wollen wir doch mal sehen, wie es meiner Gefangenen weiter ergeht…“ Mit diesen Worten stand er, sie weiter in den Armen festhaltend auf, so dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als an seiner Seite mit aufzustehen. Einen Moment lang stand sie von ihrem eigenen Arm, dessen Hand er in seiner hielt, fest umschlungen fest an seine Seite gedrückt neben ihm.
„Körbchen-Position nennt man das im Tanz“, erklärte er ihr.
Plötzlich zog er an einem Arm, ließ den anderen los und gab ihr an der Schulter einen deutlichen Impuls, so dass sie sich schwungvoll aus der eben noch dicht neben ihm stehenden Haltung ausdrehte und sich ihm gegenüber wieder fand – jetzt, nun mit weitaus größerem Abstand nur noch an einer Hand gehalten.
Er hielt sie so lange an der Hand fest, bis sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatte und sicher auf ihren Füßen stand. Dann ließ er sie los, ging drei Schritte zurück und betrachtete sie von dort aus.
„Du bleibst jetzt genau an dieser Stelle stehen – so lange bis ich dir etwas anderes sage. Und deine Arme verschränkst du hinter dem Rücken.“
Angespannt folgte sie seiner Anweisung.
„Gut, Mari.“
Er lächelte verhalten, kam auf sie zu und trat hinter sie.
Aufgeregt wartete sie ab. Was würde jetzt kommen?
Sie fühlte einen kleinen Druck seiner Hände auf ihre beiden Ellbogen, der die verschränkte Armhaltung noch etwas verstärkte. Das fühlte sich zwar unbehaglich an, aber nicht wirklich unangenehm.
Stille…
Er war immer noch hinter ihr…
Was würde jetzt kommen?
Aufgeregt hielt sie die Luft an.
Schließlich spürte sie, wie er seine Hände sanft auf ihre Schultern legte. „Ganz ruhig weiter atmen, Mari“, hörte sie seine Stimme leise an ihrem Ohr. „Du hast nichts weiter zu tun, als einfach nur wahrzunehmen, was du fühlst.“
Die Wärme, die aus seinen Händen strömte, tat ihr gut. Hörbar atmete sie aus.
„Ja, so ist es gut, entspann dich, auch wenn diese Haltung sich vielleicht gerade etwas unbehaglich anfühlen mag. Alles ist gut…“ Dann begann er seine Daumen mit sanftem Druck auf ihren verspannten Schultern zu bewegen. Dankbar nahm sie wahr, wie sich ihre Schultern dabei etwas lockerten. Auch ihre gefühlsmäßige Anspannung konnte sich dabei ein wenig beruhigen…

Schließlich trat er wieder vor sie, schaute ihr in die Augen und erklärte: „Du wirst weiterhin so stehen bleiben. Halte den Blickkontakt mit mir und nimm bewusst wahr, was in dir geschieht.“
Daraufhin ging er zwei Schritte rückwärts und sah sie von dort aus schweigend an.
Dieses Schweigen war schwierig für sie auszuhalten. Dabei fühlte sie die Anspannung der verschränkten Arme deutlicher als vorher.
Er wusste das und dehnte die Situation nicht allzu lange aus. Dennoch erschien es ihr sehr lang.
„Wie fühlst du dich?“ fragte er schließlich.
„Unbehaglich.“ Ihr Blick ging unruhig hin und her.
„Schau mich an, Mari.“
Sie erschrak. Stimmt ja! Sie sollte ja den Augenkontakt halten! Es fiel ihr jedoch schwer. Die Situation verursachte in ihr eine seltsame, unheimliche Stimmung.


Er trat wieder einen kleinen Schritt auf sie zu, legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es an, bis sie ihm wieder in die Augen sehen musste.
„Was wünschst du dir jetzt?“
„Dass ich meine Arme lösen darf“, antwortete sie.
„Du darfst deine Arme wieder lösen und dich ganz bequem hinstellen.“ Er lächelte. „Mari, du bist jetzt wieder frei!“
Erleichtert nahm sie eine angenehmere Körperhaltung ein.
„Das hast du sehr gut gemacht!“ Er breitete seine Arme aus. „Und nun komm her! Lass dich umarmen!“

Erleichtert ließ sie sich von ihm halten. Das tat sooo gut… fest und innig umschlungen hielt er sie lange in seinen Armen. Dann setzte er sich mit ihr auf die Couch, legte einen Arm um sie und flüsterte: „Das Spiel ist vorbei, Mari. Der Meister hat sich aufgelöst, und du sitzt jetzt hier mit Joel.“
Aufatmend schmiegte sie sich an ihn. So viel war ja eigentlich gar nicht geschehen, dennoch hatte sie das Gefühl, von einem anstrengenden Weg nach hause gekommen zu sein.
„Auch wenn wir rein äußerlich betrachtet gar nicht so viel getan haben, hat es wohl einiges in dir bewegt… Spüre ich das richtig?“ fragte er.
„Ja“, bestätigte sie. „Deine Worte am Anfang, dass ich nun deine Gefangene bin, und diese seltsame Armhaltung haben ziemlich intensive Gefühle in mir ausgelöst.“
„Ich sag es auch gern nochmal als Joel, damit es ganz deutlich in dir ankommt: Mari, du bist jetzt frei! Am besten sagst du es dir selbst auch noch mal.
Mari nickte zustimmend: „Ja, ich bin frei!“
„Und eigentlich warst du das die ganze Zeit! Denn dieses Spiel, wie alle unsere Spiele, spielst du freiwillig, aus deinem freien Willen heraus. Nur während des Spielens tritt dieses Bewusstsein in den Hintergrund. Und es ist die Aufgabe des Meisters“, er zwinkerte ihr zu, „genau dafür zu sorgen, dass du es für diese Zeit vergisst. Aber jetzt… denkst du noch an deinen Satz am Anfang des Spieles?“
Mari lächelte „Ja, ich will die Aufregung und die kleine Angst, die mit unseren Spielen verbunden ist, spüren, und ich will auch spüren, wie sie sich wieder löst. Ich glaube, deshalb spiele ich gern diese Spiele, weil diese liebevolle Führung des Meisters in herausfordernden Situationen und hinterher die Erlösung aus der Angst ein so intensives Gefühl auslöst.“
Joel nickte. Er verstand sie.
„Und warum spielst du diese Spiele?“ fragte Mari interessiert.
„Ich mag es, die Macht zu fühlen, die du mir als Meister gibst – und die Handlungen in dieser Machtrolle in all ihren Herausforderungen sowohl aufregend als auch liebevoll zu gestalten! Diese Balance auszuloten ist für mich die Herausforderung…“ antwortete er lächelnd.
„Ich wünsche mir, dass in dieser Weise das ganze Leben mit uns umgeht!“
„Ja, möge uns das Leben solche Herausforderungen bringen, die sich herrlich lebendig anfühlen und gut zu bewältigen sind, auf dass sich alle Ängste immer wieder liebevoll auflösen und auch in ungewissen Situationen immer mehr Vertrauen wachsen kann…“

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