Joel hatte sich für die Weihnachtszeit eine Fortsetzungsgeschichte von wohlwollenden außerirdischen Meistern zum Thema „Macht – Angst – Vertrauen – Hingabe“ für Mari ausgedacht, das er ihr in Form eines Adventskalenders geschenkt hatte.

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Mari freute sich morgens schon immer darauf, ihren nächsten Umschlag zu öffnen. Sie nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse, wickelte das kleine Schokostückchen aus dem Umschlag ihres Adventskalenders aus und las gespannt wie es Carinas weiter erging im Raumschiff mit ihrem Meister…

Carina erwacht an diesem Tag mit einem unangenehmen Druck im Kopf. Hoffentlich würden sich daraus nicht wieder so heftige Kopfschmerzen wie gestern entwickeln. In ihrem Adventskalender findet sie folgende Botschaft:

Liebe Carina, 
erinnere dich immer wieder einmal zwischendurch
an die Leichtigkeit,
die du spürst, wenn ich dir helfe zu entspannen,
indem ich mit meinen Händen
deinen Kopf halte
und ganz sanft d
einen inneren Druck
und den damit verbundenen Schmerz weg streichele.
Diese entspannte Leichtigkeit ist auch ein Teil von dir hinter aller Angst.
Lass sie uns mehr und mehr hervor holen.
In Liebe Ramon

Oh, ja – dankbar liest sie diese Worte. Leichtigkeit würde sie gerne mehr und mehr in sich spüren – bisher fühlt sich aber vieles in ihr noch recht schwer an.

Beim Frühstück fragt Ramon, wie es ihr gehe. Sie erzählt von dem Kopfdruck, mit dem sie aufgewacht ist.

“Ich glaube, es ist wichtig, dass wir einen Teil der Zeit deinem Körper widmen, Carina. Wir werden heute etwas für deinen Körper tun”, erklärt er ihr.

Mit sehr gemischten Gefühlen betritt sie heute wieder einmal seinen Raum und wäre fast rückwärts wieder `rausgegangen, als sie in seinem großen, großzügig eingerichteten Raum heute in dem hinteren Bereich, der bisher optisch abgeteilt war, eine breite Liege stehen sieht. Was hat er wohl mit ihr vor? Was meinte er mit: “…dem Körper Aufmerksamkeit schenken?”

Mit starren Augen haftet ihr Blick an der Liege, und sie bleibt wie angewurzelt stehen. Ramon tritt auf sie zu und führt sie zu der Sitzecke, wo wie immer Tee und Plätzchen auf sie warten. Aber sie hat keinen Blick dafür.  “Was soll die Liege da?” fragt sie beklommen.

“Die ist für dich, Carina. Sieht sie nicht behaglich und einladend aus mit der blauen Sternendecke und den goldenen weichen Kissen? KissenSie haben übrigens eine leicht kühlende Wirkung für deinen Kopf. Am besten legst du dich gleich mal hin.”

Carina schüttelt heftig den Kopf. “Nein”, bringt sie heraus, “ich lege mich hier nicht hin.” Es kommt ihr vor, als würde sie sich ihm völlig ausliefern, wenn sie sich jetzt hier hinlegte.

Ihr Meister schaut sie einen Moment schweigend an, dann fragt er: “Wovor hast du Angst, Carina?”

Sie antwortet nur: “Ich will mich hier nicht hinlegen!” Auf ein weiteres Gespräch kann sie sich nicht einlassen. Der Gedanke ‘Ich will das nicht’ ist zu einer fixen Idee in ihrem Kopf geworden.

Nach einigen Gesprächsangeboten sagt Ramon: ”Doch, Carina, du wirst dich jetzt auf diese Liege legen, es ist sehr notwendig!” Carina springt auf, läuft zur Tür und stellt voll Entsetzen fest, dass diese verschlossen ist. Panisch schaut sie sich um, die Tür im Rücken. Als Ramon schließlich auf sie zukommt, springt sie mit ein paar Sätzen in die nächste Zimmerecke. Er ist im Nu bei ihr und nimmt sie einfach wie ein Kind auf seine Arme. Sie wehrt sich und schreit. Ramon hält sie ganz fest und trägt sie zur Liege. Seine Worte: “Carina, es geschieht dir nichts Schlimmes. Ich verspreche es dir!” nimmt sie gar nicht wahr.

Auf der Liege hält er die tobende, weinende Carina fest. Dabei redet er ihr gut zu: “Du brauchst keine Angst zu haben, Carina, aber es ist okay. Kämpfe, wehre dich, solange du es tun musst. Ich halte dich.”

Nach einer Weile erlahmen Carinas Kräfte. Sie spürt, sie kann gegen ihn nichts ausrichten, und so liegt sie endlich still. Immer noch hält er sie fest. “Carina, wenn ich dich jetzt loslasse, bleibe bitte liegen, sonst geht der ganze Kampf noch einmal los. Du wirst die Erfahrung, die ich heute für dich vorgesehen habe, machen, und wenn wir hier den ganzen Tag verbringen.”

Angstvoll schaut Carina ihn an. Was will er nur mit ihr machen? Warum ist er ihr heute so unheimlich? Was hat er mit ihr vor? Lässt er jetzt erst die Maske der Freundlichkeit fallen? Er schaut sie ruhig und freundlich an.

“Ich lasse jetzt los, Carina. Fühle deine Angst und deinen Widerstand, das ist völlig in Ordnung. Du kannst auch weinen und schreien, aber wenn du versuchst aufzuspringen, werde ich dich festhalten.”

