Bei Mari
Mari hatte die Fenster weit geöffnet, freute sich über das schöne Frühlingswetter und auf den Besuch von Joel und das gemeinsam Spiel.
„Die Sonne macht einfach gute Laune“, meinte er, als er eintrat.
„Ja“, bestätigte sie, „wollen wir uns vielleicht erst einmal auf den Balkon setzen?“
„Ja gerne“, nickte er und folgte ihr auf den Balkon.
Mari holte Apfelschorle aus der Küche und sie stießen gemeinsam an.
„In den nächsten Tagen will ich meinen Balkon bepflanzen“, erzählte sie ihm.
„Das wird sicher total schön aussehen“, antwortete er lächelnd, trank noch etwas und sagte dann: „Das Spiel beginnt.“
Wie immer bei diesen Worten klopfte Maries Herz ein bisschen schneller.
„Ich würde heute gerne etwas scheinbar ganz Harmloses machen wollen.“
„Scheinbar?“ fragt Mari etwas vorsichtig.
„Na ja, ganz ohne Herausforderung wäre ich ja nicht hier“, schmunzelte er.
„Eben, das dachte ich mir doch, dass hinter dem Wörtchen noch etwas lauert“, meinte Mari und grinste ein bisschen verunglückt.
„Ich würde gerne mit dir spazieren gehen.“
„Aha… Ja gut.“
„Und du trägst ein Kleid dazu.“
„In Ordnung, dann gehe ich mich schnell umziehen“, sagte sie verwundert .
Bisher hatte er ihr keinerlei Vorgaben zu in ihrer Kleidung gemacht.
„Wie klingt das?“ fragt er.
„Hmm, das klingt natürlich ein bisschen fordernd, aber ist in Ordnung, ich gehe sofort und ziehe mich um.“
„Okay, ich warte“, antwortete er.
Sie verschwand im Schlafzimmer und entschied sich für ein türkisfarbenes Kleid mit kurzen Ärmeln und einer dazu passenden Jacke, die sie darüber tragen konnte.
Sie beeilte sich, um Joel nicht allzu lange warten zu lassen, und kam kurze Zeit später wieder zurück zu ihm auf den Balkon.
„Das Kleid sieht sehr sehr hübsch an dir aus, Mari.“
„Oh das freut mich, danke fürs Feedback.“
„Tja, und nun die Herausforderung…“ sagte er.
Sie wurde unruhig und wartete, was jetzt wohl kommen würde.
Er stand auf und schaute sie an. „Ich möchte, dass du ohne Slip gehst.“
„Wie… Draußen???“
Er nickte, und als er bemerkte, wie sie plötzlich rot wurde im Gesicht, meinte er: „Niemand wird es sehen. Und nur wir beide werden es wissen.“
Noch stand sie regungslos da, während es in ihrem Magen Fahrstuhl fuhr.
„Ich gehe mal ins Bad“, murmelte sie.
Dort schaute sie noch einmal in den Spiegel, ob man durch das Kleid nichts durchsehen konnte, aber nein, es war wirklich blickdicht. Nach dieser Vergewisserung zog sie den Slip aus und ging zurück zu ihm auf den Balkon.
„Und?“ fragte er, „hast du getan, was ich dir aufgetragen habe?“
Mit einem Kopfnicken beantwortete sie die Frage, und er meinte: „Gut, ich freue mich, darüber, dass du dich drauf einlassen kannst. Wollen wir gehen?“
Er bot ihr seinen Arm zum einhaken an. Diese Geste gab Mari in der für sie seltsamen Situation, in der sie sich ziemlich beklommen fühlt, ein bisschen Halt.
„Ein

aufregendes kleines Geheimnis, oder?“ fragte er, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren.
Mari, die sich in ihrer Haut nicht so wohl fühlte meinte leise: „Hmm, ziemlich aufregend…“
Er lächelte: „Ich finde die Vorstellung sehr aufregend, etwas verwegen ist es… Dabei bemerkt es niemand.“
„Das mag ja sein“, antwortete Mari, aber seltsamerweise fühlt sich das trotzdem irgendwie beunruhigend an.“
„Aber schau, Niemand merkt etwas. Wenn jemand schaut, dann wegen des schönen Kleides.“
„Ja, aber du weißt es!“
„Ja, ich weiß es“, nickte er lächelnd, „und was ist daran schlimm?“
„Weißt du, hier draußen fühle ich mich auch irgendwie komisch, als würde jeden Moment irgendetwas passieren können, und dann kommt es raus. Ich fühle mich wie auf einem Pulverfass!“
„Findest du es gar nicht auch aufregend lebendig? Gibt es nicht irgendwo in dir auch eine leise Faszination dabei?“
„Na ja, ich finde das sehr aufregend, sehr sehr aufregend!!! Nur dass das nicht ein tolles Gefühl ist, sondern mich eher etwas bedrückt.“
„Was bedrückt dich?“
„Das ist irgendwie so so peinlich… vor dir – und mit Angst davor, wenn irgendjemand was merken könnte.“
„Ich finde es einfach toll – im schönen Sinne aufregend. Aber sei beruhigt: Selbst ich, obwohl ich es weiß, kann nichts erkennen. Man sieht wirklich nichts.“
„Also auch wenn ich so stehe, dass die Sonne dahinter scheint, sieht man nichts?“
„Nein! Absolut nichts! Keine Sorge!“

