49. Wenn… – …dann (1)

Bei Mari – Eine Übung in Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz (1)

Mari und Joel saßen sich auf der ausgezogenen Couch gegenüber und Joel, der für Mari bereits die Meisterrolle in ihrem Spiel eingenommen hatte, wies sie an, etwas näher an ihn heran zu rücken und sich so hinzusetzen, dass sie ihre Hände bequem auf seine Hände legen konnte, die mit nach oben geöffneten Handflächen auf einem Kissen lagen, das in seinem Schoß lag.

Als sie eine gute Sitzposition für sich gefunden hatte, schaute er ihr ein Weilchen wie so oft zu Beginn eines Spieles in die Augen, ohne etwas zu sagen. Dies Momente empfand Mari meist als sehr lang, und sie spürte, wie Aufregung und Unruhe durch ihren Körper floss.

„Entspann dich, Mari“, sagte er ihr lächelnd. „und setz dich so bequem wie möglich hin. Du wirst gleich, wenn ich es sage, deine Augen schließen und von mir einige Satzanfänge hören. Deine Aufgabe ist es, sie zu beenden, und zwar so spontan wie möglich. Sprich das aus, was dir als erstes in den Sinn kommt, ohne nachzudenken. Sollte es passieren, dass dir gar nichts einfällt, dann schweigst du. Das ist dann auch in Ordnung. Kein Stress! Bei dem nächsten oder übernächsten Satzanfang, wird dir wieder etwas einfallen. Ich werde vielleicht manche Satzanfänge auch mehrmals sagen, damit du die Gelegenheit hast, mehreres dazu auszusprechen. Das bedeutet dann also nicht, dass ich mit dem, was du davor etwas gesagt hast, nicht einverstanden bin und etwas anderes erwarten würde.“

Mari nicke und lächelte… Wie gut ihr Meister sie doch kannte und sich jetzt schon vorstellen konnte, wo eventuelle Klippen bei ihr liegen könnten. Selbstzweifel und die Angst, nicht zu genügen, gehörten zu ihren häufigsten Schwierigkeiten, und sie empfand es als sehr fürsorglich, dass er ihr durch diese Erklärung, die er ihr gleich am Anfang etwas sagte, um möglicherweise entstehenden Druck gar nicht erst aufkommen zu lassen.
„Danke Meister!“ flüsterte sie und nickte.

„Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch, Mari. Alles was dir einfällt und was du aussprichst ist in Ordnung. Meine geöffneten Hände sollen dir das Gefühl vermitteln, dass alles von mir angenommen wird. Du lässt die Augen so lange geschlossen, bis ich dir erlaube, sie wieder zu öffnen. Hast du die Übung verstanden?“

„Ja, Meister“, antwortete sie.

„Gut, dann schließe jetzt deine Augen, und lasse sie so lange geschlossen bis ich dir gestatte, sie wieder zu öffnen.“

Sie folgte seiner Anweisung. Was wohl jetzt kommen würde…

„Gut Mari,“ hörte sie ihn sagen, „spüre deine Hände, wie sie auf meinen liegen und wie sie von ihnen getragen werden. Alles darf jetzt in sie hinein fließen und ist ganz sicher willkommen. Ich beginne jetzt mit den Satzanfängen und du beendest sie so spontan wie möglich.“

Sie nickte.

„Ich freue mich, dass…“ begann er – „…wir uns begegnet sind.“, sagte sie leise.
„Ich mag es, wenn…“ – „…du sanft mein Gesicht berührst und mir über´s Haar streichst.“
„Ich wünsche mir, dass…“ – „…es keine Schwierigkeiten geben wird.“
„In Situationen, wo es schwierig wird, würde ich am liebsten…“ – „…davon laufen.“
„Wenn es mir gelingt, nicht davon zu laufen, würde ich am liebsten…“ – „…ganz klein werden und mich verstecken.“
„Wenn ich gefunden werde, würde ich mir wünschen…“ – „…ganz fest in die Arme genommen zu werden und dass es dann irgendwie leichter wird.“
„Erleichterung könnte ich fühlen, indem…“ – „…mir eine Brücke gebaut wird, dass es mir gelingt über das Schwierige reden zu können, was gerade in mir ist.“
„Wenn es mir gelingt, über das Schwierige in mir reden zu können, dann wünsche ich mir…“ – „…dass ich Verständnis und Annahme erlebe und keine Kritik und keine Strafe.“ Bei diesen Worten zitterte Maris Stimme und sie kämpfte mit den Tränen.
Gut, dass sie die Augen geschlossen hatte und ihren Meister nicht anschauen musste…