Carina sieht an seinem Blick, dass es ihm ernst ist. Er lässt sie los, und sie bleibt zitternd liegen. Angstvoll erwartet sie nun, was kommen soll. Er setzt sich seitlich zu ihr auf die Liege, sieht sie sehr mitfühlend und freundlich an und beginnt eine Melodie zu summen. Bald erkennt sie, es ist das alte Schlaflied “Guten Abend, gute Nacht”, das ihre Mutter ihr oft vorgesungen hatte. Verwirrt schaut sie ihn an. Wie passt das alles zusammen? Mit einer sanften Bewegung streicht er ihr eine Haarsträhne aus der verschwitzten Stirn. Es dauert einige Zeit, bis sie sich langsam beruhigt.
Schließlich sagt er zu ihr sehr sanft: “Ganz ruhig, Carina, ich weiß, das war schlimm für dich, aber es musste sein. Es ist für dich wichtig, dass du deine Gefühle durchlebst und die Erfahrung machst, dass dir trotz aller Angst nichts Schlimmes widerfährt. Ich werde dir jetzt einfach nur deine Füße massieren, das wird deinem ganzen Körper, besonders aber deinem Kopf sehr gut tun. Und ich sage dir schon jetzt: das ist alles! Mehr geschieht nicht. Nach der Fußmassage bleibst du am besten noch einen Moment liegen und lässt sie ruhig nachwirken. Dann kannst du wieder aufstehen, und wenn du willst reden wir über alles.”

Darauf zieht er ihr ihre Schuhe aus und gibt ihr eine sehr, sehr wohltuende Fußmassage, deren entspannender Wirkung sie sich nicht entziehen kann. Lange massiert er in gleichmäßigen, sanften, kreisenden und streichenden Bewegungen mit genau dem Druck, der ihr angenehm ist. Sie schließt irgendwann die Augen und hört seinem tiefen beruhigenden Summen zu.

Eigentlich fühlt sich das ganz gut an, was er da mit ihr macht. Langsam ergibt sie sich ihrer Erschöpfung, beginnt sich zu entspannen und fällt in manchen Momenten auch in einen leichten Schlaf. Als er die Massage schließlich beendet, döst sie noch eine Zeit weiter, bis sie erwacht und dann schnell die Liege verlässt.

Im Moment möchte sie gar nicht reden, soviel Verwirrung und Scham ist in ihr. Er akzeptiert das und empfiehlt ihr, sich in ihrem Zimmer noch ein wenig hinzulegen.

Den Nachmittag verbringt sie mit Jennifer auf dem Parkdeck, und zögernd beginnt sie mit ihrer neuen Freundin über ihre Erfahrung zu reden. Das Gespräch tut ihr gut.

Als sie am Abend im Bett liegt, stellt sie fest, dass sie keine Kopfschmerzen mehr hat. “Ja”, erklärt ihr Ramon, “du hast verdrängte Gefühle zugelassen und ausgelebt, so musstest du sie nicht mehr in den Kopf wegdrücken. Und du hast erlebt, dass du mit allem Kampf und Widerstand angenommen wurdest und dir bei aller Angst dennoch nichts Schlimmes geschehen ist. Nicht wahr?”

Carina nickte. „Ja, ich hatte einen ganz anderen, schlimmen Film im Kopf. Und… irgendwie muss ich jetzt zugeben, hat es mir sogar gut getan, dass ich meinen inneren Kampf auch mal körperlich ausdrücken konnte und du mich darin gehalten und nicht verurteilt hast oder sauer geworden bist.“ Etwas fragend und unsicher schaute sie ihn dennoch an…

„Aber nein, Carina, überhaupt nicht! Wie könnte ich?! Ich spüre doch, dass dein Widerstand durch Angst entsteht. Diese Angst ist alt und hat in Wahrheit nichts mit mir zu tun. Aber ich bin es, der damit umgeht – und das wird immer liebevoll sein! Darauf kannst du dich fest verlassen –  selbst dann, wenn ich mal etwas tue, was sich in diesem Moment nicht ganz so leicht anfühlt. Das wird allerdings nur sehr, sehr selten der Fall sein! Aber du kannst dir immer und ganz besonders in solchen Situationen ganz sicher sein:
Selbst wenn ich mal auf etwas bestehe – so wie heute, zum Beispiel, dass du dich einfach nur auf die Liege  legst – werde ich dir niemals irgendetwas Schlimmes dabei tun, nichts was dich verletzen oder in unangenehmer, unerwünschter Weise berühren würde. Das verspreche ich dir!“

Carina nickt. „Danke, Ramon! Es geschah ja auch heute eigentlich nichts Schlimmes, als ich dann auf der Liege lag. Aber die Ungewissheit vorher war schlimm.“

„Hättest du mit mir geredet, anstatt zu kämpfen, wäre es gar nicht so weit gekommen, Carina. Aber du warst in einem Zustand, in dem du mich gar nicht mehr gehört hast, geschweige denn mir glauben konntest. Heute hat mir meine Intuition gesagt, dass es wichtig war, nicht nachzugeben, dass du es brauchtest, diesen Kampf einmal körperlich so auszuleben. Sei aber versichert, dass so etwas eher eine Ausnahme ist. Ich will gern immer über alles mit dir reden und gemeinsam mit dir für dich machbare gute Wege finden.“

„Das fühlt dich gut an, danke Ramon!“ Carina reicht ihm ihre Hand und er hält sie ganz behutsam ein Weilchen fest. Dann streicht er ihr sanft über die Wange und wünscht ihr eine gute Nacht.
„Mögest du heute ganz entspannt schlafen können und es dir morgen richtig gut gehen, Carina!“

Morgen wird die Geschichte fortgesetzt und läuft voraussichtlich bis Weihnachten

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Kapitel zu dieser Geschichte, die Joel Mari in der Advents- und Weihnachtszeit erzählt –> Eine utopische Heilungsreise (Märchen) 

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