Sie gingen eine kleine Runde um eine Wiese und ganz langsam beruhigten sich die aufgewühlten Gefühle in Mari etwas. Joel hatte inzwischen seinen Arm um ihre Schulter gelegt, und sie konnte es auch ein wenig genießen, mit ihm so zu gehen, obwohl sie es die ganze Zeit über sehr deutlich wahrnahm, wie anders es sich unter ihrem Kleid anfühlte als sonst. Es ist auch ganz schön, mit ihm mal spazieren zu gehen, dachte sie im Stillen.
Langsam kamen sie zurück zum Haus.
„Und? War es schön luftig?“ fragte er grinsend.
„Oh ja, ich habe die Luft sehr deutlich gespürt, ist schon ein ganz anderes Gefühl unter dem Kleid…“ antwortet sie etwas verlegen. „Hat mich schon ziemlich Überwindung gekostet. Es fühlt sich so… so… verboten und dadurch fast gefährlich an.“

Als sie in die Wohnung kamen, meinte Joel: „Lass uns noch etwas reden… Wollen wir uns dazu noch ein wenig auf den Balkon setzen? Geht das mit der Akustik, oder fühlst du dich dort unsicher wegen der Nachbarn?“
„Nein, da hört man nichts, ich würd mich auch gern mit dir noch etwas raus setzen.“
„Wie ist das mit dem verbotenen Gefühl für dich, Mari? Löst es wie bei vielen anderen auch einen gewissen Reiz aus – den Reiz des Verbotenen?“
„Das Verbotene empfinden viele als verlockend, das weiß ich“, sagte Mari nachdenklich, „für mich hat es allerdings meistens nichts angenehm Reizvolles, sondern eher ein Gefühl von Bedrohlichkeit.“
„War es so bedrohlich heute?“ fragte er aufmerksam.
„Anfangs hat es sich heftig angefühlt, hat sich dann aber mit der Zeit gelegt.“
„Das freut mich sehr. Ist ja wieder mal eine Grenze, über die du an meinem Arm gegangen bist…“
„Ja, ich glaube, das hatte auch etwas damit zu tun, dass es sich bei aller Peinlichkeit auch irgendwie gut angefühlt hat für mich, mich etwas zu trauen, was ich mich bisher nicht gewagt hätte . Insofern hatte ich ja quasi von dir als einer anderen Instanz – im Gegensatz zu meiner inneren Verbotsstimme – eine Art Erlaubnis bekommen. Aber normalerweise fühlt sich alles, was verboten ist, für mich nicht reizvoll an. Im Gegenteil, ich versuche Verbotenes, auch wenn es irgendwie reizvoll ist, zu vermeiden, so gut es geht. Das war schon als Kind so. Das führte leider auch dazu, dass ich vieles an harmlosen Aktionen nicht mitmachte, weil ich es nicht aushalten konnte, dabei und danach ein so heftig schlechtes Gewissen zu haben. Wenn die anderen ihre kleinen Abenteuer erlebten, war ich meistens nicht mit dabei – und wenn doch, konnte ich es nicht genießen, Das nahm und nimmt mir heute noch einiges an Lebendigkeit und Spontanität.“

Joel schaute sie nachdenklich an… „Wer oder was in dir ist es, das dir so vieles verbietet und dir sogar Gefahr suggeriert, wenn du einfach tust oder zulässt, was sich spannend anfühlt? Wenn das ein Wesen wäre, wie würde es aussehen?“

Was Mari auf diese Frage antwortet und in sich entdeckt, gibt es demnächst im darauf folgenden Kapitel zu lesen…



Von Rafael und Miriam

Zu allen Kapiteln der –> Geschichte von Mari und ihrem Meister in chronologischer Reihenfolge





4 Kommentare zu „74. Spaziergang mit peinlichen Gefühlen

    1. Liebe Katharina,
      hab Dank für dein Feedback, ja genau darum ging es mir, dies auszudrücken und auf spielerische Weise Wege zu finden, die die Fernsteuerung bewusst machen und zu mehr innerer Freiheit verhelfen. Das Fortsetzungs-Kapitel, das zeigt, wie es für Mari auf ihrem Weg zu diesem Thema weiter geht, ist soeben online gegangen. Schön zu lesen, dass du darauf schon gespannt bist.
      In Kommunikation darüber zu sein und zu erfahren, was es für Gedanken auslöst, ist toll und stärkt die Lust aufs Weiterschreiben 🙂
      Alles Gute von Miriam

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