Er strich sanft mit den Daumen über ihre Handrücken, zum Zeichen, dass er ihre Bewegtheit wahrnahm.
„Mari, lass deine Augen noch geschlossen, auch wenn wir jetzt eine kleine Pause machen,“ sagte er leise zu ihr und legte ihre Hände sanft in die Mitte ihrer Brust auf ihr Herzzentrum. „Spüre mal, wie dein Herz für dich selber schlägt. Richte deine Aufmerksamkeit mal auf deinen Herzschlag. Und nimm ein paar tiefe sanfte Atemzüge. Du hast das bisher wunderbar gemacht!“

Leise setzte er sich hinter Mari, die leicht erschrak, als er seine Hände auf ihre Schlüsselbeine legte. Mit sanftem Druck brachte er sie dazu, ihren Oberkörper an ihn anzulehnen. „Ja,“ bestätigte er, „lehn dich an mich an, gib alles an mich ab… Spüre den Halt, den ich dir gebe. Deine Muskeln können weich werden… Du musst jetzt nichts tun , nichts denken, nichts beantworten, nichts erfüllen, nichts in Frage stellen, nichts überlegen… einfach nur sein…“

Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht und halfen ihr, sich zu entspannen, loszulassen, weich zu werden… Oh wie gut das tat!…

Nachdem sie ein Weilchen einfach nur so gesessen hatten, wiegte er sie leicht hin und her. Das ließ sie tief aufatmen. Ein Gefühl von Geborgenheit breitete sich in ihr aus. Sie gab noch mehr Gewicht ab, lehnte sich gänzlich an und fühlte wie eine wärmende Gedankenlosigkeit sie einhüllte und schweben ließ…

Morgen oder übermorgen geht es weiter mit dem 2.Teil dieser Übung

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge



34. Eine heilende Übung (4) – Das innere Kind erhält Hilfe

 

Bei Joel: Mari hilft ihrem inneren Kind

Nach einem langen Gespräch, das Mari in ihrer inneren Welt mit ihrer alten Sportlehrerin führte, das Vergebung und Veränderung zur Folge hatte,  nahm Joel, der für sie wieder einmal die Meisterrolle verkörperte, sie an die Hand, und beide gingen gemeinsam auf die andere Seite der alten Turnhalle ihrer Kindheit. Dort stand das kleine Linchen, das verschüchterte Kind, das Mari damals war.

Joel empfahl ihr: „Nun geh zu deiner Kleinen und sag ihr, dass sie ab sofort keine Angst mehr haben muss!“

Sie folgte seinem Impuls gern und sagte zu ihr: „Mein liebes kleines Mädchen, du brauchst jetzt keine Angst mehr haben! Frau Schmidt tut dir nichts mehr, und wenn du willst kannst du jetzt mit mir kommen, ich bin deine große Mari, die die du geworden bist viele Jahre später, und wenn du willst kannst du sofort aus dem Sportunterricht aussteigen und mit mir mitkommen in die Zeit, die für dich noch Zukunft ist. Dann machen wir es uns schön, willst du? 

Nachdenklich meinte Linchen:“Ja schon, aber… wir können doch die Mutti nicht alleine lassen in der alten Zeit.“
Einen Moment überlegte Mari, dann kam ihr eine Idee: „Weißt du was, mein Schatz, der Teil von dir, der jetzt ganz voller Kraft und Mut geworden ist, kann in der alten Zeit bleiben, und einen lebendigen schönen Sportunterricht bei der inzwischen gütigen Frau Schmidt miterleben, die nie mehr ihre Schüler quält, sondern ihnen hilft und ihnen Mut macht. Und ein anderer Teil von dir, der Gefühlsbereich, der noch ängstlich und schüchtern ist, kann mit mir kommen in meine Gegenwart, was hältst du davon?“

Das fand Linchen toll! Plötzlich stand ihre Mutti an der Tür von der Turnhalle und holte das nun stark gewordene, mutige Linchen ab, die ihr ganz happy von dem erzählte, was gerade geschehen war, während das  kleine ängstliche Linchen von Mari liebevoll umarmt wurde. Sie würde sich gut um ihren kleinen  ängstlichen Gefühlsteil kümmern, versprach sie sich selbst und Linchen.

Dann trug sie ihr inneres Kind zurück in die Zeit, in der sie jetzt lebte.  Linchen hatte ihren Kopf ganz fest an die Schulter ihrer großen Mari gedrückt und wurde von ihr sicher und liebevoll  gehalten. Joel beobachtete Mari dabei und bemerkte, wie ihre Augen ganz feucht wurden. 

„Wie geht es dir, Mari? fragte er leise:

„Ich bin so berührt, das fühlt sich so gut und so wahr an gerade…“, antwortete sie ihm mit geschlossenen Augen.

„Mari, atme noch einmal die Kraft der Wiese, der Sonne, des Waldes und des Wassers ein. Du warst sehr, sehr stark gerade! Nun wird sich das kleine ängstliche Linchen ganz geborgen bei dir fühlen, und dadurch wirst du dich auch insgesamt verändern. Du wirst dir mehr zutrauen und dich neuen Herausforderungen und Abenteuern leichter zuwenden können – und du wirst kraftvoller für dich eintreten können!“

Mari atmete tief und hatte einen Arm um ihren Oberkörper gelegt, worin sie in ihrer Vorstellung das kleine Linchen trug. So lief sie, begleitet von ihrem Meister, durch den Wald und über die Wiese ihrer inneren Landschaft.

„Nun stehen wir zu dritt auf der Wiese Mari, nimm noch einmal die Kraft die von ihr ausgeht tief in dich hinein.“ 

Mari nahm noch einige tiefe Atemzüge.

Joel sprach weiter: „Spüre das Gewicht des kleinen Linchen in deinem Arm und fühle die neu gewonnene Kraft, die deine alte Sportlehrerin dir hat zufließen lassen.“

Mari nickte. Ja, sie fühlte sich herrlich gestärkt nach dieser langen inneren Reise.

„Und bist du bereit, dich jetzt zurück zu bewegen in deine aktuelle Zeit?
Bereit, ins JETZT zu gehen Mari? Bereit diese Übung zu beenden?“

Mari nickte lächelnd

„Dann behalte dein Linchen  im Arm. Nimm ein paar tiefe Atemzüge und atme dich ins JETZT hinein. Du bist mit ihr zurück, wenn du deine Augen öffnest.“

Mari nahm noch einige tiefe Atemzüge und öffnete ihre Augen. Ihr Meister saß nahe bei ihr – ihr direkt gegenüber. Seine Hand lag noch immer entspannt auf ihrer Hand.  
Erstaunt sah sie ihn an.

„Ganz entspannt weiter atmen, Mari, willkommen zurück!“ sagte er leise.

Sie nickte, noch ganz bewegt von all dem, was sie eben erlebt hatte.  „Danke, vielen Dank, Meister!“

„Wo ist das kleine Linchen jetzt?“

„Sie sitzt noch auf meinem Schoß.“

„Dann nimm sie fest in deine Arme,“ sagt der Meister und nahm seine Hand langsam weg.

Mari drückt das fiktive Linchen mit beiden Armen liebevoll an ihr Herz.

„Nun stell dir vor, wie die Energie von Linchen in dich hinein fließt und ihr eins werdet. Wann immer du mit Linchen reden willst oder etwas mit ihr unternehmen, kommt sie wieder einzeln  als dein kindlicher Teil in dein Bewusstsein,“ erklärte ihr Joel.

Das gelang Mari leicht.

„Du hast dieses Übung mit einer unglaublichen Kraft ausgeführt und etwas ganz Wertvolles in das Hier und Jetzt zurück geholt,“ erklärte er ihr anerkennend. „Wie geht es dir jetzt, Mari?“

„Ich bin so sehr dankbar, dass du diese Reise mit mir gemacht hast. Ich fühle mich erschöpft, aber auch stark. Vielen vielen Dank, Meister, und entschuldige bitte, dass ich vorher diese Übung nicht machen wollte, weil ich nicht wusste, worum es ging. Da wäre mir echt was verloren gegangen, wenn ich sie nicht gemacht hätte. Ich hätte dir viel mehr vertrauen sollen!“

Es ist schön, dass du das nun so siehst, Mari, darüber freue ich mich.“ Joel lächelte.
„Erinnerst du dich, dass du noch einen Fehler von vorhin auszugleichen hast? Möchtest du das tun?“

„Ach ja, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht…“ Erschrocken zuckte Mari zusammen, sagte aber entschlossen: „Ja, Meister, ich bin bereit, den Fehler auszugleichen.“

„Gut Mari! Ich möchte, dass du in den nächsten Tagen für Linchen ein kleines Willkommensgeschenk besorgst oder es selbst machst. Wirst du das tun?“

Marie entspannte sich wieder: „Das will ich gerne tun, so gerne! Danke für diese wunderbare Strafe!“

„Das Spiel ist vorbei“, sagte der Meister lächelnd.

Geschrieben von Rafael und Miriam

Zum nächsten Kapitel: –> 35. Annehmen, was ist – der Nährboden für neue zarte Vertrauenspflänzchen

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